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Die Hexe Drut

Hermann Bahr: Die Hexe Drut - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Bahr
titleDie Hexe Drut
publisherSieben Stäbe-Verlags- und Druckereigesellschaft
printrun6. bis 55. Tausend der Gesamtauflage. 1. bis 50. Tausend der Neuausgabe.
editorLyonel Dunin
year1929
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071204
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Viertes Kapitel.

Klemens wunderte sich, wie die Zeit verging. Nun war er bald drei Wochen hier. Aber die Tage flossen ineinander, einer glich dem anderen, nichts geschah. Er hätte, wenn er sich abends schlafen legte, niemals sagen können, was denn eigentlich heute gewesen war. Die Wiesen wuchsen, das Korn schwoll, der Fluß wurde klein und still. Schon rüstete sich der Ort für die Fremden; überall wurde noch in Eile gemauert, gestrichen, gehämmert, es roch nach Farben. Und Klemens ging spazieren. Ihn verlangte sehr, sich auszuzeichnen. Döltsch, der ihn ja doch unterschätzte, sollte schon sehen! Ihn verlangte sehr nach einer Tat. Aber das hatte ja Zeit. Jetzt war das Wetter zu schön. Auch fehlte noch jede Gelegenheit. Das läßt sich ja nicht erzwingen. Sein Plan stand fest: den »Kontakt mit der Bevölkerung«, Einsicht in ihre Bedürfnisse und dadurch ihr Vertrauen zu gewinnen, um so das Notwendige verstehen, das Nützliche verfügen zu können und den Leuten unentbehrlich zu werden, was immer noch das beste Mittel ist, sie zu beherrschen. Er wollte nicht bloß ein Kommissär für »gute« Wahlen sein, ein Agent der Regierung, der die Stimmen für sie fängt oder, wenn es sein muß, auch wohl einmal fälscht. Der Bezirksrichter Öhacker sollte schon sehen, daß die Verwaltung doch noch einen tieferen Sinn, doch noch ein größeres Feld hat, als richterlicher Hochmut in seiner Enge wohl begreifen kann. Er wollte das dem Bezirksrichter schon zeigen! Nur ging das freilich nicht mit einem Satz, er durfte nichts überstürzen, er mußte sich erst »informieren«. Und es war noch Zeit genug, wenn er im Herbst begann. Jetzt waren die Wiesen von lärmenden Farben laut, das Korn wurde schwer, die Berge standen leuchtend, er hatte solche Lust noch nie gesehen, dies alles war für ihn zum erstenmal, er ging in Staunen. Und manchmal, wenn er dort auf der Bank unterm Walde saß oder, heimkehrend, zu den paar weißen Häusern im Winkel dort sah, sagte er ganz verwundert vor sich hin: »Das also ist der Sommer!« Jetzt wußte er es erst. Nun klang ihm das alte Wort ganz neu. »Das also ist der Sommer!« Und er war von seligem Staunen und tiefer Dankbarkeit voll. Und er sagte sich: Regieren kann man auch im Herbst noch, gerade so gut, aber der Sommer vergeht! Es traf ihn seltsam, dies zu denken: der Sommer vergeht! Dann werden die Wiesen auf großen Wagen eingeführt, das Korn liegt gebunden, die Bäume senken sich in Früchten, und dann kommt ein Tag, da ist das Laub vergilbt, und dann kommt ein Tag, da hat es ausgeglüht, und die Erde wird leer sein; davon war er gequält, er hätte gern den Sommer in die Hand genommen, um ihn festzuhalten, er hatte solche Angst, dies alles zu versäumen. Es war doch sein erster Sommer! Daheim in sein einsames Zimmer, dann in die kahle Schule, dann ins Amt eingesperrt, was konnte er da je vom Sommer wissen? Es war ein Name, man sagte Frühling, Sommer, Herbst und Winter, wie man Montag, Dienstag, Mittwoch sagt. Jetzt zum erstenmal wurde ihm wirklich Sommer, und er sah und hörte und fühlte jetzt zum erstenmal, was der Sommer ist. Und er hätte weinen mögen, so schön war das. Manchmal aber wurde ihm dann plötzlich sehr bang, denn es fiel ihm ein, daß es vielleicht auch sein letzter Sommer war. Wer weiß? Vielleicht ruft ihn Döltsch in ein paar Monaten wieder zurück. Dann wird er wieder in der alten lieben Herrngasse sitzen, wo Frühling, Sommer, Herbst und Winter gleich sind, und man merkt es kaum, wie sie kommen und gehen. Vielleicht ist es jetzt zum ersten und zum letzten Mal, da darf er nichts versäumen, damit es ihm fürs ganze Leben bleibt. Er hatte manchmal solche Angst, es könnte plötzlich wieder vorbeisein, und fort und in die blaue Luft verweht und ausgelöscht, er aber sitzt dann da und hat die Hände leer und es bleibt ihm nichts. Dies ängstigte ihn sehr, es trieb ihn auf, es ließ ihn nicht ruhen, denn er wünschte sich so, vom Sommer was zu behalten, woran er sich immer wieder wärmen könnte, später einmal.

Er gestand sich freilich ein, daß es nicht bloß der Sommer war, der ihn aus dem Amt trieb. Er hatte sich in den ersten Tagen vorgenommen, gleich mit der Arbeit anzufangen. Man sollte im Ort wissen, daß da nun einer da war, an den man sich halten konnte. Und den beiden jungen Herren von der Bezirkshauptmannschaft, dem böhmischen Grafen und dem kleinen frechen Bierbaron, wollte er zeigen, daß jetzt eine neue Zeit begann. Döltsch hatte ihm gesagt: »Ihr glaubt immer mein Mund zu sein, durch den ich zu den Leuten reden will. Das ist ein Irrtum. Denn erstens habe ich ihnen gar nichts zu sagen, ich bin kein Prophet, ich will keine Wahrheiten verkündigen, sondern bin froh, wenn ich sie für mich behalten kann. Und zweitens: wenn ich schon einmal das Bedürfnis hätte, mich in ein Gespräch mit dem Volk einzulassen, würde ich das lieber selbst besorgen. Es kommt mir aber gar nicht darauf an, daß die Leute wissen, was ich will, als vielmehr, daß ich weiß, was die Leute wollen. Aus Petitionen, Reden und Artikeln erfährt man das nicht. Man erfährt nie durch Worte, was ein Mensch eigentlich will. Man muß ihn Aug in Aug haben, dann zeigt es sich. Ich höre den Menschen nie zu, ich sehe sie mir an, dann weiß ich es. Da ich nun aber nicht zu allen Leuten kommen kann, müssen sie zu mir kommen, nämlich durch euch. Das wäre der Sinn der Verwaltung, wenn wir eine Verwaltung hätten und wenn sie einen Sinn hätte. Ich beneide die Franzosen um ihre Präfekten. Der Präfekt ist ein Rohr, durch das die Stimmung aller Klassen aus allen Provinzen an die Regierung in Paris geleitet wird. So kann sie Aug in Aug mit dem Lande regieren. Wir nicht, denn wir sitzen im Dunkeln. Wir erfahren nichts von Österreich. Wie denn auch? Von wem denn? Von den Abgeordneten? Nein, denn den Gewählten ist bei uns das Talent eigen, keine Ahnung zu haben, was die Wähler wollen, sondern sie machen untereinander in ihren Konventikeln ein Österreich ab, das ihnen paßt, aber leider oder Gott sei Dank nirgends existiert.. Durch Reisen? Ein reisender Minister erfährt, daß die Bürgermeister schlecht gemachte Fräcke, die Mädchen weiße Kleider haben und die meisten Leute gern Orden hätten. Durch meine Beamten! Diese glauben, sie müssen den Minister spielen, was ganz unnötig ist, weil ich das allein kann, und besser. Ich brauche auch keine Evangelisten, die dem Lande meine Botschaft bringen, noch Höflinge, die mir erzählen, wie verehrt und geliebt ich überall bin. Ich würde Korrespondenten brauchen, die mich wissen lassen, wie's bei den Leuten aussieht. Dann könnte ich beurteilen, was man ihnen zumuten darf und wie sie sich am besten betrügen lassen und wo die Grenze ist. Augen und Ohren brauche ich im Lande, keinen Mund. Es wird aber nichts nützen, daß ich Ihnen das sage, denn ihr seid unfähig zu bemerken, was ihr seht und hört.« Furnian schwor sich zu, dem Wink des Ministers zu dienen. Er verstand, was Döltsch wollte, und es hatte für ihn einen großen Reiz, sich auszumalen, wie er den Leuten ihren verborgenen Sinn und Wunsch abhorchen und abfragen und gleichsam abklopfen würde. Gleich am ersten Tag begann er. Wer immer irgendeine Angelegenheit vorzubringen hatte, jeden hätte er in ein Gespräch verlocken wollen, aus dem sich seine Sorgen, seine Hoffnungen, seine Wünsche ergeben mußten. Doch zeigte sich, daß dies schwerer war, als er es sich vorgestellt hatte. Die Bürger, die kamen, schwätzten von ihrer Ergebenheit, jammerten von ihrem Elend vor und sagten nach, was in allen Zeitungen stand; auch wurde er das Gefühl nicht los, daß sie sich insgeheim doch über ihn nur lustig zu machen schienen. Die Bauern aber standen tückisch schweigsam, die harten Lippen zugepreßt, mit gesenkten Augen, und indem er mit ihnen sprach, von der Wirtschaft und ihrem häuslichen Leben begann und sie bewegen wollte, sich einmal recht das Herz zu erleichtern, rollten sie sich völlig ein, die Schultern wurden noch breiter, die Rücken stiegen über den Hals herauf, sie bohrten den Kopf vor, wie Stiere tun, und er fühlte, daß er ihnen, je herzlicher er war, nur immer noch desto verdächtiger wurde. Auch war ihm schwer, das mühsame und künstliche Deutsch zu verstehen, mit dem sie sich quälten, und so sehr er sich bemühte, ihren Dialekt zu treffen, schienen sie dies mehr mit einem argwöhnischen Erstaunen als mit freudigem Zutrauen zu gewahren. Er wußte doch, wie man interviewt; er hatte den Reportern ihr Handwerk abgelauscht. Und er konnte nicht begreifen, warum es hier nicht verfing. Aber die Bürger sagten auf alle Fragen bloß: »Ja mein Gott, schlecht steht's halt, Herr Bezirkshauptmann, schlecht steht's halt, Herr Bezirkshauptmann, auf uns wird ganz vergessen, wir sind der Niemand, Herr Bezirkshauptmann!« Und die Bauern sagten auf alle Fragen bloß: »Den Bauern müßt ma besser ehr'n, der Bauernstand is der Nährstand, der war wichtiger als die Jud'n.« Und was immer er, um nur einmal irgendeine Meinung ausgesprochen zu hören, ihnen vorschlagen mochte, es hieß bei den Bürgern immer wieder: »Mein Gott, wer kümmert sich denn heut noch um den armen Bürgersmann?« Und bei den Bauern hieß es immer wieder: »Dös kann ma net sag'n, dös müßt sich erst weis'n.« Und es war ihm unerträglich, überall auf Argwohn und dumpfen Haß und ein schadenfrohes Schweigen zu stoßen. Je freundlicher er um sie warb, desto fester schlossen sie sich zu. Ihm wurde ganz kalt, er wurde verlegen, er fand keine Worte mehr. Nun riß ihm die Geduld, er stand auf und entließ den verstockten Gast; da blinzelte der ihn pfiffig an, wie einer der sich freut, klüger gewesen zu sein, und er blieb ganz beschämt zurück. Was dachten denn diese Menschen eigentlich? Was wollten sie denn? Er meinte es mit ihnen doch gut. Warum trauten sie ihm nicht? Sie mußten doch spüren, daß er anders mit ihnen war als der hochmütige böhmische Graf und der spöttische kleine Bierbaron. Fast aber schienen ihnen diese lieber zu sein. Er begriff es nicht.

Der Doktor Lackner, bei dem er sich darüber beklagte, lachte ihn aus. »Mein lieber Freund, damit werden Sie hier nix aufstecken. Da muß man die Leut hier nur kennen. Die Behörde ist einmal der Feind, und wenn die Behörde gar noch freundlich tut, ist es eine Falschheit von ihr, und man hat erst recht eine Wut auf sie. Sei'ns grob mit den Leuten, brüllen Sie's an wie der Öhacker, stecken's ihnen die Faust in's Gesicht, dann haben sie das Gefühl, daß man wenigstens aufrichtig mit ihnen ist. Die Behörde ist einmal da, helfen kann man sich nicht, also läßt man sie sich gefallen und kuscht. Wenn aber die Behörde nicht schreit und schimpft, da kriegen's Angst. Da muß gar etwas Schreckliches vorgehen, anders können sie sich das nicht erklären. Wenn einer es mit den Leuten wirklich gut meint, müßte er sich vor allem hüten, sie es merken zu lassen. Sonst is es aus, glauben tun sie's ja doch nicht. Denn, seien wir nur gerecht: sie können's ja nicht glauben. Wie soll so ein armes Gehirn auf solche Extravaganzen gefaßt sein? Auf einmal bricht unter ein paar jungen Leuten der Sport aus, wenn's auf's Land geschickt werden, das Volk zu studieren. Mein lieber Freund, das is dem Volk unheimlich! Das Volk merkt nur, da geht plötzlich oben was vor, Und das Volk hat gelernt: Wenn oben was vorgeht, dann gehn's unten ein. Ich kann's ihm nicht verdenken, wenn es da rebellisch wird. Denn meistens hat es ja recht. Wer kann denn glauben, daß es besser wird? Da denkt man halt, daß es im alten Elend noch am besten ist; das ist man wenigstens gewohnt. Wie sich aber was ändert, erschrecken alle: jetzt is es ganz aus! Mein lieber Freund, die Väter und Großväter und Urgroßväter dieser Bauern und Bürger haben wir so lange geköpft, bis das Land wieder katholisch war. Also das war ihre erste Bekanntschaft mit der Behörde. Und jetzt nimmt ihnen die Behörde die Steuern ab, und wenn einer einmal auf einen Rehbock wildert und wird erwischt, packt ihn die Behörde und steckt ihn ins Loch. Lauter unangenehme Sachen. Und jeder ist darum froh, von der Behörde nur so wenig als möglich zu sehen und zu hören. Jetzt aber kommen Sie und wundern sich, daß man kein Vertrauen zu Ihnen hat. Wenn bei Ihnen wer eingebrochen ist, einmal, zehnmal, hundertmal, und plötzlich kommt der eines Tages und klopft schön artig an und macht ein freundliches Gesicht, ich glaub nicht, daß Sie eine große Freud und eine besondere Fiduz haben werden. Kommt, was ich ja auch nicht glaub, wirklich einmal die Zeit, wo die Behörde den Leuten helfen will, statt sie zu schinden, dann wird sie, wenn sie sich so verwandelt hat, sich erst auch noch verkleiden müssen. Denn solange noch ein Mensch erkennt, daß es die Behörde ist, hilft ihr alles nichts, man traut ihr nicht. Wenn man ihr aber schon nicht traut, ist es noch das beste, man fürchtet sie. Mit der Furcht geht's immer noch, Aber keine Furcht und kein Vertrauen, da könnten die Herrschaften einmal recht ungemütlich werden. Das Experiment möchte ich Ihnen nicht raten. Und warum wollen Sie sich den schönen Sommer verderben?«

Furnian und Lackner gefielen einander. Lackner hatte eine Leichtigkeit, mit allen Dingen durch einen Spaß fertig zu werden, um die Furnian ihn beneidete. Und Furnian bewies einen Eifer, es dem neuen Freund nachzutun, der diesem schmeichelte. Furnian fand, sie wären beide dieselbe Natur, die nur, an ihm selbst durch jene Widrigkeiten seiner Kindheit zurückgehalten, erst an dem glücklicheren Lackner ungehemmt erschienen sei. Lackner bestritt dies, indem er die Ähnlichkeit auf ihre gemeinsame Neigung einschränkte, Loden zu tragen, die Leute zu frozzeln und lieber spazieren als ins Bureau zu gehen, übrigens aber den größten Unterschied zwischen ihnen fand, weil doch Furnian um alles so bekümmert sei, während ihm selbst schließlich alles recht war, solange es ihm nur zehn Schritte vom Leibe blieb. Dagegen sagte Furnian nichts, dachte sich aber, bei dem Reichtum Lackners könne es nicht so schwer sein, sich mit der Welt einzuverstehen, weil man dann ja keine Angst um die Zukunft zu haben brauche; doch wollte er dies dem Freunde nicht verraten und ließ sich lieber für einen Weltverbesserer halten. Dabei nahm er täglich mehr von der Art Lackners an, es schien ihm die seine zu sein, zu der er nur bisher selbst noch nicht den rechten Mut gehabt hätte. Mut machte ihm Lackner, deshalb gewann er ihn so lieb. Während nämlich Klemens schon als Kind, aber auch jetzt noch Anfälle hatte, in welchen er sich neben den anderen schwach und verzagt und unbegabt vorkam, behauptete Lackner immer, alle Menschen wären eigentlich durchaus gleich viel wert, wenn auch auf verschiedene Art, nur ließen manche sich bange machen, und dies benützten dann die anderen, um ihnen vorzukommen; keiner hätte je seinen Erfolg Vorzügen, keiner ein Mißgeschick Mängeln zuzuschreiben, sondern die Frage wäre nur, wer frecher ist; die Welt gehört dem Frechsten, und wer auch nur, selbst ohne wirklich frech zu sein, wenigstens versteht, es zu scheinen, hat überall das Spiel schon gewonnen. Darum hielt es ja Lackner für so falsch, daß sich Furnian um die Sorgen der Leute bemühte. Die Achtung der Menschen wächst mit der Verachtung, die man ihnen zeigt. Der Mensch hält Güte für ein Zeichen von Schwäche; wer ihm die Hand reicht, scheint etwas von ihm zu brauchen, wer etwas von ihm braucht, macht sich mit ihm gemein, er hält ihn für seinesgleichen, und damit hat man bei den Menschen schon ausgespielt. Wenn irgendwo, sagte Lackner immer, steht: Verbotener Weg, unterlasse ich es nie, den verbotenen Weg zu gehen; daraus schließen die Leute: Das ist einer, der darf, was anderen verboten ist; und haben sie sich einmal angewöhnt, einem das zu glauben, so ist man geborgen, denn jeder gilt genau so viel, als er sich vor den anderen herausnimmt; wir machen es hier im kleinen, Napoleon hat es im großen gemacht, das ist der ganze Unterschied! Furnian hörte solchen Reden gierig zu, er hatte das Gefühl, daß sie ihn kräftigten. Er wunderte sich nur, daß Lackner Spaß an so winzigen Frechheiten in diesem engen Kreise fand. Da wäre er schon lieber einmal im großen einen verbotenen Weg gegangen. Mit solchen Gedanken spielte er gern, und es war ihm eine geheime Lust, sich irgendein verwegenes Abenteuer auszumalen, in welchem er den Leuten seine Kraft und seinen Mut beweisen könnte, den Leuten und auch sich selbst. Einstweilen aber war der Sommer zu schön; es war zu schön, im lauen Wind an goldenen Ähren und summenden Wiesen mit wogenden Erwartungen zu gehen oder dann im Wald zu liegen, das Moos zu fühlen und den seltsam verworrenen Lärm in den rufenden Wipfeln zu hören. Selten kam der Doktor Lackner mit. Er fand die Natur ungemütlich. Sie reizte ihn nur als Hindernis. Alle vierzehn Tage nahm er einmal irgendeinen schwierigen Berg, um ihn nur erledigt und dann, wenn er wieder auf der Promenade vor dem Café saß und den einsamen Gipfel sah, das angenehme Gefühl zu haben, daß er sich nicht von ihm imponieren ließ. Auf Wiesen lungern und durch Wälder streifen aber, fand er, kann ein jeder, und man wird höchstens lyrisch angeweht, was dem Menschen niemals gut tut. Doch gern fuhr er mit Furnian und der Theres auf dem Rad zum See, wo sie schwammen oder im Kahn ins Schilf drangen, um Seerosen zu fischen. Nichts aber liebte Klemens mehr, als manchmal gegen Abend ganz allein zu jenen weißen Häusern im Winkel an der Halde zu gehen. Die Halde hieß die Lucken, und davon wurde der Ort der weißen Häuser In der Lucken genannt. Klemens wußte selbst nicht, was ihn immer wieder dahin zog. Ein paar ärmliche weiße Häuser mit kleinen engen Fenstern, Hennen gackerten herum, der Misthaufen dampfte. Nur der Pfarrer hatte ein freundliches Gehöft, niedrig, aber sehr breit, Pelargonien und Nelken in den Fenstern, und im Hof einen wunderschönen Pfau, auf den er sehr stolz war. Der Pfarrer war ein wunderlicher alter Herr, der sehr zornig wurde, wenn man mit ihm reden wollte. Die Leute hatten sich daran gewöhnt und ließen ihn. Er las in der Früh seine Messe, das ging bei ihm sehr schnell. Dann aber saß er den ganzen Tag im Freien, vormittags hinter dem Hause, nachmittags vor dem Hause, und ließ sich von der Sonne anscheinen. Und manchmal eine Taufe und manchmal eine Leiche, er machte es kurz ab. Das war sein Leben. Furnian sprach ihn einmal an, da sagte er mürrisch: »Mir ist versprochen worden, daß man sich nicht mehr um mich kümmern wird. Meine Ruh will ich haben.« Und wenn er nun von weitem Furnian kommen sah, stand er seitdem immer gleich auf und ging ins Haus, hinter dem Tor wartend, bis der Eindringling vorüber war. Spähend kam er dann langsam wieder zurück, stand noch mißtrauisch eine Zeit und sah dem lästigen Wanderer nach. Dann saß er wieder auf der Bank, ließ die Sonne scheinen und regte sich nicht; nur der zahnlose Mund wurde von der alten Gewohnheit des Betens bewegt. »Er ist nicht mehr recht beisammen«, sagte seine Köchin zu Furnian. »Wann man ihm aber nur seine Eigenheiten laßt, is's der beste Mensch. Ich hab's noch in meinem Leben nirgends so gut gehabt.« Und allmählich faßte sie Vertrauen zu Furnian und verriet ihm, daß der alte Pfarrer hier »in der Straf« sei; aber kein Mensch wisse, warum und wofür; auch könne ihm hier niemand das Geringste nachsagen, als höchstens, daß alles bei ihm gar so geschwind geht, er hat halt gar keine Geduld, aber den Leuten ist es recht, sie möchten keinen andern, und so geht's ja niemanden was an. Furnian wurde neugierig. Er hätte gern mehr über den Sonderling gehört. Aber niemand wußte was. Der saß nun bald an die fünfzig Jahre in der Lucken oben. Dunkel erinnerte man sich, daß es hieß, er sei als junger Kaplan durch allerhand Schwärmereien, wie solche noch von der Sekte der Pöschlianer her im Lande lagen, und eine ausschweifende Frömmigkeit fast der Ketzerei verdächtig worden und, nach Linz vor den Bischof Rudiger geführt, unbotmäßig gegen diesen strengen Fürsten gewesen, bis er endlich, von schrecklichen Drohungen bedrängt, sich doch zur rechten Zeit noch besann, sein verruchtes Treiben verschwor und es zur Buße auf sich nahm, nach der Lucken verbannt zu sein. Aber das war nun lange her, und seitdem hörte man von ihm nichts mehr und fragte nach ihm nicht mehr; die Leute dort schienen ja ganz zufrieden mit ihm zu sein. Nur wenn die Gemeinde manchmal an ihn was zu bestellen hatte oder eine Auskunft aus dem Kirchenbuch wollte, geriet der wunderliche Greis in Zorn, dem Bischof habe er sich gefügt, sonst aber niemandem auf der Welt, und man hatte Mühe, dem Unwilligen, der gleich den Stock gegen den Boten hob, klar zu machen, daß er denselben Gehorsam wie seinem Bischof auch dem Kaiser und deshalb auch dem Bürgermeister schuldig sei, der, ließ er ihm sagen, hier genau so den Kaiser vertritt wie der Pfarrer den lieben Gott. Darüber war er vor Jahren einmal so wütend geworden, daß er eine Woche im Bett liegenblieb und sich durchaus weigerte, sein Amt zu versehen, da dieses jetzt auf einmal ein kaiserliches geworden sei, also sollten sie sich lieber auch die Messe vom Bürgermeister lesen lassen; bis sie zu diesem schickten und ihn baten, doch ihren Pfarrer in Frieden zu lassen, der es nun einmal nicht leiden möge, gestört zu werden, sonst aber doch ein wackerer und hilfreicher Mann sei, wie sie sich einen besseren gar nicht wünschen könnten, was ihnen denn auch, um keinen Verdruß mit den gutmütigen, aber jähen Leuten zu haben, schließlich versprochen wurde. Seitdem hatte der Alte Ruhe, saß auf seiner Bank und wärmte sich, nur in einem fort die Lippen leise bewegend: daneben schritt der Pfau. Und Furnian fand, daß der lautlos sein Gebet kauende Greis mit dem abgemagerten welken Hals gut zu den paar armen weißen Häusern an der Halde paßte, der Welt der Menschen entrückt wie sie, dem Himmel nah wie dort die kahlen Felsen. Und er hätte den Alten bisweilen fast beneiden mögen.

Ging er dann in der Dämmerung nach dem Ort zurück, so sprach er auf dem Heimweg meistens noch in der Meierei vor, um der Hofrätin und dem Domherrn guten Abend zu sagen. Er ärgerte sich eigentlich, daß er das nicht lassen konnte. Denn nach seinem ersten Besuch war er fest entschlossen gewesen, sich dort recht selten zu machen. Irgend etwas warnte ihn, mit diesen Menschen intim zu werden. Er wußte selbst keinen Grund dafür, aber es war ein sehr starkes Gefühl. Jedesmal, wenn er die Meierei verließ, nahm er sich vor, nun nicht so bald wieder zu kommen. Obwohl er sich über nichts zu beklagen hatte, die sehr vergnügte alte Hofrätin von der größten Herzlichkeit mit ihm, der Domherr ein angenehmer Erzähler merkwürdiger Begebenheiten, ein witziger Partner in halb philosophischen, halb politischen Gesprächen war und die lange, blasse, hagere Vikerl, das »Kind der Sünde«, dem Cousin, wie er im Hause hieß, manches Zeichen schwesterlicher Neigung gab. Vielleicht war es gerade dies, was ihn bedenklich und fast ein bißchen verlegen machte. Vielleicht war es das Mädchen, dem er lieber ausgewichen wäre. Er fand aber auch dazu doch eigentlich gar keinen rechten Grund. Sie war freilich ein seltsames Geschöpf, mit dem man sich nicht so bald zurecht fand. Das erstemal, von der Großmutter ins Zimmer gerufen, um mit dem Cousin bekannt zu werden, hatte sie, als Furnian ihre Hand nahm, heftig aufgeschrien und ausgeschlagen, war weinend fortgerannt und ließ sich, auf dem Heuboden versteckt, die ganze Zeit nicht mehr sehen. Die Hofrätin entschuldigte das scheue Kind, das an einer krankhaften Furcht vor jeder Berührung leide und, plötzlich angefaßt, in einen Zustand sinnloser Aufregung gerate, die durch keine Güte zu beschwichtigen, durch keine Strenge zu bändigen sei. Der Onkel selbst, von dem sie sich sonst in allem beherrschen lasse, habe darin keine Macht über sie. Sie höre geduldig seinen Vorwürfen zu, sehe selbst das Sinnlose, ja Lächerliche ihres Betragens ein, dem sie mit ihren siebenundzwanzig Jahren doch längst entwachsen, bereue heftig und klage sich an und gelobe Besserung, was aber alles nichts helfe und bei der nächsten Gelegenheit wieder vor maßloser Angst vergessen sei. Klemens hatte Mitleid mit dem Mädchen, das ihm sonst eigentlich ganz gut gefiel, und nachdem er den ersten Schrecken vor der ungemeinen Häßlichkeit des breiten verblasenen und zerfahrenen Gesichts überwunden hatte, in welchem die schwarzen Augen wie Kohlen staken, bekam ihr immer zwischen Entsetzen und einer geheimnisvollen Ausgelassenheit schwankendes Wesen allmählich fast einen gewissen Reiz für ihn, dem er sich nun aber doch lieber entzogen hätte. Er fürchtete ja überhaupt nichts mehr, als eingefangen zu werden. »Von allen Dummheiten, die Ihnen bevorstehen«, hatte Döltsch ihm noch gesagt, »ist eine dumme Heirat die dümmste. Schieben Sie sie, solange es irgend geht, hinaus!« Er kannte ja auch so viele Beispiele, die warnten. Und er hatte gar keine Lust, die kaum gewonnene Freiheit wieder zu verlieren. Nein, nun endlich einmal sein eigener Herr sein und sein eigenes Leben nach seiner eigenen Meinung leben, so soll's bleiben, das will er sich bewahren! Und es war doch auch zum Lachen! Er war viel zu jung für das Mädl, und das Mädl war häßlich, das Mädl hatte kein Geld, das Mädl war noch dazu ein uneheliches Kind, und eigentlich fand er nichts an dem Mädl, wirklich gar nichts, als daß er eben ganz gern mit ihr plauschte, vielleicht auch nur, weil es ihn reizte, ihr Entsetzen vor jedem Manne zu besiegen und diesen merkwürdigen aus Scham und Haß vermischten Trotz zu zähmen, und daß sie schließlich immerhin etwas weniger blöd war, als die schnaufende Frau Jautz und die rogliche Frau Wiesinger. Und es fiel doch ihr sicher gar nicht ein, anders als allenfalls mit der Neugierde, die ein einsames Geschöpf auf dem Lande immer für einen eleganten jungen Menschen aus der Stadt hat, an ihn zu denken. Und schließlich wär's wirklich, daß sie sich in ihn verliebte, so war's ein Abenteuer, das man mitnehmen konnte. Es hatte keine Gefahr für ihn. Übrigens wünschte er es sich gar nicht. Jetzt kamen bald die Fremden, und da hatte er die Wahl. Ein Abenteuer mit irgendeiner sehnsüchtigen närrischen kleinen Wienerin, Wonnen, solange der Sommer dauert, Schmerzen, wenn der Herbst kommt, und dann noch im Winter ein paar wehmütige Briefe, und dann ist es aus und eine schöne Erinnerung bleibt. Oder allenfalls einen lustigen Zeitvertreib mit einer Hiesigen, wie der Lackner mit der Theres hat. Das wünschte er sich. Warum also sollte er nicht einstweilen, wenn er manchmal abends aus der Lucken kam, eine halbe Stunde in der Meierei bleiben, um der Hofrätin und dem Domherrn guten Abend zu sagen und zuzuhören, wie die Vikerl mit ihrer kleinen ängstlichen Stimme den Leiermann sang? Das hatte wirklich keine Gefahr. Dies war es wohl auch eigentlich gar nicht, was er fürchtete, sondern er hatte eher vor dem Domherrn Angst. Wofür er freilich nun auch wieder einen rechten Grund nicht angeben konnte. Döltsch hatte ihn immer vor den Pfaffen gewarnt. »Man muß ihnen gehorchen, das geht nun einmal nicht anders, denn sie sind hier die Mächtigen. Aber man muß sie wissen lassen, daß man ihnen ungern gehorcht, daß man sie nicht mag und daß man jede Gelegenheit ergreifen wird, sich von ihnen frei zu machen. Ein anderes Verhältnis ist nicht möglich. Wer sich ihnen offen widersetzt, dem drehen sie den Hals um. Wer sich ihnen völlig verschreibt, der hat für sie keinen Wert mehr. Nur wer ihnen gehorcht, aber mit einigem Zaudern und als ob er nicht abgeneigt sei, morgen den Gehorsam zu kündigen, mit dem rechnen sie. Und am besten verträgt man sich mit ihnen stets aus der Ferne. Ich mache lieber einen großen Umweg um den kleinsten Kaplan. Ihr bloßer Geruch steckt an, man kriegt's nicht mehr los.« Daran dachte Klemens jetzt oft. Aber der Domherr zog ihn immer wieder an, weil es ihn lockte, diesen undurchsichtigen Menschen zu erkennen, der ein Bauer schien, für einen Jesuiten galt und, während er geheimer Ränke bezichtigt wurde, das Behagen einer sorglosen ländlichen Existenz ungestört genoß. Auch war Klemens eigentlich verletzt, daß es der Pfaffe durchaus vermied, um ihn zu werben. Wenn er verglich, wie der alte Klauer, der doch immerhin noch einmal emportauchen konnte, fortwährend hinter ihm her war, mußte er sich wundern, mit welcher Gleichgültigkeit der Prälat die Gesinnungen des Bezirkshauptmannes liegen ließ, ohne sich im geringsten zu kümmern, wie sich der Neffe zur Kirche verhielt, oder gar seine Bekehrung zu versuchen. Absichtlich fing Klemens oft von Fragen an und sprach Meinungen aus, die den Geistlichen herausfordern mußten. Dieser aber gab kein Zeichen einer Verstimmung oder auch nur Verwunderung, sondern fragte höchstens: »Glauben Sie?« Und wenn sich Klemens manchmal zu ganz unmöglichen Verwegenheiten verstieg, lachte er und sagte: »Unser Herrgott hat mancherlei Kostgänger in seinem Haus.« Und gleich fing die Hofrätin was Lustiges zu erzählen an oder die Vikerl sang, und Klemens war abgeschlagen. Auch hatten sie einen komischen Jungen bei sich, den Antonio, der immer, wenn ein Gespräch einmal anfing gefährlich zu werden, plötzlich seine Possen trieb, mit Kartenkünsten oder Gassenhauern. Er war in Neapel geboren und hatte den Domherrn bedient, als dieser nach Rom kam. Der nahm ihn in die Heimat mit, und jetzt trieb sich der flinke Junge, halb als Diener, halb als lustige Person, viel gescholten, sehr verwöhnt, klug, nichtsnutzig und wohlgemut überall in der Wirtschaft herum, wenn er nicht gerade mit drolligernster Miene bei der Hofrätin saß, die in ihrem dreiundsiebzigstem Jahre plötzlich noch Lust bekommen hatte, Italienisch zu lernen. Einmal fand Klemens abends die Vikerl allein, der Domherr war noch bei den Knechten im Stall. Klemens fragte nach der Hofrätin. Die Vikerl sah weg, stand auf und sagte: »Wir dürfen sie jetzt nicht stören. Die Großmama lernt. Mit dem Antonio.« Leise sagte sie das, ihr Gesicht hatte rote Flecken, die schwarzen Augen flogen, sie lachte plötzlich grell und war fort, er hörte ihr knirschendes Lachen durch das Haus fahren. Seitdem sah sich Klemens den windigen Italiener erst näher an. Er konnte sich's aber von der Hofrätin nicht denken, die mit ihren weißen Ringellöckchen unter der Haube so was Liebes, so was Stilles, so was Ehrwürdiges hatte, das schönste Bild ausgesöhnten und abgeklärten Alters, das alle Leidenschaften verwunden, alle Kränkungen verschmerzt, alle Wünsche vergessen hat und fromm wartet. Auch war ja der Vikerl nicht zu trauen, die überall Verdacht hatte, und wo sie nur einen Knecht mit einer Magd beisammen fand, Lärm schlug und zur Großmama lief, um sich zu beklagen und nicht nachzugeben, bis die Schuldigen entlassen wurden und das Haus wieder rein war. Sie hatte voriges Jahr einmal die Rahl in ihrem Wagen neben dem Schauspieler Jank sitzen gesehen, da fiel sie auf der Straße hin und war für tot liegengeblieben. Der Arzt konnte nichts, wenn sie in solchen Krämpfen lag; nur das harte Wort des Domherrn vermochte dann über sie. Fast schien es, als ob sie solcher Erschütterungen durch wilde Scham und des Entsetzens vor eingebildeten Schändlichkeiten zuweilen bedürftig wäre, weil sie dann immer, wie befreit, eine Zeitlang ganz anders wurde, still in sich gekehrt, heiter und nun ebenso zutraulich anschmiegend, als sie nach ein paar Wochen dann wieder höhnisch, dumpf und argwöhnisch lauernd wurde. Klemens hatte ein solches Wesen in seinem ganzen Leben nicht gesehen. Sie tat ihm manchmal sehr leid, wenn er sich überlegte, was sie litt. Und manchmal wieder hatte er fast ein Grauen vor ihr, wie vor einem unheimlichen Tier. Und manchmal erinnerte sie ihn an vieles in ihm selbst. Das war auch eine, die die Sünden der Väter trug. Nein, es hatte keine Gefahr für ihn. Wenn er sich einmal an ein Mädchen oder eine Frau verlor, die hätte anders sein müssen. Eine, die die Furcht nicht kennt, die nichts mitschleppt, die ihn auslachen kann! Nach einer sicheren und hellen und wohlklingenden Frau, die ihm forthelfen könnte, sehnte er sich. Aber solche Menschen, wie er einen für sich gebraucht hätte, gab's wahrscheinlich gar nicht. Und immerhin fühlte er sich in dem altväterisch freundlichen Hause der gütigen Hofrätin, wenn das Mädchen Schubert sang, Antonio seine Späße trieb oder der Domherr von Reisen erzählte, noch eher wohl als im Krätzl mit dem betrunkenen Bezirksrichter, dem kriechenden Apotheker und dem langweiligen Bergrat. Und als nun ein arger Brief von seinem Vater kam, war er sogar sehr froh, doch die Hofrätin zu haben, der er sich anvertrauen konnte; er hätte sich sonst gar keinen Rat gewußt.

Er erschrak immer beim bloßen Anblick eines solchen großen grauen Kuverts mit der dünnen und zittrigen Schrift seines Vaters. Wenn es auch meistens nichts als die ewigen guten Lehren enthielt, schon der Ton, der unerträglich subalterne Ton genügte, Klemens zu verstören. Und immer diese Warnungen, sich nicht zu überheben, dieselben dunklen Drohungen mit unbekannten Gefahren und ewig die Mahnungen, ja nicht zu vergessen, daß manches, was andere sich erlauben dürfen, ihm verboten sei, weil er erst durch ein Leben der Entsagung alte Schuld gutzumachen und das Schicksal auszusöhnen habe! Als ob er es nötig gehabt hätte, immer noch zur Demut erinnert zu werden, und immer wieder hinabgedrückt und immer noch mehr entmutigt, statt endlich irgendwo sich geschützt und im Zutrauen befestigt zu fühlen! Denn wirklich, wenn es so war, wie sein Vater ihm das Leben wies, wenn ihm wirklich nichts übrigblieb, als immer zu kuschen und sich zu ducken und ein schlechtes Gewissen zu haben und ein Bettler zu sein und traurig hinzuschleichen, wenn sein Vater recht behielt, dann hätte er doch lieber heute noch mit allem ein Ende gemacht! Alles weg und hinausgerannt und lieber ein Vagabund sein und elend auf der Landstraße verrecken, aber doch einmal das Leben gespürt haben und einmal froh gewesen sein und ein Mensch gewesen sein! So trotzig und ganz tückisch machten ihn diese Briefe mit der ängstlichen wässerigen Schrift, die gleichsam das Papier um Entschuldigung zu bitten schien. Und so furchtbar traurig, daß er dann stundenlang saß und nur so vor sich hin in den Boden sah und sich wünschte, lieber gar nicht mehr aufzustehen und lieber gar nichts mehr zu wissen, weil er zu schwach war; alle Kraft war ihm weggenommen. Nun aber waren es diesmal nicht bloß die üblichen guten Lehren, sondern der Vater schlug ihm eine Heirat vor. Jetzt erinnerte sich Klemens erst, daß er bei seinem letzten Besuch in Görz, einmal mit dem Vater spazierengehend, einem älteren Herrn und seiner Tochter vorgestellt worden war, die ihm gleich durch ihr auffälliges, reich tuendes Wesen mißfallen hatten. Der Herr war ein pensionierter Hauptmann, der dann Agent einer Versicherungsgesellschaft geworden und durch allerhand nicht ganz klare Spekulationen zu Reichtum gekommen war. »Seit wann verkehrst du mit solchen Leuten?« hatte Klemens den Vater spöttisch gefragt. Er bekam die bittere Antwort: »Uns steht es wahrhaftig nicht zu, im Umgang diffizil zu sein!« Er dachte noch, das sei wieder so recht sein Vater, dem es eine wahre Lust bereite, in seiner Erniedrigung zu schwelgen. Das Mädchen hatte er kaum recht angesehen, es war ein freches Ding mit lauten Manieren. Er erinnerte sich nur, daß sie die Minute lang, die die Väter miteinander sprachen, in einem fort gekichert hatte, sich in den Hüften wiegend, die Schultern schwingend und an einer Nelke lutschend, die ihr im Mundwinkel stak. Durch den Brief erfuhr er nun erst, daß er dem Mädchen, für das ein Freier gesucht wurde, bei dieser Gelegenheit vorgeführt worden war und Gnade vor ihren heißen Augen gefunden hatte, was sein Vater für ein ganz außerordentliches Glück zu halten schien. Der Vater verhehlte nicht, daß der Ruf des Hauptmanns nicht der beste sei, doch habe sich vor Gericht, als er in einer Zeitung ein Wucherer genannt worden war, unzweifelhaft ergeben, daß nichts nach dem Gesetze Strafbares gegen ihn vorgebracht werden könnte, wenn auch freilich die Geschworenen, mehr aus Stimmungen urteilend als nach Tatsachen, den unverschämten Journalisten freigesprochen hätten; doch wisse man ja aus eigener Erfahrung, was von solchen Stimmungen einer übel beratenen Menge zu halten sei. Jedenfalls sei der Hauptmann ein ungewöhnlich fähiger Mensch, was er ja schon dadurch bewiesen, daß er, durch Intrigen, wie sie leider jetzt in der Armee durch schlechtes Beispiel immer häufiger werden, aus dem Dienst entfernt, aus eigener Kraft auf einem anderen Gebiete emporgekommen sei, so daß seine Feinde von damals nun alle Ursache ihn zu beneiden hätten. Man könne es ihm nicht verdenken, daß er, reich geworden und mit allerhand Plänen beschäftigt, jetzt nach einem gewissen Einfluß und Verbindungen trachte, insbesonders seit er, wie er dem Obersten anvertraute, unter der Hand Gründe auf dem Monte Maggiore aufgekauft und daher alles Interesse an der dort geplanten Bahn habe. Dies bestimme ihn, um sich die notwendigen Beziehungen zu schaffen, ohne die nun bei uns einmal kein Werk gedeihen kann, sich einen Schwiegersohn zu suchen, der ihm behilflich sein könne. Eine solche Gelegenheit aber werde sich dem Klemens wohl kaum zum zweitenmal bieten, wobei der Vater noch höher als den Reichtum des freilich etwas launischen und eigenwilligen Mädchens den Umstand anschlug, seinen Sohn nunmehr unter der Führung eines so klugen, in den Welthändeln erfahrenen und energischen Mannes zu wissen, wie der Hauptmann sei, der ihn schon, wenn er es nur an dem schuldigen Gehorsam nicht fehlen lasse, unversehrt durch alle Fährlichkeiten zum guten Ausgang steuern werde. Übrigens sei schon alles zwischen den Vätern beredet, das Mädchen habe zugesagt, und Klemens habe nur noch hinzukommen, um sich das Jawort zu holen und die Verlobung öffentlich zu machen, wofür sie Weihnachten bestimmt hatten. Die Zeit bis dahin solle Klemens benutzen, um eine passende Wohnung zu suchen und alles vorzubereiten, nicht übermütig, aber doch den reichlichen Verhältnissen gemäß, in die er jetzt durch diesen unverhofften Glücksfall geraten sei. Worüber sich nun der Vater noch in seiner umständlichen Art weitläufig erging, wieder einmal alles aufzählend, was ihm an Unrecht und Enttäuschung und Bitterkeit in seinem Leben widerfahren war, und Gott dankend, der alles doch zuletzt zum Segen gelenkt und wenigstens für den Sohn ein freundliches Los bereitet habe, so daß wenigstens diese Sorge vom Herzen des bekümmerten Vaters genommen sei und er nun in Frieden die müden Augen schließen könne. Wenn der Vater sentimental wurde, das war ihm das ärgste!

Seine schöne Freiheit verkaufen! An die Tochter eines Wucherers! Um dem bei seinen schmutzigen Geschäften zu dienen! Und der Vater, statt den Unverschämten hinauszuwerfen, pries sich noch glücklich! Wie verlassen von allen Hoffnungen und zerbrochen in allem Stolz und ganz hinfällig in seiner Angst mußte der arme Vater sein! Wenn er an seine Mutter dachte, des glänzenden Generals Huyn hoffärtige Tochter, mit ihrer grausamen Verachtung für alles, was nicht kühn auf seinen Wert pochen und kein Vorrecht für sich ansprechen konnte! Und nun sollte der Sohn vielleicht den Buchhalter stinkender Gewinste machen, den Winkelschreiber wohl, der dem Herrn Schwiegerpapa durch die Paragraphen am Zuchthaus vorbeihilft! Wie muß es in seinem Vater aussehen, daß er ihm das zuzumuten wagt, ihm und sich selbst! Der arme Vater, der arme Vater! Und diese sinnlose Lust, sich selbst zu demütigen! Ein Furnian und die Tochter eines Wucherers, so weit haben wir es gebracht! Er wußte, daß der Vater das selbst empfand! Aber so war er ja: statt gegen Unrecht oder Unglück sich aufzulehnen, fand er eine böse Lust darin, es mit höhnischer Ergebung zu leiden, sinnlos schadenfroh gegen sich selbst! Ja, noch förmlich damit zu prassen und zu prahlen: Seht, so ist das Leben, ein Furnian und die Tochter eines Wucherers, und der Furnian muß noch froh sein, es ist noch eine hohe Gunst des Wucherers, so weit hat es die Menschheit gebracht, das sind die heutigen Zeiten, so ist das Leben, und wären wir stolz, so verhungert mein Sohn, durch die Gnade des Wucherers aber bringt er es weit, so ist das Leben, seht doch, seht! Er glaubte den Vater zu hören, in seinem ohnmächtigen Hohn.

Was aber tun? Dem Vater abschreiben? Dann kam er. Das fürchtete Klemens. Er kannte den Vater und kannte sich. Er war unfähig, dem Vater ins Gesicht zu trotzen. Er konnte seinen dumpfen Zorn nicht ertragen. Für den Vater war er noch immer der Bub, der zu schweigen hat. Es gab keine Widerrede, er hatte keine Meinung. Der Vater befahl, der Sohn gehorchte, es wurde gar nicht erst gefragt. Und Klemens wußte, daß er gehorchte. Da half kein Entschluß, die Gewohnheit war stärker. Er hörte nur die müde, wie hinkende Stimme des Vaters, und er war gehorsam. Er hat noch immer gehorcht, er wird immer gehorchen. Noch neulich, in Görz, nach dem Abendessen, sagte der Vater plötzlich: »Du rauchst zuviel. Das ist dir weder gesund, noch steht es mit deinem Einkommen im Verhältnis. Du hast heute schon genug geraucht, lege die Zigarre weg!« Und er hatte die Zigarre weggelegt. Er hätte fast geweint vor Zorn, so wie ein Bub behandelt zu sein, vor Scham, es zu dulden. Aber er mußte. Er war wehrlos. Er brachte gegen den Vater den Mund nicht auf. Nein, wenn der Vater kam, war es aus. Was der Vater verlangt, kann er nicht verweigern. Er kann es nicht, wenn der Vater vor ihm steht. Er wird vielleicht den Mut haben, sich dann eine Kugel durch den Kopf zu schießen. Aber solange der Vater vor ihm steht, wird er gehorchen. Das weiß er, er kennt sich, so war es noch immer, so wird es immer sein, den hilflosen Augen des Vaters kann er nicht trotzen.

Was aber tun? Mit allem schuldigen Gehorsam und in aller Dankbarkeit dem Vater, mit der Versicherung, ihn ja darüber entscheiden zu lassen, doch die Bedenken vorstellen, die der schlechte Ruf des Hauptmanns, wenn auch sicherlich grundlos, immerhin bei seinen Vorgesetzten erwecken und irgendein Neider gegen ihn ausnützen könnte, und vielleicht nicht nur gegen ihn, sondern gegen den Namen Furnian selbst, der durch die Verbindung mit einem Mädchen, das nun jedenfalls einmal anderen Kreisen angehörte, eine Kränkung erfahren würde? Aber er hatte den gereizten Ton noch im Ohr, mit dem es dann immer hieß: »Du kannst dir denken, daß dein Vater das alles erwogen hat, aber vergiß nicht, daß wir keinen Anlaß haben, hochmütig zu sein, wir zuletzt!« Oder sich auf Döltsch ausreden? Aber der Vater war imstande, dem Minister zu schreiben, einen solchen bettelnden Brief mit dem ganzen Jammer seines zerstörten Lebens – nein, nur das nicht, er hätte sich sehr geschämt! Gerade vor Döltsch, der alles verstehen und alles verzeihen konnte, nur die Not mutloser Menschen nicht, die sich selbst aufgeben! Und so, was immer er dem Vater vorhalten mochte, es war alles umsonst. Er kannte den Vater: gegen den Sohn war der schwache Mann unbeugsam. Ja, Zeit wurde vielleicht gewonnen. Aber was half ihm das? Daß er es immer mit sich herumtragen und sich quälen mußte und doch keinen Ausweg fand und ihm jede frohe Stunde verdorben und der ganze schöne Sommer verloren war! Er kannte sich: er hatte nicht die Kraft, in Sorgen aufrecht zu bleiben.

In seiner ratlosen Angst fiel ihm plötzlich des Vaters Verehrung für den verstorbenen großen Hofrat Furnian ein, der in der Familie von allen fast wie ein Schutzheiliger gehalten wurde. Er hatte ein unbestimmtes Gefühl, wenn es ihm nur irgendwie gelänge, dem Vater diese Verbindung mit der Tochter des Wucherers als eine Kränkung für das Andenken des ihm so teueren Hofrats darzustellen, dies wäre vielleicht noch das einzige Mittel, ihn von seinem Willen abzubringen. Der Hofrat war dem Vater das Höchste. Er war wohl niemals in seinem Leben für irgendeinen anderen Menschen einer so starken und grenzenlosen Empfindung fähig gewesen, die bis zur Leidenschaft stieg und doch eine fast kindische Zärtlichkeit behielt. Er saß tagelang über alten Papieren, um die Geschichte der Familie zusammenzusuchen, und trug sorgfältig alles, was er nur immer erfahren konnte, in ein altes Buch ein, das er einst dem Sohne hinterlassen wollte, als ein signum und solatium, wie er es nannte. Wie er sich nun aber das Leben der Menschen dahin zurechtgelegt hatte, daß alle Mühe und Sorge langer Geschlechter keinen anderen Sinn haben als nur den, dann einmal einen einzigen großen Mann hervorzubringen, auf den alle Vorfahren unbewußt hindrängen und der in den Nachkommen allmählich wieder abklingt, so schienen sich ihm alle Furnians, von jenem schlesischen Fuhrmann an, der im Anfang des siebzehnten Jahrhunderts den Namen zuerst aus dem Dunkel emporgehoben hatte, indem er es verstand, Wohlstand und Ansehen zu gewinnen und seinen Kindern eine Erziehung zu geben, die ihnen das bürgerliche Leben aufschloß, bis zu Klemens herab, um das Monument des Hofrats zu vereinigen, der, eines Einnehmers in Olmütz Sohn, erst Fiskaladjunkt in Galizien, dann als Appellationsgerichtsrat in Klagenfurt durch eine Denkschrift über das Institut der precetti politici das Wiener Kabinett auf sich aufmerksam gemacht, die Gunst des Staatsrats Gentz gewonnen und, als dieser starb, mit dem Berliner Professor Jarke zusammen seine Geschäfte in der Hof- und Staatskanzlei übernommen hatte. Klemens erinnerte sich, wie oft er als Kind dem Vater über diese Denkschrift von den precetti politici zuhören mußte, der daran immer die tiefe Weisheit des Hofrats erklärte. Precetto politico hieß ein Dekret, das von der Polizei einem jeden eingehändigt wurde, der sich irgendwie schlimmer Gesinnungen oder unerlaubter Absichten verdächtig gemacht hatte, fortan precettato genannt und als solcher verhalten wurde, auch sonst erlaubte Handlungen, welche man unverdächtigen Bürgern gewährte, zu vermeiden, derart, daß er zum Beispiel nur zu bestimmten Stunden das Haus verlassen, nur mit einigen ausgewählten Menschen verkehren und sich nur mit besonderer Bewilligung aus seiner Stadt entfernen durfte. Dies war 1798 in der damals Zisalpinischen Republik eingeführt worden, Napoleon und der Vizekönig hatten es beibehalten und der Hofrat schlug nun vor, es in die österreichische Verwaltung aufzunehmen, als ein unfehlbares Mittel, alle revolutionären Umtriebe abzubinden, worauf der Oberst heute noch schwor. Leider hatte man ja nicht gewagt, den Antrag des Hofrats durchzuführen, doch erkannte man seine so verdienstliche Gesinnung, und das Glück des brauchbaren Beamten war gemacht, während sein jüngerer Bruder, eben des Obersten Vater, von dem dieser immer mit einer bitteren Achtung sprach, auch eine Denkschrift verfaßt, aber sich gerade durch diese alle Aussichten verwirkt hatte. Des Hofrats Bruder, der Großvater des Klemens, war nämlich als junger Mensch an der Wiener Universität in den Kreis des Professors Watteroth geraten, eines begabten Doktrinärs, der allerhand aufgeregte Jugend um sich versammelte, mit der er unauffällig im geheimen für die neuen, seit der Französischen Revolution wieder verpönten Ideen in Österreich zu wirken unternahm. Karl Kübeck und Franz Baron von Pillersdorf, die späteren Minister, und der spätere Staatsrat Baron Knorr fanden sich dort ein, aber auch einige ältere Männer, die, schon in hohen Stellungen, das Bedürfnis hatten, die Jugend verstehen zu lernen und mit den neuen Gedanken bekannt zu werden, so der Staats- und Konferenzrat Ferdinand von Matt, der mit der schwärmerischen Aurelie, einer geborenen von Würz, verheiratet war, einer bedeutenden schöngeistigen Frau, die Gelehrte, Künstler und Dichter in ihren Salon zog. Zu ihrer Tochter faßte der junge Furnian, den Matt als Konzeptspraktikanten bei der vereinigten Hofkanzlei untergebracht hatte, eine tiefe Neigung, und um sich des Wohlwollens, das ihm der Vater, der Achtung, die ihm die Tochter bewies, würdig zu zeigen und sich einen Namen zu machen, der das Recht hätte, eine Verbindung mit so werten Menschen anzusprechen, ging er daran, sobald er einen Einblick in das Kanzleiwesen genommen hatte, seine Erfahrungen in einer Schrift darzulegen, durch die er sich das Vertrauen aller rechtlich denkenden und um die Zukunft des Vaterlandes besorgten Männer zu verdienen hoffte. Sie hatte den Titel: »Über die Langsamkeit des Geschäftsganges in allen Zweigen der Regierung, deren Ursachen und die notwendigen Maßregeln zur Abstellung derselben.« Es wurde darin ausgeführt, wie es schon unter Maria Theresia und Kaiser Josef aus Mißtrauen gegen die Begabung und wohl auch den guten Willen der unteren Behörden zur Maxime geworden, alles und jedes im Wege der sogenannten »Aktenvorlegung« bis an die höchsten Instanzen, ja zur Entscheidung des Monarchen selbst zu bringen, so daß die kleinste Sorge, die Bewilligung, ein Gewerbe zu betreiben, oder eine notwendige Reparatur an morschen Gebäuden immer zuerst der lokalen Obrigkeit vorgelegt, von ihr an das Kreisamt, vom Kreisamt an die Landesstelle, von der Landesstelle zur Hofkanzlei geschickt und nun durch diese erst noch schließlich an den Kaiser geleitet wurde, wodurch denn alles jahrelang verschleppt werden und der ganze Betrieb ins Stocken geraten mußte, was ja der gütige Monarch selbst in seiner Weisheit wiederholt nachdrücklich getadelt und auf Abhilfe gedrungen hatte. Diese fand der Verfasser nicht anders möglich, als wenn man sich entschließen würde, den lokalen Behörden eine größere Freiheit, dieses verdächtige Wort entschlüpfte ihm, eine größere Freiheit der Entschließung einzuräumen, so daß ihnen anheimgestellt würde, unbedenkliche Fälle glatt zu erledigen, während fortan nur die wichtigeren, über welche ein Zweifel obwalten könnte, dem Urteil der Minister oder des Kaisers selbst unterbreitet werden sollten, eine Teilung der Arbeit, dieses an den höchst anrüchigen Adam Smith erinnernde Wort vermied er nicht, und eine Beschränkung der Zentralgewalt auf das Wesentliche, von welchem er sich eine allgemeine Erleichterung des Geschäftsganges versprach. Matt billigte diese Gedanken, ließ sich von den Gründen überzeugen, fand die vorgeschlagenen Mittel gut, und der arglose Verfasser hatte nun den einen Wunsch, die Schrift möchte zur Kenntnis des Kaisers gelangen, was ihm denn auch durch den Grafen Franz Colloredo, den Minister des Kabinetts, vermittelt wurde, der des Kaisers Art kannte und sich die Gelegenheit nicht entgehen ließ, einmal oben zu zeigen, was diese junge Günstlinge des ihm verhaßten Staatsrats Matt für merkwürdiges Zeug in ihren gelehrten Schädeln hatten. Der Kaiser las die Schrift und fragte den Grafen: »Wer ist denn der Mensch eigentlich?« Und als er erfuhr, das es ein junger Konzeptspraktikant in der vereinigten Hofkanzlei war, sagte er: »No, da müssen's ja nicht viel zu tun haben, wenn sie zu so was Zeit haben.« Dann fragte er noch: »Wie alt ist er denn?« Und als er erfuhr, siebenundzwanzig, sagte er: »Schau, so ein Bürscherl möcht auch schon mitreden! Er soll halt warten, bis er hinter den Ohren trocken is.« Darauf wurde dem Konzeptspraktikanten die Allerhöchste Anerkennung mitgeteilt, zugleich aber bedeutet, er sei noch zu jung; und dabei blieb es. Sooft er in den nächsten Jahren zur Beförderung eingegeben wurde, hieß es stets: Zu jung. Achtzehn Jahre blieb er Konzeptspraktikant. Dann erst setzte sein Bruder, der inzwischen allmächtig gewordene Hofrat, es durch, daß er zum Archivdirektor ernannt wurde und nun endlich sein geliebtes Mädchen heimführen konnte. Neun Jahre blieben sie kinderlos. Dann wurde den beiden alten Leuten ein Knabe geschenkt, Ferdinand, dessen Erziehung nach dem Tode des Vaters der Hofrat übernahm. Der Hofrat ließ den Buben kommen und sagte: »Dein Vater war immer zu weich, du wirst Soldat.« Und dann schickte er jeden Monat das Geld für ihn und, als er gefirmt wurde, eine Uhr. Gesehen hatte der Oberst den Onkel nur jenes einzige Mal, nach dem Tode des Vaters. Aber er konnte den Eindruck im Leben nicht mehr vergessen. Und während er von seinem Vater immer nur mit einer leisen Entschuldigung sprach, als von einem Mann, der ja gewiss das Beste gewollt, aber sich leider an unnütze Schrullen verloren habe, richtete er sein bedrücktes Gemüt immer wieder an dem großen Bilde des Hofrats auf, der für ihn das Ideal blieb. Wie oft hatte Klemens die Geschichte von den zwei Denkschriften anhören müssen, die ihm der Vater immer wieder zur Lehre vorhielt, daß es sich nicht darum handle, Gedanken auszuhecken, die der Einbildung gelehrter Phantasten schmeicheln mögen, sondern nur darum allein, sich als ein brauchbares und nützliches Glied der Gesellschaft zu zeigen, auf das der Staat zählen kann, weil es nicht lange klügelt, sondern blind den Mächtigen gehorsam ist! Und täglich war dem Knaben von der Macht, vom Stolze, von der Bedeutung des Hofrats erzählt worden, in welchem die Familie den höchsten Glanz erreicht hatte! Wenn es ihm jetzt gelänge, sein Andenken anzurufen, um sich vor der Tochter des Wucherers zu schützen!

Da fiel ihm die Hofrätin ein. Ja, die Hofrätin Zingerl; vielleicht ging das. Ihr verstorbener Mann war ein Freund des Hofrats gewesen. Ihre Mutter war eine geborene Knebel, deren Bruder die Schwester des Hofrats geheiratet hatte. Im Hause ihrer Eltern hatte der Hofrat die letzten Jahre seines Lebens verbracht. Daher die Verehrung, die der Oberst für sie hatte; ein letzter Strahl vom Glanze der Familie schien noch auf ihr zu liegen. Wenn sie dem Obersten schrieb! Klemens wusste, dass es ihn vor seinem Vater heben würde, wenn sich nur überhaupt die Hofrätin seiner annahm. Und gab sie gar zu verstehen, es sei nach ihrer Meinung nicht im Sinne des Hofrats gehandelt, den Namen Furnian einer Bürgerlichen auszuliefern, das war vielleicht noch das einzige Mittel, den Vater umzustimmen. Aber freilich, wie konnte Klemens sie dazu bewegen?

Es ging leichter, als er gedacht hatte. Er hatte die alte Frau nie gütiger gesehen. Und sie schien ganz jung zu werden, so lebhaft fragte sie nach allem, ließ sich die Braut schildern, lachte den Vater aus, und der ganze Handel machte ihr Spaß. Sie gab ihm völlig recht und, indem sie ihm lustig ins Gesicht fuhr, sagte sie: »Wär doch auch wirklich schad um so einen hübschen Menschen wie Sie! Nein, nein! Da muß sich schon noch ein besserer Absatz finden.« Dann ließ sie den Domherrn holen. Das war Klemens eigentlich nicht angenehm. Aber auch den Domherrn fand er zu seiner Verwunderung geneigter, als er sich ihm sonst gezeigt hatte. Es schien ihn zu freuen, daß Klemens ein solches Vertrauen zu ihnen hatte. »Sie müssen uns das Zeugnis geben,« sagte er, »daß wir alles vermieden haben, was irgendwie den Anschein hätte, als ob wir uns Ihnen aufdrängen wollten. Die Herren von der Behörde glauben immer gleich, daß man etwas von ihnen braucht. Gar wir Geistlichen sind ihnen verdächtig. Und wir haben's wirklich nicht nötig, es geht alles auch ohne die Behörde, ihr überschätzt euch! Aber wenn Sie das Gefühl haben, daß Sie hier jederzeit einer wirklichen aufrichtigen Teilnahme sicher sind, nicht als Bezirkshauptmann oder künftiger Staatsmann oder wie wir's nennen wollen, sondern einfach als guter Freund, dem man ebensogern einen guten Rat gibt, als man ihn, wenn sich's einmal trifft, von ihm nehmen wird, so soll es uns herzlich willkommen sein.« Und nun ließ er sich den ganzen Fall vortragen und versprach, der Hofrätin einen Brief aufzusetzen, der sicherlich seine Wirkung auf den Obersten nicht verfehlen würde. Und dann dankte er Klemens noch sehr, wie wenn dieser ihm einen großen Dienst erwiesen hätte.

Nach einer Woche kam ein Brief vom Vater, er habe die Beziehungen mit dem Hauptmann gelöst, da nach manchen Erkundigungen bei nochmaliger Erwägung sich doch ergeben hätte, daß es rätlich wäre, von der geplanten Verbindung abzustehen. »Ich danke Gott,« hieß es weiter, »dich nun endlich unter einer Führung zu wissen, die mir alle Gewähr für dein inneres und äußeres Fortkommen bieten kann, und wünsche nur ernstlich, daß du dir nicht wieder in deiner leichtsinnigen Art durch irgendeinen unüberlegten Streich, der dir durch den Kopf fährt, alles am Ende noch wieder verdirbst. Hättest du mich übrigens nicht, wie es leider deine Gewohnheit ist, wieder völlig in Unkenntnis über die näheren Umstände deines jetzigen Lebens gelassen, so wäre mir der Verdruß erspart geblieben, erst unnötig etwas anzuspinnen, was ich nun wieder auflösen muß. Doch hast du mich ja durch kindliche Zärtlichkeit niemals verwöhnt, ich muß schon froh sein, wenn mir nur schlimme Nachrichten erspart bleiben, gute will ich von dir gar nicht verlangen und flehe nun zu Gott, der seine schützende Hand über dich halten möge, womit ich verbleibe dein wohlwollender Vater Ferdinand Freiherr von Furnian, k. k. Oberst a. D.« Was hatte der Vater nur eigentlich? Was meinte er? Aber Klemens war so froh, die Braut los zu sein, daß er daran bald nicht weiter dachte. Der Vater muß immer Geheimnisse haben, und wer weiß, was die listige Hofrätin ihm vorgemacht hat! Jedenfalls war er die Braut los und sein schöner Sommer gerettet, was ihn im Augenblick alles andere vor Freude vergessen ließ.

Seitdem stellte sich das freundlichste Verhältnis zur Meierei, gar aber mit der Vikerl das beste Vernehmen ein, fast als ob er mit ihr ein Geheimnis zusammen hätte. Erst dachte er gar nicht, daß sie davon wußte. Es fiel ihm nur auf, mit welcher Rücksicht sie ihn nun auf einmal behandelte, fast wie einen Kranken, der Schonung und die zarteste Pflege braucht, und während sie bisher scheu, verlegen und störrisch mit ihm gewesen war und zuweilen mitten im Gespräch plötzlich steckenblieb, zornig wurde und, als ob sie sich auf einmal schämte, davonlief, saß sie jetzt, wenn er kam, ganz zutraulich neben der Großmutter, anfangs meistens mit irgendeiner Handarbeit, die dann aber die sinkenden Hände bald fallen ließen, und dann neigte sie den Kopf vor, horchte mit offenem Mund und schien verwundert, ja erschreckt, sich plötzlich erwachend wieder im Zimmer bei der Großmutter zu finden, die lächelnd fragte: »Wo warst denn jetzt wieder einmal, du tramhapertes Ding?« Und Klemens fühlte, wie sie sich unbemerkt glaubend, ihn manchmal ängstlich und mitleidig ansah, und oft, wenn sie ganz Gleichgültiges sprachen, war es in ihrem Ton, wie wenn sie beide ganz allein etwas wüßten. War sie verliebt? Nein, das glaubte Klemens eigentlich jetzt nicht mehr. Mit der Unbefangenheit einer Schwester näherte sie sich ihm, und nur eine große stille Dankbarkeit schien sie für ihn zu haben, wie wenn ein einsamer Mensch zum erstenmal Zutrauen faßt und sich erlöst fühlt. Freilich sah sie ihn dann wieder, wenn ihn die Großmutter oft mit der dicken Apothekerin neckte, manchmal so merkwürdig an, mit einem solchen aus den Augen schießenden Haß, von dem plötzlich das fahle Gesicht ganz dunkel wurde, daß er unwillkürlich, wie um sich zu schützen, ihre Hand nahm und sagte: »Aber, Fräulein Vikerl, die Großmama macht ja nur Spaß!« Dann lachte sie mühsam und wiederholte: »Ja, die Großmama macht ja nur Spaß, natürlich!« Und leise sagte sie: »Nein, Sie sind nicht so! Sie sind doch nicht so! Ich weiß doch, Sie sind nicht so einer! Nein! Nicht wahr, nein?« Und dann lachte sie plötzlich laut und schoß durchs Zimmer, Sessel rückend, Laden öffnend, närrisch geschäftig, bis der Domherr ungeduldig sagte: »Setz dich, Viki! Ich mag das nicht. Du weißt schon!« Da duckte sie sich und sagte gehorsam: »Ich bin schon wieder still, Onkel! Ich weiß.« Klemens kannte sich mit dem Mädchen nicht aus. Allmählich wurde sein Gefühl, als ob es für ihn gar nicht ein Mädchen, sondern ein unglücklicher junger Mensch wäre, wie er solche Studenten gekannt hatte, die sich im Leben nicht zurechtfinden können, zwischen Haß und Liebe, Mißtrauen und schwärmerischer Hingebung, Trotz und Schwachheit taumeln und in ihrer Qual jeder tückischen Niedertracht wie der reinsten Aufopferung fähig sind. Und da er sich schon immer jemand wünschte, dem er etwas sein könnte, Ratgeber, Helfer, Freund, was er nur, durch Spott enttäuscht, schon keinem mehr anzubieten wagte, nahm er sich vor, dem törichten Mädchen, das ihm leid tat, beizustehen. Er fing an, ihr viel von seiner Kindheit zu erzählen, was er in der Schule gelitten hatte und wie es ihn immer gequält hatte, so verstoßen zu sein und niemanden zu haben, weil er dachte, daß sie das trösten würde. So saßen sie beisammen, und er fühlte, wie es ihr half. Bat er sie dann aber, daß nun auch sie von sich erzählen sollte, so stand sie traurig auf und ging weg. Einmal sagte sie: »Nicht wahr, Ihnen tut das auch so weh?« Er fragte: »Was?« Sie wendete sich ab, dann sagte sie: »Daß diese häßlichen und gemeinen Sachen in der Welt sind.« Und sie zitterte. Bevor er noch antworten konnte, sagte sie schnell: »Wir zwei wollen aber so tun, als ob das alles gar nicht auf der Welt wäre, oder wenigstens, als ob wir nichts davon wüßten. Das müßte wunderschön sein. Wollen Sie, Klemens?« Sie bog den Kopf weg, als hätte sie nicht den Mut, ihn anzublicken, und leise wiederholte sie, ganz feierlich: »Wollen Sie?« Er verstand nicht recht, was sie denn eigentlich meinte. Aber wie sie so vor ihm schlaff im Sessel hing, mit dem verschreckten Gesicht und ihrem hageren Leib tat sie ihm so leid, daß er es ihr versprach. »Wir wollen trachten, einander durchzuhelfen«, sagte er. »Und«, sagte sie, »gar nicht mehr daran denken, nichts mehr wissen, von allen den Schändlichkeiten da draußen. Dann würde man nicht mehr solche Angst haben.« Seitdem redeten sie selten zusammen, und sie vermied es, mit ihm allein zu sein. Die alte Hofrätin aber sah ihn manchmal mit ihren jungen Augen an und fragte: »Nun, hat der Herr Papa wieder eine Braut für Sie?« Da sagte das Mädchen einmal: »Klemens muß eine Frau heiraten, die seiner würdig ist.« Es wurde ganz still im Zimmer, als sie das sagte; so seltsam klang ihre Stimme. Dann sagte die Hofrätin: »Zu meiner Zeit hat man gesagt, ein Engel fliegt durchs Zimmer.« Und sie horchten wieder auf das Schweigen.« Um es zu brechen, sagte Klemens: »Muß denn um jeden Preis geheiratet sein? Mir geht's so ganz gut. Ich wünsch mir's nicht besser.« Da stand das Mädchen auf und mit rauchenden Augen sagte sie: »Nein, Klemens, Sie werden heiraten! Es muß eine Frau geben, wie Sie sie verdienen! Könnte ich sie für Sie suchen!« Der Domherr sagte: »Mische dich nicht in Dinge, Viki, die dich nichts angehen. Das Gespräch paßt wenig für ein Mädchen. Und um den Herrn Bezirkshauptmann ist mir nicht bang, der braucht dich nicht.« Klemens verstand überhaupt den Domherrn nicht, der ihm eine Zeit fast verdächtig gewesen war, weil er ihn gern mit ihr allein ließ und ihre Vertraulichkeiten zu begünstigen schien. Dann hatte sie sich über ihn beklagt, weil der Onkel ihren Wunsch, ins Kloster zu gehen, nicht zuließ. Ihm aber hatte der Domherr einmal gesagt, wie man von einem unwiderruflichen Beschluß spricht: »Die Viki ist ja fürs Kloster bestimmt.«

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