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Die höchste Instanz

Paul Blumenreich: Die höchste Instanz - Kapitel 3
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authorPaul Blumenreich
titleDie höchste Instanz
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Der Generalkonsul eilte dem Leutnant von Engern, der ihm eben gemeldet worden war, entgegen.

»Ich seh' es Ihnen an, lieber Freund – Sie bringen mir gute Nachricht!«

Er zog ihn förmlich ins Zimmer, schob ihm den Sessel zu und drückte ihn hinein; ihm selbst erlaubte seine Unruhe nicht, sich zu setzen.

Nun hatte er Zigarren herbeigeholt, auch das Kognak-Service dem Gaste näher gerückt, und während Egbert von Engern sich Zeit ließ, die Flor de Cuba anzurauchen, stand der Konsul erwartungsvoll vor ihm und versuchte in den Mienen des Offiziers zu lesen. In seiner lebhaften, hoffnungsfrohen Gespanntheit erschien Gerold im Augenblick beinahe jünger als der Leutnant, dem er doch um acht bis zehn Jahre voraus sein mochte. Er war wirklich beteiligt an der Entscheidung, die jener bringen sollte, man sah es ihm an.

»Nun also – Mama erwartet Sie morgen abend, Herr Generalkonsul,« hob Egbert endlich an. »Von der steifen Antrittsvisite wird Abstand genommen. Ich hole Sie ab und Sie trinken eine Tasse Tee bei uns. Ist's so recht?«

Der Konsul fiel dem jungen Manne buchstäblich um den Hals und brauchte einige Augenblicke, um Herr der tiefen Bewegung zu werden, die ihn gepackt hatte.

»Sapperlot – Sie schluchzen ja beinahe, Verehrtester! Es ist doch etwas Wahres daran, daß die Natur sich nicht einzwängen läßt! Da sind Sie beinahe vierzig Jahre alt geworden und nun auf einmal bricht es bei Ihnen aus, als sei es bis dahin nur gewaltsam zurückgedämmt gewesen!«

»So ist es auch, lieber Freund! Das ist mir nie klarer geworden, als in diesen Tagen, seit Ihre Frau Mutter bei mir war.«

Der Diener kam mit einer neuen Meldung. Ohne auch nur einen Blick auf die ihm präsentierte Karte zu werfen, erklärte der Generalkonsul:

»Ich bin zunächst für niemanden zu sprechen! Stören Sie mich nicht wieder!« Im selben Moment bedauerte er den allzu strengen Ton: »Ich rufe Sie schon, Fritz, wenn ich Ihrer bedarf.«

»Sehen Sie, mein lieber Freund,« begann er, jetzt seinem Gaste gegenüber sitzend, »es fällt mir gar nicht ein, Ihnen oder sonst wem einreden zu wollen, ich hätte bis heute, bis nahe vor meinem Eintritt ins Schwabenalter auf Ihre Schwester gewartet. Unsinn! Ich habe das Leben genossen, habe die Frauen in allen Schattierungen kennen gelernt. Ja, es scheint mir Pflicht, zu bekennen, daß ich noch jetzt nicht ganz frei bin von einer gewissen Beziehung, wie sie sich unsereinem leicht bietet. Ich meine, vor einem Schritt, wie ich ihn tun will, ist Offenheit Ehrensache. Aber wie ich diesen Verkehr schon seit Monaten mehr und mehr habe einschlafen lassen, so erscheint es von heute an selbstverständlich, daß ich ihn endgiltig aufgebe. Sie würden mir eine Last vom Herzen nehmen, wenn Sie das Ihrer Fräulein Schwester sagen wollten, bevor ich sie sehe. Es darf nichts unklar bleiben zwischen ihr und mir.«

Der Leutnant machte eine leichte, etwas förmliche Verneigung, als wollte er andeuten, daß er diesen Punkt nicht eben für den wichtigsten halte.

»Es ist nur gut,« meinte er lächelnd, »daß Sie nicht in allen Dingen von so rückhaltloser Offenheit sind, sonst wäre ich doch in eine böse Lage geraten, meiner Mutter gegenüber.«

Der Konsul verstand nicht gleich, was Egbert meinte; er war zu sehr von seiner eigenen Angelegenheit erfüllt.

»Nein, im Ernst,« fuhr Egbert fort, »es war hochnobel von Ihnen, meiner Mutter die unangenehme Geschichte zu ersparen!«

»Ja so – die Geldsache! Wozu ihr davon reden?«

»Ist sehr nobel gedacht, wie gesagt. Aber es hat mich – natürlich ganz gegen Ihren Willen – in eine kitzliche Situation gebracht, fast schlimmer, als die, aus der Sie mir geholfen haben.«

»Ich kann wirklich nicht recht absehen ...«

»Gleich, lieber Generalkonsul – gleich! Also es ist eine Tatsache: Sie haben die Güte gehabt, mir zehntausend Mark von dem Vermögen meiner Mutter auszuzahlen ... Sie wußten eben, wie es mit mir stand, und sprangen mir in dieser scheußlichen Lage bei. Blieb nur noch die böse Auseinandersetzung mit der alten Dame, die ich leider von einem zum andern Tage verschob. Das verdammte Wetten und Spielen! Man denkt immer wieder: »Heute wird es 'mal für Dich schlagen!« Und in dieser Hoffnung schwindelt man sich um die Dinge herum. Nun hab' ich richtig so lange nichts gesagt, bis eines Tages meine Mutter zu Ihnen ging. In meiner – na, sagen wir nicht Feigheit, sondern nur Besorgnis, ich könnte diesmal mich kaum noch rechtfertigen, lenkte ich meine Mutter geradeswegs zu Ihnen: ich meinte, Sie würden ihr die Sache schonend beibringen.«

»Das würde ich sogar abgelehnt haben, wenn Sie mich direkt darum ersucht hätten.«

»Versteh' ich nun vollkommen. Aber, wenn ich auch der alten Dame gegenüber hinterm Berge halten konnte, bei der Francis, meiner Schwester, ging das nicht!«

»Sie haben ihr etwas davon gesagt?« fuhr der Konsul erschrocken auf.

»Ach, mein Verehrter – Sie kennen sie eben noch nicht! Da braucht es nicht viel Worte – sie hat zu kluge Augen! Ihrer ersten Frage, als sie mit mir allein war: »Wie stehst Du mit dem Herrn Generalkonsul?« »Wie meinst Du das?« wich ich aus und fügte dann schnell hinzu: »Sehr gut! Beinahe freundschaftlich!« »Das mein' ich nicht,« rief sie, »bist Du ihm Geld schuldig?« Nun, das war so eine Frage ... Glattweg nein sagen konnt' ich nicht, weil ich mir gar nicht recht klar darüber bin, ob ich jene zehntausend Mark nicht doch von Ihnen gepumpt bekommen habe. Und ebensowenig ließ die Frage sich bejahen. Aber Francis hat eine sonderbare Art, den Dingen auf den Grund zu kommen. Es ist, als ob sie mit anderen Augen sähe, mit anderen Ohren hörte, wie wir Alltagsmenschen. Und kurz und gut, ich sagte die Wahrheit!«

»Entschuldigen Sie – was nennen Sie nun die Wahrheit?« –

»Daß ich mir zehntausend Mark auf den Namen meiner Mutter von Ihnen geholt habe. Ich konnte ihr kein X für ein U machen!«

»Nun – und ...?«

»Schenken Sie mir das, Verehrtester! Es ist nun einmal nicht mit ihr zu spaßen in gewissen Dingen. Sie hatte eigentlich nur ein Wort, aber das war hart ... Plötzlich schien ihr einzufallen, daß die Mutter, die ja nie das allerkleinste Geheimnis vor ihr hat, die Sache nicht mit einem Worte berührt hatte. Wie ich mir das erkläre, fragte sie. »Sehr einfach, der Konsul hat die häßliche Geschichte totgeschwiegen.« »Hm,« machte sie sehr nachdenklich, »das war ein schöner Zug von ihm! – Aber wie willst Du es nun mit Deiner Heirat halten?« flammte sie plötzlich wieder auf. »Willst Du der Mutter den allerletzten Reservegroschen nehmen?« Darauf konnt' ich vernünftigerweise nichts erwidern, als daß ich auf die Heirat verzichte. Und nun brach das Ungewitter los. Etwas ganz Unerhörtes hatte sich ereignet – etwas, das eben nur bei Francis möglich ist und das ich auch bei ihr nie für denkbar gehalten hätte. Stellen Sie sich vor: sie ist gestern bei meiner Kleinen gewesen!«

»Ihre Schwester? Bei ...?«

»Bei Fräulein Sandrock – ja! Noch habe ich keine Ahnung, wie dies Zusammentreffen abgelaufen ist; ich habe meine Braut bisher nicht sprechen können, obwohl ich dreimal dort war. Aber das Resultat ist offenbar, daß Francis Sie empfangen will.«

»Das Resultat dieses Besuches? Da kann ich Ihnen nicht folgen, mein Bester!«

»Sie werden gleich klarer sehen. Man muß sich das nur alles zusammenreimen. Daß meine Verheiratung dringlich sei, hat sie ja wohl gemerkt, wenn sie auch natürlich nie davon sprach. Eine Braut, die der Bruder ihr nicht vorstellt, existiert doch nicht für sie. Na, und mir ist es ja auch erst jetzt Ernst geworden! Das war ja nicht immer so! Nachher aber war es zu spät zum Vorstellen ... Nun hat meine Schwester kombiniert: »Der Egbert braucht dringend Geld, um heiraten zu können; er ist befreundet mit einem sehr vermögenden Bankier, der gern zu uns kommen möchte ... Da will ich mir doch einmal das Mädchen ansehen, um dessentwillen ich die Bekanntschaft mit dem Herrn Generalkonsul Gerold machen soll« – verstehen Sie nun?«

Gerolds Mienen hatten sich mehr und mehr verfinstert. Er war da in den abscheulichsten Verdacht geraten. Francis von Engern mußte glauben, er habe sich ihren Bruder erkauft. Und doch war ihm niemals ein solcher Gedanke gekommen; er würde ihn um so bestimmter von sich gewiesen haben, als er die Engerns und ihre penible Ehrauffassung zu kennen glaubte. Nein, der Vorwurf träfe ihn mit Unrecht. Er hatte im Gegenteil beinahe leichtfertig gehandelt, als er den Bitten des Offiziers nachgab. Aber auch aus dieser Leichtfertigkeit konnte, durfte man ihm keinen Strick drehen. Er würde genau dasselbe tun wie damals, als Egbert zu ihm kam und ihm von seiner verzweifelten Lage sprach. Die Scene stand jetzt wieder lebhaft vor ihm, obwohl es gewiß nicht zum ersten Male geschehen war, daß ein Offizier zu ihm kam, der gespielt hatte. Aber Egbert von Engern, den er ja fast von Kind auf kannte, war aus Liebe an den Spieltisch geraten. Er war in heller Leidenschaft entbrannt für ein schönes, armes, alleinstehendes Mädchen, eine Volksschullehrerin. Was anfangs nur wie ein romantisches Abenteuer sich angelassen, beherrschte ihn bald so sehr, daß er nur den einen Gedanken hatte: das reizende Mädchen heimzuführen. Aber das ging nicht, wenn er nicht vor allem die Kaution erlegen konnte. Und ihm kam der verzweifelte Gedanke, sein Glück im Spiele zu erproben. Mit einigen hundert Mark, die er der Mutter abgeschmeichelt, begann er, und mit einer Schuldenlast von nahezu zehntausend Mark taumelte er aus dem Klubhause ... Aber auch dieser besondere Fall hätte Gerold noch nicht bewogen, das Geld herzugeben. Dazu war er vielmehr durch eine Aeußerung Egberts veranlasst worden, die ihn, Gerold, wie mit neuer Jugendkraft erfüllte. Während nämlich der vor dem Aeußersten stehende Offizier immer wieder versuchte, sich vor dem Bankier seiner Mutter zu rechtfertigen, nannte er den Namen seiner Schwester.

»Ich würde mir eher eine Kugel ins Hirn jagen, als das Geld angreifen,« sagte er, »wenn ich nicht wüßte, daß meine Schwester Francis keiner Mitgift mehr bedarf!«

»Woher wissen Sie das?« hatte Gerold erschrocken gefragt. –

»Sie wird nicht heiraten! Gewiß nicht! Sie hat zwar den ersten Liebesroman verwunden, aber ein zweiter wäre wohl nur denkbar, wenn ein Prinz, ein Fürst sie begehrte. Und der würde nicht nach den paar tausend Mark fragen!«

»Wenn Sie damit sagen wollen, daß man sich Ihre Fräulein Schwester nur im Glanze fürstlicher Pracht denken kann, haben Sie gewiß recht.«

»Ich meine sogar, daß sie das heute fühlt. Sie würde ja ihren Mann vielleicht noch einmal so lieben können, wie sie ihren Verlobten geliebt hat – aber doch nur aus Dankbarkeit dafür, daß er sie dem Alltage enthebt, daß er ihrer Schönheit einen entsprechenden Rahmen schüfe ...«

Das war in Gerolds Seele gefallen wie ein Lichtstrahl. Wenn es so war – und Egbert charakterisierte seine Schwester mit auffälliger Menschenkenntnis –, dann durfte er, Gerold, nicht nur hoffen, sondern dann war er der rechte Mann! Wenn auch kein Fürst, kein Prinz, so doch ein reicher, unabhängiger Mann. Und seine Liebe würde ihn lehren, von seinem Reichtum nur den einen Gebrauch zu machen: eine schöne Fassung abzugeben für dies Juwel von einem Weibe.

Und in dieser Stimmung, in der er den unglücklichen, verliebten Offizier von Herzen bedauerte, und in ihm zugleich schon fast den künftigen Schwager sah, hatte er, ohne seiner Gefühle für Francis auch nur mit einer Silbe Erwähnung zu tun, sich entschlossen, ihm zu helfen. Er hätte ihm das Gold als ein Darlehn angeboten, wenn nicht ein feiner Takt ihn davor gewarnt hätte, zu viel für den Bruder von Francis von Engern zu tun. Und es war ihm ganz recht, daß jener das Geld für Rechnung seiner Mutter entnahm. So lange die alte Dame nicht danach fragte, würde sie gewiß nichts davon erfahren. Und käme sie, so würde er die Sache vielleicht »drehen«, würde ihr die Notwendigkeit nachweisen, die Kaution für Egbert zu stellen, und dies dann aus seinen Mitteln getan haben.

Nun aber schien sich alles gegen ihn zu kehren. Er war sonst, als Geschäftsmann, nicht immer frei von einer anfechtbaren Moral. In diesem Falle aber fühlte er sich schuldlos. Er hatte aus einer schönen Regung heraus, in spontaner Bereitwilligkeit gehandelt, hatte nicht den leisesten Versuch gemacht, etwas wie eine Gegenrechnung zu stellen. Trotz alledem – Francis mußte die Dinge anders ansehen: sie mußte eine brutale Spekulation vermuten. Und Egbert schien es gar nicht zu ahnen, wie da etwas Heiliges besudelt wurde. Er wußte wohl nicht einmal, wie erbärmlich er seiner Schwester offenbar erschienen war. – Nein! das war nicht die Grundlage für ein künftiges Glück. Entweder gelang es ihm, Francis zu überzeugen, daß ihm jeder Hintergedanke fern gelegen, oder es war aus mit dem schönen, berückenden Traum. –

Er hatte sich erhoben.

»Ich glaube nach alledem,« sagte er entschlossen, »daß es durchaus unratsam wäre, mich Ihrer Fräulein Schwester jetzt zu nähern – jetzt keinesfalls!«

»Aber was fällt Ihnen ein, Verehrtester,« rief der Leutnant in höchster Bestürzung. »Sie haben ja durch das alles nur gewonnen, liebster Generalkonsul!«

»In Ihren Augen vielleicht, aber gewiß nicht in denen Ihrer Schwester. Ich sehe ganz klar: sie hat sich nur entschlossen, meinen Besuch zu empfangen, weil sie sich in eine Zwangslage gedrängt glaubt.«

»Warum nicht gar!« wollte Egbert entgegnen, aber Gerold schnitt ihm das Wort ab:

»Ich werde die Ehre haben, mich bei den Damen Ihres Hauses zu entschuldigen. Ich darf nicht früher kommen, als bis ich vollkommen klare Verhältnisse schaffen konnte.«

Das war in völlig verändertem Tone gesprochen. Der Konsul hatte die elektrische Klingel berührt, ein Diener erschien in der Tür.

»Bringen Sie mir das von Engernsche Depot, bitte!« Und sich wieder an Egbert wendend, fuhr er fort: »Wir müssen nunmehr die Dinge rein geschäftlich behandeln – erschrecken Sie nicht! – Sie werden mich nach wie vor zu jedem Entgegenkommen bereit finden. Aber zunächst müssen die Dinge klar gestellt werden ...«

Der Diener kam mit einer Stahlkassette, zu welcher der Generalkonsul das Schlüsselchen aus einer Lade seines Schreibtisches entnahm.

»Sie wissen vielleicht nicht, daß dieses Depot eigentlich erschöpft ist durch die Entnahme jener zehntausend Mark, die ich Ihnen am 4. April dieses Jahres ausgezahlt habe.«

Egbert glaubte, nicht recht gehört zu haben.

»Eigentlich erschöpft? Wie meinen Sie das?«

»Sehr einfach: es enthält augenblicklich nur noch die Deckung für diese zehntausend Mark – bitte, sehen Sie selbst, Herr Leutnant!«

Und er leerte das Kästchen, in welchem sich ein kleines Päckchen preußischer Konsols, ein Aktenstück und ein versiegeltes, kleines Briefkuvert befanden.

Er zählte dem sprachlos dreinstarrenden Egbert die Staatspapiere vor: zehn Stück, jedes zu tausend Mark. »Das Geld, das Sie empfangen haben, kam aus meiner Kasse, und dorthin gehören nun diese Konsols, wenn wir Ordnung schaffen wollen.«

»Aber Herr Generalkonsul ...«

»Ich weiß – Sie wollen von den übrigen fünfzehntausend Mark sprechen, die Ihre Frau Mutter außerdem besitzt ...«

Egbert atmete erleichtert auf. Der Schreck war ihm in alle Glieder gefahren.

»Damit hat es nun eine eigne Bewandtnis,« erklärte Gerold, indem er das Aktenstück vor Egbert ausbreitete. »Wir haben nämlich diese fünfzehntausend Mark nicht in Händen – wenn sie auch wohl zweifellos vorhanden sind. Ich versuchte schon neulich, mit Ihrer Frau Mutter über die Sachlage zu sprechen; aber sie hielt nicht stand, es beschäftigte sie offenbar etwas anderes.«

»Ich muß sagen, ich bin außerordentlich gespannt ...«

»Das kann ich begreifen. Wollen Sie gefälligst lesen – das wird die Sache abkürzen.«

Auf den ersten Blick erkannte Egbert die Handschrift seines Vaters. Es war ihm zwar vorläufig unfaßbar, was sich da für Komplikationen ergeben sollten, aber des Konsuls Haltung war jetzt so streng geschäftlich, daß er auch seinerseits sich nichts vergeben durfte.

Zuerst überflog er das Schriftstück nur, dann begann er kopfschüttelnd es von neuem langsam zu lesen. Eine sonderbare Empfindung überkam ihn; ihm war, als ginge ein eisiger Luftzug durch das Zimmer, und gleichwohl trat ihm der Schweiß in hellen Tropfen auf die Stirn. Gewiß, die Hand seines Vaters hatte das geschrieben. Aber der Sinn, der Inhalt dieser Worte – wie sollte man ihn mit dem Major von Engern in Verbindung bringen?! War es denn auszudenken, daß Justus Egbert von Engern »stiller Teilhaber« an einem – o, es ist furchtbar! – an einem Möbel-Abzahlungs-Geschäft gewesen? Und daß er sieben und ein halb Prozent Zinsen von seinem eingelegten Kapital bezogen hatte? Schien das nicht wie eine höllische Blasphemie – wie ein Pasquill, das eine freche Einbildungskraft dem Toten angeheftet hatte? Schwer atmend begann Egbert zum dritten Male mit der ihm schier unbegreiflichen Lektüre. Da stand es in klaren Worten, daß der königlich preußische Major Justus Egbert von Engern seinen Geschäftsanteil an der Möbelhandlung des Wilhelm Dietz, bestehend in einer Bareinlage von zehntausend Mark, an das Bankhaus C. F. Gerold cediere – dergestalt, daß der mit zehntausend Mark festgesetzte Kaufpreis an die Erben des Majors ausgezahlt werden sollte. Und wenn Egbert noch irgend welche Zweifel gehabt hätte – das der Cessionsurkunde beigeheftete notarielle Aktenstück, welches das Vorhandensein der cedierten Teilhaberschaft in aller Form bestätigte, mußte ihn endgiltig überzeugen: sein Vater war der stille Socius eines Möbelhändlers gewesen!

Eine grinsende Ironie sprach aus der Tatsache. Aber anzufechten war sie wohl schwerlich. Und bei alledem blieb etwas dunkel an der Sache; vor allem stimmte ja die Summe der ganzen Erbschaft nicht. Außer jenen zehntausend Mark in Staatspapieren hatte man ja immer fünfzehntausend Mark anderer Werte angenommen. Hilflos blickte der junge Offizier zu dem Bankier hinüber.

»Sie sehen mich wie verhagelt, Herr Generalkonsul. Dieses Möbelgeschäft und diese Zinsen und diese Cession – hol' mich der Teufel, wenn ich klug daraus werde!«

Ein überlegenes Lächeln zeigte sich in den Zügen Gerolds. –

»Gar so schwer begreiflich ist die Sache nicht. Daß Ihr Herr Vater einen Teil seines kleinen Vermögens geschäftlich angelegt hat, finde ich nicht so ungeheuerlich. Und auch Sie würden sich schnell damit aussöhnen, wenn statt der notariellen Urkunde etwa zehn Anteilscheine einer Möbel-Industrie-Aktien-Gesellschaft vorhanden wären. Diese dürften auch, einschließlich der Dividende, gern sieben und mehr Prozent Zinsen tragen, ohne daß es Ihnen kalt über den Rücken liefe. Und doch wär' es nur eine andere Form für die gleiche Sache. Aber Ihr Herr Vater kannte die Seinen sehr gut. wenn er ihnen verschwieg, daß er genötigt war, einen möglichst hohen Gewinn aus dem bescheidenen Vermögensrest zu ziehen. Er wußte, man würde darüber erbleichen, wie Sie, mein lieber Herr Leutnant. Da er aber auch wußte, wie dringend seine Erben auf den Zinsertrag angewiesen sein würden, hatte er nicht den Mut, seinen Geschäftsanteil zurückzuziehen, als er die Stunde gekommen sah, seine Angelegenheiten zu ordnen. Er cedierte vielmehr uns den Anspruch, damit wir, so lange niemand danach fragte, jene siebenhundertundfünfzig Mark jährlichen Gewinnanteils zu den Zinsen der Staatspapiere hinzufügen und das Ganze den Erben regelmäßig auszahlen sollten ... bis etwa eines Tages eine Aufklärung unabweisbar würde – dann würden wir eben den Geschäftsanteil von Wilhelm Dietz zurückziehen. Bis heute hat der Möbelhändler pünktlich gezahlt, und ich konnte Ihre Frau Mutter in dem frohen Glauben lassen, sie besitze noch fünfundzwanzigtausend Mark und beziehe davon die üblichen, gesetzmäßig statthaften Zinsen.«

Gesenkten Hauptes, mit zusammengekniffenen Lippen, hatte Egbert zugehört. Unklar war ihm jetzt nichts mehr an der sonderbaren Geschichte, wenn er auch immer das Gefühl hatte, als sei der Kragen seines Waffenrockes noch nie so hoch und steif und eng gewesen, wie heute. Aber wie gesagt, seinem Verständnis tat das keinen Abbruch. Er begriff jetzt auch, daß und warum der Generalkonsul den Augenblick für gekommen erachtete, in welchem eine Aufklärung unabweisbar wäre, denn jene zehntausend Mark Konsols gehörten der Kasse von C. F. Gerold; der Witwe des Majors und Möbelhändlers Justus Egbert von Engern aber gehörte nur noch der Anteil an dem Abzahlungsgeschäft und da würde man wohl nicht umhin können, sie zu fragen, ob sie wünsche, ihr Geld aus dem Möbelladen zurückgezogen zu sehen ... Es würde dann kaum noch halb so viel Zinsen tragen – Grund genug, die Sache reiflich zu erwägen!

Während ihm das durch den Kopf ging, stieg plötzlich jene entsetzliche Stunde vor ihm auf, da man den Vater, auf der Bank vor seinem Waffenschrank sitzend, tot gefunden hatte. Von jenem glaubte man es, daß er beim Reinigen seines Revolvers durch einen Unglücksfall ums Leben gekommen sei – er, Egbert, würde es gar nicht mit solch einer schönen Täuschung versuchen!

»Mein Vater hat's hinter sich,« rang es sich schwer aus der Brust.

»Und Sie,« fuhr der Konsul ihn an, »Sie sollten sich schämen, ihn zu beneiden!« Ein wenig ruhiger, aber eindringlich fuhr er fort: »Sie haben Pflichten, mein Lieber! Und noch ist nichts verloren. Ich bin sogar dafür, daß wir vorläufig alles beim alten lassen.«

Egbert richtete den Kopf langsam in die Höhe. Gab es noch Hoffnung? Und sollte sie noch einmal von diesem – Geschäftsmanne kommen?

»Sie werden mir,« begann der Konsul von neuem, »einen Schuldschein in Höhe jener zehntausend Mark unterzeichnen, damit diese Konsols auch ferner hier in dem Depot verbleiben können. Auch den Möbelladen-Anteil behalten wir für's erste noch. – Rücken Sie den Zahlungstermin hinaus, so weit Sie wollen, ich werde Sie nicht drücken. Nur Ordnung wollte ich schaffen.«

Er hatte an seinem Schreibtische Platz genommen, um den Schuldschein auszuschreiben und gab jetzt durch das Mikrophon eine Weisung.

»Man wird Ihnen an der Kasse die Quittung zurückgeben, die Sie am 4. April im Namen Ihrer Frau Mutter erhoben haben.« Er schob dem Leutnant den Schein hin und reichte ihm eine eingetauchte Feder.

Egbert unterschrieb in sichtlicher Erleichterung.

»Ich danke Ihnen von Herzen, Herr Generalkonsul! Und nun hören Sie auch auf mich, mein Verehrtester – glauben Sie mir, und seien Sie morgen abend unser Gast!«

»Ich will mir's überlegen,« sagte Gerold ernst.

Im Begriff, die Staatspapiere und die Cession wieder in die Kassette zu legen, fiel ihm das versiegelte Briefchen in die Augen. Mit einem schmerzlichen Seufzer stieß er hervor: »Wenn ich auch dies hier noch einmal aus den Händen geben muß, dann könnte es kommen, daß ich für mich selbst keinen Trost mehr weiß!«

Verwundert schaute Egbert auf den unscheinbaren Brief –: wieder seines Vaters Handschrift! Da stand in großen, kräftigen Zügen: »An den Verlobten meiner Tochter!« Und darunter ein Datum, das Datum seines Todestages, und die volle Unterschrift: »Egbert Justus von Engern.«

Aufs neue überrieselte den jungen Mann ein kalter Schauer. Sprach doch der Tote heute zum zweiten Male mit ihm und gab ihm düstre Rätsel auf. Mit halb erstickter Stimme würgte er hervor:

»Wie und wann bekamen Sie den Brief?«

»Ein Bote brachte ihn mir in derselben Stunde, in der Ihrem armen Vater jenes Unglück geschah ... Kein Wort begleitete dies, von einem zweiten, an unser Haus adressierten Kuvert umschlossene Vermächtnis.«

»Und niemand weiß davon, als Sie?«

»Ich hoffe, niemand soll davon erfahren!«

Egbert ergriff des Konsuls Hand:

»Noch einmal lassen Sie mich bitten: Kommen Sie morgen abend! Ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß Francis...«

»Ich denke an Ihre Schwester – nur an sie,« sagte der Konsul warm und erwiderte den Händedruck Egberts. »Lassen Sie mich den rechten Weg finden!« –

Schwer sank Gerold in seinen Sessel zurück, nachdem jener sich verabschiedet hatte. Es war schnell, ach nur zu schnell zu Ende gegangen mit seinem Traum. Er hatte nur dem jungen Manne nicht zeigen wollen, was ihm jetzt doch ganz deutlich war: Francis von Engern würde freiwillig nicht für ihn zu haben sein.

Ach, nur ein Traum war es gewesen, was ihn beglückt hatte. So oft er sie gesehen, und noch viel öfter, wenn nur sein Verlangen ihm ihr Bild vorgespiegelt, hatte er sich gesagt, daß er ihr nichts zu bieten habe, was nicht auch ein jüngerer, vermögender Mann aus ihrem Kreise ihr nur zu gern zu Füßen legen würde. Erst die gelegentlichen Bemerkungen Egberts ließen ihn so recht Hoffnung schöpfen. War es wirklich Glanz und Reichtum, womit sie zu gewinnen wäre – weshalb nicht auch durch ihn? Besaß er nicht eine immerhin exklusive gesellschaftliche Stellung? Und schlug nicht sein Herz ihr voll aufrichtiger Bewunderung entgegen? Und doch wagte er nicht mit einem Worte anzudeuten, was er von der Zukunft erhoffte. Erst, als sich neuerdings eine Art von freundschaftlichem Verkehr zwischen Egbert und ihm angebahnt hatte, fragte er hier und da einmal nach Francis. Kein besseres Mittel, ihre Art, ihr Wesen kennen zu lernen, als durch das ahnungslose Geplauder ihres Bruders. Hätte Egbert auch nur entfernt vermutet, wohin Gerold steure, so würde er ihn in das Haus der Mutter eingeführt haben. Aber der Konsul hatte gelernt, sich zu beherrschen. Der Zeitpunkt schien ihm noch nicht gekommen, bis dann endlich Francis' Mutter ihm bestätigte, was er noch immer nicht recht glauben wollte: daß ein Mädchen wie Francis von Engern wirklich innerlich frei war, daß sie ihren ersten heißen Liebesroman vollkommen überwunden und stolz und ruhig abgeschlossen hatte mit der Vergangenheit. Dann freilich, aber auch nur dann durfte er hoffen. Ihm war, als er die alte Dame hinausgeleitete, als entsende er eine Priesterin, die bei seiner Göttin für ihn beten sollte.

Und nun war er, der mit allem Zartsinn des Liebenden jeden seiner Schritte bemessen, jedes seiner Worte bedacht hatte, dem wüstesten Mißverständnis preisgegeben. Unmöglich, ihr gegenüberzutreten, so lange sie das Recht hatte, ihn einer Roheit fähig zu halten. Er wollte einen letzten Versuch machen: ihr schreiben. Wenn sie sich dann nicht zum Worte meldete, wollte er den Johannistrieb hart am Stamm wegschneiden. –

Der Brief, den er eine Stunde später aufgab, lautete:

 

»Mein gnädiges Fräulein!

Ihr Herr Bruder brachte mir die lang erwünschte Erlaubnis, mich Ihnen im Hause Ihrer Frau Mutter nähern zu dürfen. Leider ließ er mich zugleich auch erkennen, daß Sie Ihre Zustimmung hierzu kaum ganz freiwillig gegeben haben dürfen. Was mich zu Ihnen führt, ist so durchaus persönlicher Natur, daß auch das allerleiseste Mißtrauen sich wie ein Winterreif darauf legen würde. Ich muß es deshalb einer glücklichen Fügung überlassen, mich vor Ihnen zu rechtfertigen, und verbanne mich bis dahin aus Ihrem Gesichtskreise. In aufrichtiger Verehrung Ihr gehorsamer Ernst Albert Gerold.« –

Noch am Abend desselben Tages brachte ein Rohrpostkuvert ihm die nachfolgenden Zeilen:

»Es gibt kein Mißtrauen zwischen mir und Ihnen. Auch wenn ich wüßte, was ich bisher nur vermuten darf, daß Sie meinem Bruder meinetwegen zu Dienste waren, könnte das nicht gegen Sie mehr sprechen, nachdem ich mich gestern überzeugt habe, wie dringend nötig Ihre Hilfe war. Und wer hilft, wo es not tut – mag er auch einen Nebengrund haben – Mißtrauen verdient er nicht. Aber mein freundlicher Helfer aus dem Bazar soll sich auch keine Illusionen machen. Kann er der Prüfung eines reifen, denkenden Mädchens stand halten, so wird er uns, meiner Mutter und mir, gern willkommen sein!

Francis von Engern.«

Bei Gott! dies Mädchen war Justus Egberts Tochter! Sie hatte Stolz und Ehrgefühl und Mitleid und Größe! – Es gab an diesem Abend keinen Glücklicheren, als den Generalkonsul Gerold.

Wirklich, die Börse stockte eine Minute lang, als es bekannt wurde, daß Ernst Albert Gerold sich mit einem armen, in seinen Kreisen absolut unbekannten Mädchen verlobt hatte.

Der Generalkonsul Gerold war in Berlin eine sehr angesehene, einflußreiche Persönlichkeit, ein Bankier ersten Ranges. Als einziger Erbe in das vornehme, altbewährte gut fundierte Geschäft seines Onkels hineingewachsen, hatte er es in verhältnismäßig kurzer Zeit verstanden, das Haus zu einer nie geahnten Bedeutung zu bringen. Noch nicht ganz sechs Jahre waren es, daß er dies Geschäft selbständig leitete, und schon mußte man mit ihm rechnen, überall, wo es sich um größere Transaktionen handelte. Ungewöhnlich begabt, hatte er eine gediegene Bildung genossen, hatte in London, in Paris und in New York Erfahrungen gesammelt, die ihm hier sehr bald zu statten kommen mußten. Seine ganze Art, das Geldwesen zu erfassen, ging ins Großartige. Allerdings, er war durchaus Temperamentsmensch, und das führte dahin, daß er sich unter Umständen auch einmal in ein Unternehmen stürzte, an das andere sich nicht heran wagten. Dazu kam eine gewisse stolze, unabhängige Vorurteilslosigkeit, die ihn die Dinge doch wieder recht kühl und nüchtern erwägen ließ. »Heiß gekocht und mit Bedacht gegessen,« pflegte er zu sagen. Die sogenannte Spekulation, das eigentliche Spiel an der Börse, hatte er nie getrieben. »Dabei spielt man zumeist eine sehr passive Rolle,« meinte er. Und er war eine durchaus aktive Natur. Wo ihm unter Verwertung seiner Mittel Gelegenheit gegeben war, zu schaffen, zu organisieren, auch einmal Bestehendes von Grund auf umzustürzen, da war er an seinem Platze, und da zeigte er nicht selten zu wenig vornehme Bedenklichkeit. »Wenn mein Geld kein Geld verdienen soll – wessen sonst?« sagte er stolz. Uebrigens gestatteten ihm seine stattlichen Reserven, auch einmal einen größeren Verlust ruhig hinzunehmen.

Was war nicht alles versucht worden, diesen Goldfisch anzufangen! Es gab fast keine heiratsfähige Jungfrau in der Berliner, Hamburger, Frankfurter Finanzaristokratie, die man ihm nicht schon direkt oder indirekt angetragen hatte. Aber er war ungerührt geblieben von der um ihn werbenden Jugend sowohl wie von dem Reichtum, der sich dem seinen vermählen wollte. Irgendwo in einer Falte seiner Seele lebte die zunächst gegenstandslose Neigung für einen Adel, dessen Wappen nicht aus Zahlen zusammengesetzt war. Und seit er Francis von Engern zum ersten Male gesehen, wußte er, daß er entweder sie heimführen oder bis an sein unseliges Ende Junggeselle bleiben würde.

In einer Façon, die selbst denen Respekt einflößte, die in seiner Verlobung mit »Fräulein von Kirchenmaus« ein Zeichen herannahender Paralyse sahen, hatte er eine gewisse, ihn nun schon Jahre fesselnde und nicht eben geheim gehaltene Beziehung gelöst. Drei Tage vor seiner Verlobung reiste Helene Laroche, etwas plötzlich, aber deshalb nicht minder legal an einen verkrachten Matador vom Sportplatze verheiratet, nach New York ab. Gerold hatte sich's ein kleines Vermögen kosten lassen.

Nicht ganz so glücklich war er gewesen in dem Versuch, die Privatverhältnisse seines künftigen Schwagers zu ordnen. Egbert ließ es jetzt willig geschehen, daß der Konsul ihn vollkommen rangierte. Auch diesmal wußte Francis davon und sie hatte sich damit abgefunden. Gerold war eben ein wirklich reicher Mann und die ganze Schuldenlast Egberts erschien wie ein Bettel gegenüber der Gefahr, daß der inzwischen zum Hauptmann Vorgerückte den königlichen Rock ablegen mußte. Gerold selbst hätte dies nur ungern gesehen und stellte sich bereitwillig zur Verfügung.

Um so mehr war man darüber empört, daß Egbert gar nicht mehr von seiner Verheiratung sprach, nicht mehr daran zu denken schien. Mit einer verbissenen, wortkargen Zurückhaltung lehnte er jede Auseinandersetzung über diese Sache ab. –

»Genug, wenn ich den Grund weiß,« gab er der Mutter zur Antwort. Und seiner Schwester oder dem Konsul stand er überhaupt nicht mehr Rede.

Gerold kannte eigentlich nur die erste Hälfte des kurzen Romans. Den jähen Schluß desselben erlebte er gewissermaßen mit, denn er war wiederholt Zeuge, wenn Egbert rund heraus erklärte: »Nehmt meinetwegen an, ich will nicht! Aber laßt mich in Ruhe!« Zweifellos gab es zwischen diesen beiden Stadien von Egberts Liebesgeschichte einen dramatischen Höhepunkt, der sich hinter den Kulissen abgespielt hatte. –

Von einem zweiten Besuch, den Francis der Lehrerin gemacht hätte, war nie die Rede gewesen. Einer Einladung in das Haus der Frau von Engern hatte sie nicht entsprochen; ein Versuch Gerolds, ihr auf diskrete Weise zu Hilfe zu kommen, hatte das junge Mädchen mit Entrüstung zurückgewiesen.

Dabei war Egberts ganzes Wesen völlig verändert. Es erschien unzweifelhaft, daß er jeden Verkehr mit seiner Geliebten endgiltig aufgegeben hatte. Um so eifriger schloß er sich jetzt seinen Kameraden an, spielte wohl auch, wenn schon mit Vorsicht. Zu Hause war er düster und in sich gekehrt; im Umgang mit Gerold ein wenig, aber nicht viel zugänglicher. Er trug sich wohl mit irgend einem geheimen Zukunftsprogramm, aber er war nicht zum Reden zu bringen. Und auf Gerolds direkte Frage, weshalb er nun nicht Ernst mache mit seiner Heirat, antwortete er ziemlich brüsk:

»Ich will nicht! Francis hat es auf dem Gewissen!«

Francis wußte nichts, als daß sie ihn nach jenem Besuch bei Fräulein Sandrock freilich sehr energisch zur Rede gestellt hatte. Dabei war es zu einer so heftigen Scene gekommen, daß Bruder und Schwester wochenlang kein Wort mehr wechselten. Aber er hatte auch bei diesem furchtbaren Auftritt nicht die leiseste Andeutung gegeben, auf die seine plötzliche Sinnesänderung zurückzuführen wäre. Wenn man nicht den öffentlichen Skandal gefürchtet hätte, man würde jeden Verkehr mit diesem harten, gefühllosen Menschen abgebrochen haben.

Frau von Engern litt unsäglich unter diesem ihr völlig unfaßbaren Starrsinn. Sie hatte sich schwer genug darein gefunden, daß ihr einziger Sohn ihr innerlich fast fremd geworden war; sie hatte Not und Entbehrung auf sich genommen, um ihn vor Schande zu bewahren. Schließlich hatte das Mutterherz sogar zu verzeihen vermocht, wo die ehrbare Frau in ihr sich empörte. Aber daß Egbert jetzt, störrisch wie ein Idiot, sich dagegen auflehnte, jenem armen Mädchen Genugtuung zu geben, das zerriß das letzte Band zwischen beiden. Und ganz leise tropfte es bitter hinein in den vollen Freudenkelch, den ihr die Tochter bot. Irgend einen, wenn auch noch so entfernten, wenn auch noch so unbegreiflichen Zusammenhang gab es zwischen der unbeugsamen Hartnäckigkeit Egberts und dem jungen Glück ihrer Tochter. Die alte Frau durfte es freilich niemanden ahnen lassen, daß sie an solchen Zusammenhang glaubte.

Das Glück des jungen Paares war übrigens auch kein ungetrübtes. Gerold zwar betete seine Braut an; er verjüngte sich, wenn er nur den Blick zu ihr erhob, er vergaß Welt und Menschen, wenn er nur ihre Stimme hörte. Nie in seinem Leben hatte er den Zauber vornehmer Schönheit so auf sich wirken gefühlt, wie jetzt. Er kam sich vor wie ein Künstler, den bis dahin enge Verhältnisse fest umklammert hielten und der sich nun plötzlich nach Rom versetzt sieht, nach Italien, wo nicht nur Marmor und Steine, nicht Bronzen und Bilder, sondern das eingeborne Volk in ewiger Schönheit erblüht, wo er seine Ideale auf Schritt und Tritt lebend verwirklicht sieht. So erging es ihm, seit er in das Sonnenland seiner späten Liebe eingezogen war. Jeder Zug in dem stolzen, feinen, edlen Gesicht seiner Braut, jedes Wort des gescheidten, feinsinnigen Mädchens war eine Erfüllung für ihn. –

Zwar, sie gab sich ihm nur sehr langsam zu eigen; etwas Fremdes, Kühles blieb zwischen ihnen, auch als der Tag der Hochzeit schon festgesetzt war. Wenn sie gemeinsam eine Ausstellung, ein Konzert besuchten, meinte er immer, Francis wolle sich bei ihm entschuldigen wegen ihrer lebhaften Anteilnahme. Sie wußte nicht, erriet nicht, daß er sich aus innerstem Herzensdrang für die Ethnographie der Eskimos interessiert haben würde, wenn etwa sie für diese Transchlemmer Sympathie gezeigt hätte. Aber er fühlte sich auch nicht verletzt von ihrem mild gemessenen Wesen. Vielleicht war es gerade das, was ihn anzog.

Neulich hatte sie in einem Festspiele mitgewirkt. In einer jener billigen Allegorien, wie man sie bei gewissen Anlässen noch immer für zeitgemäß hält, hatte Francis »den Adel« dargestellt – das heißt: sie stand als eine rechte und vollkommene Edeldame irgend einem historischen Emporkömmling gegenüber; etwa wie die Königin Luise dem ersten Bonaparte. Dieser vormärzlichen Aufgabe hatte sie sich mit ganz außerordentlichem Takt entledigt. Es war fast, als ob sie sich selbst ein wenig persiflierte, und gerade dieser feine Zug gewann ihr den Sieg. Als sie später ihrem Verlobten gegenüber stand und in seinen Blicken las, wie sehr sie ihm auch heute wieder gefallen hatte, meinte sie:

»Und ich war sicher, Du würdest mich wenigstens diesmal unausstehlich finden!«

»So lange Du Dir ähnlich bleibst, kann das nicht kommen,« versicherte er und strahlte sie an, als gäbe es gar keine feinen Stichelreden.

Seine haltungslose Nachgiebigkeit bezwang sie nach und nach. Sie gelangte dahin, ihn hier und da einmal nach seinen Geschäften zu fragen. Dann lächelte er nur und sagte:

»Die hab' ich mit dem Ueberrock im Korridor gelassen.«

»Dann werde ich auch für meine Bücher, für mein Klavier im Vorzimmer Platz schaffen müssen.«

Diese Bemerkung war um so ungerechter, als Gerold ein Pianist war, der fast den Dilettanten abgestreift hatte. Er spielte vierhändig mit ihr, was immer sie auflegte. Er war ihr auch an Wissen und Können zum mindesten ebenbürtig und in einem Punkte ihr sogar entschieden überlegen: seine Geschenke waren vom Takt ersonnen, vom Geschmack ausgewählt und selbstverständlich fürstlicher Art.

Dennoch oder vielleicht eben deswegen keimte etwas zwischen ihnen, das sich zu einer Gefahr auswachsen konnte. Francis, die tiefer Veranlagte, empfand das früher als er, der sich immer wieder an ihrer stolzen Schönheit berauschte.

Eine unerklärliche, aber ebenso unüberwindliche Scheu hatte Gerold bisher abgehalten, jenen geheimnisvollen Brief zu öffnen, als dessen rechtmäßiger Adressat er sich doch längst betrachten durfte. Auf eine leise Anspielung, die Egbert gelegentlich riskierte, hatte Gerold abweisend geantwortet:

»Mich wird der Vater kaum gemeint haben!«

»Aber Sie sind doch nun glücklich Francis' Verlobter!«

»Jawohl, und darin soll mich keine Botschaft irre machen, und käme sie auch geraden Weges aus dem Jenseits!«

Und wie Gerold nicht an den dunklen Geheimnissen der Vergangenheit zu rühren wagte, weil er für sein Glück zitterte, so haderte Francis innerlich immer wieder mit der Gegenwart, weil für sie noch kein »Glück« auf dem Spiele stand. –

Einmal waren sie abends im »Deutschen Theater«, wo man Björnsons »Fallissement« gab. Francis trug zum ersten Male einen wundervollen Kopfschmuck mit Smaragden, die wie Leuchtkäfer in ihrem dunklen, weich gewellten Haar flimmerten. Viel zu reich, viel zu kostbar war ihr der Schmuck, das war ihr erstes Wort gewesen, er hatte dazu gelächelt und gescherzt: sie sei ein Schmuckhalter, wie noch nie ein Juwelier einen besseren besessen. Und heute abend, im Theater, würden die Leute gar nicht an des Großkaufmanns Tjäldes Geldsorgen glauben, wenn sie den Großkaufmann Gerold mit seiner Braut in der Loge sähen.

Die große Scene zwischen Tjälde und dem Advokaten Berent war vorüber und hatte jenes gebannte, lastende Schweigen hervorgerufen, das von tieferer Wirkung spricht, als brausender Applaus. Als die starre Stille sich löste und der Sturm, der die Darsteller hervorgetobt hatte, vorüber war – als man ringsumher sich umzuschauen und zu flüstern begann, sagte Francis leise und anscheinend ganz unvermittelt zu ihrem Bräutigam:

»Das Geld kann doch für anständige Naturen nur als Mittel zum Zweck in Betracht kommen.«

Er horchte verwundert auf.

»Wie meinst Du das, liebe Francis?«

»Ich meine, rund heraus gesagt, daß ich das Geld hasse, verabscheue – daß es mir Widerwillen einflößt. Ich habe das in dieser Scene erst wieder gefühlt.«

»Mit Unrecht, mein Kind,« versetzte er lächelnd. »Geld und Besitz haben Wert und Bedeutung an sich. Sie sind eine Prämie, welche auf die Intelligenz gesetzt ist.«

»Das hieße ja alle Unbemittelten für Dummköpfe erklären,« protestierte sie lebhaft.

»In gewissem Sinne sind sie das auch,« meinte er gelassen, »sie verstehen weder die Zeit, noch ihren Vorteil.«

»Und daß dieser Vorteil immer der Nachteil eines anderen ist, kommt gar nicht in Betracht?«

»Nein! Weil es nicht wahr ist! Wenn Deine Schneiderin für Dich arbeitet, wenn ihrer Hände Werk Deine Erscheinung verschönt – das ist ja freilich nicht möglich,« schob er mit aufleuchtendem Blicke ein – »aber wenn sie es könnte, so gewännest Du und ich reichlich so viel, als sie durch ihren Lohn verdient.«

»Vielleicht trifft das bei einfachen Arbeitsverhältnissen zu. Aber wenn ich dies koncediere, mußt auch Du zugeben, daß derlei Geschäfte keinen von beiden Teilen reich machen können. Also das Geld ist nur Mittel zum Zweck.«

»Man könnte auch einen anderen Schluß aus meinem Gleichnis ziehen: ehrliche Geschäfte nützen immer beiden Teilen in gleichem Maße.«

»Worauf ich wieder antworten muß: an wirklich ehrlichen Geschäften ist noch nie jemand schnell reich geworden.«

Einen Augenblick zögerte er mit der Entgegnung. Dann aber flüsterte er ihr heiß ins Ohr:

»Für Dich würde ich auch unehrliche Geschäfte wagen!«

Wie von einem Schlage getroffen, zuckte sie zusammen. Alles Blut war aus ihrem zart gefärbten Gesicht gewichen. Wenn nicht ihre Erziehung sie gelehrt hätte, sich zu beherrschen, es hätte auffallen müssen, wie ihr innerstes Wesen sich aufbäumte gegen eine Lebensauffassung, wie sie aus Gerolds Worten zu sprechen schien. Mit blassen, bebenden Lippen, jedes Wort scharf betonend, antwortete sie, während es in ihren stahlgrauen Augen drohend aufblitzte:

»Und ich würde Dich in derselben Stunde verlassen!«

Er hatte gar nicht Zeit zu erschrecken, oder gar nachzudenken über ihre Worte – der Vorhang ging auf: Großkaufmann Tjäldes Rettung bereitete sich vor. –

Aber in beiden wirkte die kleine Scene nach, wenn auch vielleicht nur unbewußt. Immer deutlicher trat es für Gerold hervor, wie sehr Francis den Wert und die ethische Bedeutung des Geldes unterschätzte. Und er fand sie doppelt im Unrecht, so oft er sich sagte, daß auch sein Vermögen mitgesprochen hatte, als sie sich für ihn entschied. Er war der Eitelkeit fremd, wie alle tüchtigen Menschen. Deshalb auch kam es ihm nicht in den Sinn, zu glauben, daß eine Francis sein geworden wäre um seiner geistigen Vorzüge willen. Wenn aber das Geld die Macht hatte, ihm ein so anbetungswürdiges Geschöpf in die Arme zu führen – wie konnte man da noch an dem sittlichen Wert des Geldes zweifeln?

Und Francis wiederum sah in seiner Prachtliebe, in seiner Freigebigkeit ihr und den Ihren gegenüber, in seinem ganzen Auftreten nur ein erhöhtes Betonen des Besitzes, ein maßloses Ueberschätzen des Geldes.

Aber dieser Gegensatz hinderte nicht, daß sie, nachdem die Hochzeit einmal vorüber war, glückberauschte Tage und Wochen hatten. Francis selbst schien sich darüber zu wundern, daß es so war, aber sie konnte die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, daß sie angebetet wurde und daß ihr das von Stunde zu Stunde mehr Freude machte. Allerdings trug hierzu bei, daß Gerold sich rückhaltlos von allen Geschäften frei zu machen gewußt hatte. Er war nichts als ihr Anbeter, ihr schwärmerischer Verehrer, ihr kundiger Führer durch die Galerien und Kirchen Italiens, und er verstand es sogar, ihren Natursinn zu erschließen. So wie er ihr Berge und Wälder und Ströme und das Meer zeigte, so hatte es ihr bis dahin kein Dichter geschildert.

Aber das nahm ein jähes Ende in dem Augenblick, da er, nach Monaten, aber doch an ihrer Seite, sich seiner finanziellen Angelegenheiten wieder erinnerte – wo das Geld wieder Macht über ihn gewann, wie Francis es ausgedrückt haben würde.

Sie befanden sich auf der Rückreise, nachdem sie vom November bis Ende März »das Land, wo die Zitronen blüh'n« durchquert hatten. In Konstanz machten sie Halt, um noch die Schönheiten des Bodensees ganz auszukosten. Gerade für feiner empfindende Naturen hat es einen eigenen Reiz, auf die berückenden, bezaubernden Bilder Italiens solche von stillerer, tieferer Anmut folgen zu lassen.

Eines Abends, es war ein wundervoller Frühlingstag gewesen, erbat Francis eine Bootfahrt nach Lindau. Zehn Minuten später geleitete der immer dienstbereite, immer glückstrahlende Gerold sie zum Steg. Er duldete nicht, daß beim Einsteigen der Bootsmann ihr die Hand reichte, er selber führte sie zu ihrem Sitz. Dann aber mußte ihm noch etwas Wichtiges eingefallen sein. Er eilte zurück und gab dem Portier einen Auftrag. Nun saß er neben ihr, und das leise Unmutwölkchen, das auf ihrem Gesicht aufsteigen wollte, war schon wieder verschwunden.

Bald glitt das Boot dahin, und es verschwanden Zeit und Raum, als flöge man über das Weltmeer. Der ganze innige Reiz einer solchen Fahrt spann die beiden ein. Der See war still und klar, der wolkenlose Himmel neigte sich tief zu ihm hinab, als wollte er den Grund seiner Seele küssen. Von dem jetzt wieder nahen Ufer zogen süße Blütendüfte über das kleine Boot hinweg – kein Laut vernehmbar, als das klingende Rieseln des Wassers an den Rudern. Francis war ganz eingehüllt in eine beseligende Stimmung. Sie hatte sich an ihren Mann geschmiegt, lehnte fest und sicher in seinem Arm. Weltentrückt genoß sie ein unbeschreibliches Glück.

Da plötzlich schrak sie auf, sie hörte rufen, schreien. Wirklich, man rief den Namen ihres Gatten. Von vier kräftigen Armen getrieben, eilte ein zweites Boot herbei, aus der Richtung von Konstanz kommend. Ein Hotelpage stand aufrecht im Boote, rief laut den Konsul an und schwenkte ein Papier in der Hand, wohl eine Depesche, die Gerold ihm nachzusenden Weisung gegeben hatte.

Inzwischen hatte das Boot sich soweit genähert, daß man sich verständigen konnte.

»Mach' das Telegramm auf,« befahl der Konsul, »und sage mir, was darin steht.«

Der Page gehorchte und las:

»Spinnerei Lehnsdorf erbittet dringend drei Monate Zinsenstundung. Sonst in Gefahr. Drahtantwort bezahlt.«

Noch immer seine junge Frau im Arm, antwortete Gerold: –

»Kannst Du genau nachschreiben, was ich diktiere, mein Junge?«

»Gewiß, Herr Generalkonsul.«

»Also schreibe: »Zinsenstundung Lehnsdorf endgiltig abgelehnt. Sofort Subhastation einleiten. Gerold.« Diese Depesche geht an mein Berliner Haus – Du weißt doch die Adresse?«

»Zu dienen, Herr Generalkonsul.«

»Dann vorwärts! Verliere nicht eine Minute! Und melde Dich nachher bei mir!«

Vier Ruder senkten sich drüben ins Wasser; das Boot drehte und schoß von dannen.

Jetzt erst gewahrte der Konsul, daß Francis sich seinem Arm entzogen hatte. Sie saß aufrecht, starr und steif, gleichsam wie erfroren. »Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht,« sagt der Dichter.

»Ist Dir nicht wohl, mein Kind?« fragte er besorgt.

»Laß, bitte, anlegen. Ich möchte per Bahn oder mit einem Wagen zurückfahren.«

Erschrocken griff er nach ihrer Hand, sie war eiskalt.

»Um Himmels willen – sage mir nur, was Dir fehlt!«

Sie sah ihn an, wie damals im »Deutschen Theater«. Nur daß es jetzt um ihren feinen Mund zuckte, wie ein geringschätziges Lächeln.

»Du würdest mich doch nicht verstehen,« versetzte sie.

Zum ersten Male, seit es Meinungsverschiedenheiten zwischen ihnen gegeben, tat ihm dies Lächeln weh. Es war nicht nur Geringschätzung, was sich darin äußerte – einen Augenblick wollte es ihm scheinen, als blitze etwas wie ingrimmige Freude in ihrem kalten Blicke auf. Mit Grauen empfand er, daß es ein Abgrund war, was sich zwischen ihnen aufgetan. Aber auch nicht die leiseste Ahnung sagte ihm, wie denn diese ungeheure Kluft entstanden, oder gar, wie sie zu überbrücken wäre. Nie, nimmermehr wäre es ihm in den Sinn gekommen, daß er selbst sie geschaffen, daß er sie stündlich erweiterte und vertiefte, indem er, Seite an Seite mit ihr, seiner Geschäfte dachte, seinen Reichtum zu vermehren trachtete. –

»Was ist denn Dein ganzer Reichtum?« hatte sie einmal scherzend hingeworfen, als sie einmal vor dem Palazzo Pitti in Florenz standen, dessen innere Pracht sie eben bewundert hatten. »Sei mir nicht böse, Ernst, aber Ihr seid Krämervolk! Wenn es denn schon gelten soll, daß das Geld eine Gottheit ist, nun denn, so wenigstens keine Halbgöttin, der überall menschliche Schranken den Horizont verschließen, den Himmelsflug unmöglich machen. Reichtum, wie ihn die Pittis, die Ferraras, die Medici erwarben – königlicher Reichtum, Macht über Land und Leute, denen sie den Stempel des Geistes aufzuprägen vermochten, solcher Reichtum mag schön sein und große Empfindungen auslösen. Aber Euer Reichtum? Noch hunderttausend Mark mehr! Noch eine halbe Million mehr? Krämervolk seid Ihr alle, mein guter Generalkonsul!« Und sie hatte gelacht, daß der junge Vikar, der eben vorüberging, sich beinahe bekreuzigte.

Das kam dem Konsul jetzt wieder in den Sinn, während sie der nächsten Landungsstelle zutrieben.

Wo nahm sie nur den Mut her, zu behaupten, daß er etwas nicht verstünde, was sie betraf? Fürstlichen Reichtum wollte sie gelten lassen. Aber er sollte nicht in Geschäften erworben werden, er sollte längst vorhanden sein! Unlogik des Weibes! Als ob die Pittis und die Medicis bedenklich gewesen wären in der Wahl ihrer Mittel, sich zu bereichern! Sie aber, Francis, fiel aus allen Himmeln, wenn er an sein Geschäft, an den Gewinn dachte. – Tat er nicht, was er seiner jungen Frau an den Augen absehen konnte? Umgab er sie nicht mit allem, was freigebigste Zärtlichkeit nur ersinnen konnte? Liebte er sie denn nicht mit der ganzen Wärme seines Wesens – treu und rückhaltlos, wahrhaft, und zu jedem Opfer bereit? Aber eines Tages würde sie den Vorwurf zurücknehmen, den sie ihm da gemacht, den sie vielleicht nur zufällig nicht früher ausgesprochen hatte. Eines Tages würde er ihr fürstlichen, »königlichen« Reichtum zu Füßen legen können – das sei seine Antwort.

Heute begnügte er sich, zu sagen:

»Es ist kühl geworden; Du hast Dich offenbar erkältet.«

Wieder lächelte Francis, wie vorher. Aber sie entgegnete nichts. Sie zog nur den Crêpe-Shawl, der ihr um die Schultern lag, herab, als wollte sie andeuten, daß ihre »Erkältung« ganz anderen Ursprung habe. Wirklich – er verstand sie nicht! – – –

In Berlin gab es für jeden von ihnen einen großen Pflichtenkreis. Er, der Konsul, stürzte sich mit gesteigerter Leidenschaftlichkeit ins Geschäft. Der jungen Frau fiel die Repräsentation des im großartigsten Stile angelegten Haushalts zu. Es ist ja jetzt modern geworden, während des Sommers daheim zu bleiben. Ueberall entdecken die Großstädter, wie herrlich schön sie es in allernächster Nähe haben, Kunst und Industriefleiß schaffen dürre Fichtenbestände zu entzückenden Villenvierteln um, und die reichen Leute besinnen sich endlich darauf, daß es kein besseres Hotel gibt, als das »zum eigenen Hause«.

So brachte also schon der bevorstehende Sommer lebhaftes Gesellschaftstreiben in die Villa Gerold im Grunewald. Dabei wollte es nun der jungen Frau scheinen, als käme sie auf eine neue Nebenabsicht ihres Mannes, die bei der Wahl seiner Gattin mit ins Gewicht gefallen sein mochte. Er, der sich bis dahin ganz ausschließlich in kommerziellen Kreisen bewegt und zweifellos dort auch wohl gefühlt hatte, er griff jetzt mit auffälligem Eifer nach jeder Möglichkeit, die verwandtschaftlichen Beziehungen seiner Frau auszunutzen – zunächst in dem Sinne, daß er alle diese Aristokraten und ihren Anhang in sein Haus zog. Ehe noch der Herbst ins Land gekommen, war die Villa Gerold ein Zentrum gewisser hochkonservativer Adelskreise geworden, und mehr und mehr zog sich die Kaufmannswelt zurück.

Francis dachte zu gut von der Intelligenz ihres Mannes: aus Eitelkeit umgab er sich gewiß nicht mit Leuten, die ihm innerlich fern standen. Andererseits hatte sie ganz unverblümt erklärt, daß ihr persönlich an dem häufigen Besuche dieser Generale und Geheimräte, dieser Diplomaten und konservativen Reichsboten herzlich wenig gelegen sei. Ihr fehle die politische Ader. Sie erreichte mit ihrer Beschwerde nur, daß der Konsul seine Gesellschaft mit einigen Künstlern und Gelehrten aufputzte, während der immer mehr anwachsende Kern dieses Kreises sich aus der Feudalwelt verstärkte. –

Dabei fehlte es merkwürdigerweise an Damen. Vielleicht war es nur Zufall, daß die meisten bei Gerold verkehrenden Herren ihre Damen gar nicht in Berlin hatten – es waren meist Großgrundbesitzer, die nur zu vorübergehendem Aufenthalt hierhergekommen – vielleicht auch hatten diese äußerlich geselligen Abende doch mehr einen geschäftlichen Charakter, so daß man die Frauen besser daheim ließ. Noch ein drittes war möglich: man nahm den Generalkonsul, ungeachtet seines Reichtums und seiner Stellung, nicht für gesellschaftlich voll ... Gerold hatte freilich versucht, seine junge Gattin auch in die vornehmen Kaufmannskreise einzuführen. Aber sie konnte dort den rechten Anschluß nicht finden. Sie hatte den Eindruck, als betrachte man sie wie einen Eindringling, der überdies einen der glänzendsten und begehrtesten Heiratskandidaten dem ursprünglichen Boden entfremdet hatte. Sie selbst aber hatte vor ihrer Verheiratung so ziemlich außer allem Verkehr gestanden. War man zu Lebzeiten ihres Vaters infolge der beschränkten Mittel auf einen verhältnismäßig kleinen und bescheidenen Kreis angewiesen, so hatte auch dieser sich nach dem jähen, unerwarteten und für viele unklar gebliebenen Tode des Majors völlig gelichtet. In dem ganzen Trauerjahr sah Francis sich fast ausschließlich auf sich selbst angewiesen. Aber auch später blieb sie so gut wie vereinsamt. Freilich, bei gewissen Gelegenheiten, wie sie sich zum Beispiel aus den Beziehungen Egberts ergaben, beeilte man sich, das schöne und begabte Mädchen heranzuziehen. Aber sie wußte sehr gut: man wollte nur Staat mit ihr machen. Irgend ein persönliches Band verknüpfte sie mit niemandem. Und das war jetzt fast noch schlimmer geworden. Gerold, sonst die Gefügigkeit selbst, hatte es bestimmt abgelehnt. Besuche bei den Offiziersfamilien abzustatten, mit denen Francis noch immer einen, wenn auch sehr gelockerten Zusammenhang empfand. Er sei nicht mehr jung genug, um einen ihm durchaus fremden und unsympathischen Umgangston zu erlernen. Militärische Angelegenheiten, die Geheimnisse der Rangliste, Ordensverleihungen und dergleichen interessierten ihn absolut nicht – wie er denn auch nicht voraussetzen könne, daß der Oberstleutnant von X und der Generalmajor von Z nun plötzlich Anteil nehmen sollten an Dingen, die sein Leben erfüllten. So ungefähr hatte er ihr ruhig und sachlich geantwortet, als sie ihn für ihre ehemaligen Bekanntschaften zu gewinnen versuchte.

Das Ergebnis war natürlich ein Gefühl trostloser Vereinsamung. Noch standen die Gatten so miteinander, daß Francis ganz offen darüber reden durfte. Und er war weit entfernt davon, sie nicht zu verstehen.

»Du mußt Geduld haben, mein Schatz – vielleicht nur noch kurze Zeit! Es wird anders werden, sobald ich mich ganz von den Geschäften zurückziehen, nur noch Dir allein leben kann. Dazu aber ist mehr nötig, als ich bis jetzt besitze – widersprich mir nicht, Kind – ich weiß genau, was ich Dir schuldig bin!«

Vergeblich bezwang sie sich, zeigte ihm eine glückliche Miene, um ihn glauben zu machen, daß sie leichten Herzens auf alles verzichte, so lange sie nur ihn ganz beherrsche. Sie vermochte ihn nicht zu täuschen. Nicht eher würde volle Zufriedenheit in diese Ehe kommen, als bis er keinen anderen Gedanken mehr zu hegen brauchte, als den an den Ritterdienst für seine Frau. Sie schien ihm mehr als je wie für einen Thron geboren. Und wenn schon nicht einen Thron, so wollte er ein Vermögen erwerben, groß genug, um sein Haus auch ohne alle geschäftliche Beziehung zu einem Mittelpunkt der Gesellschaft zu machen, die eine Francis nach ihrem Wert zu würdigen wußte. Gerold war nichts weniger als ein Projektenmacher. Er rechnete mit ganz bestimmten Umständen, Tatsachen, Zahlen. Für seine Frau mußte irgendwo ein neuer Kreis geschaffen werden – ein neugeschichtliches Fürstentum, wie er scherzend sagte. Denn hier stand sie gewissermaßen auf der Grenzscheide zweier Gesellschaftsschichten, von denen keine ihr willig dienstbar werden wollte. Um aber dieses Neuland zu begründen, mußte er sein Vermögen nahezu verdoppeln. Er dachte wie die Pariser épiciers, wenn auch in ganz anderem Maßstabe: »An dem Tage, an dem ich so und so viel besitzen werde, schließe ich meine Bude, um als Rentner zu leben.« Da er aber inzwischen vierzig Jahre alt geworden, hieß es, sich beeilen. Und keine Schwäche, keine Rücksicht auf die heimlichen Seufzer seiner jungen Gattin durften ihn zurückhalten. –

Gestern abend war es wieder überaus lebhaft zugegangen in der Villa Gerold. Aber wieder war es eigentlich eine Herrengesellschaft gewesen, der Frau Francis die Honneurs zu machen hatte. Was an Frauen da war – ein paar weibliche Sporthabituées, Frau und Tochter des Grafen von der Goltz, der von seiner bevorstehenden Uebersiedlung nach Berlin sprach, dann eine aristokratische Modemalerin, der man hohe Beziehungen nachsagte, und endlich Frau von Wilmowski, angeblich die Besitzerin enormer Waldungen in Kurland – lauter Damen, die es nicht sehr genau zu nehmen schienen mit den gesellschaftlichen Formen, die übrigens auch durch das Sommerliche der Veranstaltung ein wenig gelockert waren. So zu sagen Füllsel waren einige der Freunde und Kameraden Egberts, der bei diesen Arrangements eine große Rolle spielte.

Einige der jüngeren Herren, darunter auch ein sehr interessanter Rittmeister, hielten es für ihre Pflicht, der Frau des Hauses den Hof zu machen. Aber merkwürdig, Frau Francis hatte keinen Sinn für den Flirt. Sie gab sich in liebenswürdigster Weise Mühe, den Rittmeister an die junge Komtesse Goltz zu verlieren; sie blieb gegenüber der etwas abgestandenen Bewunderung des berühmten Herrenreiters von Kleist mehr als kühl; sie hatte für den Landrat von Reegow nur dasselbe Lächeln, wie für den ihr heute erst vorgestellten Leutnant Grafen Schulenburg. Ihr Gatte aber, das erkannte sie an diesem Nachmittag mit erschrecklicher Deutlichkeit, war für sie nicht vorhanden, sobald sich einmal diese Leute um ihn geschart hatten.

Sie hatte sich der russischen Waldbesitzerin annehmen müssen und promenierte mit ihr durch das Palmenhaus, als sie hinter einer mächtigen Farrengruppe den Namen ihres Vaters nennen hörte.

»Ja – wenn der Major von Engern das erlebt hätte!« sagte jemand mit einem sonderbar sarkastischen Ausdruck. Und er erhielt zur Antwort:

»Dann würde er's nicht nötig gehabt haben, seine Waffen selbst zu putzen ...«

»Und dann wäre der dumme Revolver auch nicht losgegangen!«

Francis fühlte ihr Herz stocken und dann wieder in wilden Sprüngen schlagen. Es war nicht zum ersten Male, daß sie solchen Verdacht äußern hörte. Immer wieder aber empörte sich ihr Innerstes gegen eine so schändliche Verleumdung. O – sie hatten ihn alle nicht gekannt, diesen edlen, unberührten, unanfechtbaren Mann! Und sie würden es auch nicht wagen, so von ihm zu reden, hätten sie sich nicht sicher gefühlt, hier, im Hause des Generalkonsuls! Das war nicht der Mann, die Ehre des Toten zu wahren. Freilich, Egbert war es noch viel weniger – er, der nicht Ehre genug hatte, um seine Pflicht an jenem unglücklichen Mädchen zu tun.

Wohin sie blickte, sah die junge, stolze Frau sich verlassen. Ohne rechtes Verständnis für die Ziele ihres Mannes, empfand sie es wie eine persönliche Beleidigung, daß er »noch andere Götter« hatte neben ihr. Und schließlich glaubte sie zu erkennen, daß sie nur in dieses Haus geführt worden war, um einen bequemen Vorwand abzugeben für seinen feudalen Verkehr. Sie fand, es sei eine rein geschäftliche Taktik, die Gerold verfolgte. Intelligent und schnell erfassend, wie sie war, konnte ihr ja mancherlei unmöglich verborgen bleiben.

Das Bankhaus Gerold, mit einigen anderen zu gleichen Zwecken verbündet, befaßte sich seit einiger Zeit vielfach mit gewissen Transaktionen, die ihm früher immer nur von einer jeweiligen Zwangslage aufgenötigt werden konnten. Hatte ehedem das solide, vornehme Bankgeschäft Gerold Gelder leihweise auf irgend eine Realität hergegeben, und kam die Zinszahlung ins Stocken, so machte man allenfalls den Versuch, die Finanzlage des Schuldners zu sanieren, schlug das fehl, so beeilte man sich, die zinskranken Hypotheken oder Verschreibungen so schnell wie möglich, wenn auch mit Verlust, abzustoßen. Was etwa mehr geschah, meinte der alte Gerold, griff schon weit über den Rahmen des Bankgeschäfts hinaus. Und er lehnte es grundsätzlich und beharrlich ab, einen von ihm beliehenen Grundbesitz im Zwangsverkauf zu erstehen. Diese noblen Geschäftsprinzipien waren nun einer anderen Auffassung gewichen. Man betrachtete die Beleihungen nur noch als ein Mittel, um in den billigen Besitz ganzer Grundkomplexe zu kommen, die dann wieder durch Tausch oder Zerlegung weiter verwertet wurden.

Francis hatte fast wider ihren Willen von einigen recht drastischen Fällen dieser Art Kenntnis bekommen. Schon innerlich entzweit mit ihrem Gatten, war sie nur zu sehr geneigt, sein Verfahren unwürdig, verdammenswert zu finden. Es war – so sah sie die Dinge an – sein Geschäft, sein Beruf geworden, den alten Erbadel von Haus und Hof, von Grund und Boden zu vertreiben. Dagegen lehnte sich die Aristokratin in ihr zornsprühend auf. Ihr besseres Empfinden war ohne nähere Prüfung mit denen, die von ihrem Manne und seinesgleichen entwurzelt wurden.

Aber noch war ihr ein Rest von Objektivität geblieben, noch gingen diese Dinge sie nicht eigentlich persönlich an. Eines Tages aber fand sie, daß auch ihr Bruder Egbert mit verstrickt war in die Fangnetze der Güterwucherer. Zwar, sie hatte keinerlei Sympathie für ihren Bruder, der ja auch nicht in der Gefahr stand, etwas zu verlieren. Bisher aber hatte sie geglaubt, Gerold verkehre mit Egbert nur aus Rücksicht auf dessen Familie, und sie fühlte sich ihrem Gatten verpflichtet, weil er ihrer alten Mutter neuen Gram um den Sohn ersparte. Denn Egbert steckte von neuem in Schulden, wie nie zuvor, und zu wiederholten Malen hatte Francis mit namhaften Beträgen ausgeholfen. Es durfte ihm nichts geschehen, so lange Mama noch lebte. Freilich schien alles, was man für ihn tat, wie in einen Sumpf geworfen. Ein ruchloser Geist hatte sich Egberts bemächtigt, er hauste nicht wie ein Narr, sondern wie einer, der sich zu Grunde richten will.

Seit einiger Zeit hatte die Situation sich insofern geändert, als der Hauptmann sich nicht mehr an seine Schwester wandte, wenn ihm die Not an den Kragen ging. Sehr bald ergab sich, aus welcher Quelle der Herr Bruder jetzt schöpfte: der Konsul selbst war sein bereitwilliger Bankier geworden. Und wiederum kam Francis mit jener wunderbaren Definitionsgabe, die wir weit häufiger bei klugen Frauen, als bei viel klügeren Männern finden, der Sache auf den Grund. Der Hauptmann von Engern war für das Bankkonsortium das geworden, was man in Spielerkreisen einen »Schlepper« nennt.

Wenn auch Francis natürlicherweise diesen Ausdruck und seine Bedeutung nicht kannte, so begriff sie doch, daß der Bruder sich dazu hergab, dem Konsul Leute zuzuführen, die dringend Geld nötig hatten, auch, wenn dieses Geld schwere Opfer kosten sollte.

So standen die Dinge, als ein Zufall volle Klarheit für Francis brachte. Ihr war ein Zeitungsartikel, »Moderne Raubritter« überschrieben, zu Gesicht gekommen, und schon die ersten Zeilen des brillant geschriebenen Feuilletons erregten in ihr die Vermutung, daß es sich um einen Angriff auf den Generalkonsul handelte. Zwar war kein Name genannt, auch kein allzu deutlicher Hinweis gegeben, aber eine ganze Reihe von Einzelheiten, die auf Gerold zutrafen, ließen kaum noch einen Zweifel aufkommen.

Man warf ihm und den mit ihm vereinigten Geldleuten nichts Geringeres vor, als daß sie in der schändlichsten Weise Wucher trieben, dabei ganze Geschlechter zu Grunde richteten und in absehbarer Zeit eine geradezu den Staat bedrohende Verschiebung der Besitzverhältnisse zu ihren Gunsten herbeizuführen am Werke wären. Eben jetzt – darin gipfelte der Aufsatz – sei man dabei, einen Reichsunmittelbaren »auszuschlachten«, wie der kunsttechnische Ausdruck laute. Das schon geknebelte Opfer sei nicht einmal der Urheber der Bedrängnis, aus der ihm die Wucherer »helfen« sollten. Er sei vielmehr durch seinen einzigen, über alle Begriffe leichtsinnigen Sohn zu Grunde gerichtet worden, den er gleichwohl fallen zu lassen nicht das Herz hatte. Der junge Erbprinz habe im Verlauf von kaum fünf Jahren Millionen vergeudet Unsummen, die überdies durch sinnlose Zinsen dermaßen angeschwollen, daß der gesamte Besitz des Vaters, käme er unter den Hammer, kaum Deckung bieten würde. An diesem fürstlichen Besitz aber hinge die Existenz Tausender von Familienvätern. Der Fürst betrieb Bergwerke, Glashütten, Erzgießereien und andere große industrielle Unternehmungen. Er war seinen Leuten ein humaner Brotherr gewesen, hatte auch ihren geistigen Bedürfnissen Rechnung getragen und tatsächlich eine zufriedene, blühende Bevölkerung auf seinen weit ausgedehnten Gemarkungen vereinigt. All dies schwebe nun in dringendster Gefahr. Gelänge es dem übermächtigen Bunde moderner Raubritter, den Fürsten X zu Boden zu schlagen, so kämen naturgemäß auch die Werke und Betriebe unter wucherische Verwaltung. Dann aber würde man es erleben, wie demnächst aus einem der gesegnetsten Teile des Vaterlandes ein förmlicher Exodus sich entwickeln würde. Vielleicht sei es noch Zeit, von oben her einzuschreiten gegen diesen schmachvollen Mißbrauch finanzieller Ueberlegenheit, der nur allzusehr jenem Mißbrauch gleiche, dessen sich im Mittelalter das Raubrittertum gegenüber dem wehrlosen Handel schuldig gemacht. Der Rädelsführer der modernen Raubritter, so etwa schloß der Aufsatz, erscheine um so erbärmlicher, als er erst kürzlich sein Haus mit einer Tochter des vornehmsten Adels geschmückt habe. Er wird ihr nun, von ihrem eigenen Bruder als Spürhund unterstützt, die Skalpe ihrer Standesgenossen zu Füßen legen.

Die letzten Sätze des augenscheinlich von gut unterrichteter Seite herrührenden Aufsatzes benahm Francis jeden Rest von Zweifel: von ihrem Mann war die Rede – von ihm, der ihr einst ein Liebesgeständnis zu machen vermeinte, indem er ihr versicherte, daß er in ihrem Dienst auch unehrlichen Geschäften nicht ausweichen würde. Und ihr Bruder – es trieb ihr die Schamröte ins Gesicht – ihr Bruder war wirklich sein Spießgeselle!

Francis war ganz und gar nicht die Natur, die Dinge gehen zu lassen, wie sie gehen wollten. Ihr Innerstes kochte vor Erregung, sie schämte sich ihres Namens, schämte sich des Ueberflusses, in dem sie lebte. Ein flammender Zorn gegen ihren Gatten stieg in ihr auf, ein zu allem fähiger Haß. Die Erinnerung an jede Liebkosung, die sie von diesem Manne ertragen, flößte ihr Abscheu und Reue ein. Es mußte zum Aeußersten kommen zwischen ihnen.

Aber sie wollte mit bestimmten Tatsachen vor ihn hintreten, nicht mit Vermutungen, auch wenn sie noch so begründet erschienen.

Sie nahm das Zeitungsblatt und fuhr zu ihrem Bruder. Der Hauptmann wohnte nicht mehr, wie vordem, bei seiner Mutter; er lebte auf großem Fuße. Es war ein glücklicher Zufall, daß Francis ihn zu Hause traf.

Ohne ihm Zeit zum Fragen zu lassen, ohne anscheinend sein Erstaunen über diesen ungewöhnlichen Besuch zu bemerken, kam sie sofort zur Sache.

»Hast Du diesen Artikel gelesen, Egbert? Und weißt Du, auf wen er gemünzt ist?« Die Zeitung flatterte in ihrer bebenden Hand.

Mit einem flüchtigen Blick streifte der Hauptmann das Blatt. Dann griff er nach seiner Zigarette.

»Du erlaubst doch ...?« Zwei, drei kräftige Züge tat er, dann hatte er sich seinen Standpunkt zurecht gelegt. Er mußte sich auf den Cyniker hinausspielen. Alles eingestehen und überdies die ganze Geschichte harmlos und natürlich finden. Allerdings würde Francis ihn nur noch mehr als bisher verachten, wie sie offenbar den in jenem Artikel gebrandmarkten »Rädelsführer«, ihren Gatten, verachtete. Aber er, Egbert, konnte nicht mehr zurück. Er war ja in der Tat ein Schildknappe der modernen Raubritter geworden. Und er wußte am besten, wie das gekommen.

»Du solltest Dich nicht um solche Geschichten kümmern,« begann er, »solltest froh sein ...«

»Ich brauche Deinen Rat nicht,« fuhr sie ihm heftig in die Rede. »Willst Du mir antworten oder nicht? Hast Du noch Ehrgefühl im Leibe, oder hast Du Dir's abkaufen lassen?«

»Man ist sehr aufgeregt, wie ich mit Bedauern sehe,« sagte Egbert lässig. »Aber wenn Frauen in Rage sind, tut man gut, ihnen nachzugeben. Zumal, wenn man, wie in unserem Falle, auch ihre guten Seiten kennen zu lernen vielfach Gelegenheit hatte ... Also – Du wünschest zu wissen ...?«

»Von wem das Feuilleton hier spricht!«

»Der Hauptsache nach doch wohl von dem Fürsten Rothenstein. Ich glaube kaum, mich zu irren.«

Francis war aufgesprungen bei der Nennung dieses Namens. Hoch aufgerichtet, flammenden Blickes stand sie vor ihrem Bruder, die Weib gewordene Anklage.

»Von demselben Fürsten Rothenstein, dessen Sohn, der liederliche Erbprinz, Dich seiner besonderen Freundschaft würdigt?«

»Ganz recht,« gab er mit einem malitiösen Lächeln zu. Er ahnte noch nicht, bis zu welchem Grade sie die ganze Sachlage bereits durchschaute.

»Dann bist Du es,« rief sie mit schneidender Stimme, »der den Fürsten und mit ihm Tausende von rechtschaffenen Menschen an diese – an diese Wucherer ausgeliefert hat! Und dann bist Du ein Schuft!«

Dieses Wort brachte den Herrn Hauptmann auf die Beine.

»Du bist von Sinnen, Francis! Ich räume Dir hier das Feld, wenn Du es nicht vorziehst ...«

Sie wandte sich zur Tür, hatte schon den Griff erfaßt, dann machte sie noch einmal Kehrt und trat dicht vor ihren Bruder hin.

»Egbert,« rief sie, und ihre Stimme hatte etwas Feierliches, Beschwörendes – »Egbert, raffe Dich auf! Erinnere Dich Deines Namens, Deines Vaters! Geh hin und warne den Fürsten – es ist Deine Pflicht und Deine Rettung zugleich!«

»Zu spät, meine liebe Francis – zu spät! Es tut mir jetzt um Deinetwillen leid. Aber glaubst Du denn, daß die Zeitungen von der Geschichte wüßten, wenn sie nicht längst in allen wesentlichen Punkten perfekt, das heißt: unabwendbar wäre? Und dann – sei doch vernünftig! Was kümmert denn Dich die ganze Sache? Fass' sie doch von einer anderen Seite auf: fordere von Deinem Manne das Brillantkollier, das seit einigen Tagen in einem Schaufenster Unter den Linden liegt und das die Kleinigkeit von vierhunderttausend Mark kosten soll – dann rettest Du doch etwas für den Adel, zu dessen Schutzgöttin Du Dich hier aufwirfst, und hast das persönliche Vergnügen an dem Schmuck noch obenein ...«

Sie mußte sich von ihm abwenden – so nahe war sie daran, ihn anzuspeien. Jetzt riß sie mit einer raschen Bewegung etwas von der Wand und stand noch einmal dem Bruder Aug' in Auge gegenüber.

»Du hast recht,« sagte sie mit dem Ausdruck unsäglicher Verachtung, »mir das Kollier und Dir – das hier!« sie drückte ihm den Revolver in die Hand.

Er aber packte mit einer fast brutalen Heftigkeit ihre Hand und hielt sie fest.

»Du möchtest Dir einen großen »Abgang« schaffen,« höhnte er, »möchtest, daß ich mich jetzt niederknalle, weil Du mich zum Tode verurteilt hast! Ei sieh doch – wer hat denn Dich zu einer Richterin gemacht! Zu einer Instanz, die über Tod und Leben verfügt? Meinst Du im Ernst, Deine sogenannte Moral allein genüge, um Dich so hoch über mich zu stellen? Dann irrst Du, dann tappst Du tief im Finstern ...« Er umklammerte noch immer ihre Hand, obwohl er sah, wie Francis im Schmerz die Zähne zusammenbiß. »Du willst richten?« fuhr er fort, und es klang wie eine Drohung. Zu lange schon trug er diesen Groll mit sich herum, er fand beinahe nicht so schnell Worte, wie sie ihm die zornerfüllten Gedanken auf die Lippen drängten. »Du willst richten? Ja – wie steht es denn mit Dir selbst? Weißt Du denn nicht, daß Du es gewesen bist, die den letzten Rest von Gutheit in mir erstickt hat? Soll ich Dir die Stunde angeben, in der ich vollends ein schlechter Mensch geworden bin? Durch Dich allein? Das war an jenem Nachmittage, an dem Du es für notwendig erachtet hast, noch Moabit zu gehen, in die Paulstraße, in die armselige Stube eines Mädchens, das Dich nicht gerufen!« Er unterbrach sich, um Atem zu schöpfen.

»Nun? Und für wen tat ich das?« schob sie ein, überrascht, überrumpelt von diesem jähen Ausbruch. »Bin ich meinetwegen diesen widerwärtigen Weg gegangen?«

»Nur Deinetwegen! Nur, um Dir Gewißheit zu schaffen über Dinge, die in letzter Reihe lediglich Dich selbst betrafen! Niemals hätte man Dich in der Paulstraße zu sehen bekommen, wenn Du nicht einen gewissen Zusammenhang zwischen mir und Gerold vermutet hättest!«

»Und wenn das richtig wäre – gibt es Dir ein Recht gegen mich?« Er lachte höhnisch auf.

»Ich brauche kein Recht gegen Dich! Was bist Du mir? Weshalb überhaupt steh' ich Dir Rede – Dir, die mir die Seele jenes armen Mädchens genommen hat!«

Francis begann zu verstehen, was ihr bis dahin ein unlösbares Rätsel gewesen.

»Wie Du zu mir kommst als Richterin,« fuhr Egbert in immer mehr sich steigerndem Groll fort, »so hast Du auch bei ihr, bei jener, die mir so hoch steht wie Du selbst, nur Deines Amtes gewaltet. Nicht wie eine Frau zur andern hast Du in Deiner starren, lächerlichen Ueberhebung zu ihr gesprochen – auch nicht voll Mitleid, wie es meiner Schwester geziemt hätte. Denn ich war es, der dort Unglück angestiftet. Aber ich war – Du wußtest es! – ich war auch bereit, mein ganzes Leben einzusetzen, um es wieder gut zu machen. Du aber mußt vor ihr gestanden haben, wie – wie eine Engern!« Wieder stieß er ein höhnisches Gelächter aus. »Das heißt: wie Du die Engern siehst – als Tugendwächter und Ehrenspiegel! »Um der Schande halber«, hast Du zu sagen den Mut gefunden – um der Schande halber mußtest nun auch Du Dich opfern! Einfältige Närrin, Du! Du meinst, weil Du es nicht begreifst, wie ein Mensch abirren kann, wie Jugend und heißes Blut auch einmal über das geschriebene oder überlieferte Gesetz hinweg setzen – weil einer Engern das unmöglich wäre, deshalb dürftest Du es sein, die nach dem ersten Stein griffe! Aber nicht wie eine Engern, nicht wie eine innerlich Adelige bist Du der Aermsten erschienen, die Du »um der Schande halber« retten wolltest, sondern wie eine moderne Transformation des mittelalterlichen Büttels, der die Gefallenen auf offenem Markte stäupte ... Und willst Du wissen, welche Wirkung Du gemacht hast in der Erfüllung Deiner erhabenen Mission? Daß die Gepeitschte mir noch in derselben Stunde mit fester Handschrift schrieb, sie wollte mich nicht wiedersehen! Und so fest ihre Schrift, so unbeugsam hat sich ihr Wille erwiesen. Wie ein Ehrloser stehe ich vor dem Mädchen da, das lieber ihr Kreuz auf sich nahm, als Gnadengaben aus Deinen Händen zu empfangen ... Nein, meine stolze, schöne Schwester – um zu richten, muß man die Dinge in ihrem inneren Zusammenhange erkennen, nicht mit der Elle der Konvention messen, wie Du es dort getan hast. Und deshalb erschreckt mich Deine theatralische Entrüstung auch in diesem Falle nicht. Ich weiß, was ich tue. Ich habe ein Ziel vor Augen. Möglich, daß ich nicht auf dem richtigen Wege bin zu diesem Ziele. Aber Du, die sich doch auch nur verkauft hat ...«

Mit einer äußersten Kraftanstrengung riß Francis sich von ihm los. Todesbleich, mit sprühenden Augen, an allen Nerven bebend, stand sie vor ihm.

»Gut, daß dieses Wort einmal gefallen ist,« rief sie in einem halblauten, schneidenden Tone. »Dir hat es längst auf den Lippen geschwebt, und auch mich selber hat es schon bedrückt! – Verkauft! Ja – so muß es Dir erscheinen, und so magst Du weiter glauben! Du würdest ja lachen, wenn ich Dir sagte, ich wünschte, mein Mann würde in dieser Stunde bettelarm, damit ich ihm beweisen könnte, was mir sein Geld wert ist ... Aber in jener andern Sache hast Du recht: ich nehme nichts zurück! Ich habe nicht geheuchelt, als ich vor dem Mädchen stand! Ich habe ihr gesagt, daß Du sie retten würdest, und daß ich der Preis für ihre Rettung sei. Das mag Dir hart erscheinen, und ihr klang es wohl gar grausam. Aber es war die Wahrheit! Und höher als die Wahrheit steht mir nichts auf der Welt, wie unserem Vater nichts auf der Welt höher stand, als die Ehre!«

»Phrasen! Redensarten!« höhnte er. »Lass' doch den Vater! Beschwöre sein Bild nicht immer so feierlich herauf – es könnte Dir einmal im Lichte der Wahrheit erscheinen!«

Sie taumelte zurück. Die Antwort erstarb ihr auf den blutleeren Lippen. Nur ein Blick unsäglicher Verachtung streifte ihn, der an dem einzigen rüttelte, was ihr noch heilig war. Dann wandte sie sich, hoch aufgerichtet wie eine Engern, zum Gehen.

Er lachte hinter ihr her, noch bevor sie die Tür erreicht hatte:

»Schreite Du nur wie eine Siegerin hinaus – wie eine Richterin, die mich und alle, die da straucheln konnten, in ew'gen Bann getan. Stückwerk ist Dein Richten, Du Närrin, und Dein Spruch verhallt, eh' Du es ahnst. Es gibt noch eine höhere Instanz!«

Unten wartete der Wagen. Der Kutscher traute seinen Ohren nicht, als die Gnädige befahl, sie zur Voßstraße, zum Kontor des Generalkonsuls, zu fahren. Es war seines Wissens das erste Mal, daß sie ihn dort aufsuchte.

Wirklich, auch das Personal erkannte sie nicht. Sie mußte erst betonen: Ich wünsche meinen Mann, den Generalkonsul, zu sprechen, ehe man sie ungemeldet eintreten ließ.

Gerold lag zurückgelehnt in seinem Schreibsessel, sehr vertieft in eine Zeitung – wie Francis sofort erkannte, die »Morgenpost«. Er hatte weder die mit Tuch beschlagene Tür gehen gehört, noch wurde er Francis' leichten Tritt auf dem Teppich gewahr. Jetzt schlug er das Blatt lebhaft auf den Tisch. –

»Zu dumm!« rief er aus, »warum kommt solch ein Narr nicht lieber zu mir, bevor er so ungereimtes Zeug schreibt? Zu dumm!«

Plötzlich aber hellte seine ärgerliche Miene sich auf. Ahnte er die Nähe seiner Frau? Spürte er den feinen Duft, der von ihr ausging? Er drehte sich mit jugendlicher Elastizität auf seinem Stuhle, dann sprang er freudig auf und eilte ihr strahlenden Gesichts entgegen, um sie an sich zu ziehen. Aber er gab diese Absicht auf, als er unter dem Schleier den starren, finsteren, entschlossenen Ausdruck ihres Gesichts erkannte. Ihn überlief es kalt und heiß.

»Was ist geschehen, Francis? Wie siehst Du aus? Vor allem setz' Dich, leg' ein wenig ab ...«

Er zog einen Sessel herbei und drückte sie mit sanfter Gewalt hinein.

»Wie Du mich erschreckst! Und Du weißt gar nicht, welch' närrische Freude ich im ersten Augenblick hatte, Dich hier zu sehen. Ich hab es mir immer einmal gewünscht ... Nun aber – o – es muß Dir etwas Ungeheuerliches zugestoßen sein! Aber sprich Dich nur aus! Du weißt ja, es gibt nicht vieles, was ich Deinetwillen nicht zu tun bereit wäre.«

In alledem war keine Spur von Gemachtheit, kein Hauch von Uebertreibung. Er war ihr wirklich mit Leib und Seele ergeben. Und auch nicht die leiseste Ahnung sagte ihm, weshalb sie ihn zum ersten Male hier aufsuchte.

Francis fühlte das, aber sie sah gerade jetzt aufs neue, daß in ihr und ihm himmelweit verschiedene Lebensauffassungen einander gegenüberstanden, zwei einander feindliche Strömungen. Da gab es kein Paktieren, kein Zusammenkommen mehr. Nicht minder begriff sie, daß er vielleicht so hatte werden müssen, wie er ihr nun erschien. Eine höhere Erkenntnis war ihr in diesem Augenblick gekommen: Wir haben alle die Fehler unserer Vorzüge.

Und nichts mehr von Haß war in ihrer Seele. Nur eine kalte, nüchterne Entschiedenheit, die es ihr fast leicht machte, zu handeln, wie sie sich vorgenommen.

»Ich habe Dir eigentlich nicht mehr viel zu sagen,« begann sie ruhiger, als sie es für möglich gehalten, »ich kenne sogar Deine Antwort im voraus ... Die modernen Dramatiker haben unrecht, wenn sie den Monolog prinzipiell verdammen. Wir halten noch heute Selbstgespräche – genau so, wie Hamlet und Wallenstein es taten ...«

Verwundert hörte er diese merkwürdige Einleitung. Hielt er etwa Selbstgespräche? Plauderte er im Schlafe aus, was er wachend nicht sagen würde?

»Ich habe gehört,« fuhr sie fort, »wie Du Dich vorhin mit dem Verfasser jenes Artikels auseinandersetztest« – sie wies auf die »Morgenpost« – »und wegen dieses Artikels bin ich hier.«

Noch immer starrte er sie verständnislos an. Was kümmerte sie das lächerliche Zeitungsgewäsch?

»Wegen dieses Artikels bist Du hier?« fragte er kopfschüttelnd. »Seit wann kümmerst Du Dich um Geschäfte?«

»Ich sehe, Du kannst Dich nicht zurecht finden,« kam sie ihm entgegen. »So bitte ich Dich denn, mir auf einige Fragen zu antworten. Willst Du?«

»Natürlich will ich. Ich wüßte nichts, was ich Dir im Ernst zu verschweigen hätte.«

Entschlossen ging sie gerade auf ihr Ziel los. Sie sah ihm voll ins Gesicht, jede Zuckung darin scharf beachtend:

»Du bist es, der in diesem Aufsatz angegriffen wird – ist das so?«

»In erster Reihe meint der Phrasendrescher freilich mich; doch könnte es noch manch einen außer mir angehen – wenn es überhaupt ernst zu nehmen wäre.«

»Du nimmst es also nicht ernst?« Und als er beinahe lächelnd verneinte, fuhr sie fort: »Aber Du stehst im Begriff, den Fürsten Rothenstein zu Grunde zu richten?«

»Weshalb so starke Ausdrücke! Ich stehe im Begriff, mit dem Fürsten ein Geschäft abzuschließen.«

»Ein Geschäft, das ihn zum Bettler machen wird!«

»Auch eine furchtbare Uebertreibung,« erklärte der Konsul. »Ich finde, meine liebe Francis, daß Du Dich da auf ein Gebiet begibst, das Du – fast möchte ich sagen: glücklicherweise! – ganz und gar nicht beherrschest. Du mußt vor allem wissen, daß sich all' den zornigen Argumenten, mit denen der Feuilletonist da seine Sache führt, sehr vernünftige und sehr gewichtige Gegengründe entgegenstellen lassen. Der Fürst ist tief verschuldet – aber doch nur, weil ihm die Rücksicht auf einen ungeratenen Sohn höher stand, als die Existenz all' seiner Untergebnen! Den Fürsten zwingt auch nichts, als der eigene Vorteil. Läßt er die Dinge an sich herankommen, bricht der Konkurs über sein Vermögen herein, so kann es allerdings sein, daß er bettelarm seinen Stammsitz verlassen muß. Wenn er sich also entschloß, diese Verträge hier zu unterzeichnen« – Gerold wies auf einige Dokumente hin, die vor ihm lagen – »so hat er das getan, weil ihm nun auch nach dem Verkauf seiner Liegenschaften noch ein sehr ansehnliches, standesgemäßes Einkommen zugesichert wurde. Und was nun gar die Expatriierung der von ihm beschäftigten Leute betrifft, so ist das geradezu dummes Zeug! Der Federheld weiß nicht, oder will es nicht wissen, daß den künftigen Besitzern all' der großen Betriebe des Fürsten außerordentlich viel daran gelegen sein muß, sich die Zufriedenheit der Arbeiter zu erhalten, ja, sie nach Möglichkeit zu steigern. Das fordern heutzutage die sozialen Verhältnisse mit gebieterischer Notwendigkeit. Andererseits ist auch die Zeit einer patriarchalischen Verwaltung vorüber. Die moderne National-Oekonomie kennt bessere Wege, den Arbeitgeber und Arbeitnehmer miteinander in Frieden leben zu lassen, als man sie vor hundert, ja, noch vor dreißig Jahren einschlug. Und das wird schließlich einleuchten, daß kapitalsmächtige Eigentümer in jeder Beziehung höheren Ansprüchen genügen können, als ein Mann, dem die Schulden über den Kopf gewachsen sind.«

Francis hörte wohl alle diese verständigen und in ruhigem, überzeugendem Tone vorgebrachten Worte, aber sie schienen doch nur wie aus weiter Ferne an ihr Ohr zu gelangen. Sie hatte nicht einen Augenblick bezweifelt, daß ein Mann von der Bildung und Schlagfertigkeit des Konsuls keine Mühe haben würde, seinen Standpunkt zu verteidigen. Aber auch wenn ein Gott herniedergestiegen wäre, um ihres Mannes Sache vor ihr zu führen, er hätte nicht mehr Eindruck erzielen können, als die wohlgesetzte, leidenschaftslose Erörterung Gerolds. In ihren Augen gab es hier nur eines: Der Fürst war in einer Zwangslage, und ihr Gatte nützte dieses Unglück eines andern für sich aus! Darüber kam sie nicht hinweg. Mit einem Zeichen der Ungeduld fragte sie weiter:

»Ist es also richtig, daß alle Besitzungen des Fürsten auf Dich und Deine Genossen übergehen sollen?«

»Im wesentlichen, ja. Doch, wie gesagt ...«

Sie unterbrach ihn heftiger, als ihr bewußt war:

»Unnütze Worte! Ich frage Dich: Bist Du bereit, diese Papiere jetzt hier vor meinen Augen zu vernichten – von dem »Geschäft«, wie Du es nennst, ein für allemal zurückzutreten – oder nicht?«

Er maß sie mit einem eigentümlich ängstlichen Blick – als finge er nachgerade an, ihre volle Zurechnungsfähigkeit zu bezweifeln. Mit mühsamem Lächeln entgegnete er:

»Du weißt wohl nicht, liebste Francis, um was es sich handelt? Für mich allein um eine runde Million. Hast Du einen Begriff von einer Million?«

»Und wenn es sich um zehn Millionen handelte,« flammte sie auf, »Du dürftest Deine Hand nicht danach ausstrecken!«

»Ich dürfte nicht? Ja, – weißt Du denn nicht, daß wir davon leben, unser Geld umzusetzen? Daß Geld eine werbende Kraft ist – ähnlich so, wie der Dampf und die Elektrizität wirkende, schaffende Kräfte sind! Und wer ihrer bedarf, nun, der muß sie bezahlen – leuchtet Dir das nicht ein?« –

»Dein Gleichnis hinkt! Nein – es trifft überhaupt nicht zu. Der Wert jener treibenden Kräfte, mit denen Du das Geld in eine Linie rücken willst, ergibt sich aus ihren Erzeugungskosten. Das Geld dagegen ...«

»Auch das Geld hat einen Marktwert, der sich durch Angebot und Nachfrage regelt. Könnte der Fürst die verhältnismäßig sehr große Summe, deren er bedarf, von andern billiger bekommen, er käme nicht zu mir.«

»Das ist die Theorie des Wuchers,« gab sie scharf zurück. –

Zornesröte stieg ihm ins Gesicht. Möglichst unauffällig preßte er die linke Hand gegen sein stürmisch pochendes Herz, schöpfte tief Atem und sagte, sich mühsam bezwingend:

»Ich sehe wohl, man hat Dir geflissentlich jenen albernen Artikel in die Hände gespielt. Der hat Deine, in solchen Dingen ohnehin unklaren Begriffe völlig verwirrt. Nur eins verstehe ich nicht: weshalb Du Dich so warm gerade des Fürsten annimmst. Kennst Du denn den Fürsten?«

Sie verneinte.

»Oder ...?« Was für ein entsetzlicher Gedanke stieg da in ihm auf, einem gierigen, züngelnden Ungeheuer vergleichbar, das sich aus dem Dunkel emporreckte, ihm die Brust einschnürte, ihm den Atem versetzte! Es drohte, ihn zu ersticken – er schwankte, mußte sich schwer auf den Tisch stützen und brachte sekundenlang keinen Laut hervor.

Sie sah ihn mit sich kämpfen. Aber sie schrieb seine Erschütterung einzig und allein ihren Vorhaltungen zu. Er mochte wohl fühlen, daß sie, Francis, für ihn auf dem Spiele stand. Und seine Geldgier rang mit seiner heißen, leidenschaftlichen Liebe. Vielleicht, so begann sie leise zu hoffen, vielleicht konnte sie ihn überwinden.

Gerold hatte sich wieder in der Gewalt. Schon die Tatsache, daß sie gar nicht zu ahnen schien, was ihn augenblicklich bewegte, wirkte beruhigend auf ihn. So konnte er jetzt mit nur noch leicht bebender Stimme fragen:

»Kennst Du den Erbprinzen?«

Sie blickte zu ihm auf, als verstände sie ihn nicht. Dann aber, ganz plötzlich, fiel es wie ein Lichtstrahl in ihre Seele: der Mann da vor ihr litt jetzt um ihretwillen – er litt, weil er sie liebte. Sie hob den Schleier, den sie vorher nur ein wenig gelüftet hatte, völlig, und sah ihren Gatten aus den tiefen, schönen blaugrauen Augen an, daß es ihn wie ein glückseliger Taumel überkam. Und doch fühlte er eine Art von Schwindel.

»Ich habe nie ein Wort mit dem Prinzen gewechselt,« sagte sie einfach und überzeugend, »habe ihn nur ganz flüchtig ein und das andere Mal gesehen. Aber ich glaube nach alledem, was ich über ihn weiß, daß es um inn nicht schade wäre.« –

»Ich danke Dir,« brachte er mühevoll hervor. Er hätte sich selbst verachten können, daß ihn auch nur einen Moment lang solch lächerlicher Verdacht beschäftigen konnte. – »Sieh, meine liebe Francis,« hob er nach einer Pause wieder an, »ich hätte wohl schon früher erkennen sollen, daß es eigentlich eine schöne, eine liebenswürdige Regung ist, was Dich heute zu mir führt. Du fühlst mit Deinen Standesgenossen – wer wollte dagegen etwas einwenden? Aber solltest Du nicht zugleich auch einsehen können, daß für mich solches Mitgefühl für den untergehenden Adel geradezu unnatürlich wäre? Was habe ich und meinesgleichen je Gutes empfangen von diesem Adel? Welche Berührungspunkte haben wir selbst heute, in dem Zeitalter der Nivellierung, mit dem ererbten Adel? Er erfreut sich nach wie vor ungezählter, ungemessener Vorrechte im Staat, in der Gesellschaft, auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens. Was auch der begabteste, tüchtigste, strebsamste Bürgerliche immer erst mühevoll erkämpfen muß, der »Geborene«, der Sohn einer alten Familie, der Träger eines stolzen Namens, bringt es, sozusagen, mit auf die Welt: die Berechtigung, etwas werden zu dürfen! Und alle seine Vorrechte haben keine andere Begründung, als daß seine Vorfahren – vielleicht! – einmal irgendwelche Verdienste aufzuweisen hatten. Das rechnet man uns heute an. Es ist gewissermaßen, als müßten wir, die Bürger unserer Zeit, alle jene Wechsel einlösen, welche die Regierenden vergangener Jahrhunderte einst ihren Gehilfen und Günstlingen ausgestellt haben. Und es sollte doch umgekehrt sein. Wir sind es, die alte Schuldforderungen zu stellen hätten an die Abkömmlinge jener Raubgesellen, die einst unsern Voreltern auflauerten, sie bis aus das Hemd ausplünderten, sie an Leib und Leben bedrohten! Aber wir brauchen gar nicht so weit zu gehen. Die Waffen, mit denen der Kampf ums Leben geführt wird, haben im Laufe der Zeiten gewechselt. Vor fünfhundert Jahren noch war es das Schwert, das sozusagen in allen Zweifeln die Entscheidung hatte – oder fassen wir es anders: die rohe Gewalt war in jenen Tagen Herrscherin über jedermann. Heute gewinnt der menschliche Geist in jeder Stunde Schlachten, für die kein Ritterschwert stark genug gewesen wäre. Und wenn ich Dir so weit entgegenkomme, daß ich die Waffen Deiner Vorfahren, als ihrer Zeit entsprechend, gelten lasse, so nehme ich das gleiche für mich und meine Zeit in Anspruch. Lass' mich also meinen Kampf führen, wie ich es verstehe, wie ich's für recht halte. Willst Du mir aber,« fuhr er in weicherem Tone fort, »willst Du mir Gelegenheit geben, diese Stunde, in der Du zum ersten Male hier erschienen, festzuhalten, so erfreue mich mit einem andern Wunsch – er koste, was er wolle!« Und er griff nach ihrer Hand.

Da war es, das Brillantkollier, von dem schon Egbert gesprochen hatte – sie fühlte, wie es sich eisig um ihren Hals legte. Nein und tausendmal nein! Sie konnte man nicht »verkaufen«!

»Du kennst meine Wünsche,« sagte sie streng und hart, sich von ihm losmachend. »Ich versuche es gar nicht, Dich zu widerlegen. Nur darfst Du deshalb nicht glauben, Du habest mich überzeugt. Für mich ist und bleibt es unredlicher Gewinn, nach dem Du strebst. Deine Forderungen werden, wie Du selbst sagst, einem Wehrlosen gestellt. Den Preis eines so ungleichen Kampfes will ich nicht mit Dir teilen. Entweder Du verzichtest auf dieses und auf alle ähnlichen Geschäfte, oder ich – ich kann Dein Haus nicht mehr betreten. Das ist alles, was ich noch zu sagen hatte.«

Ihre Worte klangen nicht wie eine Drohung – eher glichen sie einem aus warmem Herzen kommenden, eindringlichen Mahnrufe. Er hätte es hören müssen, daß ihr in tiefster Seele bange war vor seiner Entscheidung und daß sie gleichwohl wie von unentrinnbarem Zwange sich getrieben sah, ihn vor diese Entscheidung zu stellen. Aber er hörte nur das eine: daß sie ihm hochmütig all' seine Liebe vor die Füße warf. Sie, die er aus sorgenvoller, gerade in ihren Kreisen doppelt schwer zu tragender Armut emporgehoben hatte in eine Welt der Freiheit, des schönen Lebensgenusses. Er hatte sie geehrt wie eine Königin. Wie eine zehrende Sucht nagte an ihm, was sie einst scherzend begehrt hatte: ein fürstliches Vermögen! Für sie wollte er Millionen auf Millionen häufen, für sie allein. Er hatte ihr und nur ihr gelebt, denn er wußte von keinem anderen Weibe, seit er sie kannte. Bis auf die blasse Erinnerung waren sie ihm entschwunden, die vorher seinen Weg gekreuzt hatten. Die einen, die den reichen Mann liebten – wie erbärmlich erschienen sie ihm neben Francis! Und die andern, die er haben konnte, weil es nun einmal die Bestimmung des Weibes, einem Manne zu gehören – o – wie tief standen sie unter der stolzen, auf ihr Eigentum pochenden Frau, die sein geworden war aus freier Entschließung. Aber je höher er ihren Wert schätzte, um so heißer war sein Wunsch, ihrer nun endlich einmal Herr zu werden. War das in dieser Stunde nicht möglich, so war's vielleicht für immer zu spät. Zwar ihn marterte ein furchtbarer, stechender Schmerz im Kopfe, er fieberte. Aber er durfte jetzt keiner Schwäche nachgeben. Begriff sie denn nicht, für wen er seinen Reichtum zu mehren trachtete? Und lag nicht in jedem kühnen Zuge, den er unternahm, eine Huldigung für sie? Das mußte, mußte sie empfinden, und das verpflichtete sie wiederum zu Dank. Er hatte ihn nie begehrt, aber sie war ihm Dank schuldig schon allein dafür, daß er sie erkannt hatte. Erkannt und wie eine Heilige verehrt! Und nun genügte eine sentimentale Grille, daß sie im Ernst an Trennung denken konnte.

Er war jetzt mit sich klar. Nicht mehr zu bitten hatte er und sich zu verteidigen: er wollte der Undankbaren den Herrn zeigen. Nicht den rohen, brutalen Gewaltherrscher, sondern den geistig überlegenen, der auch das Beste, das Stärkste in sich, seine aufrichtige Liebe für diese Frau, zu meistern imstande war, wenn seine Begriffe von Mannesehre es forderten.

»Ich muß annehmen,« sagte er nach langem, bedrückendem Schweigen, daß der Gedanke, mich zu verlassen, Dir nicht neu ist. Du hast ihn augenscheinlich reiflich erwogen, und es bedurfte nur eines passenden Anlasses, um ihn ins Werk zu setzen ... Wenn im Mittelalter den Fürsten und Bischöfen das Schuldkonto, daß sie bei ihren Geldjuden stehen hatten, allzusehr anschwoll, machten sie kurzen Prozeß: sie konfiszierten das Vermögen des Juden und waren noch besonders gnädig, wenn sie nicht gar den armen Teufel aufhängen oder vierteilen ließen. So bezahlten Deine Vorfahren in früheren Tagen ihre Schulden! Wenn Ihr heute in unsre Schuld geratet – und Du bist meine Schuldnerin, seit ich Dich kenne – dann erinnert Ihr Euch plötzlich Eurer Abkunft, dann leugnet Ihr die Gemeinschaft mit uns und zerreißt den Schuldschein, den man Euch präsentiert! ... Fürchte nicht, daß ich Dich zurückhalte – ich rühre Dich nicht an! Geh' – wenn Du nicht bleiben willst. Und falls Du meiner bedarfst – Du hast auch fernerhin Kredit bei mir.«

Noch nie in seinem Leben hatte der Generalkonsul sich so sehr verrechnet wie heute. Die Wirkung seiner Worte, seiner ganzen stolzen Haltung war genau entgegengesetzt der, die er erhofft, ersehnt hatte. Vielleicht hätte diese Frau, die durchaus nicht blind war für seine Gaben, seinem Temperament eine Ausschreitung verziehen – vielleicht hätte ein jäher Ausbruch seines Zornes, seiner Kraft sie schwanken gemacht in ihrer stolzen Unnahbarkeit. Ja, es war nicht unwahrscheinlich, daß sie ihm dankbar gewesen wäre für einen friedlichen Ausgleich, den sein Scharfsinn gefunden hätte; denn sie fühlte deutlich, daß sie zu weit gegangen war, daß sie sich verrannt hatte. Aber er wagte es, sie mit ihren eigenen Waffen zu bekämpfen. Er stellte ihrem ererbten, von Gottes Gnaden überkommenen Stolz den Hochmut des reichen Mannes entgegen, – erinnerte sie an ihre Armut – das war ein schwerer Mißgriff gewesen. Und zu alledem –: man kann eine Frau nicht tiefer kränken, als wenn man ihrer nicht bedarf ...

»Du hast auch weiterhin Kredit!« wiederholte er mit merkwürdig schwerer Zunge. Ihm war, als senke ein dunkler Schleier sich auf ihn herab. In seinen Schläfen pochte und hämmerte es, als gälte es alle die Pforten zuzunageln, durch die ihm das tobende Blut zu Kopfe strömte. Schwer stützte er sich mit beiden Händen auf seinen Tisch.

»Halte mich immerhin für Deine Schuldnerin,« sagte Francis mit erzwungener Ruhe. »Ich werde es nicht einen Augenblick länger sein, als bis ich Dich frei weiß von Schuld. Ihr – Du und mein Bruder! – Ihr sollt mir meinen Glauben an das, was recht ist, nicht nehmen! – Dein Wagen hält vor der Tür; verfüge darüber. Und – lebe wohl!«

Nur mit Aufwand der letzten Willenskraft hatte er sich überwunden, sie nicht aufzuhalten, ihr nicht nachzustürzen. Ein Mann, dem man sagt, er werde in der nächsten Sekunde erblindet sein, kann nicht entsetzter, verzweifelter dem letzten Lichtschimmer nachstieren, wie Gerold ihr nachblickte, seinem Lichte, seiner Sonne, seinem besseren Selbst. Noch hatte sich kaum der Duft verflüchtigt, den sie hier zurückgelassen, als er, wie ein zu Tode Getroffener, die Arme hoch in die Luft warf, um dann seiner ganzen Länge nach auf dem Teppich zusammenzubrechen.

So fand ihn sein Prokurist, der kam, um die vollzogenen Dokumente in der Fürstlich Rothensteinschen Angelegenheit aus dem Kabinett seines Chefs zu holen. –

*

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