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Die Heimkehr

Therese Bentzon: Die Heimkehr - Kapitel 18
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typefiction
authorTh. Bentzon
titleDie Heimkehr
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XVIII.

Was Friedrich Buisson über den häuslichen Kummer der jungen Marquise von Cerdon angedeutet hatte, war nur zu sehr begründet, und Renée Christen wußte das besser als jeder andre. Der erste Gang, nachdem sie in Paris angekommen, hatte ihrer kleinen Freundin und ehemaligen Schülerin gegolten. Dieser Eifer stand vielleicht mit ihrer gewohnten stolzen Zurückhaltung, die sie sonst einem ersten Schritt geradezu abhold machte, nicht in Einklang; aber Lily, wenn sie auch selten genug schrieb, gab sich so zärtlich in ihren unzusammenhängenden Briefen und Herr von Cerdon hatte sie früher in ihrer Neigung zur Bühne derart bestärkt, daß der Künstlerin der Gedanke an einen unliebenswürdigen Empfang nicht aufsteigen konnte. Immerhin verlegte sie ihren Besuch in die Morgenstunden, um Frau von Cerdon vor der Zeit der Besuche und jener tausend so wichtigen Abhaltungen zu überraschen, die den Tag einer Pariserin, und wäre die Pariserin auch aus einer Amerikanerin gezogen, auszufüllen pflegen.

Beim ersten Anblick erschien ihr das Hotel, das die Cerdon's in der Rue de Verneuil bewohnten, zu düster und zu ernst, um ganz nach Lilys Geschmack zu sein. Sie verglich sein abstoßendes Äußere mit dem einnehmenden gastfreundlichen Aussehen jenes hübschen Hauses auf dem Boulevard Haußmann, durch dessen mit rosafarbenen Doppelgardinen behängte Fenster die Sonne so luftig ihren Einzug hielt und wo vom Treppenhaus an ein Wald grüner Pflanzen in Majolikavasen schimmerte.

Hier nichts von alledem: der Faubourg Saint Germain verschmäht solchen Schmuck nach modernem Geschmack. Aber wo wäre der Aufenthalt, in Gemeinschaft mit dem, den man liebt, nicht köstlich? Lily wurde sicher nicht gewahr, daß ihr Haus eine etwas kalte, traurige Vornehmheit atmete.

Renée schritt durch den von hohen, feuchten Mauern umgebenen Vorhof und stieg die lange, steinerne Treppe hinauf. Ein Bedienter, der gleichfalls aus alten Zeiten zu stammen schien, öffnete ihr einen Salon, von dessen Wänden die Vorfahren des Marquis, Krieger in einem nahezu mythologischen Aufzug, Rechtsgelehrte in mächtigen Perücken, gepuderte Damen, gezierte Abbés mit hinter die Schulter zurückgeschlagenem Mäntelchen, die Menschen unsrer Zeit von oben herab anzusehen schienen. Und keine Spur von der Existenz der kleinen, lebhaften, geschäftigen Frau, die durch eine sonderbare Ausnahme Mitglied der Familie geworden war, nichts was auf die lustige, gefällige Unordnung, die früher Lilys Gegenwart verraten hätte, schließen ließ; alles alt und von feudalstem Aussehen.

Wie fand sich Herr von Cerdon, so durch und durch ein Kind seiner Zeit, mit all diesem gotischen Gerümpel ab? Renée stellte sich ihn im Boudoir von Frau Harris herumflatternd vor, dann in seinem Reisekostüm und als Kurmacher in Italien: dieser Herr von Cerdon mußte sich ja hier zu Tode langweilen.

Und er langweilte sich hier in der That so, daß er vorzog, so wenig wie möglich zu Hause zu sein; hingegen fand er es ganz in der Ordnung, seine Frau hier in einer Umgebung zu lassen, die seit Menschengedenken die der Marquisen von Cerdon gewesen war. Wie fügte sich die kleine Amerikanerin darein? Es sollte nicht lange dauern, bis Renée es wußte.

Eine der Thüren, die in den großen Salon führten, öffnete sich schnell, und Lily warf sich unter Freudenrufen und Thränen ihr in die Arme.

Lily? War diese verwelkte, vergrämte Frau wirklich Lily? ... Renée betrachtete sie, während sie den ersten Zärtlichkeiten Lauf ließen, erschrocken. Von dem Frühlingshauche, der von ihrer unschuldigen Freude am Leben stammte und den man Lilys Schönheit hätte nennen können, war keine Spur mehr zu entdecken. Die Thränen schienen das lebhafte Rot ihrer Wangen weggespült zu haben, der kleine Mund, früher halb offen über den Zahnperlen, zog sich an den Mundwinkeln herab, die weitgeöffneten Augen waren von einer unbezwinglichen Traurigkeit verschleiert, die nicht einmal die Freude dieses Augenblickes hinwegscheuchen konnte, und aus den weiten Hängeärmeln ihres Morgenrockes aus gesticktem Kaschmir sahen zwei Ärmchen hervor, die in nichts mehr an die weißen, so appetitlich runden Arme erinnerten, von denen der arme Friedrich noch bisweilen sprach.

»Du bist krank, meine Liebe?« murmelte Renée, sie wiederholt an ihre Brust ziehend.

»Krank? ... Ich bin tot!« antwortete sie mit einem schmerzlichen Lächeln. »Dagegen du, Renée, wie du hübsch geworden bist! ... Man sieht, daß dir das Los, das du dir wünschtest, zugefallen ist, während sich andre in den Dornen des Weges, den sie thörichter Weise einschlugen, mehr und mehr verstricken! Wie bethört war ich! ... Ich habe nicht das Recht, mich zu beklagen, aber du bist gut, du wirst mich trotzdem bemitleiden. Komm in mein Zimmer, dort können wir uns aussprechen ... es ist lange her, daß mir das nicht geworden ist! Setz dich vor das Feuer, so, ganz nahe zu mir, damit ich dich immer ansehen kann. O, mir ist's, als hätte ich euch alle wieder ... meine liebe Grace, die Mutter ... meine arme Mutter! ...«

Und mit einem herzbrechenden Seufzer ließ sie ihr Köpfchen auf Renées Schulter sinken, die sie in einer Mischung von Mitleid, Schrecken und besonders von Liebe, mütterlicher Liebe, an sich gedrückt hielt.

»Hast du sie seit der Hochzeit nicht wieder gesehen?« fragte sie leise.

»Nein, meine Mutter ist nicht wieder nach Frankreich gekommen; es hält sie zu vielerlei zu Hause zurück ...«

»Also weiß sie nicht? ...«

»O, ich will nicht, daß sie etwas erfährt!« rief Lily und richtete sich, ihre Thränen trocknend, leidenschaftlich auf; »ihr heute so zufriedenes Leben würde ihr zur Qual! Sie hält mich für glücklich wie Grace – nur ohne Kinder. Das Bedauern, keine Kinder zu haben, genügt, die Traurigkeit, die, ohne daß ich es hindern kann, manchmal in meinen Briefen durchbricht, zu erklären; deswegen schreibe ich selten, es ist mir lieber, vergeßlich und im Strudel der Gesellschaft lebend zu erscheinen – die ich in Wirklichkeit verabscheue ...«

»Aber was hat er dir gethan? Du liebtest ihn doch so zärtlich!«

»Ja, ich liebte ihn als junges Mädchen in Erwartung jener andern Liebe, die alle andern auslöscht und an die Stelle der Vergnügungen, in denen wir früher unsre Befriedigung fanden, ebenso viele Sorgen stellt. Das ist Raouls schlagendster Beweis; er erinnert mich stets daran, daß ich, als er mich kennen lernte, nur an mein Vergnügen dachte und hält mich dazu an, mich weiter zu belustigen, mich zu zerstreuen ... Mich zerstreuen, nachdem er mich verlassen hat! Ist das möglich? ...«

»Verlassen? Schon? Meine arme Lily!«

»O, das kam schnell genug. Unsre Flitterwochen waren kurz. Ich glaubte mich angebetet ... Es war so süß! Ich ahnte nicht, daß das nicht immer währen sollte. Immer – die Dauer unsrer Hochzeitsreise! Und dann – waren die Meinigen abgereist – ich blieb allein. O, Renée ich rechnete es ihm noch zum Verdienst an, außer mir keine Beschäftigung zu haben! Wenn du wüßtest, wie wenig Zeit ein Mann, der nichts thut, für seine Familie übrig hat! Nach einer Reihe tödlich langweiliger Besuche in einer Gesellschaft, die meinen Mann kühl genug aufnahm und auf mich wie auf eine Art Wundertier herabsah, überantwortete mich Herr von Cerdon den Händen meiner Schwiegermutter, die es auf sich nahm, mir Lebensart beizubringen, und, auf Gnade und Ungnade, einer Klasse von Frauen, die sich ›besser geboren‹ glauben als ich – als wenn es höhere Adelsansprüche gäbe als der, geborene Amerikanerin zu sein,« schloß Lily in einer Aufwallung jähen Zornes, der ihre bleichen Lippen erzittern ließ.

»Man begegnet überall Vorurteilen, mein liebes Kind, und vielleicht stehst auch du, ohne es zu wissen, unter ihrem Einfluß. Die Hauptsache ist, daß dein Gemahl ...«

»Mein Mann? Ich sah ihn kaum. Ganze Nächte habe ich auf ihn gewartet, und er hatte noch die Kühnheit, mir nachweisen zu wollen, daß sein Klub ihn ganz unverschuldeter Weise so lange aufgehalten habe und daß das so Brauch sei ... Brauch! Wie oft dieses verhaßte Wort mir an die Ohren geklungen ist! Ihren französischen Gebräuchen werde ich nie und nimmer folgen! Tanzen, Toilette machen, allein in Gesellschaft gehen – das soll alles andre aufwiegen? Das ist gut genug für Frauen, denen man erst nach der Hochzeit erlaubt, Walzer zu tanzen und Worthsche Roben zu tragen. Dagegen ist eine junge Amerikanerin abgestumpft; Toiletten und Freiheit, die keine ist, lassen sie gleichgültig. Wenn sie Leib und Seele hergibt, fordert sie Besseres: sie verlangt einen Ehemann, der sie nicht acht Tage lang liebt, sondern sein ganzes Leben hindurch, und der nicht beim Spiel das Geld seiner Frau verschwendet ...«

»Lily!«

»O, ich gäbe ihm gern meinen letzten Pfennig,« fuhr sie unter Schluchzen mit wahrer Wollust fort, »aber glaubst du, daß er etwas verlangt? – Er nimmt von Rechtes wegen. Das ist noch so ein Brauch in Frankreich, daß die Frau aus eigner Macht nicht über einen Heller verfügt, daß man ihr über ihr Eigentum niemals Rechenschaft abzulegen hat. Aber das wäre mir nach allem anderen gleichgültig, wenn ... O Renée! Er unterhält Beziehungen zu andern Frauen ...« »Wer hat dir das erzählen können! ...«

»Ich verstand die Anspielungen wohl, meine Ahnung trog mich nicht ... Es ist weit mit mir gekommen, Renée ... ich bringe es fertig, in seinen Papieren herumzustöbern, ihn beobachten zu lassen, mich in Zorn gegen ihn zu bringen, gegen ihn, dem nichts so verhaßt ist, als häusliche Auftritte. Ja, du hast recht, es ist sehr schlecht von mir ... Aber ich habe nie erhabene Empfindungen in mir gefühlt, ich habe nie Charakter besessen. Ich war nichts als ein verzogenes Kind, das man beschützen und mit Nachsicht behandeln mußte. Niemand verzärtelt mich jetzt, darüber kannst du beruhigt sein! Und ich habe nicht einmal mehr den Trost, hübsch zu sein. Ich sehe das, wenn Leute mich ansehen, in ihren Augen und vor allem in denen meines Mannes. Ich bin selbst daran Schuld: ich lebe wie im Fieber, ich reibe mich auf, verzehre mich ... Wie Grace, die immer so ruhig, immer Herrin ihrer selbst ist, sich meiner schämen würde! Glückliche Grace, sie hat nicht nötig, eifersüchtig zu sein. O, Renée, ich sagte dir, Lily sei tot, aber in ihr lebt noch eine gequälte verzweifelte Seele, die das Ende ihrer Leiden sehen möchte ... Ich fürchte mich vor Gott und seinem Gericht ... ohne das ...«

»Schweig!« rief Renée, über ihre Aufregung erschrocken. »Im Namen meiner Mutter, schweig!«

Sie ließ sie sich an ihrer Schulter ausweinen, und bat sie mit sanfter Stimme, sich zu beruhigen; sie gab ihr zu verstehen, daß sie vielleicht nicht die besten Mittel, ihren Mann an den häuslichen Herd zurückzuführen, gewählt, daß sie ihn durch ihre Anforderungen, ihre Vorwürfe ermüdet habe; noch sei es Zeit, die Trümmer des verlornen Glückes zu retten, sie müsse nicht sein Unrecht, von dem sie ja keinen ernst zu nehmenden Beweis habe, übertreiben. Vor allem solle sie ihm verzeihen und damit das Herz des Schuldigen erweichen. Ohne selbst wirklich daran zu glauben, was sie vorbrachte, sprach sie doch in einer gewissen überzeugenden Art, und Lily verlangte nichts Besseres, als Worte des Zuspruchs und der Hoffnung zu hören. Sehr schwach und dabei sehr bewegten Geistes, ließ sie es an logischer Handlungsweise fehlen und war ebenso leicht der Hoffnung zugänglich, wie der Mutlosigkeit.

»Niemand hat mir bis jetzt einen Rat gegeben,« seufzte sie. »Ich stand allein, gegen alle.«

»Ein solches Sichauflehnen gegen die Anschauungen einer Gesellschaft, in die deine Heirat dich für immer verpflanzt hat, konnte keine guten Früchte tragen. Du wirst dir das abgewöhnen und dich dem Brauche anpassen müssen. Herr von Cerdon wird dir dafür Dank wissen.«

»Glaubst du?«

»Ich zweifle nicht einen Augenblick daran. Und auch getrotzt wird nicht mehr. Du wirst nicht mehr ein Kind, sondern eine Frau, eine vernünftige Frau sein, Lily.«

»Es ist wohl wahr, daß alle Welt mich wie ein Kind behandelt, ich im Hause kein Ansehen genieße, und Raoul mehr aus Langeweile, als aus Bosheit die Gewohnheit angenommen hat, mich in irgend einem Winkel mich ausweinen zu lassen.«

»Da gibst du es selbst zu ... ein wenig Mut und alles wird noch gut werden ...« Lily ließ sich beschwichtigen.

»Und wir werden uns oft sehen, nicht wahr, kleine Minerva?« – So nannte man früher bei Frau Harris zuweilen die ernsthafte Renée. – »Nun habe ich eine Freundin, auf die ich mich stützen kann. Um anzufangen, will ich nicht mehr von mir sprechen. Erzähle mir lieber von dir ...«

»Ich habe nichts zu erzählen, meine liebe Lily, außer daß sich mein Traum, zu singen, und dann in Paris zu singen, vollständig verwirklicht hat. Eine geliebte Kunst hebt uns so siegreich über uns selbst empor, läßt uns alles, was nicht sie ist, so unbedeutend, so kleinlich erscheinen! Bemühe dich doch, dich in irgend eine interessante Beschäftigung zu vertiefen.«

»Mich interessiert nichts mehr, und ich habe, du weißt es recht gut, nicht das geringste Talent.«

»Aber die Sorge für dein Haus kann es ersetzen und gute Werke; Lily, übe Mildthätigkeit, sie ist eine Quelle großer Freuden.«

»Und du glaubst, wenn ich sanft, gut, und in mein Schicksal ergeben bin, könne er mir seine Liebe wieder zuwenden?«

»Seine Hochachtung gewiß.«

Lily schnitt ein Gesicht, wie wenn sie sagen wollte, daß sie für Hochachtung nicht viel übrig habe.

»... Und auch seine Liebe, wenn er sieht, daß du es dir angelegen sein läßt, ihm zu gefallen.«

»Und wenn ich ihn nicht mehr quäle ... denn in der letzten Zeit bin ich eine wahre Furie gewesen. Raoul ist gegen mich dadurch im Vorteil, daß er ruhig bleibt. Er nimmt seinen Hut und geht fort, während ich mir die Haare ausraufe und mir den Tod wünsche. Über solchen Auftritten bin ich häßlich geworden und das ist vielleicht ein Grund, weshalb er mich nicht mehr liebt.«

»Nun, dann werde wieder hübsch, das wird dir nicht schwer fallen. Für heute lebe wohl, ich singe heute abend im Don Pasquale.«

»O, wir werden dich sehen, das soll das erste sein, was ich mir von ihm erbitte. Dank, herzlichen Dank für alles Gute, das du mir gethan hast.«

Renée verließ Frau von Cerdon bedrückten Herzens.

Ihr Los mit dem ihrigen vergleichend, wünschte sie sich Glück, sich ihre Freiheit bewahrt zu haben und Niemandes Spielball zu sein: zwischen Liebe, Launen und Schmerzen zu schwanken. Diese Siegerstimmnng, das Gefühl, ihre eigne Herrin und über jede Erniedrigung und jede Beleidigung erhaben zu sein, fand einige Stunden später in der pikanten Rolle der Norina seinen Ausdruck, die sie mit boshafter Verve und hinreißendem Schwung gab.

Die Spitzen des musikliebenden Publikums, aus denen sich die Besucher des théâtre Italien zusammensetzten, waren damit ein für allemal erobert; Renée's durchschlagender Erfolg in Paris war an jenem Abend besiegelt.

Unter den unzähligen Bouquets, die ihr nach Schluß des letzten Aktes in ihr Ankleidezimmer gebracht wurden, kam das schönste vom Marquis von Cerdon, und ein Billet befand sich dabei, in dem sie gebeten wurde, seine huldigende Bewunderung entgegenzunehmen und ihm die Gunst eines Empfanges am andern Tage zu teil werden zu lassen.

»Sie werden mich, wie Lily es wünschte, zusammen gehört haben,« dachte sich Renée erfreut. »Nun sind sie wieder versöhnt – ein wenig durch mein Verdienst. Die gute, offenherzige Lily hat ihm gesagt, daß ich für ihn eingetreten bin, und er weiß mir Dank. Vielleicht ist er im Grunde genommen doch besser, als man denkt. Niemals hat mir ein Bouquet mehr Freude bereitet,«

Sie trennte es sorgfältig von allen andern, und es füllte am Morgen ihren kleinen Salon mit zarten Düften, als ein Läuten der Glocke sie glauben machte, Herr von Cerdon habe die Stunde, die er selbst für seinen Besuch bestimmt hatte, nicht abgewartet. An diesem Verstoß gegen die Form hätte sie auch nicht Anstoß nehmen können, weil er nur aus einem übergroßen Eifer eingegeben zu sein schien, und die Gewißheit, daß die Marquise diesen Schritt ihres Mannes gebilligt oder ihn gar dazu veranlaßt habe, jede verletzende Annahme entfernte.

Es war indes nicht Herr von Cerdon, der eintrat, sondern Lily, und beim ersten Wort, das die junge Frau äußerte, verflüchtigte sich die leise Hoffnung, in der Renée sich gewiegt hatte, und an ihre Stelle trat eine seltsame Unruhe.

»Alle die schönen Entschlüsse, zu denen du mich überredet hattest, haben nur zu einem neuen Zwiste geführt. Er will mir eben keinen Trost, keinen Rettungsweg lassen. Ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll, Renée, ich schäme mich für ihn und fürchte dich zu beleidigen ... aber nein, Kränkungen dieser Art können dich nicht treffen ...«

»Man verbietet dir, mich zu sehen,« unterbrach sie die Künstlerin, die von diesem Gedanken wie von einem Blitzstrahl getroffen wurde.

Was bedeutete dann dieses Bouquet, der angekündigte Besuch? Ihr Gesicht überzog eine Glutröte, und sie hörte es kaum, als Frau von Cerdon ihr stammelnd eingestand, daß ihr Mann behauptete, sie könne keine Schauspielerin empfangen, ohne sich selbst den größten Schaden zuzufügen; das wäre außer allem Brauch und genüge, sie selbst um ihren guten Ruf zu bringen. Kurz, er hatte ihr vorgeschrieben, die, die ihre Freundin nicht mehr sein sollte, unter irgend einem annehmbaren Vorwand in gebührender Entfernung von sich zu halten.

»Du weißt, daß ich mir nicht die Mühe gegeben habe, diesen Vorwand zu finden,« fügte Lily mit Wärme hinzu. »Es blieb mir nur eins zu thun übrig, zu dir zu eilen. Ich komme zu Fuß, heimlich, um dir die Wahrheit zu gestehen, dich um Verzeihung zu bitten für ihn, der dich verkennt, für mich, die ich zu gehorchen gezwungen bin ... dir zu schwören, daß ich dich, ob nahe oder fern, immer lieben werde. Du glaubst mir, nicht wahr? Zürne mir nicht,« fügte sie, sich neben Renée hinknieend, in kindlicher Vertraulichkeit hinzu: »Ich bin eine Sklavin; verachte die Fesseln, die ich trage, aber strafe mich nicht noch ihretwegen. Mein Joch ist schon so schwer genug.«

»Meine Liebe, der Tadel trifft mich ganz allein,« sagte Renée zärtlich, obgleich mit bebender Stimme. »Ich hätte dich niemals aufsuchen sollen, ohne zu wissen, ob Herr von Cerdon es für schicklich hielt, daß die Christen sich seiner Frau näherte. Meine Entschuldigung ist, daß ich mich des Platzes, den deine gute Mutter der Renée neben ihren Töchtern eingeräumt hatte, zu sehr erinnerte; die Renée aber bin ich, außer in meinen eigenen Augen und in den deinen, nicht mehr. Wie sollen die, die mich nicht kennen, einen Unterschied zwischen mir und anderen Wesen machen, die ja auch sind, was man Damen der Bühne nennt? Dein Mann hat nicht Unrecht, das allgemeine Vorurteil zu beachten, denn, wenn wenig daran gelegen ist, ob ich verlästert werde, so kommt doch alles darauf an, daß nicht ein Tropfen dieses Giftes dich besudele. Du mußt dich einem Gebote, das an sich berechtigt und vernünftig ist, unterwerfen, meine liebe Lilyan, und hast es durch dein Hierherkommen bereits übertreten. Bleibe nicht eine Minute länger.«

»Ich habe auch versucht, dir alles zu schreiben, aber wie konnte ich meine Gedanken in Worte fassen? Die Welt, die uns trennt, ist nicht danach angethan, dich zu richten, Renée, denn hinter ihrer Unduldsamkeit verbergen sich so manche Skandale, die in ihrer Weise die vom Theater wohl aufwiegen!«

»Vielleicht. Man kann überall Achtung verdienen, wenn man sich selbst achtet, aber es wird uns nicht immer zu teil, was uns zukommt; du, die Liebe und Glück verdiente, hast ja auch diese Erfahrung gemacht! Ich hoffe, dir wird schließlich noch beides geschenkt und danke dir aus Herzensgrunde für diesen unklugen Besuch. Jetzt aber folge deinem Mann, ich beschwöre dich, geh',« sagte Renée mit einer Ungeduld, die sich zu heller Angst steigerte, als im Augenblick, wo der Zeiger die dritte Stunde wies, ein neues Läuten, das für die Pünktlichkeit des Herrn von Cerdon sprach, sich plötzlich an der Thür hören ließ. »Es ist jemand eingetreten, du darfst niemand begegnen ... Schnell, hier durch mein Zimmer ...«

Und sich aus den Armen der thränenüberströmten Lily losreißend, drängte Renée sie in das anstoßende Gemach – doch nicht schnell genug. Die Stimme ihres Mannes war dem Ohr der Frau von Cerdon nicht entgangen. Anstatt wegzugehen, wie Renée glaubte, ließ sie sich beinahe bewußtlos auf einen Stuhl hinter der Thür sinken, und lauschte bleich, die Hände krampfhaft ineinander geballt.

Zunächst herrschte Schweigen. Herr von Cerdon küßte Renée die Hände und gewahrte mit einem Blick, daß sie ganz ungewöhnlich erregt war und daß seine am Abend vorher gespendeten Blumen allein im Salon standen – ein schmeichelhaftes Vorrecht, wie er dachte, das man nicht unbenutzt lassen dürfe.

Niemand verstand sich so darauf, wie Herr von Cerbon, bei einem galanten Abenteuer mit fliegenden Fahnen vorzugehen, und niemals mehr als an jenem Tage hatte er sich so ermutigt gefühlt; ließ doch die Unruhe, deren er Zeuge war, darauf schließen, daß man vor dem Angriff die Waffen streckte.

»Ich wußte es wohl, und Sie wußten es ebenso gut, daß wir uns wiederfinden würden,« sagte er mit der tiefen, etwas heiseren Stimme, die bei ihm Erregung und heftige Leidenschaft verriet. – Diese Stimme hatte Lily in der ersten Zeit ihrer Ehe ihr Schwüre, Schmeicheleien, Liebesworte zuflüstern hören, und sie kannte den Ton nur zu sehr.

»Renée,« fuhr Herr von Cerdon fort, während er das junge Mädchen, dessen beide Hände er noch immer in den seinen hielt, an sich zog.

Lily glaubte, wie sie jedes seiner Worte hörte, auch jede seiner Bewegungen zu sehen.

»Meine göttliche Renée, ich habe mir geschworen, daß Sie mir gehören würden, ich habe Sie mit der Geduld derer, die fühlen, daß die Zukunft ihnen gehört, erwartet. Erinnern Sie sich, daß ich vor allen andren vorausgesehen habe, was Sie auf der Bühne sein würden, erinnern Sie sich der namenlos gesandten Blumen, die Sie überall, wo Sie sich aufhielten, jeden Ihrer Triumphe feiernd, zu finden wußten, und sagen Sie mir, daß Sie ahnten, woher sie kamen, daß Sie ihre Sprache verstanden daß Sie, wenn meine Zeit gekommen, auch mich erwarteten, daß Sie mir ein Plätzchen sicherten, kurz, daß Sie eine Belohnung für die Treue, die sich niemals verleugnet hat, haben werden. Ja, meine Treue ... Was haben vorübergehende Fesseln, die die Laune knüpft und löst, zu bedeuten?... Sie zählen nicht. Wenn man Ihnen davon spricht, um mir zu schaden, verleugnen Sie sie, wie ich selbst sie verleugne. In meinen Augen sind Sie die Erste, die Herrlichste, die Einzige... Alles was ich besitze, gehört Ihnen. Es sind Jahre her, daß ich Ihnen das sagen will, aber ein Skrupel von Ehre hinderte mich. Damals waren Sie noch keine Königin, kein Abgott, keine Diva, die man nur zitternd anzuflehen wagt, Sie waren ein unschuldiges, junges Mädchen, das zu beunruhigen man sich versagen mußte. Heute sind Sie aller Abhängigkeit entronnen, haben sich Ihre Freiheit erobert. Ohne gesellschaftlichem Übereinkommen zu trotzen, können wir glücklich sein, denn Sie sollen glücklich sein. Alles, was eine Frau sich wünschen kann, werde ich Ihnen zu Füßen legen und, um nun von meiner Liebe zu sprechen, niemals werden Sie einen verschwiegeneren, ergebeneren Diener haben. Renée ...«

Wie ging es zu, daß Sie ihn nicht früher unterbrochen hatte? Weshalb beschränkte sie sich darauf, ihn mit einem Zorn anzustarren, den seine blinde Eitelkeit für die Zuckungen jener aufs äußerste erregten Schamhaftigkeit hielt, die oft nur eine Finte ist? Das Übermaß an Unwille, Überraschung und Zorn kann alle Geistesgegenwart aufheben, eine niederschmetternde Antwort auf die stummen Lippen bannen und den Sturm, der im Innern tobt und losbrechen möchte, gefangen halten.

Das Geständnis Lilys, die Furcht vor dem Begegnen mit ihrem Manne, das die letzten Hoffnungen der armen Frau vernichtet hatte, der unverhüllte Angriff dieses Unverschämten, der sie behandelte wie eine Verlorene, alles das machte ihr Urteil irre, machte sie wahnsinnig. Mehr als einmal hatte sie gewisse gefährliche Prüfungen zu bestehen gehabt; immer hatte sie dem Frechen mit einem Wort Verwirrung und Achtung beizubringen gewußt; aber diesmal war sie nicht auf ihrer Hut gewesen. Sie schien sich wie von einem Alpdrücken befangen, während dessen wir unsre Hände gefesselt, unsre Zunge gelähmt und die Hülle um uns herum fühlen.

»Sie sprechen von Ehre,« rief sie plötzlich erwachend, »Sie behaupten, mich stets geliebt zu haben ... und Frau von Cerdon? ...«

»Frau von Cerdon hat mit uns nichts zu thun,« antwortete er, in seiner Aufwallung gestört und in einem Tone, der von seiner eben noch so leidenschaftlichen Sprache seltsam abstach, einem trockenen, überlegenen, herrischen Tone, der zugleich durchklingen ließ: »Was wollen Sie, daß die, deren Sie so unangebracht Erwähnung thun, für mich sei!« und besonders: »Der Name meiner Frau darf hier nicht ausgesprochen werden...« einem Tone des Grand Seigneur und liederlichen Menschen, so beleidigend für die beiden Frauen, daß dasselbe Wort in Renées Gedanken und auf die Lippen der Marquise trat: »Elender!«

»Elender!« wiederholte Frau von Cerdon laut, die Thür heftig aufstoßend. Sie trat einem Geiste gleich, mit entfärbtem Antlitz, die Arme über der Brust gekreuzt vor ihren Mann, zitternd vom Kopf bis zu den Füßen.

»Unglückliche, du warst dort! Du bist hier geblieben?« stammelte Renée, bleich wie sie, und so von Sinnen, als wäre sie eine Mitschuldige an dem Morde dieses jungen, verwüsteten Menschenlebens.

Lily gab keine Antwort; sie strich mit der Gebärde einer Wahnsinnigen das Haar, das ihr über die Stirn gefallen, zurück und hielt das Auge regungslos auf ihren Mann geheftet, der, zuerst wie versteinert bei dem Anblick dieses Medusenhauptes, allmählich die Herrschaft über sich wiedergewann.

»Ein Hinterhalt? ...« fragte er geringschätzig.

»Sie wissen es recht gut, nein!« rief Renée: »ein beklagenswerter Zufall, den ich um jeden Preis verhindern wollte.«

»Sie spielen gut Tragödie,« wandte sich Herr von Cerdon an seine Frau, »ein Talent, das Sie jedenfalls Ihrer Freundin verdanken; aber so gehen die Dinge in der Welt, der Sie angehören, nicht zu. Lassen Sie den Schleier herab, um sich nicht zu einem Schauspiel herzugeben ... und folgen Sie mir,« fügte er in gebieterischem, in seiner Ruhe so brutalem Tone hinzu, daß Renée dabei ein Schauer überlief.

Die behandschuhte Rechte des Gatten legte sich schwer auf den Arm seiner Frau, die sich ohne Widerspruch oder Widerstand wegführen ließ. Niemals vergaß Renée diese verstörten, blauen Augen, die weder sie noch etwas anderes ansahen, während Herr von Cerdon nach einem eisigen Gruß schweigend mit diesem duldenden, gemarterten Ding hinausging, das sein Eigentum war kraft des Rechtes, das Gott und die Menschen einem Gatten verleihen.

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