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Die höchste Instanz

Paul Blumenreich: Die höchste Instanz - Kapitel 12
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authorPaul Blumenreich
titleDie höchste Instanz
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Draußen, auf der Reinickendorferstraße, die hinausführt nach Tegel, da, wo die Großstadthäuser schon an Höhe verlieren und hier und dort sich ein Biergarten in die Straßenfront drängt, ging leicht schwankenden Schrittes Wilhelm Reinecke einem unklaren Ziele entgegen.

Der Hauptmann hatte ihn in einem Zustande zurückgelassen, der der Trunkenheit nicht unähnlich war, obwohl Wilhelm sich sagen durfte, daß er nur mäßig dem Rotweine zugesprochen hatte.

Aber es wirbelte in seinem Schädel, ihm war so unnatürlich warm, daß er den schäbigen, graugelben Sommerpaletot aufknöpfen mußte, und doch wieder perlte ihm kalter Schweiß auf der Stirn.

Mein Himmel – auf was hatte er sich da eingelassen! Wie sollte er denn die Stirn haben, irgendwem vorzulügen, der ihm anvertraute Gefangene sei entwischt, wo er doch alles getan hatte, jenem das Entkommen zu erleichtern.

O nein – kein Mensch würde ihm glauben! An der Nasenspitze würde man's ihm ansehen, was für ein sauberer Vertrauensmann er wäre. Und was würde die weitere Folge sein?

Wußte man erst einmal, daß er sein Teil beigetragen hatte zu dieser Flucht eines lange gesuchten Mannes – eines reichen Mannes! – so wußte man auch zugleich, daß er, Reinecke Geld dafür genommen, daß er sich hatte bestechen lassen.

Man würde ihn also bestrafen – vielleicht gar mit Gefängnis! Denn wenn auch jener, dem jüngst ein paar Verbrecher ausgekommen, nur mit einer Geldstrafe belegt worden war, so lag ja bei dem Manne auch nicht der leiseste Verdacht dafür vor, daß er dem Entkommen der beiden Vorschub geleistet, oder gar, daß er Nutzen davon gehabt hätte. –

Ihm aber, Reinecke, ihm würde man es leicht nachweisen können, daß er nun auf einmal Geld hatte, sich verheiraten konnte – er, der bis vor wenigen Tagen ein armer Hungerleider gewesen war.

Zwar, ging es ihm dann wieder durch den Kopf, wenn er schon die Gefahr erkannte – weshalb sollte er ihr denn nicht ausweichen können? Mußte er sich denn verraten, zeigen, daß er Geld besaß? Konnte er nicht noch ein paar Monate warten, wie er nun schon Jahre gewartet hatte? Und wenn einige Zeit ins Land gegangen, wenn er wegen Fahrlässigkeit in Strafe genommen war – wie leicht konnte er dann eine zweite Reise nach Berlin unternehmen, um anscheinend mit seinem endlich flüssig gewordenen Erbteil heimzukehren!

Da hieße es also jetzt nur frech sein, sich nichts anmerken lassen! Beweisen konnte man ihm ja nichts, so lange man nicht das Geld bei ihm fand ...

Er trat in einen Hausflur, um die sechs blauen Scheine im Stiefelschaft zu verbergen.

Darauf würde so leicht kein Mensch kommen, in seinen Stiefeln nach Hundertmarkscheinen zu suchen ...

Ein bißchen leichter war ihm wohl schon; aber mit der Frechheit würde es doch noch seine Schwierigkeiten haben. Man müßte einen Schnaps trinken oder zwei – »das gibt Mut in die Knochen,« pflegte sein Feldwebel immer zu sagen.

Er las an einem Schilde, daß man hier holländischen Branntwein schänke und trat in den eleganten Laden.

Solch eine »Destille« hatte er auch noch nicht gesehen. Die Wände waren mit gemalten Kacheln belegt, der Flaschenschrank, der Schenktisch, die Stühle von Mahagoniholz; auf dem Tische standen Schüsseln mit Teekuchen, aus denen jeder nach Belieben nahm. Er verlangte einen guten Schnaps.

»Halb und Halb gefällig?«

»Versuchen wir mal Halb und Halb.«

Das schmeckte nun freilich großartig, aber es war nichts drin in so einem Glase.

Ob er denn nicht statt Halb und Halb einen Ganzen bekommen könnte? Das Büffetmädchen lachte und goß ihm eine andere Sorte ein.

»Aller guten Dinge sind drei,« dachte er, obwohl das Zeug ihm schnell zu Kopfe stieg.

Beinahe wäre er sofort wieder nüchtern geworden, als man ihm für die drei Schnäpse soviel abverlangte, wie er daheim an manchem ganzen Tage verdiente. –

Gleichviel, er hatte nun doch »Mut in den Knochen«. Da war auch der Bahnhof Friedrichstraße, die Uhr zeigte eben auf halb sechs; jetzt lief der Zug ein, mit dem er hätte kommen sollen.

Wenn er sich nun langsam auf den Weg nach Tegel machte, kam er zur richtigen Zeit dort an, um seine Meldung zu machen.

Die Leute da draußen in dem Gefängnis ging ja die Sache auch gar nicht weiter an, denen brauchte er nichts weiter zu sagen, als daß er den Gefangenen hier im Gedränge des Bahnhofs plötzlich aus den Augen verloren habe.

Ob man ihm nun glaubte oder nicht – man konnte ihm nichts anhaben.

Nur die Behörde, die ihn beauftragt hatte, würde näher auf die Sache eingehen, ihn peinlich verhören und zur Anzeige bringen.

Das alles sagte er sich jetzt mit merkwürdiger Klarheit. Nicht einen Augenblick kam ihm der Gedanke, daß er einen groben Vertrauensbruch begangen hatte; er sah, wie die meisten seinesgleichen, die Sache nur auf die unmittelbaren Folgen hin an.

Er holte sich von der Verwahrungsstelle sein Paket mit Butterbroten – es kam ihm vor, als erhöhe es seine Glaubwürdigkeit, wenn er sein »Gepäck« mit sich führte.

Dann befragte er sich bei einem Schutzmann über den Weg nach Tegel.

Man wies ihn in die Charlottenstraße, den Ausgangspunkt einer elektrischen Bahnlinie.

Und mit einer gewissen »Wurstigkeit«, von der er freilich nicht wußte, daß er sie bei Bols seel. Erben sich angetrunken hatte, bestieg er den eben zur Abfahrt bereiten Wagen.

Gedankenlos, nur von Zeit zu Zeit nach seinem rechten Stiefelschaft fühlend, fuhr er dahin.

Er hatte kein Auge für das um jene Stunde gewaltig flutende Leben der Großstadt.

An alle den Riesenhäusern, die sich da immer weiter und weiter hinausschoben, glitt sein Blick achtlos vorüber. Er hatte sich völlig eingesponnen in seinen aus zwei Worten bestehenden Aktionsplan: frech sein! Und war ihm das erst hier gelungen, zu Hause wollte er dann noch viel sicherer auftreten.

Der Wagen war überfüllt, wenigstens saßen und standen die Leute dicht aneinander gedrängt. Aber das schien niemanden zu stören – dem jungen Pärchen, das ihm gegenüber in einer Ecke saß, war's sogar ganz nach Wunsch. Ein Liebespaar, ohne Zweifel.

Und ganz plötzlich, er hätte selbst nicht sagen können, wie es geschehen, hatte sich Reineckes ganzes Denken und Empfinden abgewendet von dem, was ihn hier umgab – er hatte mit einemmal das Gefühl, mit Minna allein zu sein.

Sie sah ihn an mit ihren hübschen, ehrlichen Augen, und er wurde rot bis in die Haarwurzeln hinein. Er strich mit der Hand über das bärtige Gesicht – es brannte, wie im Fieber. Und er hatte nichts wegwischen können – er sah noch immer Minna und sonst nichts und niemand.

Minna! Wie würde sie sich zu der ganzen Sache stellen? Würde er auch ihr gegenüber »frech sein« können und würde sie es gelten lassen? Ihr die Wahrheit sagen – Unsinn! Sie würde nie wieder ein Wort für ihn haben, »Luft« würde er für sie sein! Ja, um Gottes willen, wie sollte er es denn anstellen, ihr, der Minna, wochenlang mit einer Lüge vor die Augen zu kommen? Sollte er zusehen, wie sie sich weiter abrackert, auch in den Feierstunden schwer arbeitet, während er die Hundertmarkscheine im Stiefelschaft stecken hatte? Und wiederum – ihr erzählen, das sei die Erbschaft? Wie lange wird es dauern, und die Geschichte mußte aufkommen. Schon seine Bestrafung würde Minna stutzig machen. Sie wußte ganz genau, daß er kein so dummer Kerl sei, wie jener, dem die gefesselten Gefangenen entkommen waren! Ihm würde auch Herr Gerold nicht entwischt sein, darauf hätte Minna geschworen.

Wahrhaftig, es gab keinen Ausweg aus diesem Wirrsal. Er saß ratlos fest, seit er sich seiner Braut erinnert hatte. Und wenn sein Leben davon abhinge, er würde nicht wagen, ihr zuzumuten, daß sie ein Auge zudrücke, weil er nun ein Mann war, der Geld hatte.

Nicht daran zu denken! Und Mutter Koch würde ihm das Brühfaß an den Kopf werfen!

Da hatte er nun sechshundert Mark im Stiefelschaft, hatte Mut genug in den Knochen, um den Leuten in Tegel und wohl auch denen daheim ein X für ein U zu machen, aber an die Minna, an Frau Koch, wagte er sich nicht heran.

Damit aber brach alles Zusammen, was ihm bis hierher Halt gegeben hatte.

Für Minna wollte er auf sich nehmen, was immer kommen mochte. Ohne sie konnten ihn auch tausend solcher Scheine, wie ihrer sechs jetzt in seinem Stiefel zu drücken anfingen, nicht froh machen.

Er gab sich einen Ruck und stand auf, fragte den Schaffner, ob es noch weit sei bis zum Gefängnis in Tegel.

Der sah ihn halb mitleidig, halb spöttisch an und meinte:

»Wir bringen Sie bis vor die Tür – bequemer können Sie's gar nicht haben!«

»Ich möchte lieber vorher aussteigen,« erklärte Reinecke.

»Aha,« grinste der Schaffner, »haben sich's überlegt.« Und er gab das Haltezeichen, setzte den Inkonsequenten ab.

Reinecke aber gondelte dem Wagen nach, mit sich rechtend, ob er nun schon hier in Tegel oder erst daheim das »Frechsein« aufgeben, die Wahrheit sagen sollte.

Oder – auch seinerseits davonlaufen? Es rieselte ihm kalt über den Rücken bei dem Gedanken.

Aber Geld hatte er ja, auch einen Vorsprung – er käme gewiß irgendwohin, in Sicherheit. Und Minna?

Plötzlich hörte er von der Fahrstraße her laut seinen Namen rufen.

Er fuhr so hastig herum, daß sein »Gepäck«, das er an einer überlangen Schnur trug, sich um den nahen Laternenpfahl wickelte, so daß er nun wie gefesselt war.

»Reinecke!« hörte er es noch einmal.

Teufel – was für Spuk verfolgte ihn denn heute? Zuerst dieses plötzliche Auftauchen der Minna und nun ...

Aber diesmal war's kein Spuk.

Aus der offenen Equipage hatte man ihn angerufen. Der Wagen hielt dicht vor dem Laternenpfahl, und vor dem zu Tode erschrockenen Reinecke stand Gerold, der mit einer Dame in dem Wagen gesessen hatte.

»Reinecke! Da sind Sie ja! Wie freue ich mich, daß ich Sie noch erwische,« rief Gerold ihm zu und lachte in den Wagen hinein.

Reinecke mußte wirklich sein ganzes bißchen Verstand zusammennehmen, um nicht sich selbst wie ein Narr vorzukommen.

»Herr Gerold! Ja – sind Sie denn nicht ...?« Er machte eine bezeichnende Geste.

»Ich habe Sie in dem Menschengewimmel aus dem Gesicht verloren,« versicherte Gerold – »ich suche Sie schon seit einer Stunde.«

Ein langgedehntes »Sooo?« war alles, was Reinecke zunächst herausbrachte.

Dann bückte er sich, zog etwas aus dem Stiefel hervor und streckte es Herrn Gerold mit einer wahren Armesündermiene entgegen:

»Da muß ich Ihnen ja das wiedergeben!«

Er sah aus wie Hans im Märchen, dem die goldenen Eier sich in ganz gemeine Hühnereier verwandelten.

Einmal im Leben hatte ihm das Glück gelächelt, aber es hatte nur sein Spiel mit ihm getrieben. »Da.«

»Unsinn! Fällt mir gar nicht ein! Ich ernenne Sie hiermit zu meinem Hofschuhflicker. Wenn ich wieder frei bin, sende ich Ihnen alle meine kranken Stiefel zu, bis Sie mir nichts mehr schulden!«

Francis, die jedes Wort hörte, sagte:

»Behalten Sie's nur, Meister! Und grüßen Sie mir Fräulein Minna von Frau Gerold.«

Reinecke stammelte etwas Unverständliches – Schluchzlaute mischten sich dazwischen ... Dann folgte er der Einladung Gerolds und stieg ein zu den beiden.

Fünfzig Schritt diesseits der imposanten Strafkolonie wurde Halt gemacht.

Ein kurzer, tapferer Abschied zwischen Francis und Gerold – dann schritt dieser mit seinem Hüter vorwärts und verschwand nach wenig Augenblicken hinter der eisernen Gittertür.

*

Der erste Brief, den Gerold im Gefängnis schreiben durfte, war an Kitty Knox gerichtet – so hatte er Francis versprechen müssen.

»Sie sehen,« schrieb er ihr, »ich bin nun doch ans Ziel gelangt. Nicht, weil Francis es so wollte, noch weil mein Gewissen mich hierher getrieben, sondern weil ich meine Frau liebe, mehr als jemals liebe. Und weil ich weiß, daß ich auch ihr etwas geworden bin in der Zeit der Trennung. – Sie wissen nun schon, daß ich hier nicht der Reue leben werde, wie der Anstaltsprediger es berufsgemäß verlangt. Ich habe zwar das frohe Bewußtsein, mich selbst überwunden zu haben, und in diesem Sinne sind auch unsere Gesetze – selbst die anfechtbarsten! – von erzieherischer Wirkung: weil sie einmal Gesetz sind, soll der Denkende sich ihnen fügen. Das erhebt ihn über die Masse derer, die man zum Gehorsam zwingen muß... Aber ich gestehe es frei: diese Erkenntnis ist mir erst hier gekommen. Hierher gegangen bin ich aus einem andern Grunde: die höchste Instanz hat mein Urteil bestätigt – es war eine Tat der Liebe, daß ich hierher ging. Was einmal die Liebe uns zum Gesetz macht, dagegen gibt es keinen Widerspruch mehr.

Ihnen, Verehrteste, habe ich es zu danken, daß ich heute so froh über Dinge reden darf, die mir vorher Grauen eingeflößt haben ... Ist Amerika das Land, das Ihrer warmen Begeisterung wert, so muß es unter seinen Söhnen auch den Mann zählen, der Ihrer würdig ist. Daß er Sie finde, ist mein und meiner Francis aufrichtigster Wunsch!«

 

Ende.

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