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Die Heimkehr

Therese Bentzon: Die Heimkehr - Kapitel 11
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typefiction
authorTh. Bentzon
titleDie Heimkehr
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XI.

Renée an Cäcilie:

»Du schriebst mir, daß Deine Mutter mich tadelt, weil ich George Sand und Shakespeare lese; sage ihr, daß ich seit meiner Ankunft in Florenz nur noch Dante studiere, den ein junger berühmter Gelehrter uns dreien erläutert: Grace beteiligt sich daran wie an einer andren Arbeit, Lily findet es langweilig, für mich ist es ein Fest.

Unser Führer durch die Schönheiten der divina commedia besitzt eine ungemein wohlklingende Stimme, scheint sich für die eifrigste seiner Schülerinnen besonders zu interessieren und findet ihre Aussprache des Italienischen sehr rein; besonders setzt ihn die energische Ausdauer in Erstaunen, die Deiner Freundin, wenn es gilt, Schwierigkeiten ins Auge zu sehen und ihrer Meister zu werden, eigen ist. Meine Fortschritte in der Sprache, deren Erlernung ich früher nur so nebenbei betrieben hatte, werden mir beim Gesang sehr von Nutzen sein. Aber davon abgesehen, kannst Du Dir kaum vorstellen, wie ein vertieftes Studium dieser wahrhaft göttlichen Dichtung Italien und Florenz in besonderem verstehen lehrt. Seitdem ich mich mit Dante befreundet, habe ich einen steten Begleiter, der mich in diese Stadt, seine undankbare und doch immer verehrte Vaterstadt, die Stätte, wo er liebte, litt und die ihn in die Verbannung schickte, einführt.

Vordem fühlte ich mich manchmal vereinsamt. Man kann von Amerikanerinnen, mögen sie noch so intelligent sein, nicht verlangen, daß sie die Poesie des Gewesenen empfinden wie wir; eine in das graue Alter zurückreichende Vergangenheit fehlt ihnen und läßt sich, so glaube ich wenigstens, durch nichts ersetzen. Auch haben sie durch Abstammung und Erziehung zu viele Vorurteile – obgleich sie sich einbilden, gänzlich davon frei zu sein – um Italien so recht lieben zu lernen. Dazu kommt, daß sie jeglichen Respektes vor anerkannten Meistern ermangeln, daß sie für die Anfänge der Kunst nicht das geringste Verständnis zeigen. Grace wird nicht müde zu erklären, daß das moderne »Verfahren« alles vereinfacht und vervollkommnet habe, daß ein Künstler unsrer Tage sein Talent und seine Zeit viel besser zu verwerten wisse, als ein Künstler des Mittelalters, der im Verlauf von Jahren die Wände des Klosters, in dem sein beschauliches Leben sich abspielte, ohne greifbare Vorteile schmückte. Du weißt, wie wenig ich dazu neige, meiner lieben Grace zu zürnen; wenn ich sie so sprechen höre, könnte ich ihr aber ernstlich böse werden. Frau Harris findet die piazza della Signoria verbaut im Vergleich mit den regelmäßigen Straßen von New York, ohne daran zu denken, daß sie sich über einen zu großen Reichtum an Meisterwerken beklagt. Lily, deren Gleichgültigkeit und Zerstreutheit seit unsrer Abreise trostlos und mir ganz unverständlich ist, bleibt ganz aus dem Spiele; sie sieht sich alles mit an, ohne etwas zu sehen, ihre so köstliche Heiterkeit ist verflogen, sie klagt stets über Müdigkeit; es sieht aus, als hätte die bessere Hälfte ihrer Seele sie verlassen. Ihre Mutter beunruhigt sich und mit gutem Recht. Grace und ich verlieren uns in Vermutungen.

Neulich war unser italienischer Lehrer Herr Rappolli so freundlich, uns als Cicerone bei einem Besuch von Santa Croce zu dienen, diesem Pantheon, in dem man auf Grabmal und Denkstein von Galilei zu Cherubini, von Michel Angeln zu Alfieri und Macchiavelli, von Dante zur Gräfin von Albany wandert und schließlich durch das Kloster in die Kapelle der Pozzi gelangt, dem entzückenden Schmuckkästchen, das die Terrakotten eines Lucca della Robbia birgt. Durch meine Aufmerksamkeit und den Eifer, mit dem Grace sich Notizen machte, ermutigt, hielt uns unser Begleiter einen vollständigen Vortrag über Ästhetik und Geschichte. Ich faßte Lily, die ohne zuzuhören in die Luft starrte, bei der Schulter.

»Woran denkst du eigentlich?«

»An Paris, mir fehlt Paris. Ich wünschte, ich wäre dort geblieben,« gab sie mir zur Antwort. Und wie ich sie erstaunt ansehe, stehen ihr Thränen im Auge. – Arme Lily, wie ist es möglich, daß man hier irgend etwas entbehren kann!

Zuweilen verbittert sich ihre Stimmung; sie wird dann nörglerisch und zieht mich im Verein mit ihrem Bruder über die Lächerlichkeit der Staatsaktionen Italiens im vierzehnten Jahrhundert auf, die unsrer aufgeklärten Zeit wie kleinliche Kirchturmpolitik erscheinen; über die sogenannten großen Männer jener von Unbildung und Verbrechen strotzenden Zeit, die einem Genie wie Emerson nicht die Schuhriemen lösen könnten. Das macht mich Feuer und Flamme, und ich vergesse, um es hinterher bitter zu bereuen, fünf Minuten lang – ein Zusammenleben geht ja nie ohne einige kleine Reibereien ab – wie sehr ich diesen lieben Menschen, deren Güte gegen mich sich vom ersten Tage an stets gleich geblieben ist, zu Dank verpflichtet bin. Man verkehrt mit mir nicht wie mit einer Erzieherin, sondern wie mit einer Freundin, beinahe hatte ich gesagt einer Schwester, soviel Mühe kostet es mich, zuweilen zu verhindern, daß nicht alles unter uns gleich und geteilt sei, selbst Schmucksachen. Vor diesen schützt mich nur mein Trauerkleid, wie vor den Spaziergängen im Florentiner bois de Boulogne, wo, wie ich höre, Lily von den jungen Modeherren sehr bemerkt wird, ohne daß ihr dies neuerdings Vergnügen bereitete. Auch ihre Gefallsucht ist tot, augenscheinlich mit der Lebhaftigkeit und Ausgelassenheit, kurz mit allen den kleinen liebenswerten Schwächen, die man ihr so gern nachsah, in Paris geblieben. Am bedauerlichsten ist, daß sie ihre gesunden, roten Backen einbüßt, und sich tiefe Schatten um ihre Augen legen. Ist sie krank oder kann sie wirklich nur in einem Taumel von Festen leben? Und doch war sie noch in Souvray so guter Laune! ...

Ich nehme von dir Abschied, meine liebe Cäcilie, um auf San Miniato zu klettern, meine Lieblingspilgerfahrt. Wenn die Sonne sich neigt, machen wir uns auf und bewundern, wie die Blumenstadt im Schatten der Hügel, die sie wie einen kostbaren Edelstein einrahmen, langsam in Schlummer versinkt. Nichts läßt sich dieser idealen Stunde an Schönheit gleich stellen, die den Marmor der Kirchen und die weißen Birkenstämme wie Opal aufleuchten läßt, so daß man sich in ein Paradies versetzt glaubt: der große Dichter, dessen Werk ich gern bei mir trage, hat sich daran sicherlich begeistert. Während Grace, über ihre Palette geneigt, daran verzweifelt, dieses ätherische Rosa des Himmels, diese durchsichtigen Schatten, diese, wie man sie wohl genannt hat, durchgeistigte Farbe einer Landschaft, die in dem Beschauer die reinsten und erhabensten Stimmungen erzeugt, wiederzugeben, glaube ich oft, meine Mutter aus den silberglänzenden Wäldern, wo einst Beatrice wandelte, heraustreten und auf mich zukommen zu sehen, um mich zu segnen. Sie wohnt hier in mir, in meinem Herzen weit mehr als in der Gruft, in der ich sie zurückließ. Wir verstehen uns jetzt so gut! Ich getraue mich ihr alles zu sagen, und sie spricht mir Mut zu; sie billigt alle meine Pläne. Nein, nein, wir haben uns nicht getrennt.

Wenn du nur frisch und munter dich zu mir aufmachen könntest, meine liebe, meine beste Freundin! Dieses Stück Eden ist wie für dich, der man nachsagt, zu viel in den Wolken zu schweben, geschaffen. Glaube mir, bleibe in deinen Höhen, wir werden uns da immer wiederfinden und es thut gut, so selten wie möglich zur Erde hinabzusteigen.«

Diesmal zeigte Cäcilie aus freien Stücken den Brief ihrer Freundin, den sie entzückend fand. Auf Etienne schien er keinen so angenehmen Eindruck zu machen. Die Person des eingebildeten Liebhabers, der schon etwas wie Eifersucht in ihm erweckt hatte, nahm bestimmtere Formen an; es handelte sich nicht mehr um Romeo, sondern um den jungen Professor, der Dante mit so wohltönender Stimme zu erklären verstand, der sich das Recht anmaßte, Renée auf ihren Spaziergängen zu begleiten und den sie ohne Zweifel jeden Tag sah.

Friedrich dagegen lebte auf, als er von Lilys Traurigkeit hörte. Woher schrieb sich dieser Umschlag in ihrer Stimmung, den man dem Bedauern, Paris verlassen zu haben, beimaß? Bedeutete Paris für Lily nur Feste, Theater, schöne Läden oder vielmehr jemand, den sie dort zurückgelassen hatte, der ihr fehlte, den sie nicht vergessen konnte? Und weshalb sollte Friedrich schließlich nicht selbst dieser gewisse jemand sein?

Seine Illusionen wurden jedoch bald und für immer zu nichte; der Schlag, der sie zerstörte, diente indessen Etienne als beruhigender Balsam für seine Eifersucht; von neuem durchzuckte ihn ein Strahl von Freude und Hoffnung.

Diese Änderung bewirkte ein Brief Renées, datiert aus einem durch seine malerische Lage berühmten Hotel am Eingange des Simplonpasses:

»Wir haben uns so lange in Florenz aufgehalten, und der Sommer setzt hier so früh ein, daß Frau Harris, der ihre Freunde aus Rom schrieben, daß sie schon stark unter der Hitze zu leiden hätten und die nichts so sehr als das Fieber fürchtet, ihren Besuch der ewigen Stadt endgültig auf den Herbst verschiebt.

Wir haben uns für die ganze Dauer der schönen Jahreszeit an den Seen niedergelassen und weilen jetzt in einer Umgebung, zu deren Schilderung ich die nächsten Stunden verbrauchen würde, wenn ich Dir nicht ein großes Ereignis ankündigen müßte: die Verlobung unsrer träumerischen, melancholischen Lilyan, die wie durch ein Wunder wieder die heitere, ausgelassene Lily geworden ist. Zu dieser Wandelung genügte das unerwartete Erscheinen eines schönen, jungen Mannes in einem Reisekostüm, das der neuesten Nummer des elegantesten Modenjournals entstammte: bis zum Knie geknöpfte Kamaschen und auf dem Filzhütchen die mephistophelische Feder. Laß Dir von Herrn Friedrich beim Raten helfen, allein bekommst Du es nicht heraus: Der Herr Marquis von Cerdon in höchsteigner Person.

Wir saßen bei Tisch; Frau Harris liebt an der table d'hôte zu speisen. Sie belustigt sich über die neuen Gesichter, die sich täglich ablösen, und soviel steht fest, daß wirklich ergötzliche Exemplare, besonders englischen Ursprungs, unsre Revue passiert haben. Aber keiner, auch nicht der gelungensten Karikatur, gelang es, Lily zu erheitern. Wir waren also, als er eintraf, bei Tisch; wir andern alle, mit der Suppe beschäftigt, bemerkten ihn nicht; auf Lily war der Eindruck überwältigend. Ich hörte den leisen Schrei, der ihr entfuhr, und sah sie an – sie schien einer Ohnmacht nahe.

Ein Stuhl, uns gegenüber, war unbesetzt; der Marquis nahm hier nachlässig Platz, nur um sich sogleich unter Beteuerungen einer Überraschung zu erheben, die so augenscheinlich erheuchelt wie die unsre echt war. Jeder hatte ihn sofort erkannt, alle Welt bewunderte den glücklichen Zufall außer Lily, deren Blässe in ein glühendes Rot umgesprungen war, das bis in ihre kleinen Ohren stieg, und die, glaube ich, ihrer Stimme nicht genug traute, um nur ein »Guten Tag« zu wagen. Grace begriff alles, ich nicht minder; der Gegenstand jedes Gedankens des armen Kindes, die Ursache jenes auffälligen Heimwehes, das sie am Genießen von Verona, Venedig, Mailand, Florenz und noch abends zuvor der über alles Beschreiben schönen Scenerie verhindert hatte, war der Marquis von Cerdon.

Als sie der tiefen Bewegung, die sie hatte verstummen lassen, Herr geworden, da hättest Du den Wortschwall, der sich über den Marquis ergoß, hören sollen. Sie wußte nicht, was sie sprach, lachte, fragte kreuz und quer, sie hatte ganz und gar den Kopf verloren. Was hatte er seit unserm Weggang getrieben? Selbstverständlich war er vor Langeweile beinahe gestorben. – Die Blicke, die er über den Tisch durch sein bestrickendes Monocle warf, erklärten deutlich genug weshalb!

Wie die Schlaue sich verstellt hat! Unsre kleine Lily, die noch kürzlich das Herz auf der Zunge trug, schlau und verschlagen. Ist es möglich? Sie wurde zusehends wieder hübsch und glücklich, wie eine erschöpfte Blume sich unter erfrischendem Tau aufrichtet.

Dem Marquis ist von überstandenen Qualen nichts anzusehen; er hat sich im Gegenteil eine gewisse Fülle, die ihm hübsch steht, zugelegt. Ich wette, er hat sich fern von uns nicht eine Sekunde gelangweilt .... Am nächsten Morgen hatte Lily ihren Unternehmungsgeist und ihre Freude an Bewegung in freier Luft wieder gefunden und wurde nicht müde, Ausflüge zu veranstalten. Herr von Cerdon wich nicht von ihrer Seite; ihr Wunsch zu gefallen machte sich mit aller Macht geltend, ihre wechselnde Laune war gebändigt. Etwas wie Schüchternheit, wie Zärtlichkeit sprach aus ihrem ganzen Wesen; die eigenwillige, kokette Lily, wie wir sie kennen, war ganz und gar verändert.

Grace meint, das sei so, wenn man liebt; an der Seite ihres geliebten Frank käme sie sich selbst ganz dumm vor. Welch' sonderbare Krankheit! ... Doch ich muß schneller vorwärts kommen. Also wir machten uns auf und verbrachten einen ganzen Tag auf Isola bella, das mit seinen Terrassen, Palästen und Gärten eine künstliche Wiederholung des Paradieses im kleinen zu sein scheint und aus dem Meere aufsteigt wie geschaffen, die Liebe unsrer kleinen Sylphide und des schönen Märchenprinzen zu hegen.

Versetze Dich in ein glänzend ausgestattetes Ballett: Der Prinz bietet, auf die Knie gesunken, seiner Vielgeliebten Herz und Hand an; ihr Herz klopft zum Bersten, sie enteilt, damit er ihr folge, sticht durch Hecken und Büsche tänzelnd vor ihm her und sinkt ihm schließlich an die Brust. So folgten sich, wie ich vermute, die Ereignisse in den Gärten, in denen wir, Grace und ich, uns vergeblich bemühten, ihnen zur Seite zu bleiben, während Frau Harris sich besorgt fragte, welche Auskunft sie auf die Erkundigungen erhalten werde, die sie durch Vermittelung des Gesandten der Vereinigten Staaten, ihres Bankiers und einer Landsmännin, die mitten im gesellschaftlichen Leben steht, in Paris hatte einziehen lassen. Diese Vorsorge beweist Dir, was sie hoffte, oder, bestimmt weiß ich es nicht, fürchtete, denn die Gefühle der Frau Harris für Herrn von Cerdon sind mir nicht recht klar: sie ist beinahe ebenso wie ihre Tochter von seiner Erscheinung bestochen, hat aber nicht unbedingtes Vertrauen zu ihm. Das Unbekannte verliert seinen Reiz, wenn es sich darum handelt, ihm das Liebste, was man auf der Welt hat, auszuliefern.

Abends erklärte Lily ihrer Mutter gerade heraus, daß sie Herrn von Cerdon immer geliebt habe, ohne es sich zuerst, da sie nicht wußte, ob Herr von Cerdon seinerseits ernste Absichten hege, eingestehen zu wollen; jetzt da er ihnen nur gefolgt sei, um um ihre Hand anzuhalten, weil er ohne sie nicht leben könne, sei sie von der Ungewißheit befreit, die allein sie so unglücklich gemacht habe.

In Amerika kündigen die Kinder ihren Eltern ganz einfach ihre Verlobung an, wie Grace es that; Herr von Cerdon hat sich, einen glücklichen Ausweg benutzend, der ebenso für seine Liebenswürdigkeit als für seine Ehrerbietung und besonders seine Lebensart Zeugnis ablegt, halb und halb dem französischen Brauche angepaßt. Er wußte recht gut, daß eine Amerikanerin nicht über ihre Hand verfügen läßt und hat sich vorerst Lilys versichert, um seine Bitte sogleich der Mutter mit geziemender Ergebenheit vorzutragen.

Frau Harris hat erwidert, daß eine Verheiratung ihrer Tochter in Frankreich für sie einem Verzicht auf ihr Kind gleichkäme und sie sich nur schwer entschließen könne, ihre Benjamine zu verlieren; das hieß, sie wolle abwarten, wie die Erkundigungen lauteten. Sie sind von drei Seiten auf einmal eingetroffen und besser, als es sich voraussehen ließ, ausgefallen. Es bestätigt sich, daß Herr von Cerdon sein Vermögen stark angegriffen hat, es bleiben ihm jedoch noch ganz hübsche Reste, insbesondere sein Stammschloß mit Zinnen und Zugbrücken; sein Name zählt zu den ersten des Landes, sein Leben war ... das eines Verschwenders. Lily, die die Männer in ihrer Umgebung nie etwas anderes thun sah, als Geld verdienen, findet es sehr hübsch, daß man sein Geld zum Fenster hinaus zu werfen versteht – in der Sturm- und Drangperiode, der, wohlverstanden, die Verheiratung ein Ende setzt; auch der Charakter eines Don Juan mißfällt ihr nicht, vorausgesetzt, daß er schließlich seiner verführerischen Liebenswürdigkeit entsage, ihr, Lily Harris, zu Liebe. Sonst hafte kein Flecken an seiner Vergangenheit, die er, so versichert die amerikanische, Französin gewordene Freundin, mit allen jungen Männern bester Gesellschaft, die im Reichtum aufgewachsen und, wie es Bevorzugten zusteht, verwöhnt sind, gemein hat. Herr von Cerdon hat gespielt – er wird nicht mehr spielen; auf den Rennplätzen gewettet – er wird nicht mehr wetten; er ist von Blume zu Blume geflattert – hat aber das Innerste seines Herzens für die Frau, die einst fähig sein würde, ihn zu fesseln, bewahrt. Ein vornehmer, rührender Brief, mit prachtvollem Wappen, das seinen Effekt nicht verfehlt hat, gesiegelt, von der Mutter des Marquis, dem Haupt und letzten Repräsentanten seiner Familie, zerstreute schließlich alle Bedenken, wenigstens die von Frau Harris, denn Lily schien sich, wie ich schon sagte, in ihre vom Evangelium vorgeschriebene Pflicht, Mutter und Heimat zu verlassen, um dem Gatten zu folgen, ohne besondere Mühe gefunden zu haben. Sie hat im Gedanken an dieses Opfer, aber erst nachdem sie durchgesetzt hatte, daß sie in aller Bälde Frau Marquise von Cerdon würde, ein paar Thränen vergossen. Jawohl, in aller Bälde; der ungeduldige Bräutigam behauptet, seine Mutter fände einen zu langen Brautstand nicht dem guten Ton entsprechend. Übrigens wird man nicht umhin können, nach Paris zu reisen, um mit der alten verwitweten Edelfrau Verbindungen anzuknüpfen; ich sehe unser Reiseprogramm sehr in Zweifel gestellt! ...«

Dieses unvorhergesehene Ereignis schien allerdings eine sofortige Abreise nach Paris nötig zu machen. Etienne fühlte alle seine Befürchtungen schwinden: da Frau Harris ihre jüngste Tochter bei ihrer Abreise nach Amerika zurücklassen mußte und auch die Ältere nicht lange mit ihrer Verheiratung warten würde, fiel jeder Grund für ein Verbleiben Renées in ihrem Hause fort; es fehlte ihr jeder Vorwand, dort zu bleiben, außerhalb ihres Vaterlandes zu leben. Auch Herr und Frau Loysel sahen das ein, unter Gefühlen, die mit denen ihres Sohnes nichts gemein hatten.

»Kommt sie zurück,« meinte er, »so ist die Gefahr größer denn je. Sieh nur, wie glücklich Etienne ist!«

»Die Frage ist nur, kommt sie zurück?« sagte Frau Loysel. »Auf jeden Fall wollen wir unser Pulver nicht verschießen, sondern es für jenen kritischen Moment trocken halten. Es gibt ein Walten der Vorsehung ...«

Frau Loysel rief gern die Vorsehung zum Bundesgenossen an, ohne jemals auf den Gedanken zu kommen, daß sie in ihrer Allwissenheit Wege wählen könne, die die ihrigen kreuzten.

Bei Friedrich äußerte sich ein ebenso starker Unwille wie Kummer. Wie konnte man die frische, unverdorbene Lily einem solchem Lebemann geben! Er hatte Nachforschungen angestellt: das historische Ahnenschloß fiel in Trümmer, und die Witwe bewohnte beinahe dürftig einen Winkel ihres alten Stadtsitzes, von dem der Familie nicht mehr die Ziegel auf dem Dach gehörten. Der junge Marquis rechnete zweifellos auf das große, im Handel erworbene Vermögen, das er aus Habsucht und doch in Angst, sich die Finger daran zu beschmutzen, entgegennehmen würde.

»Ich bin sicher, er verachtet sie in seinem Innern, ebenso wie jedes andre nicht »geborene Mädchen«, wiederholte Friedrich. »Er heiratet sie nur ihres Geldes wegen.«

»Ach was! Reich ist sie ja, aber ein recht hübsches Kind ist sie auch,« sagte Etienne, den seine eigne Genugthuung nachsichtig stimmte; »weshalb sollte er sie nicht aufrichtig lieben? Und was liegt, wenn man liebt, an der Ungleichheit des Vermögens?«

Friedrich traf trotz seines Ärgers diesmal das Rechte. Herr von Cerdon gehörte zu der ziemlich verbreiteten Sorte herz- und hirnloser Verschwender, die, nachdem sie ihr Erbe in alle Winde gestreut haben, das Übel durch eine sogenannte gute Partie zu heilen suchen; in seinen Kreisen hätte er aber sein Ziel nicht erreicht, man kannte ihn zu gut. Auch das Pariser Bürgertum, so eitel es zumeist ist, verhält sich gegen die Mitgift-Jäger, seitdem die Zahl junger Edelleute ohne Amt oder Einnahme, die in seinen Töchtern nur die Mittel sehen, ihr Wappen wieder frisch zu vergolden, mit jedem Tage wächst, sehr mißtrauisch und zurückhaltend; ebenso hatte der Marquis in der hohen Finanz so manchen Korb eingeheimst. Da hatte er seine Batterien gegen eine gewisse exotische Kolonie gerichtet, die mehr als irgend andre Kreise von dem alten Adel des Faubourg Saint Germain, der von Ausländern nur aufnimmt, was ihm durch alte Familienbande angehört oder in der Diplomatie einen entsprechenden Rang einnimmt, gänzlich ausgeschlossen wird. Wer nicht zu diesen Auserwählten zählte, wurde, und von Herrn von Cerdon in erster Linie, leicht als Abenteurer angesehen.

Und doch trug er nicht einen Augenblick Bedenken in den Kreisen, die er selbst für nicht salonfähig erklärte, die Mitgift, die er so nötig brauchte, zu suchen, und legte dabei weniger darauf Wert, daß diese kavaliermäßig erworben war, als daß sie die gewünschte Ziffer erreichte und sofort ausgezahlt wurde. Er ließ sich bei Frau Harris einführen, ohne von ihr etwas anderes zu wissen, als daß sie wirklich reich und Mutter zweier Töchter war, deren auffallende Hüte er im Boulogner Walde bemerkt hatte. Kaum war ihm dies geglückt, so glaubte er sich schon seines Erfolges sicher. In der That wurden ihm alle Vorkommnisse, die ihm anderswo ein Hindernis gewesen wären, hier von greifbarem Vorteil; er besaß die Manieren des arbeitslosen und – unfähigen Menschen, den man im Lande des time is money nicht kennt; wußte über alles in einer frischen Leichtfertigkeit zu sprechen und ließ sich nie soweit gehen, daß man hätte ahnen können, wie der beinahe ausschließliche Verkehr in schlechter Gesellschaft seiner, seines alten Namens würdigen Erziehung schon starken Eintrag gethan hatte.

Kaum hatte aber Lily Herrn von Cerdon gesehen, als sie ihn im Geiste mit dem Typus des amerikanischen Ehemannes verglich, der, Herr in seinem Hause, sich den Interessen seiner Familie mit Leib und Seele hingibt, aber, da er stets seine Geschäfte im Kopfe hat, für kleine Aufmerksamkeiten keine Zeit behält, während dieser liebenswürdige Marquis sich von vornherein mit der Rolle eines Sklaven zu begnügen schien.

»Meine Hand,« so gelobte sie sich heimlich, »werde ich nur einem Manne geben, der zu grüßen, Walzer zu tanzen, Bonbons zu schenken und zu unterhalten versteht, wie Herr von Cerdon.«

Und diesen Entschluß verheimlichte sie gegen jedermann – bei ihrem mitteilsamen Charakter gewiß ein Zeichen, daß es ihr sehr ernst damit war. Herr von Cerdon dachte seinerseits von den Fräulein Harris: die eine ist nicht mehr zu haben, die andre noch sehr jung und erstaunlich schlecht erzogen; ich habe Zeit genug, mich zu entscheiden.

Inzwischen hatte er eine Figur mehr im Hintergrunde, Gesellschafterin oder Freundin zweiten Ranges, bemerkt, die ihm sehr geeignet dazu schien, sich bei seinen Plänen etwas zu zerstreuen.

Wir müssen vorausschicken, daß Herr von Cerdon als Inhaber eines ständigen Platzes im Opernhause über Musik ebenso gern wie über Pferde sprach und in seinen Mußestunden sogar kleine Operetten komponierte, die, unbedeutend wie sie waren, ihn doch in seinen Kreisen zu einer schätzenswerten Specialität machten, abgesehen davon, daß sie ihm ermöglichten, sich hinter den Coulissen zu bewegen, Fräulein Christen trug das heilige Feuer der Kunst in ihrer Brust ... ihre Stimme schlug ihn in Fesseln, machte ihn ihr gegenüber willenlos – so behauptete er wenigstens.

Als diese in dem von ihm für unwiderstehlich gehaltenen Ton gesprochene Erklärung nicht den gewünschten Eindruck auf Renée machte, und sie allein im Hause Harris, wo sein Einfluß mit jedem Tage wuchs, ihm keinerlei Aufmerksamkeit schenkte, vergaß er über diese schwierige Eroberung mehr und mehr die, deren er sich bereits sicher glaubte, ließ die Zeit verrinnen und günstige Gelegenheiten unbenutzt, so daß die Stunde der Abreise nach Italien schlug, ehe er sich Lilians Mitgift versichert hatte.

Renée ihrerseits hatte in allen den Schmeicheleien, die er an sie verschwendete, nur seine Liebe zur Musik gesehen. Die arme Lily war darüber, ohne es auszusprechen, sehr eifersüchtig gewesen; später, als die Verlobung stattgefunden, hatte sie es zugegeben und sich ihrer Freundin an die Brust geworfen mit den Worten:

»Ich, die ich glauben konnte, dein schönes Talent stelle mich unbedeutendes Ding in Schatten, und Raoul dächte gar nicht daran, mich neben dir zu bemerken! Wie ich mich getäuscht habe! Er liebt mich, so wie ich bin – verzeihe mir, meine liebe Renée.«

Darüber stutzig geworden, war Renée seit kurzem keinesfalls so sicher, daß Lily sich in ihrer Annahme getäuscht habe; denn sobald Herr von Cerdon die Hand Lilys versprochen war, erwies er seiner Braut wohl die von der Etiquette vorgeschriebenen Aufmerksamkeiten, machte jedoch der unvermögenden Waise nebenher den Hof in einer Form, die, wenn auch verschleiert, darum doch nicht weniger deutlich war. Das arme Mädchen glaubte er von der Natur dazu bestimmt, sich zu verlieren, wie reiche Mädchen ihm ebenso von Natur dazu veranlagt schienen, sich zu verheiraten.

Es wäre Renée ein leichtes gewesen, ihn zu dem Geständnis zu verlocken: »Nur Ihnen bin ich bis hierher gefolgt. Sie allein liebe ich ...« Von einer geheimen Unruhe gewarnt, war sie auf ihrer Hut.

»Wenn ich mein Spiel zu offen treibe,« überlegte Cerdon, »so ist sie fähig, mich in der Hoffnung, sich selbst heiraten zu lassen, zu entlarven. Wer weiß? Ihr Charakter ist nicht leicht zu entziffern, sie muß Ehrgeiz besitzen ... Verheiraten wir uns erst einmal zu größerer Sicherheit. Verheiratet wäre ich freier und zugleich geschützter gegen Dummheiten der Kleinen. Nur ruhig Blut, mein Sohn! Erst den Sperling in der Hand, dann die Taube auf dem Dache.«

Nachdem er sich selbst derart geschulmeistert hatte, trug er von da an Renée gegenüber jene Galanterie zur Schau, die er bis auf seine Schwägerin, ja auf seine künftige Schwiegermama ausdehnte.

Das machte er so gut, mit einer so geschickten Steigerung der Verbindlichkeit in seinen Phrasen, daß die unschuldige Renée sich schließlich vorwarf, sie sei mißtrauisch und zimperlich gewesen.

Sie beeilte sich, das in ihrer Einbildung ihm angethane Unrecht wieder gut zu machen und zog sich damit Vorwürfe des ernsthaften Jefferson zu.

»Also auch Sie lassen sich von ihm blenden,« verspottete er Renée. »Dieser weibische Mann, der sein Taschentuch parfümiert und sich alle Tage das Haar kräuseln läßt, flößt Ihnen keinen Abscheu ein? Hätte Lily einen Arbeiter, einen Bauer gewählt, einen Mann mit einem Worte, ich hätte nichts dagegen gehabt. Dieser hier wird nie mein Bruder, ob er sie glücklich macht oder nicht. Gott sei Dank wird zwischen uns eine gute Barriere, der Ozean, sein, die er nicht überschreitet. Ein Hampelmann seiner Art hat in Amerika nichts zu suchen!«

Die Verheiratung von Lilian Harris und was damit zusammenhing, beschäftigte Renée zu dieser Zeit übrigens erst in zweiter Linie, denn ihr eignes Schicksal sollte sich entscheiden.

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