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Die Heimkehr

Therese Bentzon: Die Heimkehr - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorTh. Bentzon
titleDie Heimkehr
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XXI.

Im Klub versiegte das Gespräch über dieses Duell in den nächsten acht Tagen nicht. Man wurde nicht müde, den mörderischen Ausgang mit Randbemerkungen zu versehen: beide Schüsse waren auf das Kommando gleichzeitig gefallen, und Raoul von Cerdon war in demselben Augenblick, wo sein Gegner, an der Schulter getroffen, schwankte, augenblicklich leblos zusammengebrochen.

Herr von Espard hatte einen großen Erfolg als Erzähler zu verzeichnen und mußte mehr als hundertmal seinen unheimlichen Bericht wiederholen.

»Armer Cerdon!«

»Er verstand sein Leben so zu genießen.«

Seine Mutter, alt, frömmelnd und von hinreichender Selbstsucht, ertrug in stummer Ergebenheit diesen letzten Schmerz, den einzigen, den ihr Sohn ihr nach den Qualen und Enttäuschungen, mit denen er sie bei Lebzeiten überhäuft hatte, noch zufügen konnte. Für die junge Marquise war es ein tödlicher Schrecken. Am Abend vorher hatte sie in einem Anfall von Verzweiflung ihrem Gatten zugerufen: »O, wenn es in Frankreich nur eine Ehescheidung gäbe!« Sie hatte sich nach einer Trennung, nach Befreiung gesehnt. Gott sandte den Tod, – und jetzt erinnerte sie sich, inmitten ihrer Betäubung, daß sie diesen Mann geliebt hatte!

Sie weinte um ihn, verzieh ihm in weiblicher Großmut alle Untreue, alle Mißachtung, allen Verrat, die bis zum Ende sich gleich geblieben waren. Die Welt beklagte sie; dagegen erklärte man einstimmig, daß Fräulein Christen, wie alle Frauen ihrer Art, kein Herz hätte. Indiskretionen, die sich verbreiten, wie ein Lauffeuer, ohne daß man nachweisen kann, wie sie entstanden, hatten Neugierige auf den Auftritt aufmerksam gemacht, dessen Folge jenes unglückliche Duell war.

Die Einzelheiten wurden übertrieben und mißgünstiger, je länger sie von Mund zu Mund liefen. Im allgemeinen behauptete man, daß Eifersucht die Ursache des Zwistes gewesen, da jeder der Rivalen Anrechte an Fräulein Christen zu besitzen geglaubt habe. Und diese nahm trotzdem am Abend, der jenem Ereignisse folgte, in so vorzüglicher Stimmung vom Publikum Abschied, als ob sie nicht an dem Tode eines Menschen die Schuld trüge! Es nahm ihr freilich niemand übel. Diese Art Nachrede erhöht nur das Ansehen einer Schauspielerin; immerhin wiederholte man sich halb voll Bewunderung, halb in Abscheu: »Welch eine Unnatur, nicht wahr?«

Allerdings hatte man sie nicht bei der ersten Kunde vom Duell zu Friedrich Buisson laufen, in das Atelier des jungen Malers wie eine Windsbraut eintreten und atemlos die eine Frage hervorbringen hören:

»Etienne?« Als Friedrich sie versichert hatte, daß er nur eine leichte Verwundung davongetragen, rief sie immer wieder mit gefalteten Händen: »Um meinetwegen!«

»Um Ihren guten Ruf zu verteidigen, an dem man sich in seiner Gegenwart schwer vergriff,« sagte Friedrich ernst.

Eine leichte Röte färbte ihre bleichen Wangen.

»Also hat er doch nicht geglaubt? ... Er hat nicht an mir gezweifelt!« ...

Und ein Thränenstrom ergoß sich aus ihren Augen. Aber die Welt wußte nichts von diesen Thränen, in denen sich Zärtlichkeit, Dankbarkeit und zugleich ein brennender Schmerz Luft machten; sie fragte nicht, welches Aufwandes an Mut es bedurft hatte, sie hinunter zu würgen – sie verzeichnete nur mit der in solchen Fällen von ihr beliebten Genauigkeit, daß sie an demselben Tage, an dem man ihren Geliebten, den Marquis von Cerdon, beerdigt hatte, aufgetreten war. Schließlich war ja das arme Mädchen durch die Anforderungen ihres Berufs dazu gezwungen gewesen! Solange das Théâtre Italien seine Pforten nicht geschlossen hatte, mußte sie ihr Engagement einhalten, das sich seinem Ende nahte, das sie aber, so hofften die Logeninhaber wenigstens, für die nächste Saison erneuern würde.

Andere rechneten dagegen darauf, daß sie die Anerbietungen der großen Oper annehmen würde. Man versprach sich ein neues Vergnügen davon, sie als Alice, als Gretchen wiederkommen zu sehen, sie noch Rossini, Meyerbeer und Gounod singen zu hören. So mischten sich Vermutungen mit den mehr oder minder verschleierten Anspielungen auf das blutige Abenteuer, dessen Heldin sie war. Wo würde sie ihren Urlaub verbringen? Welchen Weg hatte sie genommen, als sie Paris verließ? Die Reporter schienen ihr bis in den geheimsten Schlupfwinkel folgen zu wollen.

Sie zahlte den Tribut ihrer Berühmtheit.

Während dieser Zeit verschwand eine Frau, von der man nicht vermutete, daß sie mit ihr irgend bekannt war, verschwand Frau von Cerdon, in aller Stille vom Schauplatz; der Dampfer, auf dem sich die junge Witwe, sobald die gute Sitte es erlaubte, eingeschifft hatte, steuerte gen Amerika, wo sie ihre Familie wiederfinden sollte. Wir haben uns mit Lily nicht länger zu beschäftigen. Sie ließ sich langsam in die alten, süßen Gewohnheiten des mütterlichen Herdes einlullen, die uns, in welchem Alter wir sie auch wieder annehmen, zum Kind werden lassen; nach kläglichem Schiffbruch in den Hafen eingelaufen, fand dieses Wrack in Ermangelung andrer Glücksgüter wenigstens Ausruhen. Sie schloß sich zärtlich an Grace's Babies an.

»Ich bin nun nichts mehr als aunt Lily, Tante Lily,« sagte sie nach einiger Zeit. »Daß man mir keinen andren Namen gibt!«

Und man sprach in der That nie mehr von der unglücklichen kleinen Marquise.

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