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Die Heimkehr

Therese Bentzon: Die Heimkehr - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorTh. Bentzon
titleDie Heimkehr
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XXII.

Geschieht es nicht mit Unrecht, daß unser Stolz im Namen der Freiheit und menschlicher Willenskraft die Rolle, die das allmächtige Schicksal in unserm Leben spielt, abzuschwächen versucht? Bleibt es nicht stets der allgewaltige Gott der Antike, gegen dessen Beschlüsse unsre Thaten nichts vermögen? Nenne man ihn Bestimmung oder Vorsehung, stelle man sich ihn blind oder allsehend vor, seine unwiderstehliche Kraft greift schnell wie ein Blitzstrahl dazwischen, um alles, was wir lieben und mühevoll geschaffen haben, mit einem Schlage zu vernichten. Das gewaltigste Räderwerk wird oft von einem Sandkorn angehalten.

Etwa ein Vierteljahr, nachdem die schweren Ketten, mit denen die arme Lily sich für immer belastet glaubte, sich so unversehens gelöst hatten, zeigte Cäcilie Friedrich die folgende Stelle im Figaro:

»Eine andauernde, wenn auch belanglose Unpäßlichkeit wird Fräulein Christen, die junge, brillante Sängerin, die im letzten Winter ganz Paris entzückte, noch einige Zeit zur Ruhe zwingen. Es ist noch zweifelhaft, ob sie im Herbst wird auftreten können. Ihr Fernbleiben wird eine recht bedauerliche Lücke im Théâtre Italien lassen, da keine der Künstlerinnen, von der man wohl als von ihrer Nachfolgerin spricht, sie zu ersetzen imstande ist.«–

»Nun, lesen Sie nichts zwischen den Zeilen?« fragte Cäcilie.

»Nichts, als daß sie sich ausruhen oder sich bitten lassen will.«

»Sie tappen im Finstern. Der große Beweis von Hochachtung und Zuneigung, den ihr mein Bruder dadurch, daß er sich für sie schlug, gegeben hat, wird sie endlich gerührt haben; ich möchte schwören, sie will darauf mit dem einzigen Zeichen der Dankbarkeit antworten, das er ihr anrechnen kann. Sie zieht sich unter einem Vorwand unbemerkt vom Theater zurück; ist es nicht natürlich, daß ein Handwerk, das sie dergleichen Auftritten aussetzt, ihr Grauen einflößt? Großer Gott! Ich an ihrer Stelle würde mir vorkommen wie mit Blut besudelt! Sehen Sie nur, wie Etienne düster bleibt, seitdem er für sie ... Sie können sagen, was Sie wollen, Friedrich, nach christlicher Auffassung beging er einen Mord! Mein armer Etienne, so sanft, so menschenfreundlich, so gut, schuldig eines Mordes! Sie allein konnte ihn dazu bringen. Ich bin sicher, daß sie Tag und Nacht den Gedanken daran nicht los wird und sich die Greuelthat zum Vorwurf macht.«

»Beurteilen Sie die Frauen im allgemeinen nicht nach einer gewissen Cäcilie,« erwiderte Friedrich, »Sie würden sich zu vielen Täuschungen aussetzen. Ich meinerseits möchte dafür einstehen, daß das Opfer ihrer Kunst ihr in keinem Verhältnis zu dem des Lebens ihres besten Freundes zu stehen scheint, und daß nichts sie bewegen kann, dieses Opfer freiwillig zu bringen. Wenn sie, wie Sie meinen, die Absicht hatte, Etienne zu belohnen, – hätte sie ihm damals, als er die Kugel in die Schulter erhielt, einen Schritt entgegenkommen müssen.«

Friedrichs skeptische Zweifel sollten über die Herzenseinfalt Cäciliens den Sieg davontragen; es geschah aus Zwang und in Untröstlichkeit, daß die Künstlerin für eine Weile von ihrem Piedestal herabstieg. Den Beweis wird man in einem Briefe finden, den sie an einem regnerischen Tage in einem Hotelzimmer in den Pyrenäen schrieb:

Cauterets, am 30. August ...

Ich habe früher versprochen, wenn Unglück über mich hereingebrochen wäre, meine Zuflucht bei Ihnen zu suchen. Sie sehen, ich halte Wort. Ich sehne mich nach Mitleid von Ihnen, mein lieber Etienne, dem einzigen, von dem ich es ertragen kann. Edelmütig, wie Sie sind, werden Sie es mir immer spenden, und, obgleich der Schatz, den ich verloren habe, für Sie zur Ursache so vielen Kummers geworden ist, werde ich immer an seine Aufrichtigkeit glauben.

Verloren – dieses Wort habe ich soeben geschrieben ... verloren! ... Meine Stimme wäre verloren! Nein, wenn dem so wäre, würde ich die Schrecken dieses unheilvollen Mißgeschickes nicht lange ertragen: ich würde verrückt werden oder zu sterben wissen. Es ist nur ein vorübergehendes den Dienst versagen, ein Unfall! Es gibt noch Heilmittel, Gott sei gedankt.

Ich habe zu große Verschwendung mit meinen Kräften getrieben, so wenigstens sagen die Ärzte. Stellen Sie sich einen Schmetterling vor, der sich, das Opfer eines köstlichen Wahnsinns, in vollem Lichte schaukelt, bis er sich an der Flamme versengt; dann fällt er, und seine zerfetzten Flügel werden ihn nie, nie mehr tragen ... Ich war unvorsichtig und thöricht wie er; nur ich, ich werde genesen. Es ist unmöglich, daß eine Kehlkopfentzündung – das ist die Krankheit, die mich im Seebade, wo ich mich, ohne gerade die Notwendigkeit zu verspüren, auf Rat des Arztes schon von den Anstrengungen des Winters erholte, befallen hat – es ist undenkbar, daß ein so erbärmlicher Zufall plötzlich das aus unserm Selbst herausnimmt, was tausendmal kostbarer als Gesundheit, Leben, ja als die innerste Seele ist: die Stimme.

Nicht wahr, ich werde wieder gesund werden? Niemand zweifelt daran, der Arzt verlangt nur noch ein wenig Geduld. Ich habe schon sehr viel; es kommt mir vor, als hätte ich hier Jahrhunderte damit hingebracht, warmes Wasser zu trinken und diese höllischen Schwefeldämpfe einzuatmen. Denn ich thue weiter nichts als das ... und mich in Verzweiflung quälen ...

Man versicherte mir, ich sei in einem ebenso malerischen als eigenartigen Lande ... Wie soll ich es wissen? Alles scheint mir in die leichenhafte Traurigkeit gehüllt, die ich in mir trage. Die Quelle soll aber so heilkräftig sein, ein jeder rühmt ihr so außergewöhnliche Kuren nach, daß ich manchmal ein wenig Vertrauen einkehren fühle ... denn schließlich bin ich noch jung ... die Jugend hat immer noch Hilfsquellen. Das wunderbare Instrument, wie man es nannte, und das ich kaum erprobt habe, kann nicht unrettbar zerbrochen sein und wenn ich ein halbes Jahr lang nicht singen sollte ... Nein, dieser Gedanke allein ist mir unerträglich. Nicht singen bedeutet nicht atmen, nicht lieben, nicht leben ... ist die Qual der Ohnmacht und des Neides. Denn Neid, wie sehr ich mich auch darüber schäme, verzehrt mich. Sich von jemand, der Renée nicht ersetzen kann, beiseite gedrängt zu sehen, zu wissen, wie das treulose Publikum mangels einer besseren seine Gunst einer andern zuwendet, niedergemäht, verstehen Sie doch, vergessen zu sein im Beginn einer Laufbahn, die sich in solchem Glanz eröffnete ... Nein ich will nicht, ich ertrage es nicht, ich muß diesen Winter singen.

O Gott, werde ich es können? ... Hier bat man mich neulich, in einem Konzert für die Armen aufzutreten, und ich habe sie lieber glauben lassen, ich sei hartherzig, als die Wahrheit zu gestehen, daß ich nicht mehr die Christen bin, deren Namen sich die Vorübergehenden zuflüstern, während sie sie neugierig anstarren, ohne zu ahnen, daß sie nur ihren Schatten, die traurige Hülle jener Stimme, die, heute gelähmt, ich gestern noch so sicher in meiner Gewalt hatte, vor sich sehen.

Sie wird mir wieder gegeben werden, früher oder später. Aber wird sie die gleiche Frische haben? Wird man nicht sagen, sie habe verloren? Bevor ich, was ich in mir fühlte, ausgegeben, bevor ich, was ich hätte sein können, gewesen bin! Auf die Bühne zurückgehen, ohne mich selbst wieder erreichen zu können! Das ist noch so eine schreckliche Sorge. Ich habe Furcht, ich verzehre mich in Kummer, und niemand weilt neben mir, dem ich mein Bangen, meine Ahnungen anvertrauen, meine Schwäche eingestehen könnte, niemand als Bedienstete, die mich nicht verstehen, die mein Geheimnis ausplaudern würden, und Gleichgültige, die in der Meinung, sich mir angenehm zu erweisen, mir wiederholen, ich sähe gut aus, und jede Spur meiner Krankheit sei verschwunden.

Äußerlich vielleicht ... mein Gesicht ist das gleiche, möglicherweise ausgeruhter, aber ... ich verabscheue es. Ach, wenn ich, alt und entstellt, noch meine Stimme hätte, diese Macht, die ich besser niemals besessen, da sie mir entschlüpfen soll! Mein Gott, ich lästere, strafe mich dafür nicht! Ich habe ja, im Gegenteil, nur wirklich gelebt durch sie, durch sie bin ich nur ganz glücklich gewesen, und eine Mutter, der ihr Kind genommen, verleumdet deshalb nicht die Freuden der Mutterschaft ...«

Die so fieberhaft unzusammenhängende Gedanken auf das Papier warf, unterbrach sich; ihre Hand, ihr ganzer Körper, von zu tiefer Bewegung erschüttert, zitterten. Sie erhob sich hastig, ging auf das Fenster zu und lüftete den leichten Vorhang. Es regnet häufig in Cauterets, und die enge Straße, die an ihrem Ende von einem schwarzen Gebirge, wie von einer Mauer abgeschlossen ist, wird dadurch nicht freundlicher. Die Frische des Fensters, an dem die Nässe herabrieselte, teilte sich ihrer glühenden Stirne, die sie daranpreßte, mit; ihre wirren Gedanken klärten sich ein wenig.

»Wie? An ihn, an Etienne schreibe ich diese Dinge!« sagte sich Renée. »Welche Thorheit, welche Feigheit! Das Versprechen, das er mir abgenommen, rechnet nicht; ich gab es in dem Glauben, es niemals halten zu müssen. Als ich glücklich war, verschmähte ich seine Zuneigung, seinen Schutz; ich opferte alles das, ohne zu zögern, der erhebenden Freude, die mich heute im Stich läßt, und in diesem Verlassensein soll ich zu ihm, dem eifersüchtigen Nebenbuhler meiner Kunst, kommen? Und worum soll ich ihn bitten? Um Trost, der mir keine Wohlthat sein kann? Nein, einfach um ein wenig Teilnahme, um das Mitleid eines ergebenen Herzens. Finde ich das wo anders?«

In der That wäre sie dem nirgends begegnet. Ihre Kolleginnen vom Theater mußten sich ja freuen, ihrer, die sie in die zweite Reihe gedrängt hatte, enthoben zu werden; Bocchini würde ihr nur zürnen, daß sie sich nicht geschont hatte, um ihrem Lehrer noch länger Ehre zu machen; der große Mann, der sie entdeckt und ans Licht gezogen, hatte sie zu Fortschritten ermutigen, ihren Triumph, der ihm eine seiner würdige Darstellerin versprach, mitgenießen können; aber dessen, was ihr in seinen Augen allen Reiz gegeben, beraubt, war sie für ihn nur ein außer Gebrauch gesetztes, unrein gewordenes Instrument, eines der Trümmer, wie die erregten Fluten des Theaters sie so oft ans Land treiben. Was Frau Harris, Grace und Lily betrifft, so fühlte Renée zu sehr die Skrupel, die sie von ihren alten Freundinnen trennten. Lily war doch schließlich die Witwe des Herrn von Cerdon, und das Duell des Herrn von Cerdon hatte zur Ursache, zur unschuldigen, gewiß, aber nichtsdestoweniger unheilbringenden, eine Frau gehabt, die verschwinden und schweigen mußte, mit welchen Gefühlen man auch noch ihrer gedachte. Es gibt im Leben solche Härten, daran ist nichts zu ändern.

»Nein, bei niemand,« wiederholte Renée laut, »Ich bin allein und muß allein bleiben.«

Das war nicht mehr die Einsamkeit in Italien, eine von Plänen belebte, von Arbeit ausgefüllte Einsamkeit; es war nicht mehr die stolze Einsamkeit, die sie in Paris, inmitten ihres Erfolges, aus Klugheit und Selbstgefühl beobachtet hatte, die freigewählte Einsamkeit einer sich ihrer Kraft bewußten Überlegenheit, inmitten einer Menge, in der sie weder ihr ähnliche, noch gleiche gefunden. Jetzt war sie allein nach einer Niederlage, allein mit den Ruinen ihres erloschenen Talentes und ihrer erschlafften Jugend, allein mit dem Bilde verschwundenen Glücks, das sich, wie der Dichter der Hölle so zutreffend gesungen hat, im Unglück in den bittersten Schmerz kehrt. Das zerbrechliche und kostbare Gut, dem sie ohne Zögern alle Güter dieser Welt geopfert, war ihr entrissen, ohne ihr den Ersatz, den man in der Erfüllung uns allen gemeiner Pflichten stets findet, zu lassen. So verfluchtet sich auf Nimmerwiederkehr ein köstlicher, zarter Wohlgeruch, wenn das Gefäß, das ihn enthielt, zersprang.

Renée zerriß den für Etienne bestimmten Brief in tausend Stücke, aber dieses Ausschütten ihres Herzens, wenn auch noch so schnell unterdrückt, hatte ihr die Kräfte wiedergegeben. Die Feder wieder aufnehmend, ließ sie einige Bekannte, deren geschwätzige Zungen sie kannte, wissen, was sie bekannt werden lassen wollte: die Quellen von Cauterets thäten ihr ungemein gut und würden sie binnen kurzem in stand setzen, sich dem Theater wieder zu widmen.

Wie vorauszusehen, fand diese zum mindesten verfrühte, gute Nachricht ihr Echo in einigen Zeitungen, die man ihr schickte, und die sie mit der kindlichen Genugtuung las, die Welt und sich selbst einen Augenblick hinters Licht geführt zu haben. Aber, was das arme Kind damit nicht ködern konnte, war das hartnäckige Übel, das wie ein unsichtbarer Feind sich gegen ihre Stimme richtete, zuweilen durch die Nachwirkung der Heilmittel verlangsamt, anscheinend beinahe beschworen und doch stets bereit, sich von neuem einzustellen. Als sie nach einer langen Kur Cauterets verließ, fühlte sie sich wohler und hatte wieder Mut gefaßt. Sie kam, ohne sich zu erkennen zu geben, durch Paris und konnte ganz hinten aus ihrer Loge, in der sie sich allen Blicken entzog, bestätigen, daß die mittelmäßige Sängerin, die sich dem schwierigen Versuch, sie vergessen zu machen, unterzogen hatte, keineswegs Erfolg damit hatte. Sie fand schlechte Aufnahme, man begegnete ihr mit einer Strenge, die an Ungerechtigkeit grenzte, der Vergleich mit ihrer Vorgängerin machte alle ihre Anstrengungen zu Nichte.

Niemals erwähnte die Zeitung ihres Namens, ohne ihm in Ergüssen des Lobes und Bedauerns dem Namen Renée Christen entgegenzuhalten. Diese empfand dabei eine bittere, gehässige Freude; sie begriff gleichzeitig, wie wenig Verdienst sie seither daran gehabt hatte, gut zu sein, hatte sie doch niemand um etwas zu beneiden; jetzt verschaffte ihr der Mißerfolg einer Nebenbuhlerin den einzigen Trost, den sie noch empfinden konnte. Ihr Platz war wenigstens nicht eingenommen; sie konnte ihn wiederfinden, und ihr augenblickliches Schweigen würde ihr dann nicht geschadet haben.

Sie hatte wieder Minuten voller froher Träume, die mit leidenschaftlichen Anfällen der Verzweiflung wechselten. Die rief das schreckliche Bewußtsein, falsch zu singen, wenn sie versuchte, die aufsässigen Saiten ihrer Stimme vibrieren zu lassen, in ihr hervor.

Der Rat der Ärzte ging dahin, daß sie gut daran thun würde, den Winter im Süden zu verleben. Aufrecht erhalten von Hoffnung, die so langsam verlischt, wenn es sich um das teuerste Interesse, das wir auf Erden haben, handelt, gehorchte sie. Was sollte sie auch in Paris, wo ihr nichts übrig blieb, als sich zu verbergen, um ungelegenem Bedauern aus dem Wege zu gehen?

Niemand erfuhr etwas von ihrem Aufenthalt, sie verwischte ihre Spuren wie eine Schuldbeladene, als wenn dies unerbittliche Leiden, gegen das sich alle Heilmittel und ihre ganze Willenskraft fruchtlos erwiesen, eine Schande sei. Würde das milde Klima, das sie aufsuchte, sie endlich davon befreien?

»Es scheint mir,« dachte sie, während der Blitzzug sie den Palmen und der Sonne von Nizza entgegenführte, »daß ich ein letztes, nunmehr entscheidendes Spiel spiele, und daß sein Einsatz mein Leben ist.«

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