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Die Hexe Drut

Hermann Bahr: Die Hexe Drut - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Bahr
titleDie Hexe Drut
publisherSieben Stäbe-Verlags- und Druckereigesellschaft
printrun6. bis 55. Tausend der Gesamtauflage. 1. bis 50. Tausend der Neuausgabe.
editorLyonel Dunin
year1929
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071204
modified20171128
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Zweites Kapitel.

Als ihnen der Bezirkshauptmann um die Ecke verschwunden war, sagte Klauer: »Ein Lausbub.« Er sah noch immer nach der Ecke hin, an der ihnen der Bezirkshauptmann entschwunden war. Sein wulstig verdunsenes Gesicht war jetzt ganz ernst, die verschwollenen Augen zwängten sich aus dem Fett, der große Schädel hing vor. Wie ein gichtischer alter Bauer saß er auf der Bank, schnaufend.

»Nun ja«, sagte Tewes begütigend.

Plötzlich fing Klauer wieder lachend zu glucksen an. »Weißt du, hä, hä, weißt du denn, Doktor, hä, hä, weißt du, was man einen Schwiehack nennt?«

»Ungefähr«, sagte der Doktor. »Deutsch sagt man Schwerenöter.«

»Schwerenöter«, erklärte Klauer, »ist ein harmloser Schwiehack, ein unschuldiger Schwiehack, ein zimmerreiner Schwiehack. Der Schwerenöter verhält sich zum Schwiehack wie's Hauskatzerl zum Luchs. Der Schwiehack ist ein Schwerenöter zum Quadrat. Und wer's nicht weiß, was ein Schwiehack ist, dem gibt das alles noch keinen Begriff. Erleben muß man's. Schau dir diesen Furnian gut an! Das ist der Schwiehack. Schau dir ihn gut an, dann verstehst du erst unsere neueste Politik. Es ist die Politik der Schwiehacks. Der große Döltsch hüllt sich ja in Nebel ein; der möcht, daß man's nicht erkennen soll! Aber die kleinen Döltsche sieh dir an, da wird der Schwiehack offenbar. Der Schwiehack beherrscht die ganze Epoche.«

»Nun ja«, sagte Tewes. Aus Schwäche fand er sich täglich wieder auf der Bank bei dem Jugendfreund ein, dem es ein solches Bedürfnis war, die Zeiten anzuklagen und sich reden zu hören. Es langweilte ihn, aber der abgedankte alte Mann tat ihm leid, der, vor ein paar Jahren noch von allen umworben, jetzt überall Undank, Schadenfreude und die Erbärmlichkeit der Menschen fand. Dem mächtigen Minister war er ausgewichen. Er hätte ihn nur in Verlegenheit gebracht und er brauchte ja nichts. Aber jetzt saß er gutmütig täglich auf der historischen Bank vor dem Erzherzog Karl mit ihm, ertrug seinen langwierigen Witz und ließ ihn die Welt erklären, kaum recht zuhörend und höchstens, wenn er doch einmal was von seiner Weisheit vernahm, im stillen ein wenig verwundert, wie wenig Verstand der Mensch eigentlich braucht, besonders der Mensch der Politik. Und dann war er sehr froh, längst dies alles abgeschüttelt zu haben und nicht mehr dabei zu sein. Und gern ging er am anderen Morgen wieder zu seinen Kranken, zu seinen Armen zurück.

Klauer begann wieder, höhnend: »Und natürlich! Natürlich! Natürlich muß das gleich am ersten Tag ins Krätzl! Daran erkennt man den Schlag! Glaubst du, er wäre zu mir gekommen, der doch schließlich, wenn schon gar nichts anderes, doch die Erfahrung hat, die Erfahrung von dreißig Jahren in der Politik, der das ganze Treiben kennt, von unten auf, bis in den letzten Winkel, aus der gefährlichsten Gegend, von unserem Böhmen her, der jede Frage studiert, am lebendigen Körper des Staatswesens studiert, studiiirt hat?« Er konnte sich wieder von dem Vokal nicht trennen und zog ihn dehnend aus. »Aber das gilt ja alles nichts mehr! Erfahrung, Kenntnisse, Wissen, wozu? Haben sie alles nicht nötig! Oder gar Respekt vor Leistungen, Rücksicht auf Verdienste, wozu? Hast ihn ja gesehen, mit dem mokanten Lächeln, das alles besser weiß! Hast ihn ja gehört, mit der zynischen Überlegenheit, die alles durch einen Spaß abtut. Wer bin denn ich? Was bin denn ich? Wer ist denn überhaupt für diese Herrin noch was? Außer das Krätzl! Da muß er hin! Gleich am ersten Tag, daß er's ja nicht versäumt! Natürlich! Echt! Wie der Herr, so der Knecht. Da können's gar nicht schnell genug laufen, die Döltscherln, hopsasa, wenn's ins Krätzl geht! Unverschämt gegen oben, rücksichtslos gegen unten, frech mit jedermann, aber wo's nur ein Krätzl gibt, da werden's klein! Der Schwiehack und das Krätzl, da hast du unsere Signatur! Krätzlokratie mit dem Schwiehack an der Spitze, das ist unsere neueste Verfassungsform! Und, und, und –?« Das Gackern ging wieder los, die Augen krabbelten herauf. »Und merkst du? Ä, ä! Merkst du nicht? Ä, ä! Merkst du was? Schwiehack, Krätzl! Ist es nicht charakteristisch, daß die gebildete Sprache dafür gar keine Worte hat? Daß man davon nur in den Ausdrücken des gemeinen Mannes reden kann? Als ob sich sogar die Sprache zu gut dafür wäre und sich gleichsam schämen würde! Schwiehack, ein Wort aus dem Ungarischen, so herabgekommen und verlumpt wie das, was es bezeichnet! Und Krätzl gar, was schon so räudig klingt, daß es einen unwillkürlich juckt!«

»Hat aber«, sagte Tewes, »mit Krätze gar nichts zu tun, sondern ist ein gutes altes Wort, das ursprünglich die Ecke an der Straße heißt. Sie gehen ums Krätzl, was heißt: sie kommen um die Ecke. Übertragen dann auf die, die an der Ecke beisammenstehen –«

»Eckensteher«, grinste Klauer vergnügt.

»Eckensteher,« sagte Tewes, »ja, und wenn sie gerade nichts zu tun haben, schütten sie einander ihr Herz aus, sie tratschen, und das Tratschen macht gute Freunde, und so wird dann eine solche an der Ecke begonnene, im Tratschen geflochtene Freundschaft, wenn sie fest zusammenklebt und recht zähe geworden ist, schließlich auch ein Krätzl genannt; wofür du ja aber, wenn dir der Dialekt so widerstrebt, getrost Klüngel sagen kannst.«

»Nein!« schrie Klauer triumphierend, »Nein! Dann verstehst du's nicht! Nein, mein verehrter Freund! Das ist es ja, da hast du's! Klüngel ist auch nicht sehr schön, aber es hat doch keine Spur von dieser Infamie, die in dem Wort Krätzl liegt! So was Schäbiges ist Krätzl und –« Er hob den Zeigefinger demonstrierend. »Und, jetzt paß gut auf! Und die größte Schäbigkeit ist die, daß das richtige Krätzl noch auf seine Schäbigkeit stolz ist, daß es sich nicht schämt, daß es mit ihr prahlt! Wie der Schwiehack! Der Schwiehack ja auch! Das liegt in den beiden Worten, das gehört dazu. Was du ja schon daran erkennen kannst, daß sich eine Gesellschaft, die einen Klüngel bildet, doch nie selbst so nennen würde. Die hier aber sagen selbst: das Krätzl, unser Krätzl. Ganz offiziell nennen sie sich so und tragen den Namen noch wie einen Ehrenschild, wie ein Wappen.«

»Na, wie die Guisen halt«, sagte Tewes lächelnd.

»Eckensteher«, wiederholte Klauer vergnügt. »Vortrefflich! Und stimmt genau! Gevatter Kaufmann und Gevatter Postmeister und Gevatter Apotheker stehen an der Ecke und haben nichts zu tun und tratschen miteinander und verstehen natürlich alles besser und wissen natürlich alles genau und prätendieren nun, daß alles nach ihrem Gutdünken gehen muß. Und nun fehlt nichts, als daß noch der Schwiehack dazu kommt, mit seiner fröhlichen Unbefangenheit, der jedes Prinzip ein Vorurteil, alle Gesinnung eine Borniertheit ist. Und dann wunderst du dich noch? Der Schwiehack Arm in Arm mit dem Krätzl und darüber schwebt das Kerzlweib, da hast du den Schlüssel zum heutigen Österreich!« Und er lachte sich aus und rieb sich die Hände. Er war jetzt schon wieder sehr vergnügt. Sein Ärger wich immer gleich wenn er einen Witz, der ihn freute, ein Wort, auf das er stolz war, oder gar eine Formel fand, die ihm die widrigen Erscheinungen zu erklären schien. Denn was er sich einmal erklärt hatte, war für ihn abgetan. Was wollt ihr denn noch? fragte er dann und begriff eine Zeit nicht, die es sich an Erklärungen nicht mehr genügen ließ. Er sagte: Das Krätzl und der Schwiehack, und nun war das für ihn erledigt und er wunderte sich, wie denn trotzdem die Erscheinungen noch andauern konnten, er hatte sie doch erledigt. »Ist es dir nicht klar?« fragte er, mit seiner großen groben Hand den Rücken des Doktors abtastend. »Das ist doch klar!«

Der Doktor sagte: »Wenn du nur wieder dein Österreich in der Westentasche hast!«

Aber Klauer ließ einen Einfall, den er einmal hatte, nicht so leicht wieder los. Früher war es seine Passion gewesen, sich über jeden in langwierigen Erlässen zu ergehen, die noch immer den alten Professor verrieten. Jetzt mußten die paar geduldigen Freunde herhalten, die ihm geblieben waren. An ihnen wurde der Einfall oder wie er's nannte: das Aperçu so lange eingeübt und ausgeprobt, bis er es dann für würdig befand, seinen Memoiren eingefügt zu werden, an welchen er jeden Abend feilend saß. Sie sollten erst nach seinem Tode erscheinen. Er hatte sich den Titel ausgedacht: Das Testament des Patrioten. Alle Bitterkeit, jede Kränkung und die quälende Gier nach Rache lud er hier ab. Jede Verleumdung seines Nachfolgers, die man ihm zutrug, jeder Klatsch, jede neidische Bosheit wurden hier aufgezeichnet. Und er saß und schrieb, sein Gift ausspritzend, und stellte sich die Wirkung vor, wenn er einst tot sein und es dann bekannt würde; und bei dem Gedanken an den Tod tat ihm eigentlich nichts so leid, als daß er nicht dabei sein könnte, um es sich anzusehen, wie seine Feinde dann, von ihm entlarvt, der gerechten Züchtigung verfallen würden. Die Hoffnung auf solche posthume Rache gab ihm auch die Kraft, sich in Geduld zu fassen, die Stiche des Undanks zu leiden und seinen künftigen Opfern einstweilen wieder herzlich die Hand zu drücken. Dieser philosophischen Entsagung, in welcher er sich lächelnd gefiel, wäre er sonst nicht fähig gewesen. Er hielt die Memoiren sorgfältig versteckt, und wenn er doch einmal sich nicht entbrechen konnte, Andeutungen zu machen, beeilte er sich sogleich zu versichern: »Gott, ganz harmlos, eigentlich nur für mich selbst! Erinnerungen eines alten Mannes, der abgeschlossen hat und nun noch einmal auf seinen Weg zurückblickt, um das Fazit eines bescheidenen Lebens, eines in seinen Absichten wohl, nicht aber in seinen Erfolgen bedeutenden Wirkens zu ziehen. Für andere kann das nicht von geringstem Interesse sein, gar nicht!« Doch schwammen dabei seine kleinen Augen so lustig im Fette, und das ganze Gesicht fing so zu dunsten und zu triefen an, daß diese harmlosen Erinnerungen manchem verdächtig wurden. Man hatte ja schon allerhand Erfahrungen mit solchen friedfertigen Exzellenzen, bei denen im Nachlaß dann plötzlich eine Kiste voll Haß und Hohn gefunden wird, und so traute man ihm nicht mehr. Er fühlte das, und wenn es ihn einerseits auch ängstigte, weil er kein Mann der offenen Feindschaft war, so gab es ihm andererseits doch wieder das angenehme Gefühl, im geheimen eine Macht zu sein, mit welcher der Kluge noch immer sich lieber zu verhalten sucht. So fuhr er eifrig fort, für seine Memoiren einzusammeln, was ihm nur immer an Anekdoten, hämischen Witzen und solchen halbwahren Geschichtchen zukam, durch welche einer Tat oder einem Mann ihr Ansehen ganz unmerklich entwendet wird, und war am glücklichsten gar, wenn er selbst irgendein auffällig ins Ohr klingendes Wort fand, womit er vieldeutig spielen und worin er, während er nur eben eine Erscheinung darzustellen schien, allerhand Rankünen arglistig unterbringen konnte. Er nannte das: eine Formel finden. Aber diese fielen ihm immer nur in Gesellschaft ein. Er gehörte zu den Menschen, die reden müssen, um zu denken; im Reden erst und aus dem Reden kommen ihnen Gedanken, im Gefolge der Worte. Schon als Lehrer an der Universität hatte er immer die lebendige Berührung mit den Schülern gebraucht, sein Seminar war berühmt; hier, im Austausche mit einer streitsüchtigen, schlagfertigen Jugend, fielen ihm Wendungen ein, von welchen er selbst am meisten überrascht war, und von Wetteifer getrieben, durch Widerspruch gereizt und gar, wenn er die Bewunderung der Lernbegierigen und ihren Beifall vernahm, ging er, hingerissen, weit über seine eigene Begabung hinaus. Dies wiederholte sich, als er es dann übernahm, in einem Kreise hochadeliger Damen die Grundzüge der politischen Wissenschaften vorzutragen, und so hatte er auch im Parlament ohne eigentlich ein Redner zu sein, wozu ihm der Atem fehlte, oft in der Debatte das größte Glück. Er brauchte den Beifall, er brauchte das Echo; Unaufmerksamkeit konnte ihn so verstimmen, daß er sich gleich verlor, aber ein Zwischenruf brachte ihn wieder zurück. Seine Schmeichler feierten ihn als einen unerreichten Causeur. Und Döltsch, in dem er seinen ärgsten Widersacher sah, sagte: Man muß nur gerecht sein, was wahr ist, ist wahr, schmusen kann er.

So saß er nun, noch immer an jenem Einfall kauend, und ließ ihn nicht aus, weil er da wieder ein neues Kapitel seiner Erinnerungen sah; und er schwelgte schon in der Überschrift: »Ära Döltsch oder der Schwiehack und das Krätzl.« Er mußte nur die beiden Worte noch recht zusammenwalken. Er kannte das, man darf ein Aperçu nicht auslassen, bis der letzte Faden daraus gesponnen ist. Er begann wieder: »Du nimmst das zu leicht! Dir scheint dasjenige, was du hier siehst, der stolzierende Nichtsnutz von Bezirkshauptmann und die Herrschaften in der Post mit ihrer Arroganz, das scheint dir alles bloß eine zufällige Begegnung zu sein, über die du lachst oder dich ärgerst, wie's eben kommt, gegen die du dich allenfalls wehrst, wenn sie dir lästig wird, in der du aber nicht mehr als eben einen lästigen Vorfall und ein paar ärgerliche Menschen siehst. Du irrst, glaube mir! Du irrst, mein alter Freund! Du irrst!« Und indem er noch näher an den Arzt rückte und das I singen und das R schnarren ließ, genoß er zwinkernd das Gefühl seiner Überlegenheit. »So einfach ist das nicht. Es ist mehr. Es ist ein System, und überall sehe ich die unselige Hand dieses Döltsch darin! Man darf den Mann nicht unterschätzen! Er treibt die Frivolität bis zur Verwegenheit, der Zynismus wird in ihm fast zum Genie. In allem ist seine Absicht zu spüren, gleichsam eine Räuberbande von catilinarischen Existenzen zu bilden, die nichts zu verlieren, alles zu gewinnen haben, wenn jedes Herkommen, jede Gewohnheit, auf welcher unser politisches Denken beruht, ja der ganze Staat selbst aufs Spiel gesetzt wird, um nur im Moment einen verblüffenden Erfolg zu haben und die nächste Sorge des Augenblicks zu erledigen. Was morgen sein wird, fragt er nicht. Weiß er denn, ob er selbst morgen noch sein wird? Und was kümmert ihn denn als er selbst? Hinter uns die Sündflut! Wenn nur er der große Mann scheint, der überall zu helfen, aus jeder Verlegenheit einen Ausweg und jedes Problem wie ein Taschenspieler im Augenblick zu eskamotieren weiß. Ja, fast scheint es oft, er schafft sich die Verlegenheiten selber mit Fleiß, um nur daran wieder beweisen zu können, wie geschickt er ist. Und wenn dann natürlich das Problem, das er gestern eskamotiert hat, heute auf der anderen Seite wieder erscheint, ist er es selbst, der es lächelnd herzeigt, als wäre es eben jetzt von ihm erst entdeckt. Und gleich sind alle wieder verblüfft und staunen ihn an. Nur immer verblüffen und von allen angestaunt sein! Wer hätte heute noch für die stille Staatsarbeit Sinn, die Generationen braucht und deren Plan sich erst den Nachkommen enthüllt? So lange können wir nicht warten, wir haben keine Zeit, wir brauchen täglich einen neuen Erfolg, der noch ins Abendblatt kommt! Automobil ist die Losung! Im Automobil schießt er durchs Land, was nun dem kleinen Mann unendlich schmeicheln muß, wenn er sieht, wie der hohe Herr sich in Schweiß und Staub um ihn bemüht; und da ist keine Hand so schmutzig, die er nicht drückt, und keine Beschwerde zu dumm, keine Forderung zu frech, die er nicht hört!. Doch wäre das noch das wenigste, aber er regiert im Automobil! In so einem richtigen rasselnden, schlotternden Rennwagen von ganz dünn und leicht zerbrechlich gebautem, kaum so zur Not zusammengestecktem Automobil, das ja nichts wiegen darf, um nur recht rasen zu können und die paar Kilometer zu schlucken und dann meinetwegen zu zerschellen! Und so geht's, stoßend und spuckend, über Stock und Stein dahin, rechts und links springen entsetzt die Leute weg, die wahre Höllenfahrt! Aber, aber, aber –« Sein feistes Gesicht fing wieder zu triefen, sein Blick zu schwimmen, sein Lachen zu kirren an, die Wangen dunsteten, der Mund quoll, er schob sich ganz dicht an den Doktor und goß ihm den Witz ins Ohr: »Eine Unfallversicherung haben sie ja gemacht, aber ä, ä! Aber den Staat, ä, ä! Den Staat haben's dabei vergessen! Den Statt haben's für keinen Unfall versichert! Ä, ä!« Er zog sein Tuch und schneuzte sich vor unbändiger Heiterkeit. Und nun trat er wieder darin herum und konnte nicht weg: »Ja, wenn sie den Staat versichert hätten, ja dann! Wenn der Döltsch haftbar wäre! Wenn's ihm geschehen könnte, daß man ihn am Kragen nimmt und er am Ende zahlen muß! Ja dann! Ja dann! Aber siehst du, Freund, das ist der Unterschied. Ja, das ist der Unterschied. Da ist ein großer Unterschied.« Sein Lachen erlosch, die kleinen Augen verkrochen sich, das Gesicht war wie plötzlich ausgeleert. Und er sagte, sehr ernst und ganz geheimnisvoll: »Der Unterschied zwischen uns und ihm ist, daß wir, wir damals, wir lächerlichen Liberalen, uns immer haftbar gefühlt haben, haftbar dem Staate und dem Volke, haftbar mit unserm Gut und Blut! Dumm waren wir, gelt? Sag nur, daß wir dumm waren, was? Sag's nur, genier dich nicht, hast ja recht! Denn du gehörst ja auch zu denen, die nicht mehr an uns glauben können und nichts mehr von uns wissen wollen. Glaubst, ich weiß es nicht? Genier dich nicht, wir sind's gewohnt, daß man uns verläßt. Und es möchte mich gar nicht wundern, gar nicht, wenn du schließlich auch schon für ihn wärst und für die neue Schule, ä, ä! Ich trau keinem Menschen mehr. Keinem Menschen mehr. Und verdenk's keinem. Man steht sich ja schließlich viel besser bei der neuen Schule! Und was geht euch der Staat an? Ä, ä!«

»Der Staat geht mich gar nichts an«, sagte der Doktor. »Das weißt du doch und du weißt ja, daß ich nicht für euch und nicht für ihn, noch gegen euch oder gegen ihn bin. Es ist mir ziemlich gleich, man muß es ablaufen lassen.«

»Ja«, sagte die alte Exzellenz langsam und traurig. »Das ist es ja. Das ist unser größtes Unglück. Solche Menschen wie du tun nicht mit und stellen sich weg. Ihr habt einmal eine Zukunft erblickt, die euch lockt, und jetzt legt ihr die Hände in den Schoß und wartet auf sie! Wo soll sie denn aber herkommen, eure Zukunft, als aus unserer Gegenwart? Wenn jedoch die einen nur alles zur Vergangenheit zurückdrehen wollen, die anderen schon zur Zukunft davongeflogen sind, wer soll der Gegenwart helfen? Und weil es für jene doch schon zu spät, für diese noch zu früh ist, die Menschheit aber, die weder in Ketten bleiben noch in die Luft gehen will, dem Gegenwärtigen gehört, muß natürlich der Weizen der politischen Abenteurer und Hochstapler bei uns blühen. Denn sie haben eins voraus: sie sind wenigstens da. Und wir nicht mehr. Wir sind nicht mehr da. Wir waren euch ja zu wenig amüsant! Immer dasselbe Repertoire, von den Menschenrechten und der Staatseinheit und den paar armseligen Dingen, die ja so notwendig, aber ach so langweilig sind, gar für euch, in der stolzen Ferne von Äonen, wo ihr schon seid! Und wie hat der Döltsch das verstanden! Und wie hat der Döltsch das ausgenutzt! Der kennt euch, der weiß, was ihr wollt, und daß euch jeder hat, wer immer es nur versteht, euch was vorzugaukeln. Und das kann er ja, darauf versteht er sich ja, das muß man ihm lassen: er gaukelt viel und gut. Und das liebe Volk schaut zu und hat seine Freude dran. Ihr aber, ihr Zukunftsmenschen und freien Geister, ihr habt die Hände in dem Schoß und laßt es ablaufen, wie du sagst, euch ist es ja ziemlich gleich, ihr seid längst drüben. Warten wir aber nur erst ab, wie's ablaufen wird und wohin, und ob's euch nicht mitzieht. Wir werden ja sehen. Daß ihr für uns keinen Finger rührt, weil wir nicht eure Zukunft, sondern bloß die schnöde Gegenwart sind, das kann ich verstehen. Daß ihr euch aber nicht gegen ihn rührt, der euch den Boden abgräbt, den doch auch eure Zukunft braucht, da hört's bei mir auf, da komm ich nicht mehr mit. Denn was tut er denn, euer Gaukler, als alles zerstören? Die Parteien sind aufgerieben, eine spielt er gegen die andere aus, um Vorteile kauft er jede Gesinnung ab, hier ist's eine Bahn, dort ein Kanal, den faßt er bei der Eitelkeit, den beim Geschäft, Orden regnet's und Millionen, die alten Fahnen der Parteien sind zerschossen, die Reihen lösen sich auf, jeder rennt nur schnell und will in der allgemeinen Plünderung auch was erhaschen, und wo sich noch irgendeine Form zeigt, an der sich vielleicht eine politische Gestaltung wieder ansetzen könnte, gleich ist der Hexenmeister wieder da, um ins Feuer zu blasen: gruppiert euch wirtschaftlich, und er facht den Haß der Nationen an, versucht es national, und er holt die Kirche, die euch zersprengt, und wenn ihr endlich doch wieder begreift, daß nichts hilft, als sich nach politischen Grundsätzen abzuschließen, so hetzt er das Land gegen die Stadt, den Grundbesitzer auf den Fabrikanten los.«

Tewes sagte lächelnd: »Er wird's wohl nicht sein, der dies alles tut. Du machst dir ihn doch gar zu groß.«

»Groß, groß, so?« ereiferte sich Klauer. »Das findest du groß? No ja, no ja! Aber das sieht euch ähnlich, die ihr ja alles nur nach der darin enthaltenen Kraft schätzt, niemals nach der Wirkung, die es ausübt! Und ihr nennt es objektiv, die schlechtesten Absichten gelten zu lassen, wenn sie nur gelingen. Ihr habt euch wahrhaftig den Döltsch ehrlich verdient! Groß, groß! Ein Mensch, den du auf den Kopf stellen und ihm alle Taschen ausleeren kannst, ohne daß ein Nickel der winzigsten Idee herausfällt! Ein Mensch, dessen ganzes geistiges Kapital darin besteht, daß er damals, als Direktor der Liburnia, mit Seeräubern und Hafendieben, halt Levantinern verhandelnd, um das hinfällige Unternehmen zu kurieren, die Bestechlichkeit der Menschen kennen und lenken gelernt hat und nun einfach den Kuhhandel auf die Legislatur überträgt! Ein Mensch, dessen Überlegenheit es immer gerade war, klein zu sein und sich zu den Kleinen zu halten und ihr Interesse, ihre Stimmung, die jeden Tag umschlägt, das launische Bedürfnis der Kleinen gegen uns auszuspielen, die wir ruhig auf dem großen Wege fortgehen wollten und nicht an jeder Ecke ein Standl machen und jedem was Extras versprechen konnten! Und groß, groß! Ja, im Zerstören, da! Aber nein, nicht einmal, auch das stimmt ja nicht, er kann nicht einmal zerstören, er tut was weit Ärgeres, er zerstört nicht, er deformiert. Verstehst du den Unterschied? Mit einem Zerstörer werden wir bald fertig, denn da kriegt man Angst, wenn man alles zerfallen sieht. Nein, wozu denn? Nichts zerstören, nichts zerbrechen, sondern nur in aller Stille langsam alles sich zerkrümeln lassen, bis alles amorph ist! Dann geht's natürlich, denn dann ist ja das Regieren keine Kunst mehr. Wir hatten es noch mit einer lebendigen Gliederung zu tun, Bauernstand, Bürgerstand, Adelstand, welchen nun jedem sein Recht einzuräumen, seine Pflicht abzufordern war, und diese alte Gliederung zu bewahren, ihr aber die neuen Erscheinungen dann einzugliedern, daß sie lebendig anwachsen konnten, und so nichts Altes, das noch irgendein Leben hatte, jemals zu verletzen, allem Neuen aber, das sich irgend zu bewähren verhieß, Platz zu machen, waren wir bedacht, wobei es denn nun freilich ohne manche Kränkung des einzelnen nicht abging und man mit leeren Versprechungen nicht auskam, wie wir uns denn auch hüteten, die Begehrlichkeit der Nationen zu reizen und lieber einmal eine unreife Sehnsucht verkümmern ließen, als das Ganze zu gefährden. Das Ganze hatten wir stets im Sinn. Aber wo ist es denn heute noch? Es gibt ja kein Ganzes mehr, alles ist aufgelöst, alles ist amorph.« Er verweilte schwelgend in diesem Wort. »Ein amorphes Land. Es gibt keine Gliederung mehr, nichts hat Gestalt, er hat alles deformiert. Amorph, amorph! Wo das geschlossene Bürgertum stand, ist ein Schutthaufen von lokalen Krätzln, der Adel löst sich in Klubs und Spielhöllen auf, der Bauer schwimmt in der losen Masse vorstädtischer, halbländlicher Kleinbürger mit. Alle Grenzen zerfließen, nichts hat Halt, das Land scheint an den Beginn der Menschheit zurückgestellt, wo denn nun freilich der Herr nur einige Verwegenheit braucht, um in der Hilflosigkeit einer allgemeinen Auflösung diesen durch Furcht, jenen durch Hoffnung, alle durch die Not an sich zu ketten. Divide et impera! Was er sich so übersetzt: Nur alles zermürben, dann bist du Herr! Das ist sein einziges Prinzip, wenn man es diesem ehrenwerten Worte antun darf, es so zu degradieren, ä, ä! Das ist das einzige Prinzip, das er hat. Und, und, und –« Er fing wieder zu grinsen und zu glucksen an, mit den fleischigen Händen fuchtelnd. »Und das ist auch nicht von ihm! Nicht einmal das! Nichts gehört ihm! Er klaubt nur auf, was wir weggeworfen haben, wie der Petrus die Kirschen des Herrn. Denn das ist schon ein altes österreichisches Prinzip, wir haben es nur ausgemerzt. Es ist das alte Prinzip der österreichischen Bureaukratie. Wie doch überhaupt – ihr seid's ja kindisch, ihr glaubt's, das ist der Döltsch! Macht's doch die Augen auf! Keine Spur! Es ist die gute alte Zeit des Kaisers Franz, der Döltsch kopiert sie nur, und wie schlecht! Der Metternich hat kein Automobil gehabt und ist doch weiter gekommen als der mit seinem ganzen Gebraus, warten wir's nur erst ab. Die gute alte Zeit des Kaisers Franz! Was ist denn das heut wieder allmächtige Krätzl anderes als jenes untertänige Bürgertum des Kaisers Franz, das sich gar kein Recht verlangte, wenn man ihm nur seine Vorrechte ließ, und es gewohnt war, das Leben auf dem Gnadenwege zu verbringen? Und was ist der Schwiehack als der Beamte des Kaisers Franz, der auf das Land losgelassene Bureaukrat, der von der ganzen Welt nichts als die Kniffe seiner Paragraphen kennt, nichts achtet als sein eigenes Geschäft, so wenig die Vergangenheit schont als die Zukunft spürt, wenn er sich nur in der nächsten Gegenwart zu behelfen weiß, das Verhältnis auf den Kopf stellt, indem der Untertan bloß ein Mittel für ihn und der Dienst, souverän geworden, der einzige Zweck ist, und nun sozusagen im leeren Raum regiert, er allein übrig, nachdem die ganze Welt untertänig erstickt ist? Als Schwiehack kommt der alte Bureaukrat triumphierend zurück, das ist die Signatur der Ära Döltsch! Der Bureaukrat ist's, dem wir erlegen sind. Der Bureaukrat hat uns gestürzt. Ich habe es vorausgesagt.«

»Es wird aber kühl«, sagte Tewes aufstehend. Er wußte, daß Klauer jetzt bei seinem Thema war, in das er sich dann immer wie ein Hund in einen Knochen verbiß.

Klauer, in jungen Jahren als Rechtslehrer zu Ruf gelangt, durch seine Kenntnis der böhmischen Fragen das Vertrauen Herbsts gewinnend, bald im Lande beliebt und um Rat befragt, dann in Leitmeritz, wo er von armen Eltern geboren worden war, gewählt, erst in den Landtag, bald auch nach Wien, wo der »gelernte Deutschböhm«, wie Taaife ihn nannte, besonders in Fragen der Verfassung und Verwaltung Gehör fand, aber auch durch seine Geschicklichkeit im Vermitteln von Gegensätzen, im Beschwichtigen extremer Forderungen, im Vertagen von Konflikten sich überall empfahl, war nach dem Fall des Grafen Badeni, bei einem letzten Aufflackern seiner Partei, der noch einmal die Gunst von oben zu leuchten schien, zuerst Justizminister und dann Präsident des Ministeriums geworden. Er versagte ganz. Wie Döltsch, der ihn genau kannte und gern über ihn sprach, als ein Beispiel für seine Garde, wie sie's nicht zu machen hätten, ihnen immer erklärte: weil er einer von jenen altösterreichischen Staatskünstlern war, die alles wissen, aber nichts können. Überall das Richtige, das Notwendige, das Bedürfnis der Zeit erkennend, war er nirgends imstande, es zu tun. Seine Begabung blieb im Begreifen der Dinge befangen; was er im Geiste sah, nun auch wirklich durchzusetzen, die Mittel dafür zu finden und den Widerstand der entgegenwirkenden Welt zu brechen, war er ganz unfähig. Die kleinste Verlegenheit, die sich zeigte, warf ihn aus dem Gleichgewicht, und wenn er mit Entwürfen, für die er den allgemeinen Dank zu verdienen glaubte, auf irgendein Bedenken und statt sogleich den erwarteten Beifall, die allgemeine Bewunderung zu finden, auf Zweifel, Spott oder Widerspruch stieß, war er so verletzt, daß ihn nicht bloß aller Mut, sondern auch seine alte Gewandtheit, über Schwierigkeiten hinzugleiten, verließ; er fing zu stottern an, wurde zornig und hatte sich durch ein unerträglich rechthaberisches Wesen bald auch den letzten Freunden entfremdet. Kam er dann doch einmal wieder zu sich und versuchte, mit den alten Künsten seiner klugen Beredsamkeit zu wirken, so war es meistens schon zu spät: man hatte ihn verzagt und ratlos gesehen, er fand kein Zutrauen mehr, sein Ansehen war verwirkt. Auch merkten die Gegner bald, wie leicht ihm beizukommen war, wenn man es nur ein wenig verstand, seine Absichten vor ein Hindernis zu stellen, und versäumten nicht, ihn, indem sie seinen Anträgen zuzustimmen und nur auf unwesentlichen Abänderungen zu bestehen schienen, durch dies allein schon um alle Besinnung zu bringen, dann aber, wenn er heftig und mit dem Hochmut des Doktrinärs auffahrend wurde, ihren demokratischen Stolz hervorzukehren. Solcher kleiner täglicher Streit, das Entsetzen, seine Pläne, die er in seiner sorgfältigen und sauberen Schrift vor sich sah, überall durch Abänderungen entstellt zu finden, als hätte ihm eine schmutzige Hand ins Konzept gekleckst, und der Ärger unendlicher Besprechungen, in welchen er, was für ihn längst ausgemacht war, immer wieder erst beweisen, und was ihm im großen längst zugestanden war, nun erst noch einmal im kleinen erhandeln sollte, rieben ihn auf, und er bemerkte mit Schrecken, daß alle seit so vielen Jahren aufgesparten Vorsätze, durch welche er, einmal an der Macht, die Völker zu erlösen und ihren Wohlstand, ihre Bildung, ihren Fortschritt zu verbürgen glaubte, jetzt unausgeführt liegenblieben, weil er keine Zeit mehr für sie hatte und schon froh sein mußte, wenn er nur abends endlich den Kopf aus der Schlinge zog, in der er sich jeden Morgen wieder beim Erwachen fand. Sein ganzes Programm blieb liegen, er hatte keine Zeit mehr dafür. Und die Gegner, die seine Empfindlichkeit kannten, machten sich den Spaß, nun mit eben diesem Programm, das sie von ihm übernahmen, gegen ihn anzurücken. Er fand dies höchst ungerecht und vergaß alles andere über dem Zorn, daß ihm sein Programm entwendet worden war, und über dem Wunsch, sein Eigentum daran öffentlich darzutun, wodurch er denn, da man ihm dies gar nicht bestritt, aber auf Erfüllung drang, zuletzt in ein höchst komisches Verhältnis geriet. Schon im Ansehen stark herabgesetzt, verdarb er es sich ganz, indem er jetzt überall herumzujammern und zu klagen begann, wie ungerecht man doch gegen ihn sei und wie die Schuld durchaus nicht an ihm liege, den man erst erkennen und verstehen werde, wenn man nur endlich aufhöre, ihn zu hemmen, und ihn nur endlich einmal dazu kommen lasse, etwas auszuführen, und so den ganzen Tag bei Kollegen, Räten und Abgeordneten mit solchen Bitten versaß, ohne seine seltsame Rolle zu merken, des ohnmächtigen Ministers, der so gut zu regieren versteht, aber nicht dazu kommt. Um sich vor sich selbst zu rechtfertigen oder doch einigermaßen zu trösten, fand er heraus, daß er ja nicht der erste war, dem dies geschah; es schien ihm immer mehr das allgemeine Los aller Minister in Österreich zu sein. Und da ihm jetzt widerstrebte, die Schuld in ihnen selbst zu suchen, war es die Bureaukratie, der er allmählich alle Verantwortung zuschob. Seine Räte, die er anfangs die Überlegenheit des Gelehrten, der über das Nächste hinaus nach einem Plane zu denken gewohnt ist, während sie am Unmittelbaren kleben, des Parlamentariers, der vor dem Ungewöhnlichen nicht zurückschreckt, während sie vom Herkommen nicht weichen wollen, mit einiger Härte, ja fast schadenfroh empfinden ließ, hatten ihm das prompt durch jenen Widerstand der Routine vergolten, der, indem er mit Eifer zu gehorchen scheint, unmerklich die Hindernisse aufzutürmen weiß. Indem sie sich auf seine Absichten einzugehen in Ergebenheit beflissen, kamen sie gerade nur mit solchen Fragen zu ihm, in welchen er selbst ratlos und viel mehr eben auf die Hilfe ihrer Erfahrung, die dem Theoretiker fehlte, angewiesen war, und ließen ihn die Macht ihres Handwerks fühlen, ohne welches er, der es niemals erlernt hatte, mit allen seinen Intentionen auf dem Trockenen blieb. Ein täglicher Kampf im geheimen begann. Er glaubte genau zu wissen, was er wollte, aber es fehlte ihm immer an der ausführenden Kraft. Sie gaben den besten Willen vor und bedauerten nur, ihn offenbar nicht immer ganz zu verstehen, was sich ja aber, versicherten sie, leicht ausgleichen ließe, sobald er sich nur einmal entschließen würde, es ihnen zu zeigen. Dies aber war es gerade, was er nicht konnte. Die subalterne Begabung, einen politischen Gedanken nun auch, wie er es nannte, in das Kleingeld der ausführenden Verordnungen umzuwechseln, war ihm versagt, und so erklärte er es sich, daß seine besten Pläne niemals in Kurs kamen. Es half nichts, daß er einen Hofrat um den anderen entließ, der nächste war wieder derselbe. Er pflegte seitdem zu sagen: »Es gibt überhaupt keinen Hofrat A und keinen Hofrat B, sondern es gibt nur den Hofrat. Wenn der Mensch beim Baron anfängt, beim Hofrat hört er auf. Und nichts bleibt dann übrig als der Hofrat an sich, ein historisches Gebilde, das zu starr ist, um auch nur einen Tropfen menschlichen Wesens einzulassen.« Denn jetzt fing er an, die ganze Wut seiner schlimmen Erfahrungen, seiner bitteren Enttäuschungen und alle Schuld auf den Beamten zu werfen. Hatte er anfangs den bösen Willen einzelner gewittert, so glaubte er ihn jetzt im ganzen System zu sehen, und allmählich schien es ihm der eigentliche geheime Sinn der Bureaukratie zu sein, das Regieren zu vereiteln. Und wie es schon seine Art war, sich mit allem auszusöhnen, sobald es ihm begrifflich klar wurde und sich ihm gar eine reine Formel dafür bot, fing er nun eifrig Beweise zu sammeln und alles aus der Geschichte heranzuziehen an, was irgend beitragen konnte, seinen Verdacht zu bestätigen. Die Bureaukratie war ihm jetzt an allem schuld. »Niemand kann Österreich verstehen,« predigte er stets, »der nicht zuvor unsere Bureaukratie begriffen hat. Da ist der Schlüssel zu allem. Und niemand kann uns helfen, der nicht ihrem Unwesen ein Ende macht. Sie bläst aber jedem das Licht aus, der es versucht. Denn sie hat die Macht über alles. So kommen wir nicht aus dem Zirkel heraus, und der Schluß ist – Döltsch.«

Es gelang dem Doktor nicht, der Predigt zu entkommen. »Ich werd dich begleiten«, sagte die Exzellenz. »Ich find's noch gar nicht kühl, ich weiß nicht, ich find's heut wirklich nicht kühl. Und es wird mir ganz gut tun, noch ein bissl zu gehn. Das tut mir immer gut. Ich geh gern. Ich geh noch ein bissl mit dir.«

So schritt das seltsame Paar in der Dämmerung zur Brücke hin. Der große graue Kopf des Arztes mit den unruhigen Augen, der gemeinen Nase und den zerquälten Zügen, wirklich von einer sokratischen Häßlichkeit, die nur durch den weichen, sinnlichen, fast frauenhaften Mund gelindert war, saß auf einem ganz kurzen schmalen Leib von der größten Jugendlichkeit der Bewegungen. Wer ihn von hinten sah, wenn er so für sich, stets kerzengerade, den Kopf himmelan, schnellend und gleichsam federnd, mit Ungeduld seinen Weg nahm, hätte ihm kaum dreißig Jahre gegeben und erschrak, bei einer Wendung plötzlich sein ganz altes, verheertes, zerfallenes Gesicht zu sehen. Neben ihm nahm sich die wankende Masse der Exzellenz wunderlich aus, die sich schnaufend langsam vorwärts schob, bei jedem Schritt das ganze Gewicht wieder auf den anderen Fuß umladend, wovon sie in einem fortwährenden regelmäßigen Schwanken war, das nur manchmal durch ein aufstoßendes und über den ganzen ungeheuren Körper rumpelndes Glucksen unterbrochen wurde. Mit der linken Hand hielt die Exzellenz den Doktor fest, um seinen eiligen Schritt, der sich in der Ungeduld immer wieder vergaß, zu mäßigen. Von weitem sah's in der Dämmerung aus wie ein unglücklicher dicker alter Mann mit einem losfahrenden Köter, der an der straffen Leine zieht und zerrt und seinen atemlosen Herrn nachschleift.

»Warum rennen wir denn eigentlich so?« schnaufte Klauer klagend. »Wir brauchen ja nicht so zu rennen.«

Der Arzt blieb stehen, nach dem rauschenden Flusse horchend. Die Exzellenz sagte: »Du kannst das ganz deutlich schon im achtzehnten Jahrhundert sehen.« Der Arzt erschrak vor dem Schall der plötzlich aus dem Dunkel brechenden Stimme. »Was denn?« rief er. Die Stimme schwoll: »Ich meine, wie diese Bureaukratie –« Der Arzt sagte, sich besinnend: »Ach, du erklärst noch immer Österreich!« Die Exzellenz fuhr fort: »Wie diese Bureaukratie sich aus einem Organ des Staates zu seinem Herrn macht! Was natürlich auch wieder ohne die historische Unfähigkeit unseres erlauchten Adels nicht möglich gewesen wäre. Damit fing's ja an. Bis in die Zeit der Maria Theresia hinein ist ja der Adel in Wahrheit der Regent der habsburgischen Länder gewesen, über welche dem Monarchen doch eigentlich bloß dem Namen nach eine zudem noch jeden Augenblick bestrittene Hoheit zukam. Die wirkliche Macht hätte der Adel in der Hand gehabt; doch es zeigte sich, daß seiner Eifersucht und seiner Gier, Macht zu erwerben, durchaus keine Begabung entsprach, die Macht dann nun auch auszuüben. Es reichte gerade so weit, daß die »Herrschaften« oder, wie das Volk sagte, »die Großen«, jeden anderen zu herrschen verhinderten, womit nun aber ihr Ehrgeiz auch erschöpft war; die Rechte und die Pflichten der Herrschaft selbst zu gebrauchen vermochten sie nicht. Daher der merkwürdige Zustand, in welchem die Maria Theresia die Länder vorfand: ein Zustand der äußersten Gebundenheit und einer vollkommenen Anarchie zugleich. Die Großen ließen niemanden regieren, selbst zu regieren waren sie unfähig, so wurde überhaupt nicht regiert. Maria Theresia erkannte nun, daß ihr Interesse, den Herrschaften die Herrschaft abzunehmen und an das Erzhaus zu bringen, durchaus mit dem Interesse des Volkes, überhaupt endlich einmal beherrscht, das heißt verwaltet zu werden, zusammenging, und dies ermutigte sie zu dem prachtvollen Versuch, aus den Ländern einen Staat, aus Untertanen von ein paar Adeligen Bürger eines Reichs, der Verwahrlosung ein Ende, aus dem Schein Ernst und den Anfang einer gemeinsamen Ordnung zu machen, wozu sie sich nun ein Organ schuf, sozusagen eine Staatshand mit tausend Fingern, die Bureaukratie. Statt sich nun, wie jeder irgend politisch begabte Adel getan hätte, gegen einen solchen Versuch, ihm das Nest auszuheben, irgendwie zu wehren, zog es unserer in seiner Unfähigkeit, die sich bisweilen bis zur Produktivität steigern kann, vor, lieber diesen neuen Stand der Beamten, der zunächst direkt gegen ihn gerichtet war, zu sich herüber zu locken, indem er ihn verstehen ließ, daß er unter Umständen nicht abgeneigt wäre, mit ihm halbpart zu machen und neben sich eine Art von zweitem Adel aufzurichten. Das ist der wichtigste Vorgang unter Kaiser Franz: der Adel nutzt die Stimmung des Schreckens vor der Revolution und Napoleon aus, um die Bureaukratie oben verdächtig, zugleich aber insgeheim sich an sie heranzumachen. Oben wird es so dargestellt, als ob ihr in so gefährlichen Zeiten doch am Ende nicht völlig zu trauen und eine Kontrolle durch den treuen Adel notwendig sei, ihr wird es als rätlich vorgestellt, sich, da man nun doch einmal bedenklich gegen sie geworden, in den Schutz des Adels zu begeben, der sie dann weiter nicht zu stören verspricht, und so scheint der Plan zu gedeihen, der den kaiserlichen, den landesherrlichen Beamten unversehens wieder zum herrschaftlichen machen soll, gegen den er ursprünglich bestimmt war. Und die Rechnung geht schließlich nur deshalb nicht auf, weil die Bureaukratie, die die besten Köpfe des jungen Bürgertums an sich genommen hat, klüger als der Adel ist und, indem sie unter der Decke das Geschäft mit ihm zu machen scheint, ihn doch zuletzt um den Profit betrügt. In die Rolle des zweiten Adels findet sie sich gern, die »Familien« kommen auf, in welchen vom Vater auf den Sohn das heilige Geheimnis der Routine vererbt wird; und man läßt sich herbei, dafür unter sich auch einmal einem Adeligen ein Plätzchen zu gönnen, wo er vor dem Volke den Herrn spielen und sich einbilden darf, den Staat zu lenken. Sie macht's nämlich umgekehrt, als damals der Adel bis zur Maria Theresia tat: den Schein der Macht leiht sie willig her. wenn ihr dafür nur die wirkliche bleibt. Diese aber häuft sie emsig bei sich auf, indem sie bald der Faulheit des Adels schmeichelt, die sich gern jede Arbeit von scheinbar so gehorsamen Dienern abnehmen läßt, bald mit dem aufstrebenden Bürgertum droht und alle Schrecken des Aufruhrs an die Wand malt, schließlich aber auch keine Gelegenheit versäumt, das alte Mißtrauen, das man ganz oben noch immer gegen einen zu starken Adel hat, anzufachen, um ihn damit zu jeder Zeit abschrecken zu können, wenn er doch einmal ernsthaft daran dächte, den ausbedungenen Gewinn einzufordern. Wozu es freilich schon deswegen nicht kommt, weil unser vortrefflicher Adel ja eine Heidenangst hat, einmal etwas leisten zu müssen, und seelenvergnügt ist, wenn man ihm nur garantiert, daß er auch fernerhin von Staats wegen ausgehalten werden soll, unter welcher Bedingung er jeder Revolution, jeder Verfassung, der Herrschaft jeder Klasse mit derselben Begeisterung zustimmen würde, denn alles andere ist ihm gleich. Dies aber zuzulassen und den Schmarotzer gewähren zu lassen, hat die Bureaukratie ihren guten Grund, weil sie eine Deckung braucht, nach oben nämlich, wo sie auch wieder bangemachen und geheimnisvoll drohen und sich unentbehrlich zeigen können will. Denn wenn es dem Adel nicht gelungen ist, den landesherrlichen Beamten sachte wieder in einen herrschaftlichen zu verwandeln, der Beamte selbst hat sich verwandelt, er ist jetzt längst kein landesherrlicher mehr, selbstherrlich ist er geworden und versteht fortan den Staatsdienst so, daß er es nun ist, der sich des Staates bedient. Und er ist kein gnädiger Herr, kannst mir glauben! Wer ihm quer kommt, den köpft er. Und wehe, wenn es einmal so weit ist, daß ihm der Staat selbst in die Quere zu kommen scheint! Er wird sich nicht lange bedenken, er gibt nicht Pardon, er köpft auch den Staat. Vielleicht sind wir schon so weit, dem Döltsch wäre es zuzutrauen. Nun sieh aber, da heißt es immer, daß wir einen starken Staat brauchen! Wenn du nun den Staat stärkst, was geschieht? Wen machst du stark, als wieder das Staatsorgan zunächst, die Bureaukratie, die ja sozusagen das Maul und der Fang des Staats ist und alle Macht wegschnappt? Und so drehen wir uns immer im Kreise, du kannst nirgends an den Staat heran, die Bureaukratie steht vor, du kannst sie nicht treffen, der Schlag trifft ihn, du darfst ihn nicht stärken, sonst stärkst du sie, du kannst sie nicht entbehren, denn du hast kein Mittel als sie, aber dieses Mittel hat seinen eigenen Zweck aufgefressen und ist davon so fett, daß es fast erstickt, und auch das kann man nicht einmal wünschen, denn dann steht überhaupt alles still, dann hört's überhaupt auf, und so sitzen wir da! Dieser Döltsch verdankt ja seinen ganzen Erfolg nur der Bureaukratie, denn er hat sie begriffen, und während er eine Partei mit der anderen zugleich bedroht und anlockt, jeder Klasse sich bald zu nähern, bald wieder sich von ihr zu entfernen scheint, jetzt den Adel durch das Volk, jetzt den Handel mit dem Grundbesitz einzuschüchtern weiß und jeder Partei, jeder Klasse, jeder Nation mit der Herrschaft winkt, ist es in Wahrheit eine einzige Herrschaft bloß, die er aufgerichtet hat, die Alleinherrschaft der Bureaukratie. Was mir so vorkommt, als ob ein Klavier sagen würde: ich will überhaupt niemanden auf mir spielen lassen, damit mich niemand verstimmt! Das ist das einzige Programm, das der Döltsch hat. Und jetzt steht es da, das selbstspielende Klavier, und alle tun, als wenn der Stein der Weisen gefunden wäre! No, ich bin begierig, was es uns noch alles aufspielen wird! Es wär ja zum Lachen, das selbstspielende Klavier, ä, ä!« Und indem er vor dem kleinen Hause des Doktors stehenblieb, schlug er wieder sein glucksendes Lachen an. Aber dann reichte er dem Doktor, der den Schlüssel nahm, um aufzusperren, seine gichtische Hand hin und sagte: »Wenn's nur nicht so furchtbar traurig wär! Traurig, traurig! Es ist eine traurige Zeit!«

Der Arzt schloß die Türe auf und sagte: »Und die Menschen sind so fröhlich.«

»Wer denn?« fragte die Exzellenz ganz erschrocken.

»No ich, zum Beispiel«, sagte Tewes.

»Ja,« sagte Klauer, weil du keinen Sinn fürs Allgemeine hast.«

Der Arzt sah den alten Freund lächelnd an und sagte: »Und du?«

Klauer verstand ihn nicht und fragte: »Was, ich?«

Tewes erwiderte: »Du bist ja eigentlich auch ganz vergnügt. Du willst nur nicht.«

Die Exzellenz schnaubte: »Ich? Ich? Wieso denn? Ich bin vergnügt? Seit wann denn? Nie! Nie war ich vergnügt! Nie!« Und indem er den Vokal durch seine breite Nase schwellen ließ, wandte er sich zornig um und ging, mürrisch grüßend. »Gute Nacht, gute Nacht.«

Der Arzt blieb lächelnd an der Türe. Richtig sah er auch, wie Klauer nach einigen Schritten anhielt, noch ein wenig zu zaudern schien, dann aber umkehrte, wieder zu ihm kam und unentschlossen vor ihm stand. Und schließlich sagte die Exzellenz: »Möchtest du nicht, möchtest du mich nicht ein Stück zurückbegleiten, möchtest du nicht? Nur ein Stück, bis zur Brücke? Es ist so finster.« Und zornig setzte er hinzu: »Natürlich, wenn der Herr Bürgermeister mit dem Herrn Bezirkshauptmann im Krätzl sitzt, wird für den Ort nie was geschehen und man kann sich die Haxn brechen! Du aber bist fröhlich! Fröhlich!« Und dann bat er wieder: »Nur ein kleines Stückl, bis zur Brücke, schau!«

Tewes sagte: »Wenn du mir versprichst –«

»Ja«, beteuerte die Exzellenz.

»Mir jetzt wenigstens,« sagte der Arzt, fast feierlich, »wenigstens eine Woche lang Ruh zu geben –«

»Ja«, wiederholte Klauer.

Der Arzt schloß die Türe wieder ab. »Die ganze Woche will ich jetzt kein Wort von Politik mehr hören.« Er nahm die Exzellenz unterm Arm und schob sie fort. »Ich muß ja das alles erst wieder ein bißl verdauen, nicht?«

»Ja! Ja natürlich«, sagte Klauer, der jetzt mit allem einverstanden war. So gingen sie langsam Arm in Arm den dunklen Weg. Plötzlich fing Klauer zu lachen an und sagte: »Wie damals, weißt? Als Studenten! Damals in Prag! Da war's auch so: zuerst hab ich dich nach Hause begleitet und dann hast du mich zurückbegleitet und dann wieder ich dich, und so sind wir oft die ganze Nacht durch die alte Stadt spaziert! Aber damals warst es du, der in einem fort geredet hat. Gott, war das eine schöne Zeit! Und ich hab dich damals so bewundert, ich hab gemeint, weiß Gott, was alles aus dir werden wird!«

»Und jetzt siehst,« sagte Tewes, »daß nichts aus mir geworden ist.«

»No, no«, sagte Klauer. »Das kann man ja nicht sagen. Schließlich bist du Professor und, und –« Er fing wieder zu glucksen an. »Und, und Buddhist bist auch und Anarchist, was will man denn noch? Aber im Ernst! Ich denk mir's oft, um dich ist schad, die Wissenschaft hat viel an dir verloren, ich begreif dich nicht.«

»Nein«, sagte Tewes.

Klauer fuhr zu jammern fort. »Eine solche Stellung, wie du in Prag gehabt hast, einfach wegzuwerfen! Und warum? Warum? Noch ein Jahr, und du wärst nach Wien gekommen!«

»Ja«, sagte Tewes. »Und wär dort auch wieder der gefeierte Mann der Wissenschaft gewesen! Ja. Aber ich habe mich zu sehr geschämt, ich habe sie zu sehr gehaßt, diese nur wissenschaftliche Medizin, die nichts als wissen will und zufrieden ist, wenn sie nur ihre Diagnose in der Leiche bestätigt sieht! Mein lieber Freund, wenn ich einem einzigen Menschen seinen Schnupfen kurier, das ist mir mehr als alle Wissenschaft. Den kleinsten Schmerz ein bißchen lindern, dem ärmsten Menschen ein bißchen helfen können, dafür gebe ich allen Ruhm der Gelehrsamkeit her. Aber das verstehst du nicht. Du bist ja auch so.«

»Wieso denn?« fragte Klauer, verblüfft. »Inwiefern bin ich denn auch so? Das möcht ich wirklich wissen.«

»Alle seid's ihr so«, sagte der Arzt. »Ihr wollt immer alles nur begreifen, der Verstand soll's machen, und wenn ihr die Welt nur versteht, glaubt ihr, alles sei getan. Mir aber ist angst und bang geworden in meinem kalten Wissen, ich habe mich nach lebendigen Menschen gesehnt. Und ich habe sie ja gefunden. Ein paar Menschen haben, die man gern hat, und mit ihnen fröhlich und traurig sein, alles andere ist Schwindel und Selbstbetrug. Wenn jeder nur fünf Menschen hätte, denen wohlzutun ihm eine Freude macht, und jeder von den fünf wieder fünf und so fort, dann würde eure politische Weisheit auch bald zuschanden, deine und die vom Döltsch, es ist gar kein so großer Unterschied. Aber da sind wir schon an der Brücke, dort scheint die Laterne her, gute Nacht!« Und er ließ die Exzellenz stehen und schoß ins Dunkel zurück.

»Der wird schon recht alt und wunderlich«, dachte Klauer, indem er seine wankende Masse, schnaufend, langsam nach Hause schob.

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