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Die Heimkehr

Therese Bentzon: Die Heimkehr - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorTh. Bentzon
titleDie Heimkehr
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VIII.

Der Waise strömten nun Beileidsbezeugungen in Menge zu, ohne daß sie in ihnen Trost fand; ihre Verzweiflung, zu der sich die bittersten Gewissensbisse gesellten, blieb jeder Beschwichtigung unzugänglich und ließ sie die Einsamkeit aufsuchen. Man mußte sie mit dem entseelten Körper, der gestern noch von Schmerzen durchwühlt, heute in tiefem Frieden schlummerte, und dessen eisige, marmorkalte Starre nicht vor ihrem Rufen, ihren Bitten, ihren leidenschaftlichen Selbstanklagen wich, allein lassen. Sie wurde nicht müde, sich zu sagen: ich bin eine schlechte, eine herzlose Tochter gewesen.

Frau Christens Testament wurde eröffnet; es enthielt neben Äußerungen tiefer Zärtlichkeit allgemeine Ratschläge. »Ich werde mit dir sein,« schrieb die arme Mutter, »dich auf Schritt und Tritt begleiten und dir raten; im übrigen vertraue ich dich deiner eignen Klugheit, deinem rechtschaffenen Wesen und deinem Ehrgefühl an, das dir von Kindesbeinen an eingeimpft ist. Wenn du diesem treu bleibst, wird dich Gott nirgends ohne seinen Schutz lassen. Empfange, innig geliebte Tochter, meinen Segen!«

Eine kurze Nachschrift empfahl sie, die nun auf der Welt alleinstehen sollte, der bewährten Freundschaft der Frau Loysel und den so großmütig gespendeten Beweisen des Wohlwollens von Frau Harris. Herr Wilhelm Loysel wurde, da von einer Verwaltung von Geld und Geldeswert nicht die Rede sein konnte, gebeten, sich als Vormund Renées persönlich anzunehmen.

Nach dem Verlesen des Testaments kam eine merkliche Beruhigung über Renée, aus ihren Augen, die bis dahin trocken und wie von Irrsinn getrübt gewesen waren, floßen Ströme von Thränen. Sie hatte sich auf einen kategorisch geäußerten Wunsch ihrer Mutter, auf einen von jenseits des Grabes kommenden Befehl gefaßt gemacht, dem sie sich wortlos gefügt haben würde. In diesem angstvollen Augenblicke hätte sie es wie ein Glück empfunden, wenn ihr in dem Verzicht auf die Bühne ein Sühnemittel geboten wäre.

Die geliebte Tote, mild bis über die Gruft hinaus, legte ihr keine Entsagung auf, sie ließ ihr völlige Freiheit. Ohne ihr Wissen – nach der herzbrechenden Trauer, der sie sich ganz und gar hingegeben hatte, konnte ein bestimmter Wunsch nicht in ihr erwachen – fühlte sie sich von einer quälenden Angst befreit.

Dann fühlte sie eine um so größere Verehrung für die Geschiedene. Niemand wollte sie es überlassen, sie für den letzten Gang zu schmücken, und sie kleidete, wie sie es so oft gethan, die Teure für den langen, letzten Schlaf selbst an. Während sich Renée diesen frommen Verrichtungen hingab, herrschte im Hause Loysel eine gewisse Aufregung. Der Vater fragte sich, welche Pflichten ihm seine Vormundschaft, zu der er sich freiwillig nicht erboten hätte, die er aber nicht zurückzuweisen wagte, auferlege.

»Selbstverständlich kommt doch Renée nach der Beerdigung ihrer Mutter zu uns?« fragte Cäcilie.

Und Frau Loysel erwiderte leichthin: »Gewiß, mein Kind, auf einige Tage.«

»Das wäre eine karge Gastfreundschaft,« fiel Etienne ein. »Ein Mädchen in ihrem Alter kann nicht allein leben; sollen wir ihr nicht die Häuslichkeit, die sie verloren hat, ersetzen?«

Seine Mutter ließ etwas von »Hindernis« und »Verantwortung« hören, die unwillige Miene des jungen Mannes machte sie jedoch verstummen, und sie schloß mit gewohnter Klugheit: »Warten wir mal ab, was ihre eigne Absicht ist. Es versteht sich von selbst, daß ich mein möglichstes thun werde, mich der armen Kleinen anzunehmen.«

Während sie dies Versprechen leichthin gab, überlegte sie, daß es hieße der Früchte ihrer Diplomatie verlustig gehen, wenn Etienne und Renée unter dem gleichen Dache lebten, und sie zermarterte sich den Kopf nach einem Ausweg. Frau Harris kam ihr auf halbem Wege entgegen. –

Zwei Tage später rissen die Bauern die Augen auf, als sie die Amerikaner von Souvray sich dem bescheidenen Leichenbegängnis, das Frau Christen zu ihrer letzten Ruhestätte folgte, anschließen sahen. Man hatte sie früher nie in der Kirche gesehen und sie für Heiden gehalten; trotzdem bezeugten sie der armen Renée, die trotz allen Abredens darauf bestanden hatte, mit auf den Kirchhof zu gehen, die innigste Teilnahme.

Der Kirchhof, auf dem Renée noch lange, nachdem das Gefolge sich zerstreut hatte, in stillem Gebete versunken blieb,, hatte nichts Unheimliches: innerhalb einer niedrigen Mauer aus bemoostem Kalkstein lagen die Gräber an einem Waldabhang, und zwischen den kleinen Kreuzen aus altersgeschwärztem Holze wuchsen dichte Clematis und Brombeerbüsche, die im Sommer alles mit einer grünen Decke überwucherten. Jetzt freilich schlummerte noch alles, nur einige voreilige Gänseblümchen streckten die Köpfchen aus dem Rasen. Auf dem frischen Grabe mangelte es indessen nicht an Blumen: Sträuße mit weißem Flieder, Kränze aus Kamelien und Veilchen, die aus Paris gesandt, noch lange einen Gegenstand für die Unterhaltung der Bauern bildeten, als ein Luxus, der mit den bescheidenen Gewohnheiten der Verstorbenen nicht im Einklang stand. »Leute, die solche Blumen bezahlen konnten, würden auch Renée nicht im Stich lassen.« Diese Voraussetzung fand sich bestätigt; man erfuhr, daß die Amerikanerinnen in der That Fräulein Renée aufgefordert hatten, sie auf ihren Reisen zu begleiten.

Frau Harris, die ihre Thatkraft nicht zügeln konnte, fragte Renée: »Was gedenken Sie nun zu thun? Wie wollen Sie Ihre Zukunft gestalten?«

»Meine Zukunft?« wiederholte Renée mit thränenschweren Augen. Und sie wandte sich nach dem Kirchhof, wie um anzudeuten, daß sie über jenes Grab, das alles barg, was ihr im Leben teuer gewesen war, nicht hinaussah.

»Ich verstehe wohl, meine liebe Renée, daß Sie sich noch außer stande fühlen, sich von ihren schmerzlichen Gedanken los zu reißen. Es wird aber die Zeit kommen, da Sie daran denken müssen, wie und wo Sie künftig leben wollen. Ihre Mutter selbst hätte das von Ihnen verlangt,« fuhr sie auf ein mutloses Kopfschütteln Renée's fort. »Von ihr sind Sie mir anvertraut, und ich teile mit Ihren andern Freunden die Aufgabe, über Sie zu wachen.«

Dabei sah Sie Frau Loysel an, die zugegen war und jedes ihrer Worte mit beifälligem Kopfnicken begleitet hatte. Zu ihr gewendet fuhr Frau Harris fort:

»Wie wäre es, wenn ich sie nach Italien mitnähme! Ich bin nicht mehr beweglich genug, um meinen Töchtern auf ihren Zickzackwegen zu folgen und wünsche deshalb eine Begleiterin für sie zu haben; zudem würden sie zusammen mit Renée große Fortschritte machen. Sie ist freilich ein wenig zu jung, ihr vernünftiges Wesen, ihr gemessenes Auftreten gleichen den Mangel aber aus. Anderseits ist Reisen das beste Mittel, über einen schweren Verlust hinwegzukommen.« »Die Stätte, an der meine arme Mutter ihren letzten Atem ausgehaucht hat, ist der einzige Ort, wo ich leben kann,« schluchzte Renée. »Tag für Tag möchte ich dort verweilen, wo das letzte ruht, was mir von ihr geblieben ist.«

»Deswegen drängt Sie auch Frau Harris nicht, Ihre Heimat zu verlassen,« warf Frau Loysel mit schlecht verhehlter Freude ein. »Auch ich möchte meine Ansprüche geltend machen, Sie eine Zeitlang bei mir zu haben.«

Dieses gastfreundliche Anerbieten, das ihr noch vor fünf Minuten schwere Überwindung gekostet haben würde, floß ihr jetzt, da sie wußte, daß Renées Aufenthalt in ihrem Hause nur von kurzer Dauer sein sollte, leicht von den Lippen.

»Soviel Güte habe ich nicht verdient,« stammelte Renée mit Thränen in den Augen.

»Lassen Sie sich Zeit zum Überlegen, liebes Kind, wir reisen ja erst in vier Wochen,« meinte Frau Harris.

»Und für diesen Monat belege ich Sie mit Beschlag,« schloß Frau Loysel pathetisch. Später sagte sie zu ihrem Manne:

»Wir sind gerettet, die Amerikanerinnen nehmen sie mit. Du wirst hoffentlich als ihr Vormund keinen Einspruch dagegen erheben?«

»Wie sollte ich!« rief Herr Loysel entzückt über diesen Ausweg, der sich mit Renées Interessen ebensogut zu vertragen schien, wie mit seinen Pflichten als Familienvater. »Sie muß sich so oder so ihr Brot verdienen. Die paar Groschen, die ihr vermacht sind, würden sie nicht weit bringen. Als Erzieherin oder Gesellschaftsdame kann sie nirgends besser aufgehoben sein, als bei Leuten, die sie vorher kannten und hochschätzen. Gehen sie einmal zurück nach Amerika, nun, dann kann man sich nach etwas anderem umsehen.«

»Und wer weiß, ob die Damen sie dann nicht mitnehmen!«

Bei dem Gedanken, daß einmal der Ozean zwischen Etienne und Renée liegen könne, rieb sich Herr Loysel vergnügt die Hände.

»Hat sie denn schon eingewilligt?« fragte er plötzlich in Unruhe.

»Nein, sie ist noch ganz außer sich, unfähig einen Entschluß zu fassen. Bei ihrem lebhaften und unternehmenden Charakter wird sie aber schließlich zustimmen, daran zweifle ich keinen Augenblick. Im übrigen werde ich ein Auge auf sie haben. Man wird sie schon dazu bringen können, ohne daß sie's gewahr wird.« In den nächsten drei Wochen fand Frau Loysel denn auch Mittel und Wege, um der Waise einen dauernden Aufenthalt im Hause ihres Vormundes zu verleiden; hatte sie doch nur nötig, sich gehen zu lassen, sich so zu geben, wie sie in Wirklichkeit war: als einem wahren, von Herzen kommenden Gefühl durchaus unzugänglich, geizig, herrschsüchtig und in einem Grade befehlshaberisch wie Renée, ehe sie unter gleichem Dache mit ihr lebte, es für unglaublich gehalten hätte. Indessen blieb von allen den kleinen Reibereien, unterbrochen von Zärtlichkeitsbeweisen, die zu stürmisch waren, um nicht gekünstelt zu erscheinen, nur wenig an dem armen Mädchen hängen. Leidenschaftlicher Schmerz hielt ihre Seele gänzlich gefangen, und jeden Morgen ging sie zum Kirchhof, oft von Cäcilie, zuweilen auch von Etienne begleitet, dessen Mitleid ihr wertvoller als das irgend eines andern geworden war. Etienne hatte ihrer Mutter in ihrer letzten Stunde zur Seite gestanden, er konnte ihr erzählen, was sich vorher ereignet hatte. Niemand verstand sie so zu trösten wie er, der in derselben Weise und mit denselben Worten zu ihr sprach, wie die so tief Betrauerte, – Worte, die ihr Frieden und Ergebung in das Herz träufelten. Egoistisch wie alle Leidtragenden gab sie sich dem süßen Bewußtsein hin, einen Freund, einen Bruder zu besitzen, ohne daran zu denken, daß sie vielleicht durch diesen intimen Verkehr und Gefühlsaustausch die heimlichen Hoffnungen des Liebenden nähre. Frau Loysel dagegen dachte sehr viel daran und beunruhigte sich mit jedem Tage mehr, als sie die jungen Leute, die sie um jeden Preis trennen wollte, vom Morgen bis zum Abend bei einander sah.

Ihre Gedanken arbeiteten um so lebhafter, da Renée nie ein Wort über ihre Pläne verlauten ließ, sondern sich in die wortlose Traurigkeit hüllte, in die tiefer Schmerz langsam überzugehen pflegt, wie Krankheit in Rekonvalescenz. Vergeblich erinnerte Frau Loysel sie daran, daß die Abreise Frau Harris herankäme, und ihre Andeutungen, wie wunderbar der Frühling, der hier zu Lande wieder so lange auf sich warten lasse, in Italien sein müsse, fanden kein Echo.

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