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Die Hetärenbriefe des Alkiphron

Alkiphron: Die Hetärenbriefe des Alkiphron - Kapitel 43
Quellenangabe
typenarrative
authorAlkiphron
titleDie Hetärenbriefe des Alkiphron
publisherVerlag der Gesellschaft für graphische Industrie
editorFranz Blei
year1924
firstpub1924
illustratorJulius Zimpel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectidf1f06bf6
wgs9110
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Leontium an Lamia

. Gewiß, nichts muß unangenehmer sein als ein Alter, der auf das neue kindisch wird. Welches Benehmen des Epikurs gegen mich! Seine Zanksucht richtet sich gegen alles, auf alles wirft er Verdacht; die Briefe, welche er an mich schreibt, sind unauflöslich und ich werde recht mit Gewalt seinen Garten zu verlassen gezwungen. Bei der Venus! Wäre er auch ein Adonis, dieser beinahe achtzigjährige Greis, er würde mir mit seinen ekelhaften und kränklichen Umständen unerträglich werden, er, der statt der Haare mit dichten Zotten bewachsen ist. Wie lange ist es möglich, einen solchen Weltweisen auszustehen? Er behalte seine Grundwahrheiten von der Natur, seine zweifelvollen Anweisungen zur Vernunftlehre für sich, und lasse mich, als eine freie Person, mit Verdruß und Beleidigungen verschont. Ich habe wirklich an ihm einen kriegerischem Liebhaber, als Du, Lamia, an Deinem Demetrius besitzt. Kann man wohl bei einem Manne dieser Art seine Leidenschaften im Zaume halten? Er will sogar den Sokrates spielen; er zwingt sich, in seinen Gesprächen aufgeweckt und witzig zu sein und mit Geschmack zu scherzen. Seinen Pythokles hält er für einen Alcibiades, und aus mir gedenkt er seine Xanthippe zu machen. Ganz gewiß entschließe ich mich noch, lieber die Flucht, in welches Land es auch sein mag, zu ergreifen, als seine schlecht geschriebenen Briefe länger anzunehmen. Das unerträglichste Unterfangen aber gegen mich ist dasjenige, das diesen Brief veranlaßt hat, denn ich wünschte mir Deine Meinung zu wissen, welche Maßregeln ich ergreifen müsse. Du kennst den reizenden Timarch aus Khepisien. Ich leugne es keineswegs, daß ich gegen diesen Jüngling schon lange zärtlich gesinnt bin; Dir, Lamia, darf ich die Wahrheit gestehen. Er ist beinahe mein erster Lehrmeister in der Liebe; wir wohnten beieinander in der Nähe, und ich fand in seinen Umarmungen mein Glück. Von dieser Zeit an macht er mir beständig die ausgesuchtesten Geschenke; er verehrt mir Kleidungen Geschmeide und schwarze Sklaven und Sklavinnen, anderer Kleinigkeiten zu geschweigen. Er eilt sogar, mir die ersten Früchte der Jahreszeit zu bringen, damit sie niemand eher als ich koste. Und einem solchen Geliebten, sagt Epikur, soll ich ausweichen, soll ich den Umgang mit mir verwehren. Mit welchen Schimpfnamen, glaubst Du, daß er ihn belegt?

.

Seine Ausdrücke sind nicht eines Atheners, nicht eines Weltweisen, sondern eines echten Barbaren, der nach Griechenland gekommen ist, würdig. Ha! Würde auch ganz Athen aus lauter Epikuren bestehen, bei Dianen schwör ich's! ich würde sie alle nicht mit einem Arme meines Timarchs, nicht mit einem Finger vergleichen. Was denkst Du, Lamia, ist das nicht richtig, nicht billig geurteilt? Laß Dir, ich beschwöre Dich bei Cytheren, laß Dir dergleichen Einwürfe ja nicht kommen. Er ist gleichwohl ein Weltweiser; ein Mann von großem Ruhme; der so viele Freunde hat. Er entziehe mir immerhin, was ich besitze, er teile seinen Unterricht andern Personen mit, die Ehrbegierde entflammt mich nicht; laß mich nur, Göttin, meinen Timarch, den ich wünsche, besitzen. Der arme Jüngling! Mir zu gefallen ist er gezwungen, das Lyzeum, seine Freunde und ihre Gesellschaft zu verlassen und dagegen mit diesem Alten zu leben, ihm zu schmeicheln und seine eitlen Sätze zu bewundern. Fliehe, sagt ihm dieser Tyrann, fliehe aus meinem Reiche und meide Leontiums Umgang. Würde nicht mein Geliebter mit mehrerem Recht sprechen: meide sie selbst; sie ist die meinige? Er, als Jüngling, erträgt den Greis, seinen Nebenbuhler, und dieser weigert sich, ihm nachzuahmen, der mit größerem Recht diese Person vorstellt. Bei den Göttern beschwöre ich Dich Lamia, sprich, was soll ich machen? Bei den heiligen Geheimnissen, bei dem Wunsche, diese widrigen Umstände geändert zu sehen! So oft ich mir die Vorstellung mache, vom Timarch getrennt zu werden, überfällt mich eine schnelle Ohnmacht, der Schweiß benetzt meine Glieder, und mein Herz wird umgekehrt. Nimm mich doch, ich bitte Dich, wenige Tage nur bei Dir auf ich will ihn empfinden lehren, diesen Greis, welches Glück er genoß, als ich bei ihm im Hause war. Ich bin überzeugt, er wird diesen Kaltsinn nicht lange aushalten und schnell den Metrodor, Hermachus und Polyän als Bevollmächtigte an mich schicken. Wie oft glaubst Du wohl, Lamia, daß ich ihm, wann ich ihm, wann ich allein um ihn war, sagte: Was machst Du, Epikur? Ist es Dir unbekannt, wie Timokrates, Metrodors Bruder, Dich wegen dergleichen Sachen in den öffentlichen Versammlungen, in den Schauplätzen, bei den andern Sophisten lächerlich macht? Aber was ist mit ihm anzufangen? Die Liebe macht ihn unverschämt. Gut; so will ich gleichfalls, seinem Beispiel nach, unverschämt sein und von meinem Timarch nicht ablassen. Lebe wohl.

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