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Die Hexe Drut

Hermann Bahr: Die Hexe Drut - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Bahr
titleDie Hexe Drut
publisherSieben Stäbe-Verlags- und Druckereigesellschaft
printrun6. bis 55. Tausend der Gesamtauflage. 1. bis 50. Tausend der Neuausgabe.
editorLyonel Dunin
year1929
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Drittes Kapitel.

»Ich glaub's noch net«, sagte der flinke Apotheker Jautz, listig zwinkernd und den Zeigefinger drehend. »Ich glaub's net, ich glaub's net, ich glaub's net.« Er nahm von der Kellnerin das Bier, das sie brachte, blies den Schaum weg, wischte den Rand ab und indem er das Glas gegen das Licht hob und sich an der hellen Farbe freute, wiederholte er, pfiffig blinzelnd: »Und ich glaub's noch net, daß er wirklich kommt!« Und er trank der Wirtin zu, verschmitzt mit ihr äugelnd: »No prost, Frau Wirtin, prost! Wir werden ja sehn! Sie werden sehn, wir werden sehn, und dann wird es geschehn, daß wir blamiert von dannen gehn!« Er lachte vergnügt und trank aus.

»Aber Flori!« sagte die Frau Apotheker Jautz, mit ihrer langsamen, schweren und tiefen Stimme. Es entzückte sie, wenn ihr Gatte, worin er sehr stark war, gleichklingende Silben fand. Dies bewies ihr, daß nicht bloß der Postverwalter Wiesinger dichten konnte, weshalb der auch so neidig war und sich immer die Ohren zuhielt. Sie fand es aber passend, ihren Stolz nicht zu zeigen, und so sagte sie, wie eine Mutter, die der vorlaute Witz ihres Kindes zugleich glücklich und verlegen macht, mit ihrer langsamen, nachdenklichen, ausklingenden Stimme: »Aber Flori!«

»Mir scheint,« sagte Frau Riederer, die alte Wirtin von der Post, »der Herr Apotheker weiß einmal wieder mehr als wir alle!«

Skandierend, halb singend, in den Reimen schwelgend, sagte der schußlige Apotheker: »Der Herr Apothe–ker . . . weiß immer mehr . . . als irgendwer . . . Frau Rieder–er.« Dieses Dichten, das seine Frau mit solcher Bewunderung ergriff, wurde ihm ganz leicht, weil er es den ganzen Tag betrieb. Er hatte sich dadurch, als junger Magister aus Wien gekommen, im Orte sogleich sehr beliebt gemacht, weil es seitdem wirklich ein Vergnügen war, in die Apotheke zu gehen. Der neue Provisor war immer gut aufgelegt, wußte immer das Neueste und hatte eine so gebildete Ausdrucksweise. Trat ein Dienstmädchen durch die Türe, so rief er ihr, sie gleich erkennend, schon von weitem zu: »Ja, die Fräul'n Marie! Ha, welch ein Glück! Da wird einem ja gleich völlig warm in der Gefühlsregion. Jessas, jessas, jessas! O Herz, fasse dich! Also was steht denn zu Diensten, was schaffen wir denn, Fräul'n Marie? Laboriert's etwa in den gnädigsten Nasenschleimhäuten oder soll's ein Pulverl für die allerliebste Verdauung sein?« Bisweilen aber stimmte er auch gleich einen völligen Freudengesang an:

»Die Fräul'n Theres!
Was war denn jetzt dös?
O welches Getös!
Und eins, 'zwei, drei
Springt mir dabei
Mein Herz entzwei!«

Oder:

»Jetzt, da schaust her!
Wer kommt da, wer?
Die Köchin vom Hauptmann Pummerer!
Da legst di nieder und sagst nix mehr!«

Woran er dann unvermittelt seine berühmte Frage zu knüpfen gewohnt war: »Und was macht denn das werte Gemütsleben, edles Fräulein?« Darauf ein schwärmerischer Blick, und seufzend fuhr er fort, einen Brei rührend oder eine Salbe schmierend: »Ja, da möchte man wohl beteiligt sein!« Dann nahm er das Rezept, und indem er es las, fing er mit einer höchst geheimnisvollen Miene zu fragen an: »Aber sagen's Fräul'n Marie, oder Fräul'n Theres, wissen Sie denn schon? Was, Sie wissen noch gar nicht? Nein, wenn Sie noch nichts wissen, ich sag' nichts, ich nicht, ich nicht!

Der Jautz is kein Verräter
An keinem Übeltäter,
Beißt sich die Zunge lieber ab,
Stumm wie ein Grab!

Nein, aber daß Sie noch nichts wissen, edles Fräulein!« Und war dann die Neugierde auf die Folter gespannt, so ließ er sich erweichen. »Aber nur, weil's Sie sind, Fräul'n Marie! Ihnen kann ich halt nichts abschlagen, mit Ihren romantischen Feenaugen! Jessas, jessas, jessas! Aber nix sagen, daß ich's Ihnen g'sagt hab! Also hören's zu!« Und nun ein Flüstern und ein Tuscheln, und der neueste Tratsch ging los. Und so kam sein Ruf von den Mädchen zu den Frauen und stieg von den Frauen zu den Männern, und bald war alles in der früher so stillen Apotheke gedrängt. Er wurde nun auch zur Liedertafel »Frohsinn« beigezogen, wo sein kleiner Tenor, lieblich durch die Nase gleitend, und sein Talent, jedes Ereignis flink zu bedichten, bald unentbehrlich waren. Auch gelang es ihm, sich politisch in Ansehen zu bringen, denn er gab die Losung aus: »Die gescheiteste Politik für uns ist, wenn man allen Parteien eine lange Nase dreht!

Schwarz oder rot,
Es ist der Tod
Für den armen Bürgersmann,
Der nur selbst sich helfen kann.«

Und endlich war es ihm auch noch geglückt, der schönen Ida zu gefallen, der einzigen Tochter des reichen Fleischers Fladinger. Sie wurden ein Paar, das äußerlich nicht ganz zusammen zu passen schien, da der Florian sehr klein, beweglich und pazzelig, die Ida aber, die bei allen Festen stets die Austria gab, von großem Gewicht und einer langsamen, eher fast melancholischen Gemütsart war. Wenn sie, auch jetzt mit ihren siebenunddreißig Jahren immer noch eine schöne Frau, ihren Rembrandthut mit den großen schwarzen Federn gemächlich und mit offenem Mund, wie es ihre Gewohnheit war, spazieren trug, schien der ganze Ort unter ihren mächtigen Schritten zu zittern, und der muntere Gatte sprang wie ein Foxl neben ihr. Doch »seelisch«, beteuerte er stets, glichen sie sich ganz. Jedenfalls vergaß er nie, daß er es ihr zu danken hatte, wenn er nach dem Tode des alten Apothekers das Geschäft an sich bringen konnte, und sie, von seinem flinken und listigen Geist immer aufs neue verwirrt, besonders aber seine Kunst zu reimen wie ein Naturwunder verehrend, war noch immer mit offenem Mund in ihn verliebt. Ja so sehr, daß sie sich überhaupt gar keine Frau vorstellen konnte, die nicht verliebt in ihn gewesen wäre. Dies quälte sie, sie war sehr eifersüchtig. Nicht als ob sie dem Florian die Schändlichkeit zugetraut hätte, sie zu hintergehen, aber den Frauen traute sie alles zu, und wie leicht konnte ein argloser Mann, wie der gute Florian war, einmal straucheln! Er dachte sich bei seinen Späßen mit den Frauen sicher nichts Schlimmes, es lag halt auch in seinem Künstlerblut, aber sie kannte sie besser, sie traute keiner. Man mußte sie nur hören, wenn sie unter sich waren! Ganz aufgeregt kam sie da manchmal von der Jause bei der Frau Postverwalterin zurück; was die nicht alles erzählt und Witze gemacht hatten, nein, es war wirklich eine Schand! Sie mußte sich gleich das Mieder aufhaken, um ein wenig auszudampfen. Und sie konnte es kaum erwarten, bis sie abends mit dem Florian im Bette lag und ihm alles erzählte, was die alles erzählt hatten, besonders wie es in Wien zugeht, schrecklich! Wenn er dann lachte, wurde sie sehr bös; er war eben auch aus Wien, dieser ganz verdorbenen Stadt! Er sagte dann: »So geh halt nicht mehr hin, was gehst denn immer hin?« Sie ging aber doch wieder hin, und schon auf dem Weg war ihr ganz bang, aber eigentlich hatte sie das ganz gern. Und ihm antwortete sie: »Wenn ich ein Kind hätt, ging ich nirgends hin, es ist eben ein Jammer, wenn eine Frau kein Kind hat!« Jeden Abend klagte sie ihm das vor, und sie gab die Hoffnung nicht auf; sie besprach es mit allen Bekannten. Der Herr Salinendirektor Hauschka fragte immer schon, wenn sie kam: »Nun, was macht der Sprößling? Noch nicht? Ja, das darf man halt auch nicht forcieren!« Dies verdroß sie sehr, sie sprach aber doch immer wieder davon; so stark war ihr Wunsch, ein Kind zu haben, besonders weil sie dachte, daß ein Mann, der Vater ist, doch weniger von den Frauen bedroht wird; und er schämt sich dann auch mehr. Einstweilen blieb ihr aber halt nichts übrig, als im Hinterzimmer der Apotheke zu sitzen und durch die offene Tür zu horchen, ob sich ihr Mann in seiner Unschuld und Gutmütigkeit, wie halt Künstlernaturen sind, nicht von diesen gefährlichen Weibsbildern verlocken ließ; und wenn sie fand, daß er mit einer artiger und zärtlicher wurde, als es fürs Geschäft unbedingt nötig war, hörte man ihre langsame, meistens ein bißchen verschnupfte, nachhallende Stimme ihn warnen: »Aber Flori!« Ärgerte er sich dann und warf ihr vor, ihn vor den Leuten lächerlich zu machen, so war sie sehr zerknirscht und schlich, um ihn auszusöhnen, in die Küche, denn sie wußte, wenn er was Besonderes zu papperln bekam, war alles wieder gut, und darauf verstand sie sich, sie war die beste Mehlspeisköchin weit und breit, wofür er sie mit dem folgenden Gedicht belohnt hatte:

So ein Papperl
Wie mein Tschaperl
Macht doch keine
Wie die meine
Ach so feine
Und so reine
Ungemeine
Gar nicht kleine
Allerliebste Herzensfrau
Mit den treuen Augen blau!
Darin kommt ihr keine gleich,
Drum ist sie mein Himmelreich!

Wenn er ihr dies, nach dem zwanzigsten Zwetschkenknödel, alles vergebend und vergessend, mit seinem girrenden Tenor wieder vorsang, hätte sie vor Rührung am liebsten geweint und konnte in ihrer Seligkeit nur mit ihrer tiefen und umflorten Stimme sagen: »Aber Flori!«

Die Kellnerin brachte nun auch ihr das Bier. Sie schob das Glas weg und sagte, tiefgekränkt: »Aber Kathi!«

Der Apotheker sagte: »Katherl, Katherl, Katherl! Nehmen's meiner Gnädigen das Bier weg! Oder ich pack Sie gleich beim Krawaterl!«

Die Kellnerin beeilte sich nicht, sie kannte das schon. Es begann das übliche Gespräch, indem die Frau Jautz versicherte, kein Bier mehr zu trinken, weil sie zu dick davon werde, die Wirtin versicherte: »Unser Bier is ein Bier, das nicht dick macht«, und der Herr Jautz versicherte: »Der wahren Schönheit tut die Dicken nix«, bis die Frau Jautz sich seufzend entschloß, heute noch beim Bier zu bleiben, »weil's schon da ist«, aber ganz gewiß zum allerletztenmal. Und die Kellnerin wußte, daß die Frau Jautz jetzt ruhig ihre fünf Krügeln trank.

»Nein, Hauschka, er ist noch gar nicht da«, rief Frau Hauschka dem Salinendirektor zu, außer Atem und sichtlich erleichtert. Der Direktor trat ein, mit einer altväterisch umständlichen Artigkeit jeden einzelnen begrüßend. Seine Frau sagte, noch immer atemlos: »Wir sind so gelaufen.« Er sagte: »Es wäre doch peinlich gewesen, später zu kommen als der Herr Bezirkshauptmann. Das erstemal müssen wir ihm doch die Honneurs machen. Ist er erst eingewöhnt und sozusagen der Unsere geworden, so braucht man's dann vielleicht nicht mehr so genau zu nehmen. Aber ich bin doch recht froh. Es wäre sehr peinlich gewesen.« Er legte sorgsam den Zylinderhut ab, stellte den Stock mit dem großen goldenen Knopf weg und setzte sich.

»Nun, Hauschka, was wirst du wählen?« fragte Frau Hauschka, ihm die Karte reichend. Jautz schloß ein Auge und blinzelte die Wirtin an. Sie wußten, daß, nachdem die ganze Karte abgesucht worden war, Frau Hauschka ja doch wieder erklärte, daß ihr heute eigentlich nicht ganz besonders im Magen und es doch eigentlich besser sei, zusammen zwei weiche Eier zu nehmen. Deshalb sagte Jautz: »Folgen's mir, Frau Bergrätin, und lassen Sie sich eine Poularde machen, mit Spargel! Heuer hat sie einen Spargel, die Frau Wirtin, da kann man ganz elegisch werden! No, sie laßt sich ihn ja auch zahlen danach!«

»Aber Flori«, sagte die Frau Jautz.

»No, no!« sagte die Frau Wirtin.

»Abends ist Spargel doch etwas schwer verdaulich, meinst du nicht, Hauschka?« sagte die Frau Hauschka besorgt.

»Wie du willst«, sagte der Bergrat ergeben. »Ganz wie du glaubst. Mir bringen's halt ein Achtel Weißen.«

»Ich trink mit meinem Mann«, sagte die Bergrätin zur Kellnerin, die es schon wußte.

»Gut'n Abend allerseits! Küß die Hand, Frau Bergrätin! Küß d'Hand, Frau Jautz«, schrie das lustige Fräulein Öhacker, schoß auf die Wirtin los, packte sie, hopste mit ihr durch das Zimmer und sang: »Grüaß enk Gott, alle miteinander! Alle miteinander, grüaß enk Gott!« Aber plötzlich ließ sie die Wirtin und sank zurück, in einen Stuhl, mit leerem Lachen, die Hand auf dem Herzen. Während die Wirtin schnaufend schalt, sagte Jautz: »Segn's es, segn's es, Fräul'n Theres! Ein bißl vorsichtig mit den Hupferln! Das hochverehrte Herzerl hupft sonst mit.« Die Bergrätin sagte gekränkt: »Aber Fräul'n Theres! Müssen's denn in einem fort tanzen? Man darf doch nichts übertreiben!« Schon aber sprang das heftige Mädchen lachend wieder auf und rief: »Freilich muß ich, Frau Bergrätin! Wann i nimmer tanzen und spring'n soll, mag i überhaupt net mehr. Und mei Herzerl kann mich gern hab'n!« Herr Jautz sagte: »Lieber wär's mir, es hätt mich gern!« Der Bergrat legte seine Hand auf die der mißbilligenden Gattin. Fräulein Theres sagte, den Apotheker anblinzelnd: »Weiß man's denn?« Frau Jautz sagte mit ihrer tiefen, immer gleichsam erst aus einem Traum erwachenden Stimme: »Aber Flori!«

»Ha, der hohe Stil kommt«, schrie der Apotheker und verneigte sich tief vor dem Postverwalter. »Haben sicher eine Ode mitgebracht, Herr Verwalter? Ode an den neuen Bezirkshauptmann, dargebracht von einer hoffnungsvollen Bevölkerung! O, wie wird da das ganze Land die Ohren spitzen, wenn der Herr Verwalter wieder einmal zur Leier greift!«

»Fangen's nicht wieder gleich mit Ihren Dummheiten an«, sagte der Herr Postverwalter Wiesinger unwirsch. »Festpoem gehört schon Ihnen! Das könnten's jetzt schon wissen, daß ich das Ihnen überlasse. Neidlos, Herr Apotheker! Neidlos!« Und mit Daumen und Zeigefinger die Brille andrückend, sagte er heftig zu seiner Frau: »No, wirst jetzt endlich einmal was zum Essen bestell'n oder nicht?«

Frau Gerty Wiesinger sagte feindselig: »Ich werd mir doch vielleicht zuerst die Jack'n ausziehn dürfen? Ja, vielleicht!« Und sie wendete sich an den Apotheker: »Gehn's, Herr Jautz, helfen Sie mir ein bißl. Sie sind ja galant!«

Herr Jautz sprang herbei. »O, welch ein Himmelsglück für einen schlichten Dichter aus dem gemeinen Volk, dem hohen Stile dienen zu dürfen!« Er half ihr umständlich aus der Jacke, bis seine Frau sagte: »Aber Flori!«

Der Postverwalter, seinen Siegelring drehend, sagte mit Erbitterung: »Ja, ja, Frau Bergrätin! Es ist schon so. Stimmung braucht der Künstler. No ja. No ja.«

Die Bergrätin schmiegte sich dicht an den Bergrat und sagte: »Schau nur, Hauschka, schau! Ist es nicht wirklich zu wunderbar?«

Der Bergrat sagte, indem er seine Hand auf ihre legte, lächelnd: »Sehen Sie, Herr Verwalter, sie kann sich noch immer gar nicht fassen, wie sehr Sie dem Schubert gleichen.«

»Was nützt mir das?« sagte Wiesinger in seinem Groll. Aber es tat ihm doch wohl. Und freundlicher setzte er hinzu: »Ich höre das allgemein. Selbst kann man ja so was nicht beurteilen.« Und er neigte sich ein wenig zur Seite, um in den Spiegel zu sehen. Indessen bestellte seine Frau. Er ärgerte sich wieder und sagte: »Der ewige Niernbrat'n wachst mir schon zum Hals heraus. Und vielleicht wieder Gurkensalat dazu?« Seine Frau sagte: »Natürlich Gurkensalat! Was denn sonst?« Er sagte: »Weil mir Saures schadet.« Sie sagte: »Du bild'st dir ein, daß dir alles schadet.« Er sagte, die Lippen verkneifend, indem er seine Gattin ansah: »Ja, das alles schadet mir.« Und dann noch resigniert »No ja. No ja. In seinem Inneren muß der Mensch seinen Halt finden.« Die Bergrätin stimmte ihm nickend zu: »Was haben dagegen die kleinen Nadelstiche des Lebens zu bedeuten?«

Fräulein Theres lachte: »Jetzt, wozu heiraten die Leut?«

»Net wahr,« sagte der Apotheker, »wo man's doch eigentlich gar nicht nötig hat, Fräul'n Theres. Net wahr?« Er zwinkerte ihr listig zu. Sie sagte herausfordernd: »Hat man auch nicht! Gott sei Dank!« Die Frau Apotheker sagte: »Aber Flori!« Und sie trank erregt ihr Bier aus.

Draußen hörte man den gröhlenden Bezirksrichter wettern. »G'schwind, Kathi, g'schwind, i hab an Durscht! Und dann bringst mir a Knackwurst und nacher an Bauernkas! Aber g'schwind, lauf a bißl, sonst kannst ane derwisch'n! I hab an Durscht!« Er trat ein, hielt in der Türe und zog fluchend seine Hose herauf, den Riemen zuschnallend. Dann schrie er: »Alsdann, alsdann, vorwärts! Die Kart'n her! Auf was wart ma denn?« Er ging auf den kleinen Tisch zu, setzte sich und riß den Kragen auf, ließ seinen großen Kropf heraus und brummte nur, während die anderen grüßten: »Gut'n Abend! Getrascht werd'ts euch schon g'nug hab'n! Also gehn ma's an!« Er leerte das Glas auf einen Zug und hielt es mit ausgestreckter Hand der Kellnerin hin. »Aber g'schwind ein bißl! Tumm'l di, Kath'l! Sei nöt so fußfaul!«

Die Wirtin brachte die Karten. »Wo bleibt denn der Lackner, Vater?« fragte Fräulein Theres. Der Bezirksrichter schrie: »Was geht denn mi der Lackner an? Des wirst wohl selber besser wissen, wo der Lackner is! I hab' d'an nöt vasteckt!« Alle lachten. Fräulein Theres sagte fröhlich: »Mein Gott, in an Schachterl kann ich ihn a net bei mir trag'n, Vater!« Der Bergrat legte seine Hand auf die der mißbilligenden Gattin. Sie schmiegte sich an ihn und sagte nur leise: »Muß denn das aber immer so vor aller Welt aufgetischt werden?« Der Bezirksrichter schlug auf den Tisch und schrie: »Alsdann, alsdann, anfangen! Schad um die Zeit! Vorwärts, Herr Bergrat, vorwärts, Jautz, gengan ma's an!« Er mischte schon.

Der Bergrat fragte beklommen: »Sollten wir denn nicht aber doch –? Meinen Sie nicht auch, Herr Bezirksrichter, daß –?«

»Was?« schrie Öhacker wütend.

»Eigentlich ist es ja wahr, Herr Bezirksrichter«, versicherte Jautz ängstlich.

»Natürlich gehört sich's«, sagte Wiesinger gereizt, die Brille andrückend.

»Was?« brüllte der Bezirksrichter.

»Ich meine ja nur«, sagte der friedliche Bergrat. »Und es kann sich ja auch bloß um ein paar Minuten handeln, nicht? Wir meinen ja nur, Herr Bezirksrichter!«

»Was? Himmelherrgottsakra!« Der Bezirksrichter schlug mit der haarigen Faust auf den Tisch.

»Teufel, Teufel, Teufel!« sagte Fräulein Theres, dem Vater nachspottend.

Der Apotheker winkte dem Bergrat mit den Händen ermutigend zu, es doch zu sagen.

Der Bergrat sagte: »Wir könnten wirklich die paar Minuten noch warten, Herr Bezirksrichter, bis er kommt.«

»Wer?« schrie der Bezirksrichter.

»Wenn er kommt«, sagte der Apotheker listig.

»Wer?« schrie der Bezirksrichter.

»O Gott, o Gott!« stöhnte Wiesinger und rieb sich ungeduldig den Kopf.

»Aber Vater!« sagte Fräulein Theres. »Der neue Bezirkshauptmann hat versprochen, daß er kommt. Da gehört sich's wirklich, daß man wartet.«

»Mein ich auch«, bestätigte Jautz.

»Himmelherrgottsakra«, schrie der Bezirksrichter. »Jetzt wird's ma aber wirklich zu dumm! I nöt! I wart nöt! Stoantoifl übereinand, i pfeiff auf euern neichen Bezirkshauptmann! Was geht denn mi der Bezirkshauptmann an? Seit wann denn? I bin ein unabhängiger Richter! Mich geht der Bezirkshauptmann an Dreck an! Das is eh noch das einzige, was ma hat! Ich bin ein unabhängiger Richter!« Und er schlug auf den Tisch und wiederholte: »An Dreck! So weit is doch mit uns no net! Mich geht der Bezirkshauptmann an Dreck an!«

Die Bergrätin klammerte sich an ihren stillen Mann und fragte leise: »Warum muß er denn immer so schreien?«

Wiesinger zuckte nervös. »Lange,« sagte er leise, »lange werd ich mir das nicht mehr gefallen lassen. Man wird ja verrückt!« Seine Frau sagte feindlich: »Warum denn? Er hat ja ganz recht, der Herr Bezirksrichter! Er wehrt sich wenigstens, weil er kein Latsch ist. Ganz recht hat er. Ganz recht!« Wiesinger fragte gereizt: »Wer ist ein Latsch? Wer denn?« Sie sagte: »Der Herr Bezirksrichter ist kein Latsch. Weiter hab ich ja nix g'sagt.« Der Apotheker machte heimlich: »Kss, kss!«

»Himmelherrgottsakra!« Der Bezirksrichter sprang auf. »I geh überhaupt! I weiß mir eine andere G'sellschaft! Was werd ich mich denn ärgern lassen von euch? Sucht's euch ein andern!«

»Aber Herr Bezirksrichter«, sagte die Wirtin besänftigend. »Wer wird denn gleich so gach sein? War net übel!« Und sie rief zur Kellnerin hinaus: »Kathi, hol den Enzian herauf! Werden seg'n, Herr Bezirksrichter, ein Stamperl Enzian richt't Ihnen 's Blut wieder ein.«

»Und der Lackner?« schrie der Bezirksrichter plötzlich mit neuer Wut. »Wo is denn der Lackner? Der möcht sich natürlich wieder drücken. Und nacher lacht er oan dann aus! Der glaubt, weil er oan Hofrat zum Onkel hat, daß er alles derf! Theres! Wo is der Lackner?« Und er ließ seinen Zorn am Enzian aus.

»Was weiß denn ich?« sagte Fräulein Theres mit trotzigen Lippen.

»Natürlich, du weißt nie was!« Der Bezirksrichter trat vor sie hin, maß sie drohend und sagte zornig: »I aber, i weiß mehr, mei liebes Kind, mehr, als du glaubst! Merk der das nur!« Und er zog sich zum Enzian zurück. Die Tochter lachte.

Der Bergrat stand auf und sagte mit seiner sanften, immer gleichsam um Erlaubnis bittenden Stimme: »Sie haben uns mißverstanden, Herr Bezirksrichter! Wir meinten ja nur, es war ja nur ein Vorschlag. Da Sie aber nicht unserer Meinung sind, wie es scheint, sind wir mit Freuden bereit, das Spielchen zu beginnen.« Er nahm sein Glas, um es zum kleinen Tisch zu tragen, indem er seiner Frau den Arm bot.

»Natürlich«, stimmte der Apotheker zu und stand auf, um ebenfalls an den anderen Tisch zu gehen.

Der Bezirksrichter aber, die Beine gespreizt, die Hände auf dem Rücken, zog die breiten Schultern herauf und stemmte den Kopf vor. Und tief aus dem Kropf ächzend, sagte er höhnisch: »A freilich! Na, na, meine Herrn, so dumm sin mer nicht! A freilich! Daß ihr dann sag'n könnt's, ihr hätt's ja gern gewartet, bis der Herr Bezirkshauptmann gekommen wär, aber der Bezirksrichter hat nöt warten wollen, und so war der Bezirksrichter wieder einmal das Luder, auf das ihr euch ausreden möcht's, und der Bezirksrichter hätt wieder die ganze Schuld, und ihr möcht's den Bezirksrichter gleich am ersten Tag wieder beim neuen Herrn Bezirkshauptmann verzünden, daß gleich wieder die Feindschaft fertig wär? Natürlich! Und ich wieder 's Bad ausgießen könnt! Und ihm möcht's ihr erzähl'n, was ich über ihn gesagt hätt, und mir möcht's ihr erzähl'n, was er über mich g'sagt hätt, bis einer wieder auf den andern dann fuchsteufelswild aufgehetzt war! Natürlich! Das war euch recht! Na, na, meine Herrn! Wann der Öhacker auch ein alter B'suff is, so dumm, wie ihr gern möcht's, ist der Öhacker noch lang nöt! Na, na, meine Herrn, warten mer nur schön, wir haben ja Zeit.« Er setzte sich, lachte vergnügt und nahm die Tagespost von der Wand.

Der Bergrat stand noch immer, das Glas in der Hand, seine Frau am Arm. »Ich möchte doch nicht verfehlen,« sagte er, »ausdrücklich zu betonen, daß da irgendein Mißverständnis sein muß. Derlei unfreundliche Absichten liegen doch gewiß uns allen fern. Und ich kann nicht umhin, mich eigentlich zu wundern, daß Sie uns noch nicht besser kennen, Herr Bezirksrichter!«

»No, wer keinen Floh hat, braucht sich ja nicht zu kratzen«, sagte Öhacker.

Der Bergrat ging an den langen Tisch zurück. Seine Frau ergriff seine Hand, drückte sie und sagte leise: »Sehr gut! Taktvoll und würdig! Nun wird er es sich wohl gesagt sein lassen.« Der Bergrat lächelte.

Auch der Apotheker kam an den Tisch zurück. Er hob sein Glas und sprach:

»Ist der Herr Rat
Auch meistens stad,
Wenn er einmal spricht,
So hat's Gewicht.«

Und er schwang das Glas und rief: »Hoch der Herr Bergrat und Salinendirektor Alois Hauschka, hoch!« Alle stimmten stürmisch ein. Wiesinger hielt sich die Ohren zu. Frau Wiesinger stieß mit dem Apotheker an und intonierte: »Hoch soll er leben, hoch soll er leben, dreimal hoch!« Alle sangen mit. Der Bergrat wehrte gerührt ab: »Nein, nein, das verdiene ich ja gar nicht.« Die Bergrätin sagte leise: »0 doch, Hauschka!« Jautz lief an den kleinen Tisch, stieß mit dem Bezirksrichter an und sagte leise: »Nix für ungut! Dem alten Herrn macht's a Freud.« Der Bezirksrichter gröhlte: »Ein Schlankl! Sie san ein Schlankl!« Der Apotheker kam zu den anderen zurück, verbeugte sich feierlich gegen Wiesinger und sagte: »Darf ich mir erlauben, Herr Verwalter? Einen Halben ganz speziell!«

»Ich hab Kopfweh«, sagte Wiesinger.

»Wennst Kopfweh hast,« sagte Frau Wiesinger, »so bleib ein anderes Mal z' Haus.«

»Gern«, sagte Wiesinger.

»No also«, sagte Frau Wiesinger.

»Und du?« fragte er.

»Ich brauch ja dich nicht, ich find ja auch allein her«, sagte sie.

»Das wär dir recht!« sagte er.

»Warum wär mir das recht?« fragte sie gereizt.

»Daß du dann überall über mich klagen und jammern könnst!« sagte er höhnisch.

»Gott, wenn ich das wollt,« sagte sie, »dazu möcht's mir nicht fehlen.«

Jautz, auf die beiden zeigend, reimte:

»O wie wunderschön,
Hier der Ehe
Wohl und Wehe
An dem Tisch zu seh'n!«

Wiesinger sprang auf. »Wenn Sie jetzt nicht bald aufhören, Herr Jautz, geh ich! Ich hab's satt!«

Öhacker lachte. »Will schon wieder einer gehn! Heut is lustig.«

Jautz fragte scheinheilig: »Ja, was denn, was denn, was is denn geschehn?«

Frau Hauschka sagte: »Aber, Herr Verwalter, man macht doch nur ein Späßchen.« Und ihren Gatten fragte sie leise: »Warum muß er denn gleich so gereizt sein?«

Hauschka sagte lächelnd: »Genus irritabile vatum.«

Fräulein Theres sagte lachend: »Immer müssen die zwei Dichter raufen.«

Der Postverwalter Leopold Wiesinger setzte sich wieder, rückte seine Brille und sagte: »Sehr verehrtes Fräulein Theres! Sie irren sich. Ich bin kein Dichter. Ich bin lange schon kein Dichter mehr. Und der hiesige Dichter ist jedenfalls der Herr Jautz. Und der Herr Jautz ganz allein.«

Frau Jautz wurde rot. Herr Jautz sagte: »Aber, aber!« Alle murmelten: »Aber, aber, Herr Verwalter!« Der Bezirksrichter rief: »Er muß es ja wissen!« Die Wirtin sagte: »Warum denn gleich so ungemütlich werden, Herr Verwalter!« Wiesinger fuhr fort, mit gesenktem Kopf, in sein Glas hineinredend, an das er leise mit dem Siegelring anschlug: »Der Herr Bezirksrichter hat ganz recht, ich muß es ja wissen. Nein, ich bin kein Dichter. Ich war vielleicht einmal ein Dichter. Damals, wie ich das Stück geschrieben hab, als junger Mensch in Wien. Das Stück ist ja durchgefallen, und doch glaub ich heute noch, daß ich damals ein Dichter war. Das Stück mag schlecht gewesen sein, ich aber war ein Dichter. Aber das ist lange her, das ist mehr als zehn Jahre her, ich war noch ein ganz junger Mensch, ich war auch noch nicht verheiratet. Damals war ich ein Dichter. Aber jetzt bin ich schon an die sieben Jahr hier, und es geht schon ins elfte Jahr, daß ich verheiratet bin, und ich bin längst kein Dichter mehr. Pardon, einen Augenblick!« Er stand plötzlich auf und ging rasch hinaus.

»Was hat er denn?« fragte der Apotheker neugierig.

»Und so macht er mir's jetzt immer«, sagte Frau Wiesinger fast weinend. »Ich kann doch nichts dafür.«

»Nun,« sagte der Bergrat beschwichtigend, »das wird sich alles wieder geben, bis erst das neue Werk fertig ist! Was macht es denn, Frau Verwalter? Was macht denn der Firdusi?«

»Frag'ns mich lieber gar nicht, Herr Bergrat«, klagte Frau Wiesinger. »Ich hab ja gleich an die indische G'schicht net geglaubt. Aber er will halt immer zu hoch hinaus! Das ist es. Dann aber bin ich an allem schuld.«

»Er soll lieber acht geben,« sagte der Bezirksrichter, »daß die Brief ordentlich ausgehoben werden! Es ist ja eine Schand bei uns.«

»No, no, Herr Bezirksrichter«, sagte der Apotheker stolz. »Die Kunst ist auch nicht zu verachten. Von Zeit zu Zeit!«

»Sein Unglück ist halt,« sagte Fräulein Theres, »er paßt nicht her.«

»Paß denn ich her?« fragte Frau Wiesinger erbittert. »Gott, wenn ich denk!«

»Wer paßt denn her?« sagte der Bergrat, leise lächelnd.

»Aber man darf halt nicht so unbescheiden sein«, sagte die Bergrätin, ängstlich warnend.

»Er hätt in Wien bleiben sollen«, sagte Fräulein Theres.

»No und in Wien?« schrie der Bezirksrichter. »Was war denn in Wien? Is ihm leicht in Wien besser gangen? Auspfiffen hab'ns ihn! Hast nöt g'hört? Er hats ja selber g'sagt!«

»Das macht nix«, sagte Fräulein Theres. »Das versteht der Vater nicht. In Wien auspfiffen werden, was möcht da nicht mancher alles dafür geben. Denn der Vater muß denken: wenn einer in Wien nix is, is er schon was, aber wenn einer bei uns was is, is er noch lang nix, das ist der Unterschied.«

»Ja beim Bäck'n!« sagte der Bezirksrichter.

Der Apotheker fing unmäßig zu lachen an. »Das gibt sie gut, die Fräul'n Theres, das gibt sie gut! Aber wahr is es! Es is ja wirklich wahr!« Er wurde ganz ernst und sagte seufzend: »Da kann einer hier bei uns das Höchste leisten, es zählt nicht mit, er kommt nicht auf. Wer aber in Wien sitzt, der hat's leicht.«

Die Frau Apotheker erschrak; sah mit Entsetzen ihren Mann an und raffte sich auf, einen ganzen Satz zu sagen. »Ich möchte mich bedanken. Was man wenigstens so hört über Wien! Es sollen schreckliche Zustände sein.« Und heftig fügte sie hinzu, indem sie ganz rot wurde: »Und was willst denn überhaupt? Wir haben's hier doch ganz schön! Was geht dir denn ab?«

»Nicht wahr,« sagte der Bergrat, »es kann überall ganz schön sein, wenn man nur zufrieden ist.«

»Ich red ja nicht von mir!« beteuerte der Apotheker. »Ja, wer ein solches Weiberl hat, wie ich! Nein, der braucht sich, meiner Seel, nichts mehr zu wünschen! Aber Schatzerl, schau! Es können halt nicht alle mit dir verheirat sein! Und i glaub, du möchst es selber nit. Oder möchst? Schau, schau, schau!«

Die Frau Apotheker sagte, sehr glücklich: »Aber Flori!« Und sie vertiefte sich wieder in ihr Bier.

Wiesinger kam zurück. Weil er sich schämte, fing er eifrig zu reden an. »No, der Herr Bezirkshauptmann laßt auf sich warten, Das erstemal kann man schon ein bißl pünktlicher sein. Es wär jetzt Zeit, daß er kommt.«

»Wenn er kommt«, sagte der Apotheker, listig.

»Gut Ding braucht Weile«, sagte Fräulein Theres spöttisch.

»Er wird schon kommen«, sagte der Bergrat.

»Wenn er kommt«, wiederholte der Apotheker.

Der Bezirksrichter brüllte: »Was sagen's denn immer: Wenn er kommt?« Er äffte hämisch den listigen Ton des Apothekers nach, das Gesicht verziehend: »Wenn er kommt, wenn er kommt! Was meinen's denn damit? Oder wissen's leicht was, Jautz?«

Der Apotheker machte ein schlaues Gesicht und sagte:

»Ich sag nichts als dieses,
Man weiß nichts Gewisses.«

Und er lachte boshaft in sich hinein und rieb sich die Hände: »Und ich glaub's halt noch nicht, ich glaub's nicht, ich glaub's nicht, ich glaub's nicht.«

»Himmelherrgottsakra! Warum denn net?« schrie der Bezirksrichter.

Der Bergrat sagte: »Ich würde mich hauptsächlich deshalb freuen, wenn er käme, weil das doch ein kleiner Dämpfer für die zwei jungen Herren wäre, für den Grafen und den kleinen Baron, die sich zu gut sind, mit den Honoratioren des Orts zu verkehren.«

»Aber auf der Gassen steigen's einem nach«, sagte Frau Wiesinger.

»Ja, das können's«, sagte Fräulein Theres, vergnügt.

»Wer steigt dir nach?« sagte Wiesinger, schon wieder gereizt.

Der Apotheker beeilte sich zu vermitteln: »Da können's doch nichts machen, Herr Verwalter! Nachsteigen is ja nicht verboten. Das gehört zu den Menschenrechten.«

Die Bergrätin sagte: »Es wäre schon eine große Auszeichnung für uns alle, wenn er käm.«

»Also jetzt«, brüllte der Bezirksrichter, hielt aber plötzlich ein, mit einem wütenden Blick auf die Bergrätin und trank, in den Bart fluchend, sein Krügel aus. Dann, das Krügel noch in der Hand, wie ein Wurfgeschoß, fragte er, indem er sich zwang, seine Stimme ganz freundlich zu machen: »Alsdann, jetzt sagen's mir bloß gefälligst, verehrteste Frau Bergrätin, wo da die große Auszeichnung für uns sein soll! Sie tun ja rein, Frau Bergrätin, als ob unsere ganze G'sellschaft hier der Niemand wär!« Er stieß das Krügel auf den Tisch. »Himmelherrgottsakra, da möcht ma ja wirklich –!«

»So war es doch garnicht gemeint«, sagte der Bergrat, seine ängstliche Gattin haltend.

»Und wer bin denn nacher i?« schrie der Bezirksrichter. »Ein unabhängiger Richter, dös is gar nix? Schöne Zeiten, das muß man sagen, weit ham mer's bracht! Auf'n unabhängigen Richter wird pfiffen, natürli, wer braucht denn den noch? Aber so ein Barondl, so ein Jesuitenbuberl, mit allen Salben eing'schmiert und mit allen Ludereien abg'schmalzt, so a Windhund, wie das wieder sein wird, so a Radltreter und Tennixhupfer –«

»Nis, Vater!« sagte Fräulein Theres. »Nis.«

»Was denn, was denn?« heulte der Bezirksrichter, außer sich über die Störung.

Fräulein Theres wiederholte: »Nis, Vater! Nis!«

Der Bezirksrichter zog die Runzeln an der Stirne zusammen, krampfhaft blickend, und schrie: »Bist überg'schnappt, Madl, oder –? Was denn: Nis?«

»Nis, nicht nix«, sagte Fräulein Theres. »Tennis heißt's, nicht Tennix. Daß sich der Vater das halt nicht merken kann!«

»Deswegen!« sagte der Bezirksrichter erleichtert.

»Nix oder nis, das ändert an der Sache nix. I sag Tennix.« Nachdem er ausgetrunken und sich eine Weile besonnen hatte, fragte er mißtrauisch: »Sagt ma wirklich Tennis?«

»Tennis sagt man,« bestätigte der Apotheker, »Tennis!«

»Natürlich Tennis«, sagte Wiesinger ungeduldig und fuhr sich nervös durch die Haare.

»Tennis«, sagte der Bergrat, als ob er es nur in Vorschlag bringen wollte.

»Merkwürdig!« sagte der Bezirksrichter nachdenklich. »Ich kenn mich mit die neumodischen Sachen nöt aus. Und i brauch se ja nöt!« Er fing plötzlich wieder zu brüllen an. »I brauch de neumodischen Sachen nöt! Is's so lang gangen, wird's die paar Jahrln a no ohne sie gehn, dös möcht i do segn! Und darum brauch i a kan neumodischen Bezirkshauptmann nöt! Himmelherrgottsakra, er soll mer nur kommen, er soll's nur probier'n, dös möcht i do segn! So ein g'schleckts Bürscherl, das noch hinter die Ohr'n nöt trocken is, von derer ablechtigen Rass, die kaum schnappen kann, als ob ein jed's 's Hinfallende hätt – komm nur her, Freunderl, wannst hageln magst!«

»Warum ist er denn so bös auf den Bezirkshauptmann?« fragte die Bergrätin den Bergrat beklommen.

»Aber ein schöner Mensch is er«, sagte Fräulein Theres.

»Ein schöner Mensch«, bestätigte der Apotheker.

»Ich hab ihn noch gar nicht geseh'n«, sagte die Wirtin.

»O, ein wunderschöner Mensch is er«, sagte Frau Wiesinger, sehr lebhaft und als ob es ein Vorwurf gegen ihren Mann wäre.

»Natürli!« höhnte der Bezirksrichter. »Das g'hört zum G'schäft! Das is jetzt Vorschrift!«

»Ein unabhängiger Richter hat das nicht nötig«, sagte der Apotheker, aber nur ganz leise seiner Frau ins Ohr, die, durch seinen Witz verblüfft, ganz erschrocken antwortete: »Aber Flori!«

Da rief Fräulein Theres, durchs Fenster blickend: »Da kommt er schon! Mit dem Lackner!«

Alle schwiegen, nach der Türe blickend. Nur der Bezirksrichter sagte, den listigen Ton des Apothekers nachäffend: »Wenn er kommt! No, Apotheker? Was is denn? Wenn er kommt! Ja, jetzt verschlägt's ihm die Red!«

»Meine Herrschaften!« sagte Furnian, mit einer knappen Verbeugung. »Vor allem muß ich um Entschuldigung bitten, wenn ich ein bißl später komm, es tut mir sehr leid, aber ich kann wirklich nix dafür, es ist n' Herrn Doktor Lackner seine Schuld, wir haben uns begegnet und dann hab'n wir uns ein bißl verplauscht und dann hat er noch erst nach Haus müssen, seinen Foxl abholen. Also das geht doch natürlich vor, nicht?« Er sah lächelnd herum. Alle lächelten wieder. Der Doktor Lackner begann vorzustellen. Aber Furnian sagte gleich: »Aber ich bitte die Herrschaften, sich ja nicht zu inkommodieren! Ich wäre untröstlich.« Als er den Damen vorgestellt wurde, sagte er: »Da fühlt man sich ja mit einem Schlag in die Großstadt versetzt, wenn man die Toiletten der verehrten Damen sieht!« Und zur Frau Jautz: »Sie sind doch gewiß eine Wienerin, gnädige Frau!« Frau Jautz sagte, schnaufend: »Nein, ich bin von hier, Herr Bezirkshauptmann!« Furnian sagte, bewundernd: »Nicht möglich!« Der Apotheker sagte stolz zu seiner Frau: »Sixt es, sixt es! Und der Herr Bezirkshauptmann ist gewiß ein Kenner!« Frau Wiesinger meldete sich: »Ich, Herr Bezirkshauptmann, bin eine Wienerin.« Zum Apotheker sagte Furnian: »An mir werden Sie eine gute Kundschaft haben. Denn Sie haben sicher den besten Kognak.« Zu Wiesinger bedeutungsvoll: »Der Doktor Lackner hat mir schon erzählt, Herr Verwalter! Firdusi! Wacker, wacker!« Er verneigte sich vor dem Fräulein Theres und küßte der Bergrätin die Hand, dann ging er auf Öhacker zu und sagte: »Ja, mein lieber Herr Bezirksrichter, mit mir werden's einen schweren Stand haben, das sag ich Ihnen gleich! Wir werden leicht einmal zusammenwachsen, wann's nicht sehr aufpassen, Herr Bezirksrichter! Nämlich –«

Öhacker schob seinen Kropf vor. »Bitte, bitte, i fürcht mi nöt so leicht, Herr Bezirkshauptmann.«

»Nämlich,« sagte Furnian lustig, »nämlich im Tarok! Da muß einer schon von guten Eltern sein, der's mit mir aufnimmt! Also nehmen Sie sich zusammen, Herr Bezirksrichter!«

Öhacker gröhlte vergnügt. »Können wir ja gleich einmal probier'n! Da bin i doch neugierig! Fixsakra, das möcht i segn! Also vorwärts, g'schwind! Kathl, a Bier für'n Herrn Bezirkshauptmann! Kommen's, Herr Bergrat! Und, Jautz, wann Sie wieder's Maul nöt halten können beim Kibitzen, lassen wir Ihnen arretieren! Nöt, Herr Bezirkshauptmann? Wann die Bezirkshauptmannschaft und's Bezirksgericht einig sind, da gibt's nix, mei lieber Jautz!«

Während sie sich setzten, fragte Furnian: »Is's denn wahr, Frau Wirtin, daß Sie noch den Stelzhamer gekannt haben?«

»Freili, Herr Bezirkshauptmann«, sagte die Wirtin, und ihr großes altes Gesicht wurde vor Vergnügen ganz hell.

Jautz sagte eilig: »Wir haben auch jeden Winter ein paarmal einen Stelzhamerabend hier, Herr Bezirkshauptmann! Da müssen's die Frau Wirtin hör'n, wann's singt! Ich sing auch!«

»Ja, wo denn das?« fragte Furnian die Wirtin. »Wann denn das? Das müssen Sie mir erzählen, Frau Riederer! Setzen's Ihnen doch her!«

»Mit Verlaub«, sagte die Wirtin und schob einen Stuhl her.

»Also spüln ma oder spüln ma nöt?« fragte der Bezirksrichter, gereizt.

»Natürlich spielen wir«, sagte Furnian, die Karten mischend. »Heben's ab! Man spielt ja nicht mit den Ohrwaschln. Da kann man ganz gut dazu noch eine interessante Geschichte anhör'n.«

»Es wird sich ja zeig'n, mit was Sie spüln«, sagte der Bezirksrichter. »Einen Dreier!«

»Einen Untern«, sagte Furnian.

»Selbst«, schrie Öhacker.

»Und der Herr Bergrat rührt sich gar nicht?« fragte Furnian.

»Der Herr Bergrat rührt sich nie«, sagte Öhacker. »Das is er von zu Haus nöt g'wohnt.«

»Muß er denn schon wieder anfangen?« fragte die Bergrätin leise den Bergrat, zu dem sie sich gesetzt hatte. »Einen Dreifachen«, sagte Furnian. »Sans g'scheit, Herr Bezirksrichter!«

»Selbst«, schrie der Bezirksrichter wütend, »I werd Ihnen an Narr'n mach'n und g'scheit sein! No also, was is?«

»Nix is,« sagte Furnian, »decken's nur zuerst den Talon auf!«

»Himmelherrgottsakra!« schrie der Bezirksrichter, aufdeckend. »Wann Sie so eine Sau hab'n!«

»Immer«, sagte Furnian. »Das müssen's Ihnen überhaupt merken, Herr Bezirksrichter.«

»Fixsakra, Hundssakra, wann ma a so a Dreckblattl kauft, a mistiges, a so a Malefizluader, daß ma net amal waß, was ma leg'n soll!« fluchte der Bezirksrichter, stöhnend.

»Also los«, sagte Furnian.

»Also warten's noch an Augenblick«, schrie der Bezirksrichter. »Der Mensch muß doch ordentlich legen! Oder habt's Ihr jetzt vielleicht auch im Tarok schon ein neuches System?«

»Mit Ihnen,« sagte Furnian, »werden wir nach dem alten auch noch fertig werden!«

»Liegt«, sagte Öhacker.

»Liegt?« sagte Furnian. »Also dann, verehrtester Herr Bezirksrichter, werde ich mir erlauben, zur Einleitung einer näheren Bekanntschaft ein ganz ergebenes, höchst bescheidenes, ehrfurchtsvolles kleines Kontra anzusagen.«

»Ei, ei«, sagte der Bergrat.

»Fixsakra!« wütete der Bezirksrichter. »Jetzt, Herr Bergrat, könnten's wirklich schon einmal wissen, daß ich das nöt vertrag! Wann ans Kontra sag, da kann man nix mach'n, alsdann das is sei Recht! Aber ei, ei, das is gar nix, das halt nur auf! Wann ein jeder ei, ei sag'n möcht!« Und er wiederholte noch, den Bergrat nachäffend: »Ei, ei! Ei, ei!«

»Wir werden uns schon rächen, Herr Bergrat!« sagte Furnian. »Und, Frau Wirtin, fangen's nur ungeniert an! Ich freue mich sehr auf Ihre G'schicht, ich hab schon allerhand gehört.«

»Wenn der Herr Bezirksrichter nix dawider hat!« sagte die Wirtin, ein wenig ängstlich.

»Das is ein öffentliches Lokal,« schrie der Bezirksrichter, »und in an öffentlichen Lokal kann i kan's Maul verbind'n!«

»Nicht wahr?« sagte Furnian. »Also fangen's nur an, Frau Wirtin, wenn Sie schon sehen, wie der Herr Bezirksrichter auch darauf spitzt.«

Und die Frau Wirtin, die Hand an der Lehne des Stuhls, auf dem der Bezirkshauptmann saß, fing zu erzählen an. Erst noch ein wenig ängstlich, immer wieder nach dem wütigen Öhacker blinzelnd, auch anfangs recht verschämt, immer wieder versichernd, daß sie ja damals, dreiundvierzig Jahre sind's her, noch ein ganz ein kleines dummes Mädl war, eigentlich noch ein Kind; und an der ganzen G'schicht is ja auch gar net so viel, als nur, daß man halt daran wieder einmal sieht, was doch der Stelzhamer für ein lieber Mensch gewesen ist. Nach und nach aber immer eifriger, immer herzlicher und allmählich, die Hand an der Lehne des Stuhls, ihr großes altes Gesicht gesenkt, alles um sich vergessend. Von ihrer Kindheit zuerst, in Ebensee drüben; ihr Vater war der Inspektor Hafferl bei der Saline. Und wie sie ein rechter Teufel gewesen und ein narrisches Ding, schon von klein auf, ein großes Kreuz für die Eltern; und von Jahr zu Jahr immer nur ärger, gar wie sie dann angefangen hat, so schrecklich viel zu lesen, in Kalendern und Romanbücheln und was sie nur erwischt hat, Kraut und Rüben durcheinander, bis ihr dann einmal der Bub vom Expeditor, der in Linz auf der Schul war, auch noch ein Büchl vom Stelzhamer gebracht hat, da war's ganz aus, denn da hat sie jetzt erst erfahren, wie schön es auf der Welt sein muß, was sie sich ja heimlich längst schon gedacht hat, nur ist ihr dann immer wieder der Mut vergangen, weil man in Ebensee doch gar nix davon spürt! Jetzt aber, in dem Büchl vom Stelzhamer, da war es doch schwarz auf weiß gedruckt zu sehn, wie das Leben eigentlich ist, wie wunderschön, no und da ist es halt zu Haus dann gar nicht mehr gegangen! Denn so was lesen, wie in dem Büchl, und denken, wie so ein Leben sein muß, ein solches Leben, das ordentlich glänzt und spiegelt von Glück, rein wie eine frisch aufgewaschene Küch, und dann aber wieder in der Wirtschaft helfen, Nudeln walken oder Strümpf stopfen den ganzen Tag, und der Vater ist grantig und die Mutter hat ka Zeit, und wenn man was fragt, wenn man was wissen möcht, weil man sich schämt, weil man was lernen und sich ein bissel ausbilden möcht, und wenn man einmal etwas fürs Gemüt und fürs Herz haben will, so ein bissel was Höheres halt, wie sich's der Mensch manchmal einbildet, wann Mondschein ist, da heißt's dann gleich zu Haus, man ist verdreht, und das paßt sich nicht – alles was man möcht, paßt sich ja nie! Und gar keinen Menschen haben, mit dem man einmal vernünftig reden könnt und der einem ein bissel was sagen könnt und den man fragen könnt, ausfragen halt über alles, denn das hat doch so ein armes junges Ding, daß es in ihm den ganzen Tag in einem fort fragt und fragt und fragt, und gar in der Nacht erst, bis ihm davon oft schon völlig angst und bang wird, und die Eltern antworten einem aber nie nix als: Sei stad, du verstehst nix, was weißt denn du? No natürlich versteht man nix, woher denn auch, wann einem niemand hilft? Aber grad weil man nix versteht und weil man weiß, daß man nix weiß, deswegen fragt man ja! No seitdem ist es ja schön langsam doch schon ein bissel besser worden, heut fangt man ja doch schon einzusehen an, daß die Kinder nicht bloß zum Vergnügen von den Eltern da sind, aber damals war's halt fürchterlich!

»Fixlaudon«, schrie der Bezirksrichter. »Setzen's Ihnen weg, Jautz! Sie verhex'n mir das ganze Spiel! Fixsakra, der raubt an ja bis aufs Hemad aus!«

»Aber was denn, Herr Bezirksrichter?« fragte der Apotheker. »Warum denn? Ich sag doch kein Wort, ich red ja doch nix!«

»Innerlich reden's!« schrie der Bezirksrichter. »I siech's Ihnen ja an! Halten's innerlich s' Maul! Verstanden? Fixsakra!«

»Ja,« sagte Furnian zur Wirtin, »langsam wird halt doch alles besser. In zweitausend Jahren sollt man auf die Welt kommen! Da wär's vielleicht ganz schön.«

Und nun hörte man wieder eine Zeit nur das Geräusch der auf den Tisch aufschlagenden Karten, das Schnauben aus dem Kropf des Bezirksrichters und die kurzen ungeduldigen Bemerkungen zum Spiel. Und die tiefe breite Stimme der Wirtin fuhr zu erzählen fort. Wie sie also, längst schon tiefunglücklich zu Haus, jetzt durch das Büchl vom Stelzhamer ganz verrückt, es schließlich einfach nicht mehr ausgehalten und eines schönen Tages einfach durchgegangen, auf und davon, nach Vöcklabruck fort, zum Stelzhamer hin! Mit der einzigen Hoffnung, nur einmal mit dem Stelzhamer zu reden und ihm zu sagen, wie ihr ist, und daß es eben einfach nicht mehr geht, bei den zuwideren Leuten in Ebensee zu bleiben, weil sie doch spürt, daß sie was Besseres ist, und seitdem sie jetzt aus seinem Büchl weiß, wie das Leben sein soll, keine ruhige Stunde dort mehr hat, sondern sie wär schon beinah gestorben vor Sehnsucht! Und da wird sie ihm sicher erbarmen und er wird ihr helfen, weiter wünscht sie sich ja nichts. No vielleicht war es nicht bloß das, weiß man's denn? Schließlich war sie schon ihre fünfzehn Jahr, und da geht's in einem Mädl manchmal merkwürdig um. Aber das weiß sie heute noch, das kann sie beschwören, sie hat sich nix dabei gedacht! Erst dann in Vöcklabruck, wie dann der Stelzhamer wirklich kommen is, da hat ihr wohl das Herzerl sehr gepumpert, No mein Gott, ein arm's Dingerl aus Ebensee und so ein Mann! Und Augen hat er g'habt, daß man's frei bis in die Nierndl g'spürt hat, wann er eins so gewiß ang'schaut hat, als ob er ihm die Beicht hören möcht! Eigentlich war er ja schon ein bissel älter, als sie geglaubt hat, daß einer is, der so verliebte Sachen weiß. Wann er aber dann zu reden angehoben hat, war er noch ganz jung. No und dann sind sie halt unter der Linden gesessen und sie hat verzählt und er war sehr lieb mit ihr und sie hat schon geglaubt, jetzt wird alles gut und sie kann dableiben und es wird halt alles wie im Büchl sein. Ja, mein! Denn das war eine schöne G'schicht, förmlich wild is er auf einmal worden, sie hat sich ganz erschreckt. ›Nämlich,‹ hat er g'sagt, ›mit dem Büchl is's überhaupt nix, dös is alls derlogen und not wahr, in die Büchln,‹ hat er g'sagt. ›Schau dir den Franzi an, wie er da vor dir steht, den alten Zwiderling, und die Haar staub'n ihm vom Kopf, könnt dein Großvater sein! Was willst denn von dem? Möchten dir bald die Augen aufgehn, daß's do lang nöt der im Büchl is! Und sixt es,‹ hat er g'sagt, ›a so is's mit allem‹; das wär noch sein Trost! ›Was in die Büchln so schön is,‹ hat er g'sagt, ›därfst ihm net in die Näh kommen, sonst is aus! Wia's in die Büchin is,‹ hat er g'sagt, ›find'st es nirgends, sonst brauchet ma ja die Büchln erst net! In die Büchln,‹ hat er g'sagt, ›is's so, wie's schön wär', wann's wär'; wia ma's möcht', daß's sein sollt; und wia's halt nier niernert g'wes'n is und nier niernert sein wird. Desweg'n hat ma 's ja, die Büchl'n,‹ hat er g'sagt. ›Und an sei'm Leben,‹ hat er g'sagt, ›liegt's net, das is auch net anders als 'm Menschen sein Leben halt is, aber er,‹ hat er g'sagt, ›er denkt sich halt was Schön's dabei!‹ Und förmlich ang'schrien hat er sie: ›Geh z' Haus! Geh z Haus – 's wird anderswo a net besser sein, s'is überall gleich, nur der Mensch is verschied'n: der Oan nimmt's so, der Oan anderst! Geh z' Haus und nimms g'scheit – denk d'r was Schön's dabei! Was d'r denkst, is schön – bald ernst und bald g'spaßi, awer immer, ob's di wana oder lacha macht, immer is's schön! Nur derleb'n muaßt es net woll'n, dös is 'm Mensch'n net vergunnt!‹ Und ganz grob is er z'letzt word'n und fort hat's müss'n, auf der Stell, gleich mit der nächst'n Fuhr, schrecklich eilig hat er's g'habt. Und dann hat er noch g'sagt, eine schöne Empfehlung an die Frau Mutter unbekannterweis, und sie sollt a bißl besser aufpassen auf sie, laßt er ihr sag'n, weil nicht a jed's a so a Tappschedl is wie er! Wie aber dann eing'spannt war und der Postillion schon blas'n hat, hats ihm doch ein Bußl geb'n müss'n, und wie sie dann übers Jahr g'heirat hat, dem jetzigen Bürgermeister seinen Bruder, is er richtig zu ihrem Ehrentag kommen mit einem großmächtigen Busch'n, und da sind's sehr lustig g'wes'n.

»Oha«, sagte der Bezirksrichter vergnügt. »Da san mir no da, euer Hochwohlgeboren! Oha, oha!«

»Jetzt hab ich mich verzählt«, sagte Furnian aufwachend. »Das ist mir auch schon lange nicht passiert.« Und als ob er sich erst wieder recht besinnen müßte, sah er verwundert die Wirtin an. Dann sagte er: »Ich sag jetzt überhaupt die Touren an. Ich bin heut doch ein bißl müd, von der Reise. Die Revanche bleibt nicht aus, Herr Bezirksrichter.«

»Nächstens werden's halt doch lieber auch mit die Ohrwascheln spiel'n«, sagte Öhacker, triumphierend. »Wird vielleicht do besser sein, Herr Bezirkshauptmann! Ha, ha!«

Riederer, der Wirt von der Post, kam herein. Das Kappl auf dem Kopf, blieb der große schwere Mann an der Türe stehen und sah sich mit unsicheren Augen um, denn er konnte sich wieder nicht erinnern, was denn eigentlich war. Dann seine Gäste nach und nach erkennend, freute er sich und grüßte, den starren großen Mund verziehend, jeden einzelnen nennend, die Namen langsam buchstabierend, sie gleichsam erst aus sich pumpend. Und nachdem er alle in demselben halb singenden Ton aufgesagt hatte, fing er, während sein leeres Gesicht ernst blieb und nur seine Augen, als ob sie was verloren hätten, unruhig herumgingen, mit den schwieligen harten Händen zu klatschen an, und seine lahme Zunge stieß aus: »Bafo, bafissimo! Alle beieinander! Bafo, bafissimo.« Als er aber Furnian erblickte, blieben seine Augen stehen und das zornige Gesicht quälte sich. Endlich fiel ihm erst ein, weshalb er von seiner Tochter hergeschickt worden war; er ging mit steifen Schritten auf den Stuhl des Bezirkshauptmanns los, da hob seine Frau die Hand, und so stand der große schwere Mann hinter dem Stuhl, aufrecht wartend, bis das Spiel geschlossen und verrechnet war.

»Fortsetzung folgt«, sagte Öhacker vergnügt, mit dem Gelde klimpernd.

»Die Herrschaften müssen entschuldigen«, sagte Furnian. »Ich habe heute noch eine Menge zu tun, ich muß erst ordentlich auspacken. Und das war ja heute auch nur eine vorläufige Anstandsvisite sozusagen.«

»Mein Mann«, sagte die Wirtin, den Wirt bei der Hand nehmend. Furnian nickte. »Der neue Herr Bezirkshauptmann«, schrie die Wirtin ihrem Mann ins Ohr, ihn schüttelnd. »Bafo, bafissimo«, lallte der Wirt. Die Wirtin sagte zu Furnian: »Er hat im vorigen Jahr ein kleines Schlagerl g'habt. Schon s' zweitemal. Seitdem geht's ein bißl schwer.« Furnian sah den Wirt und die Wirtin nachdenklich an und fragte: »Haben Sie Kinder auch?« Die Wirtin sagte: »Sieben Stück, Herr Bezirkshauptmann! Aber halt leider nur lauter Mädln. Die Älteste ist an den Brauer in Henndorf verheirat, die zweite an den Glockenwirt in Ried, die dritte an den Bärenwirt in Lambach, die vierte an den Traubenwirt in Gamsweg, die fünfte an den Engelwirt in Zipf, die sechste an den Bockwirt in Klamm und die siebente ham mer halt einstweilen noch im Haus. Viel Sorgen, Herr Bezirkshauptmann, aber auch viel Freud.«

»Also ist es halt in der Wirklichkeit doch auch schön,« sagte Furnian, »nicht bloß in den Büchln?«

»Ja«, sagte die Wirtin nachdenklich. »Es is auch ganz schön. Aber halt anders.«

An der Türe kehrte sich Furnian noch einmal um und sagte: »Also, meine Herrschaften! Hoffentlich recht bald auf Wiedersehen! So bald es meine Zeit nur irgendwie erlaubt!«

»Was ham's denn jetzt zu tun?« schrie der Bezirksrichter. »Jetzt in die Ferien!« Und er lachte.

»Wieso?« fragte Furnian verwundert. »Wieso Ferien?«

»Wann keine Wahlen sind,« sagte Öhacker, »ham's Ferien! Glauben's mir, ich bin ein alter Has, ich kenn das G'schäft. Solang keine Wahlen sind, fragt kein Mensch, was der Herr Bezirkshauptmann eigentlich treibt. Und wann's der Herr Bezirkshauptmann dann nur versteht, gute Wahlen zu machen, is der Herr Bezirkshauptmann der große Herr, nachher kann er wieder ein paar Jahrl'n machen, was er will. Is Ihnen das noch nicht bekannt? Mir werden's nix erzählen, Verehrtester!« Und er lachte.

»Warten's nur, Herr Bezirksrichter!« sagte Furnian. »Das nächste Mal gehört Ihr Pagat mir. Wetten?« Aber er war ein bißchen verlegen. Er hätte sich gern einen besseren Abgang gewünscht. Es verdroß ihn, daß ihm keiner einfiel.

Als er fort war, sagte der Bezirksrichter: »Der g'fallt ma ganz gut. Mit dem geht's schon. Der tut uns nix.«

Der Bergrat sagte: »Ein feiner und gebildeter Mann, von Lebensart und Takt! Und gar nichts von dem Hochmut, in dem sich diese Herrn so gern gefallen! Nun, der wird es hier nicht leicht haben.«

Die Bergrätin sagte: »Warum muß er denn aber so kurze Hosen haben? Wie ein Student! Der Bezirkshauptmann soll doch repräsentieren.«

Der Verwalter sagte: »Natürlich, wenn er sich an unsern Tisch setzt, werden wir keinen Respekt vor ihm haben. Wer sich unter die Kleinen mischt!«

Die Frau Verwalterin sagte: »Ich find ihn bildschön.«

Die Wirtin sagte: »Jedenfalls war das sehr lieb von ihm, daß er gleich nach dem Stelzhamer gefragt hat. Und er hat so was Treuherziges in den Augen.«

Der Wirt sagte: »Bafo, bafissimo.«

Der Apotheker sagte: »Abwarten, abwarten, abwarten! Mit den großen Herrn ist nicht gut Kirschen essen. Und je freundlicher einer tut, desto verdächtiger ist's. Was will er denn eigentlich von uns? Zu seinem Vergnügen setzt sich der nicht an unsern Tisch. Ich glaub's halt nicht, ich glaub's nicht, ich glaub's nicht. Oder er braucht uns. Kann ja sein, daß er oben nicht besonders angeschrieben ist; da wär dann den großen Herrn immer der kleine Mann recht, der soll dann helfen, dazu wären wir ihnen gut. Ich sag halt abwarten, abwarten, abwarten! Oder er hat vielleicht gar auf eine von unseren Damen ein Auge geworfen. Kann man alles nicht wissen. Er hat im Blick etwas von einem Wüstling. Abwarten, abwarten, abwarten.«

Die Apothekerin sagte: »Aber Flori.«

»No und was sagen denn Sie eigentlich, Fräul'n Theres? Wie g'fallt er Ihnen denn?« fragte der fesche Doktor Lackner, indem er seinem Foxl eine Serviette umband und behutsam für ihn auf einer kleinen Waage Fleisch und Gemüse abzuwägen begann. Der Foxl mußte jeden Tag die schwere Prüfung bestehen, während rings gegessen wurde, regungslos unter dem Sessel des Adjunkten zu liegen, ohne sich zu mucksen, allen Lockungen taub. Nur, wenn es sehr arg wurde, leise seufzen hörte man ihn manchmal. Dann aber zog der Doktor Lackner plötzlich die Uhr und sagte: »Halb elf.« Kaum vernahm er dies, so sprang der Hund auf den Stuhl neben seinen Herrn; der band ihm eine Serviette um, wobei er niemals unterließ, dem Foxl einzuschärfen, er sei da, Kultur in das verflixte Nest zu bringen, und dann wählte der Herr für den Hund ein weiches, weißes Fleisch und ein leichtes Gemüse aus und wog es ihm genau zu, weil der Foxl die Gärtnerkur gebrauchte, um sich seinen adeligen Wuchs zu bewahren. Dies bereitete der Bergrätin Schmerz. Mit der Serviette hatte sie sich schließlich ausgesöhnt, die Kur aber fand sie übertrieben, und sie versäumte niemals den Bergrat leise zu fragen: »Muß er denn aber für den Hund die Waage haben?«

»Mir?« antwortete Fräulein Theres. »No, ich weiß nicht, ich find, mir g'fallt er eigentlich ganz gut! Und wissen's, was mir aufgefallen is? Komisch ist das!« Sie lachte lustig.

Der Adjunkt schob unter dem Tisch seinen Fuß an ihren und fragte leise: »No was denn, Reserl? Was is dir denn aufg'fall'n?«

»Pscht«, sagte Fräulein Theres und trat ihm auf den Fuß. Dann lachte sie wieder und fuhr fort: »Es ist nämlich, find ich, eine ganz merkwürdige Ähnlichkeit zwischen euch, zwischen Ihnen und ihm.«

Der Doktor Lackner verzog den Mund. Dann sagte er: »Eine gewisse Ähnlichkeit wird ja schon sein. Zwischen allen schönen Männern ist eine Ähnlichkeit. Und dann hab ich den Schnurrbart englisch gestutzt, no und das machen's uns ja jetzt alle nach, denn da muß ich schon bitten, Fräul'n Theres, ich war in Wien und an der Universität der erste, der sich englisch gestutzt hat; das ist historisch, das kann ich nachweisen, daß ich das eing'führt hab, es ist eh das einzige, was ich eing'führt hab. Und jetzt glaubt ein jeder, er darf das auch. Aber, Fräul'n Theres, ich möcht mich schon lieber an das Original halten.«

»Ich mein's gar nicht so sehr äußerlich«, sagte Fräulein Theres. »Mein Gott, da schaut doch heute überhaupt einer wie der andre aus, als ob unser Herrgott schon gar nicht mehr die Zeit hätt, für einen extra Maß zu nehmen. Nein, aber irgendwas im Wesen is es. Wenn er glaubt, er muß unwiderstehlich sein; ganz das gewisse Schnofeln durch die Nasen wie Sie, und überhaupt, wie er bald im Dialekt und dann auf einmal wieder gebüldet redt't, mit dem gewissen G'schau, als ob die hochdeutsche Sprache für ihn reserviert war, aber ganz wie Sie! Nur daß er ja natürlich viel sympathischer ist, und dann vor allem doch ein ernster Mensch! Wie wohl einem das tut!«

»Also, Fräulein Theres!« sagte der Adjunkt mit dem Finger drohend. »Das war eine große Schand! Da nehmen Sie sich in acht! Das war eine Schand für die ganze Justiz! Wenn man einmal so lange bei der Justiz ausgehalten hat wie Sie, Fräulein Theres, dann bleibt man schon dabei.« Der Adjunkt wußte, daß er nicht ihr erster Adjunkt war. Das hatte sich mit den Jahren so eingebürgert. Mit dem Tisch im Bureau übernahm ein neuer Adjunkt auch die Tochter des Bezirksrichters. Es fing stets damit an, daß sie zusammen vierhändig spielten. Daher hatte dieses Wort für Fräulein Theres allmählich einen eigenen Sinn bekommen.

»Werden's nicht frech, ja? Das verbitt ich mir«, sagte Fräulein Theres kampfbereit, aber mit vergnügten Augen.

»Ja, Sie unterschätzen mich schon seit einiger Zeit, Fräulein Theres!« sagte der Adjunkt. »Wir müssen nächstens wieder einmal ordentlich vierhändig spielen.«

»Sei doch stad«, sagte Fräulein Theres leise und stieß ihn lachend an. »Der Apotheker grinst schon.«

»Nein, nein«, sagte der Adjunkt, den Ton wechselnd. »An die Ähnlichkeit glaub ich nicht. Ja, wenn mein Großvater nicht so vernünftig gewesen war, die Apollokerzen zu erfinden, dann vielleicht. Aber das ist der große Unterschied: ich weiß, daß wir die Apollokerzen haben, da kann ich jedem heimleuchten, der mir nicht paßt. Er aber nicht. Mir ist es schon lieber, ich bin ich. Sie hätten ihn nur sehn sollen, wie er da draußen vor der Tür gestanden ist, als möcht er sich gar nicht hereintraun. Ein wahres Glück für ihn, daß ich gekommen bin. Wir kennen uns ja aus dem Komitee vom Juristenball. No, ganz flüchtig nur! Er war aber sehr froh, und wie wir den Foxl abgeholt haben, hat er mir sein ganzes Herz ausgeschüttet. Mir tun solche Menschen eigentlich leid. Nein, nein, Fräul'n Theres, mir ist schon lieber, ich bin ich.«

Als es von der kleinen Kirche zwölf schlug, sprang der Postverwalter Leopold Wiesinger auf und sagte: »Na also! Da hätten wir's ja wieder einmal überstanden! Eine schöne gute Nacht allerseits!«

»Möchst net wenigstens warten, bis mir wer die Jack'n anzieh'n hilft?« sagte Frau Gerty Wiesinger.

»Nach so einem anregenden Abend kehrt der Mensch getrost zu seiner Pflicht zurück«, sagte der Bergrat.

»Ja, es war sehr schön«, sagte die Bergrätin. »Nur ein bisschen rauchig. Müssen denn die Herren in einem fort rauchen?«

Der Apotheker sagte:

»Weil sich doch am End
Jeder Mann ins Bettel sehnt,
Der ein Weib sein eigen nennt.«

Die Apothekerin sagte: »Aber Flori.«

Und der Apotheker sagte noch: »Die Frau Wirtin ist auch froh, zur Ruh zu kommen.«

Die Wirtin sagte: »Das dauert schon noch eine Weil, Herr Jautz! Da geistert man schon immer noch eine gute Stund herum, bis Ordnung wird im Haus. Und um fünf in der Früh heisst es wieder heraus.«

»Und wer bringt denn mich z' Haus?« fragte Fräulein Theres.

»Öha, öha, Sö bleiben da!« sagte der Bezirksrichter, den Adjunkten am Rock haltend. »Kennst vielleicht den Weg nöt? Oder fürchtest, dass dir wer was tut? Ist ein jeder froh, wandst ihm du nix tust!« Und er bat den Adjunkten, weinerlich: »Bleibens noch ein bisschen da, Lackner! Wir trinken noch eins. Lassens mich nöt allein, Lackner!« Seine trüben Augen verschwammen, seine Stimme war voll Furcht.

Als alle fort waren, sagte der Adjunkt: »Nur, Herr Bezirksrichter, es kommt mir dann nur immer das Aufstehen so schwer an, und da kann's leicht geschehen, dass ich mich wieder verschlaf.«

»Werdens Ihnen verschlafen!« sagte der Bezirksrichter. »Da pfeif ich drauf!« Und er nahm ihn am Knopf und flehte: »Aber Lackner, Lachker, lassen mi nöt allein! Ich muss einen Menschen bei mir haben, wenn ich das Melanchölische krieg!« Er trank aus und schrie: »Fixsakra! Das ist ein Jammer, wann ich das Melanchölische krieg! Um und um verlaust fühlt man sich, wanns anfangt. Fixsakra! Kath'l a Bier!«

»Wär Ihnen auch besser,« sagte der Adjunkt, »Sie gingen z' Haus!«

»Nöt z' Haus, nöt z' Haus!« wimmerte der Bezirksrichter. »Bevor i nöt mei Bettschwer'n hab, kann i nöt z' Haus! Und was soll i denn z' Haus? Was hab' i denn z' Haus?« Es stieß ihn auf, er rülpste. Er schien nachzudenken, dann schüttelte er den Kopf und sagte: »Nix hab i. Nix hab i. Im Wirtshaus geht's ma no am besten.« Dann riß er sich heraus, schlug auf den Tisch und lachte. »Nur kane Traurigkeit net! Dös is an Unsinn!« Er legte die Hand auf die Schulter des Adjunkten. »Nutzt aber nix, wann ma sich's hundertmal sagt! Nutzt all's nix! Der Mensch is a hundsdummer Kerl.« Er rüttelte den Adjunkten. »Lackner, Lackner!« Und er wiederholte leise: »Lackner, Lackner!« Dann versank er. Plötzlich trank er gierig. »Ja, wann mir mei Frau nöt g'storb'n wär! Was hat mir denn mei Frau sterben müssen? Und die Bergrätin, der Schrag'n, wird hundert Jahr alt! Lackner, Lackner!« Und weinend sagte er: »Es könnt alles anders sein! Denn das war noch a rechtschaffenes Weib, von der alten Art; jetzt gibts ja das gar nöt mehr! Aber da waht ihr der Wind in'n Hals und aus war's, über ja und nein; sie is halt so viel zart g'wesn! Drei Jahr war die Theres erst, das arme Madl! Hat ka Mutter und – kan Vater hat's a nöt. Bin denn i a Vater? A Dreck bin i!« Und plötzlich zornig, fiel er den Adjunkten an. »Lackner, Lackner, da kenn i kan G'spaße! Wann i amal d'rauf käm, Lackner, daß's am End' –« Er schüttelte den Adjunkten und lallte drohend: »Fixsakra! Lackner, Lackner!«

»Was denn, Herr Bezirksrichter,« fragte der Adjunkt. »Was is denn?«

»Nix is«, sagte der Bezirksrichter. »San ma froh, daß nix is. Bleiben's nur da! Lassen's mi nur nöt allein! I muaß an Menschen bei mir haben, damit i 's Melanchölische nöt krieg! Lachen's nur! Was wissen denn Sie? Mistig is s' Leben, mistig! Und nutzt nix, daß mas woaß, nutzt nix, daß ma sich schämt, nutzt alles nix, mistig bleibts. Aber was wissen denn Sie? Mit an reichen Vater und mit an Hofrat zum Onkel wie Sie! Da kannst Trompeten blasen! Oder der Latsch, der Furnian, der Herr Baron! Was wißt's denn ös, wie s' Leben ist! Aber ka Geld haben und ka Baron sein, da probiers! Da hast bald die Nasen voll! Mistig is's, mistig!«

»No ja«, sagte der Adjunkt. »Muß man halt schau'n, daß man a Geld hat oder a Baron is.«

»Ja, muß man schau'n«, sagte der Bezirksrichter. »Sonst is's mistig. Lackner, Lackner, mistig!«

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