Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Therese Bentzon >

Die Heimkehr

Therese Bentzon: Die Heimkehr - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorTh. Bentzon
titleDie Heimkehr
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070530
projectidfcfbeaf6
Schließen

Navigation:

V.

Frau Loysel kam aus dem Erstaunen nicht heraus, als sie sah, wie eine der besten Gesellschaft angehörige Dame, deren Mittel gestatteten, das Schloß von Souvray zu bewohnen, mit einer Person wie Frau Christen, die in einer Bauernhütte kümmerlich lebte, so intim verkehrte. Ihr Erstaunen war um so größer, als in ihrem Hause Frau Harris sich immer spärlicher zeigte.

Auf den Gedanken kam sie nicht, daß Geistesbildung und ein angenehmer Meinungsaustausch, in dem für Dorfklatsch kein Platz ist, kurz der seine Takt, den Armut nicht ausschließt, der aber umgekehrt mit Reichtum nicht erworben werden kann, eher geeignet sind, anzuziehen und zu fesseln, als rotsammetne Sessel und andre Prachtstücke, die man dem Lieferanten so teuer bezahlt hat, daß der glückliche Besitzer das Bedürfnis fühlt, jedem, der es hören will, den Kaufpreis mitzuteilen. Die Äußerungen von Eitelkeit, die Frau Harris anfangs an der Gutsbesitzerfrau belustigt hatten, waren ihr bald unerträglich geworden, und sie gab sich wenig Mühe, das zu verbergen, da es ihr an jener ausgesuchten Höflichkeit gebrach, die sich darin äußert, sich mit Anstand zu ärgern. Sie handelte damit unklug: Das naive Erstaunen von Frau Loysel schlug bald in Neid um und machte sich in säuerlich-süßen Redensarten Luft. Was sollte man alles in allem von den Leuten denken! War es nicht auffällig, so drei Jahre hintereinander außerhalb des Vaterlandes herumzuschweifen? In Frankreich würde niemand auf den Gedanken kommen, und das tägliche Zusammensein mit solchen excentrischen Leuten wäre sicher nicht geeignet, Renée verständiger zu machen und sie mit ihrem Schicksal auszusöhnen.

Wie immer, so mischte sich auch hier ein Korn brutaler Wahrheit in diese gehässigen Unterstellungen der Frau Loysel. Etienne fühlte es zu seinem Schrecken. Es war ihm nicht entgangen, daß Renée sich seit einiger Zeit mehr denn je für Dinge begeisterte, die mit dem Lose, das er ihr anzubieten träumte, unvereinbar waren: Paris, Theater, die Freuden eines Künstlerberufs tauchten unaufhörlich in den Gesprächen mit den Fräulein Harris auf, die meistens bei seinem Näherkommen verstummten, und es kam dem armen Jungen vor, als ob man eine Verschwörung gegen ihn anzettele. Der einzige, der sich über den Charakter, die Neigungen und das große Opfer, das Renée darbrachte, klar wurde, war Grace Harris. Ihre Zuneigung war an jenem ersten Abend erwacht, an dem die junge Amerikanerin von Begeisterung hingerissen ihrer zukünftigen Freundin die berauschenden Erfolge einer Laufbahn, von der man im Hause Loysel nur mit verhülltem Antlitz sprach, prophezeit hatte. Jener anstößige Wunsch klang noch manchem der Tafelgenossen wie eine unerhörte Unschicklichkeit in den Ohren und hatte Graces Ruf, die ihn ganz laut zu äußern den Mut gehabt hatte, großen Abbruch gethan. Wie oft war Renée seitdem im Gespräch mit Grace auf die so ganz neue Ansicht von dem erträumten Beruf, die sie damals gewonnen hatte, zurückgekommen! Auf das plötzliche, tief innen im Herzen gefühlte Erwachen von Hoffnungen, die sie erloschen glaubte, weil es ihr endlich gelungen war, sie zu ersticken! Sie machte sich also keiner Sünde schuldig, sie hatte den Verstand nicht verloren? Freiheit, Reichtum, Ruhm, alles konnte ihr werden, ohne daß sie auf die Achtung, die sich ein ehrbares Mädchen vor allem bewahren muß, zu verzichten nötig hatte! Mochte Frau Loysel es niemals verstehen lernen und Zeter schreien bis zuletzt – es sollte sie wenig kümmern. Aber wie war es anzufangen, daß ihre Mutter sich mit dem Gedanken versöhnte? Ihre Lebensanschauung war eine so ganz andre!

»Wir müssen und werden es durchsetzen,« sagte Grace. »Alles fügt sich dem, der mit eisernem Willen zu beharren weiß. Meine Verlobung ist dafür der beste Beweis. Glaubst du, daß meine Mama sich so leicht damit abgefunden hätte, als sie mich einem jungen Manne, der nichts als seine Intelligenz besaß, den Vorzug geben sah? Ich habe mutig ausgehalten, sie hat gefühlt, wie unglücklich ich war und daß ich geduldig warten würde, und schließlich sagte sie: Schön, wenn es ihm gelingt, sich eine Stellung zu machen. Ich bin dafür eingetreten, daß er es fertig bringen würde, und er hat sich nach Pensylvanien auf die Suche nach Kohle, Petroleum oder was weiß ich gemacht. Er ist Ingenieur. Er wird etwas finden, er muß etwas finden, aber, wenn ich ihm nicht mit jedem Dampfer schriebe, hätte er jetzt ein schweres Leben. Übrigens weiß er, daß ich mich als seine Verlobte betrachte – damit zeigte Grace auf den glatten, goldenen Reif an der linken Hand, den einzigen, den sie trug – und Mama weiß es ebenso. Wir werden aber erst in drei Jahren Hochzeit machen und bis dahin bleiben wir auf Reisen. Da wir nun einmal nicht beisammen sein können – weshalb sich nicht inzwischen zerstreuen! Er schreibt so lustig, wie ein richtiger Hinterwäldler auf Entdeckungsreisen. Seine Briefe haben Mama besser als alles andre mit ihm ausgesöhnt, weil sie sich aus ihnen ein Urteil über sein gutes Herz und seine Charakterstärke bilden konnte: solche Eigenschaften sprechen für einen künftigen guten Ehemann. Und er wird mein Mann, gleichviel ob der Schacht, den er gräbt, ihm die Millionen, die zu finden er ausgezogen ist, spendet oder nicht. Natürlich kostet ein Haushalt Geld, aber bin ich nicht reich genug?«

»Liebe macht augenscheinlich stark,« sagte Renée mit den Achseln zuckend. Sie wunderte sich im stillen, daß beinahe alles Sinnen und Streben der jungen Leute um sie herum sich um Liebe drehte: die arme Cäcilie härmte sich heimlich ab, Friedrichs wegen, der offen für Lily schwärmte, deren Pfeile wiederum dem Zufall folgend, rechts oder links Herzen verwundeten, bis auch sie ernsthafter gefesselt sein würde. Jeder von Graces Gedanken, die sich Woche für Woche in einer großen weitläufigen Handschrift über unzählige Briefbogen ausbreiteten, wanderte zu ihrem Verlobten, dem Petroleumsucher. Und Renée? Die Gewißheit, von Etienne geliebt zu werden und ihm Kummer zu bereiten, verursachte ihr eine stete Unruhe, eine mühsam verhaltene Ungeduld. War es ihre Schuld? Sie, sie allein empfand nichts von dem, was die Qual oder Wonne der andern ausmachte, das heißt: ihr Geliebter, ihr Verlobter, ihr Ideal, die verbotene Frucht, nach der sie lechzte, war die Kunst, war Musik.

O, wenn ihre Mutter sich hätte umstimmen lassen wie die Graces. Aber ein Versuch allein hätte die Kranke Erregungen ausgesetzt, die man ihr ängstlich fern halten mußte. Wenn das junge Mädchen das Gesicht ihrer Mutter so müde und bleich sah, daß es kaum wiederzuerkennen war, wenn die Ohnmachten, die sich seit Jahren einstellten, in immer kürzeren Zwischenräumen auftraten, wenn die schlaflosen Nächte immer schwerer zu überstehen waren, da wies es, von Schrecken und Gewissensbissen ergriffen, den Gedanken daran weit von sich.

Etienne konnte inzwischen, ohne gerade zu wissen, was eigentlich in Renée vorging, unruhige Ahnungen nicht los werden; etwas ihm Unerklärliches trennte ihn mehr als jemals von Renée. Eine Zeitlang konnte er glauben, daß es nichts als der Geschmack an dem leichtlebigen Treiben sei, den ihr die Damen Harris, die er nachgerade in das Pfefferland wünschte, eingeimpft hätten.

Diese waren mit Anfang des Winters nach Paris zurückgekehrt, wo sie in einer möblierten Wohnung im elegantesten Stadtviertel den Tag erwarteten, an dem sie sich nach Italien aufmachen wollten. Ihre Abreise hatte das Schloß in seine frühere Trostlosigkeit versenkt und eine große Lücke gelassen: Die Bauern konnten sich nicht mehr offenen Mundes vor ihre Thür stellen, um ein von luftigen Toiletten schimmerndes break vorbeifahren zu sehen oder, wenn sie bedürftig waren, die Hände ausstrecken, die ihnen stets mit ungewohnt reichen Spenden gefüllt wurden.

Auch Herr Wilhelm Loysel hatte mit einem Seufzer den alten schwarzen Gehrock, den er bei den Diners auf Souvray respektvoll anzulegen pflegte, in den Schrank gehängt.

»Möge der Himmel uns von nun an vor solchen Nachbarinnen gnädig bewahren!« rief übler Laune Frau Loysel; »sie haben alles drunter und drüber geworfen und was mit ihnen in Berührung gekommen ist, von Grund aus verdorben: Die schlechten Folgen machen sich an unserm Gesinde, das ganz verrückte Löhne beansprucht, wie an unsern Freunden, unsern Kindern, ja sogar an dir fühlbar.«

»Pure Einbildung!«

»So? Langweilst du dich etwa nicht, seitdem du nicht mehr den Galanten spielen kannst, – in deinem Alter! Und Friedrich Buisson,« fuhr Frau Loysel, ohne ihren Mann zu Worte kommen zu lassen, fort, »der früher so fleißig war, hat nicht einmal die Studie, die er zu Anfang des Sommers begonnen hatte, vollendet! Er ist viel früher als sonst aufgebrochen, und ich wette, sein Atelier in Paris wird ihn nicht oft zu sehen bekommen; der Dummkopf promeniert jedenfalls Abend für Abend weiß kravattiert unter ihren Kronleuchtern, deren Vergoldung mit so und so viel pro Monat auf der Rechnung steht!« endete sie mit dem Stolze der Eigentümerin, die unter Kronleuchtern, die auf Bestellung gearbeitet sind, sich solide festgesetzt hat. In dem Augenblick, als Frau Loysel den jungen Maler einer so liebenswürdigen Kritik unterzog, trat Cäcilie ein; sie hätte Friedrich, obgleich sie im Grunde fühlte, daß der Tadel nur zu gerechtfertigt war, gern in Schutz genommen, aber Frau Loysel ließ ihr nicht Zeit, ein Wort einzuwerfen.

»Und mit der kleinen Christen ist es noch schlimmer! Sie bringt ganze Wochen in Paris bei ihren Unzertrennlichen zu, immer unter dem Vorwande, die Oper, Konzerte und was sonst noch zu besuchen. Und die Mutter ist närrisch genug, sich noch darüber zu freuen. Es nützt nichts, wenn ich ihr immer und immer wieder sage: »aber, meine arme Freundin, diese schönen Damen werden wie Sternschnuppen vom Horizonte verschwinden, und Ihre Tochter wird Ihnen, unzufrieden mit ihrem Schicksal und an tausenderlei Dinge gewöhnt, die Sie ihr nicht mehr bieten können, auf dem Halse bleiben«. Sie hat stets dieselbe Antwort: »soll man, weil ein Glück nicht von Dauer sein kann, sich versagen, es einen Augenblick voll zu genießen? So haben wenigstens einige Sonnenstrahlen die Jugend meiner armen Renée erhellt!« Ich kann ihr doch nicht sagen, daß diese Vergnügungen in einer Zeit, wo sie selbst zusehends abnimmt, wo ihre Tage gezahlt sind, nicht am Platze sind.«

»Du mischst dich in Dinge, die dich nichts angehen,« brummte Herr Loysel, blies ein paar Züge Rauch aus seiner Pfeife mit philosophischem Gleichmut in die Luft und fuhr fort:

»Je weniger die Kleine hier ist, desto besser für unsern Sohn. Dem hat, meine ich, der Aufenthalt dieser Damen nur gut gethan. Nichts war so am Platze, um ihn von seiner dummen Liebelei abzulenken...«

»Das glaube ja nicht, Vater,« unterbrach ihn Cäcilie lebhaft. »Etiennes Treue zu erschüttern, bringt niemand fertig. Er hat, wie ich ihn kenne, sein Herz ein für allemal hingegeben, und ich weiß, er wird niemals eine andre Wahl treffen.«

»Du weißt es? Aus seinem Munde?«

»Was so tief am Herzen nagt, spricht man nicht aus, aber ich habe sein Geheimnis von Anfang an erraten. Etienne wird nie glücklich sein, wenn er nicht Renée zur Frau bekommt.«

»Was für einen Roman hast du dir da ausgeheckt!« rief Herr Loysel, mit Mühe den grollenden Zorn unterdrückend, der die Pfeife zwischen seinen Zähnen wackeln ließ. »Geschichten von der Treue bis zum Tode sind gut für kleine Mädchen wie dich ...«

Cäcilie erbleichte, als wenn man auf ihrer Stirn hätte lesen können, daß sie Friedrich trotz allen Spottes stets gut bleiben werde.

»Etienne wäre ein Dummkopf, wenn er nicht gesehen hätte, daß deine Renée sich neben Grace und Lily Harris nicht besser ausnimmt, als eine Grille neben zwei Kolibris.«

»Dein Vater meint, ein junger Mann müsse sich umsehen, vergleichen und dann seine Wahl treffen, ehe er sich für das Leben bindet,« erläuterte Frau Loysel, die als kluger Taktiker ihre Winkelzüge zu verschleiern pflegte. »Und dann habe ich vielleicht Unrecht, denn ich kenne gewisse junge Mädchen, die es nicht anders treiben,« fügte sie mit ihrem sauersüßen Lächeln hinzu.

Cäcilie schüttelte den Kopf. »Im Gegenteil, vorhin hattet Ihr recht. Renée thäte besser, ruhig in ihrem alten Kreise mit uns zu bleiben. Wozu sich Versuchungen aussetzen!«

»Sie wird ihnen nicht unterliegen, sie liebt ja deinen Bruder..«

»Ich habe gesagt, mein Bruder liebe Renée, das ist nicht dasselbe,« antwortete Cäcilie traurig, denn sie hatte seit einiger Zeit bemerkt, was sie niemals für möglich gehalten hatte, daß in dem Maße wie Etienne sich seiner Leidenschaft willenlos hingab, Renée kühler wurde. »Ich glaube aber sicher, sie wird ihn noch lieb gewinnen,« fügte sie in kindlichem Vertrauen hinzu, »wenn Ihr Etienne ermutigen würdet....«

»Langsam, so weit sind wir noch nicht,« unterbrach sie Frau Loysel und hielt damit ein »der Kuckuck soll mich holen« ihres Ehegatten zurück, dem ein energischer Protest auf der Zunge lag.

»Kluge Eltern unterziehen die Neigungen ihrer Kinder erst einer Prüfung, und dann überlegen sie, was zu thun ist,« fuhr sie in einem Tone fort, der Nachsicht zu versprechen schien.

»Ja, ja, man überlegt, was zu thun ist,« wiederholte Herr Loysel und rollte drohend die Augen.

Cäcilie folgerte:

»Die Mutter ist für die Heirat Etiennes mit Renée, der Vater sähe eine andre Partie lieber, er wird sich aber umstimmen lassen.«

Nicht um die Einwilligung ihrer Eltern bangte sie; was sie beunruhigte, war die sichtliche Gleichgültigkeit Renées gegen alles, was nicht Musik hieß.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.