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Die Hochlandhexe, Ein Kind der Sünde

Walter Scott: Die Hochlandhexe, Ein Kind der Sünde - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorWalter Scott
titleDie Hochlandhexe, Ein Kind der Sünde
booktitleZwei Erzählungen
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWalter Scott's Romane
volumeBand 5
translatorErich Walter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid47af35bc
created20061112
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Die Hochlandhexe

Erstes Kapitel.

Es mag jetzt 35 Jahre her sein – erzählte mir einst Frau Martha Bethune Baliot, eine wackere Schottin, zu der meine Familie in nahen Beziehungen stand –, da begab ich mich auf eine Tour nach den Hochlanden, um mich von Herzeleid freizumachen, das vor ein paar Monaten durch schweres Unglück in meiner Familie über mich gekommen war. Solche Touren kamen damals auf. Aber man meine nicht, daß man zu jener Zeit, wenn auch die Heerstraße in ganz gutem Zustande war, die Bequemlichkeiten gefunden hätte, wie sie der Tourist von heute verlangt, und auch überall findet. Damals galten solche Touren, trotzdem sie, wie gesagt, in Aufnahme kamen, noch für höchst abenteuerliche Unternehmungen für Männer, geschweige Frauen, und wohl jeder nur halbwegs vorsichtige Mensch pflegte, bevor er sie antrat, sein Testament zu machen. Zudem empfand damals wähl auch so ziemlich noch jeder, der das Wort »Hochlande« vernahm, ein gewisses Gruseln, trotzdem dort damals im Grunde genommen schon ganz dieselbe Ordnung und Ruhe herrschte wie in irgendwelchem anderen der zur Krone König Georgs gehörigen Reiche, waren doch noch immer nicht wenige Menschen vorhanden, die den Aufstand vom Jahre 1745, wenn auch vielleicht nicht mitgemacht, so doch miterlebt hatten.

Kein Wunder, daß noch immer mancher, den der Weg zur Stirling-Feste hinaufführte, von ihren Türmen mit Grausen nach Norden hin den Blick lenkte auf die große Bergkette, die sich dort wie eine finstere Mauer erhebt und in ihren Gründen und Schluchten ein Volk beherbergt, das in Tracht, Sprache und Sitte von seinen Stammesgenossen in den Niederlanden solch starte Abweichungen aufweist.

Was indessen meine weibliche Wenigkeit anbetrifft, so darf ich hier sagen, daß ich aus einem Geschlecht stamme, welches für Furcht, die ihre Ursache bloß in der Phantasie hat, wenig oder keinen Sinn hat. Es lebte Verwandtschaft von mir in den Hochlanden, auch hatte ich dort Bekanntschaft mit mehreren angesehenen Familien oder, wie es dort heißt, »Sippen«. Ich trat also, ohne daß ich andere Begleitung als meine Zofe mitgenommen hätte, furchtlos die Reise an.

Indessen darf ich nicht vergessen, meines Führers und Cicerone zu erwähnen, der eine nicht unbedeutende Ähnlichkeit mit Greatheart in Bunyans »Pilgerreise« hatte. Er war der Lenker der Postkutsche, mit der ich fuhr, Donald Mac Leish mit Namen, den ich in Stirling gedungen hatte, zusammen mit ein paar Pferden, die ihm an Kraft und Stattlichkeit nichts nachgaben. Postillon und Pferde sollten mich mit meiner Zofe überallhin fahren, so war es in dem Vertrage, den wir mündlich geschlossen hatten, ausgemacht worden, wohin es mir passen würde.

Donald Mac Leish gehörte zu jener Klasse von Postillonen, die durch Dampfschiff und Eisenbahn wohl aus der Verkehrswelt gedrängt worden, also jetzt ausgestorben sein mögen.

Man traf sie hauptsächlichen Perth, Stirling und Glasgow. Dort wurden sie zu Geschäfts- oder Vergnügungsfahrten, die nach dem Lande der Gälen unternommen wurden, gemietet.

Sie glichen in Charakter und Wesen dem heutigen Zugführer der Eisenbahn oder dem Schiffskapitän auf Dampfbooten. Gleichwie diesen von ihren Direktionen die »Tour« vorgeschrieben wird, so damals dem sogenannten »Postillon«. Er notierte die Länge der »Tour«, die »Stationen«, die gemacht werden sollten, kurz alles, was für: die jeweilige Reise in Betracht kam und Berücksichtigung herrschte, und nach diesem schriftlich festgelegten »Itinerar« richtete er sich mit derselben unverbrüchlichen Genauigkeit, wie seine Nachtreter auf modernem Verkehrsgebiete.

Donald Mac Leish war nicht bloß ein fürsorglicher, sondern auch ein vorsichtiger Postillon. Er konnte auf den Tag voraussagen, wann in Tyndrum oder Glenuilt ein Lamm geschlachtet würde, wann sich also der Reisende und wo eines christlichen Mittagessens zu versehen hätte. Er wußte bis auf die Meile das letzte Dorf, wo man Weizenbrot bekam. Er konnte bis auf den Zoll angeben, welche Seite von den Brücken im Hochlande passierbar und welche nur mit Lebensgefahr passierbar sei: keine geringe Wissenschaft in einem Lande, wo man vor fünfzig Jahren noch, und zwar im schönsten Teile, die gruselige Warnungstafel traf: »Rechts halten! Links zu gehen oder zu fahren ist gefährlich!«

Kurzum, Donald Mac Leish war uns nicht bloß ein treuer Begleiter und handfester Diener, sondern auch ein bescheidener, rücksichtsvoller Freund, der uns stündlich zu Dank verpflichtete. Ich habe in Italien den halb und halb klassischen Cicerone, in Frankreich den geschwätzigen Valet de place, in Spanien den bedächtigen, auf seine persönliche Ehre übererpichten Maultiertreiber (und »Maisfresser!«) kennen gelernt, aber der »Hochlandspostillon« in Schottland ist und bleibt mir der liebste von allen: derb und grob, aber ehrlich und treu!

Die Einteilung unserer Fahrt, desgleichen in welcher Richtung wir fuhren, unterstand natürlich Mac Donalds Ermessen, und nicht selten kam es vor, daß wir bei schönem Wetter an Punkten Station machten, wo keine Station gelegen war. Dann rasteten wir und stärkten wir uns unter einer Klippe, von der ein Wasserfall in die Tiefe schoß, oder am Rande einer durch grünen Rasen oder zwischen wilden Rosen fließenden Quelle. Für solche Plätzchen besaß Mac Donald Leish ein vorzüglich geschultes Auge: und wenngleich er ganz gewiß niemals in seinem Leben einen Blick in den Gilblas oder Don Quixote getan hatte, so wählte er doch immer solche Stellen zur Rast, die sich weder ein Lesage noch ein Cervantes hätte entgehen lassen.

Mac Donald Leish besaß noch eine andere, für einen Postillon in solch romantischem Lande nicht gering zu schätzende Eigenschaft: er war imstande, allen Schaden zu kurieren, der ein Pferd unterwegs treffen konnte, und besaß die Fertigkeit, jede irgendwie, sich einstellende Reparatur an seiner Postkutsche ohne fremde Beihilfe vorzunehmen. Sogar für einen Deichsel- oder Radbruch führte er das notwendige Werkzeug und die notwendigen Ersatzteile im Wagenkasten mit.

Aber auch für geistige Speise verstand er Zu sorgen. Jawohl, für geistige Speise! Dieser Donald Mac Leish war wirklich »ein ganzer Kerl«, mit Respekt zu sagen. Alle Sagen und Mären des von ihm so viel befahrenen Landes kannte er genau, und auf die geringste Anregung hin war er mit Erzählen bei der Hand. Desgleichen kannte er jedes Plätzchen jeden Weg und Steg, wo solche Sagen und Mären spielten, und jeden Ort und jede Schlucht, die der Schauplatz von Kriegen und Fehden der Clans gewesen oder wo in den Grenz- und in den Unabhängigkeitskriegen Kämpfe stattgefunden hatten oder Schlachten geschlagen worden waren.

In seiner Ausdrucksweise lag etwas Urwüchsiges, tief zum Herzen Sprechendes: man fühlte, daß er verwachsen war mit seinem Stoffe, daß er aufging in der Liebe zu seiner schönen Heimat, und er bot hierin einen merkwürdigen Gegensatz zu den vielen anderen Genossen im Berufe, die ihre Stärke in Menschenkenntnis und Geriebenheit, seinen Nächsten auszubeuten, suchen. Ich muß wirklich sagen, daß mir die Unterhaltung mit ihm während der Fahrt keinen geringen Genuß verschaffte.

Da er bald, herausfand, daß es mir ein Vergnügen war, mich mit ihm und mit Landsleuten von ihm auszusprechen, richtete er es oft so ein, daß wir in der Nähe einer Hütte Rast machten, in welcher noch irgend ein alter Gäle hauste, dessen Degen bei Falkirk oder Preston im Sonnenschein geglitzert hatte, und der als ein, wenn auch schwaches, so doch wahrhaftiges Zeugnis für verwichene Zeiten gelten konnte.

Oder er wußte es einzurichten, daß wir Einkehr in einem Pfarrhause oder bei einer Familie der besseren Stände, die ihr Heim »draußen im Felde« aufgeschlagen, halten konnten: bei Leuten also, die mit den alten Ursitten von Einfachheit und Gastfreundschaft jene Ureigenschaft höflicher Verkehrsweise verbanden, die ,dem schottischen Bergvolke als heilig gilt, dessen niedrigste Klassen sich in solchem Lichte anzusehen Pflegen, daß sie, wie der Spanier zu sagen pflegt, »als Edelleute, wenn auch an Reichtum nicht, so doch an Ansehen gleichstehen«.

Wir hatten den größeren Teil des Vormittags in dem lieblichen Dorfe Dalmally zugebracht und hatten uns von dem wackeren Pfarrer von Glenorquhy auf den See hinausfahren lassen. Sagen über Sagen hatte er uns erzählt von den finsteren Clan-Häuptlingen des Loch Awe, von Duncan mit der groben Wollmütze und von anderen Gebietern über, die jetzt verfallenen Türme von Kilchurn. Von Dalmally waren wir über den furchtbaren Cruachan-Ben gefahren, der mit wilder Felsenmajestät in das Meer hineinragt und bloß Raum für einen einzigen Paß läßt, in welchem der kriegerische Clan Mac Dougal, von Lorn durch den großen Schlachtenheld Robert Bruce, »den Wellington seines Zeitalters«, nahezu vernichtet wurde. Die Unzahl der über den Gräbern der Erschlagenen errichteten Steinhaufen, an der westlichen Seite des Passes sichtbar, gibt noch heute Zeugnis von der furchtbaren Rache, die Robert Bruce an seinen und seines Hauses Feinden zu nehmen gewohnt war. Das Gemetzel muß um so wilder gewesen sein, als der tiefe und reißende Awe die Flucht unmöglich machte. Seinem Laufe folgten wir auf der Fahrt um den Riesen Cruachan-Ben herum, ließen also den majestätischen See hinter uns, welchem der wilde Gießbach entströmt. Die auf der rechten Wegseite senkrecht abfallenden Felsen bargen nur spärliche Reste von dem Walde noch, der sie einst bedeckte. Wie Donald Mac Leish erzählte, wären sie abgeholzt worden, weil die Stämme in den Hüttenwerken von Bunave zur Speisung des Feuers gebraucht würden. Eine große Eiche links vom Flusse, an die man die Axt noch nicht gelegt hatte, fesselte darum unser Interesse um so mehr. Es war ein Stamm von ungewöhnlicher Höhe und ein Baum von malerischer Schönheit. Sie stand auf einem ebenen Platze von einigen Ruten im Umfang, der von mächtigen Felsblöcken umlagert war. Die Romantik der Vorzeit, den diese Eiche bot, wurde noch erhöht dadurch, daß diese kleine ebene Fläche sich um den Fuß eines schroffen Felsens zog, von dessen Gipfel aus sechzig Fuß Höhe, zu Myriaden glitzernder Schaumperlen verwandelt, ein Gebirgsbach in mächtigem Falle herniederschoß, um unten am Bergfuße, gleich einem geschlagenen General, mit Mühe und Not die verstreuten Kräfte zu sammeln, und gleichsam gebändigt durch den gewaltigen Sturz, still und geräuschlos durch die Heide seinen Weg zum Awe zu suchen, in den er sich nach kurzem Weiterlauf ergoß.

Eiche und Wasserfall weckten mein Interesse. Ich sprach den Wunsch aus, näher heranzugehen, ohne übrigens hierbei an Skizzenbuch oder Griffel zu denken, denn zu meiner Zeit war die jüngere Damenwelt noch nicht so glücklich, sich mit Tändelei die Zeit vertreiben zu dürfen.

Donald Mac Leish riß auf der Stelle den Schlag auf, bemerkte aber, der Weg abwärts sei schwierig und der Baum besser sichtbar, wenn er noch etwa hundert Ellen höher hinaufführe, denn dort böge die Straße näher an die Stelle heran, für die er übrigens keine besondere Vorliebe zu hegen schien.

»Ich weiß noch höhere Bäume und in noch größerer Nähe vom Hüttenwerke als die Eiche dort,« sagte er, »Bäume, die frei genug stehen, daß eine Postkutsche dicht heranfahren kann. Bei dem Abhange dort geht das wohl kaum an. Indessen ganz wie es der Dame beliebt!«

Ich meinte jedoch, was man habe, das habe man: und zog es deshalb vor, mir die Eiche, die ich vor Augen hatte, anzusehen, statt weiterzufahren und nach anderen Bäumen zu suchen. Wir schritten nun neben dem Wagen her, bis wir an eine Stelle kamen, von wo aus wir, wie Donald Mac Leish sagte, den Baum erreichen könnten ohne waghalsige Kletterarbeit, indessen setzte er hinzu, wir sollten uns lieber nicht über die Landstraße hinaus zum Baum hin wagen.

Auf seinem sonnverbrannten Gesichte lag ein ernster, geheimnisvoller Ausdruck, als er uns diesen Rat gab, und sein Wesen ließ, seinen sonstigen Freimut in solchem Maße vermissen, daß ich neugierig wurde.

Wir gingen weiter. Eine Bodenerhöhung entzog den Baum unseren Blicken, und ich merkte nun, daß er viel weiter von der Straße abstand, als mir anfangs vorgekommen war.

»Ich hätte Stein und Bein geschworen,« sagte ich lachend zu meinem Cicerone, »daß Eiche und Wasserfall gerade der Ort feien, wo Ihr heute hättet Rast machen wollen.«

»Gott bewahre!« versetzte Donald Mac Leish mit Hast.

»Warum denn nicht, Donald?« fragte ich; »warum habt Ihr solch schönen Platz links liegen lassen wollen?«

»Er liegt zu dicht bei Dalmally, Lady, um schon zu füttern; die Tiere haben ja kaum erst gefrühstückt! Außerdem, Lady – außerdem – ist es hier nicht geheuer!«

»Aha! Nun ist es also heraus, das große Geheimnis!« rief ich lachend; »also hier spukt es? Ist es ein Kobold oder eine Hexe, ein Heimchen oder eine böse Fee, ein Popanz oder eine Frau Holle?«

»Nichts von dem allen, Lady! Davon ist die Straße rein, wenn ich so sagen darf. Wenn aber die Dame Geduld haben und warten will, bis wir vorbei sind und das Tal hinter uns haben, so will ich alles sagen, was ich von der Sache weiß. Spricht man von solchen Sachen an Ort und Stelle, wo sie passiert sind, so bringt's wenig Glück!«

Ich mußte mich drein fügen, denn daß sich Donald Mac Leish in einem Falle, wo der Aberglaube eine Rolle spielte, fügen würde, durfte ich, bei allem Gehorsam, den er mir gegenüber sonst wahrte, nicht erwarten.

Es dauerte übrigens nicht lange, so brachte uns die Straße, wie Donald Mac Leish gesagt hatte, bis auf knapp fünfzig schritt an den Baum heran, der mein Interesse so rege machte, und nun sah ich zu meiner nicht geringen Überraschung, daß dicht an seinem Fuße, Zwischen den ihn einfassenden Klippen, sich eine menschliche Wohnung befand.

Es war die kleinste, ärmlichste Hütte, die ich je in den Hochlanden gesehen hatte. Sie war aus Erdschollen aufgeführt und kaum fünf Fuß hoch. Sie war mit Rasen gedeckt, die Fugen waren mit Rasen ausgestopft, hin und wieder auch mit Schilf und Binsen gefüttert. Der Schornstein war aus Lehm geknetet und mit Strohseilen umwickelt. Das ganze Bauwerk, Mauern, Dach und Schornstein, war mit Hauslauch, Ried und Moos überwuchert, wie es ja häufig der Fall ist bei solch verfallenem Bauwerk aus solchem Material.

Von einem Gemüsegärtchen, sonst eine Zugabe auch der elendesten menschlichen Behausung, keine Spur. Auch von lebendigen Wesen keine Spur, ein Zicklein ausgenommen, das von dem Rasendache der Hütte die niederhängenden Halme fraß, und eine Geiß, seine Mutter, die unfern der Eiche am Ufer des Gießbaches sich ihr bißchen Nahrung suchte.

»Wer kann sich so versündigt haben, daß er an solch elender Stätte hausen muß?« rief ich unwillkürlich.

»Sie haben recht, Lady!« versetzte Donald Mac Leish; »hier ist schwere Sünde getan worden, aber auch Jammer genug geerntet worden. Indessen ist die Hütte nicht eines Mannes Behausung, sondern eines Weibes.«

»Eines Weibes?« wiederholte ich. »Ein Weib haust hier? An solch einsamer Stätte? Was für ein Weib kann dies sein?«

»Treten Sie hierher, Lady!« sagte Donald Mac Leish leise, »und urteilen Sie selber!«

Wir gingen ein paar Schritte vorwärts und erblickten, als wir um eine scharfe Ecke bogen, die herrliche große Eiche jetzt von einer der bisherigen direkt entgegengesetzten Richtung.

»Ist sie ihrer alten Gewohnheit treu geblieben,« sagte Donald, »so wird sie jetzt hier sein.«

Sogleich aber schwieg er, als wenn ihn Furcht ankäme, seine Worte möchten von anderen gehört werden, und zeigte mit dem Finger nach der Eiche hin. Ich blickte auf und sah nun, nicht ohne ein Gefühl von Angst, an dem Stamm der Eiche eine weibliche Gestalt liegen, dicht eingehüllt in einen schwarzen Mantel, die ihre Hände gefaltet und das Haupt tief auf die Brust gesenkt hielt: ganz in der Stellung und Haltung, wie man Judäa, unter einem Palmbaum sitzend, auf syrischen Münzen abgebildet sieht.

Von der Scheu, die meinen Führer vor diesem Wesen zu erfüllen schien, ging ein Teil auf mich über. Auch mochte ich nicht früher zu ihr treten und sie ansehen, als bis ich einen fragenden Blick auf Donald gerichtet hatte. Leise flüsternd gab er die Antwort:

»Sie war ein schrecklich böses Weib, Mylady!«

»Verrückt, meint Ihr?« fragte ich, denn ich hatte nicht recht verstanden, was er sagte. »Dann ist sie am Ende gefährlich?«

»Nein, verrückt ist sie nicht,« antwortete Donald, »denn wäre sie es, so würde sie glücklicher sein als sie ist. Und doch wieder kann es mit ihrem Verstande nicht ganz in Ordnung sein, wenn man erwägt, was sie getan hat und welche Ereignisse sie veranlaßt haben, von ihrem gottlosen Willen nicht eine Handbreit nachzugeben. Aber verrückt ist sie nicht, und auch keine Unheilstifterin. Nichtsdestoweniger, Lady, möchte ich es für besser halten, Sie gingen nicht näher zu ihr heran!«

Hierauf machte er mich durch ein paar flüchtige Worte mit der Geschichte dieses Weibes bekannt, die den Stoff für die folgende Erzählung abgibt. Mit einer Empfindung, halb Schauder, halb Mitleid, lauschte ich Mac Donald Leishs Worten. Wohl drängte es mich, zu ihr zu treten und ihr Worte des Trostes zu sagen; anderseits wieder konnte ich mich der Furcht vor ihr nicht erwehren. Mit ebensolcher, halb aus Furcht, halb aus Mitleid gemischter Empfindung betrachtete sie jedermann im Hochlande, diese Elspat Mac Tavish, wie sie hieß mit ihrem Geburtsnamen, oder »das Weib der Eiche«, wie sie gemeinhin vom Volke genannt wurde. Wie im Altertum die Griechen Menschen mieden, die von den Furien verfolgt wurden, nämlich geistige Qualen zur Strafe für verbrecherische Handlungen litten, so wurde Elspat Mac Tavish von allen Hochländern gemieden; aber gleichwie den Griechen solche Unglückliche weniger als die freiwilligen Verüber ihrer Verbrechen galten, als vielmehr als die leidenden Werkzeuge, durch welche die furchtbaren Schlüsse des Schicksals vollstreckt wurden, sahen auch die Hochländer Elspat Mac Tavish mehr als solches Schicksalswerkzeug denn als eigentliche Verbrecherin an, und in das Grausen, das sie vor ihr fühlten, mischte sich, bei dem Aberglauben, der in allen Hochländerherzen sitzt, recht Wohl erklärlich, ein Gefühl von Scheu, das gewissermaßen an Ehrfurcht grenzte.

Ich erfuhr nun weiter von Donald Mac Leish, daß man im ganzen Hochland meine, wer die Kühnheit besäße, solch unaussprechlich elendem Wesen sich zu nahen oder es in seiner Einsamkeit zu stören, den würde schweres Unglück heimsuchen; denn keiner, der solchem Wesen nahe, könne von Ansteckung mit Unglück verschont bleiben.

Nicht ohne Widerstreben ließ mich deshalb Donald Mac Leish näher zu der Unglücklichen treten. Aber er folgte mir, als ich mir nicht wehren ließ, und war mir beim Abstieg des rauhen Pfades, der zu der ärmlichen Hütte hinunterführte, behilflich. Seine Rücksicht gegen mich mochte ihm wohl helfen, Herr über die bösen Ahnungen zu werden, die ihm als Lohn für solche Dienstleistung Lähmung der Pferde, Verlust von Achsennägeln, Kippen von Kutschen und andere solcher Fährlichkeiten im Postillonsleben vor die Seele führen mochten.

Ob mich persönlicher Mut in so dichte Nähe von Elspat Mac Tavish geführt hätte, wenn er mir gefolgt wäre, kann ich nicht sagen. Der Eindruck, den dieses Weib auf mich machte, möchte nicht dafür sprechen.

Auf ihrem Gesichte lag finsterer Trotz, jener Trotz, der sich gegen jeden Einfluß von außen her verschließt, der schweren hoffnungslosen Kummer allein auf sich nimmt und in sich vergräbt, der allem Selbstvorwurf den Stolz entgegensetzt. Vielleicht erriet Elspat Mac Tavish, daß Neugierde, ihre seltsame Lebensgeschichte kennen zu lernen, mich herführe. Vielleicht war sie mir abhold, daß ich mich in ihre Einsamkeit drängte, um aus ihrem Schicksal flüchtige Unterhaltung zu schöpfen. Der Blick, mit dem sie mich maß, sprach nicht von Verlegenheit, sondern kündete Stolz: zu der Last ihres Elends konnte die Meinung der Welt kein Jota fügen, aber die Meinung der Welt konnte auch kein Jota von der Last ihres Elends nehmen!

Kein Leichnam, kein Marmorbild konnte sich gleichgültiger verhalten gegen meinen Blick, als sie.

Elspat Mac Tavish war über mittelgroß. Ihr Haar war ergraut, aber noch immer dicht und voll. In den jüngeren Jahren war es tiefschwarz gewesen. Schwarz war auch die Farbe ihrer Augen, und in ihren Augen funkelte jenes wilde, verstörte Licht, das dem Wahnsinn anzeigt.

Nachdem ich auf dieses Opfer von Schuld und Jammer so lange geblickt hatte, daß ich mich meines Schweigens zu schämen anfing, begann ich, ohne zu wissen, wie ich das Weib anreden solle, meiner Verwunderung darüber Ausdruck zu geben, daß sie sich solch einsame, jämmerliche Behausung gewählt habe.

Ohne den Ausdruck ihres Gesichts zu ändern, ohne ihre Lage und Haltung zu ändern, schnitt sie mein Mitleid ab durch die finstere Antwort:

»Tochter der Fremden! Wer erzählte dir mein Leben?«

Diese Frage legte mir Schweigen auf; ich fühlte, daß ich verachtet wurde gleich allem, was Freude in dieses abgeschlossene Leben zu bringen trachtete. Ohne nochmals das Wort zu nehmen, griff ich in meine Börse, denn Donald hatte mir zugeflüstert, daß sie von Almosen lebe. Aber sie streckte die Hand nicht aus nach der Gabe, auch wies sie die Gabe nicht zurück: es schien, als sehe sie nicht, daß ich ihr etwas geben wolle, oder als sei ihr die Gabe nicht wert, trotzdem es ein Goldstück war im Betrage von sicher des Zwanzigfachen, als ihr sonst angeboten wurde. Es blieb mir nichts anderes übrig, als ihr das Geldstück auf den Schoß zu legen.

»Möge Gott Euch verzeihen und Euch erlösen!« sprach ich dabei unwillkürlich.

Nie werde ich den Blick vergessen, den sie zum Himmel lichtete, und nie den Ton, mit dem sie den Ausruf tat:

»Mein herrlicher Sohn! Mein tapferer Sohn!«

Es war die Sprache der Natur. Sie entsprang dem Herzen einer des Sohnes beraubten Mutter.

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