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Die Hexe Drut

Hermann Bahr: Die Hexe Drut - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Bahr
titleDie Hexe Drut
publisherSieben Stäbe-Verlags- und Druckereigesellschaft
printrun6. bis 55. Tausend der Gesamtauflage. 1. bis 50. Tausend der Neuausgabe.
editorLyonel Dunin
year1929
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071204
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Siebentes Kapitel.

Klemens ging die nächsten Tage nicht zu seinem See. Sie sollte nur nicht glauben, er laufe ihr nach. Er stellte sie sich gern vor, auf ihn wartend, enttäuscht und voll Sehnsucht, ihn wieder zu sehen; und endlich wird sie's nicht mehr aushalten, er kennt die Frauen, so muß man's machen. Und er malte sich aus, wie er dann, ihr auf der Promenade zufällig begegnend, Überraschung heucheln würde: »Was? Sie sind noch da! Ich dachte Sie längst wieder abgereist.« Er hatte vor, sie ziemlich hochmütig zu behandeln. Sie sollte es gar nicht so leicht haben, ihn einzufangen. Aber sie kam nicht. Er horchte herum. Man hätte doch gewiß gleich von ihr erzählt. Aber sie war offenbar noch niemals in den Ort gekommen. Endlich ging er doch wieder zu seinem See. Er fand sie nicht. Auch ein zweites Mal nicht. Dann entschloß er sich, die Köchin des Pfarrers nach ihr zu fragen. Sie wußte nichts. Schließlich ging er zum Schmied und fing ein Gespräch an; vielleicht hörte sie ihn und kam ans Fenster. Als er dann den Schmied fragte, sagte der: »Den ganzen Tag geht's halt im Wald herum. Müssen schon alle a wenig narrisch sein, die Stadtleut! No wann's ihnen aber a Freud macht!« Doch nirgends konnte Klemens sie finden. Einmal begegnete er der Alten und sprach sie an. Sie war sehr furchtsam und sagte nur: »Ich weiß nicht, ich weiß gar nichts. Meistens geht die Frau Baronin in aller Früh schon fort. Ich weiß aber nicht, wohin.« Klemens trug ihr keinen Gruß auf. Erst später fiel ihm ein, daß die verdächtige Alte es ihr ja doch erzählen würde. Nun ärgerte er sich, weil es aussah, als wenn er ihr heimlich nachgeforscht hätte. Eigentlich ging ihn doch das dumme Frauenzimmer gar nichts an. Er langweilte sich bloß in dem Nest. Sie sollte sich nur nichts einbilden.

Als er, wie jeden Samstag, wieder in die Meierei kam, sagte die Hofrätin: »Heute haben wir eine Überraschung für Sie. Raten Sie, wer heute kommt.« Und die Vikerl fuhr aufgeregt durch das Zimmer, mit ihrem seltsamen heiseren Lachen. Plötzlich schoß sie auf ihn zu und sagte: »Raten Sie doch, Klemens! Erraten Sie's denn nicht?« Und sie hatte wieder dieses fliegende Lachen, bis es ihr der Domherr verwies. »Die Baronin Scharrn«, sagte die Hofrätin. Achselzuckend sah Klemens auf. »Wir wissen alles«, sagte die Hofrätin. »Baronin Scharrn?« wiederholte Klemens. »Sie hat es uns selbst erzählt«, sagte die Vikerl; und plötzlich wurde sie sehr rot, rannte zum Klavier und begann zu spielen. Der Domherr sagte: »Sie sind der Baronin im Walde begegnet, sie hatte sich, glaub ich, verirrt, und Sie haben sie in die Lucken nach Haus gebracht. Hier wird ja so was gleich zum Ereignis.«

»Sie kennen sie?« fragte Klemens.

»Sie kam neulich zu mir«, sagte der Domherr.

»Scharrn?« sagte Klemens. »Ich habe den Namen nie gehört.«

»Kleiner preußischer Adel«, sagte der Domherr. »Die Frau hat viel durchgemacht. Ihr Mann war ein Trinker und Morphinist. Erinnern Sie sich nicht? Die Geschichte stand damals in allen Zeitungen. Er hat im Rausch in der Nacht auf der Friedrichstraße einen alten Mann halb tot geprügelt, kam aber als unzurechnungsfähig davon und wurde in eine Anstalt gebracht. Dort ist er dann vor ein paar Jahren gestorben. Kein Wunder, daß die arme Frau seitdem ein bißchen verschreckt und menschenscheu geworden ist. Wir wollen sehen, was sich für sie tun läßt.«

»Woher kennen Sie sie denn?« fragte Klemens wieder. Er hatte plötzlich ein unangenehmes Gefühl.

»Scheint Ihnen das so sonderbar?« fragte der Domherr, aus dem Zimmer gehend.

»Die Geschichte ist ganz lustig«, sagte die Hofrätin. »Sie wissen doch, daß der Pfarrer in der Lucken und unserer sich nicht leiden können. Nun hat sich die Baronin entschlossen, katholisch zu werden. Sie geht also zuerst zum Pfarrer in der Lucken, aber den kennen Sie ja. Kaum hat sie ihr Anliegen vorgebracht, wird er fuchsteufelswild und erklärt, er kenne das schon, man will ihm nur wieder eine Falle stellen, aber er läßt sich auf solche Geschichten nicht mehr ein. Und höhnisch gibt er ihr den Rat, doch lieber zu unserem Pfarrer zu gehen, der versteht sich ja auf alles! Sie tut's, aber unserem ist wieder jeder verdächtig, der aus der Lucken kommt. Schließlich wird sie von der Köchin zum Domherrn geschickt, die Köchinnen sind ja viel gescheiter. Und ich habe mich sehr gefreut, sie ist wirklich eine kluge und liebe Frau, es plauscht sich so gut mit ihr.«

Die Vikerl kam zu Klemens und sagte, in ihrer immer geheimnisvollen Art: »Es ist eine prachtvolle Frau.«

»Ja du!« sagte die Hofrätin. »Die ist nämlich ganz verschossen in sie.«

Das fahle Gesicht des Mädchens wurde starr, als hätte die Großmutter etwas Entsetzliches gesagt. Sie konnte vor Erregung nicht reden. Sie faltete die Hände und sah die Großmutter flehentlich an. Ärgerlich sagte die Hofrätin: »Ach, du bist ein dummes Ding! Kannst du denn keinen Spaß verstehen?« Das Mädchen duckte sich und sagte leise: »Nicht bös sein, Großmama! Ich weiß ja, daß es nur ein Spaß war.«

Die Hofrätin sagte: »Geh lieber und schau, daß alles in Ordnung ist, wenn sie kommt.«

»Ja, Großmama! Gern!« rief die Vikerl plötzlich ganz selig und lief fort.

Die Hofrätin sagte: »Hauptsächlich wegen der Vikerl kommt mir die Baronin recht. Für das Mädl ist es nicht gut, soviel allein zu sein. Das Mädl hat einen armen Kopf. In unserer Familie rappelt's ja seit jeher ein bißl. Gott, wenn ich an meine Schwestern denk! Und meine Tochter war auch so. Es wird halt den Menschen zuviel vorgeredet, und da zieht einer sie nach links und dort einer nach rechts, mit Hü und Hö, bis sie ganz damisch werden, es ist ja kein Wunder. Mein seliger Mann hat immer gesagt: Tun muß man schon, was die Leut verlangen, aber deswegen braucht man ihnen ja nichts zu glauben. Ja, der hat halt die Welt verstanden! Aber für so ein armes Ding ist's doch schwer. Man weiß ja, wie's in einem Frauenzimmer zugeht. Und jede glaubt dann aber, das ist nur bei ihr so, und kommt sich deshalb gleich ganz verrucht und entsetzlich vor. Ich war anders. Ich habe mir halt gemerkt, was man tun darf und was man nicht tun darf; darin muß man ja natürlich nachgeben. Aber wie ich bin, das geht doch die Leute nichts an, das ist meine Sache. Das muß ich mit dem lieben Gott abmachen, oder eigentlich er mit mir, ich hab's ja von ihm, er muß wissen, warum er den Menschen solche Sachen eingibt. Verlangen kann man nur, daß der Mensch gehorcht, also daß er das tut, was sich gehört, und das läßt, was sich nicht gehört, wenn's möglich ist, oder wenn's ihm nicht möglich ist, es wenigstens bereut. Aber man kann doch nicht verlangen, daß der Mensch anders sein soll, als er ist. Damit quält er sich bloß, und es kommt ja doch nichts heraus. Auch muß ich schon sagen, daß das eigentlich eine rechte Unverschämtheit gegen den lieben Gott ist. Der Mensch will sich besser machen, als ihn der liebe Gott gemacht hat! Da hört doch wirklich alles auf. Natürlich kann's keinem gelingen, es ist noch jedem der Atem ausgegangen. Sehen Sie, von mir heißt's, daß ich eine Betschwester bin. Ich find aber, daß das eben noch das beste Mittel ist, guter Dinge durchzurutschen. Eine Ordnung muß schließlich im Leben sein, also gut, ich tu, was die Kirche verlangt, und dafür hab ich Ruh, nämlich bei mir selbst, mein ich, denn ich weiß, daß ich ein sündiger Mensch bin, das ist einmal so, das kann keiner ändern, ich brauche mich also darüber nicht erst aufzuregen, und ich weiß ja auch, daß es mir vergeben wird, dafür ist die Kirche da, also kann es mir nicht schaden, die Kirche legt mir gewisse fromme Handlungen auf, und dafür nimmt sie mir meine Sünden ab, wozu soll ich mir da noch erst den Kopf über mich zerbrechen? Wozu soll ich mich abquälen, anders zu sein, als ich bin? Es nutzt doch nix, und nötig ist es auch nicht. Denn eben für den Menschen, wie er nun einmal ist, ist die Kirche ja da. Aber was hab ich denn eigentlich sagen wollen? So geht's alten Leuten, man weiß nie, wohin einem der Mund läuft. Sie werden noch denken, ich will Sie bekehren! Das fällt mir aber wirklich nicht ein. Es muß schon jeder selber finden, nach und nach, was für ihn am besten ist.«

»Von der Vikerl wollten Sie erzählen«, sagte Klemens.

»Mein Gott«, sagte die Hofrätin. »Es ist halt schwer. Das dumme Mädchen fangt ja auch gleich zu heulen an, wenn man sie fragt. Ich kann gar nicht mit ihr reden. Der Domherr aber will's nicht. Der meint wieder, es ist für den Menschen ganz gut, wenn er gar niemanden hat; selbst muß er sich herausfinden. Und der Domherr versteht sich ja auf die Menschen. Nur kann sich halt vielleicht ein Mann doch nie mit uns auskennen, wir sind anders. Jedenfalls aber bin ich sehr froh, wenn sich die Baronin der Vikerl ein bißl annimmt. Sie spielen zusammen Klavier, die Scharrn spielt wunderschön, und dann setzen sie sich hin und plauschen miteinander. Und das Unglück mit ihrem Mann gibt ihr noch einen besonderen Reiz für das Mädl. Die arme Frau hat ja wirklich schrecklich viel durchgemacht. Aber jedenfalls bin ich sehr froh, wenn die Vikerl einmal ein bißl auf andere Gedanken kommt.« Plötzlich sah sie auf und lachte. »No und Sie, verehrter Herr Neffe?« Und mit dem Finger drohend sagte sie: »Streift da heimlich im Wald herum, auf Abenteuer! Hier aber spielt man den Duckmäuser! Warten Sie nur!«

»Ich fühle mich ganz unschuldig«, sagte Klemens. »Wir trafen uns zufällig im Wald, sie hatte mein Boot genommen, so fuhren wir zusammen über den See. Das ist alles. Warum schauen Sie mich so merkwürdig an? Glauben Sie mir nicht?«

»Ich bin eine alte Frau«, sagte die Hofrätin »Ich habe nichts mehr dreinzureden. Ich wundere mich nur, wie schwer ihr euch das Leben macht.«

»Inwiefern?« fragte Klemens.

»Ich denk mir nur«, sagte die Hofrätin. »Mich hätt man, wie ich ein junges Mädl war, nicht allein in den Wald lassen dürfen. Ich muß schon sagen, heute haben es die Eltern eigentlich viel leichter. No, ich red lieber erst nichts mehr, sonst verplausch ich mich noch.« Und dabei sah sie den Neffen mit ihren klugen kleinen jungen Augen so lustig an, daß es ihn verwirrte. Er ärgerte sich, daß gerade jetzt die Baronin eintrat. Die zwei Frauen machten ihn fast ein bißchen verlegen.

Die Baronin hielt ihm ihre feste kleine Hand hin und sagte: »Das ist hübsch, daß wir uns wiedersehen. Ich war neulich nicht sehr liebenswürdig mit Ihnen. Sie dürfen mir das nicht verargen. Es ist hier nicht leicht für eine Dame, sich zu behaupten. Die österreichischen Herrn werden gern gleich ein bißchen dreist. Nun und Sie schienen gar nicht abgeneigt, mir auch den guten Österreicher zu zeigen!«

»Schau, schau!« sagte die Hofrätin vergnügt.

»So haben wir uns gegenseitig nichts vorzuwerfen«, sagte die Baronin. Sie zog die Vikerl an sich und schalt sie: »Hast du noch immer die dumme Frisur! Sie macht dir die Stirne zu hoch, da siehst du so strenge drein. Komm!« Sie setzte sie, um ihr das Haar zu richten.

Der Domherr kam und fragte: »Was machen Sie denn da?«

Sie sagte: »Schön will ich das liebe Kind machen.«

Die Vikerl wehrte sich und bat ängstlich: »Nein, nicht! Bitte, lassen Sie mich!«

Die Baronin nahm ihr Ohr, zog sie daran und sagte: »Was haben wir ausgemacht? Bist du so vergeßlich? Gleich sagst du's richtig!«

Endlich sagte die Vikerl, ganz leise: »Laß mich, bitte!« Und heiser lachend wiederholte sie froh: »Laß mich! Du, du!« Ihr Kopf sank auf die Hände der heiteren Freundin.

»So ist es recht«, sagte die Baronin, »Und jetzt stillgehalten, du schlimmes Kind! Du sollst staunen, wenn du dich im Spiegel siehst.«

Das Mädchen riß sich los und floh vor ihr. Keuchend sagte sie: »Nein, ich will nicht, ich will nicht!«

Die Baronin wollte sie haschen. Der Domherr sagte: »Sie werden sie mir noch eitel machen.« Gleich ließ die Baronin von ihr und fragte gehorsam: »Ist es Ihnen nicht recht?«

»Nein«, sagte der Domherr. »Wir wollen auch keine Zeit verlieren. Kommen Sie mit mir, Baronin! Ihr entschuldigt uns wohl solange. Wir sind gleich wieder da.« Er ging voraus, sie folgte ihm. Durchs Fenster sah Klemens sie im Garten, am verglasten Beet der seltsamen Kakteen auf und ab gehen.

Die Vikerl trat neben ihn und sagte: »Ist sie nicht eine wunderbare Frau?«

»Ja«, sagte Klemens ärgerlich. »Sie ist ganz nett.«

Das Mädchen stieß ihn weg. »Pfui, Klemens!« sagte sie heftig. »Das ist abscheulich von Ihnen! Pfui!«

Klemens fragt lachend: »Was denn? Ich verstehe Sie gar nicht.«

Das Mädchen sagte: »Sie ist das beste und edelste Geschöpf der Welt. Und wenn Sie wüßten!« Ihr gieriges Gesicht zuckte.

»Was?« fragte Klemens neugierig.

»Du sollst nicht wieder gleich so übertreiben«, Sägte die Großmutter. »Ich bitte Sie, Baron, lassen Sie sie.«

»Ja, Großmama!« sagte das Mädchen, mechanisch gehorsam.

Sie ging zum Klavier, ging ans Fenster, ging durchs Zimmer, bis die Hofrätin ungeduldig sagte: »Was irrst du denn so herum? Setz dich doch ruhig hin!«

»Ja, Großmama!« sagte das Mädchen und setzte sich. Still saß sie gehorsam da. Aber ihre suchenden Augen ruhten nicht.

Klemens sagt spöttisch: »Der Onkel scheint ihr Beicht zu hören.«

Die Hofrätin faltete das Gesicht und sagte mit frömmelnder Stimme: »Sie wissen, lieber Klemens, daß ich über derlei nicht gern scherzen höre. Freunde sollen sich gegenseitig in ihren Empfindungen schonen. Die arme Frau hat viel leiden müssen, das Leben ist hart mit ihr gewesen. Nun sucht sie in unserer heiligen Kirche Trost. Der Domherr drängt sich keinem auf, er weist aber auch keinen ab.« Und nach einer kleinen Pause sagte sie noch, indem ihre Stimme wieder heiter wurde: »Sie, lieber Klemens, mag ungestört der Teufel holen, wir werden ihn nicht hindern.«

Klemens sagte leichthin: »Es war nicht bös gemeint, Großmama.«

»Ich bin auch weiter nicht bös«, sagte die Hofrätin vergnügt. »Aber man muß euch manchmal die Zähne zeigen.«

»Besonders wenn man noch so schöne hat«, sagte Klemens, den frohen Mund der alten Frau bewundernd. Er dachte manchmal, daß man sich eigentlich heute noch in sie verlieben könnte. Auf die Baronin aber war er ärgerlich. Der Kleinen muß man wirklich auf die Finger sehen! Sie ist sicher eine Schwindlerin. Nun macht sie sich gar an die Pfaffen! Er begriff den Domherrn nicht. Ließ der kalte, spöttische, kluge Mann sich von ihrer frommen Miene täuschen? Oder war der verschwiegene Domherr am Ende gar nicht so klug? Alle fürchteten ihn, aber Klemens hatte noch nichts bemerkt. Nießner hatte schließlich auch gefunden, man überschätze ihn: er schaut wie ein Gladiator aus, raucht eine Bauernpfeife, macht ein feierliches Gesicht, und da stellt man sich weiß Gott was vor, es steckt aber nichts dahinter! Und Nießner sagte damals auch, die eine Hälfte der Menschen glaube, die Freimaurer seien an allem schuld, und die andere, die Pfaffen seien an allem schuld; und wahrscheinlich sind die Pfaffen nicht weniger harmlos als die Freimaurer, beide tun nur so und wir lassen uns narren! Lustig aber, dachte Klemens, wäre es, wenn der Päpstliche Prälat und Fürsterzbischöfliche Spiritual mit seinem römischen Profil von der kleinen Gauklerin eingefangen würde und ich ihn dann noch aus der Schlinge ziehen müßte! Das hätte er ihm wirklich gegönnt.

Bei Tisch war der Domherr ungewöhnlich gesprächig. Er erzählte von Rom. Auch die Baronin kannte die heilige Stadt. Sie tauschten Erinnerungen aus. Plötzlich fragte Klemens: »Wie sind Sie denn nach Rom gekommen, Baronin?« Sie sah auf, dann sagte sie mit ihrer klaren Stimme: »Mit der Bahn, Herr Bezirkshauptmann!« Klemens ärgerte sich und sagte: »Ich meine, was haben Sie denn in Rom zu tun gehabt?«

»Aber Klemens!« sagte die Hofrätin lachend, »Was ist das für eine seltsame Frage?«

»Sie scheinen sich nicht denken zu können,« sagte die Baronin, »daß jemand zum Vergnügen reist. Daran erkennt man den Beamten.« Sie sah ihn spöttisch an. »Ja«, sagte Klemens. »Man kann auch zum Vergnügen reisen.« Er wußte selbst nicht recht, was ihn trieb, sie durch seinen ungläubigen Ton zu reizen. Der Domherr trat dazwischen, indem er wieder von dem Fürsten Torlonia begann, den sie kannte. Sie kannte auch die Herzogin Borghese mit ihren beiden lieben kleinen Mädl'n. »Hei!« sagte Klemens. »Da fliegen ja die Fürsten und Herzöge nur so herum! Ja, Italien!« Er ärgerte sich über die Vikerl, die ganz verklärt zuhörte, als tauchte zum erstenmal die schimmernde große Welt vor ihren geistigen Augen auf.

Die Baronin schilderte dann Ostern in Rom. Erst habe sie, als Protestantin solchen Treibens ungewohnt, den bunten Lärm gescholten und sich eher im Theater oder beim Karneval geglaubt, gar als nun der alte Papst von den Gläubigen mit Klatschen und Stampfen empfangen worden, einem beliebten Tenor gleich. Und sie wisse selbst eigentlich nicht zu sagen, weshalb sie sich dann dennoch einem merkwürdig starken und unvergeßlichen Eindruck nicht habe entziehen können. Freilich habe sie, wie's dem Menschen schon zu geschehen pflegt, daß er auch das Unvergeßliche doch wieder vergißt, dies nachher jahrelang aus den Gedanken verloren. Hier hielt sie ein und zauderte. Dann aber sagte sie, die Stimme senkend, und eigentlich nur zum Domherrn hin. »Bis ich dann ganz allein war und mir niemand half. In solchen Stunden wendet man dann sein Herz um und sucht alles ab. Da erst erinnerte ich mich wieder.« Klemens wunderte sich, wie weich jetzt ihre Stimme klang, die sonst spröde war und jedes Wort einzeln ausgab, die Sätze gleichsam abschälend; aber indem sie jetzt einer leisen Rührung auszuweichen schien, zitterte die Stimme und nahm einen Schleier vor. Doch kehrte sie sogleich zu den römischen Erinnerungen zurück. Sie fragte den Domherrn, ob er den Kardinal Rampolla kenne, den sie manchmal bei einer Freundin, einer sehr romantischen jungen Amerikanerin, getroffen. Sie schwärmte für den Marchese mit den stillen großen stummen Augen, der, wie ein zorniger Erzengel oder irgendein wilder Büßer anzusehen, im Gespräche dann der heiterste Weltmann und ein unvergleichlicher Erzähler sei. Es ergab sich, daß ihm der Domherr befreundet war. Im Erzählen wurde der Domherr lebhafter und ließ sich lässiger gehen, als es Klemens von ihm gewohnt war. »Seine Kraft,« sagte er, »die Schärfe seiner Einsichten, die Größe seiner Entwürfe kennt ja niemand! Er hat erkannt, daß die Kirche niemals an irgendeine Form der Gesellschaft gebunden ist. Monarchie oder Republik, Aristokratie oder Demokratie, bürgerliche oder proletarische Vorherrschaft, nach solchen weltlichen Dingen hat sie nicht zu fragen. Mögen sie kommen und gehen, steigen und fallen, was kümmert es sie? Ihr Reich ist nicht von dieser Welt, sondern in dieser Welt das Reich Gottes aufzurichten ist ihr Amt. Wer an der Macht ist, an den hält sie sich, von dem fordert sie, was ihr gebührt. Wird ihr dies aber nur, so kann's ihr gleich sein, wie sich's die Menschen sonst unter sich einteilen. Da sind ein paar hochmütige junge Leute, die sich Modernisten nennen, weil sie ein paar Abfälle der Wissenschaft aufgefangen haben; und wissen nicht, daß es ein leidiges Gezänk um Worte, recht ein Streit von Philologen und Doktoren ist. Heute geht's nicht um den Glauben, es geht um die Macht. Mag sich jeder seine Zweifel und Fragen in seiner Art deuten, wenn er nur fühlt, daß neben den weltlichen Gewalten eine höhere geistige nötig ist, die sich jenen nicht fügt und zu der der Mensch flüchten kann, wenn ihn das äußere Leben abstößt oder ausstößt. Aber Rampolla wäre der wahre Modernist, in dem Sinn nämlich, als er die Wirklichkeit hinnimmt, wie sie nun einmal ist, und sich nicht beikommen läßt, unsere ewige Kirche an eine Vergangenheit anzunageln, die nur noch in den Wünschen einiger ängstlichen Monarchen lebt. Wirtschaftlich stark zu sein gilt's heute, wenn es uns ernst ist, das Reich Gottes zu wahren. Alles andere, wie wissenschaftlich es sich auch gehaben mag, ist nur kirchliche Romantik. Haben wir uns einst mit den Königen zurecht gefunden, so müssen wir's heute mit den Bankiers und schon morgen vielleicht mit den großen Genossenschaften, die die Staaten ablösen werden. Wie sich's die Menschen einrichten, danach haben wir nicht zu fragen, sondern nur darüber zu wachen, daß in allen Einrichtungen der Menschen immer unser Reich bestehen bleibe. Ich war noch ein ganz junger Kaplan auf dem Land, als ich mir schon solche Gedanken machte. Ökonomien, Brauereien, Fabriken müßte die Kirche jetzt erwerben! Hier verstand man mich nicht. Nun denken Sie sich meine Freude, dort im ewigen Rom meine Gedanken wiederzufinden, mit der Kraft eines so furchtlosen und entschlossenen Denkers bewehrt, der mir zum wahren geistigen Vater wurde! Ihm verdanke ich es allein, daß ich aus allerhand unklaren Wünschen und trüben Wallungen allmählich doch ins Freie und zum Rechten fand. Auch habe ich von ihm die großen Worte und alles pathetische Wesen verschmähen gelernt, wodurch man mehr als die Welt sich selbst betrügt. Er pflegte zu sagen, ich hätte das Zeug, ein tüchtiger Geschäftsmann zu werden, wie solche die Kirche jetzt vor allem nötig hat. Und wenn er mit mir einmal besonders zufrieden war, drückte er dies gern so aus, daß er mir auf die Schultern klopfte und versicherte, er traue mir zu, bei jedem Handel zehn polnische Juden einzustecken. Er hat mich wohl in seiner Freundschaft ein wenig überschätzt.« Um den breiten starken Mund des Domherrn war ein Schmunzeln, in den faltigen Ecken. Klemens fand, daß er gut sprach; nur durch ein leises Singen und die Gewohnheit, Endsilben, die wir zu verwischen pflegen, voll ausklingen zu lassen, verriet sich der Prediger.

Nach Tische setzte die Baronin sich an das Klavier, um die Vikerl zu begleiten, zu Liedern von Schubert. Der Domherr hatte seine Pfeife gestopft; die Hofrätin, eine große Hornbrille auf der Nase, einen Plaid um die Füße, legte Patiencen, Klemens saß bei ihr. Die Vikerl hatte, wenn sie begann, immer zuerst eine solche Angst, daß ihre Stimme hart und heiser anschlug. Ganz gerade stand sie da, schloß die Augen und ließ die Hände hängen. Ängstlich schien sie zu horchen. Und es war, als ob ihre schweren Lippen erst allmählich einem inneren Drucke nachgeben würden. Ihr Kopf sank zurück, der Hals schwoll, die Nase blähte sich auf. Nach einigen Takten aber schien ihre Stimme plötzlich durchzustoßen und nun ergoß sie sich breit. Immer tiefer sank der Kopf zurück, jetzt öffnete sie die Augen, sie standen leer und starr hinaus. Dann wollte sie durchaus nicht aufhören. War das Lied aus, so hob sie nur die rechte Hand, gab mit den Fingern ein Zeichen und begann gleich noch einmal. So hatte sie dreimal das Lied von dem Tod und dem Mädchen wiederholt, und gar den Leiermann wollte sie nun nicht enden, als würde sie gleichsam in den weichen Armen dieser müden und eintönigen Klagen eingewiegt. Immer, wenn es aus war, baten ihre Finger wieder. Und wieder krochen ihre leisen Klagen durch das stille Zimmer hin. Dann sagte der Domherr: »Nicht mehr.« Noch stand sie, den Kopf zurück, mit ihren leeren starren Augen. Die Baronin saß, über die Tasten gebeugt, die Hände gesenkt. Der Domherr sagte: »Es ist genug für heute. Hörst du?« Aufwachend duckte sie sich gehorsam. Und als wenn alle Kraft aus ihrer Stimme gewichen wäre, sagte sie leise zur Baronin, keuchend: »Spiel! Bitte! Spiel mir vor, so, du weißt schon.« Die Baronin nickte. Leise strich ihre rechte Hand die Tasten in der Höhe. Wie ein Kichern war es, wie ein Irrlicht, das aus dem Sumpf springt, wie eine glitzernde Jagd von auflachenden Zwergen. Aber gleich klang unten wieder die Klage des müden Leiermannes herein: »Und er läßt es gehen, alles, wie es will.« Und nun war es, als würde der wunderliche Alte geduldig immer noch seine Leier drehen, über ihm aber trieben die neckenden Zwerge sich hell durch die Luft und tanzten dazu. Das Mädchen stand am Klavier, mit den Armen aufgestützt, die bleichen Wangen in den Händen.

Klemens machte sich nicht viel aus Musik. Er konnte zur Not ein Lied begleiten. Er rechnete das so wie Tennis oder Whist zu den geselligen Talenten, die man braucht. Die Vikerl hörte er gern singen, sie tat ihm dann so leid. Und er wurde so angenehm schläfrig dabei. Aber mit der Baronin erging es ihm jetzt merkwürdig. Anfangs fand er es nur famos von ihr, was sie alles konnte. Rudert ganz sportgemäß, wickelt mit ihren Herzögen und Kardinälen den Domherrn um den Finger und konzertiert dann noch wie ein gelernter Pianist. Gar kein Zweifel, dachte er, daß sie eine Hochstaplerin ist! Aber auf einmal bildete er sich ein, sie spiele bloß für ihn allein, um gewissermaßen heimlich mit ihm zusammen die anderen auszulachen. Wirklich, es war ihm, während sie spielte, als hätte sie gleichsam unter dem Tisch seine Hand berührt oder an seinen Fuß gestoßen. So lustig klang es, und er glaubte sie manchmal laut auflachen zu hören; so klang es, was sie spielte. Er stand auf und ging zum Klavier, um ihr ins Gesicht zu sehen. Sie sah ihn aber nicht an. Er freute sich, wie vergnügt ihre Finger über die Tasten sprangen. Sie war schon eine famose Person!

Sie brach plötzlich ab, stand rasch auf und sagte: »Nun ist's aber höchste Zeit, nach Hause zu kommen.«

Der Domherr sagte: »Ich will gleich einspannen lassen.«

Die Hofrätin sagte, aus ihrer Patience aufsehend: »Ich will aber nicht, daß der Antonio kutschiert. Der Josef soll fahren. Hörst du?«

»Ja, Mutter!« sagte der Domherr.

Die Vikerl sagte: »Ich will deiner Alten die Bücher mitgeben, die der Onkel für dich gerichtet hat.« Sie ging mit dem Domherrn.

Klemens trat zur Baronin und sagte leise: »Ich könnte ein Stück mit Ihnen fahren. Es wär ganz schön, in der hellen Sternennacht. Darf ich?«

»Kein Platz in dem kleinen Wagen«, sagte die Baronin. »Meine Donna fährt mit. Außer, Sie hätten Lust, sich auf den Bock zu setzen; die Sternennacht bleibt ja dieselbe.«

»Warum behandeln Sie mich so schlecht?« fragte Klemens, mit einem Schritt zum Fenster hin, damit sie von der Hofrätin nicht gehört würden.

Die Baronin bemerkte es, lachte und folgte ihm unauffällig, mit einem Blick auf die Hofrätin aus ihren zwinkernden eiligen Augen. Dann sagte sie: »Ich hätte mehr Ursache, Sie so zu fragen. Ich wehre mich bloß, Sie sind's, der immer anfängt.«

»Was tue ich denn?« fragte Klemens lachend.

»Ganz im Ernst«, sagte die Baronin. Sie trat vor ihn hin, hob den Kopf und sah ihn an. Die starken Brauen, die tiefe Furche, dazwischen mit den vielen winzigen Fältchen herum, die zuckenden aufgespreizten Flügel des Näschens gaben ihr was Drohendes, das Klemens komisch fand. Er mußte wieder an eine Henne denken, die sich ärgert. Er bemerkte jetzt erst, daß die ganz schmalen Läppchen ihrer Ohren angewachsen waren. Und er freute sich, größer zu sein als sie, mochte sie sich auch auf die Zehen stellen.

»Ganz im Ernst«, wiederholte sie. »Sie fragen mich aus und inquirieren mich, als wenn ich angeklagt wäre, und machen spöttische Augen, wenn ich erzähle. Dies alles aber offenbar nur deshalb, weil ich keine Neigung zeige, mich auf einen galanten Scherz einzulassen. Natürlich eine Frau, die allein in der Welt steht, da glaubt ihr euch gleich alles erlauben zu dürfen! Mutig, das muß ich schon sagen, mutig ist das just nicht. Und weil Sie's nun noch immer nicht zu begreifen scheinen, will ich's Ihnen denn einmal noch ausdrücklich versichern: Sie täuschen sich in mir! Ich bin keine von der Sorte, die Sie meinen.«

»Woher wissen Sie denn,« fragte Klemens, »welche Sorte ich meine?«

»Sie zeigen es mir ja in jedem Blick, durch Ihr ganzes Wesen mit mir!« sagte sie heftig. »Ich bin für Sie so eine, die man so am Wege mitnimmt. Leugnen Sie nicht! Ich will's Ihnen ja gar nicht verdenken. Darin seid ihr doch alle gleich. Und es fällt mir auch gar nicht ein, mich moralisch zu entrüsten. Ich wünsche Ihnen alles Glück. Nur mich möchten Sie gefälligst verschonen! Bei mir stimmt's zufällig nicht, Herr Bezirkshauptmann! Es gibt eben doch auch Frauen, die anders sind. Darein werden Sie sich schon schicken müssen. Also verlieren Sie nicht Ihre kostbare Zeit! Das möchte ich in aller Ruhe einmal festgestellt haben.« Sie sah ihn an und fügte dann noch lächelnd hinzu: »Der Junker ist fehl am Ort. Schade!«

»Schad!« sagte Klemens, gemütlich frech.

Sie wurde plötzlich wieder ernst und sagte nachdenklich: »Schade, daß es ausgeschlossen scheint, einen Mann zu finden, mit dem man sorglos gute Freundschaft halten könnte. Und das würde ich mir doch so wünschen! Ich habe Trauriges erlebt, und nun bin ich ganz allein. Ich will ja nichts mehr vom Leben als Ruhe, Ruhe. Es hat mich verzichten gelehrt. Ruhe haben, still irgendwo sitzen und vergessen können! Aber manchmal hätte man doch gern einen Menschen, um sich manches vom Herzen zu reden. Es ist nicht gut, immer alles so in sich hineinzuwürgen. Doch scheint's eben, daß es solche Menschen nicht gibt. Das tut mir leid, aber ich werde die Welt wohl nicht ändern.«

»Wenn Sie's doch mit mir versuchen möchten!« sagte Klemens bittend. Ihr Ton rührte ihn.

»Ach Sie!« sagte die Baronin. »Ich will schon froh sein, Sie mir nur vom Halse zu halten.«

»Versuchen Sie's wirklich!« sagte Klemens leise. »Ich tu ja nur so, eigentlich bin ich ganz anders.« Er wunderte sich über seine eigenen Worte. Aber unaufhaltsam sprach es aus ihm; »Ich bin auch ganz allein und möchte einen Menschen haben. Schön müßt das sein.«

Die Baronin verzog den kleinen blassen Mund und sagte: »Sie sind auch einer, der mit jeder Stimmung kokettiert.« Von der Seite sahen ihn ihre blinzelnden Augen an. Sie schüttelte den Kopf, das widerspenstige Löckchen schlug in die Stirne herein. Indem sie es aufsteckte, sagte sie: »Nein. Ich traue Ihnen nicht.«

»Sie sollen mir das noch abbitten!« sagte er zuversichtlich.

»Schön wär's freilich«, sagte sie. »Und wenn Sie nur ein bißchen Verstand hätten, da ich ja doch auch schon viel zu alt für Sie bin, denn Sie sind sicher jünger als ich, ich wette! Wie alt sind Sie denn?«

»Zweiunddreißig«, sagte er.

»Nun, sehen Sie!« rief sie.

»Und Sie?« fragte er.

»Raten Sie!« sagte sie und hielt ihm ihr Gesicht hin.

»Sechsundzwanzig«, sagte er.

»Wie Sie lügen!« sagte sie.

»Ich kann es doch nicht wissen.«

»Sie wollen mir nur schmeicheln.«

»Mehr?«

»Vierunddreißig«, sagte sie. »Ja, mein Herr! Und nun denken Sie: eine Frau, die vierunddreißig Jahre alt ist und gar nicht einmal mehr versucht, es zu verheimlichen, und so ein junger Fant wie Sie!«

»Man ist so alt, als man aussieht.«

»Man ist so alt, als man sich fühlt. Und da wäre ich zweiundvierzig und Sie wären vierundzwanzig und ich könnte Ihre Mutter sein! Nein, spielen Sie jetzt nur nicht den Galanten! Ist es denn wirklich nicht möglich zwischen Mann und Frau, einmal ernsthaft zu sein? Gibt es denn wirklich kein anderes Verhältnis zwischen Mann und Frau als ewig diese Torheiten? Wenn Sie wüßten, wie mir davor ekelt! So gemein ist das!«

Er sagte kleinlaut: »Ich habe Sie nicht verletzen wollen. Man nimmt ein leichtsinniges Wesen an, ohne darüber viel nachzudenken. Und man hat halt auch Angst, lächerlich zu sein. Man macht doch allerhand Erfahrungen. Die Frauen selbst verderben uns.«

»Die Frauen! Die Frauen!« sagte sie heftig. »Wenn ich schon höre, wie man immer von den Frauen schlechthin spricht! Ich bin nur für mich selbst verantwortlich. Wer gibt Ihnen das Recht, uns alle in einen Topf zu werfen? Bin ich an Ihren Erfahrungen schuld? Aber dann heißt's: die Frauen! Seht euch besser vor, statt über die Frauen zu klagen, wenn ihr in eurer Eitelkeit an ein kokettes Gänschen geraten seid!«

Durch ihre Heftigkeit erschreckt, sagte er mit einem warnenden Blick auf die Hofrätin: »Sie haben ja gewiß recht, Baronin! Aber es war nicht so schlimm gemeint. Gott, es ist eine Redensart!«

»Ja«, sagte sie. »Und mit Redensarten, die einer dem anderen nachsagt, wird alles abgetan, das ist ja so bequem!«

Er fühlte sich so klein vor ihr. Und sie hatte ja recht! Er hatte sich das selbst oft gesagt, wenn Nießner in seiner dummen plumpen Art von den Frauen sprach. Er war wirklich schon wie Nießner, der doch überhaupt an anständige Menschen nicht glaubte. Er schämte sich.

Er sagte: »Geben Sie mir doch Gelegenheit, Ihnen zu beweisen, daß ich gar nicht so bin! Sie haben neulich selbst gesagt, man wisse hierzulande nie recht, woran man mit einem sei. Uns muß man eben erst näher kennenlernen. Der Schein trügt. Mir ist es ja mit Ihnen auch nicht anders gegangen. Denken Sie, es hat nicht viel gefehlt und ich hätte Sie für eine kleine Hochstaplerin gehalten! Ich weiß nicht, vielleicht weil das Steirer Hüt'l gar so verwegen war.« Er sah sie lustig an.

»Bitte!« sagte sie achselzuckend. »Halten Sie mich, wofür Sie wollen! Ich wüßte nichts, was mir gleichgültiger wäre.«

»Aber verstehen Sie denn nicht, daß ich doch nur einen Spaß mache?« beteuerte er. »Es ist wirklich schrecklich mit Ihnen!«

»Ich traue Ihnen ebensowenig, wie Sie mir«, sagte sie hart und ging zur Hofrätin.

»Aber Baronin, wenn Sie doch schon hören, daß –«

»Der Wagen ist da«, sagte sie.

»Nun?« sagte die Hofrätin mit einem argen Lächeln in ihrem frommen Gesicht. »Seid ihr einig?«

»Der wäre mir der Rechte!« sagte die Baronin lustig. »Wie kommen Sie nur zu solchem Neffen?«

»Ihr zwei!« sagte die Hofrätin mit dem Finger drohend. »Um euch ist mir nicht bange.«

Die Vikerl trat ein. »Es ist eingespannt.«

»Nehmen Sie meinen besten Dank, Frau Hofrätin!« sagte die Baronin, ihre Hand ergreifend und zärtlich hegend. »Es ist so lieb von Ihnen, daß Sie so gut zu mir sind! Ich will Ihnen das nie vergessen.« Sie küßte die Hand der alten Frau.

»Kleine Schmeichelkatze«, sagte die Hofrätin. »Lassen Sie sich nur recht bald wieder bei uns sehen!«

»Morgen«, bat die Vikerl, sich an sie schmiegend.

»Mittwoch vielleicht«, sagte die Baronin.

»Doch nicht Mittwoch erst!« rief die Vikerl entsetzt. »Das wären vier Tage!«

»Sie sehen, wie das Kind an Ihnen hängt!« sagte die Hofrätin. »Du darfst aber nicht zudringlich werden, Vikerl! Hörst du?«

»Ja, Großmama«, sagte das Mädchen, ängstlich gehorsam. Ihr verschrecktes Gesicht hing schlaff herab.

»Und vielleicht auch schon früher, ich schicke noch Nachricht«, sagte die Baronin und zog das Mädchen mit sich fort.

»Uns sollen Sie immer willkommen sein«, rief ihr die Hofrätin nach. Und zu Klemens sagte sie, lächelnd: »Nun? Denken Sie sich nicht erst eine langmächtige Lüge aus, Herr Neffe! Sie wollen ihr gewiß noch im Wagen ein Wörtl sagen. Gute Nacht, gute Nacht! Seid's ihr heutzutage langweilige Leut!« Und plötzlich rief sie hinter ihm noch: »Und Klemens, Klemens! Geben Sie mir acht, daß nicht am End der Antonio kutschiert! Das erlaub ich nicht. Der Josef soll fahren.« Eilig erhob sie sich, zeppelte zum Fenster, sah hinab und beruhigte sich erst, als sie den Josef auf dem Bock fand.

Auf der Stiege sagte der Domherr: »Überlegen Sie sich gut, was wir besprochen haben.« Und zum Vikerl: »Geh hinein. Du könntest dich erkälten. Du weißt schon.«

»Ja, Onkel«, sagte die Vikerl. Sie biß sich auf die Lippen, um nicht zu weinen. Die Baronin küßte sie zärtlich. »Aber Kind, Kind!« sagte sie, sich aus ihren Armen windend. »Bist du töricht!«

»Komm!« sagte der Domherr und ging mit ihr hinein.

»Was haben Sie mit dem Pfaffen für Heimlichkeiten?« fragte Klemens gereizt.

»Hochstaplerinnen haben immer Heimlichkeiten«, sagte die Baronin und lachte hell hinaus. Schon war sie beim Wagen. Die Alte stand am Schlag, mit einem schwarzen Tuch wartend. Sie krümmte sich vor Klemens zusammen und grinste. Diese Alte war ihm sehr zuwider. Die Baronin streckte sich im Wagen und sagte: »Es ist wirklich schön, in der hellen Sternennacht. Auf Wiedersehen also! Dienstag! Sie kommen ja doch natürlich auch?«

Der Wagen fuhr. Klemens sagte: »Damit Sie mich wieder abkanzeln können?«

»Ach, Sie werden schon kommen«, rief sie noch zurück und winkte mit ihrer kleinen festen Hand.

Langsam ging Klemens heim. Er war nicht mit sich zufrieden. Sie hatte ganz recht: er fand es selbst albern, von den paar geputzten Weibern, mit denen er hier im Sommer geflirtet hatte, gleich auf alle Frauen zu schließen; Nießner war schuld daran. Und von Nießner hatte er sich auch angewöhnt, jeden zu verdächtigen, als ob es wirklich nur Defraudanten und Kokotten gäbe. Er mußte lachen, wenn er sich erinnerte, wie Nießner alles verdächtig fand. Ging jemand allein, so fragte er: Was hat sich der Mensch von allen Leuten zu drücken? War einer gesellig, so fragte er: Was drängt sich der Mensch allen Leuten auf? Blieb einer daheim, so fragte er: Was versteckt sich der Mensch vor allen Leuten? Keinen Grund ließ er gelten. Er nickte dann nur höhnisch und lachte: Sagt er! Was nämlich einer sagte, hielt er für unwahr, schon deswegen allein, weil der es sagte. Wie oft hatte sich Klemens darüber lustig gemacht! Nun war er aber wirklich selbst schon auch so. Ist es denn gar so was Unglaubliches, daß eine Frau nach traurigen Schicksalen die Einsamkeit aufsucht und sich nun wirklich nichts mehr wünschte, als still für sich zu leben, allmählich zu vergessen und von der Welt, die ihr so weh getan hat, nichts mehr zu hören? Sie war freilich anders, als man es bei uns in diesen Kreisen ist. Eine preußische Baronin ist eben keine österreichische Komtesse. Auch war sie offenbar viel gereist, aus ihrem Verkehr in den großen internationalen Orten, mit Amerikanerinnen und allerhand exotischen Leuten, ließ sich manches erklären. Und um einen so depravierten Mann, wie der ihre geschildert wurde, zu zügeln, mußte sie wohl härter und herrischer werden, als man es sonst, gar von unseren verzärtelten Frauen, gewohnt ist. Daher vielleicht das Mißtrauische, fast Unweibliche, das ihm an ihr so sonderbar war, weil es doch eigentlich in ihr Wesen nicht einzustimmen schien. Wir sind noch rechte Kleinstädter in unserem abgelegenen Land: was uns fremd ist, verdächtigen wir gleich. Und weiß ich denn nicht von mir selbst, daß der Mensch die Neigung hat, sich ganz anders zu geben, als er wirklich ist? Der fesche Kle, der freche Kle, heißt's überall von mir. Man muß mich ja nur im Krätzl hören! Oder gar, wer mich mit Nießner gesehen hat! Man nimmt halt von allen Menschen an. Und schließlich auch von seinem Beruf. Mein Vorgänger beim Döltsch und mein Nachfolger, der frühere Bezirkshauptmann hier und der nächste, einer hat es vom anderen, und wer uns nicht ganz genau kennt, merkt vielleicht kaum, daß jeder doch ein Mensch für sich ist. Ich möchte ja gar nicht, daß man es merkte. Die Leute brauchen nicht zu wissen, wie mir manchmal ist, wenn mir meine Kindheit einfällt, wenn ich an meine Mutter denken muß, wenn so ein Brief des Vaters kommt. Nein es ist schon besser, daß die Leute mich nicht kennen, sondern nur den feschen Kle, frechen Kle, den ich ihnen zeige. Nur einen Menschen sollte man doch haben, einen einzigen Menschen, mit dem man nicht immer nur der fesche Kle wäre, der freche Kle! Und vielleicht geht es ihr auch so. Wie hat sie gesagt? Wie hat sie's genannt? Alles in sich hinabwürgen. Ja, das war es, woran auch er so litt. Schon als kleiner Bub hatte er es sich immer gewünscht: Einmal laut vor einem anderen Menschen denken können! Man wurde so müd von den einsamen Gesprächen mit sich selbst. Einmal einem Menschen alles erzählen dürfen! Jedes Jahr fing er wieder an, ein Tagebuch zu führen. Nach ein paar Tagen ließ er es wieder. Das war es nicht. Geschrieben nahm sich doch alles so fremd aus. Und wozu denn auch? Für wen? Einen lebendigen Menschen hätte man haben müssen, der zuhörte, den man neben sich fühlte, dem man manchmal in die Augen schauen könnte. Einen Freund halt hätte man haben müssen. Aber man hatte nur Freunderln. Und so blieb nichts, als es eben hinabzuwürgen. Das Wort gefiel ihm. Offenbar kannte sie diese Sehnsucht auch. Auch sie wünschte sich einen Menschen. Und wie dumm! Sie sehnte sich und er sehnte sich, sie dort in der Lucken oben und er hier unten im Ort. Wie dumm! Und wenn sie sich dann aber einmal begegneten, hechelten sie sich mit spitzen Reden, statt einander die Hände zu geben. Wie dumm! Schuld aber war doch nur er selbst daran. Im Sommer mit den geputzten Weibern, die sich nichts wünschten als eine lustige Nacht, da kam es nicht dazu, weil er sich nach einer sehnte, die ihm ein solcher Freund werden könnte. Und da war diese jetzt, er aber fiel sie täppisch an, wie irgendein Engerl und Bengerl! Er erinnerte sich, daß Döltsch einmal gesagt hatte: »Sie dürfen sich nicht immer einen Plan machen, Furnian! Da geht's Ihnen dann nie zusammen. Denn das Leben ist planlos.« Er hatte das damals eigentlich noch gar nicht verstanden. Jetzt ging ihm erst auf, was der Minister meinte. Der hatte doch recht. Wirklich verdarb er sich damit alles. Er machte sich den Plan, eine wirkliche Frau zu suchen, der er sich anvertrauen könnte, und war enttäuscht, sie nicht unter den geputzten Weibern zu finden. Und dann, angewidert von ihnen, sich selber lächerlich, gereizt, machte er sich wieder den Plan, die Weiber zu nehmen, wie sie nun einmal sind. Und da stieß ihn das planlose Leben jetzt auf eine wirkliche Frau. Seltsam war das. Alles, was er sich immer gewünscht, stand nun vor ihm, als ob es längst auf ihn gewartet hätte. Und fast hätte er es nicht erkannt. Wenn er sich erinnerte, wie er noch vor einer Stunde, beim Essen, an ihr gezweifelt hatte! Seltsam ist das Leben, wir sind blind und taub. Mit starken Händen greift man zu, während draußen still das Glück vorbeigeht. Nein, er will die Hände falten; zu den Andächtigen kommt es. Andacht und Dankbarkeit war in seinem frohen Herzen. Langsam ging er heim, lauschend; denn überall schien in der stillen Nacht das Glück hinter jedem Baum zu stehen. Seltsam war das planlose Leben.

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