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Die Herberge am Fluss

Hugo Marti: Die Herberge am Fluss - Kapitel 1
Quellenangabe
typedrama
booktitleDie Herberge am Fluss
authorHugo Marti
year1932
firstpub1932
publisherBernische Kunstgesellschaft
addressBern
titleDie Herberge am Fluss
pages28
commentDie Vorlage ist nicht paginiert. Die Zeichnungen von Fritz Pauli (gest. 1968) sind wegen Copyright weggelassen.
created20080907
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Hugo Marti

Die Herberge am Fluss

 

Jahresgabe der Bernischen Kunstgesellschaft für 1932


In einem Fremdenzimmer der Herberge am Fluß. So wie Fremdenzimmer etwa sind: Bett, kleiner Tisch an der Wand, Stühle, ein Kleiderständer; ein hoher Spiegel links, ein Fenster rechts, hinten die Tür, die aus einem trostlosen Gang zu ebener Erde herein führt. Die Wände sind grau, ein wenig rissig, ohne Schmuck; hier bleiben die Gäste ja höchstens eine Nacht.

Das Zimmermädchen, ohne allen beruflichen Aufwand und eher bäurisch als etwa kokett gekleidet, tritt herein, wendet sich unter der Tür nochmals um: Jawohl Nummer sieben! geht zum Fenster und öffnet es. Ein grauer Abend stößt stumpf in die muffige Zimmerluft. Erst langsam hört man das müde Rauschen des Flusses. Das Mädchen fährt mit dem Finger prüfend über den Stuhlrücken. Geht noch. Wann zog der letzte Gast aus? Ach, der mit der Wassersucht! Nicht genug Wasser konnte man ihm aufs Zimmer schleppen. Wenn jeder solche Ansprüche hätt – es wär wahrhaftig bald kein Leben mehr für uns. Sie verschwindet mit dem Wasserkrug im Gang. Die Tür bleibt offen.

Der Hausknecht, in grüner Schürze, mit betreßter Mütze, einen Stumpen rauchend, tritt ein. Er trägt einen Geigenkasten und ein Reiseplaid, legt beides auf Tisch und Stuhl nieder.

Das Zimmermädchen trägt den vollen Wasserkrug herein, zieht schnuppernd die Luft ein, schimpft los. Da raucht er wieder – im gelüfteten Zimmer. Verpestet die gute Luft. Ich kriegs zu hören, nachher, warum nicht reinegemacht sei. Du hast wohl vergessen, was hier streng verboten ist?

Der Hausknecht. Streng verboten – meinetwegen mag vieles streng verboten sein in diesem Haus. Hätt ichs gewußt, bevor ich herkäm! Aber dann wär ich kaum gekommen. Eine Stelle, muß ich sagen, so was feines läuft dir nicht alle Tage über den Weg. Und Gäste, Gäste – sind alle so zufrieden mit dem Loch, daß sie das Trinkgeld vergessen, wenn sie forthetzen. Soll einem noch das Rauchen verboten sein! Ist einem fast das Leben überdrüssig hier . . .

Das Zimmermädchen. Pst, pst. Sie schließt die Tür zum Gang. Wenn der Alte das hört, bist bald befördert.

Der Hausknecht zuckt die Achseln und wirft den Stumpen durchs Fenster in den Fluß hinaus. Dann lehnt er sich mit Rücken und Ellbogen aufs Gesimse. Ein Arrivee – hättest ihn sehen sollen! Notdürftig, sag ich nur. Zog den Hut und fragte nach der Herberge am Fluß – als ob hier Auswahl wäre und unser Loch nicht das einzige Loch weit auf und ab am Wasser. Den Kasten wollt er mir kaum überlassen. Tat, als ob er zerbrechlich wäre. Wird schön zerbrechlich sein, so ein Jammerkasten, mit dem einer noch auf Reisen geht – kann man sich ja denken.

Das Zimmermädchen. Schau doch nach, wenn du gwundrig bist.

Der Hausknecht. Bin ich nicht. Weiß etwa, wie eine Geige aussieht.

Das Zimmermädchen riegelt an den Klappschlössern, bis diese plötzlich aufspringen. Sie hebt den Deckel hoch, greift in den Kasten. Heiligs! Dreckige Wäsche, löchrige Socken . . . Sie zerrt von der Wäsche heraus, stopft sie wieder in den Kasten, schmeißt ihn zu. Da glaubt man, weiß Gott was für ein Künstler reist durch die Welt – schöne Kunst! Dass er den Kasten nicht wenigstens abschließt.

Der Hausknecht. Der Trick, wenn ich ihn nicht kennte, möcht er mir vielleicht noch Eindruck machen. Aber ich hab ihn schon gelesen, in einem schönen Buch. Wart nur. Wo hab ich das nur gelesen, vom Reisenden mit dem Geigenkasten voll schmutziger Wäsche? Gelesen hab ichs, so wahr ich Bücher lese. Und das hat der saubere Herr auch getan und hat ihm scheints gefallen, daß ers nachmacht ohne sich zu schämen. Wir haben eine flotte Kundschaft, muß ich sagen, in dem Loch.

Das Zimmermädchen. Kommen auch rechte Leute her. Kommen allerhand Leute, es ist ja das einzige Haus am Fluß. Wer hinüber will, muß hier absteigen.

Der Hausknecht. Wer hinüber will, ja – stimmt. Fragt sich bloß, wer hinüber will! Warum kommt nie einer von drüben?

Das Zimmermädchen. Pst – du bist wohl verrückt, so dumm zu reden. Man merkt, du hast noch nicht lange hier gedient.

Der Wirt öffnet von außen die Tür, mit großer Armbewegung. Ihr Zimmer, Herr! Da er die Dienstboten sieht, bedeutet er ihnen, sich rasch zu verziehen. Beide verlassen den Raum.

Der Gast tritt ein, hastig und etwas verlegen. Er geht rasch zum Fenster, blickt auf den Fluß hinaus, kehrt zurück zum Tisch. Aha, meine Geige. Gut. Es ist gut so. Danke.

Der Wirt hat ihn von der Tür aus, die er langsam schließt, mit den Blicken still verfolgt. Er sieht freundlich aus, etwa wie ein romantischer Herbergsvater. Nun fragt er: Paßt es Ihnen hier, ja?

Der Gast. Wie, ob es mir paßt? Er sieht sich um. Ein wenig alt und brüchig, dünkt mich.

Der Wirt lächelt. Ein altes Haus, ein gutrenommiertes Haus.

Der Gast. Jaja, und überhaupt – ich habe nicht im Sinn, lange hier zu wohnen. Eine Nacht, vielleicht nicht einmal dies. Hängt ja alles davon ab, wann das Boot fährt. Wann fährt das Boot?

Der Wirt zögert. Das Boot?

Der Gast. Das Boot – hinüber. Ja wann?

Der Wirt. Das Boot fährt, wann es befohlen wird. Der Fährmann steht den Gästen immer zur Verfügung. Ein Wunsch, ein Wort – genügt.

Der Gast geht planlos hin und her; seine Gänge enden stets beim Fenster, durch das er in nervöser Qual späht. Also dann lassen Sie ihn nur bald losmachen – sobald er Zeit hat, meinetwegen sofort.

Der Wirt. Es wird Abend, Herr.

Der Gast. Was kümmerts mich? Warum sagen Sie das so salbungsvoll?

Der Wirt hebt die Hände. Bewahre, bewahre! Ich meine bloß, ob sich der Herr nicht erst ein wenig hinlegen möchte? Es wird Abend, man ist müd, man schläft eine Nacht. Morgen ist auch noch ein Tag . . .

Der Gast bleibt beim Fenster stehen, legt langsam die rechte Hand vor die Augen und flüstert: Morgen ist wieder ein Tag – morgen wieder ein Tag. So war es jeden Abend, durch das Grau der fallenden Nacht drang eine Stimme und sagte: Morgen – wieder ein Tag. Lauter. Und so wird es wieder sein, immer, immer wieder? Ob ich es höre oder nicht? Die Stimme wird sprechen und sie wird ein Trost sein oder ein Fluch, wie sie einst mir ein Trost war und ein Fluch. Morgen ein Tag, wie heute, wie gestern. Hart entschlossen: Das Fährboot soll losmachen, sofort.

Der Wirt blickt scharf auf den Gast, dann sagt er leise: Hier ist zuerst ein Schein auszufüllen. Er kramt in der Brusttasche, zieht Papiere hervor, breitet sie auf dem Tische aus.

Der Gast tritt näher. Wie, Papiere, Papiere auch hier? Ich dachte, Papiere wenigstens wären hier überflüssig. Papiere, wozu Papiere? Ist man vielleicht neugierig?

Der Wirt zuckt die Achseln. Die Ordnung, Herr. Unser Haus steht unter öffentlicher Kontrolle. Die Statistik erfasst auch unser bescheidenes Gewerbe. Unser Umsatz, sozusagen, wird registriert. Die Ordnung, Herr!

Der Gast geht raschen Schrittes zum Fenster. Grauenhaft, gräßlich. Wann läßt man einen endlich in Ruhe?

Der Wirt geht zur Tür. Ruhe – gleich, sofort! Ich lasse Ihnen die Papiere zurück, lesen Sie sie in Ruhe durch, füllen Sie den Fragebogen aus, wann Sie Lust haben, Herr. Ordnung muß sein, Ruhe soll auch sein, jawohl. Ich seh unterdessen nach dem Boot. Augenblick, Herr! Er geht ab.

Der Gast nähert sich langsam und mit unwilliger Neugier den Papieren auf dem Tisch und beginnt sie zu lesen. Name, Vorname – hm. Geboren wann und wo. Wie ein Polizeirapport. Recht so, ein Polizeirapport! Halt – hier kommt es anders: Rechtfertigungszeugnis. Klingt nicht übel, klingt ganz ernsthaft. Also Rechtfertigung. A: Warum entschließen Sie sich zur Überfahrt? Er haut die Faust auf den Tisch, beginnt wieder im Zimmer herumzuwandern. Unverschämt! Wem bin ich Rechenschaft schuldig? Wer mischt sich in meine Angelegenheiten? Geht das jemanden etwas an? Geht es überhaupt mich etwas an? Wer bin ich? Er ergreift das erste Papier. Name, Vorname – hm. Was soll einer da schreiben? Bin ich der gleiche, der ich vor zwanzig, dreißig Jahren schon war? Bin ich der, welcher so getauft wurde, wie ich heute heiße? Bin ich – ich? Name, Vorname – was heißt das! Nichts heißt das, ich heiße doch gewiß nicht so! Er steht erschöpft am Fenster, blickt lange hinaus, kehrt dann müde zum Tisch zurück, ergreift das Blatt. Falls unmöglich, diese Frage zu beantworten: Erstens, welches ist Ihre Lieblingsblume? Er ist erstaunt, blickt sich um, geht durchs Zimmer, sinnend. Vor dem hohen Spiegel bleibt er stehen, nickt seinem Bilde zu. Deine Lieblingsblume, he? So etwas kümmert sie hier. Gib Antwort, sei höflich, ihre Statistik bittet um Auskunft. Mensch, du – Name, Vorname, warum, Lieblingsblume? Er eilt zum Tisch, ergreift das Blatt, kehrt zum Spiegel zurück, spricht zu seinem Bild. Zweitens, tragen Sie einen künstlich geknoteten Schlips oder knoten Sie ihn täglich selber? Drittens, halten Sie sich für verheiratet? Er fährt zurück, blickt starr in den Spiegel.

Der Andere entsteigt lautlos dem Spiegel; er ist das Ebenbild des Gastes, um einen Lebenshauch jugendlicher, freier in den Bewegungen, doch in den Zügen des Gesichts und in der Kleidung genau gleich. Er ergreift einen Stuhl, trägt ihn zum Fenster, setzt sich lässig hin, stützt den Arm auf den Sims und legt den Kopf in die hohle Hand. Wie lächerlich das alles ist, mein Guter. Wozu sich aufregen? Natürlich sind die kleinen drolligen Pompondahlien, wie sie deine Mutter im Garten pflanzte, deine Lieblingsblumen; warum solltest du das verheimlichen wollen? Die zarten, so regelmäßigen, so pedantischen Blumen haben dich oft an eine Welt denken lassen, wo alles zart, regelmäßig, vielleicht etwas pedantisch, jedenfalls besser war . . .

Der Gast hebt beschwörend die Hände: Schweig!

Der Andere. Unterbrich mich doch nicht . . . jedenfalls besser als hier unten war; erinnerst du dich? Zweitens – ach, künstlich geknoteter Schlips! Die Statistik kann in ihren Fragen nicht wählerisch sein. Schreib: und wenn es täglich ein dreifacher Seemannsknoten, ein treuer Liebhaberknoten, eine Henkerschlinge hätte sein sollen – selber knüpfte ich ihn, meinen Knoten, meine Schlinge! Solltest du deinen Kopf nicht in eine selbstgewählte Schlinge stecken dürfen, sollte deinen Hals nicht ein eigenhändiger Knoten würgen? Laß deine Unabhängigkeit nicht unterkriegen, hörst du? Drittens – was noch?

Der Gast. Ob verheiratet.

Der Andere schweigt, blickt zum Fenster hinaus.

Der Gast. Sprich jetzt, mein Schwätzer. Drittens: Halten Sie sich für verheiratet?

Der Andere steht auf, zuckt die Achseln. Wer will da antworten!

Der Gast beharrlich. Halten Sie sich – nicht: sind Sie?

Der Andere schlicht. Ich, ja.

Der Gast stampft auf. Ich – nein! Er dreht ihm den Rücken zu. Es ist, als stiege Erinnerung in Bildern vor ihm auf, seine Hände wehren ab, bedecken die Augen. Er taumelt zum Fenster, lehnt sich ans Kreuz, starrt hinaus in die sinkende Nacht.

Der Andere steht auf und schreitet zur entgegengesetzten Wand. Von dort, aus dem Schatten, spricht er mit leiser schwärmender Stimme. Weißt du noch, wie es begann? War es nicht wie ein Lied in der hellen Sommernacht, das über die Pferdeweiden kommt, über die müden grauen Steine im Gras – du steigst und ruhst eine Weile aus, deine Hand spielt im dürren Moos und deine Finger rupfen es aus den kühlen Ritzen des Steins – und wie ein Hauch ist das Lied um dich, plötzlich ist es da und du bist ganz in ihm, noch eh du weißt, woher es kommt, noch eh du den Kopf in den Wind gehoben und deine Augen durch die helle Nacht geschickt hast – ein Lied, ein Hauch, die Liebe. So begann es.

Der Gast. Schön, so begann es. Und weißt du, wie es dann wurde? Einklang der Seelen, Gleichton der Herzen – oh, bald keine Trennung mehr und keine Fremde, nicht Ferne noch Überraschung: Diebstahl meines Wesens, Kopie meiner Eigenart, banaler Abklatsch, der das Original entwertete. Was blieb uns noch, da wir alles gemeinsam besaßen? Wo stand uns die Welt noch offen, da keinem des andern Schritte verborgen blieben? Und selbst die Wege des Traums dalagen wie Allerweltslandstraßen vor dem mitträumenden Auge des andern? Da wir uns beide aneinander verloren hatten, wo sollten wir eines das andre noch finden? So ward es – schal und abgestanden und ein Verrat seiner selbst.

Der Andere schüttelt langsam den Kopf. Ein Ding ist gut im Anfang, und wir machen es schlecht und sagen: es ist schlecht. – Wie war es an jenem Abend, da ihr euch plötzlich nicht mehr verstandet? Du hattest gelacht mit ihr und gescherzt: Nein, laß das Licht! Warum das Licht anzünden! setz dich her zu mir – und sie lag wieder an deiner Schulter und schloß die Augen. Und während du sprachst und sie lauschte, fühltest du einen schmalen Hohlraum zwischen ihr und dir, zwischen deinem Mund und ihrem Herzen, und deine Worte ertranken darin. Wurdest du nicht ärgerlich, da? Und sprachst plötzlich lauter und sagtest das gleiche zweimal, als würde es dadurch richtiger; und als sie ein wenig den Kopf schüttelte – du spürtest ihre leise Abwehr an deiner Schulter –, da stöhntest du los wie ein geschlagener Mann und warst unverstanden und ein Opfer deiner Langmut . . . Und sie gab sich fortan Mühe, deiner Meinung zu sein.

Der Gast erregt. Nein, nicht so. In ihr war keine Meinung, darum stahl sie mir meine. Sie war nicht anders als ich; sie war überhaupt nicht, bevor ich sie schuf. Frauen sind Gefäße, die wir zu füllen haben. Frauen sind nicht; sie werden – durch uns.

Der Andere nachdenklich. Das sagst du so – und wenn es wahr wäre: welcher Triumph! Der Gast lacht bitter. Triumph für sie, die werden, die sich wandeln in unsern Augen, die leben – die allein noch leben, wo wir Form, Gedanke, starr geworden sind. Was ist, ist schon gestorben; es lebt nur, was wird. Ewig ist nur der »Wandel.

Der Gast. Der Schöpfer –?

Der Andere. – tot!

Der Gast. Sein Geschöpf –? Nein, das sollst du nicht behaupten dürfen. Sitzen wir nicht da vor dem Leben, wie wir einmal in jenem feierlich-lächerlichen Raum saßen und gähnend in einen Guckkasten starrten, aus dem große Worte mit viel Resonanz erschollen? Es war so schön, es war so verlogen. Wir wußten, wer hinter den Kulissen Blitz und Donner und das Schicksal hervorbrachte, und dennoch klatschten wir den Hampelmännern Beifall und lobten die Natürlichkeit der Drahtheroinen. Mensch, Mitmensch – wie ich mich schäme! Ich war dabei; wo war ich dabei? Im Parkett, auf der Bühne? Gleichviel, wenn droben über allen Rängen vielleicht wieder einer war, der in das Theaterloch herabschaute, auf das donnernde Schicksal hinter den Kulissen und auf unsern Beifall im Parkett. Erträgst dus noch? Ich nicht.

Der Andere schweigt lange, dann: Was nützt es? Wir stehen hier und betrügen unser Herz mit blassen Worten, in denen nur unsre Verlassenheit weint. Ach, die Weisheit zwischen vier grauen Wänden; ach, die Erkenntnis am Ufer des Flusses! Es wird Abend – wer sähe da noch so genau, was hell, was dunkel? Oder wischest du dir eine Träne aus dem scharfblickenden Auge?

Der Gast geht zum Andern, streckt ihm die Hände hin. Quäl mich nicht. Mach mich nicht schwach. Siehst du, ich bin bereit. Er legt seine Stirn an die Schulter des Andern, der über ihn hinwegblickt.

Der Andere leise. Du bist bereit. Wer wagt das zu sagen? Wer weiß, wie es drüben ist? Ich bin – nicht bereit. Pause.

Es klopft an der Tür. Die Beiden lösen sich langsam voneinander. Es klopft zum zweitenmal. Die Beiden schauen sich starr in die bleichen Gesichter. Dann geht der Gast abgewandten Hauptes zur Tür und tastet nach der Klinke. Der Andere blickt leicht vorgeneigt, mit abwehrend erhobenen Händen gegen die Tür, die sich öffnet. Seine Gebärde gleitet über in einen graziös-ausschweifenden Gruß an das Zimmermädchen, das eintritt.

Das Zimmermädchen knixt freundlich gegen den Andern und fragt unterwürfig-zutraulich. Wünscht der Herr das Abendbrot? Hier aufs Zimmer, jawohl. Und die Lampe, gleich gleich die Lampe! Es ist so ungemütlich. Sie rückt den Stuhl zum Tisch. Wie früh es jetzt wieder dunkel wird. Man fürcht sich so in dem alten Haus, wenn es leer ist. Man ist so froh, sind Gäste da. Man ist nicht allein. Geht zur Tür. Die Lampe zuerst, dann das Abendbrot. Sie lächelt dem Andern zu, geht hinaus.

Der Andere schreitet ihr entzückt nach. Oh Licht, Wärme, Weiblichkeit! An der Tür streckt er die Hände nach dem Gast aus. Bruder! wie es einen umfängt – wie es einen festhält und nicht losläßt. Schmeichelndes Leben, lind und lieb. Mach mit, Bruder!

Der Gast. Ich will – das Boot. Ich bin – bereit. Ich warte – draußen am Ufer. Ich werde dich rufen, durchs Fenster werd ich dich rufen, aus dem Licht hinweg, von der Wärme hinweg, hinweg aus dieser dumpfen Weibluft. Und du wirst gehorchen.

Der Andere. Bruder!

Der Gast verläßt das Zimmer. Lichtschein im Gang. Warm umstrahlt kommt das Zimmermädchen mit der Lampe, die es auf den Tisch stellt; ein bemalter Schirm dämpft den goldenen Glanz.

Der Andere spricht mit melodischer Beschwörung zum Zimmermädchen – und was er im folgenden sagt, klingt immer so, als wäre es von einem spielerisch-innigen Menuett untermalt. Lichtbringerin! Aus deinen Händen geht Licht, vor deinem Schritt weichen die Schatten in die fernsten Winkel zurück, dein Lächeln strahlt sieghaft in den Abend hinaus.

Das Zimmermädchen wehrt in leichter Verwirrung ab. Ei, wie Sie reden, Herr. Ich bring doch bloß die Lampe. Es soll doch gemütlich sein. Der Mensch weiß manchmal nicht, wie gemütlich ers haben könnt: bloß ein Stuhl zum Tisch und eine Lampe drauf, gleich sieht alles anders aus, nicht wahr?

Der Andere mit großer Gebärde. Wandlung der Welt! In ihrem Mittelpunkt – dein Platz!

Das Zimmermädchen blickt ihn erstaunt an. Was? Sie mögen nicht sitzen? Ich? Ich soll sitzen? Sie spaßen mit mir, der Herr spaßt mit einem dummen Zimmermädchen – ei warum denn nicht, wenn es Ihnen Spaß macht? – ich sitze! Und damit hat sie sich auch gesetzt.

Der Andere tritt gemessenen Schrittes vor sie hin. Reverenz, Herrin, ich neige mich vor deiner Macht. Anmut heißt deine Macht. Laß mich preisen die Anmut, den Segen über der verlorenen Erde:

Anmut der Hügel, Anmut der Schluchten und Täler – blühend auf deinem Leibe –

Anmut des Baums und des Zweiges voll reifender Last – im Bug deines Armes –

Anmut der Blume, sonnwärts offen im Frühwind – auf deinem Halse das Haupt –

Das Zimmermädchen unterbricht ihn. Der Herr redet von der Landschaft, wie gedruckt ist das und so schön, aber doch wahr, wenn mans bloß versteht. Ein Wiesenhang und Bäume, so war es auch hinter unserm Haus, ein Bach lief durch die Wiesen, dort mähten wir das hohe feuchte Gras, bis an die Hüften herauf stand es um uns.

Der Andere fällt ein. Dein Schritt im Gras, das Knie vorgestemmt und mit gestrafftem Schenkel, ist wie der Atem der Erde selbst. Ach, wer ihm lauschen durfte, verborgen hinter den Weiden am Bach, im warmen Sand erglühend von erster Liebe –. Das Zimmermädchen hat leis den Kopf vornüber geneigt, jetzt sinkt er ganz auf die Hände, die im Licht der Lampe liegen. Warum neigst du das Haupt und hüllst das Gesicht mit schützenden Händen? Tat ich dir weh? Ich schweige.

Das Zimmermädchen blickt rasch auf. Der Herr meint es gewiß gut, der Herr will bloß ein bißchen spaßen – verzeihen Sie, unsereins ist nicht an solche Worte gewöhnt, die gehen einem gleich ans Herz, die – da muß man heulen, dumm wie unsereines ist. Man hat auch geliebt, da war alles ernst und wahrhaftig und man hatte noch den Glauben. Darum weint man auch gleich – es klingt wie einst, es ist so wie damals.

Der Andere. Immer ists wieder so wie einst . . . Strahlende Unvergänglichkeit der Liebe: dich deckt nicht der Flugsand flüchtiger Zeit, dich trübt nicht das Geröll im trägen Rinnsal der Tage, denn dein Glanz bricht von innen heraus und dein Feuer zehret sich nimmer auf.

Das Zimmermädchen wehmütig begeistert. Gott – wenn das der Herr so sagt, es ist fast zu schön und man sollte es aufschreiben, damit man es hat und wieder lesen kann in traurigen Stunden. So sprach er damals auch zu mir, der junge Mann – was sag ich: junger Mann! ein Knabe war er noch, aber aus der Stadt, und schien erwachsen unter unsresgleichen, wenn er sprach. Ach nein, nie vergeß ichs. Er lag drüben am Bach, tagelang, die Hände unterm Nacken, wir Mädchen sahen ihn, wenn wir durchs Gras gingen, und wir riefen ihm Worte zu: Faulpelz und Tagedieb – aber wir meintens nicht böse und er war nicht so, er lachte bloß mit seinen weißen breiten Zähnen in der Sonne. Am Abend – ach, es ist als wär es gestern erst gewesen, so deutlich seh ich das halbe Licht auf der Strasse und die verstaubten grauen Sträucher am Rand – am Abend, wenn er vom Bach über die Wiesen ins Dorf zurück ging, traf sichs ein paarmal, dass er mir begegnete, und er vertrat mir den Weg. Ich trug die Milcheimer in beiden Händen – so, nicht wahr? – verschüttet hätt ich sie, wenn er mich hätte küssen wollen. Glauben Sie, er tats? Sie schüttelt heftig den Kopf. So war er. Und ich, die Ältere – ach, er war so schlank wie ein Baumstamm, als er in der hellen Nacht vor meinem Fenster stand, und sprach so schön von der Liebe, wie sie unvergänglich sei und nicht vom Tage und nicht von dieser Welt. Ich verstand es wohl kaum so recht; mich dünkte Tag wie Nacht gerade gut genug und recht dazu.

Der Andere in leiser Verzückung. Liebe ohn Ursprung, Liebe sonder Ziel: Verschwendung aus schenkender Frauenhand.

Das Zimmermädchen. Ursprung, Ziel –? Du meine Güte! Gibt es das, wenn man einen Menschen gern hat? Vielleicht gibt es das . . . Was hätte ich erwarten dürfen? Daß er mich heirate, nicht wahr, meint der Herr? Sie lacht. Er war ein Knabe . . . Er lernte lieben, es war für ihn das erstemal, er hat mich vergessen, er ist wohl glücklich geworden.

Der Andere weicht zurück, als sähe er plötzlich in seine eigene, lang versunkene Jugendzeit. Sprichst du von mir? Das Zimmermädchen springt mit den Zeichen der Bestürzung vom Stuhl. Meinst du, ich sei glücklich geworden? Erste Liebe – wer vergäße sie, ohne sich selber zu vergessen? Ich – kann nichts vergessen. Er sinkt am Tisch nieder.

Das Zimmermädchen vorsichtig und in einiger Entfernung. Der Herr muß mich mißverstanden haben. Ich begreif gar nichts mehr. Aber es tut mir ja so leid. Ich hab mich verschwatzt; weiß Gott, wies kam.

Der Andere erhebt sich langsam. Verzeih. So fühl ich allem Schicksal mich verbunden, hin durch die Welt, solang ich sie noch fühle.

Das Zimmermädchen. Der Herr – das ist also wie in einem Theaterstück, was Sie jetzt sagen, wo einer einen andern spielt, als er selbst ist. Aber was ich gemeint hab, das war doch bloß so aus meinem Leben, gar kein Gedicht oder so etwas Erfundenes – da soll sich der Herr doch ja nicht aufregen darüber, das wäre noch! Wenn wir uns alles wollten zu Herzen nehmen, was andere angeht – ach nein, da möcht man schon bald nicht mehr leben. Jedem das Seine – mehr als genug! Der Andere scheint zu erstarren, das Zimmermädchen siehts mit Schrecken und legt sich die Hand auf den Mund. Hab ich wieder etwas gesagt –? Sie wendet sich rasch zur Türe. Es war kein Gedicht . . .

Der Andere ihr rasch nach, sagt zwischen Trauer und Lächeln: Ich bin auch nicht mehr traurig. Ich danke Ihnen. Ihr Leben ist kein Gedicht. Ein Dichter neigt sich vor dem Leben – ein armer Dichter neigt sich vor Ihrem Leben! Er beugt sich tief vor ihr und verharrt so, bis sie, unsicher und mit scheuem Blick, an ihm vorbei zur Tür hinaus gehuscht ist. Pause.

Der Gast tritt leise, mit spähenden Blicken ein, winkt dem Andern zu. Jetzt, Bruder, komm – doch sachte! Rühr nichts mehr an mit deinen Händen, hörst du? Die Welt ist ganz aus Glas . . .

Der Andere. Aus Fleisch und Blut und Duft des Haares – und warm klopft ihr Herz, das Herz der Welt, an die Wände deines Leibes, wenn deine Hände zu lauschen verstehn.

Der Gast. Still, o still; du weckst sie wieder, die schon entschlafen ist. Glas hüllt ein jegliches Ding, kühl und glatt; stößt du daran, so klingt die Welt im Traume. Komm laß uns gehn.

Der Andere. Hier in diesen warmen Zauberkreis des Lichtes leg deine Hand: an Tisch und Mauer, an die alte Welt! Fühlst du nicht, wie sie dich hält? Bruder, hier atmen Menschen, hier weht ein Hauch, ein Wort – hier bist du nicht mit dir allein. Ein Weib war hier –

Der Gast. Schwärme nicht. Ein Weib, sagst du! Nun wohl, ein Weib! Ich aber sah – Bruder, zehn Schritte von hier, am letzten Wegrank, ehe du den Fluß dunkel rauschen hörst: sahst du die Birke auch?

Der Andere. Eine Birke? Die letzte Birke am Weg?

Der Gast. Da steht sie in der Nacht, in der gläsernen Nacht, und ist reiner als ein Mensch und einsamer als ein Mensch, und ihr weißer Leib erschaudert vor der Trostlosigkeit des Himmels, der dunkel herab sinkt. Ich sah sie, Bruder, und meine Hände – Er erhebt sie tastend, läßt sie wieder fallen. Du sagst: ein Weib! Was stammelst du: ein Weib! Da draußen, Bruder, in der kalten Nacht steht eine Birke! Hörst du, hörst du mich?

Der Andere. Schlanke Birke –

Der Gast sehr erschrocken. Still, o still! Weck nicht das gläserne Klingen, das uns betört . . .

Der Andere wie aus einem Traum: Schlanke Birke, Silberwindspiel –

Der Gast. Wer sprach einmal so? Welche Zeit steigt aus dem Grabe, mich zu mahnen? Oh meine Stimme, fremd, fern, verschüttet – brich auf, brich auf den gläsernen Sarg, erklinge mir noch einmal, träumende Welt, die ich selber schuf. Ich höre. Er sinkt auf den Stuhl, den Kopf in die Hände gebeugt.

Der Andere mit dem Rücken vor dem Spiegel, spricht traumverloren das Lied:

Schlanke Birke, Silberwindspiel!
Zittre nicht, weil Abendschatten
Über deine Blätter tasten,
Fürchte nichts – ich bleibe bei dir.
Schau, ich halte deinen schmalen
Leib und lege meine Wange
Dicht an deine kühlen Glieder,
Fürchte nichts –

Wie du schimmerst aus dem Dunkel,
Silbernackt, verloren, hilflos –
Lösche nicht dein stilles Leuchten,
Nicht in dieser schwersten Stunde,
Gib dich nicht den Schatten, hörst du,
Hörst du mich –? Die Nacht wird weichen.
Bleibe bei mir –.

Bei den letzten Worten verschwindet er rückwärts in den Spiegel zurück.

Der Gast hebt nach langer Pause den Kopf aus den Händen, schaut um sich, fährt empor. Wo? Wo bist du? Birke! Ja, ich komme, ja ich bleibe bei dir! Wie Glas zerbrach mein Wahn um mich. Fort, fort von hier. Die alte Welt erklingt. O süßes Klingen, das Verzeihung bringt. Welt, hin zu dir, in deine Lust und Pein! Herz schlägt an Herz, ich bin nicht mehr allein! Er geht erhobenen Hauptes, mit ausgestreckten Armen durch die Tür ab.

Pause.

Es wird hart und klirrend ans Fenster geklopft. Das Zimmermädchen kommt rasch herein, sieht sich erstaunt um, läuft zum Fenster, reißt es auf.

Der Fährmann mit einem Südwester auf dem Kopf, bleich, hager, blickt zum Fenster herein und ruft: Das Boot ist klar. Wir können fahren.

Das Zimmermädchen. Fehlt leider nur der Fahrgast! Der Herr – wo mag der Herr stecken?

Der Fährmann knurrt. Beim dreckigen Leben! Fahren soll man, immer fahren. Ein Gehetz und Gejag – man kennt seine Stunde nicht. Jetzt werd ich aus dem Bett geklopft – hat unsereins denn keinen Schlaf nötig? – und wie ich aufgetakelt hab, weg ist die Kundschaft und verduftet. Gib die Bagage her, so lang.

Das Zimmermädchen reicht ihm den Geigenkasten durchs Fenster hinaus. Da – paß auf! Kunstgegenstand.

Der Fährmann. Unzuverlässige Bande. Verschwindet mit dem Kasten.

Der Hausknecht späht vorsichtig herein. War ers?

Das Zimmermädchen. Wer soll was gewesen sein?

Der Hausknecht. Der saubere Herr wohl, Nummer sieben, der mit der Geige – hehe! – an mir vorbei wie ein Gespenst, die Arme weit offen, als wollt er die ganze Welt an die Brust drücken!

Das Zimmermädchen schlägt die Hände zusammen. Du sagst nicht –?

Der Hausknecht. Der lief, als gält es das Leben!

Das Zimmermädchen. Sst! Sie weist mit dem Arm zum Fenster hinaus. Kannst nicht sehen, wer draußen steht und auf ihn wartet? Das Gesicht des Fährmanns taucht wieder am Fenster auf.

Der Hausknecht fährt zusammen, bekreuzigt sich. Jesus – die Augen.

Der Fährmann. Wo bleibt der Herr?

Das Zimmermädchen. Hat sich – hat sich umbesonnen.

Der Fährmann. Die Bagage?

Das Zimmermädchen lacht verschmitzt. Kann vorausspediert werden. Fahr zu! Aber aufpassen – Kunstgegenstand! Der Fährmann verschwindet.

Der Hausknecht schmeißt das Fenster zu. Die bleiche Fratze. Augen wie erloschene Sterne. Ein Atem wie Eis.

Das Zimmermädchen ergreift kichernd die Lampe, geht gegen die Tür. Du, wenn er darnach fragen sollte –

Der Hausknecht. Wer – wonach?

Das Zimmermädchen. Der Herr – nach seiner Geige –

Der Hausknecht. Der – sah mir nicht aus, als ob ihm noch viel daran gelegen wär. So! Er öffnet weit die Arme gegen das Zimmermädchen hin, das gedämpft aufkreischt. So, sag ich dir, auf die Welt los! Dreht sich um. Wo ist sie, die Geige?

Das Zimmermädchen. Vorausspediert! Hinüber – in die Ewigkeit!

Beide lachen, verschwinden mit der Lampe; es wird dunkel.








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