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Die Heimkehr

Therese Bentzon: Die Heimkehr - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorTh. Bentzon
titleDie Heimkehr
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XIX.

Ein solches Abenteuer war dazu angethan, Renée den peinlichsten Eindruck zu hinterlassen; immer wieder kamen ihre Gedanken darauf zurück. Sie klagte sich an, an Lilys Unglück, und wäre es auch gegen ihren Willen, mit Schuld zu sein und lehnte sich gleichzeitig, wie sie es nie gethan hatte, gegen die Verachtung, die Erniedrigungen auf, denen eine Laufbahn, von welcher sie zuerst nur die ideale Seite gesehen hatte, sie aussetzte. Jedes der schändlichen Worte des Herrn von Cerdon haftete wie mit glühendem Eisen eingebrannt in ihrem Gedächtnis; Scham und Entrüstung erstickten sie, wenn sie den, der sie so tödlich beleidigt hatte, an seinem gewohnten Platze und das Glas auf sie gerichtet, da sitzen sah.

In der That fühlte Herr von Cerdon trotz der Rachsucht, die seit dem Hinterhalt, wie er es zu nennen fortfuhr, in ihm kochte, und trotz der häuslichen Mißhelligkeiten, die für ihn daraus gefolgt waren, kein Abnehmen seiner Leidenschaft. Die Lust nach Rache, die sich in seine Lüsternheit mischte, gab dieser nur einen neuen Reiz; dieser uneingestandenen Lust fing er übrigens an, Genüge zu thun. Infolge seiner Bemühungen verbreitete eine kleine Gruppe gut unterrichteter Leute unter der Hand das Gerücht, diese neue »Madonna der Kunst« sei weniger unangreifbar als Schwachköpfe es zu glauben sich gefielen, und man nannte im Klub, wenn das Gespräch darauf kam, ganz leise Cerdon, obgleich sich dieser – dazu war er zu klug – vor irgend einer ausgesprochenen Ruhmrederei wohl hütete; es gibt jedoch so viele Wege, eine Frau bloß zu stellen und wäre es nur dadurch, daß man sich überall zu ihrem Beschützer aufwirft! In Ermangelung eines besseren füllte der Marquis damit die Langeweile des Wartens aus und schmiedete sich für den Fall eines endgültigen Mißerfolgs einen Trost für seine verletzte Eigenliebe.

Vielleicht that Renée Christen unrecht daran, ihr Privatleben mit ebenso viel Bescheidenheit als Stolz zu verstecken; die Welt ist besonders streng gegen das, was sie nicht weiß und was sie nicht versteht; sie glaubt gern, daß man ihr etwas verheimlicht, wo nichts zu verheimlichen ist. Ein beim Theater so seltenes Benehmen regte die Neugier an und ließ üble Reden aufkommen. Aber das war es nicht, was sie am meisten leiden machte, obwohl sie, wie es Pflicht jeder ehrbaren Frau ist, auf ihr Ansehen hielt. Gewisse Gegensätze, die in ihrem Doppelleben immer mehr zu Tage traten, wurden ihr schmerzlich, beinahe unerträglich: alle Abende gefeiert, bejubelt, verließ sie diesen Strudel, um sich stets allein, ohne einen Freund, ohne Schutz zu finden. Niemand freute sich mit ihr ihrer Erfolge, niemand ermutigte sie durch das Geschenk jener Sympathie des Herzens, die die kräftigste Stütze und zugleich die süßeste Belohnung ist, in ihrem Streben. Wenn sie nach einer Vorstellung im Zustande der Erschöpfung und Niedergeschlagenheit, der einer äußersten Anspannung aller unsrer Kräfte immer auf dem Fuße folgt, nach Hause kam, bemächtigte sich ihrer das Bedürfnis, ein befreundetes Gesicht zu sehen, den Druck einer es ehrlich meinenden Hand zu spüren, und eine Stimme, deren Beifall ihr kostbarer wäre, als aller Beifall der Menge, sagen zu hören: So war es gut!

Dieses Kind, das sich mit dem Mute der Unkenntnis, ohne mit der Wimper zu zucken, mitten in die Schlacht geworfen, fing an, das Erwachen einer verzehrenden Leidenschaft zu fühlen, die sich bei jeder Frau früher oder später einstellt. Vergeblich wappnete sie sich gegen diesen neuen Feind, gefährlicher denn alle, die ihr von außen nahten; er stellte sich trotzdem ein und wagte sich sogar in die Sphäre ihrer Kunst, in der es ihr schien, als erhöbe sie sich in dem Maße, wie ihr Leiden wuchs, mehr und mehr. Gerade damals versuchte sie sich an gewissen getragenen Rollen, und es gelang ihr, sich selbst zu übertreffen; die Leidenschaft, ohne Brennpunkt in ihrem wirklichen Leben, brach in mächtigen Tönen über ihre Lippen. Berufene Kenner entschieden, daß diese Tiefe an Auffassung und Gefühl erst ihren richtigen Eindruck in der Großen Oper machen würde; wenn sie ihre erste Station am Théâtre Italien hinter sich haben würde, sollte Fräulein Christen vor den großen Rollen eines reicheren Repertoirs nicht zurückscheuen. Der jungen Sängerin wurden glänzende Anerbietungen gemacht: jetzt gönnte sie einer dem andern nicht.

Weshalb war sie nicht glücklich, wie sie es zu sein behauptete, wie sie sich bemühte, es sich einzureden? Weil unsre arme menschliche Seele, wenn sie die gewünschten Güter einmal erreicht hat, über diese hinaus immer die, die ihr verweigert sind, zu wünschen verurteilt ist. Der Anblick einer bescheidenen Bürgersfrau, die am Arme ihres Mannes vorbeiging, das Lachen eines Kindes, der Laut »Mutter«, der neben ihr ausgesprochen wurde, genügte, um sie die Leere, die sich hinter den Erfolgen eines Künstlers verbirgt, fühlen zu lassen; sie hätte natürlich auf diese um nichts in der Welt verzichten mögen, sehnte sich aber doch danach, dieses Vergnügen durch andre intimere und ihr verbotene Freuden vollständig zu machen ... Verbotene? Gewiß; denn Liebe beim Theater bedeutet Liebschaft, und an Heiraten, es sei denn, daß sie den Tenor Leotti, ihren Partner, der sich nichts Besseres wünschte, gewählt hätte, war nicht zu denken. Unglücklicherweise war Leotti, wenn er den Edgard oder Almaviua ausgezogen hatte, der dümmste und beschränkteste Mensch, den die Erde je getragen. So war ihr Los besiegelt: das Alter würde sie allein neben einem verwaisten Herde überraschen. Aber würde sie überhaupt alt werden? Wozu sich darum grämen? ... Das Grauen vor einer ungewissen Zukunft von sich scheuchend, flüchtete sie sich in die Vergangenheit, die ihr früher wie eine enge Zelle erschienen war, in der sie mit soviel Ungeduld im Herzen gefangen saß. Jetzt erwärmte sie sich an dieser Erinnerung; die Freundschaften, auf die sie am wenigsten Wert gelegt hatte, wurden beim Rückblick kostbare Andenken.

Das erklärt den herzlichen Willkomm, auf den Friedrich Buisson eines Tages so stolz sein konnte; später fand er einen kühleren Empfang, bis sie ihm endlich so zu sagen für seine Besuche dankte. Seine Gegenwart erinnerte Renée zu sehr daran, daß ihr teurere Freunde, Etienne und Cäcilie, mit Absicht oder zum mindesten aus Gleichgültigkeit fern blieben. Weshalb war sie nicht im Ausland geblieben? Sie hatte in ihr Vaterland zurückkehren müssen, um die erstarrende Prüfung des Vergessenseins, hundertmal schlimmer als die Verbannung, durchzumachen.

Der Ruf der Sängerin nahm indessen in dem Maße zu, wie das Schicksal der Frau sich immer trauriger gestaltete. Etienne, der von der Mutlosigkeit dieser nichts wußte, war beklemmten Herzens Zeuge der Begeisterung, die jene erweckte. Vergebens hatte er sich, um sie nicht zu sehen, um nichts von ihr zu hören, auf Souvray eingeschlossen; der Name Renée Christen, von begeistertem Lob oder von Indiskretionen begleitet, kam ihm in den Zeitungen alle Augenblicke vor die Augen; er war, welche Qual! der Feder jedes gewissenlosen Reporters Preis gegeben, die sich beeilt, Neuigkeiten, Erfolge, Skandale in die Öffentlichkeit zu bringen und die, nachdem sie den Abgott des Tages maßlos belobhudelt hat, wohl fähig ist, sich, wenn er am Tage darauf zerschmettert am Boden liegt, mit dem gleichen Eifer gegen ihn zu wenden.

Liebe aus Eitelkeit kann durch den Glanz und das Gerede, das sich um den Gegenstand ihrer Wahl breit macht, gereizt werden; wahre Liebe ist ihrer Natur nach exklusiv. Was in den Augen eines Marquis von Cerdon den Wert Renées erhöhte, verminderte ihn um so mehr in den Augen Etiennes. Indessen die wirksamsten Maßregeln, der hartnäckigste Widerstand weichen dem Einfluß der Zeit, der Ansteckung durch Neugier. Fast gegen seinen Willen verließ der Einsiedler von Souvray, wie er sich gern nannte, eines Abends seine Klause, um sich noch einmal im Geheimen den köstlich-grausamen Empfindungen auszusetzen, die er im Skala-Theater durchgekostet hatte. Er kehrte so oft nach Paris zurück, daß es Cäcilien auffiel, und sie sich gegen Friedrich darüber äußerte. Er erklärte ihr ganz heimlich diese ungewohnten Ausflüge:

»Jedesmal, wenn sie singt,« sagte er, »bemerke ich ihn in einer Logenecke und begeisterter als irgend jemand, dafür stehe ich ein. Aber er will nicht erkannt sein. Nach so vielen Beteuerungen, wissen Sie, würde sich der arme Junge seiner Schwäche schämen! Anscheinend ohne ihn zu sehen, beobachte ich ihn also von weitem, und er kommt mir zuweilen vor, wie der weise Ulysses. Ulysses ließ sich mit starken Banden an seinen Schiffsmast fesseln, um den Sirenen ohne Gefahr zu lauschen. Nun, starke Bande, Stolz, Zwietracht, Ärger, vielleicht noch andre Gefühle halten auch ihn von der Sirene fern, aber er wird sie zerreißen; diese berückende Stimme läßt ihn nicht los, unterjocht ihn; sein Gesicht zeigt Entzücken und Trostlosigkeit ... bringen Sie das in Ordnung! Wir könnten ihn an einem dieser Tage aufs Geradewohl in die Tiefe tauchen sehen.«

»Um sie zu holen?« fragte Cäcilie naiv.

»Um zu ertrinken, wenn es so sein soll ... Das Schicksal läßt keine Wahl Das eine ist sicher: er liebt sie mehr denn je.«

»Armer Bruder, was soll daraus werden!« flüsterte Cäcilie.

Eine wachsende Unruhe bemächtigte sich ihrer; sie zweifelte jetzt an seiner Seelenstärke und sah ihn mit einer Unklugheit, die sie ihm doch nicht vorzuwerfen wagte, am Rande eines Abgrundes wandeln. Wenn man sie gefragt hätte, was sie befürchtete, was sie ahnte, das arme Mädchen hätte es nicht in Worte fassen können; wie ein treuer Hund von seinem Instinkt ebenso sicher wie von Vernunft gewarnt wird, daß der, den er liebt, sich auf gefährlichem Pfad verirrt, so schwebte sie machtlos ihn zu retten, in schmerzlicher Ungewißheit. War nicht Renée, ihre liebe und immer beklagte Renée, eine jener Schauspielerinnen geworden, die der Ruhe des Herzens und dem Frieden der Familien so unheilbringend werden? Die schlimmsten unter ihnen wissen ihre Opfer dem Ruin zuzuführen; können nicht die besten, und zu ihnen gehörte Renée gewiß, gerade durch ihren Widerstand einen zu heftig entflammten Liebhaber zu noch viel schrecklicheren Dingen treiben? Sie erinnerte sich an die Katastrophen, die man ihr erzählt hatte, an Romane, die sie gelesen. Der Eifer, den Etienne erst aufgeboten hatte, um Renée Christen zu vermeiden, ließ deutlich genug darauf schließen, wie sehr er ihre Herrschaft über sich fürchtete ... und jetzt ließ er sich, von seinem Kurse gänzlich verschlagen, steuerlos gehen ...

Einbildungen ohne Zweifel, wie sie nur in dem Kopfe einer Provinzlerin aufgehen können, die es zur alten Jungfer nicht mehr weit hat. – Aber die kommenden Ereignisse machten sie nur zu wahr.

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