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Die höchste Instanz

Paul Blumenreich: Die höchste Instanz - Kapitel 4
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authorPaul Blumenreich
titleDie höchste Instanz
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Bewußtlos war Gerold an jenem Nachmittag in seine Wohnung geschafft worden. Der Arzt, den man ins Kontor gerufen, hatte einen Schlaganfall konstatiert und der von Anfang an Besorgnis erregende Zustand ging in ein schweres Nervenfieber über.

Francis hatte gerade einen Boten an ihre Zofe geschickt und um einen Koffer mit Wäsche und einfachen Kleidern ersucht – sie müsse auf kurze Zeit verreisen – als man den Kranken brachte. Das verständige Mädchen bedachte sich nicht lange und fuhr mit dem Boten dahin, wo man den Koffer erwartete. Sie mußte ihrer Herrin melden, was geschehen war. Und eine Stunde später trat die junge Frau an das Lager ihres Gatten. Er hatte nicht erfahren, daß sie mit ihrem Fortgehen Ernst gemacht – er wußte nichts davon, daß sie zurückgekommen. Der Tod verschattete seinen Blick. –

Eben kam eine barmherzige Schwester, die der Hausarzt hierher beordert. Francis entließ sie bis aus weiteres. Ihre Pflicht war es, dem Kranken ihre Pflege zu widmen.

Und sie saß an seinem Lager tage-, wochenlang, nur in wenigen Nachtstunden sich halbe Ruhe gönnend. Es war ihr eine Wohltat, ganz und gar in ihrer Aufgabe aufzugehen. In dem plötzlich so still gewordenen Hause schien sie sich jetzt zum ersten Male ganz heimisch zu fühlen, weil sie hier notwendig war.

Es tat ihr wehe und wohl zugleich, wenn der Kranke in seinen Fieberträumen nach ihr rief. Kein anderer Name kam über seine immer trockenen Lippen. Aber nach ihr sehnte sich seine halbwache Seele, für sie hatte er die zärtlichsten Koseworte. Dann trat sie hinter das Kopfende des Lagers und legte ihre kühle, leichte Hand auf seine Stirn. Langsam beruhigten sich seine verzerrten Züge und sein heißer Blick winkte ihr, die er nicht sah, rührenden Dank zu. Ein andermal wieder, wenn er wie ein Kind nach ihr schrie, setzte sie sich im Nebenzimmer an den Flügel und spielte ein Notturno von Chopin oder eine Beethovensche Sonate. Das wirkte Wunder auf seinen Zustand. Immer leiser wurden seine Klagerufe, bis sie ganz verstummten. Aber er war nicht etwa eingeschlafen, sondern er starrte mit großen Augen auf jene halboffene Portiere, hinter der Francis spielte. Es schien dann, als ob er mit den Augen hörte. Nicht die Musik selbst schien er zu vernehmen, sondern etwas, das aus ihr sprach, nur zu ihm sprach. Und er fuhr erschreckt zusammen, wenn das Stück zu Ende war.

Wenn je in ihrem Leben, so hatte Francis jetzt Muße, über sich und ihre Lage nachzudenken. Sie verhehlte sich keineswegs, daß sie die Schuld an Gerolds Zustand trug. Aber wenn auch der Leidende sie aufrichtig dauerte – Reue über ihre Haltung empfand sie nicht. Sie hatte nur eines zu bereuen: daß sie mit ihrer Lebensauffassung die Frau dieses Mannes hatte werden können. Dabei unterschätzte sie durchaus nicht seinen Wert. Er hob sich unter tausenden seiner Art heraus, nicht allein durch Bildung und Veranlagung, sondern auch durch sein Taktgefühl, durch eine gewisse stolz-bescheidene Art, wie er seinen Reichtum, seine Stellung, seine Gattin nahm. Aber dieser Mann hatte andere Ehr- und Rechtlichkeitsbegriffe wie sie – darüber kam sie nicht hinweg. Mit dem Recht, an das sie glaubte, gab es keinen Kompromiß. Entweder hielt man es hoch und heilig und folgte ihm blindlings, wie der Soldat seiner Fahne, oder man verdiente nicht, ein Bürger dieses Rechtsstaates zu sein.

Nur in der ersten Zeit nach der Erkrankung waren Nachfragen und Besucher dagewesen. Jetzt, nach kaum drei Wochen, schien der Mann vergessen, der in seinen Kreisen eine allererste Stellung eingenommen hatte. Nun erst zeigte sich so ganz, wie seine vielfachen und glänzenden Beziehungen im Grunde doch nur rein geschäftliche gewesen. Verwandte Gerolds schien es nicht zu geben und die »Freunde« blieben aus, seit man mit ihm kein Geld mehr verdienen konnte. Und in dieser Welt hatte er gelebt – in ihr würde er sich wieder wohl fühlen, wenn er die Krankheit überwände.

Aber eines Tages meldete sich doch jemand, der ihren Pessimismus Lügen strafen sollte – jemand, den sie am allerwenigsten erwartet hätte: Egbert. Er wußte, wie es mit Gerold stand. Nur mit ihr wollte er sprechen. Und auch das war in zwei Minuten getan.

»Ich war beim Fürsten Rothenstein – habe ihn vor den Leuten gewarnt, die nun an Deines Mannes Stelle getreten sind ... Du darfst nicht glauben, daß ich das umsonst getan habe. Nein, dazu steckte ich schon zu tief drin! Ich sagte dem Fürsten die Wahrheit – sagte ihm auch, daß ich um meinen Abschied eingekommen bin, weil Du mich einen Schuft geheißen hast ... Und er hat mich an einen seiner Freunde empfohlen, an den Grafen Kinsky, der ein großes Gestüt in Böhmen besitzt. Dorthin reise ich ab, sobald der blaue Brief kommt. Das war es, was ich Dir sagen wollte.«

Sie streckte ihm die Hand hin und sagte einfach:

»Ich werde es Dir danken, Egbert.«

Nachmittags, als der Kranke eben eingeschlafen war, verschwand Francis auf eine Stunde. Sie war in Moabit gewesen und kam sichtlich zufrieden zurück. Sie war Egbert nichts schuldig geblieben. –

Man hatte den Kranken auf Anordnung des Arztes in sein prächtiges, eigenartiges Arbeitszimmer gebracht, das Raum genug bot, um das Bett aufzustellen. Hierher lachte die Morgensonne, hierher drang auch bei offenem Fenster nicht der Staub von den viel befahrenen Wegen der Grunewaldkolonie. Und noch ein Grund mochte den Arzt geleitet haben. Gerold würde, so hoffte er, hier eher zu vollem Bewußtsein kommen. Denn dieses Zimmer war ein Unikum in seiner Art: es war so recht Gerolds eigenste Schöpfung. Nach Zeichnungen des Architekten der Villa, eines excentrischen Künstlers, der dem Westen Berlins seinen persönlichen Stempel aufgedrückt, hatte Gerold sich eine Zimmerausstattung herstellen lassen, die immer wieder volle Bewunderung erregte.

Tapeten und Möbel, die letztern in ihren Holz- und Polsterteilen, waren in zartestem Reseda gehalten, das sich von einem kostbaren seeblauen Teppich wunderbar abhob. Dem Stile nach einem etwa bäuerlichen Rokoko sich nähernd, zeigte das Mobiliar noch in jedem Stück soviel Eigenart, so viel individuellen Formenreiz, daß dem kranken Manne, sobald sich nur die ersten Spuren von Erkenntnis meldeten, sehr bald das volle Bewußtsein kommen mußte. Zwei Wände waren fast in ihrer ganzen Ausdehnung von einem schön gegliederten Bibliothekaufbau eingenommen. Unglaublich leichte, lichtgrüne Seidenvorhänge verdeckten eine ausgewählte Büchersammlung. Ein Teil dieses ingeniös erfundenen, gewaltigen Eckschrankes war für die Aufbewahrung von Bildern und Mappen eingerichtet. Große, in ihrem hellen, harten Lack wie Spiegelflächen glänzende Platten bargen bewegliche Mappen derart, daß deren Fächer sich auftaten, sobald man die Platte mittelst eines leichten Federdruckes nach außen fallen ließ. Vor jedem der Flügelbauten dieser Bibliothek gab es bequeme Sitzarrangements, runde, lichtgrün glänzende Tischchen mit großen tiefen Polstersesseln. Würdig des Bücherschrankes war der billardgroße Schreibtisch, der mit seiner Schmalseite den mächtigen Pfeiler zwischen zwei Fenstern füllte. Hinter dem Schreibenden wiederum ein kleiner, um seine Mittelaxe drehbarer Bücherbehälter für Nachschlagewerke und mit einer besonderen Abteilung für Zeitungen. Vor sich hatte der hier Arbeitende einen zierlichen, kleine Kassetten tragenden Aufbau, der in seiner Mitte von einer großen, ovalen, venetianischen Scheibe durchbrochen wurde. Nach drüben hin schloß sich an den Schreibtisch eine breite Polsterbank, der an der Wand eine zweite, gleichartige gegenüberstand: das Eisenbahn-Coupé nannte der Konsul diesen reizenden Winkel, in dem manches Millionengeschäft zum Abschluß gekommen war. Außer dem großen Rundtisch inmitten des Raumes gab es auch sonst noch Tische, so einen im Eisenbahn-Coupé, der zugleich einen inhaltreichen Zigarrenschrank abgab. Ein kleines Büffet, wie man es neuerdings in englischen Herrenzimmern findet, eine verlockend schwellende Ottomane, über der ein herrlicher Böcklin hing.

Drüben, vor der Bibliothek, stand jetzt Gerolds Bett, und hier, am Schreibtische, saß zumeist Francis, lesend, sinnend, bis der Kranke ihrer bedurfte.

Außer den Besuchen ihrer Mutter, empfing die junge Frau nur noch den Arzt, der ihr täglich wiederholte, daß sie sich selbst zu Grunde richten würde, wenn sie nicht wenigstens einen Teil der Krankenpflege abtrete. Sie lächelte nur dazu. Das war eine gute Vorschule für die Zukunft, was der Medizinalrat für eine Gefahr hielt. Er konnte ja nicht wissen, wie dringend sie solcher Schule bedurfte für ihr künftiges Leben. Um so besser wußte sie es: sie würde gehen, sobald Gerold außer Gefahr wäre. Und da ihre Mutter diesem, ihrem Entschluß kein Verständnis entgegenbrachte, hatte Francis sich brieflich nach England gewandt, an eine dort reich verheiratete Schulfreundin. Sie war fest entschlossen, eine Stellung anzunehmen, sich ganz und gar auf eigene Füße zu stellen.

Freilich, es gab Stunden, in denen sie schwankend wurde. Vielleicht, so regte sich die Hoffnung in ihr, vielleicht würde Gerold, auch wenn er völlig genesen, nicht wieder zu seinen Geschäften zurückkehren. Und dann, dessen war sie gewiß, würden sie einander finden. Mit Entsetzen ertappte sie sich manchmal bei dem heimlichen Wunsche, Gerold möge irgendwie in die Möglichkeit versetzt werden, wieder Geschäfte zu betreiben. Ach, sie würde ihm Führerin und Stütze sein. Dann wieder verabscheute sie sich selbst.

Eines Abends saß sie wieder in Gerolds großem, bequemem Schreibsessel, als sie auffahrend bemerkte, daß die Standuhr schwieg, ihr kräftiger Pendelschlag war nun schon seit Wochen das einzige Geräusch in diesem Raum. Man mußte vergessen haben, sie aufzuziehen. Aber dort in einer der kleinen Laden lag Gerolds Chronometer, den Francis liebevoll im Gange hielt. Sie nahm die schwere Uhr heraus, um sie vor sich hinzulegen, damit der Kranke zu rechter Zeit Medizin bekomme. Und hierbei fiel ihr Blick auf ein Bündel kleiner Schlüssel, ähnlich jenem, der in der Uhrlade steckte – also wohl die Schlüssel zu den andern Kästchen und Schränkchen im Schreibtisch. Halb Neugier, halb Langeweile ließen sie die Schlüssel probieren. Gewiß, sie schlossen die merkwürdigen Schübe und Türchen. Aber es fand sich nichts von Interesse darin. Wohlgeordnete Briefsammlungen, ein Konvolut alter Familienbilder, eine Mappe, mit Schul- und Universitätserinnerungen – nichts, was die junge Frau verweilen machte. Schon gab sie es auf, irgend etwas Besonderes zu finden – sie wußte es ja, daß Gerold keine Geheimnisse vor ihr hatte. Da im letzten Augenblick hatte sie, ohne es zu wissen, ein kleines Kästchen geöffnet, dessen Federverschluß sie wohl berührt haben mochte. Nur ein einziges kleines Briefchen lag auf dem Boden, herausleuchtend aus der Dunkelheit. Unwillkürlich blickte Francis hinüber zu dem Kranken, der sich in seinem unruhigen Halbschlummer hin- und herwarf.

Sie erhob sich, rückte ihm die Kissen zurück, trocknete ihm die Stirn und zerstäubte ein flüssiges Aroma, daß er einatmen sollte. Nun beruhigte er sich, streckte sich aus, murmelte ihren Namen, wie immer, wenn er ihre Nähe ahnte. Der Anfall war vorüber; jetzt würde der Kranke eine Stunde oder länger Ruhe haben.

Und Francis kehrte zu dem Schreibtisch zurück. Das Geheimschränkchen stand noch offen, der Brief schimmerte heraus. Mit einem unerklärlich ängstlichen Vorgefühl neigte Francis sich näher herab und sah nun, daß das Couvert verschlossen war, versiegelt; die Siegelseite lag nach oben. Jetzt griff sie energisch zu und – fast hätte sie aufgeschrieen – erkannte das Wappen ihres Vaters. Es gab keinen Zweifel: das war jenes achteckige Siegel von seinem großen schönen Ringe, einem uralten Erbstück der Engern. Schon halb gelähmt vor Schreck, drehte sie das Briefchen um und las in den großen energischen Schriftzügen ihres Vaters: »An den Verlobten meiner Tochter.« Darunter seine schöne, stolze Unterschrift und – entsetzlich – das Datum seines Sterbetages.

Die Glieder versagten ihr den Dienst, sie sank nahezu leblos in Gerolds Schreibsessel. Sekundenlang lehnte sie dort, in sich zusammengebrochen, vor sich hinstarrend, unbeweglich – keines Gedankens fähig. Als sich die bleischweren Augenlider wieder hoben und ihr entgeisterter Blick auf das Briefchen fiel, das da auf der resedafarbenen Tuchplatte lag, erschauerte sie von neuem. Ans einer andern Welt kam dieser Brief an der Schwelle des Todes geschrieben und mit fester Hand versiegelt. Sie überwand das Grauen und las zum zweiten Male. Rätselhaft! Unfaßbar! An wen hatte der Vater gedacht, als er in seiner letzten Stunde diese Adresse schrieb? Und wenn er am Tage seines Todes eine so zwiefach geheimnisvolle Botschaft abzusenden hatte – wußte er dann nicht schon, daß er sterben musste? So war es also doch kein Unglücksfall gewesen, was da mit dem Revolver geschehen? Eine furchtbare Erkenntnis drängte die andre. Ja, er war in den Tod gegangen in vollem Bewußtsein – im Bewusstsein seiner heiligsten Pflicht sogar, denn seine letzten Gedanken hatten ihr, Francis, gehört. Und der Brief enthielt Dinge, die sie entweder niemals oder doch nicht vor ihrer Verlobung hätte erfahren sollen, also gewiß ernste, schwer zu tragende Dinge, denen sie allein nicht gewachsen gewesen wäre. Wie aber – der Gedanke stürmte erst jetzt auf sie ein – wie kam diese Todesbotschaft in Gerolds Besitz? Damals, so lange der Vater lebte, kannte Francis den Konsul nicht und auch er war ihr wohl noch nie begegnet. Unmöglich, daß der Vater an ihn gedacht hatte, als er an den »Verlobten seiner Tochter« schrieb. Aber ihr bohrender Verstand wühlte sich hinein in dieses unheimliche Mysterium – sie kam der Wahrheit ganz nahe: an seinen Bankier war dieser Brief gelangt, weil der künftige Verlobte, wer immer es auch sein würde, mit dem Hause C. F. Gerold in irgendwelchen Verkehr treten mußte. – Ganz gewiß, so war es. Blieb nur noch eines ungelöst – vielleicht das Allermerkwürdigste.

Nun befand sich Ernst Albert Gerold im Besitze eines Briefes, der an Francis' Verlobten gerichtet war ... Wie war es nun zu erklären, daß er diesen Brief nicht geöffnet, nicht in der Stunde gelesen hatte, da niemand auf Erden außer ihm einen Anspruch erheben konnte auf den Brief? Und wieder gab es nur eine Antwort: Gerold wußte, was das Schreiben enthielt. Tatsachen, von denen der Vater geglaubt hatte, sie würden verschwiegen bleiben, bis dieser Brief sie offenbarte, waren nun doch an den Tag gekommen und das geheimnisvolle Kuvert hatte nichts mehr zu enthüllen. Wenn aber diese kühne Gedankenfolge richtig war, dann – dann war sie es, Francis, für die Gerold den Brief unentsiegelt aufbewahrte! Entweder als Trost wollte er ihr das Vermächtnis ihres Vaters reichen, wenn ihm die Stunde dafür gekommen schien, oder – auch das war möglich – als Waffe wollte er es gegen sie benützen, wenn sie ihm je unrecht täte!

Und die Frau, die so logisch zu schließen imstande war – eine Ausnahme unter vielen Tausenden – stand auch der Frage, was sie jetzt zu tun habe, wie ein großer Mensch gegenüber. Gewiß, sie sah das stolze Postament, auf dem ihr der Vater stand, wanken; sah das Licht, das sein teures Haupt umstrahlt hatte, von düsterem Gewölk bedroht; aber gerade deshalb wollte sie eine Engern bleiben, so wie er wohl bis zur letzten Stunde sich treu geblieben wäre, wenn nicht höhere Gewalten ihn bezwungen hätten ...

Mit einem zärtlichen, liebevollen Blick umfaßte sie noch einmal das letzte, was der Vater für sie zurückgelassen hatte, dann legte sie den Brief in das Schränkchen und ließ die kleine Tür zurückfallen. Nun erst wurde sie gewahr, daß sie diese Tür nicht wieder öffnen konnte.

In diesem Augenblick fuhr der Kranke heftig auf und gab jenen furchtbaren Schmerzenslaut von sich, der einen neuen Angriff des Fiebers anzukündigen pflegte. Mit Gewalt entriß Francis sich ihrer Stimmung und eilte an Gerolds Lager. Der ärztlichen Verordnung gemäß, schob sie dem Leidenden zunächst das Thermometer unter die Schulter, weil bei einem gewissen Temperaturgrad unmittelbare Gefahr einträte. Dann rief sie den Diener, ließ die Eisblasen erneuern, tauschte vorsichtig die Bettdecke gegen eine leichtere um und flößte endlich dem röchelnden Manne ein kühlendes Getränk ein. Nun sah sie, daß das Thermometer auf mehr als neununddreißig Grad stand. Sie stürzte zum Telephon, um den, glücklicherweise ganz nahe von hier wohnenden, Medizinalrat zu rufen. In den kaum zehn Minuten, bis der Arzt erschien, war das Fieber schnell gestiegen. Der Kranke schlug wild um sich, sein Atem kochte, seine Lippen waren trocken und bläulich. Der Arzt erkannte sofort, daß die Krise eingetreten und rief einen Kollegen herbei. Der jungen Frau gab er in schonender, aber durchaus klarer Form Aufschluß über den bedrohlichen Zustand des Kranken. Die nächsten Stunden würden die Entscheidung bringen. Es sei nicht unmöglich, daß Gerolds ursprünglich kräftige Natur diesem letzten Ansturm der Krankheit standzuhalten vermöge; aber man müsse auf das Schlimmste gefaßt sein. Keineswegs würde er, der Arzt, dulden, daß Francis hier im Krankenzimmer bleibe, wo sie absolut nichts helfen könne. Er bestand darauf, daß sie den schönen, milden Herbstabend zu einer Ausfahrt benütze und sich dann zurückziehe, bis er ihr Nachricht geben würde.

Francis fügte sich seinen Weisungen ohne Widerspruch. Eine innere Stimme sagte ihr, daß Gerold siegen würde in diesem Kampfe um sein Leben. Sie war nicht eigentlich, was man eine gläubige Natur nennt, aber sie glaubte an das Recht. Und deshalb fühlte sie, daß Gerold nicht von ihr gehen konnte, bevor nicht alles zwischen ihnen klar geworden.

Sie war längst zurück von ihrer Ausfahrt, hatte auch die Mutter, die sie durch eine Rohrpostnachricht hergebeten, schon wieder zum Bahnhofe Halensee begleitet und saß nun schon stundenlang in ihrem kleinen, englischen Salon und horchte hinaus. Zweimal hatte der Medizinalrat ihr kurze Nachricht zukommen lassen – jetzt kam er selbst und ermahnte sie, stark zu sein: es sei eine Verschlimmerung eingetreten. Und wieder eine Stunde später – es war lange nach Mitternacht – schickte er seinen jüngeren Kollegen: Die Krisis war überstanden. Der Kranke in tiefen, ruhigen Schlaf gesunken.

Francis schritt an der Seite des jungen Arztes hinüber in das Reseda-Zimmer und lauschte dort eine Minute lang den regelmäßigen, leichten Atemzügen ihres Gatten. Dann erst begab sie sich zur Ruhe. –

Gerold schlief noch immer, als Francis am Morgen bei ihm eintrat. Ein stiller, friedlicher Ausdruck lag auf seinen Zügen. Bisweilen schien ein leises Lächeln darüber hinzugleiten. Dann bewegte sich seine rechte Hand, als ob sie eine andere Hand suche. Und Francis legte ihre kühlen, schlanken Fingerspitzen in seine Rechte, die sie mit sanftem Drucke schloß. Aber noch hielt der Schlaf ihn fest umfangen, und er sollte unter keinen Umständen geweckt werden.

So nahm Francis wieder den gewohnten Platz am Schreibtische ein, wo sie auch die immer spärlicher werdende Privatkorrespondenz zu finden pflegte. Da war heute in erster Reihe eine Nachricht von der Freundin in England. Wenn es ihr, Francis, noch immer Ernst wäre, so böte sich gerade jetzt eine passende Gelegenheit: eine englische Familie in Brighton suche eine junge deutsche Dame, die sich bei Erziehung der Kinder nützlich machen wollte. Doch müsse der Antritt bald erfolgen.

War es ihr denn noch Ernst? Sonderbar, sie konnte sich diese Frage nicht beantworten. Sie wußte, daß sie ein Leben an Gerolds Seite, wie sie es bisher geführt, unter gar keinen Umständen fortsetzen wollte. Aber eben ihr unerschütterlicher Glaube an etwas, das man die poetische Gerechtigkeit des Lebens nennen könnte, ließ sie mit einer Art hellseherischer Klarheit erwarten, daß ihr Mann jetzt gefeit sei gegen jede geschäftliche »Anfechtung«. Und dann – natürlich, – dann würde sie bleiben!

Nun fiel ihr ein an Ernst Albert Gerold gerichtetes Schreiben in dem bekannten, länglichen Gerichtsformat auf. Es war an die Privatadresse gelangt, betraf also eine rein persönliche Angelegenheit. Sie durfte es unbedenklich öffnen.

Gerold wurde aufgefordert, »zu seiner Vernehmung« an einem festgesetzten, nahen Tage, vormittags neuneinhalb vor dem Untersuchungsrichter Landgerichtsrat Dennhorst zu erscheinen. Vermutlich eine Zeugenaussage, die man von ihm verlangte. Freilich, der Schlußsatz der Vorladung lautete beinahe brutal: »Im Falle Ihres Ausbleibens wird Ihre zwangsweise Vorführung erfolgen.« Aber dieser Passus war gedruckt in dem Formular – er war wohl nur auszustreichen vergessen worden.

Immerhin mußte der Kranke, der unmöglich innerhalb dreier Tage soweit hergestellt sein konnte, um sich zu einem Termin zu begeben, bei dem Richter entschuldigt werden. Der Medizinalrat hatte heute nacht gesagt, daß Gerold noch für lange Zeit der äußersten Schonung bedürfe und daß er, sobald dies irgend angängig, in ein milderes Klima überführt werden müsse.

Francis beschloß, noch heute den Richter aufzusuchen. Inzwischen war der Arzt gekommen, fand den andauernden Schlaf des Kranken sehr befriedigend und riet der jungen Frau, die blaß und leidend aussah, von neuem zu einer Ausfahrt. Es sei durchaus nicht wünschenswert, daß ihr Gatte sie gleich beim Erwachen sähe; das könne ihn mehr aufregen, als man riskieren dürfe. –

Als Francis noch an demselben Vormittag dem Landgerichtsrat Dennhorst ihre Karte hineinschickte, wurde sie sofort vorgelassen, obwohl der Untersuchungsrichter nicht allein war. Sie prallte zurück, als sie mitten in seinem Zimmer einen zerlumpten, wüst und frech ausschauenden Burschen stehen sah, der mit den gefesselten Händen grobe Stücke von einem Kuchen zum Munde führte, den eine alte Frau ihm mitgebracht.

Der Landgerichtsrat stand neben dem Paare.

»Verdienen tut er's nicht, der Lümmel,« sagte er zu der alten Frau, »daß ich ihm erlaube, zu essen, auch nicht, daß Sie ihm etwas bringen! Sie haben's anderwärts nötiger. Und er ist ein ganz verstockter Geselle, der nicht mit der Wahrheit heraus will, obwohl ich ihn schlagend überführt habe. An mindestens fünf schweren Diebstählen ist der Bengel beteiligt – es ist ihm nachgewiesen! – und er leugnet mit frecher Stirn! Sie sollten ihm zu Herzen reden, daß er endlich gesteht!«

»Jotte doch,« wimmerte das alte Frauchen, »lassen Sie ihn man erst essen, dann wird er ja woll jut tun! Ach, mein liebes Herrchen! Was ist das vor'n Elend! Ich habe man bloß noch den einen – die andern sind alle weg. Und er hat auch immer fleißig jearbeitet und hat jeden Jroschen zu Hause jebracht bis diesen Sommer – da ist er mir mit einmal ausjekratzt!«

»Jawohl,« grollte der Richter, »in den Rehbergen hat er sich herumgetrieben mit noch ein paar solcher Strolche. Und von da aus haben sie ihre Diebeszüge unternommen! Schäme Dich,« wandte er sich an den Untersuchungsgefangenen, »Deine Mutter scheint eine so brave Frau – sag' doch endlich einmal die Wahrheit! Du kommst ja ins Zuchthaus, wenn Du so frech alles abstreitest!«

»Det wird wohl nischt werden,« meinte der Bursche, mit beiden Backen kauend, »mit det Zuchthaus wer'n Sie sich wohl schneiden – ick bin noch keene achtzehn!«

»Nee, das ist wahr, Herr Richter,« unterstützte ihn die Mutter, »er wird erst diesen November achtzehn!«

Und der junge Mensch fiel wieder ein:

»Bleffen lass' ick mir nich! Und pfeifen tu ick auch nich – das lassen Sie sich man jesagt sein!«

Die Mutter wollte ihm eben einen riesigen Apfel reichen, aber der Untersuchungsrichter trat ärgerlich dazwischen:

»Fort mit dem unverschämten Burschen – fort!«

Ein Gerichtsdiener nahm den Häftling beim Arm und führte ihn hinaus, indessen die alte Frau, ihm folgend, immer wiederholte:

»Jotte doch, er wird ja wieder jut tun, wenn ich ihn erst wieder bei mir habe...«

»Jawohl – in fünf Jahren!« meinte der Richter. Er wandte sich zuerst zu einem jungen Referendar, der eben mit einer aufgeputzten, geschminkten jungen Dame ein Protokoll aufnahm.

»'s ist zwar kein Wort wahr, das sie spricht, aber nehmen Sie's nur auf, Herr Kollege.«

Dann erst schien er Francis zu bemerken, der ganz unheimlich zu Mute geworden war in dieser Umgebung. Er wies ihr artig Platz an und fragte nach ihrem Begehr.

»Ja,« sagte er, nachdem sie ihm die Vorladung gezeigt und von Gerolds Krankheit gesprochen hatte, »ja, das genügt in diesem Falle leider nicht, um ihn zu entschuldigen. Es wird vielmehr nötig sein, daß ein bei Gericht beglaubigter Arzt, ein Gerichtsphysikus, bestätigt, Herr Gerold sei zur Zeit unfähig, hier zu erscheinen. Sobald er aber überhaupt das Haus verlassen kann, hat er sich hier einzufinden.«

Schon dieser ganze Ton ließ einen furchtbaren Verdacht in der jungen Frau aufsteigen. Mit Zeugen konnte man unmöglich so umgehen! Man konnte doch niemandem zumuten, seine Gesundheit aufs Spiel zu setzen, weil irgendwo sein Zeugnis erwünscht war.

»Verzeihen Sie, Herr Rat, mein Mann soll, sobald er transportfähig ist, sofort nach Meran gebracht werden.«

»Dann wird ihm wohl ein Steckbrief auf dem Fuße folgen,« erwiderte trocken der Untersuchungsrichter.

»Ein – ein – Steckbrief?« Sie brachte das entsetzliche Wort kaum über die Lippen.

»Natürlich!« bestätigte der Rat, der schon wieder hinüberhorchte nach jener Vernehmung, sich auch bereits ein neues Aktenstück zurecht gelegt hatte. »Ich nehme an, Sie wissen, um was es sich handelt, meine Dame – spricht doch ganz Berlin davon! Gegen Ihren Gatten ist die Voruntersuchung wegen schwerer Delikte beantragt: er wird des Wuchers, des Betruges, der Erpressung beschuldigt...« Der Landgerichtsrat hielt plötzlich in seiner geschäftsmäßigen Aufzählung inne: er sah, daß die junge Dame totenblaß geworden, daß sie schwankte und daß sie von ihrem Stuhl herabzusinken drohte. Eben war auch der junge Referendar aufgesprungen und eilte ihr zu Hilfe.

»Das ist nicht bald so schlimm,« tröstete die Geschminkte. »Die Herren nehmen hier immer den Mund ein bißchen voll – die muß man kennen!«

Aber Francis hörte weder diesen gutgemeinten Zuspruch, noch wußte sie davon, daß man sie ohnmächtig in das Zimmer des Kastellans gebracht und einen Arzt herbeigerufen hatte. Sie kam erst wieder völlig zu sich, als man sie behutsam in ihrem Wagen untergebracht.

Hier erst, in der frischen Herbstluft, gewannen die Dinge um sie her wieder feste Gestalt. Und nicht minder bestimmte Form nahmen auch ihre Entschlüsse an. Jetzt wußte sie Antwort auf die Frage der Freundin in England, ob es ihr Ernst sei ...

Zu Hause angelangt, hörte sie, daß Gerold inzwischen wach gewesen sei, daß er nach ihr gefragt habe. Man hatte ihn beruhigt, ihn umgebettet und gestärkt; jetzt schlief er wieder.

Ohne auch nur dem leisesten Bedenken Raum zu geben, traf Francis ihre Anstalten. Sie ließ einiges an Wäsche, einfachen Kleidern einpacken, nahm den bescheidenen Schmuck an sich, den sie als junges Mädchen besessen, auch eine kleine Summe Geldes, die sie als ihr persönliches Eigentum betrachten durfte. Während ihr Koffer fertig gepackt wurde, schrieb sie an Gerolds ständigen Rechtsanwalt, sandte ihm die Vorladung ein und ersuchte ihn, sich sofort mit einem Gerichtsphysikus in Verbindung zu setzen, damit Gerold rechtzeitig und formgemäß entschuldigt werde. Es sei zwecklos, sogar vielleicht gefährlich, den Generalkonsul jetzt wissen zu lassen, um was es sich handle. Sie setze das Vertrauen in seinen Sachwalter, daß er es weder an der gebotenen Vorsicht, noch an der nötigen Energie und Hingabe werde fehlen lassen. –

Nachdem sie so alles getan hatte, was sie für ihre Pflicht hielt, ließ sie sich die überaus verläßliche, schon seit Jahren in Gerolds Diensten stehende Haushälterin kommen, um ihr zu sagen, daß sie noch in dieser Stunde verreisen müsse. Sie legte ihr an's Herz, sich um den Kranken zu kümmern; sie selbst sei krank, bedürfe der Erholung und werde längere Zeit ausbleiben.

Ohne noch einen Blick zurückzuwerfen in das Reseda-Zimmer, schritt sie fest und aufrecht aus dem Hause, bestieg die bestellte Droschke und ließ sich zum Bahnhof Charlottenburg fahren. –

Als Gerold am Nachmittage erwachte, erkannte er zum ersten Male seine Umgebung mit vollem Bewußtsein. Wieder galt sein erster Ruf der Frau, die er liebte und die seine suchenden Augen immer irgendwo hervortreten zu sehen glaubten. Bis er die Wahrheit, die furchtbare Wahrheit erkannte: Francis hatte ihn verlassen. Sie war wirklich damals gegangen, so mußte er glauben. Aber diese Erkenntnis führte keinen Rückfall in seiner Krankheit herbei. Es war im Gegenteil eher, als fühlte er neue Kraft durch seine Glieder strömen. Er würde ihrer bedürfen! –

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