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Die höchste Instanz

Paul Blumenreich: Die höchste Instanz - Kapitel 2
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authorPaul Blumenreich
titleDie höchste Instanz
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In ungewöhnlicher Erregung war Mama von ihrem Ausgange heimgekehrt. Francis sah es auf den ersten Blick: ihr mußte etwas ganz Besonderes begegnet sein. Es geschah selten, daß Mama ihre ein wenig steife Haltung verlor, und auch dann noch pflegte sie sich ihrer Tochter gegenüber sehr in acht zu nehmen. Heute vergaß sie sich so weit, daß sie schon im Korridor, während das Dienstmädchen ihr den Mantel abnahm, der ihr entgegenkommenden Francis zurief:

»Du gehst doch nicht aus, Kind? Du bleibst doch zu Hause? Ich habe dringend mit Dir zu sprechen!«

Wo mochte sie nur gewesen sein? Und was war es, das sie alle Bedenken gegenüber der geschwätzigen Marie vergessen ließ? Es gehörte sonst zu Mamas heiligsten Grundsätzen »die Leute« nicht merken zu lassen, wie es einen bestellt war. »Die Leute« wußten es zwar trotzdem. Es ist nicht schwer zu durchschauen, wie der verwitweten Frau Majorin mit ihren tausend oder zwölfhundert Mark Pension und den Zinsen eines sehr zusammengeschrumpften Kapitals zu Mute ist – zumal wenn der Herr Sohn, der Premierleutnant, allerhand Nebenbedürfnisse hat, und die Tochter für Bücher, Musikalien, Theater und Konzerte reichlich so viel verbraucht, als die gnädige Frau ihren »Leuten«, das heißt eben der Marie, Vierteljahrslohn zahlen konnte. Aber Mama hätte geschworen, daß Marie nichts ahnte. – Sie hatte sich denn auch bald ihrer besseren Gewohnheit erinnert. Demonstrativ folgte sie zunächst Marien in die Küche, um dort nach dem Rechten zu sehen. Solch ein Mädchen für alles darf nicht einen Augenblick glauben, daß man die Dinge gehen läßt, wie sie will. Erst als die Gnädige sich überzeugt hatte, daß die Suppe gut werde, daß der Salat bis zum Anrichten fertig sei und daß die zwei Flaschen Patzenhofer-Bier kalt gestellt waren, begab Frau von Engern sich in den »Salon«, wo Francis nicht ohne Spannung ihrer harrte.

Es war ein recht altmodisches Mahagoni-Zimmer, was die Majorin ihren Salon nannte. Vor vierzig Jahren schon war die dunkelrote Plüschgarnitur mit ihren geschweiften Lehnen und den krummen Füßen nicht mehr ganz neuen Stils gewesen. Auch der große Teppich wies auf jene Zeit hin, und die Glas-Servante, dies spezifische Berliner Möbel, enthielt Tassen und Gläser und andere, weniger brauchbare Dinge aus den fünfziger Jahren. Ein einziges wertvolles Stück fiel aus dem Rahmen: der schwarze Stutzflügel, der aus einer ersten Fabrik stammte. Daneben würde der, dem diese Art von Berliner »guten Stuben« bekannt ist, das Fehlen von schlechten Bildern mit Bewunderung bemerkt haben. Es gab nur einen Wandschmuck hier, einen mächtigen Kupferstich nach dem Rahlschen Fries: »Das goldene Zeitalter der Griechen.« Was sonst zum Aufputz des Zimmers diente, wies auf einen merkwürdig zarten, feinen Geschmack hin. Tanagrafiguren, ein paar gute Büsten, eine hübsche Kopie des Hermes von Praxiteles; Stickereien und andere Arbeiten in duftigen, immer auf Teppich und Polstermöbel abgestimmten Farben; endlich in dem winzig kleinen Erker auf einer Etagere ein ganz allerliebstes Arrangement von Ballspenden, Festzeichen, Fächern, leeren Flacons, Buketthülsen und Konfektschachteln: das Museum von Francis' Triumphen.

»Du kannst unmöglich erraten, wo ich gewesen bin, mein Kind. Und noch weniger kannst Du ahnen, daß ich mich in erster Reihe mit Dir beschäftigt habe.« So leitete Frau von Engern das Gespräch mit ihrer Tochter ein.

Francis erschrak. Ein neues Heiratsprojekt ohne jeden Zweifel! Und ihr graute doch vor dem Gedanken, auf diesem »nicht mehr ungewöhnlichen Wege« an den Mann gebracht zu werden. Sie hatte resigniert, obwohl sie noch nicht volle fünfundzwanzig Jahre alt, obwohl sie sich ihrer Schönheit, ihrer reichen Geistesgaben durchaus bewußt war. Ein Liebesglück schien ihr versagt, seit jenem furchtbaren Tage, da ihr Verlobter sich erschossen hatte, weil Spielverluste ihn zu Grunde gerichtet. Eine Ehe ohne Liebe aber – man hätte ihr schon ein kleines Fürstentum zu Füßen legen müssen, um sie dafür zu gewinnen. Und auch dann würde sie noch ihre Bedingungen gestellt haben. Das war sie dem Vater schuldig, um den sie noch immer Halbtrauer trug, obwohl nahezu zwei Jahre seit jenem plötzlichen, furchtbaren Tode vergangen. Wer dieses Vaters Liebling gewesen, war zu den höchsten Ansprüchen nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet.

Sie atmete ein wenig auf, als Mama jetzt erklärte, sie sei bei ihrem Bankier gewesen, bei C. F. Gerold. Francis lächelte immer innerlich, wenn Mama von »ihrem« Bankier sprach. Bei der Firma C. F. Gerold hatte nämlich schon der Großvater sein Vermögen angelegt gehabt. Nur daß es damals vielleicht der Mühe gelohnt haben mochte. Nachdem aber außer der Mama noch drei andere Töchter ausgestattet worden und zwei Söhne, natürlich Offiziere, redlich das ihre getan hatten, dieses Vermögen zu dezimieren, hat das Bankhaus Gerold wahrscheinlich keinen bescheideneren Klienten gehabt, als den Großvater. Und Mama nun gar, nun, die hätte ihre paar Pfennige wirklich auch ohne Bankier »verwalten« können! Aber es tat der alten Frau wohl, wenigstens einen leisen Schimmer von Wohlhabenheit zu wahren.

»Ich bin eigentlich mit großen Hoffnungen hingegangen zu Gerold,« hob Mama wieder an. »Du wirst ja erstaunt sein, aber ich wollte – spekulieren – Geld verdienen!«

»Um Gottes willen, Mama,« rief Francis aus, nun doch wieder sehr beängstigt, »Du wirst doch nicht den kleinen Rest aufs Spiel setzen wollen!«

»Es muß etwas geschehen, Francis! Es gibt da Dinge, über die ich nur ungern mit Dir spreche ...«

»Hat Egbert neue Schulden gemacht?«

»Er würde es mir ja doch nicht sagen,« wich Mama aus. »Aber um Egbert handelt sich's doch auch ... Es ist wirklich schwer, mein liebes Kind ...« Die alte Dame verstummte.

»Quäle Dich nicht, Mama – ich weiß, was Du mir nicht sagen kannst!«

»Hat er Dir davon gesprochen – Egbert?«

»Halb und halb hab' ich's erraten. Wenn ich auch das Nähere nicht weiß, so ist mir doch soviel ganz klar: Er will, oder vielmehr er ist gezwungen, zu heiraten. Und dazu brauchst Du Geld, Mama. Er steht vor seiner Ernennung zum Hauptmann, das macht es ja etwas leichter, aber auch die kleine Kaution muß beschafft werden – nicht wahr, Mama, das ist es, was Dich drückt?«

Die alte Frau hatte Francis Hände zwischen die ihren genommen und drückte und streichelte sie jetzt in dankbarer Zärtlichkeit.

»Du bist mein braves, gutes Kind – so ganz und gar der stolze, ehrenfeste Vater ... Ach – daß er es doch sähe, wie Du ihm nachgerätst!«

Die alte Frau fuhr sich mit dem Tuch über die Augen. Drei von ihren fünf Kindern waren tot; der einzige Sohn hatte ihr bis heute nur Kummer und Sorgen bereitet; nur Francis, dieser auserwählte Liebling ihres Vaters, dieses herrliche, quellklare Geschöpf, war ihr geblieben: ihr Trost, ihr ein und alles. Wie sie es ihr jetzt leicht machte! Und wie schon in ihren Fragen gleichsam ihr Wille sich kund tat, mit dem nun einmal Notwendigen fertig zu werden, koste es auch ein noch so schweres Opfer! O, sie war ein Juwel von einem Mädchen, und kein Glück auf Erden wäre zu groß für sie.

Und die Mama begann zu beichten. Die Verheiratung Egberts war nicht länger hinauszuschieben. Das wurde als eine feststellende Tatsache vorausgeschickt. Gründe dafür anzugeben, schien nicht erforderlich oder nicht angemessen. Diese ganze Heiratssache wurde etwas mysteriös behandelt. Zwölftausend Mark Kaution und etwa dreitausend für die Einrichtung mußte Egbert haben. Er würde, einmal verheiratet und Hauptmann, solide werden, würde dann auf eigenen Füßen stehen; vielleicht sogar entschlösse er sich, seine Kenntnisse zu militär-wissenschaftlichen Arbeiten zu verwerten – dann wäre man die Sorge um ihn los. Aber das ganze Vermögen betrug nicht mehr als fünfundzwanzigtausend Mark. Und es war doch eigentlich dazu bestimmt, ihrer Francis Mitgift zu werden. Ganz davon abgesehen, daß die beiden Frauen ja die Zinsen dieses Kapitals nicht entbehren konnten, wenn sie nur annähernd so weiter leben wollten wie bisher. In dieser Bedrängnis hatte denn ein hingeworfenes Wort Egberts, daß jetzt wieder sehr viel Geld an der Börse verdient werde, hingereicht, um die Mama zu einem kühnen Versuch zu ermutigen. Wenn man nur zehntausend Mark verdienen könnte mit dem Geld, das noch da war, dann schon war das Schlimmste überwunden ...

»Das ist auch ohnedies zu überwinden, Mama,« unterbrach hier Francis den anfangs vorsichtigen, dann immer lebhafter werdenden Bericht. »Wenn Egbert sich einschränkt, wird er auf einen Teil der Zinsen seiner Kaution verzichten können, und wir werden statt tausend Mark Zuschuß zur Pension vielleicht nur noch die Hälfte haben. Das ist zu ertragen; ein paar hundert Mark im Jahre könnte ich schließlich verdienen mit meiner Stickerei. Und wir können auch hier und da noch sparen. Nur begib Dich nicht in Gefahr, liebste Mama – mache keine »Geschäfte!« Ich kann Dir nicht sagen, wie mir der Gedanke zuwider ist! Es läuft nur kalt über den Rücken bei dem Worte: »Geschäft!«

»Wie dem seligen Vater,« seufzte Frau von Engern. – »Wenn man Dich hört, mein Kind, meint man, es sei völlig ausgeschlossen, daß Du Deiner Mitgift noch einmal bedürftest – Du mit Deinen vierundzwanzig Jahren!«

»Fünfundzwanzig, Mamachen – auch da ist nichts zu handeln!« Das war alles, was Francis antwortete.

»Nun stell' Dir vor, Kind,« nahm Frau von Engern ihren Bericht wieder auf, und zwar merkwürdigerweise in einem erheblich leichteren Tone, »der Generalkonsul hat mir auf das allerdringlichste abgeraten!«

»Der Generalkonsul? Wer ist das?«

»Das weißt Du nicht? Das ist der jetzige Inhaber des Bankhauses C. F. Gerold, der Neffe und einzige Erbe des alten Gerold ... Ich habe heut mit ihm selbst gesprochen.«

Francis hörte teilnahmslos zu. Wenn Mama sich mit ihren paar Groschen an den Chef des Bankhauses persönlich wandte, war es kein Wunder, daß man ihrer Neigung, zu spekulieren, Einhalt getan hatte. Was lag auch dem Millionär an einer Kundin, die ganze fünfundzwanzigtausend Mark besaß?

Frau von Engern mißdeutete das Schweigen ihrer Tochter; sie schien eher zu glauben, was sie doch so sehr wünschte: daß Francis neugierig war, etwas Näheres über den Bankier zu hören, der seiner Klientin abrät, ihr Geld an der Börse zu riskieren. Ihr Bankier war eben kein gewöhnlicher Geldmensch, sondern eine vornehme Natur.

In den lebhaftesten Farben schilderte sie jetzt den Verlauf ihres Besuches in dem Bankkontor. Gerade, als sie mit dem Disponenten sprach, durchschritt der Chef, der Generalkonsul, das Zimmer. Er kannte sie sehr wohl, weil er die alte Kundschaft seines Onkels besonders in Ehren hielt, wie er versicherte. Und er hatte sie in sein Kabinett geführt. »Wenn Du nur gehört hättest, Francis, wie er von Deinem seligen Vater sprach! »Ich kann mir kaum ein größeres Glück denken,« sagte er unter anderem, »als von einem so einwandslosen, so in jedem Sinne intakten Manne abzustammen! Dies Bewußtsein muß einem eine Ueberlegenheit geben, größer noch als dasjenige, ein Genie zum Vater gehabt zu haben. Denn die besondere, wenn auch noch so seltene Begabung vererbt sich fast niemals, während die Eigenschaften des Charakters wie ein unveräußerlicher Schatz auf die Kinder übergehen.« Zwölf Jahre lang, seit er in seines Onkels Geschäft als Lehrling eintrat, bis zu Papas Tode, hat er ihn bedient und eine grenzenlose Verehrung für ihn gehegt. Er zeigte mir noch ein von Papas Hand ausgefertigtes und vollzogenes Schriftstück, eine Zession oder so etwas dergleichen. »Papiere dieser Art,« sagte er, »pflegt man im Geschäftsverkehr nur gelten zu lassen, wenn sie vor Notar und Zeugen, in peinlich genauer Form vorliegen. Ihrem Gatten gegenüber war das etwas anderes. Da hätte uns eine einfache, mündliche Erklärung genügt. Aber er bestand darauf, uns einen gewissen Betrag, den er ausstehen hatte, schriftlich zu überweisen –, damit ja nie ein Zweifel aufkommen könne ...«

»Was mag der Vater seinem Bankier zu zedieren gehabt haben?« konnte Francis nicht unterlassen zu fragen.

»Irgend ein Guthaben, vielleicht nur eine Kleinigkeit,« meinte Mama, »und der Konsul hat das Schriftstück, das gewiß längst wertlos geworden ist, pietätvoll aufbewahrt – »als eine greifbare Erinnerung an eine der vornehmsten Erscheinungen, die ihm je begegnet sind,« versicherte er. Es befinden sich übrigens auch sonst noch Dokumente von Papa in Gerolds Depot, aber es scheint, wir müssen noch warten, bevor man sie uns übergibt.«

»Du meinst, der Vater habe das so bestimmt?«

»So muß ich annehmen. Der Generalkonsul hat das heute nur nebenher erwähnt. Aber er erklärte gerade, weil er dem Vater ein so sympathisches Gedenken bewahre, müsse er dringend abraten, unser kleines Vermögen im Börsenspiel zu wagen. »Folgen Sie mir, gnädige Frau, Sie werden es mir danken! Kommt einmal eine außerordentliche Gelegenheit, die ich vollkommen beherrsche, so will ich Ihr Geld anlegen, ohne Sie erst zu fragen. Aber eben nur dann, wenn ich für den Erfolg einstehen kann. Bis dahin halten Sie fest, was Sie haben! Wir leben in einer wilden Zeit.« Es war fast, als ob er mir das schon verlorene Geld noch einmal rettete.«

Francis war nun doch aufmerksam geworden. Es tat ihr immer wohl, so von ihrem Vater reden zu hören, der für sie der Inbegriff alles Noblen und Großen gewesen. Niemals war auch nur der leiseste Hauch auf das reine Bild des Verewigten gefallen. Wer ihn gekannt, mit ihm zu tun gehabt hatte, dem blieb der Eindruck, mit einem Manne von allerpeinlichster Ehrenhaftigkeit in Berührung gekommen zu sein – eine von jenen seltnen Persönlichkeiten, für die eine Gesetzgebung gar nicht zu existieren brauchte. Aber wie unberührt sein Gedächtnis auch in der Seele lebte, so stolz und froh machte sie es jedesmal, die leuchtenden, lauteren Eigenschaften ihres Vaters von anderen anerkannt zu sehen. In diesem Falle tat es ein Mann, der augenscheinlich selbst eine Ausnahme unter seinen Berufsgenossen bildete. – Er hatte ihre Mutter von törichtem Beginnen abgehalten. Und in einer unbewußten Regung von Dankbarkeit trat sie diesem Manne ein wenig näher, indem sie die Mutter fragte:

»Wie sieht er aus. Dein Generalkonsul? Ist er schon ein älterer Herr?«

Frau von Engern war heute schon zum zweiten Male in der Gefahr, ihre gute Haltung zu verlieren, so sehr freute sie dieses Zeichen von Anteilnahme bei Francis. Sie hätte sich auf der Welt nichts Besseres wünschen können, als daß ihre Tochter nach dem Aeußeren des Generalkonsuls Gerold fragte. Und sie gab ein liebevoll entworfenes Porträt.

»Ein Mann in der zweiten Hälfte der dreißig; etwas, aber nicht viel größer als Du, Francis – Du bist ja eine echte Gardeoffiziers-Tochter! – von einer Haltung, die ich nicht anders als aristokratisch nennen kann. Dunkelblond, mit zartem Teint, das Haar kurz, leicht gewellt, dunkelbraune Augen unter weit geschwungenen, fast ein wenig zu starken Brauen. Ein eleganter, zugespitzter Vollbart umschließt den klugen, zugleich gütigen Mund. Und was mir am meisten an ihm gefällt, sind seine Hände Männerhände, die nicht wehtun können!«

»Genug, genug, Mama! Du willst, daß ich mich in Deinen Generalkonsul verliebe!« lachte Francis.

»Ja, das wünschte ich aus tiefstem Herzensgrunde,« gestand Frau von Engern mit einer an Inbrunst grenzenden Wärme des Tones. So innig kam es von den Lippen der Mutter, daß nichts von dem Widerwillen in Francis sich regte, den sie immer empfand, so oft man ihr den Gedanken an eine neue Beziehung zu einem Manne nahegelegt hatte. Nein, das war nicht mehr die leidige, mütterliche Gelegenheitsmacherei, die auch ihr schon manche Stunde vergällt hatte, das war der Ausdruck einer höheren Eingebung, einer vorausblickenden Ueberzeugung. Ganz dunkel zwar, wie vom Schleier der Dämmerung verhüllt, aber doch schon in den Umrissen erkennbar, begann das kluge Mädchen zu ahnen, was ihrer Mama heute begegnet war. Sie hatte die Empfindung, als müsse sie von nun an auf die leisesten Schwingungen in der Stimme der Mutter, auf das unmerklichste Zucken in den tausend Falten des alten, feinen Gesichts, ja auf jede Bewegung der dünnen, zarten Finger der Mama achten. Etwas wie das Schicksal selbst sprach aus dem gebetartigen Ausruf der alten Frau.

»Laß Dir sagen: es war kein Zufall, daß er mich heute in sein Privatkabinett zog,« fuhr diese fort. »Er hatte Weisung gegeben, ihn zu rufen, wenn ich kommen sollte; er wußte ja, daß ich mir die Zinsen selbst hole ... Nun, mein Kind, er hat um die Erlaubnis gebeten, uns besuchen zu dürfen. Er möchte Dich näher kennen lernen.«

»Näher? Hat er mich denn je gesehen?«

»Oft und oft, Francis, und er ist entzückt von Dir!«

»Ohne ein Wort mit mir gesprochen zu haben?«

»Auch gesprochen hat er Dich, beinahe zehn Minuten lang, so versicherte er mit glückstrahlenden Blicken. Zuerst sah er Dich mit mir und Egbert, den er ja genau kennt, auf der Kunstausstellung in diesem Frühjahr. Das ist jetzt ein halbes Jahr her, und er weiß noch, vor welchen Bildern Du länger verweilt, zu welchen Du noch einmal zurückgekehrt bist. Er beschrieb mir genau den Eindruck, den die Kolossalgruppe »Das Gesetz« auf Dich gemacht hat – wie Du Dich gar nicht losreißen konntest von ihr ... dann aber sah und sprach er Dich bei dem Bazar im Handelsministerium. Ja, ich glaube, daß man Dich dort nur auf seine Anregung eingeladen hatte. Er war einer der Herren vom Komitee ...«

»Ich weiß – ich erinnere mich jetzt ganz genau,« sagte Francis leise, und ein liebliches Rot stieg auf in ihrem schönen, ein wenig bleichen Gesicht. »Ich hätte bestimmt geglaubt, der Herr wäre ein Künstler oder ein Schriftsteller. Er nahm sich des Arrangements in meinem Zelte sehr freundlich an, nannte mir auch seinen Namen, aber ich war an jenem Tage merkwürdig aufgeregt ...«

»Nun, siehst Du, Francis,« setzte die Mama wieder ein, »das ist nun zwei Monate her, und der Generalkonsul hätte gewiß Gelegenheit gefunden, sich hier einzuführen. Aber er wollte von mir hören, ob Dein Herz noch frei – ob es wieder frei sei, denn er ist auch über Deine erste Verlobung unterrichtet. Was ihm Egbert darüber sagen konnte, scheint ihm nicht genügt zu haben, trotzdem die beiden ja alte Bekannte sind. Seit zwölf Jahren hat Egbert seinen Zuschuß bei Gerolds erhoben, wie Du weißt. Aber der Konsul wollte es von mir erfahren, wie's mit Dir steht – ob ein Mann, der jetzt schon voller Bewunderung für Dich ist, es wagen dürfe, sich um Dich zu bewerben.«

In tiefem Schweigen saß Francis da, den Blick gleichsam nach innen gekehrt. Sie sah den Mann jetzt wieder vor sich – eine tadellose Erscheinung. Nicht eine Sekunde lang blieben ihre Gedanken an seinem bürgerlichen Namen haften; darüber hatte Francis von Engern mit ihren hellen klugen Augen längst hinwegsehen gelernt. Wäre der Mann, dessen weiche, warme Stimme sie jetzt zu hören glaubte, ein Ingenieur gewesen, ein Arzt oder Architekt, ein Lehrer oder ein Landwirt – unbedenklich hätte sie gewünscht, daß er komme; und er brauchte nur nicht allzu sehr zu enttäuschen, so wäre er ihrer sicher gewesen. Denn er hatte ihr bedingungslos gefallen. Nur – sie mußte jetzt lächeln – nur wußte sie damals ja gar nicht, ob er »frei« war, denn er hatte die perlgrauen Handschuhe nicht abgezogen, während er die Bonbonnieren auf ihrem Tische ordnete. Noch heute errötete sie in der Erinnerung daran, daß sie gewünscht hatte, seine rechte Hand unbekleidet zu sehen ... Aber freilich, einen Bankier, einen Geschäftsmann hatte sie nicht in ihm vermutet. Sie hatte ein geheimes Grauen vor Geschäften – ein Erbteil vom Vater, der mehr als einmal gesagt hatte: »Ein Geschäftsmann wird heutzutage geradezu gezwungen, ein schlechter Kerl zu sein! Sie fressen sich ja gegenseitig auf!« Und nun war dieser so vornehm erscheinende, offenbar auch nicht unnobel denkende, elegante Mann ein Börsenmensch! Wie sie jetzt bedauerte, das schlechte Oelporträt des Vaters ins Speisezimmer verbannt zu haben. Wenn sie in diesem Augenblick hätte zu dem Bilde aufschauen können, der Vater würde ihr geantwortet haben auf die bange Frage, die sie durchzitterte. O, sie wußte auch ohnedies, was ihr das stumme Bild sagen würde – was so zu sagen das Grundmotiv seines Lebens gewesen war: »Wir Engerns sind aus der Mode! Der Geist der Zeit ist an uns vorübergegangen, ohne daß wir ihn erkannten!«

Francis neigte sich hinüber zu der alten, zarten Frau, die ängstlich auf ihre Entscheidung wartete. Sie legte den Arm um Mamas Hals und blickte sie an, bittend wie ein Kind:

»Laß mir nur ein paar Tage Zeit, Mama! Ich muß mich an den Gedanken erst gewöhnen!«

Leise nickend, als wollte sie sagen: »Ich verstehe Dich, Francis,« zog Frau von Engern ihre Tochter an sich und küßte ihre schöne, hohe, weiße Stirn.

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