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Die Heimkehr

Therese Bentzon: Die Heimkehr - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorTh. Bentzon
titleDie Heimkehr
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XIII.

Frau Harris nahm es auf sich, dem Vormunde Renées zu eröffnen, welche Laufbahn sich seinem Mündel bot; sie that es mit vieler Sicherheit und Klarheit. Frau Harris hatte keinerlei beschränkte Vorurteile gegen das Theater; obgleich sie sich die Gefahren nicht verhehlte, der sich eine Frau dort aussetzen kann, wußte sie doch, daß so manche Schauspielerin, die durch Erziehung und Umgebung weniger geschützt war, als Renée es sein würde, sie glücklich überwunden hatte. Ihr eigner, gerader Charakter ließ sie verstehen, daß einer gewissen Art gewöhnlicher Versuchungen nur niedrige Seelen ausgesetzt sind; andern gegenüber verstand es sich freilich von selbst, daß ein junges Weib, gezwungen, den schweren Kampf des Lebens allein zu bestehen, immer sehr gefährdet ist; ist sie es mehr in Ausübung eines Berufes, den natürliche Anlagen und Talent ihr vorschreiben, als wenn sie sich zu andern Erwerbsarten mit Abscheu und Langeweile zwingt? Frau Harris konnte es nicht glauben; sie war der Meinung, daß der unvergleichliche Genuß, den man im Umgang mit der geliebten Kunst findet, alle andern ersetzt. Sollte man diesen diesem Kinde versagen, das auf Familienanhang keinerlei Rücksicht zu nehmen brauchte und ihren Unterhalt nur von ihrer Arbeit erwarten durfte? Das Urteil eines der größten Musiker der Welt stellte ja die Thatsache einer Begabung außer jeden Zweifel.

Frau Harris schrieb Wort für Wort alle Unterhaltungen, die sie mit dem Maestro über Renée gepflogen hatte, nieder; von dieser Seite war sie einer kräftigen Fürsprache sicher; sie entwarf dann ein anheimelndes Bild von dem Leben der alten Bocchini in Mailand, ihrem arbeitsvollen, ehrbaren Dasein, das Renée soeben bei einem ersten Besuche kennen gelernt hatte. Von dem Meister selbst ihrem künftigen Lehrer zugeführt, war sie mit ebenso herzstärkendem, wie wortreichem Wohlwollen aufgenommen worden. Dort würde sie die langen Studienmonate, die ihr noch nötig waren, bevor sie ihr schönes, von unverwerflichen Richtern anerkanntes Talent auf den Brettern verwerten konnte, still, nützlich und ohne große Kosten verbringen.

»Können Sie ihr besseres bieten?« schloß Frau Harris mit leiser Hoffnung, daß eine opferfreudige Einwilligung in gewisse Heiratspläne als Antwort eintreffen würde.

Dann allerdings würde sie Renée geraten haben, eine solche friedlichere und sicherere Zukunft zu wählen; denn sie hielt sehr große Stücke auf den Charakter Etiennes und hätte beim Verlassen Europas das Glück ihres jungen Schützlings gern diesem ehrlichen Manne anvertraut.

Das war auch besonders Lilys Wunsch, die jetzt nur noch die innige und uneingeschränkte Verbindung zweier sich aufrichtig liebender Herzen gelten lassen wollte, Herr von Cerdon hingegen schien mit einer gewissen Lebhaftigkeit zu wünschen, daß Renée frei bliebe und sich den stürmischen Wellen anvertraue, durch die, wie er sagte, sie wohl die Kraft hätte, ihr Schifflein zu steuern. Für sie könnte Heiraten nur in zweiter Linie in Frage kommen: die Ehe sei der Zufluchtsort für Mädchen ohne Beruf, ohne ein vorgestecktes Ziel, das zu erreichen man alles einsetze; für ein Mädchen aber von so wunderbarer Begabung sei es geboten, sich solcher Fesseln ledig zu halten.

Diese Äußerung versetzte Lily, die Renée nach sich selbst beurteilte, in Erstaunen und verletzte sie.

»Der Zweck meines Lebens bist du, Raoul,« sagte sie mit zärtlichem Vorwurf; »wir Frauen sind, bilde ich mir ein, nur auf der Welt, um den Mann unsrer Wahl glücklich zu machen, und durch ihn glücklich zu werden.«

»Du urteilst, wie eine echte Frau,« antwortete Herr von Cerdon, der merkte, daß er soeben eine große Dummheit begangen, als er die Einrichtung, die ihm aus allen Verlegenheiten helfen sollte, herabsetzte – »wie eine echte Frau, meine kleine Lily, und gerade deswegen bist du mir so lieb,« fügte er leiser hinzu, »während an deiner Freundin, ihrem Charakter nach, ein Mann verloren ist; zudem wäre ihre Ehe eine Vernunftehe, während doch unsere ...«

Lily belohnte ihn mit einem Blick voll zuversichtlichen Vertrauens. Allen Frauen wird ja in der That nicht das unaussprechliche Glück, eine Heirat rein aus Neigung einzugehen.

Inzwischen erwartete Renée die Antwort ihres Vormundes mit fieberhafter Angst.

»Er wird niemals seine Einwilligung geben,« wiederholte sie sich unaufhörlich.

»Ich würde ihm nur zur Hälfte darum zürnen,« warf Grace etwas boshaft ein, »des armen Etienne wegen.«

Etienne! Was hatte man sie an Etienne zu erinnern? Sie hatte ihm nichts versprochen ... Während der zehn Tage, die so in quälender Ungewißheit verliefen, fing sie beinahe an, Etienne, als ein Hindernis auf ihrem Wege, zu hassen.

Endlich traf der Brief, den sie für einen Urteilsspruch über Leben und Tod hielt, ein; er war von Frau Loysel nach reiflicher Überlegung abgefaßt. Als sie hörte, daß sich Renée Veranlassung böte, in Italien zu bleiben, hatte sie ausgerufen:

»Endlich! ... Die Vorsehung versagt uns also doch nicht ihre Hilfe.«

Niemals war eine Nachricht gelegener gekommen, wie diese, um einer unhaltbaren Lage ein Ende zu machen. Zwietracht herrschte im Hause der Loysel. Das Drängen des Ehepaares, ihr Sohn möge sich mit den zweifelhaften Reizen und der großen Mitgift von Fräulein Bonnard aussöhnen, hatte nur dazu gedient, die endgültige Erklärung Etiennes zu Tage zu fördern: er heirate Renée Christen, was man auch dagegen thäte. Das hatte sehr lebhafte Auftritte zur Folge gehabt, die den verzweifelten Eltern nicht die geringste Hoffnung gelassen hatten, den Rebellen vernünftigeren Ideen zugänglich zu machen – und nun kam Renée selbst und zog sie, wie durch ein Wunder, aus aller Ratlosigkeit. War man nicht gezwungen, da die Interessen der Familie Loysel sonst nicht gewahrt werden konnten, dieser Unglücklichen die Freiheit zuzugestehen, sich zu verderben? Etiennes Mutter wenigstens zögerte keinen Augenblick; ihr im Grunde gewissenhafterer Mann war der Meinung, daß seine Eigenschaft als Vormund ihn zu einigen ernsten Vorstellungen verpflichte. Aber sie hieß ihn schweigen, ergriff die Feder und warf in ihrer Advokatenhandschrift die folgenden Zeilen auf das Papier, die Frau Harris als ein Meisterwerk bäuerischer Diplomatie erschienen:

»Es fällt uns schwerer, als Ihnen, gnädige Frau, die Sie soviel Erfahrung im Leben besitzen, die Vorschläge, von denen Sie uns Nachricht geben, zu würdigen. Sie erscheinen uns, ich gestehe es, sehr ungewöhnlich und entziehen sich ganz und gar unsrer Beurteilung.

Ich hätte niemals geglaubt, daß ein gut erzogenes Mädchen so tief sinken könne, Komödie zu spielen; aber jeder muß wissen, was sich für ihn schickt, und wenn Renée auf solche Art und Weise zu Vermögen kommen kann, steht uns sicherlich nicht das Recht zu, sie daran zu verhindern, zumal wir ihr keinerlei Ersatz dafür bieten können. Die Freundschaft, die uns an sie knüpft, ließ uns wünschen, sie möchte stets an Ihrer Seite bleiben. Das ist unglücklicherweise nicht möglich, da ja ein Ehebündnis, anläßlich dessen wir Ihnen, gnädige Frau, unsre aufrichtigsten Glückwünsche darbringen, Ihre jüngste Tochter an Frankreich fesseln wird; die Gesangslehrerin von Fräulein Lily wird dadurch stellenlos.

Sie fragen uns, was wir ihr unsrerseits zu bieten haben: nichts, was wie Unabhängigkeit und Reichtum aussieht. Man sprach mir von einer Stelle als Erzieherin in Paris bei einer sehr frommen Dame: zwei kleine Kinder, zwölfhundert Franken Salär. So manches arme Mädchen wäre damit zufrieden, aber für jemand, der mit Singsang Gold in Haufen verdienen und die Welt zu seinen Füßen sehen kann, ist das natürlich nicht annehmbar.

Der Mittel und Wege, die einer Frau offen stehen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, sind sehr wenige, das lasse ich gelten. Wir würden uns Vorwürfe machen, Renée, wenn wir sie, unserm Gewissen folgend, von ihren Plänen ablenkten, hinterher Schwierigkeiten ausgesetzt zu sehen, die zu überwinden wir ihr nicht helfen könnten. Sie sind Mutter, gnädige Frau, und werden mich ohne viele Worte verstehen: Ich habe einen Sohn, der nicht mehr im Alter des Ihrigen steht, nicht mehr in einem Alter, in dem man der täglichen Gegenwart eines jungen Mädchens noch keine große Aufmerksamkeit schenkt. Für unsrer aller Ruhe muß ich einer beinahe unvermeidlichen Gefahr vorbeugen, ich muß vorsichtig sein.

Wenn Renée den großen Entschluß faßt, der sie natürlich zu meinem Bedauern nach und nach von uns trennen wird, bitte ich Sie, im Namen der Freundschaft, die mich mit ihrer Mutter verbunden hat, nur um eines: daß sie meine Kinder bis zu dem Augenblick, wo der Skandal in die Öffentlichkeit dringt und nicht mehr zu verheimlichen ist, nichts davon wissen läßt. Ich fordere dies in ihrem eignen Interesse; möglich, daß ihr kein Erfolg zu teil wird, daß sie ihre Absicht aufgibt! Es ereignet sich soviel in einem Jahre. In diesem Falle braucht meine Tochter gar nicht zu wissen, daß nicht viel daran gefehlt hätte, und ihre liebste Freundin wäre zur Bühne gegangen. Ihr und Etienne werde ich also einfach sagen, Renée Christen verlängere nach Ihrer Abreise ihren Aufenthalt in Italien, um im Schutze einer Familie, der Sie sie anvertraut haben, ihre Musikstudien fortzusetzen. Das ist nicht gelogen und sagt auch nicht alles. Noch einmal – Sie verstehen, nicht wahr, gnädige Frau, mit Ihrem Takt und Ihrem Geist alles das, was ich, eine einfache und gerade heraus sprechende Frau, nicht so zu Papier zu bringen weiß.

Glauben Sie mich für immer

Ihre sehr ergebene

Virginie Loysel.«

»Diese gute Frau, einfach und gerade heraus, wie sie selbst sich nennt, könnte ein großes Reich regieren,« meinte nach beendeter Lektüre Frau Harris zu Renée. »Welch scharfsinnige Verschlagenheit! Ohne selbst etwas zu erlauben, verhindert sie nichtsdestoweniger ein Verbot ihres Gatten; sie wäscht ihre Hände in Unschuld über das, was ihr Ihr Verderb zu werden scheint, und verhindert Sie, unter falschem Vorwande gleichzeitig, die jungen Leute zu beunruhigen, die möglicherweise die Absicht haben konnten, Sie vom Rande des Abgrundes zurückzureißen; denn das Theater bedeutet für sie den Abgrund, die Hölle, Katharina von Medici hätte sich nicht besser herausziehen können.«

»Ach was, vergessen wir Frau Loysel und ihre Diplomatie!« rief Renée. »Ich finde diesen abscheulichen Brief entzückend; die Zurückhaltung, die sie mir Cäcilie und Etienne gegenüber auferlegt, enthebt mich einer letzten Sorge. Ich bin frei: nur daran will ich denken.«

»Es ist augenscheinlich, daß sie eine Einmischung seitens Ihres Sohnes fürchtet. Aber trotzdem, thun Sie recht, den jungen Mann in Unwissenheit darüber zu lassen?...«

»Wenn ich ihm Mitteilung machte, hätte es den Anschein, als wollte ich einen Zwang ausüben, mich ihm aufdrängen,« unterbrach sie Renée, purpurn im Gesicht, »Nein, niemals ... Sprechen Sie mir nicht mehr von ihm. Die Vergangenheit liegt hinter mir.«

Und auf und davon war sie, um dem Maestro Kunde zu bringen, daß ihr Vormund ebensowenig wie Frau Harris sie hindere, sein gütiges Anerbieten anzunehmen.

»So ist es recht!« rief dieser. »Nun, und sind Sie jetzt aller Sorgen ledig?«

»Noch immer nicht ganz,« antwortete sie träumerisch.

»Das arme Kind denkt an ihre Mutter,« sagte die Gattin des Komponisten. »Seien Sie unbesorgt, Ihre Mutter hätte sich umstimmen lassen, wie die andern auch. Mütter geben den Bitten ihrer Kinder stets nach.«

»Übrigens,« fügte der Maestro mit ernstem Lächeln hinzu, »glauben Sie, daß die Verstorbenen, wenn sie sehen, was auf der Erde vor sich geht, nicht mit einem Blick die Finsternis, in die sich hier auf Erden ihre Thorheit verirrt hatte, aufhellen? Ihre Mutter weiß heute besser als Sie und besser als ich, daß Gaben von Gott nicht verliehen sind, um verborgen zu werden, sondern um ihren Geber zu preisen, indem sie sich den Augen der Menschen offenbaren. Sie weiß, daß der, der das Schöne leidenschaftlich liebt, das heißt vor allem der Künstler, mehr Grund als irgend ein andrer hat, das Gute zu vollbringen. Seien Sie eine wahre Künstlerin, dann werden Sie groß sein in dieser Welt und Verzeihung finden in der andern, das ist mein Spruch. Der Pfarrer von Bellaggiu könnte Ihnen keinen besseren mitgeben. Meinen Sie nicht, Herr Pfarrer?« wandte er sich an den würdigen Geistlichen, der gerade eintrat. »Ich vertrete Fräulein Christen gegenüber die Ansicht, Ihre Schutzheilige und die meinige, die heilige Cäcilie, sei nicht weniger heilig gewesen, weil sie neben ihren frommen Pflichten die Musik leidenschaftlich geliebt hat.«

»Im Gegenteil, sie war es doppelt,« erwiderte lebhaft der Geistliche.

»Da hören Sie es, mein Fräulein! Bleiben Sie, wie Sie sind, und singen Sie ohne Gewissensskrupeln.«

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