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Die Heirat des Herrn Stäudl

Ferdinand von Saar: Die Heirat des Herrn Stäudl - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDie Heirat des Herrn Stäudl ? Österreichische Kriminalgeschichten
titleDie Heirat des Herrn Stäudl
authorFerdinand von Saar
publisherHerbert Greiner-Mai und Hans Joachim Kruse, Hrsg.
year1985
senderharald.aichmayr@netway.at
copyright(c) 1985 Verlag Das Neue Berlin, Berlin
firstpub1902
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Ferdinand von Saar

Die Heirat des Herrn Stäudl

»Danke, Herr Landesgerichtsrat. Ich setze mich nicht. Ich kann aufrecht vor Ihnen stehen.« Und Herr Stäudl richtete seine eingesunkene knochige Hünengestalt in ihrer ganze Höhe empor, so daß ihn der Untersuchungsrichter und sein Schriftführer mit einigem Erstaunen ansahen.

»Nun, wie Sie wollen. Aber Sie haben das Recht, sich auf den Stuhl niederzulassen. Und es wäre mir angenehmer; Sie verdunkeln uns sonst den Tisch. Auch haben Sie ja viel vorzubringen.«

»Das würde mir nichts machen, Herr Landesgerichtrat. Da Sie es aber wünschen so werde ich mich setzen.« Er tat es und legte die unglaublich großen, mit verschrumpften Hautfalten bedeckten Hände vor sich auf die Knie. Der lang hinabfallende, halb ergraute Zottelbart, die kahle, vielfach gehöckerte Schädeldecke, die weit aufgerissenen farblosen Augen, die starr auf den Richter geheftet waren, gaben dem Manne etwas unheimlich Wildes, das nur durch schmerzlichen Ausdruck in seinem schlaffen, bräunlich fahlen Antlitz gemildert wurde.

»Sie können beginnen, Herr Stäudl.«

»Nun alsdann. Aber um alles genau auseinanderzusetzen, werde ich von kleinauf anfangen müssen.«

»Tun Sie das.«

»Nun alsdann. Sehen Sie, Herr Untersuchungsrichter, ich hatte mich seit jeher von den Weibern ferngehalten. Nicht etwa, daß ich keinen Gefallen an ihnen gefunden hätte oder daß ich, wie so mancher, zu schüchtern gewesen wäre, mich an sie heranzumachen. Keineswegs. Aber ich bin immer sehr stolz gewesen auf meine Mannheit und habe es unter meiner Würde gehalten, mich mit ihnen abzugeben. Schon als ich noch die Schule besuchte, war es so. Damals saßen Buben und Mädel in einem Klassenzimmer beisammen, und da suchten bereits die meisten Knirpse mit den kleinen Flittchen anzubandeln. Sie steckten ihnen Zettelchen zu und waren froh; wenn sie in ihrer. Gesellschaft allerlei Schabernack treiben konnten. Ich aber hielt mich vollständig abseits und sprach mit keiner ein Wort. Ich merkte, daß sie sich deshalb über mich lustig machten. Sie spielten. mir allerlei Streiche und legten mir zuletzt förmliche Fallen, um mich an sich zu bringen. Aber ich wußte immer auszuweichen. Das verdroß sie nach und nach. Sie zogen mir schiefe Gesichter, und schließlich taten sie so, als wär ihnen nicht das geringste an mir gelegen. Ich aber fuhr fort, mit Verachtung über sie hinwegzublicken. Nur ein einziges Mal habe ich mich herabgelassen. Es war da ein schmächtiges, flachshaariges Ding, dessen Eltern gleich den meinen ziemlich weit draußen vor der Stadt wohnten. Ich meine Korneuburg, wo ich geboren bin. Die Franzl, so hieß die Kleine, hatte also denselben Weg zu machen. Es fiel mir aber nicht ein,. mich ihr anzuschließen. Ich grüßte sie nicht einmal und überholte sie stets mit langen Schritten. Eines Tages jedoch, im Winter, gab es einen argen Schneesturm. Dabei stellenweise scharfes Glatteis, so daß das arme Mädel nicht wußte, wohin es den Fuß setzen sollte. Sie trippelte und wankte hin und her, bis sie endlich der Länge nach auf den Rücken plumpste. Da hielt ich es denn doch für meine Pflicht, ihr aufzuhelfen und sie nach Hause zu führen, wobei sie sich gleich einer Klette an mich hängte. Seitdem ging ich mit ihr. Denn sie gefiel mir, weil sie ein sanftes, stilles Kind war, keine ausgelassene Schnattergans wie die anderen. Aber ich schloß mich nicht

etwa gleich von der Schule weg an, sondern erst draußen, wo das freie Feld begann; denn meinem Ansehen wollte nichts vergeben. Das dauerte so ein paar Wochen, bis Tauwetter mit starkem Regen, eintrat. Als ich nun eines Nachmittags so recht im Gusse auf sie wartete, sah ich, wie sie einem anderen Jungen, den ich überdies seit jeher nicht hatte ausstehen können, herankam. Der hoffärtige Schlingel er war der Sohn eines Beamten – hatte einen Regenschirm, während ich natürlich keinen besaß, und den hielt er über der Franzl ausgespannt, die darunter ganz. stolz seelenvergnügt einherging. Kaum hatte ich das gesehen, als ich auch schon kehrtmachte und nach Hause eilte. Seit diesem Tage sprach ich mit der FranzI kein Wort und grüßte sie nicht einmal mehr.«

»Es scheint, daß Sie eifersüchtig waren«, sagte der Richter.

»Keineswegs. Ich. dachte mir: Warum braucht. sie sich von dem Laffen mit einem Schirm begleiten zu lassen? Kann bis auf die Haut durchnäßt werden, kann sie es auch.«

»Eine eigentümliche Auffassung.«

»Mag sein. Aber ich war nun einmal so – und blieb es auch, als ich heranwuchs und mich der Gärtnerei widmete, zu der ich große Lust und Liebe hatte. Ich arbeitete zuerst in der Lehre bei einem benachbarten Nutzgärtner; später nahm mich über Verwendung meines Onkels, der in Wien lebte, ein Herrschaftsgärtner in Hietzing zu sich, und nach ein paar Jahren kam ich schon als Gehilfe in die großen Villengärten des Herrn Ritter von Artner. Sie werden sie wohl kennen oder wenigstens davon gehört haben, denn die dortigen Treibhäuser sind eine Sehenswürdigkeit. Der damalige Obergärtner hieß Nowak. Ein sehr hervorragender Mann in seinem Fache; als Rosenzüchter stand er weit und breit in Ruf. Er erkannte auch bald meine Fähigkeiten und zog mich im Laufe der Zeit den älteren Gehilfen vor. Die waren zwar nicht ungeschickt, aber faul und leichtsinnig. Sie taten was sie gerade mußten: im übrigen gingen sie ihrem Vergügungen nach. Ich aber blieb des Abends immer zu Hause, wo ich allerlei Bücher über die Gartenkunst las. Die andern verdroß das. Sie fingen an, mich zu hänseln und zu vexieren; zuletzt suchten sie gar, mit mir anzubinden. Ich aber, als sie mir einmal, ihrer drei, zu Leibe wollten, stieß ihnen mit diesen Händen« – Herr Stäudl hob sie mit ausgespreizten Fingern in die Luft – »die Köpfe aneinander. Da hatte ich Ruhe; sie erkannten und fürchteten meine Stärke. Auf diese Art stieg ich mehr und mehr im Ansehen, so daß mich sogar der Herr Ritter von Artner mit einer lobenden Ansprache auszeichnete.

Dies sowie meine zunehmende Fertigkeit ließen mich hoffen – und auch Herr Nowak war dieser Meinung –, daß ich Aussicht hätte, dereinst Obergärtner zu werden. Er selbst, schon an die Siebzig, wurde von Jahr zu Jahr gebrechlicher. Bei alledem führte ich mein eingezogenes Leben fort. Mäßigkeit war immer mein Wahlspruch gewesen, obgleich mich die meisten deswegen für einen Knauser hielten. Des Morgens ein Stück Brot und. einen Trunk Wasser. Mittags im nächsten kleinen Wirtshaus Suppe, Fleisch, Gemüse. Basta. Abends wieder ein Stück Brot und ein Seidel Wein, das, ich mir selbst nach Hause holte. Mich wie die andern mit Weibsbildern abzugeben fiel mir nicht ein. Aber ich dachte endlich im stillen daran, mich zu verheiraten. Denn das schien mir unerläßlich, wenn. ich, woran ich nicht mehr zweifelte, bald Obergärtner sein würde. Ich hatte auch schon ein Mädchen ins Auge gefaßt: die Tochter eines Handelsgärtners an der Nußdorfer Lände, mit welchem wir in Geschäftsverbindung standen, indem wir ihm Pflanzen und Setzlinge abließen und umgekehrt.

Als ich Gertrud, so hieß das Mädchen, zum ersten Mal sah, stand sie gerade am Herd und kochte. In der Küche alles sehr sauber und nett. Sie selbst eine stattliche, kräftig gebaute Person, die mir wohlgefiel. Die würde, so schloß ich, eine tüchtige Hausfrau abgeben – um so mehr, als sie auch, ihrem ganzen Benehmen nach, sehr züchtig und tugendhaft zu sein schien. So ließ ich denn meine Absicht den Vater merken, der darüber sehr froh war, da er um meine Aussichten wissen mochte. Es kam zu näherem Verkehr, und ich und das Mädchen galten schon als Verlobte. Aber in alle Ehren. Das Haus betrat ich nur an Sonntagen. Und zwar nachmittags zur Jause. Dann gingen wir, immer im Beisein des Vaters, in den Nußdorfer Bockkeller zum Bier oder nach Heiligenstadt zum Heurigen. Das tat ich eigentlich nur dem Alten zulieb, der nicht ungern ins Glas guckte. Aber um neun Uhr mußte es ein Ende haben, denn ich war seit jeher gewohnt, früh schlafen zu gehen.

So zog sich die Sache fast ein Jahr hin. Mit einmal ganz plötzlich, wurde ich zum Ritter von Artner gerufen. Er teilte mir mit, daß Nowak mit Neujahr zur Ruhe gesetzt werde und ich an seine Stelle ernannt sei. Ich dankte ehrerbietig, aber aufrecht. Denn sosehr mich die Ernennung freute, war es doch auch ein Vorteil für den Herrn Ritter von Artner, daß er einen Mann wie mich als Obergärtner bekam, Aber im Innern war ich doch sehr aufgeregt, und da trieb es mich, meine Zukünftige von dem Ereignis in Kenntnis setzen. Wie gesagt, kam ich an Wochentagen niemals hin. Aber heute war gerade erst Montag; ich hätte also die Woche warten müssen. Freilich hätte ich auch schreiben können; aber das fiel mir zum Glück nicht ein, sondern ich eilte schnurstracks hinab an die Nußdorfer Lände. Trat ohne weiteres ins Haus, das mitten in dem großen Gemüsegarten lag – und dann gleich rechts in die Küche hinein, wo ich die Gertrud um diese Zeit sicher anzutreffen hoffte. Sie war auch dort. Aber dicht bei ihr, gewissermaßen Kopf an Kopf, stand der Bäckerjunge, der in dieser Gegend Brot und Semmeln austrug – ein bartloser Bursche von siebzehn oder achtzehn Jahren. Am linken Arm den Korb, hatte er den rechten um ihre Mitte geschlungen, es sah aus, als hätt sich die beiden soeben geküßt. Ich das sehen und kehrtmachen und nach Hause gehen war eins. Dort erst fing mich die Sache zu wurmen an. Aber mein Stolz behielt die Oberhand. Ein Mädchen, das sich von einem Bäckerjungen. küssen läßt, ist nicht wert, daß du noch an sie denkst. So sprach ich zu mir selbst. Und dabei blieb es, ob mir auch der Alte ganz weinerlich auf die Bude gerückt kam und alles nur auf den Bäckerjungen schieben wollte, dessen unziemlicher Frechheit sich seine Tochter nicht hätte erwehren können. Ich erwiderte darauf gar nichts und wies ihm bloß mit einer bezeichnenden Handbewegung die Tür. Einen dicken Schreibbrief, den mir die Gertrud schickte, zerriß ich ungelesen. Kurz: so, als wäre gar nichts vorgefallen und als hätt ich das Mädchen niemals gesehen, trat ich zu Neujahr mein Amt an. Ans Heiraten dacht ich nicht mehr.

Die einzige Sorge in dieser Beziehung machte mir die große Wohnung,. die ich jetzt bekam. Drei sehr geräumige Zimmer außer der Küche und sonstigem Zubehör. Aber da war ja bald geholfen. Ich sperrte die letzten zwei Zimmer ab. In das erste ließ ich das Bett schaffen, in dem ich bis jetzt geschlafen hatte; die andern notwendigsten Möbelstücke. kaufte ich mir – und führte ganz ruhig meine Junggesellenwirtschaft fort. Einen Augenblick dachte ich daran, eine Magd zu halten. Aber eine junge oder jüngere wäre nicht passend gewesen – und vor alten Weibern habe ich immer Abscheu empfunden. Schöpfte mir also auch als Obergärtncr beim Brunnen das Wasser, ging zum Mittagessen ins Wirtshaus holte mir abends meinen Wein herüber – und räumte täglich mit eigenen Händen auf. Ich hätte zwar das meiste durch einen Gärtnerburschen besorgen lassen können – und ein anderer hätte es auch getan. Ich aber hielt strenge Dienstordnung; es sollte nicht heißen, daß ich einen der Leute, die der Herr Ritter von Artner bezahlte, für mich verwende. So lebte ich also für mich allein, einen Tag wie den andern, fast zehn Jahre lang und befand mich wohl dabei – bis ich endlich...« Herr Stäudl brach ab und blickte starr vor sich hin.

»Bis Sie endlich doch heirateten«, sagte der Richter. »Lassen Sie hören, wie Sie dazu gekommen sind.«

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