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Die Hexe Drut

Hermann Bahr: Die Hexe Drut - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Bahr
titleDie Hexe Drut
publisherSieben Stäbe-Verlags- und Druckereigesellschaft
printrun6. bis 55. Tausend der Gesamtauflage. 1. bis 50. Tausend der Neuausgabe.
editorLyonel Dunin
year1929
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20071204
modified20171128
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Vierzehntes Kapitel.

Drut fuhr aus dem Schlaf. Es war ihr wie ein Schlag oder Stoß an die Läden gewesen; und dann ein ungeheueres Schwirren und Schreien aufgeschreckter Vögel, im Garten. Horchend saß sie. Nein, sie hörte nichts. Sie legte sich wieder, immer noch horchend. Nein, es war ganz still. Aber sie konnte nicht mehr einschlafen. Sie setzte sich wieder auf, hinausgestreckt, und horchte. Im Zimmer war's noch finster, aber an den Ritzen der Läden pfiff das schnöde schielende Gelb der Dämmerung schon herein. Sie hatte plötzlich Angst und schrie nach der Alten. Die schwarze schlurfende Frau kam. »Hast du nichts gehört?« fragte Drut. Die Alte schüttelte den schweren Kopf. »Bleib hier«, sagte Drut, »leg dich auf den Diwan!« Leise sagte sie noch: »Als hätte wer ans Fenster geschlagen!« Sie horchte wieder hinaus und wiederholte: »Als hätte wer ans Fenster geschlagen, war's. Es wird der Wind gewesen sein.« Sie ging zum Fenster und stand horchend. In Angst sagte sie dann: »Ich höre keinen Wind, es ist aber ja ganz still, ich höre nichts.« Sie stieß die Läden auf. Starr stand der Garten, so groß schienen die steifen Bäume, ein verwaschen gelber Dunst hing herum. Sie horchte nach einem Vogel, nach einem Wind, sehnsüchtig nach einem Hauch; eine Stimme hätte sie gern gehört, in dieser warmen Stille. Nein, nichts.

Sie legte sich wieder. Sie konnte nicht einschlafen. Sie wälzte sich. Plötzlich stand sie wieder auf, nahm ein Tuch um und ging in das andere Zimmer. Das Klavier öffnete sie, die Hand griff wie um Hilfe in die Tasten, da fand sie das Andante der neunten Sinfonie. Wie von selbst klang es ihr auf, bis in den fünften Takt, da standen ihre Finger wieder still. Und wieder begann sie, wieder und wieder. Immer die ersten vier Takte, bis in den fünften. Wie wenn man im Fieber eine starke stille Hand auf der Stirne fühlt, war ihr, eine zärtlich Trost gebietende Hand. Als sie erwachte und wieder durch die Fenster sah, schien alles zu weichen, der Nebel begann zu fließen, der nackte Morgenwind sprang aus dem Busch. Sie ging zur Alten zurück und sagte: »Mach Licht! Hol den Koffer vom Boden. Aber still, daß die Vroni nicht aufwacht. Und pack das Nötigste. Wir müssen fort.«

»Wären wir nie gekommen!« sagte die Alte, mit ihrer schwarzen, schweren, schleppenden Stimme.

Drut nickte langsam. »Ja, du hast es immer gesagt!« Sie stand, ihren kleinen blonden Schopf aufsteckend. Dann sah sie mit ihren unruhigen suchenden Augen über das Zimmer hin. Ängstlich schwamm das kleine Licht der flackernden Kerze durch die Dämmerung. Sie ging in alle Zimmer und stieß alle Fenster auf. Und dann durch alle Zimmer hin und her. Und immer wenn sie wieder an das Klavier kam, nickte sie ihm zu und diese schluchzenden und tröstenden Klänge waren noch immer bei ihr. Dann blieb sie stehen und sagte lächelnd: »Nein, nicht weinen! Warum denn? Nicht weinen!« Aber vor ihrer Stimme, wie sie durch das große leere Zimmer glitt, erschrak sie. Da hatte sie keine Kraft mehr und mußte sich setzen, mit schlaffen Händen.

Dann wollte sie sich erinnern. Was hatte sie denn noch vergessen? Sie wußte, sie hatte was vergessen. Es quälte sie, sie fand es nicht. Sie zog die bösen Falten an der Stirne, blinzelnd; und fragend hing ihr armer Mund.

Bis ihr einfiel: »Ich muß ihm noch schreiben! Nur damit er weiß, daß ich einfach fort bin, und sich nicht unnötig ängstigt oder mich suchen läßt. Und ihm doch auch erklären – nein! Nein, sonst nichts! Nein, wozu? Vorbei!«

Und laut hörte sie sich auf einmal da sagen: Vorbei. Und sie wunderte sich, wie hart und kalt ihre Stimme klang. Und jene schluchzenden und tröstenden Töne gingen mit ihr, als sie das Zimmer verließ, um Papier und Tinte zu suchen.

In der Ahnengalerie setzte sie sich an das Tischchen und begann zu schreiben. Da sah sie, beim Schein der dünnen Kerze, ihr Gesicht im Wandspiegel flackern; ganz weiß war es, und so alt, daß sie sich erst gar nicht erkannte. Sie stand auf und setzte sich gegenüber; da hatte sie an der anderen Wand das Bild des alten Hofrats Furnian vor sich, mit seinem spitzen boshaften Vogelkopf und dem hämischen kleinen Lachen an seinen dünnen eingezogenen Lippen. Sie sah ihn an, er schien in dem wankenden Licht leise zu hüpfen. Dann erblickte sie das Papier auf dem Tisch und die Feder in ihrer Hand, jetzt dachte sie: »Ja, so! An ihn schreiben!« Aber es quälte sie so, sie konnte nichts finden, sie konnte sich gar nicht mehr erinnern.

Endlich schrieb sie doch mit ihrer festen feierlichen ausgreifenden Schrift; »Ich komme nicht mehr! Laß Dir's gut gehen und vergiß Deine Drut.« Sorgsam legte sie das Blatt hin und stellte das Tintenfaß darauf; sonst war der Tisch leer, er fand es sicher gleich. Aber von der Türe kam sie noch einmal zurück, setzte sich wieder und schrieb noch unter ihren Namen hin: »Die Dich nie vergessen und immer lieb behalten wird. Adieu!« Noch etwas wollte sie schreiben und saß da, die Feder in der Luft. Aber sie fand nichts mehr, so ließ sie's und stand auf. Da lag das weiße Blatt mit ihrer großen runden Schrift auf dem Tischchen in dem leeren Zimmer, die Kerze ließ sie dort.

Die Alte kam und fragte, ob sie's nicht auf morgen verschieben könnten; heute nachmittag kommt erst die Wäscherin noch.

Drut sagte: »Nein, gleich. Mit dem nächsten Zug.«

Die Alte fragte: »Wohin?«

Drut sagte: »Wohin er geht.«

Die Alte ging in den Zimmern herum, einpackend, mit ihren langsamen schlurfenden Tritten.

Drut saß vorgebeugt, mit hängenden Händen.

Plötzlich sagte die Alte: »Sie sind unschuldig. Sie haben doch gar nicht wollen. Er ist schuld. Er hat doch immer gesagt: er kann alles, er darf alles, er ist stark. Der Narr! Sie sind unschuldig!«

Nach langer Zeit sagte Drut: »Was nützt mir das jetzt?«

Dann hörten sie läuten und an das Tor schlagen. Die Alte ging hinab. Der Gendarm trat ein und sagte, mit seiner schweren Stimme rasselnd: »I kann nix dafür. I weiß gar nix. Mir is bloß g'sagt word'n, daß ich die Frau Baronin vorführen soll.«

Als es ihr die Alte meldete, nickte Drut und sagte. »Gut. Er soll hereinkommen.« Sie stand auf und ging durch das Zimmer, mit leichten Schritten schwebend, ein wenig schief, wie es ihre Gewohnheit war, einem aufschießenden kleinen Vogel gleich. Durch das ganze Zimmer rund herum flatterte sie so.

Der Gendarm blieb verlegen an der Türe.

Sie sagte: »Guten Morgen, Heiterer! Muß es gleich sein?«

Der Gendarm sagte: »Ich tät schon bitten, Frau Baronin.«

Sie sagte: »Ich zieh mich nur schnell an. In zwei Minuten bin ich fertig. Nehmen Sie sich ein paar Zigarren dort!«

Der Gendarm wischte sich mit einem rauhen blauen Tuch den Schweiß ab.

Sie kam zurück. Sie trug den kurzen Rock aus grünem Loden und den steirischen Hut mit dem breiten Band und dem Gamsbart. Sie sagte: »So, Heiterer!«

Der Gendarm schulterte das Gewehr und sagte: »Wann's also gefällig is –«

An der Türe blieb sie stehen und sagte: »Ja, aber ich muß doch meinem Mann eine Nachricht geben. Oder weiß er's schon? Er soll ja heute zurückkommen.«

»Wissen's denn noch nix?« fragte der Gendarm Heiterer, leise. »In der Früh haben's ihn g'funden. Draußen vor der Gartenmauer. Im Amt drin liegt er.«

Drut sah ihn an. Er sah weg. Da brauchte sie nicht mehr zu fragen.

Sie sagte: »Also gehen wir.«

Unten sagte Heiterer: »Wir müssen aufs Bezirksgericht. Sie wissen ja den Weg, Frau Baronin.« Er ließ sie vor. Dann ging er auf die andere Seite. Dort folgte er ihr langsam, einige zwanzig Schritte hinter ihr.

Der Tag wurde warm. Die liebe Sonne kam heraus. An den Sträuchern waren über Nacht die grünen Spitzen aufgesprungen.

An der Brücke blieb sie stehen. Der Gendarm kam ihr nach und sah hinüber. Da war alles voll Menschen. Er sagte: »Da wird's wohl besser sein, ich geh voraus. Und haltens Ihnen nur an mich an, Frau Baronin! Sonst kommen's nich durch.«

»Einen Augenblick, Heiterer!« sagte sie und lehnte sich ans Geländer. Unten schlug der starke Fluß an. Sie hörte das Wasser unten rauschen; und drüben die Menschen.

Die schwarze Menge schob sich vor. In der Früh war es durch den Ort gerannt: Der Bezirkshauptmann hat sich erschossen, die Baronin wird verhaftet! Und alle heraus auf die Gasse, fragend und drängend, jeder wußte noch mehr: sie hat geheiratet, ohne noch von dem anderen geschieden zu sein, und der sitzt im Kerker, ein Mörder ist der! Und: sie soll ihren eigenen Vater ermordet haben! Und: Nein, sie nicht, aber den Mörder ihres Vaters hat sie geheiratet, was doch eigentlich noch viel gräßlicher ist! Und: Der arme Bezirkshauptmann, so ein schöner Mensch und so wirklich ein freundlicher Herr, nein schrecklich! Und: Aber man hat's ihr doch angesehen, das hat doch ein jeder gewußt, daß da etwas nicht stimmt! Und: Das kommt aber davon, wenn den jungen Herrn keine gut genug ist, als ob wir nicht die schönsten Mädln hätten im Ort! Und: Der Heiterer ist schon hin und holt sie, gleich müssen's kommen! Und aus den Häusern und aus den Läden alle zur Brücke hin, schreiend gedrängt, das Schauspiel erwartend.

»Frau Wiesinger!« schrie der kleine Jautz, winkend. »Da kommen's her, Frau Verwalterin! Steigen's nur ein, heben's nur die schönen Haxerln ein bißl und steigen's ein, alle haben wir Platz! Ich sag's ja, ich bin halt immer der Gescheitere: ich hab mein Wagerl einspannen lassen, daß man alles schön in Ruhe sehen kann und nicht erstickt in dem Gedräng! Ich will meine Bequemlichkeit haben, ich war g'scheit! Die Ida rückt ein bisserl, da sitzen's wie in einer Losch, Frau Verwalterin! Wann ma sich da unter die Menschen stoßen und schieben muß, nein, das is nur der halbe Genuß! Und es kommt auch zu leicht der holde Busen in Gefahr, schöne Frau Verwalterin, das kennt man doch, dem Herrn Jautz werden's nix erzähl'n!«

»Aber Flori!« sagte die Frau Jautz.

»Kommt schon!« schrie Herr Jautz, auf den Bock zum Kutscher kletternd. »Kommt schon, kommt schon, kommt schon, jetzt geht's los! Sehn's den Heiterer? Sehn's wie sein Bajonett in der Sonn glänzt? Und ein Glück haben wir, daß ein so ein schöner Tag is! Aber was war denn jetzt das? Was is denn, was g'schieht denn? Warum bleiben's denn stehn? Jessas, anlahnen muß sie sich, immer vornehm, bis zum letzten Moment, immer noch die feine Dame, hat's nötig! Da siecht man wieder, was sich bei uns eine Baronin alles erlauben darf! Und der Herr Schandarm steht schön gemütlich dabei und gibt noch acht, damit ihr nur ja nicht am End was g'schieht, der Mörderin!« Und zappelnd schrie er, mit den Händen über die Menge fuchtelnd: »Mörderin! Mörderin!«

»Aber Flori!« sagte die Frau Apothekerin, mit ihrer tiefen ängstlichen Stimme.

Der Apotheker warf sich auf dem Bock herum. »No is es nicht wahr? No bitte! Wie nennt man die Frau von einem Apotheker? Frau Apothekerin sagt man! Und die Frau vom Herrn Verwalter ist die Frau Verwalterin und die Frau vom Herrn Bergrat ist die Frau Bergrätin und wenn der Herr Gemahl von der Frau Baronin ein Mörder ist, hat also der Jautz ergo recht, wann er sagt: Mörderin! Ehre, wem Ehre gebührt, das is dem Herrn Jautz sein Prinzip!« Und wieder schrie er, in die Menge winkend: »Mörderin! Mörderin!«

Vor dem Hotel Erzherzog Karl stand das ganze Personal, der Koch, die Mägde, die Kellner, die Liftjungen, die Knechte, der Portier, auf der historischen Bank aber der kleine Wirt mit der dicken Wirtin, und alle schrien jetzt: »Mörderin! Mörderin!«

Der kleine Jautz schrie: »Hört's zu, hört's zu, das is nix, da is kein Takt drin, das hat keinen Schwung! Paßt's einmal auf, hört's mir zu, aufgepaßt!« Und indem er die Hände hob und den Takt dazu schlug, begann er, die Silben abteilend, mit den zappelnden Füßen auf den Bock stampfend: »Mör-de-rin, Mör-der-rin, eins, zwei, drei, Mör-der-rin!« Und alle fielen ein, kreischend und johlend: »Mör-der-rin, Mör-der-rin!« Und Herr Jautz schlug den Takt und sang im Takt: »So is gut! Mör-der-rin! Ganz famos!«

Da rief der Herr Verwalter Wiesinger zum Hotel hin: »Herr Wirt! Herr Wirt! Möchten's nicht vielleicht einen Fauteuil holen lassen, damit sich's die Frau Baronin bequem machen kann, da drüben! Das g'hört sich doch, für so eine Dame!«

Und der kleine Jautz schrie lachend: »Einen Fauteuil für die gnädige Frau Mörderin! Ja, der Herr Verwalter halt! Ja, wir zwei halt! Einen Fauteuil! Der Herr Schandarm wünscht einen Fauteuil!« Und er drehte sich um und sagte mit Empörung in den Wagen hinein: »Es is ja wirklich ein Skandal! Sie schaut sich gemütlich das Wasser an und der Schandarm steht dabei und wartet auf! Wo bleibt da das gleiche Recht für alle?«

Die Frau Bergrätin fragte den Bergrat: »Muß sie denn aber auch das fesche grüne Hütl aufhaben? Bei solchen Gelegenheiten soll man sich doch etwas dezenter kleiden. Nicht, Hauschka?«

Der Bergrat sagte: »Sie hat's ja vorher nicht gewußt. Aber wollen wir jetzt nicht lieber gehen?«

Die Frau Bergrätin sagte: »Nur noch ein bißchen, Hauschka! Man lacht uns ja so schon aus, weil wir gar nichts mitmachen.«

Und Mör-der-rin, Mör-der-rin! stieg es aus der schwarzen Menge und: einen Fauteuil! und: Heiterer, was is denn? vorwärts, Heiterer! und ein Lachen und ein Pusten und ein Schnauben, dampfend und prasselnd.

Drut konnte die Worte nicht verstehen. Sie hörte nur das Hallen der schwarzen Menge drüben. Fragend sah sie den Heiterer an, mit ihren flirrenden Augen.

»Ja«, sagte der Gendarm. »Durch die Menschen müssen wir halt durch. Dös is immer das Schwerste!«

»Gleich«, sagte Drut, mit sinkender Stimme.

»Wir hab'n ja Zeit«, sagte der Gendarm. Und während sie wieder, auf das Geländer der hölzernen Brücke gestützt, ins Rauschen des schwellenden Wassers sah, stand er gegen die schwarzen Menschen hin wie eine Schildwache.

Lackner, eben mit dem Bezirksrichter vom alten Platz kommend, sagte beim Erzherzog Karl: »Womit ich die Ehre habe, Herr Bezirksrichter!« Er wollte durch die Kreuzgasse fort. Der Bezirksrichter hielt ihn am Ärmel.

»Lackner!« blies Öhacker, erhitzt und schnaufend; sein Kropf war rot, die stieren Augen standen weit auf. »San's nöt fad, Lackner! Bleiben's da!«

»Danke«, sagte Lackner. »Ich muß nicht von allem haben.«

»Himmelherrgottsakra!« gröhlte der Bezirksrichter und zog fluchend seine Hose herauf, den Riemen zuschnallend. »Was ham's denn, Lackner? Mir scheint, mir scheint! Schamen's Ihna, Lackner! Na, na, junger Herr! Nur nöt wehleidig sein, junger Herr! Warum denn? Grad das Menscherl möcht Ihna erbarmen, was? So seid's ihr, schamt's enk! Warum denn grad die? Lackner, Lackner, pfui Toifl! Grad so a Menscherl, da werd'ts auf amol windelweich, haha! Warum denn, Lackner? Do wär'n andere da!« Er hielt den Adjunkten noch immer am Arm fest und stierte hinaus. »San's nöt blöd, Lackner! Do wär'n andere da, Kreizsakra! Aber da erbarmt si koaner! Über so a Menscherl aber wurd er kasweis, der mitleidige Herr! Na, Lackner, na, na, bleibens nur da! A jed's hat sei Ölend! Mistig is das Menschenleben! Do gibt's nix! A Dreck, mistig, an Ölend, da gibt's für koan a Extrawurscht! Bleiben's nur da, Lackner! Das ganze Krätzl is beinand.«

»Danke«, sagte Lackner. »Ich bin keiner von hier. Habe die Ehre!« Und mit einem Stoß riß er sich los und rief dem Taumelnden und Schimpfenden noch zu: »Ich hab der Theres versprochen, daß wir zum Bachlwirt radeln. Es ist der erste schöne Tag heuer.«

»Viechsakra!« fluchte der Öhacker. »Wehleidige Bagasch!«

»Nicht so weit vor!« sagte der Domherr zur Vikerl. »Du kannst es von hier ganz gut sehen. Ich will nicht, daß du in das Gedränge kommst, verstanden?«

»Ja, Onkel!« sagte die Vikerl, gehorsam. Sie ging vor dem Domherrn immer hin und her, mit großen einknickenden Schritten, den Hals nach der Brücke gestreckt. Entsetzt hingen ihre schwarzen Augen aus dem breiten verblasenen und zerfahrenen bleichen Gesicht, ihre langen Arme zuckten.

»Und du mußt dich halt auf die Zehen stellen, mein kleiner Antonio!« sagte die Hofrätin lustig. »Warum bist du so ein Zwergerl? Und die Augen, die er macht, hu! Regt dich das auf, kleiner Antonio, was? Wie das nackte Bajonett in der Sonne blitzt! Schau!« Und der gütige stille Mund der frommen alten Frau lächelte froh.

»Halte dich doch still!« sagte der Domherr zur Vikerl. »Was drehst du dich immer? Stelle dich ruhig zu mir her!«

»Ja, Onkel!« sagte die Vikerl, mit ihrer gehorsam zuklappenden Stimme.

»Ich habe dich mitgenommen,« fuhr der Domherr fort, leise der Vikerl ins Ohr, die neben ihm gierig mit vorhängendem Gesicht stand, »ich habe dich mitgenommen, damit du einmal vor deinen Augen das Ende hast, das Ende, wohin man kommt, ohne Glauben, ohne Zucht, ohne Gehorsam, von den Freuden dieser Welt verlockt! Das war eine Frau von hohen Gaben, einer nicht gewöhnlichen Bildung des Geistes und allen Anlagen für ein glückliches Leben, ja! Und nun sieh, was daraus geworden ist, weil sie nicht die Kraft hatte, der bösen Lust zu widerstehen! Dies ist es, mein Kind, dies soll dich ihr furchtbares Beispiel lehren!« Er neigte sich ein wenig vor, dicht an das Ohr der Horchenden, und sein mächtiger Mund sprach in dem sanft drohenden Ton eines Beichtigers, ölig troffen die gelinden Worte: »Sieh hin, mein Kind, und lerne davon, es kann dir für das ganze Leben sein! Gott hat den Menschen die böse Lust in die Brust gesetzt, nach seinem unerforschlichen Ratschluß; wir müssen sie leiden, denn unser Leben haben wir, um von Gott geprüft zu werden. Aber wehe dem, der die böse Lust zu löschen glaubt, indem er den teuflischen Verlockungen folgt! Ihm wird der Hölle Schandmal eingebrannt, das Feuer verschlingt ihn, auf Erden schon erreicht ihn der Fluch! Sieh hin, mein armes Kind, sieh hin, wie Gottes Gerechtigkeit mit starkem Arm das geschändete Weib zur Strafe schleift!« Das hagere Mädchen stand zuckend mit gierigen Augen, ihr Kopf sank zurück, der lange Hals schwoll an, die Nase blähte sich auf. Ganz leise sagte der Domherr, sein großes feierliches Gesicht zur Sonne gekehrt: »Gott will, daß wir mit frommem Gehorsam ausharren in der Qual der bösen Lust, Tag um Tag, Nacht um Nacht, mein armes Kind, um darin die Schuld der Menschheit abzubüßen! Dazu hat er uns die böse Lust gegeben, zur Reinigung des Herzens in ihrer Pein, bis wir dereinst würdig sein werden, die stille Seligkeit der Himmlischen zu verdienen! Hast du mich verstanden, Kind?«

Die Vikerl duckte sich und sagte, mit flitzenden Lippen: »Ja, Onkel!«

Milde sagte der Domherr: »Und nun sieh dir deine ehemalige Freundin nur an! Das ist das Ende. Gib aber acht im Gedränge!«

Die Vikerl schoß in die schwarze Menge vor. Die Hofrätin sagte: »Es wird sie sehr angreifen.« Der Domherr sagte: »Laß sie nur! Sie soll das einmal erleben, der Trotz des Menschen muß gebrochen werden. Dann wird sie sich führen lassen.«

»Wenn du meinst!« sagte die Hofrätin, ergeben. Und dem Mädchen, das auf den Schotterhaufen am Ufer neben der Brücke trat, rief sie zu: »Gib acht, die Steine rutschen!« Und sie nahm den Italiener bei der Hand. »Bleib nur schön bei mir, kleiner Antonio! Non avere paura, cucco!« Und indem ihr stilles liebes Gesicht vor Freude ganz jung wurde, fragte sie: »War's richtig? Siehst, es geht schon! Wenn du nur ein bissel Geduld mit mir hast, wird aus mir noch eine perfekte Römerin.« Sie hielt den kleinen Italiener an der Hand, er lachte frech, mit seinen großen weißen Zähnen.

»Jetzt, jetzt, jetzt!« schrie der Apotheker. »Aufpassen, meine Herrschaften, aufpassen, die Gnädige bewegt sich, die Gnädige geruht zu nahen, auf-pa-ssen!«

»Ja, Heiterer!« sagte Drut. »Gehn wir nur!« Und sie schritt aus, mit ihren furchtlosen kleinen Tritten auf die rauchende schwarze Menge zu. Aufrecht trug sie ihr weißes Gesicht, unter dem lustigen Hütl mit dem Gamsbart.

»Lassen's mich voraus, Frau Baronin«, sagte der Gendarm. »Es wird besser sein.« Und er ging vor ihr langsam auf die schwarze Menge los.

Hinten drängten und stießen sie. Die Menge schob sich vor. Drei Schritte vor ihrer Mauer blieb der Gendarm stehen und sagte: »Platz! I muß durch.«

Die Mauer stand. Alles schwieg.

Der Gendarm wendete sich ein wenig und streckte die linke Hand nach ihr aus, um sie zu führen. Wie sie sein großes gutes Gesicht so besorgt um sie sah, mußte sie lächeln.

Da schrie hinten die Stimme des Verwalters grell in die Stille: »Die lacht ja noch! Mir scheint, die lacht noch!«

Und der Apotheker schrie: »Die lacht uns vielleicht noch aus!«

Und die dicke Verwalterin, aus dem Wagen springend und durch die Menge vor, schrie: »Das Luder lacht noch!«

Und der baumlange Reinlich, der alte Kapuziner, in der Menge ganz vorne, schrie: »Die Kleider sollt man ihr aufheben, einer solchen, und 's ordentlich durchpracken, das Mensch!«

Und ein ungeheuerer Schrei stieg auf: »Anspucken! Die Haar ausreißen! Haut's es, das Mistvieh!«

Da schlug ein Stein an die Hand des Gendarmen. Er ließ den Riemen des Gewehrs los. Wiesinger riß seine Frau zurück und sagte: »Bist verrückt? Jetzt schaust gleich, daß d' weiter kommst!« Er zerrte sie weg. Sie lachte gellend.

Es wurde still. »O,« sagte Drut, »Sie bluten ja!« Sie nahm die Hand des Gendarmen.

Der Apotheker schrie: »Jessas, jessas! Nobel möcht's auch noch tun! Hast vielleicht kein Blut noch nie gesehen, ha?«

Da sank Drut blutend um, von einem Stein getroffen.

Kreischend schlug die Vikerl auf den Schotter hin, mit den Steinen in der geschlossenen Faust.

Der Domherr sagte: »Helft mir, Ihr guten Leute, das arme Mädchen fortzubringen! Sie hat sich so erschreckt.« Und er hielt in seiner Hand ihre geschlossene Faust fest.

Die Menge wich. Der Gendarm, neben Drut kniend, sagte: »Lauft's doch einer um einen Doktor.« Sie standen um ihn her und rührten sich nicht.

Eine Huppe blies. Sie drehten sich um und traten zurück, das rote Automobil der Rahl erkennend. Die Rahl ließ halten. Der Gendarm hob die tote Frau hinein. Die Rahl schlug ihren großen schweren Mantel um sie und deckte ihr stilles weißes Gesicht zu.

»Das gibt einen schönen Bericht für die Wiener Zeitungen, Herr Verwalter,« sagte der Apotheker, »aus Ihrer bewährten Feder! Ich freu mich schon. Und vergessen's die gefeierte Rahl mit dem roten Automobil nicht, da haben's gleich eine poetische Wendung zum Schluß!

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