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Die höchste Instanz

Paul Blumenreich: Die höchste Instanz - Kapitel 11
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authorPaul Blumenreich
titleDie höchste Instanz
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Nicht aufjubelnd über das nahe Ende ihrer Leiden, nicht stolz auf den errungenen Sieg, nicht in jenem Gefühl der Sicherheit, das ihr ein Blick in den Spiegel hätte geben können – aber auch nicht in Demut und Unterwürfigkeit war sie ihrem Manne entgegengetreten.

Beglückt und aufrecht, stolz und bescheiden zugleich streckte sie ihm die Hände hin zum Gruße und sagte:

»Wir haben einander unrecht getan, Ernst – laß uns die Vergangenheit begraben!«

Und er riß sie an sich mit jugendlicher Leidenschaftlichkeit.

Er küßte ihren Mund, ihre Augen, ihre Hände – es war, als hätte das Grab sie ihm zurückgegeben.

Zarte Farben schmückten wieder das liebliche Oval ihres Gesichts, ihre Augen leuchteten in dunklem Glänze, und ihr Herzschlag hielt Schritt mit dem seinen.

Nun saßen sie in glücklicher Zwiesprache in dem dämmerlichen, wunderlichen Zimmer.

Die Mutter war gegangen, um den Tee herzurichten.

Wie natürlich es ihnen beiden erschien, des Vergangenen mit keinem Worte zu gedenken.

Wer eine Gegenwart hat, wem noch eine Zukunft lacht, er blickt nicht gern und nicht freiwillig zurück.

Nur wem der Mut fehlt, sich das Glück von einst wieder aufzubauen, nur der Schwache, der Schicksalsfeige hängt am Einst.

»Weißt Du denn aber auch, mein Liebling, daß ich als Flüchtling komme? Nimm das Wort in seiner härtesten Bedeutung: als einer, der buchstäblich soeben erst davongelaufen, entwischt ist – weißt Du das?«

»Du bist gekommen,« sagte sie einfach, »was brauch' ich mehr zu wissen?«

Wieder mußte er sie küssen. Und die Zeit verrann. Die Minuten waren kostbar.

Er faßte kurz zusammen, was sie wissen mußte. Entweder folgte sie ihm noch in dieser Stunde oder er stellte sich noch heute der Behörde.

»Du hast zu entscheiden,« schloß er, »Du allein! Und Du sollst nichts anderem folgen, als Deinem innersten Empfinden. Du darfst gar nicht an mich denken! Ich werde mich nicht nur willig fügen, sondern ich danke Dir im voraus für Deinen Entschluß. Er kann das einzige, worauf ich Wert lege, mir nicht mehr in Gefahr bringen: Du bist mein – bleibst mein – was immer auch über mich verhängt werde. Aber es muß sofort geschehen, was Du verlangst. Sowohl unsere gemeinsame Flucht, als auch meine Stellung dürfen nicht eine Stunde mehr hinausgeschoben werden. Also – sprich!«

»Es kann keinen Zweifel geben, mein Ernst – ich gehe mit Dir!« rief sie, ihre Arme um seinen Hals schlingend. »Ich weiß, eine wahnsinnige Furcht wird mich auf Schritt und Tritt begleiten, wird mir die Kehle zusammenschnüren. Aber das kann ja, wie Du sagst, nur Stunden dauern, nur so lange, bis Du in Sicherheit bist!«

»Dir ist bange, man könnte mich unterwegs von neuem verhaften?«

Aengstlich schmiegte sie sich an ihn, umklammerte ihn nur noch fester und barg das feine Köpfchen an seiner Brust. Langsam nur und zögernd begann sie:

»Ich will Dir ein Geständnis machen, für das vielleicht niemals ein schönerer Augenblick kommt ... Es hat in der letzten Zeit – seit ich Dich in Abbazia wiedersah – Stunden gegeben, in denen es mir fast wie ein Trost erschien, daß uns das Schicksal nicht wieder zusammengeführt hatte – ja – schau' nur verwundert auf! Es war ein Trost, Dich nicht zu haben, weil ich Dich nun nicht verlieren konnte!«

»Versteh ich Dich recht, Francis ...?«

»Du kannst mich nicht mißverstehen: ich hatte Dich lieben gelernt. Dich, den Gütigen, Nachsichtigen, Opferfähigen – den Mann, der einst nur für mich gelebt hat und der mir nun für immer verloren war. Alle meine Gedanken, meine ganze Seele war bei Dir, der mir nur Gutes erwiesen, hinein in diese beglückende »unglückliche« Liebe – unglücklich, weil Du sie nicht mehr erwidertest. Manchesmal aber warst Du bei mir – ich sprach mit Dir, ich hörte Deine Stimme, fühlte Deine Nähe. Dann wieder stellte ich mir vor. Du würdest plötzlich von meiner Seite gerissen, ins Gefängnis geschleppt und ich blieb zurück in einer dem Wahnsinn nahen Verzweiflung. Ich schrie auf, ich stürzte zur Tür, um sie zu verschließen, damit man nicht hinein könne, Dich zu holen – nicht hinaus, wenn man Dich etwa schon ergriffen hätte ... Und von Fieberschauern geschüttelt, die Stirn mit kaltem Schweiß bedeckt, erkannte ich, daß nur gräßliche, halbwache Träume mich gequält hatten –: Du warst gar nicht bei mir, liebtest mich nicht mehr, konntest mir nicht mehr entrissen werden ...«

In tiefer Ergriffenheit hatte er ihr zugehört und saß in seinem Schreibstuhl, während sie, den Arm um seinen Nacken geschlungen, neben ihm stand.

Sein traumversunkener Blick blieb zufällig auf der hellgrün glänzenden Platte haften, die das Geheimschränkchen deckte. –

Francis war diesem Blick gefolgt und, ihn mißverstehend, dachte sie an den Inhalt des Kästchens.

»Willst Du mir etwas Liebes erweisen in dieser schönen Stunde, Ernst?«

Er fuhr aus halben Träumen auf.

»Wie kannst Du fragen, Kind!«

»So öffne dieses geheime Fach ...«

Erschreckt erhob er sich.

Wollte die Vergangenheit noch einmal mit rauher Hand hineingreifen in sein Glück? Er machte eine abwehrende Bewegung.

»Du hast also kein Vertrauen zu mir?«

Mit einer entschlossenen Gebärde wandte er sich zurück zu dem Schreibtisch, drückte leicht auf einen gewissen Punkt, die Platte fiel auf und auf dem dunklen Grunde des Kästchens schimmerte der weiße Brief mit seinem großen Siegel.

»Du hast recht,« sagte er, das Schreiben herausnehmend, »es darf nichts mehr zwischen uns bleiben!«

Er ließ das elektrische Licht aufflammen, öffnete mit fester Hand das Kuvert, während Francis, einen Schritt zurücktretend, mit gespannten Zügen den Ausdruck seines Gesichts verfolgte.

Wiederholt nickte Gerold beim Lesen, wie, wenn er alledem zustimmte, oder doch, wie wenn er seine Vermutungen bestätigt fände.

Dann, als er zu Ende war und Francis eben die Hand ausstreckte, um das Vermächtnis ihres Vaters zu empfangen, hatte er mit einem großen Schritt den Kamin erreicht und schleuderte den Brief, ehe sie es hindern konnte, in die flackernden Flammen.

Sie stieß einen leisen Schrei aus, dann senkte sich ihr Blick tief in den seinen.

»Ich danke Dir, Ernst – ich danke Dir von ganzer Seele!«

Er entzog sich ihrem Arm – er durfte nicht schwach werden. –

»Es ist Zeit, daß ich gehe, mein Liebling,« sagte er. Aber sie umschlang ihn von neuem, leidenschaftlicher als zuvor.

»Soll das etwa heißen ...?« sie fand nicht den Mut auszusprechen, was sie befürchtete, sie klammerte sich an ihren Mann, als wollte sie ihn nie wieder freigeben.

»Das soll heißen, mein Liebling, daß ich noch heute, noch in dieser Stunde meine Strafe antrete.«

»Ernst!« schrie sie auf. »Mein geliebter Mann! Du hast meine Worte mißverstanden! Du glaubst mir nicht! Komm – laß uns eilen! Ich brauche nichts, gar nichts mitzunehmen – das ist alles Nebensache! Nur keinen Augenblick mehr versäumen! Ich werde nicht eher Ruhe haben, als bis ich Dich nicht in voller Sicherheit weiß! – Bringen Sie mir Hut und Mantel, Luise, – schnell – schnell!«

»Höre mich an, Francis, sei mein starkes, tapferes Weib! Das Gefängnis ist keine Strafe für den Mann, den Liebe dorthin begleitet. Nur jene, mit denen niemand mehr fühlt, mögen sich dort unglücklich und verlassen sehen.

Ich verdiente nicht, Dich wiedergewonnen zu haben, wollte ich auch nur noch einen Augenblick mich bedenken. Du fürchtest für mich, und damit ist mir der Weg vorgezeichnet. Du würdest in den vierundzwanzig Stunden, bis wir in der Schweiz sind, unendlich mehr leiden, als mir die ganze Strafzeit antun kann.

Und schließlich bin ich auch in Nizza, bin ich irgendwo so völlig sicher, daß ich es Dir gegenüber verantworten könnte, es darauf ankommen zu lassen.

Nicht wahr, Liebling, Du gehst mit der Mutter nach dem Süden, erholst Dich, schreibst mir dann und wann und bleibst mir gut, bis ich heimkomme! Dann erst werden wir einander wirklich gehören können.«

Ihre schönen grauen Augen hatten sich mit Tränen gefüllt, mit Tränen des Glückes.

Sie schaute zu ihm auf, wie sie einst zu ihrem herrlichen Vater aufgeblickt hatte.

Soviel Dankbarkeit, soviel Stolz auf ihn, soviel frohe Zuversicht strahlte aus ihren feucht erglänzenden Augen, daß er meinte, sie nie schöner gesehen zu haben.

Luise brachte Mantel und Hut. Und Francis sprach:

»Du sollst sehen, Ernst, daß ich Deiner wert geworden bin. Wir bleiben hier, in Deiner Nähe, damit ich Dich besuchen kann, so oft es angeht. Und, daß ich den Weg finde zu dem Hause, in dem Du mir solch ein schweres Opfer bringst – komm, Ernst, ich begleite Dich bis an das Tor des Gefängnisses.«

»Recht so, mein Kind,« sagte die Baronin, »auch ich bin im Geiste mit Ihnen, mein Sohn. Sie erleiden nun keine Strafe mehr – Sie beugen sich nur dem Gesetz!«

*

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