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Die Heimkehr

Therese Bentzon: Die Heimkehr - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorTh. Bentzon
titleDie Heimkehr
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XXVI.

Gegen die Neige eines schönen Herbsttages saß Etienne vor seinem Schreibtisch in seinem Studierzimmer und bemühte sich vergeblich, seine widerspenstige Aufmerksamkeit auf einen wissenschaftlichen Bericht, in dem er einige neue Versuche auf dem Gebiete der landwirtschaftlichen Chemie niederlegte, zu konzentrieren; diese ruhige und ziemlich trockene Beschäftigung ließ ihn jedoch ebenso im Stich wie die Jagd, bei der er am Morgen Zerstreuung gesucht hatte. Was sollte, wenn Arbeit und Bewegung ihm nicht mehr gegen sich selbst zu Hilfe kamen, jetzt aus ihm werden, wo er die wachsenden Erregungen seines Herzens nicht mehr beschwichtigen konnte? Sie überstiegen neuerdings seine Widerstandskraft, er fühlte sich unterliegen.

Die mit Korrekturen bedeckten Papiere, die vor ihm ausgebreitet lagen, beiseite schiebend, vergrub er seinen brennenden Kopf, in dem sich tausend verzweifelte Entschlüsse kreuzten, in seinen Händen. Plötzlich schien es ihm, als ob der Sonnenschein, der durch die weit geöffnete Glasthür in sein Zimmer fiel, abgeschnitten wäre; er erhob langsam das Haupt und sah durch eine Thräne, die sein Auge trübte, Renée hoch aufgerichtet auf der Schwelle stehen. Sie war ganz von Licht umflossen, das in ihrem Haar sein Spiel trieb, ihre Wangen färbte, aus ihren Augen wiederzusprühen und in ihrem Lächeln zu glänzen schien; ihr Antlitz, in einer Schönheit strahlend, wie er sie nie an ihr bemerkt hatte, zeichnete sich gegen den von der Abendsonne purpurn erglühenden Himmel scharf ab.

»Etienne!« sagte sie leise, mit einschmeichelnder Stimme.

Er sah sie nur an, geblendet, wortlos. Sie kam herein, stellte sich leichten Schrittes ihm gegenüber und drückte über den Tisch geneigt ihre Lippen auf seine Stirn, so zärtlich, als wenn sie die Spur jenes gleichgültigen, grausamen Kusses, den sie ihm damals beim Abschied im Walde von Fontainebleau gegeben hatte, verwischen wollte.

»Wenn Sie wüßten,« fuhr sie fort, »wie glücklich ich bin!«

Dreimal mit wachsender Glut wiederholte sie dies Wort, die Augen zum Himmel erhoben, wie um ihn zum Zeugen anzurufen.

Etienne fuhr fort, einen fragenden, ängstlichen Blick auf sie zu richten. Sein Herz schnürte sich je länger desto mehr bei dem Gedanken zusammen, daß Renées Glück mit dem seinigen nichts gemein haben könne.

»O, lieber Freund, ich habe es Ihnen nicht sagen wollen, bevor ich meiner Sache sicher, ganz sicher war ... Es traten Rückfälle ein, mehr als einmal habe ich daran gezweifelt und geglaubt, es sei eine der vorübergehenden Besserungen, die mich schon so oft enttäuscht haben; aber nein, seit zwei Monaten fühle ich es, sie ist mir wiedergegeben ... meine Stimme, meine unversehrte Stimme, verstehen Sie mich, eine Stimme, so klar wie ehedem. Ich bin geheilt, frei! Ich bin frei, nichts steht mehr im Wege ...« Sie unterbrach sich selbst, um eine perlende Tonleiter in die Lüfte zu jubeln; dann setzte sie mit der unvergleichlichen Leichtigkeit, der man so oft lauten Beifall gespendet hatte, in eine ihrer Lieblingsmelodien ein: Per pieta ben mio. Der Wind, der hinter ihr im Parke mit den abgefallenen Blättern spielte, mengte sich wie ein verzückter Schauer der ganzen Natur in die letzten Schwingungen ihrer Stimme.

Etienne begriff, daß die Christen in ihrer ganzen Siegesgloriole wieder auflebte. Unter der Herrschaft einer unzähmbaren Erregung war er auf die Füße gesprungen: seine Augen waren getrübt, das Blut klang ihm in den Ohren, er empfand die Art Betäubtheit, die einem unversehens und mit aller Gewalt geführten Schlage folgt; alles, was er empfand, faßte sich in dem Gefühl zusammen, daß Renée grausam sei. Es fehlte nicht viel, so hätte er es ihr ins Gesicht gesagt, aber sein Gerechtigkeitssinn und sein Edelmut schafften schnell in seinem Hirn Ordnung. Näher zu ihr tretend, ergriff er ihre Hand und wiederholte wie im Traume:

»Geheilt ... Ich glaube, ich muß über das, was Sie glücklich macht, auch glücklich sein. Ich werde mir Mühe geben, dahin zu kommen. Überlassen Sie sich ganz Ihrer Freude. Ich hatte Ihnen ja gesagt, das Leben sei für Sie nicht zu Ende.«

»Nein wahrlich, es fängt für mich an,« sagte Renée und sah ihn mit einem Ausdruck voll halb zärtlicher, halb ironischer Bewunderung an. »Und was werde ich, Ihrer Meinung nach, jetzt mit ihr anfangen?« fuhr sie mit einem Lächeln, das ihm voller Herausforderung zu sein schien, fort. Er wandte den Kopf ab und stammelte leise:

»Sie sind gekommen, mir wieder einmal Lebewohl zu sagen.«

»Als eine Undankbare in diesem Falle? Nicht genug, daß ich so stolz bin! ... Und doch bin ich weniger stolz als Sie, denn Sie wissen, Ihre Schwüre mit einem bewundernswerten Pflichtgefühl zu halten ...«

»Wozu hätte es mir genützt, es nicht zu thun?«

»Um mir die Schande zu ersparen, Ihnen zu sagen ... Gut, zu meiner Buße werde ich sie mir auferlegen, diese Schande. Können Sie nicht verstehen, daß ich meinen Schatz, nachdem ich ihn wiedergefunden, Ihnen darbringe? Daß, wenn ich mich freue, ihn wieder zu besitzen, es nur geschieht, weil ich ihn Ihnen opfern kann? Aber nein, es handelt sich nicht um ein Opfer ... Wozu nach Worten suchen: ich liebe Sie.«

Er stieß einen Schrei aus und schloß sie überglücklich in seine Arme.

»Und du konntest mich in diesem fürchterlichen Zweifel lassen! ...«

»Ich würde lieber ohne ein Wort zu sagen gestorben sein, als daß du hättest glauben können, daß deine Liebe mir nicht mehr gälte, als die höchsten Güter der Erde, höher selbst als das Körnchen Kunst, das Gott in meine Brust gepflanzt hat, höher als das Königreich, auf das ich, weil es mir gleichgültig geworden, verzichte. Allen dem ziehe ich vor, als Bäuerin fern von aller Welt mit einem Starrkopf zu leben, den ich achte und den ich anbete,« fügte sie hinzu, und ihr kindliches, schönes Lachen machte sich durch Thränen Luft.

Die Welt, die sich über die Standhaftigkeit Etiennes so grausamen Enttäuschungen gegenüber gewundert hatte, kam nicht aus dem Erstaunen darüber hinaus, ihn ein gefährliches Glück so furchtlos antreten zu sehen. Es ist selten, daß starke Seelen Verständnis finden; da sie übrigens durch ein Vorrecht, außergewöhnlicher als man denkt, genau wissen, was sie wollen, verstehen sie auch den Beifall zu entbehren und eine Kritik ihres Thuns zu überhören.

»Es ist ein Fall thörichter Übereilung,« sagten die einen. »Sie wird sich nach der Bühne zurücksehnen,« die andern. »Man hat noch nie eine Schauspielerin gesehen, die sich ohne Hintergedanken entschloß, in den breiten Pfad der Alltäglichkeit einzulenken.«

»Ist er wenigstens ganz sicher, eine makellose Frau zum Altar zu führen? Auf ihrem Rufe waren zuguterletzt einige Flecken haften geblieben.«

»Und dann sprechen Sie mir nicht von diesen überlegenen Geschöpfen, die stets ein Verlangen nach dem Ungewöhnlichen, dem Unmöglichen verzehrt, als Hausfrauen!«

»Das ist sicherlich kein festgefügtes und gegen künftige Ereignisse gewappnetes Glück.«

So sprach die Welt, als wenn sie trotz ihrer alten Erfahrung nicht gewußt hätte, daß es kein festgefügtes und sicher zu nennendes Glück gibt. Jene, die es, so flüchtig es auch war, gekostet, die den erhabenen Augenblick erlebt haben, wo alles im Austausch zweier ineinander aufgehender Herzen sich austilgt und verschwindet, haben nicht das Recht, mehr zu verlangen. Übrigens sind schon zehn Jahre über der wolkenlosen Ehe Etiennes und Renées dahingegangen und haben den üblen Voraussagungen Unrecht gegeben.

Etienne hat den Traum seiner Jugend verwirklicht, Renée ist sich klar geworden, daß sie sich zuerst auf der Suche nach dem Glück verirrt hatte; jetzt leidenschaftlich und rückhaltslos geliebt, was bleibt ihr noch zu wünschen übrig? Ihr Künstlertemperament, das sie früher aus dem beschränkten Kreise, dem sie sich aus freien Stücken wieder anschloß, heraustrieb, hilft ihr heute, alles, was sie umgibt, mit poetischem Scheine zu verklären und das Schöne in wahren Gefühlen zu finden. Die Liebe ist und wird für sie ein Zustand des Enthusiasmus bleiben; wenn Enthusiasmus sich auf ein unerschütterliches Vertrauen, auf Erinnerungen, die man sich nicht ins Gedächtnis rufen kann, ohne weich zu werden, stützt, so ist nicht zu fürchten, daß er mit bösen Tagen schwindet. Sie hat die Welt kennen gelernt und erfahren, was ihre Gunstbezeigungen wert sind; eine grausame Prüfung hat ihr gezeigt, wie schnell uns unsre köstlichsten Talente im Stich lassen; unvergänglich hat sie nur die Zärtlichkeit dieses braven Mannes, der jetzt ihr Gatte ist, gefunden. Wie sollte sie nicht stolz auf ihn sein? Er ist der Wohlthäter des Landes, in dem sein Einfluß unaufhörlich wächst, und seine Thätigkeit ist mit dem Fortschritt, dem Sichwohlbefinden aller innig verknüpft. Niemand preist nun mit beredteren Worten das »Nützliche« als Renée, vielleicht weil ihre glänzende Phantasie es mit allem Schmuck umgibt, dessen es bedarf, um verlockend zu scheinen.

Cäcilie hat endlich, seitdem ihr ein Neffe geboren ist, ihren Lebenszweck gefunden, und Großpapa, der sich in die Träume ungetrübter Glückseligkeit einlullt, wie sie allein Greise kennen, wird nicht müde, sich in seiner Herzensfreude zu wiederholen, daß das Geschlecht der Loysel bis ans Ende der Tage den glücklichen Erdenwinkel besitzen wird, den die vereinigten Ländereien seines Stammsitzes und die von Souvray bilden.

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