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Die Hetärenbriefe des Alkiphron

Alkiphron: Die Hetärenbriefe des Alkiphron - Kapitel 36
Quellenangabe
typenarrative
authorAlkiphron
titleDie Hetärenbriefe des Alkiphron
publisherVerlag der Gesellschaft für graphische Industrie
editorFranz Blei
year1924
firstpub1924
illustratorJulius Zimpel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created201309
projectidf1f06bf6
wgs9110
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Thais an Euthydemus

. Seitdem Dir eingefallen, Dich der Weltweisheit zu widmen, bist Du ein ehrwürdiger Greis, der die Augenbrauen bis über den Scheitel hinaufzieht. Gezwungen im Benehmen, ein Buch in der Hand, stolzierst Du in die Akademie an meinem Hause vorbei, als wenn Du es noch nie angeblickt hättest. Welche Torheit, liebster Euthydemus! Weißt Du nicht, was jener finstere Sophist mit seinen Vorträgen, die bei euch so viel Bewunderung erregen, für ein feiner Mann ist? Wie lange glaubst Du wohl, daß er mich schon mit seinen Liebesanträgen quält? Seine Leidenschaft ist wirklich der Herpyllis, Megarens Bedienten, gewidmet. Damals verwarf ich seinen Antrag, denn aller Sophisten Gold schien mir weit geringer als das Vergnügen, in Deinen Umarmungen zu liegen. Aber jetzt will ich ihn erhören, weil er an der Trennung unseres Verhältnisses schuldig zu sein scheint. Gefällt es Dir gut, so will ich Dich einmal des Abends augenscheinlich überzeugen, daß diesen hochweisen Lehrer, diesen Mädchenfeind, der Genuß gewöhnlicher Wollüste gar nicht zu befriedigen imstande ist. Unbesonnener Jüngling, das sind lauter Possen, nur Künste, um sich Ansehen und Zuhörer zu erwerben. Glaubst Du denn, daß ein Mädchen und ein Sophist gar so verschiedene Dinge sind? Vielleicht nur insofern, daß wir uns nicht einerlei Mittel bedienen, die Leute auf unsere Seite zu bringen, denn unser gemeinschaftlicher Endzweck ist ja, Geld zu verdienen. Dabei hegen wir aber weit gesittetere und frömmere Grundsätze. Wir leugnen keine Götter, denn wir glauben an unseren Geliebten, wenn sie uns bei denselben ihre Treue zuschwören. Wir verlangen von den Mannspersonen keine unnatürliche Verbindung mit Schwestern und Müttern, wir wollen nicht einmal, daß sie mit andern Mädchen als uns Bekanntschaft machen sollen. Etwas ist wahr, die Ursache der Wolken, die Eigenschaften der Atome, dergleichen wissen wir freilich nicht, aber kannst Du uns deswegen den Vorzug vor den Sophisten absprechen? Ich selbst nahm an dem Unterricht und den Gesprächen verschiedener dieser Leute teil. Aber niemand, der uns Mädchen besucht, beschäftigt sich mit den leeren Einbildungen, den Staat zu verwirren und die Herrschaft an sich zu reißen. Er trinkt zur Morgenzeit, er berauscht sich und überläßt sich bis neun oder zehn Uhr der Ruhe. In der Erziehung junger Leute geben wir ihnen vollends nichts nach. Vergleiche, wenn Du willst Aspasien und den Sophisten Sokrates, und erwäge dann, welche von beiden bessere Leute gebildet haben. Du wirst finden, ein Perikles ist der Schüler von ihr und ein Kritias der seinige. Genug all dieser Torheit, geliebter Euthydem, so schöne Augen sind nicht dazu gemacht, finster zu blicken. Komm, besuche Deine Geliebte, wie früher, wenn Du aus der Akademie kamst und Dir den Schweiß abtrocknetest. Dann wollen wir uns, vom Weine begeistert, von der reizenden Wahrheit, daß die Wollust der Endzweck der Dinge sei, wechselweise überführen. Ich versichere Dir, meine Stärke in der Philosophie wird Dir hier deutlich in die Augen leuchten. Die Gottheit räumt unserem Leben so wenig Augenblicke ein; willst Du sie wohl auf so rätselhafte nichtsbedeutende Dinge unvermerkt verschwenden?

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