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Die höchste Instanz

Paul Blumenreich: Die höchste Instanz - Kapitel 7
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authorPaul Blumenreich
titleDie höchste Instanz
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Der Wiener Abendzug war pünktlich, wie immer, um sieben Uhr achtunddreißig Minuten eingefahren.

Auf dem Bahnhofe herrschte selbst an diesem Märzabende jenes lebhafte Treiben, das man so häufig auch auf kleineren Stationen findet, wenn sie nahe der Landesgrenze liegen.

Hier, von dem preußischen Fabrikorte aus, zogen sich gar viele geschäftliche und private Fäden hinüber nach Oesterreich. Deshalb die verhältnismäßig große Zahl der Ankommenden.

Aber der Zug hielt sich hier nur drei Minuten auf; so beeilte sich jedermann, mit seinen Siebensachen den Bahnsteig und den Ausgang zu gewinnen.

Nur der österreichische Justizsoldat, der jetzt einem Wagenabteil dritter Klasse entstieg – mit gerolltem Mantel, das Gewehr umgehängt, das Sturmband dienstmäßig unter dem Kinn – nur er schien absichtlich bis zum letzten Augenblick gewartet zu haben.

Er wollte wohl das Volk sich verlaufen lassen, bevor er mit seinem Arrestanten auf der Bildfläche erschien.

Nun stand er stramm und aufrecht seitwärts der Wagentür, in der eben ein anscheinend älterer Herr sichtbar wurde. Er war in einen kostbaren Pelz gehüllt, trug in der fein behandschuhten Rechten eine elegante Reisetasche, in der Linken einen silberbeschlagenen Stock aus Ebenholz, die ganze Erscheinung die eines vornehmen Mannes, übrigens früh ergraut, denn die Farben seines Gesichts, der ganze Habitus ließ nun, da die Gestalt in vollem Lichte erschien, höchstens auf einen Vierziger schließen.

Er spähte besorgt umher; es war ihm offenbar peinlich, selbst nur von Fremden hier gesehen zu werden.

Kaum hatte er den Fuß zur Erde gesetzt, ein wenig mühsam, wie nicht zu verkennen war, als auch schon das Zeichen zur Abfahrt gegeben wurde.

Der Justizwachmann trat dicht neben ihn, Schulter an Schulter, und wies ihn dem Ausgange zu.

Aber der Bahnsteig war noch immer nicht völlig frei; man mußte hier und da jemandem ausweichen. Dann hielt der Hüter des Gesetzes es für unerläßlich, an den Pelzärmel des Gefangenen zu greifen, damit nur ja nichts sich zwischen ihn und jenen dränge.

Bei jeder solchen Berührung zuckte der Herr zusammen.

Man hatte es bisher wohl nie gewagt, ihm in so handgreiflicher Weise Schritt und Tritt vorzuschreiben. Der Wachmann nahm wenig oder gar keine Notiz von den Empfindungen des Arrestanten.

Er lenkte jetzt mit forschen, weit ausgreifenden Schritten in die Stadt ein, unbekümmert darum, daß der Mann neben ihm nicht recht mitkonnte; der schleifte den rechten Fuß merkbar nach, musste sich schwer auf den Stock in seiner Linken stützen und trug überdies ungewohnt an seiner Handtasche. –

Der Soldat, wie gesagt, bemerkte das alles nicht. Ihn beschäftigte nur der eine Gedanke, seinen Mann so bald als irgend möglich los zu werden, ihn abzuliefern; einesteils, weil er sich der Verantwortlichkeit seines Auftrages sehr wohl bewußt war – andererseits aber, um je eher, je lieber einen Gasthof aufzusuchen, um von der nahezu elfstündigen Fahrt ausruhen zu können.

Hatte er doch seit heute früh halb sieben Uhr den ihm anvertrauten Häftling nicht eine Minute lang aus den Augen gelassen – »schließen« hatte er ihn nicht dürfen.

Er konnte sich nirgendwo Zeit lassen zu einer Mahlzeit, hatte sich begnügen müssen, hier und da ein Paar Würstchen zu essen, hastig ein Gläschen Bier hinabzustürzen. Freilich, dem »Transportaten«, wie es im österreichischen Amtsstile heißt, war es noch viel schlimmer ergangen.

Der arme Mann, der unfreiwillig in Gesellschaft des Titularfeldwebels reiste, hatte buchstäblich gehungert auf dieser Fahrt; ja, sein Wächter hatte ihm nicht einmal die Möglichkeit gegeben, auch nur einen Schluck Wasser zu trinken.

Der Herr Feldwebel hielt sich eben haarscharf an seine Dienstvorschrift. Zweiundzwanzig Kreuzer gibt die österreichische Justizverwaltung für die tägliche Beköstigung eines »Transportaten« her – gleichviel, ob es sich um einen zur Landesgrenze abzuschiebenden Vagabunden, oder, wie in diesem Falle, um einen auf Kosten des deutschen Reiches auszuliefernden Missetäter höheren Stiles handelt.

Diese Summe hatte der Justizsoldat gewissenhaft verteilt, indem er für zwölf Kreuzer schwarzes Brot, für zehn Kreuzer ein möglichst grosses Stück Wurst kaufte und beides seinem Manne heute früh ausfolgte.

Daß dieser es nicht über sich gewann, die schlecht aussehende, übelriechende Wurst zu essen, daß er nur mühsam einige Bissen von dem trockenen Brot herunterwürgte – er hatte einige Stricke davon abreißen müssen, denn sein Taschenmesser befand sich nebst vielem anderm, was er bei sich führte, im Gewahrsam des Soldaten – das alles kümmerte den pflichtgetreuen Mann der Justiz nicht. Ja, als jener ihn gegen Mittag inständig bat, doch von dem Gelde, das man bei ihm vorgefunden und gleichfalls mit Beschlag belegt hatte, wenigstens irgend etwas zum Trinken zu kaufen, wäre es auch nur ein Glas Wasser, da setzte der Mann der Obrigkeit eine überaus zornige Miene auf.

Wie man ihm zumuten könne, Geld anzugreifen, das ihm amtlich übergeben worden und das er bei Heller und Pfennig abzuliefern habe! Er verbäte sich derlei Ungehörigkeiten. Oder erwarte der »Transportat« etwa gar, daß er, der Feldwebel, dessen besondere Mühewaltung bei solch einer Eskorte mit ganzen fünfzig Kreuzern per Tag gelohnt wurde, aus seiner Tasche daraufzahle?

»Nein, das läge ihm ferne,« hatte der Arrestant versichert und dabei in schmerzlichster Resignation gelächelt.

Er, der nie anders als erster Klasse gereist war und im Speisewagen seine Mahlzeiten eingenommen hatte, der auf solch einer Fahrt mehr an Trinkgeldern auszugeben pflegte, als ein Justizfeldwebel während eines halben Monats verdiente, er dachte gewiß nicht daran, den armen Soldaten in Unkosten zu stürzen.

Allerdings, von der so oft gerühmten Herzensgüte des gemeinen Mannes, von der hilfsbereiten Gemütlichkeit der Oesterreicher, die fast sprichwörtlich geworden, mußte er heute einen traurigen Begriff bekommen haben.

Er war übrigens viel zu sehr mit sich selbst, mit dem, was ihm bevorstand, beschäftigt, als daß er gerecht hätte urteilen können.

Wer weiß, für einen armen Teufel von Vagabunden, den er zu transportieren hatte, würde der Feldwebel vielleicht mit Freuden einen erheblichen Teil seiner Diäten hergegeben haben; ja, solch einem Landstreicher hätte er wohl gar aus dem eigenen Glase zu trinken angeboten. Aber ein Millionär mit dem unbezahlbaren Nerzpelz, ein Nichtstuer, dessen Reisetasche schon ein kleines Vermögen kostet, an dem alles, sozusagen, nach Reichtum duftet und nach Luxus und Verschwendung – der mochte es nur einmal am eigenen Leibe erfahren, was es heißt: hungern und dursten und entbehren! –

»Wohin bringen Sie mich, wenn ich fragen darf?« wandte sich der Herr im Pelz bescheidensten Tones an seinen Begleiter.

»Zur preußischen Polizei-Verwaltung,« antwortete dieser barsch.

»Weshalb nicht zum Gericht oder ins Gefängnis?«

»Weil meine Ordre so lautet ... Aus dem Wege, Rangen!« herrschte er eine Schar von Kindern an, die sich um die Eskorte gesammelt hatte und sich neugierig an den Gefangenen drängte.

Der Feldwebel war zwar schon ein- und das anderemal in ähnlichem Dienste hier gewesen, aber er fand trotzdem nicht ohne weiteres nach dem etwas abseits gelegenen Polizeiamt.

Endlich hatte er sich ans Ziel gefragt. Vor einem alten, baufälligen Hause gebot er »Halt!«

»Hier hinein!« befahl er. Und er tappte, den andern am Aermel führend, durch den unbeleuchteten, schlecht gepflasterten Hausflur.

Vergeblich pochte er an verschiedene Türen; das Haus schien wie ausgestorben. Bis er endlich einen Lichtschimmer gewahrte, der hinten links aus einer Türspalte drang. Dorthin zerrte er seinen Mann, klopfte an und trat, jenen vor sich herschiebend, über ein Paar Stufen ein.

In dem sonst verlassenen Polizeiwachtzimmer saß ein Mann in Hemdsärmeln an einem verstaubten Pult und schrieb. –

Als jetzt der Oesterreicher militärisch salutierte und seine Meldung machte: »Transport aus Wien!« war jener schnell aufgesprungen und in den Waffenrock gefahren. Aber er blickte einigermaßen ratlos drein.

»Wünsch' guten Abend, Herr Kamerad,« sagte er, um Zeit zu gewinnen. »Also so weit her? Da sind Sie ja schon früh losgegangen ...«

»Hier die Papiere,« versetzte der Oesterreicher, »können Sie quittieren?«

»Das ist es ja eben, Herr Kamerad! Ich weiß nichts von Ihrem Transport, bin überhaupt noch ein bißchen grün im Dienst ...« Jetzt streifte der Blick des preußischen Polizisten den Mann im Pelz. »Wollen Sie sich nicht setzen, mein Herr?« Und er schob einen Stuhl herbei, den der Ermüdete dankend annahm.

»Sie müssen nämlich wissen, Herr Kamerad, wir schließen hier die Bude schon um sieben Uhr; ich hatte nur zufällig noch eine Kleinigkeit fertig zu machen. Der Herr Kommissar ist schon seit sechs Uhr fort ... Vielleicht warten Sie ein paar Minuten – ich springe einmal hinüber in die Wohnung des Herrn Kommissar.«

Der Oesterreicher nahm zum Zeichen seines Einverständnisses das Käppi ab, hob auch den schweren, gerollten Mantel von der Schulter und nahm auf dem Stuhle vor dem Schreibpulte Platz, dem Arrestanten nahe genug, um ihn an jeder Bewegung hindern zu können.

Der kalte Tabaksqualm, der gleich einem grauen Schleier über dem Raume hing, mochte ihn anheimeln; genau so roch es in der Wachstube des Wiener Landesgerichtes.

Er zündete sich eine Zigarette an und machte sich's, immer den Gefangenen scharf im Auge behaltend, bequem.

Der aber dachte im Moment an nichts weniger, als an Flucht. Hunger – zehrender, nagender Hunger wühlte in ihm, und seine Lippen lechzten nach einem Trunk.

Der urbane Ton des preußischen Beamten hatte ihn ein wenig ermutigt. War er nur erst einmal »abgeliefert«, dann würde man ihm auch zu essen und zu trinken geben.

Aber es dauerte geraume Zeit, bis der Polizei-Sergeant wiederkam. Er hatte den Kommissar nicht getroffen, nicht in seiner Wohnung, sogar nicht einmal in seiner Stammkneipe.

Schließlich war er auf den guten Einfall gekommen, sich bei einem älteren Kollegen Rat zu holen. Man würde also den Herrn bis morgen früh im Polizeigewahrsam behalten und dann würde der Herr Kommissär das Weitere verfügen.

»Ganz recht,« erlaubte sich jetzt der Mann im Pelz zu bemerken, »nur möchte ich darauf aufmerksam machen, daß ich seit heute früh noch nichts gegessen habe.«

»Transportat ist vorschriftsmäßig beköstigt,« erklärte in bestimmtem, beinahe gereiztem Tone der Justizfeldwebel, und der wieder ratlose Polizeisergeant fügte hinzu: »Dann kann ich leider nicht helfen.«

Der Häftling biß krampfhaft die Zähne zusammen. Es war denn doch unerhört, wie man ihn behandelte. Was immer er auch »verbrochen« hatte – er war ein Mensch und befand sich in der Gewalt eines Kulturstaates – am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts!

Aber er hatte genug Weltkenntnis, um sich zu sagen, daß diese beiden Subalternen nicht viel anders handeln konnten, als sie taten. Ein höher stehender Beamter würde die Dinge anders auffassen, würde den persönlichen Umständen Rechnung tragen. Im Polizeigewahrsam mußte es ja einen Höhergestellten geben.

Inzwischen hatte der Oesterreicher sich fertig gemacht.

»Also wer nimmt den Mann ab?« fragte er geschäftsmäßig. –

»Der Aufseher vom Stockhause,« erhielt er zum Bescheid. –

Den Häftling fror in seinem Nerzpelz, als das Wort »Stockhaus« – in Schlesien noch heute die übliche Bezeichnung für das Polizeigefängnis – an sein Ohr schlug. Und wenn nun der »Aufseher« auch nur ein ehemaliger Unteroffizier war?

Aber die Sache gewann einen Stich ins Komische, ja ins Operettenhafte, als man nun zu dreien an dem nur wenige Häuser entfernten Ziele anlangte.

Unten in dem schmalen, verwitterten Torwege ward eine Glocke gezogen, die man gleich darauf zwei Stock höher anschlagen hörte.

Jetzt stapften von droben schwere Tritte herunter, während die drei auf einer schmalen, ausgetretenen Stiege das erste Stockwerk erklommen und vor einem verschlossenen Eisengitter Halt machen mußten. Hier nämlich befand sich das Gewahrsam; darüber hauste der Aufseher.

»Was kommt denn jetzt noch für ein versoffener Lump!« hörte man droben eine mächtige dröhnende Stimme schelten, »'s ist nachtschlafende Zeit! Halb neun vorüber! So'n Rumtreiber!«

Und nun erschien hinter den Gitterstäben eine riesenmächtige, breitschultrige, wohlbeleibte Gestalt, der Aufseher, eine brennende Kerze in der Rechten, während er mit der Linken an den Knöpfen des noch halb offenstehenden Dienstrockes nestelte.

»Hat man denn gar keine Ruhe vor Euch – Strolchen,« wollte er sagen, aber das Wort blieb ihm im Halse stecken, als er die drei jenseits des Gitters, zuerst den vorgeschobenen Mann im Nerzpelz gewahr wurde.

Mit weit aufgerissenen Augen starrte er den späten Gast an.

Einen Moment lang mochte er wohl glauben, es sei kein Geringerer, als der Herr Regierungspräsident in hocheigener Person, der die merkwürdige Laune hatte, in »nachtschlafender Stunde« ein Polizeigewahrsam zu inspizieren.

Das war nun zwar in den nahezu vierzig Jahren seiner Dienstzeit noch nicht vorgekommen – es würde auch übel genug ausgehen für den Hüter dieses Hauses – aber es konnte ja auch nicht sein! Was hätte denn der Bruder Oesterreicher bei solch einer Revision zu tun gehabt? Und die Hand, in der das Licht zitterte, kam zur Ruhe.

»Machen Sie nur auf, Vater Hollmann,« rief nun der Sergeant mit überlauter Stimme und unterstützte seine Worte mit deutlichen Gesten.

»Weiß schon! Weiß schon!« brüllte der Mann drinnen und steckte rasselnd den riesigen Schlüssel ins schloß.

Die drei waren eingetreten; mechanisch hatte Vater Hollmann das Gitter hinter ihnen wieder verschlossen.

Nun setzte der Sergeant, sehr laut und langsam redend, dem alten Manne den Sachverhalt auseinander.

»Weiß schon! Weiß schon!« brüllte dieser, daß es in dem niedrigen, gewölbten Gange dumpf widerhallte. In Wirklichkeit wußte er nichts; er war fast taub und wollte das nicht jeden merken lassen. Erst als der Oesterreicher Papiere vor ihm ausbreitete und eine Quittung verlangte für den abgelieferten Mann, fing er an zu begreifen.

Doch hatte er nun erst recht Grund, den Fortschritt der Amtshandlung nach Möglichkeit zu verlangsamen – er schrieb nämlich sehr ungern. So begann er denn eine Art von Verhör, das nicht ohne humoristischen Beigeschmack verlief. –

»Sie heißen?« schrie er den Häftling an.

»Ernst Albert Gerold.«

»Weiß schon! Geboren?«

Herr Gerold gab seine Nationale an, obwohl er nun schon wußte, daß jener ihn nicht verstand.

»Geschäft?« inquirierte Hollmann.

»Ich habe keines mehr,« versetzte Gerold, zur näheren Erklärung mit den Achseln zuckend.

»Weiß schon! Weiß schon! Nobler Bummler! Aber früher? Was waren wir denn früher?«

»Bankier und englischer Generalkonsul.«

»Weiß schon! Haben's von den Lebendigen genommen! Und warum hier? Was haben wir ausgefressen?«

Hier mischte der Sergeant sich ein, der aus den Papieren ersehen hatte, daß Gerold in Berlin verurteilt, aber flüchtig geworden war. Nun hatte man ihn auf Requisition der Berliner Behörde verhaftet und ausgeliefert.

Auch diesmal erklärte Hollmann, daß er das alles bereits wisse.

Als aber der Oesterreicher von neuem wegen der Quittung drängte, beendete der alte Aufseher das schon angefangene »weiß schon« nicht, sondern meinte – für jeden Fremden unverständlich: »Weiß – meine Frau vielleicht!«

Da war sie auch schon, die Frau.

Aus weichen Sohlen war sie vom oberen Stockwerk, von der Dienstwohnung, heruntergehuscht.

Sie begriff sofort, was hier vorging, und ehe der Feldwebel sich's versah, hatte sie das auf einem kleinen Tischchen liegende Quittungsformular mit dem Namen ihres Eheherrn unterzeichnet.

»Mein Mann hat die Gicht – ich unterschreibe alles für ihn, auch die Gehaltsquittungen,« beruhigte sie den Feldwebel.

Dieser, um nur fortzukommen, begab sich jeden Einwandes, überreichte vielmehr dem Aufseher ein umfangreiches Aktenstück, das bis dahin in der Kuriertasche gesteckt hatte, holte von eben daher ein Kuvert, aus dem er eine stattliche Summe österreichischen Geldes auf den Tisch zählte.

»Zählen Sie nach!« schrie er dem Alten ins Ohr und salutierte, damit andeutend, daß er entlassen zu sein wünsche.

Auf welche Weise Frau Hollmann es angefangen, ihren Mann in den wenigen Sekunden über die Situation vollends aufzuklären, das ist eines von jenen Rätseln, wie nur die Frau sie zu lösen vermag.

Genug, Vater Hollmann überzählte das Geld, steckte es wieder in das Kuvert, auf dem die Summe in Kronen und Hellern verzeichnet stand, verschloß Geld und Akten in eine Tischlade, um dann endlich dem Justizsoldaten den Weg freizugeben.

Nur noch der Gefangene und der Sergeant blieben zurück.

Als die Fußtritte des Oesterreichers unten verhallt waren, wandte der Polizist sich an den alten Hollmann, wie früher seine Worte mit nachdrücklichen Gebärden begleitend:

»Der Herr hat Hunger und Durst!«

»Weiß schon!« versicherte Hollmann, der diesmal wirklich verstanden hatte. Aber das war wiederum ein höchst kritischer Fall.

»Haben Sie denn noch anderes Geld?« fragte er den ehemaligen Generalkonsul.

Der Arme mußte verneinen. Vergebens suchte er klar zu machen, daß jenes Geld dort in der Tischlade ja sein Eigentum sei, daß man es ihm nur einstweilen abgenommen hatte, weil eben ein Gefangener keine Geldmittel zur Verfügung haben darf – vergebens versprach er, morgen bei seinem Verhör dahin zu wirken, daß alle jetzt zu machenden Auslagen erstattet würden.

Der alte Hollmann kannte seine Dienstinstruktion – der Fall war darin nicht vorgesehen.

Er zog die breiten Schultern bedauernd in die Höhe; in ähnlicher Weise äußerte sich auch der Sergeant, der sich dann mit einem »wünsche wohl zu schlafen« empfahl.

Frau Hollmann war verschwunden.

Noch einmal erinnerte der Aufseher sich der leiblichen Not des Gefangenen; aber er wußte nicht zu helfen.

»Morgen früh,« schrie er ihm trostreich ins Ohr. Dann wies er, seine gewaltige Gestalt gebieterisch aufrichtend, in einen Seitengang und leuchtete hinein.

Gerold begriff: es hieß hungrig und durstig die Nacht verbringen.

Ganz so arg wurde es nicht, denn der Alte folgte jetzt mit einem frisch gefüllten Wasserkrug.

Auch er wünschte seinem Gast eine gute Nacht und ließ eine schwere eiserne Tür hinter sich ins Schloß fallen.

Eine furchtbare atembeklemmende Luft schlug dem Gefangenen in der dunklen Zelle entgegen. So ungefähr mußte die Atmosphäre in den Abfuhrkanälen der Großstadt beschaffen sein. War denn das denkbar in der Zeit Pettenkofers, in der Zeit, da Wasserleitung und Ventilation als etwas Selbstverständliches galten? Wahrlich, in keinem Stall konnte es übler riechen, als in diesem Polizeigefängnis!

Noch hatte der Einsame nicht einen Schritt vorwärts gewagt in dieser kloakenhaften Gruft – er war starr vor Entsetzen, vor Ekel. Er wollte rufen, schreien, aber die Stimme versagte ihm.

Plötzlich erinnerte er sich, daß er noch einige Wachszündhölzchen besaß.

Im Wiener Landesgericht, wo man ihn bis zu seiner Auslieferung festgehalten hatte, war ihm ja das Rauchen gestattet gewesen. Freilich, die letzte Zigarre hatte er gestern während der Fahrt verbraucht.

Aber Licht machen konnte er doch, wenn auch nur für Augenblicke – Licht, um zu sehen, wie es in dieser Höhle ausschaute.

Mit einem verzweifelten Aufschrei warf er das verglimmende Kerzchen fort.

Das war ja ganz furchtbar – das erinnerte geradezu an russische Gefängnisse, wie man sie oft mit Grauen beschreiben gehört! Ein niedriger Raum von kaum drei Meter Länge, gewiss nicht halb so breit. An der, der Eisentür gegenüberliegenden Schmalseite, oben, unter der Decke, ein vergittertes Fensterchen, etwa einen halben Quadratmeter groß. Die kleinen Scheiben mit weißlicher Farbe getüncht, darüber eine dicke Staubkruste.

Gerade unter dem Fenster, in einer Ecke auf dem mit ausgetretenen Ziegeln belegten Fußboden, ein zerwühlter, fauliger Strohsack – davor ein Schemel, auf den der Aufseher den Krug gestellt hatte.

Das war so ziemlich alles.

Und hier, in diesem schmutzstarrenden, zweifellos von Ungeziefer erfülltem Loch sollte ein gutgekleideter, gut gewöhnter Mensch eine Nacht zubringen?

Das war unausdenkbar, unmöglich.

Vielleicht, daß trunkene Landstreicher, verkommene Subjekte es über sich brachten, hier Schlaf zu suchen. Er aber, noch heute ein reicher Mann von soigniertesten Gewohnheiten, ein Mann, der einen angeborenen Widerwillen gegen den Schmutz hatte, er hätte sich eher mit seinem Battisttaschentuch erdrosselt, als daß er seine, von der langen, unbequemen Fahrt wie zerschlagenen Glieder hier zur Ruhe gebettet hätte.

Eine sinnlose Wut kam über ihn, ein wahrer Paroxismus – einer jener Zornanfälle, die schon einmal in seinem Leben eine furchtbare, verhängnisvolle Wirkung für ihn gehabt ...

Er tappte sich zur Tür und begann mit geballten Fäusten mit den Stiefelabsätzen gegen die Eisentür zu hämmern, daß der Lärm das ganze alte Haus durchdröhnte.

Und er würde nicht ablassen von diesem Lärmen, bis man ihn gehört, ihn aus dieser Düngergrube befreit hätte. Zwar, »Vater Hollmann« war taub, aber andere würden ihn hören.

Es dauerte denn auch wirklich nicht lange, da tappten schwere Tritte von oben herunter, es rasselte im Schlüsselloch, die Tür ging knarrend auf und draußen stand, die brennende Kerze in der Hand, der »Kerkermeister«.

Sein breites, rotes Gesicht sah aber gar nicht streng oder zornig aus, wie er befürchtet hatte; im Gegenteil, Vater Hollmann schien ganz fidel, als er dem nun doch zurückprallenden Gerold zurief:

»Weiß schon! Weiß schon! Kommen Sie nur raus!«

Während jener tief aufatmend nach Stock und Handtasche griff, die ihm vorher entfallen waren, schritt Vater Hollmann, offenbar sehr gut gelaunt, voraus, in einen andern Seitengang hinein.

»Weiß schon!« beteuerte er aufs neue – »hab' mich nur geirrt. Hab' das schon so am Griff, wenn es erst einmal Nacht ist ... Das ist nämlich die Zelle für Pennbrüder! Und für die kann man doch keinen Salon freihalten. Aber hier, sehen Sie, hier – das wird schon eher gehen.«

Er hatte eine nicht minder schwere Eisentür aufgeschlossen und leuchtete in den Raum hinein.

»Nun holen Sie sich eine frische Matratze,« sagte er gutmütig, »von da links – nehmen Sie sich ein paar Decken mit – sind auch ganz sauber! – und dann werden Sie schon ...«

Das letzte Wort wurde ihm abgeschnitten durch seine bessere Hälfte, die ungehört wieder hier unten auftauchte und dem erstaunten Gerold ein irdenes Töpfchen mit heißem Tee und ein ausgiebiges Butterbrot präsentierte.

»Das kommt von uns,« erklärte Vater Hollmann, »da hat die Polizei nichts damit zu schaffen.«

Und er griff, um allem Dank zu entgegen, nach seinem Leuchter.

»Laß nur dem Herrn das Stückchen Licht,« meinte seine Frau, »der Herr will doch wissen, wo er sich hinlegt. Wir finden schon im Dunkeln hinauf.«

Zu dem auf das tiefste gerührten Gefangenen, der jetzt mühsam Worte des Dankes stammelte, sagte die brave Frau: »Es ist gut gemeint, lieber Herr ... Man hat selber nichts! Schlafen Sie recht wohl!«

Nun waren sie gegangen, der taube Operettenkerkermeister und sein leises, verständiges, herzensgutes, altes Frauchen.

Der Millionär aber sank auf den Schemel neben dem rohen Holztisch und ließ seinen Tränen freien Lauf.

Der Duft aus dem Teetöpfchen, der kräftige Brotgeruch brachten den völlig aufgelösten Mann wieder zu sich. Jetzt trank er begierig den dünnen, mit Milch versetzten Aufguß, den guter Wille übersüß gemacht hatte, biß in das Brot hinein, als hätte er sein Lebtag nichts anderes gegessen.

Was wußte er, ob der Tee Wohlgeschmack hatte, ob die Butter nicht am Ende gar Margarine war? Er aß und trank mit innigstem Behagen. Für Augenblicke war es, als ob all das Furchtbare, das er in diesen Tagen erlebt, und das Schlimmere, das ihm zweifellos noch bevorstand, in weite nebelhafte Ferne rücke, als ob es ihn gar nichts mehr anginge.

Ihm war so wohl, wie ihm seit langer Zeit nicht mehr gewesen. So wahr und treffend ist Schopenhauers Definition vom Glück: »Die Abwesenheit des Leides.« –

Seine Mahlzeit war beendet. Nicht ein Krümchen von dem Brote hatte er übrig gelassen, nicht ein Tröpflein im Topfe.

Jetzt erst kam er dazu, um sich zu blicken.

Was er da sah im flackernden Kerzenlicht, war wohl auch ein Gefängnis, wie jenes vorher, aber doch eines, in dem ein Mensch Hausen konnte.

Etwas größer als die »Pennbrüder«-Zelle, enthielt diese eine eiserne Bettstatt, einen Tisch und einen zweiten Schemel für das primitive, aber blitzblank geputzte Waschgerät; ja, sogar eine Art von Schränkchen gab es da an der Wand, eigentlich nur zwei Bretter, auf denen die zinnerne Schüssel, der Löffel, Becher, Wasserkrug, dann Bürsten und einige Blechbüchsen untergebracht waren.

Ein sauberes Handtuch am Riegel, ein zweites Tuch, wohl um das Geschirr zu trocknen; und der zementierte Fußboden mit frischem, weißem Sand bestreut, in dem Gitterfenster eine leicht zu öffnende Klappe. Dazu war die Matratze wirklich frisch, die Decken in der Tat sauber – hier konnte man Schlaf finden!

Er zog den kostbaren Pelz aus, entledigte sich der feinen, gefütterten Wildlederstiefel, legte Kragen und Krawatte ab und streckte sich, in den Kleidern bleibend, zur Ruhe nieder.

Zunächst empfand er nichts, als ein nie gekanntes Behagen. Es war vielleicht gar eine Wohltat des Schicksals gewesen, ihn erst in die »Pennbrüder«-Zelle zu senden? Nun fand er es hier mehr als erträglich. Bald sank der Schlummer auf ihn herab.

Anfangs sah er nur Frau Hollmanns gütiges, rundliches Gesichtchen. Dann aber wurde ein feines, ovales Antlitz daraus, ein edler Kopf in zarten Farben, der jetzt nur durch einen Schleier verhüllt war.

Aber durch den Schleier glaubte er den tiefen, klaren Blick dieser großen, stahlgrauen Augen auf sich gerichtet zu sehen. –

Als er nach wirklich erquickendem Schlaf erwachte, sah er doch wieder das gutmütig besorgte Gesicht der rundlichen, kleinen Frau Hollmann vor sich: ja, er hörte sie reden.

»Laß ihn doch schlafen, Alter,« sagte sie, »es tut ihm not! Ich nehme den Kaffee wieder mit und wärme ihn später auf.«

Merkwürdig, die Frau sprach gar nicht laut und ihr Mann war doch beinahe taub – wie kam es nur, daß er sie verstand? Denn er sagte jetzt nicht »Weiß schon!« sondern er brummte in vollem Einverständnis ...

»So'n feiner Mann,« hörte Gerold noch, dann gab er sich einen Ruck, um den Schlaf abzuschütteln. Er träumte nicht mehr: da stand Frau Hollmann leibhaftig neben ihrem gewaltigen Eheherrn; sie brachte Kaffee und eine, diesmal trockene, Schnitte Brot – diesmal kam es von der Polizei.

Auch jetzt erquickte ihn die armselige Gabe.

Was er sich schon auf der Fahrt vorgenommen hatte, war nun zu festem Entschluß gereift: er wollte sich in sein Schicksal ergeben, wollte nichts tun, um Francis auf sich aufmerksam zu machen.

Er wußte, daß seine Verhaftung in weiten Kreisen bekannt geworden.

Es war jetzt also an ihr, an Francis, sich zu melden, ihr Wort einzulösen. Und täte sie es nicht, nun, so wußte er, wo man ihn mit Jubel begrüßen würde.

Der Polizeikommissar hatte telegraphisch in Berlin angefragt, was mit dem eingelieferten Gerold zu geschehen habe. Der Bescheid lautete dahin, daß der Verhaftete dem Gefängnis hier zu übergeben sei, woselbst er eine neunmonatige Strafe abzubüßen habe.

Das entsprach ganz und gar nicht den Wünschen Gerolds.

Er wollte in Berlin interniert sein, wenn schon aus keinem anderen Grunde, als weil er dort Besuche seines Anwalts, seines Vertrauensmannes, vielleicht auch irgend jemandes empfangen konnte, der ihm Auskunft über Francis brachte.

Noch an demselben Tage übergab man ihn dem Strafgerichte in X. Einer gesetzlichen Vorschrift gemäß wurde ihm sofort bekannt gegeben: »Ihre Strafe läuft am 17. Dezember dieses Jahres, vormittags 11 Uhr ab.«

Dann sperrte man ihn in eine Zelle ein.

Da war es nun also, das Gefängnis – das wirkliche – kein Provisorium, keine Zwischenstation mehr.

Der Raum war noch größer, als der, in dem er heute genächtigt hatte, noch sauberer: der Fußboden gedielt und mit Oelfarbe gestrichen – ein denkender Werkmeister hatte sogar die dicken Eisenstangen vor dem Fenster weiß getüncht, wodurch sie weniger in die Augen fielen. Das war ein menschenfreundlicher Zug.

Nicht ohne Wohlwollen war es auch bei der Aufnahme-Prozedur zugegangen. Da das Gericht ihn nicht mit Ehrverlust bestraft hatte, durfte man ihm gestatten, seine eigene Kleidung zu tragen, statt ihn in die blaue Anstaltstracht zu stecken.

Man gab auch seinem Wunsche nach, sofort einen Antrag auf Versetzung nach Berlin stellen zu dürfen; der Transport würde allerdings auf seine Kosten geschehen.

Bis der Bescheid käme, was immerhin einige Zeit dauern könnte, mußte er sich natürlich hier der Hausordnung fügen und würde einer Arbeitsgruppe zugeteilt werden.

Gegen Abend kam die betreffende Verfügung: er werde vom Montag früh ab – heute war Sonnabend – in der Zigarrenfabrik arbeiten müssen.

Das alles nahm er mit gelassener Ergebenheit hin. Dagegen erschrak er heftig, als sein Blick auf die an der Tür hängende schwarze Tafel fiel.

Er sah, daß er diese Zelle mit zwei andern Leuten zu teilen hatte. Eine andere Bedeutung konnten die beiden Namen auf jener Tafel nicht haben.

Da hieß es: »Joachim Wasilewski, 29 Jahre alt, schwere Körperverletzung, Strafantritt am 14. Mai 1897, Strafende am 14. Mai 1902;« und darunter: »Franz Tomazek, 32 Jahre alt, Diebstahl, Strafantritt am 26. Februar 1898, Strafende am 26. August 1902 ...«

Also zwei schwere Verbrecher! Er kombinierte ganz richtig, daß seine Zellengenossen sich jetzt an ihrer Arbeitsstätte befanden und hier nur die Nacht verbrachten.

Die erste Regung war, gegen diese Gemeinschaft zu protestieren.

Dann erwachte seine Neugier. Vielleicht hatte er schon manchesmal Schulter an Schulter mit einem Einbrecher mit einem Totschläger gesessen – im Straßenbahnwagen, im Theater, auf dem Rennplatze – aber die Schneider machen auch solchen Leuten gutsitzende Röcke, so daß sie dem flüchtigen Blick erscheinen, wie andere Menschen auch. Nun würde er sich mit vollem Bewußtsein in das Studium zweier Musterexemplare der Gattung versenken können.

Nach dem Strafmaß zu urteilen, waren es Gewohnheitsverbrecher, und dementsprechend malte er sich die beiden Burschen aus.

Draußen auf den Gängen wurde es laut; die Gefangenen kamen von den Arbeitsplätzen und rückten in ihre Schlafräume ein.

Schwerfällig schlürften die Pantoffel über den Ziegelbelag des Bodens; halblautes Raunen, das die grobe Stimme des Aufsehers von Zeit zu Zeit zur Ruhe verweist.

Endlich knackten an der Zellentür die Riegel, der Schlüssel rasselte in das Schloß hinein, und da sind die beiden Herren Stubenkameraden.

Es ist noch taghell, am Sonnabend ist früher Feierabend; Gerold kann sich die Leute mit aller Ruhe ansehen.

Sie sind offenbar nicht sehr erbaut davon, daß sie »Zuwachs« erhalten haben; aber sie machen bald gute Miene dazu. –

Der Aeltere, also der Dieb, ist ein schlankes hübsches Kerlchen mit dunklem, jetzt freilich kurz geschorenen Kraushaar, mit einer feinen römischen Nase, einem zierlichen, nicht übel gepflegten Schnurrbärtchen, das noch vorteilhafter wirkt, weil der halbgeöffnete Mund sehr schöne Zähne zeigt. Der Mensch steckt in einer verwaschenen, vielfach geflickten, blauen Leinenjacke wie in einer Verkleidung. Er grüßt nicht ohne Anstand und läßt sich ermüdet auf einen der drei plumpen Schemel fallen. –

Sein Genosse machte einen unheimlichen Eindruck. Ein hoher, grobknochiger, breitschultriger Gesell, ursprünglich wohl von herkulischer Kraft, jetzt aber in sichtlichem Verfall. Der schmutzige Anstaltsanzug schlottert ihm am Leibe, seine Haltung ist die eines Lastträgers. Auf kurzem Halse sitzt ein breiter, kantiger, jetzt fast kahl geschorener Schädel; unter der niedrigen Stirn ein Paar buschiger, rötlicher, fast gradliniger Brauen, die flackernde, grünblaue Augen beschatten. Die Nase ist besonders gemein, sie zeigt überdies eine Narbe, die sie in zwei ungleiche Hälften teilt. Roh und häßlich der Mund mit seinem lückenhaften Gebiß; ein Stoppelbart von unbestimmter Farbe läßt das Gesicht wie ungewaschen erscheinen.

Herrn Wasilewskis schwere Faust saust zu wuchtigem Schlage auf den Tisch nieder.

»Donnerschlag,« gurgelt er, »schon wieder einer!«

Dieser Gruß galt dem Eindringling, der sich scheu in eine Ecke gesetzt hatte.

»Wieviel haben Sie denn mitgebracht?« fragte Wasilewski, den Neugekommenen anschielend.

Gerold versteht nicht gleich und deshalb wiederholt Tomazek die Frage:

»Wie lange Strafe haben Sie denn?«

»Ich bleibe nur kurze Zeit hier; ich gehe nach Berlin.«

Wasilewskis Gesicht hellt sich ein wenig auf.

»Nach Berlin! Da werden Sie's besser haben wie hier! Da ist es im Zuchthause besser wie hier ... Hier brennen sie einem das Mark aus den Knochen! Weil sie sich fürchten, die Hunde!« Und er ballte drohend die Fäuste.

»Sei gut, Jochem – der Herr kann ja nicht dafür,« begütigte Tomazek.

Draußen auf dem Gange wurde es wieder lebhafter; die Abendsuppe kam.

Die Tür ging auf, draußen stand der Aufseher und überwachte zwei Gefangene, die aus einem ungeheuren, übrigens blitzsauberen Kübel eine dicke, graubraune Flüssigkeit in die blanken Zinnnäpfe füllten. Gefällig ließ Tomazek Gerolds Napf vollschöpfen, wobei er übrigens Gelegenheit fand, dem »Kalefaktor«, dem Gefangenen am Suppenkübel, etwas zuzuflüstern.

Sehr bald zeigte sich das Resultat: der Kalefaktor kehrte nach einigen Minuten zurück – die Tür war noch nicht wieder verschlossen – und schob zwei weitere, bis an den Rand mit Suppe gefüllte Näpfe herein.

Einen Augenblick später schoben sich die Riegel vor – jetzt wär's nicht mehr gegangen ...

Wirklich, die beiden Strolche bewältigten auch die Reservenäpfe. Solch ein Gefäß mochte reichlich ein und einen halben Liter enthalten. Gerold hatte mit Mühe einige Löffel voll herabgewürgt und war nun in Verlegenheit, wohin mit dem Rest.

»Her damit! Nur immer her,« machte Wasilewski mit vollem Munde ...

Es dunkelte schon stark, als die beiden mit sonderbaren Hantierungen begannen. Zur Einleitung sagte Tomazek:

»Sie sind ein feiner Herr! Seh'n auch nicht dumm aus! Also tun Sie, als oh Sie nichts merkten. Man muß sich hier helfen, wie man kann!«

Während Wasilewski mit allen vorhandenen Hand- und Wischtüchern die Türspalten verstopfte, auch einen nassen Lappen auf geniale Weise vor einer Luftabzugsklappe angebracht hatte, fing Tomazek an, seine Taschen zu entleeren. »An sich« besaß die Jacke nur eine und die Hose gar keine Tasche. Aber die Not macht erfinderisch, und so erwies sich denn, daß die Kleider Tomazeks, ähnlich den Fracks der Zauberkünstler, mit reichlich einem Dutzend geschickt angebrachten Verstecken ausgestattet war. Flicken, auf das Futter gesetzt – an einer Seite unbefestigt – Falten, die in das Hemd eingenäht waren, ein Loch in der Wade des Strumpfs – alles diente zum Verbergen von Kontrebande.

In wenigen Minuten hatte der Schlanke mehr als fünfundzwanzig Zigarren zum Vorschein gebracht, daneben eine Reihe von kleineren und kleinsten Päckchen, die er nun auf einem der inzwischen aufgeschlagenen Betten so ausbreitete, daß sie von dem in der Tür angebrachten Guckloch aus nicht zu sehen waren.

Wasilewski wandte sich mit einer Erklärung an Gerold:

»Das ist nur, weil es so zieht,« sagte er, auf die verstopften Türspalten deutend.

»Und weil der Nachtaufseher riechen würde, daß wir hier rauchen,« ergänzte Tomazek.

Gerold begriff zwar, daß die beiden in der Tabakfabrik arbeiteten; daß es aber möglich war, dort in solchem Maße zu stehlen, ging über seinen Verstand. Tomazek bemerkte sein Staunen und lachte:

»Ja! Dabei müssen wir uns splitternackt ausziehen, ehe wir einrücken und die Sachen werden scharf visitiert!«

»Und dennoch ...?«

»Gerade darum,« polterte Wasilewski. »Vielleicht wenn sie uns zwei, drei Zigarren gäben – meinetwegen Sonntags noch einmal so viel – vielleicht fiele es dann keinem ein! Aber so ...«

Jetzt hatte Tomazek an der Wand zu tun.

Da saß in Tischhöhe eine durchlochte Eisenplatte zum Abschluß eines Ventilationsschachtes. Mittels eines irgend woher aufgetauchten Messers löste er die vier Schrauben, die sie hielten.

»Das ist unser Magazin,« meinte er zu Gerold, »da sehen Sie: Vorrat für sechs Wochen! Aber wir müssen zuerst die Kundschaft bedienen. Dann werden wir uns auch eine anstecken – Sie natürlich auch!«

Gerold versicherte, Nichtraucher zu sein.

»Ach – das gibt sich! Soll'n mal erst gewahr werden, was für feines Kraut wir uns zurecht machen! Mehr Deckblatt als Einlage!«

Die beiden machten jetzt kleine Bündelchen zurecht, je zwei bis sechs Zigarren und einige Schwefelhölzchen enthaltend. Den Zwirn, mit dem ein jedes umwickelt wurde, hatte Tomazek einem der kleinen Päckchen entnommen.

»Sehen Sie,« sagte er, »das krieg ich aus der Schneiderei und die paar Streichhölzer aus der Küche. Ich habe Lieferanten im ganzen Hause. Da zum Beispiel hab' ich Bartwichse; die gibt der Barbier einem Kameraden und kriegt durch denselben ein halbes Dutzend Zigarren dafür.«

»Sie machen sich's eben erträglich,« sagte Gerold, der klug genug war, nicht etwa den Entrüsteten zu zeigen. »Aber – gefährlich ist es doch wohl – wie?«

»Nicht sehr! Höchstens Diebstahl – Gelegenheitsdiebstahl – noch drei Monate Zusatzstrafe. Freilich, außerdem die Hausstrafen! Die sind schon schlimmer! Entziehung des Tageslichts, der Matratze, der warmen Kost! Dabei können sie einem noch eiserne Manschetten anlegen oder einen Gürtel von Eisen, an den die Hände angeschlossen werden! Und das dürfen sie bis auf sechs Wochen ausdehnen, solche Hausstrafe. Der Staatsanwalt, der die Aufsicht führt über solches Gefängnis, sagt Ja und Amen dazu!«

»Aber vorher muß der Doktor erst nachsehen, ob der Gefangene es aushält,« erläuterte Wasilewski, und er schloß ingrimmig: »ob einer nicht schon dreiviertel tot ist, bevor er ins Loch gesperrt wird.«

Gerold überlief es kalt.

»Und trotz alledem haben Sie den Mut ...?«

»Der geistliche Herr sagt: »Sühne macht den Menschen besser!« Nun – ich möchte sehr viel besser werden!«

Tomazek hatte, während er Gerolds Frage beantwortete, mit katzenhafter Geschicklichkeit das hohe Fenster erklommen, indes sein Genosse an der Wand, an den Leitungsrohren, auf dem gedielten Fußboden allerlei Klopfzeichen gab. Gegenzeichen wurden vernehmbar, manche so leise, daß Gerold sie unter anderen Umständen sicher überhört haben würde. Dann erfolgte die »Bedienung der Kundschaft«.

An gedrehtem Zwirn wurden die einzelnen Päckchen zum Fenster hinabgelassen, oder auch kam ein Faden von oben her, an dem sie befestigt wurden.

Morgen früh, beim Wasserholen, wo man sich auf den Gängen begegnete, erfolgte dann die Weiterbeförderung von Hand zu Hand.

Heute schon nahm Tomazek ein größeres Päckchen entgegen, das ein Stück recht appetitlich aussehender Wurst enthielt.

»Das schickt mir ein Kamerad, der als Holzhauer außerhalb der Anstalt beschäftigt wird. Heute scheint er bei einem Schlächter gearbeitet zu haben. Natürlich kriegt er was Feines zu rauchen dafür.«

Die Versandgeschäfte waren besorgt.

Man ging zu Bett. Und nun erst begann das Rauch-Symposion der beiden Genossen.

Sie hatten das Fenster weit offen gelassen und schmauchten mit einem Behagen, daß Gerold sich sehr zusammennehmen mußte, um nicht schließlich doch eine Zigarre zu erbitten; sie wurde ihm übrigens wiederholt angeboten.

Aber er blieb standhaft, er durfte mit diesen Leuten nichts gemein haben.

Mit innigem Genuß die duftigen, blauen Wolken gegen das Fenster paffend, begannen sie auf Gerolds diskrete Fragen zu antworten. Und bald erzählte Tomazek im Zusammenhange.

Er war der einzige Sohn eines gutsituierten Schornsteinfegermeisters, der hier ganz in der Nähe einen weitausgedehnten Betriebskreis hatte.

Natürlich hatte er des Vaters Handwerk erlernt.

»Aber sehen Sie – das ist ein schlechtes Geschäft! Zuviel Gelegenheit zum Stehlen! Und dann ein Trinkgeld-Geschäft! Sie werden es selber finden: die Leute, die hauptsächlich Nebeneinnahmen haben – das sind die, die zu allermeist ins Gefängnis kommen. Kellner, Friseure, Diener, Musikanten, Lohnkutscher – lauter Menschen, die auf Trinkgelder angewiesen sind. Ist ja auch ganz natürlich! Geht es gut mit den Trinkgeldern, da gewöhnt man sich eine Menge Bedürfnisse an; und wenn es nicht recht klappt mit den Nebeneinnahmen – das Gehalt reicht nicht einmal für das Notwendigste hin ...«

Für ihn selbst, der ja versorgt war, mochte wohl die Trinkgeldfrage nicht so sehr mitgewirkt haben, ihn hierher zu bringen, als andere Umstände.

Er war ein hübscher Bursche, bandelte in jeder Küche an, sah überall die Gelegenheit winken, liebte es auch wohl, auf irgendwie halsbrecherische Art über die Vorsicht der Philister ZU triumphieren. Und so hatte er von seinen zweiunddreißig Jahren bisher vierzehn im Gefängnis zugebracht.

»Das nächste Mal gibt's Zuchthaus,« schloß er in einer Art von heiterer Resignation.

Er war eine jener typischen Verbrechernaturen, für die unsere Gefängnisse – die Zuchthäuser mit eingeschlossen – keine eigentliche Strafe sind.

Die schlimmsten Entbehrungen weiß ein solcher Mensch sich überall vom Halse zu halten, koste es, was immer.

Die Freiheit selbst entbehrt er am wenigsten, ja er rechnet schon vor Verlassen des Gefängnisses damit, daß er bald wiederkehrt.

So nützt er denn die kurze Pause, die ihm beschieden ist, gründlich aus, ähnlich dem Matrosen, der nach langer Seereise sich in der Hafenstadt austobt.

Die Strafe bessert nichts an diesen Verlorenen, sie kürzt auch nicht etwa ihr Leben ab, eher das Gegenteil, denn gröbere Genuß-Excesse sind ja im Gefängnis unmöglich. Der einzige Zweck, den die Strafe erfüllt, ist, daß sie den Spitzbuben seinem Beruf entzieht.

Das geschähe aber, wo es sich wirklich um einen »Beruf« handelt, zweifellos besser dauernd, und das wiederum scheint nur in Kolonien möglich.

Wer innerhalb fünf Jahren die dritte Bestrafung wegen Diebstahls auf sich – zog nur fort mit ihm, weit weg, von wo's kein Wiederkehren gibt! Und wenn dort drüben unter ungleich härterer Arbeit und sehr viel strengerer Zucht den Herren Spitzbuben der Humor ausginge, die Kulturwelt hätte nichts zu beklagen!

So dachte Gerold, und er sah sich in seiner Meinung nur bestärkt, als nun auch Wasilewski, behaglich grinsend, seine Geschichte zum besten gab.

Die Gefängniskarriere dieses neunundzwanzigjährigen Rowdys umfaßte auch schon über ein Jahrzehnt, dabei waren Zuchthausstrafen eingeschlossen.

Er haßte die blanken Knöpfe. Wo ein Gendarm, ein Polizist ihm in die Nähe kam, schlug er ihn nieder. Die Uniform war ihm, was dem Stier der rote Lappen ist.

Als man ihn zum ersten Male ins Zuchthaus einlieferte, ward er in den ersten fünf Minuten handgemein mit einem Aufseher, den er schwer verletzte, obwohl er, der Sträfling, die Hände in Fesseln hatte.

Vierzig Peitschenhiebe hatte er dafür zudiktiert erhalten, eine Strafe, die so furchtbar ist, daß man sie auf zwei Wochen verteilte ...

Aber wenn er nun herauskommen würde, dann würde er ein Wörtchen mit dem Polizeisergeanten reden, der ihn zur Haft gebracht hatte ...

Gerold konnte vor Grauen keinen Schlaf finden, auch als die beiden Zellengenossen längst dem Sonntag entgegenschlummerten.

Immer wieder empörte sich sein Rechtsgefühl. Verdienten Diebe und Strolche wie diese da, behandelt zu werden, wie Menschen? Und war es nicht eine unerhörte Strafverschärfung für ihn, Gerold, daß er auch nur eine Stunde lang die Luft mit ihnen teilen mußte?

Hatte das Gesetz keine anderen Bestimmungen für jene, die offenbare, unverbesserliche, gefährliche Feinde der menschlichen Gesellschaft waren – wie wahrscheinlich die Ueberzahl aller rückfälligen Verbrecher! – als für ihn, dessen Verschuldung sogar der Anwalt des Reichsgerichtes in Zweifel ziehen konnte?

Nein, hier in diesem Hause stand er jenen nahezu gleich, bis auf ganz unwesentliche Unterschiede: man konnte ihm seine eigenen Kleider belassen, konnte ihm gestatten, sich nach eigenem Ermessen zu beschäftigen, konnte auch sonst, einiges ihm nachsehen. Aber dies alles nur in der Form von Vergünstigungen, auf die er keinerlei Anspruch hatte. –

Sein Anspruch, sein »gutes Recht« war, behandelt zu werden, wie jene – ihnen gleichgestellt zu werden in jeder Beziehung, bis herab zu der Art, wie der subalterne Beamte mit jenen dort zu reden für gut fand.

Am nächsten Morgen, während die beiden als Katholiken zum Gottesdienst abgeholt wurden, wandte Gerold sich an den Aufseher, um in sehr bestimmter Form seine sofortige Isolierung zu verlangen, die denn auch ohne weiteres bewilligt wurde.

Aber auch die Unterbringung in einer Einzelzelle erwies sich als eine halbe Maßregel.

Um acht Uhr wurde Gerold zur »Freistunde« kommandiert, zu dem gebotenen täglichen Spaziergange. Gemeinsam mit etwa dreißig »Isolierten« umschritt er in langsamem Gänsemarsch einen kahlen, von hohen Mauern umschlossenen Hof. Man sollte einen Abstand von drei Schritten halten, damit ein Gespräch unmöglich wurde.

Inmitten des Hofes stand der Aufseher. Sehr bald sah Gerold, daß die Gefangenen aller Aufsicht ungeachtet, heimlich miteinander verkehrten, sich durch Worte und Zeichen Mitteilungen machten, ja sogar sich allerlei zuzustecken schienen. Auch an ihn wurden verstohlene Anfragen gerichtet; er tat, als höre oder verstehe er nicht.

Aber ihm war doch unheimlich zu Mute bei der unmittelbaren Berührung mit Menschen, denen das Verbrechertum nicht selten deutlich aufgeprägt war.

Hierzu trug allerdings die Anstaltskleidung, das kurz geschorene Haar, sowie das vorsichtige, versteckte Wesen, das jeder zeigte, nicht wenig bei.

Aber es gab doch Gesichter darunter, die er, Gerold, in jeder Umgebung und unter allen Umständen als Gebrandmarkte erkannt haben würde.

Ihm war's wie eine Befreiung, als er wieder mit sich allein war.

Was aber sollte morgen werden, wo er mit diesem Gesindel gemeinsam arbeiten, zehn Stunden lang mit ihnen zubringen sollte? Ihm graute.

Glücklicherlicherweise betrat am Nachmittage der Aufseher die Zelle, um den Neuling über mancherlei zu unterweisen.

Er zeigte sich, so rauh und schroff er auch zuerst erschien, als ein zugänglicher Mann, dem er, Gerold, schon seine Befürchtungen vortragen durfte.

Sehr bereitwillig versprach der Aufseher, noch heute zu melden, daß der Häftling auch für sich allein beschäftigt zu werden verlange.

Und am Montag früh brachte er den Bescheid: Gerold sollte in seiner Zelle verbleiben, sollte dort Haken und Oesen aus kleine Karten festnähen.

Er hatte schon Arbeitsmaterial mitgebracht. Zeigte umständlich, wieviel und in welcher Ordnung die winzigen Drahtkörperchen aus jeder Karte anzubringen seien und verhieß seinem Schützling, daß er es bis auf einen Tagesverdienst von acht Pfennigen bringen könne, wenn er täglich sechs Dutzend Karten mit je zwei Dutzend Paar Haken und Oesen benähe.

Von diesen acht Pfennigen würde er bei guter Führung sehr bald die Hälfte zur Verfügung gestellt bekommen – in der Weise, daß er sich davon mancherlei anschaffen könnten Fett zum Brot, Wurst, Hering und ähnliche Leckerbissen.

Gerold lachte still in sich hinein, während er seine Klavierfinger an die Nähnadel zu gewöhnen versuchte.

Wie viel mal würde er sich noch blutig stechen müssen, um nur den Grundstock für sein künftiges Sybaritenleben, nur die ersten vier Pfennige verdient zu haben! Aber er trug's nicht ohne Humor.

Das gab allerlei rechnerische Kombinationen. Wieviel Zahlengewandtheit gehörte dazu, im Kopfe auszurechnen, welchen Bruchteil einer Wurstscheibe er jetzt erworben hatte, nun die erste, mit ehrlichen vierundzwanzig Paar Haken und Oesen besetzte Karte vor ihm lag.

Allerdings, die Vorstellung, sich neun Monate hindurch, Tag für Tag, Stunde für Stunde, ja jede Minute mit diesen Rechenexempeln zu beschäftigen, indes die Finger mechanisch ihr Werk verrichteten – diese Vorstellung führte geradenwegs zum Wahnsinn.

Und da kroch eines von den Ungeheuern heran, die der Advokat damals heraufbeschworen hatte: verrückt werden konnte man hier ohne besonderen Anlaß.

Dies uhrwerkmäßige Einerlei der Tageseinteilung, der Mangel an Bewegung, die Unmöglichkeit, seine Gedanken auf etwas anderes, als auf das unbeschreiblich monotone Werk der Hände zu konzentrieren, das alles wirkte lähmend, beklemmend auf ihn ein.

Doch tröstete ihn die Hoffnung, daß man ihn nach Berlin bringen, ihn dort vielleicht anders beschäftigen werde.

Vielleicht fand er Unterkunft im Bureau der Berliner Anstalt; vielleicht auch wurde ihm gestattet, zu schreiben – er war nach alledem, was er erlebt hatte, längst reif für einen literarischen Versuch.

Hier, in dem kleinstädtischen Gefängnis, war an dergleichen nicht zu denken.

Der Vorsteher, ersichtlich ein vormaliger Feldwebel, erklärte rund heraus:

»Das fehlte mir noch, daß ich lesen müßte, was Sie schreiben! Und natürlich dürfte doch nicht eine Zeile hier geschrieben werden, die ich nicht zu lesen bekäme! Nein – ich habe meinen Kopf ohnehin voll in dem Hause! Für zweihundert Personen ist es bestimmt und mit über dreihundertundfünfzig ist es belegt! Und da soll ich noch Romane lesen – sozialdemokratische, womöglich – fällt mir nicht ein! Sie können ja Ihren Antrag stellen beim Herrn Oberstaatsanwalt. Aber der fragt zum Schluß doch bei mir an; und ich denke nicht daran!« ...

Nach vierzehn Tagen brach Gerold zusammen. Wütende Kopfschmerzen raubten ihm den Schlaf; von der gebotenen Nahrung konnte er nur das Brot und hie und da einige Löffel Suppe genießen.

Aber das schwere schwarze Brot, von dem er eßbare Stücke abbrechen mußte – ein Messer ist unstatthaft! – verursachte ihm Magenkrämpfe, die Suppe, »ohne Salz und Schmalz« gekocht, machte ihn nicht satt. –

Auf den Rat des Aufsehers ließ er sich zum Arzt melden.

Wieder das Zusammentreffen mit zwanzig auf gleichem Wege befindlichen Sträflingen, von denen viele solchen Anlaß nur benutzten oder herbeiführten, um Durchstechereien zu treiben.

Wie es abends durch seine Zelle klopfte und wisperte und flüsterte, als wäre sie eine telegraphische Zentrale, so sah er auch hier wieder ein Nicken und Winken, ein Deuten und Zustecken, das aller Beaufsichtigung Hohn sprach.

Der Arzt war schnell mit ihm fertig.

»Ins Lazarett,« dekretierte er, ohne weiter zu untersuchen.

Der Mann kannte das schon: man will nicht arbeiten, mag auch die Kost nicht, da meldet man sich krank. Nun, dagegen ist das Lazarett das Universalmittel.

Das sollte Gerold bald erfahren.

Zunächst war es wieder aus mit der Isoliertheit. Der Krankensaal enthielt ein Dutzend Betten, die bis auf zwei belegt waren.

Aeußerlich erschien alles recht sauber; der Fußboden, die kupferne Füllkelle, das zinnerne Gerät blinkte nur so. Aber die Strohsäcke waren zermürbt, und die alten Holzbettstellen beherbergten allerlei Ungeziefer.

Von den Kranken litten die meisten an demselben Uebel wie Gerold, und dem entsprach auch die Behandlung – vor allem die »Diät«, das heißt: der Hunger.

Statt des Brotes wenig schlechtes Weißgebäck, statt der allzuschweren Kost – Wassersuppen.

Erst, wenn der Kranke bei dieser Behandlung nach einer Woche nicht genas, begann der Arzt, ihn ein wenig ernst zu nehmen.

Er gehörte zu jenen Heilkünstlern, die nur sichtbare Krankheiten gelten lassen. Alle übrigen nahm er infolge seiner jahrelangen, üblen Erfahrungen für Simulation.

Auch hier im Lazarett hatten die eigentlichen Verbrecher es besser, als andere.

Der Kalefaktor, ein feister, fauler Bursche, der den Arzt damit täuschte, daß er das Metallzeug und den gestrichenen Fußboden blank erhielt, der aber die Verbände nur unregelmäßig und widerwillig erneuerte, und in Bezug auf das Verabreichen der Medizin ein Skeptiker war, brachte den ihm »beruflich« Näherstehenden allerhand verbotene Dinge; da ein Stückchen Fleisch, da einen Topf Milch, wohl auch einen Napf dicker Erbsen ...

Gerold litt unsäglich.

Er hungerte und ekelte sich zugleich vor seiner Umgebung. Bis auf einen Mann, der schrägüber lag.

Der hatte eine zweimonatliche Gefängnisstrafe zu verbüßen, weil er einen Gerichtsvollzieher zur Tür hinausgeworfen hatte.

Es schien ein entgleister Gelehrter, halb Privatlehrer, halb Winkeladvokat.

Der arme Mann bewies mit schneidender Logik, daß man ihm schändlich unrecht tue.

»Wird man einen Menschen, der den Arm gebrochen hat, im Spital zusammentun mit einem Aussätzigen? Mit einem Pockenkranken? Mich aber pfercht man mit diesen Strolchen in einen Stall, behandelt mich wie jene ...«

Er war übrigens froh, in Gerold einen Leidensgenossen zu erkennen und begann bald, ihn zu trösten.

»O, Sie Glücklicher! Sie gehen nach Berlin! Ja, das ist ganz etwas anderes! Natürlich, die Subalternen sind dieselben wie hier, und die gesetzlichen Bestimmungen sind auch die gleichen. Aber in diesen großen Anstalten sind wenigstens die Oberbeamten zumeist gebildete, einsichtige, manchesmal geradezu gütige Menschen. Die können einen manches vergessen machen. Freilich – es ist nur ihr guter Wille ... Zu fordern hat der Gefangene nichts! Es ist, gemessen an den berechtigten Ansprüchen der Menschen, gerade so schlimm, wie vor zweihundert Jahren!« ...

So begann Gerold sich auf Berlin zu freuen, als er dem Lazarett entronnen war.

Er kam sich selbst kleinlich, engherzig vor, wenn ihn die Befürchtung packte, es könne ihm auf dem Transport nach Berlin wieder genau so ergehen, wie auf seiner Reise hierher. Wie nun, wenn die preußischen Behörden ähnliche Transportverordnungen hatten, wie die österreichischen? Wenn an die Stelle jenes Justizfeldwebels ein Gendarm oder etwas dergleichen träte?

Der brave Aufseher, der auf den ersten Blick erkannt hatte, daß er hier keinem Verbrecher gegenüberstand – der vielleicht auch den angeborenen Respekt kleiner Leute vor dem Reichtum hegte, half Gerold über die schlimmsten Besorgnisse hinweg.

Wenn nur erst die Bewilligung da wäre, daß der Gefangene nach Berlin gebracht werde – das übrige werde nicht halb so schlimm werden.

Zunächst bediene man sich in solchem Falle, wo der Transport nicht auf Kosten des Staates geschehe, überhaupt keines uniformierten Beamten zur Ueberführung nach entfernteren Punkten.

Diese werde vielmehr einem vertrauenswürdigen Bürger aus der Stadt übertragen, der pro Tag vierundeinehalbe Mark dafür bekomme, auch seine Fahrt bezahlt erhalte. Für den Gefangenen selbst würden allerdings nur fünfzig Pfennige angewiesen. Aber, so ließ der Aufseher durchblicken, es gibt ja immer Möglichkeiten, sich rechtzeitig Geld zu beschaffen – der Transporteur würde gewiß nichts dagegen haben, wenn er, Gerold, sich unterwegs für sein Geld gehörig sattesse.

Das klang ja nun wohl recht tröstlich – bis auf den einen Punkt, daß der Millionär und ehemalige Bankier nicht die entfernteste Möglichkeit sah, sich hier in den Besitz von auch nur einer Mark zu setzen.

Natürlich – in Berlin gab es eine Stelle, an der man jede mit Bleistift geschriebene Anweisung Gerolds sofort honorieren würde.

Aber er besaß weder Papier noch Tinte oder Stift, noch hatte er jemanden, solch eine Anweisung zu präsentieren.

Dem Aufseher derlei zuzumuten, schien ihm mit gutem Grund gefährlich. Das konnte den Mann, wenn er sich etwa durch ein Trinkgeld blenden ließ, um's Brot bringen, ihn schwerer Bestrafung entgegenführen.

Irgendwelchen anderen Verkehr, als mit dem Aufseher aber gab es hier nicht. Wenigstens nicht für ihn, obwohl er sich überzeugt hatte, daß hier alles möglich war.

Und der Mann, der, wenn er frei gewesen wäre, jeden Augenblick über Hunderttausende hätte verfügen können, zerquälte sich jetzt das Hirn, wie bis zu dem Transport ein Fünfmarkschein anzuschaffen wäre.

Mehr als sechs Wochen waren so vergangen.

Eines Nachmittags wurde Gerold hinuntergerufen in das Inspektionsbureau.

Man teilte ihm mit, daß die Weisung, ihn nach Berlin zu senden, endlich eingelaufen, auch die Einzahlung des dafür eingeforderten Betrages erfolgt sei.

Man habe hier bereits einen Transporteur beauftragt, der ihn morgen früh um 6 Uhr abholen würde.

»Es ist ein anständiger, vernünftiger Mann, der Sie mit möglichster Rücksicht behandeln wird,« fügte der Inspektor wohlwollend hinzu.

Schon wollte der halb erfreute, halb verlegene Gerold sich dankend entfernen, als der Inspektor ihn zurückhielt:

»Daß ich's nicht vergesse – da ist jemand, der Sie zu sprechen wünscht!«

Jetzt gewahrte Gerold einen in der Fensternische lehnenden Herrn, der ihm zwar sehr bekannt erschien, den er aber nicht gleich zu plazieren wußte.

Wer in aller Welt konnte ihn hier besuchen?

»Sie erkennen mich nicht, Schwager – mein großer Vollbart hat mich gewaltig verändert!«

»Wahrhaftig – Egbert von Engern!«

Was alles in diesem Augenblick auf den ganz verwirrten Gerold einstürmte, läßt sich nicht in Worte fassen.

Seine ganze Vergangenheit stand vor ihm – die Zeit seines höchsten Glückes, seines Sturzes – Francis selber hätte das alles nicht lebhafter erwecken können.

Der Inspektor war ein Mann von Takt und guter Art. Zudem handelte es sich hier nicht um einen Sträfling, von dem etwas zu befürchten war.

So vertiefte der humane Beamte sich in seine Arbeit und ließ die beiden sich aussprechen.

Das Wunder, wie Egbert hierher kam, war bald erklärt. –

Er hatte gleich damals nach jener Scene mit Francis um seinen Abschied gebeten und fand sehr bald einen Posten als Verwalter auf einem großen böhmischen Gute.

Jetzt reiste er in dienstlichen Angelegenheiten – er wollte Maschinen kaufen – nach Berlin.

Von Gerolds Verhaftung wußte er aus den Zeitungen auch, daß er hier interniert.

So hielt er es für seine Pflicht, seine Fahrt hier zu unterbrechen, sich dem Schwager zur Verfügung zu stellen.

Schon während er das klarstellte, hatte er leicht Gelegenheit gefunden, dem hocherfreuten Gerold ein bereit gehaltenes Zwanzigmarkstück in die Hand zu praktizieren.

»Was wissen Sie von – von Francis?« fragte Gerold in ängstlicher Spannung.

»Nicht viel mehr, als nichts. Mit der Mutter hat sie sich damals völlig entzweit. Die alte Frau hat es ihr nie verziehen, daß sie so undankbar gegen Sie handelte. Francis war in der ersten Zeit bei einer reichen Familie in England und soll jetzt bei einer Gräfin Reventlow Gesellschafterin sein. Wo diese Gräfin wohnt, weiß ich nicht – hatte aber ohnehin vor, mich danach zu erkundigen, wenn ich nach Berlin komme.«

»Werd' ich's dann auch erfahren?« fragte Gerold bittend.

»Sofort, Schwager! Ich verspreche es Ihnen!«

Egbert zog die Uhr und blinzelte Gerold bedeutsam an.

»Tausend!« sagte er, »ich glaube, ich habe meinen Zug versäumt! Werde richtig erst morgen früh fahren können!«

Gerold hatte verstanden.

Man würde sich auf der Reise noch weiter aussprechen können.

Glücklich lächelnd kam er auf seiner »Station« an.

»Na,« meinte der Aufseher schmunzelnd, »das waren wohl gute Nachrichten, die es da unten gab?«

»Morgen früh bringt man mich nach Berlin,« berichtete Gerold beinahe freudestrahlend.

»Und unterwegs ...?«

Der Gefangene hatte den Mut, dem Aufseher sein Goldstück zu zeigen.

»Ich habe nichts gesehen,« meinte der gutherzige Mann und schloß den Häftling ein.

*

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