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Die Heimkehr

Therese Bentzon: Die Heimkehr - Kapitel 10
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typefiction
authorTh. Bentzon
titleDie Heimkehr
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X.

Obgleich in Lafontaines Fabel »Zwei Tauben«, dieser unvergleichlichen Schilderung von Trennungsqualen und von den Gefahren der Fremde, das Geschlecht der Reiselustigen nicht bestimmt wird, ist man, ob mit Recht oder Unrecht, zwischen den Zeilen zu lesen geneigt, daß der Hang zur Undankbarkeit und zu Abenteuern, der den einen der Kameraden das Nest zu meiden und in die Weite zu schweifen veranlaßt, dem männlichen Charakter entspricht, während das Bedauern und geduldige Erwarten der einsam zurückgebliebenen Taube, die nach üblen Vorbedeutungen schreckliche Stürme und Hinterhalte aller Art für ihren Genossen befürchtet, das natürliche Los der Frau sind.

Hier lag es umgekehrt. Etienne sah sich, mit seinen Erinnerungen allein geblieben, auf das gleichförmige Einerlei des Landlebens, das noch kürzlich durch die Gegenwart Renées seinen Reiz erhielt, angewiesen, während Renée die Welt durchstreifte und seiner vergaß.

Als Cäcilie, ohne selbst daran zu glauben, in der Absicht, Etienne zu trösten, zu ihm sagte: »es ist ja nur für kurze Zeit,« schüttelte er ungläubig den Kopf. Die Rolle eines Werther lag indessen nicht in seiner Natur; er hielt es für unmännlich, seine Pflicht zu vernachlässigen, um sich einer Niedergeschlagenheit hinzugeben, die er im Gegenteil zu überwinden streben mußte. Ruhelos schleppte er mehrere Tage lang, sich wie ein verwundetes Tier allen Augen entziehend, den Feind, den er in sich trug, in die einsamsten Waldwinkel, als ob er gehofft hätte, ihn mit der Zeit zu ermüden; merkte er, daß dies Mittel erfolglos war, oder hatte er in diesem zeugenlosen Kampfe die Oberhand behalten – jedenfalls sah man ihn bald eifriger als je den landwirtschaftlichen Arbeiten, wie die schöne Jahreszeit sie mit sich bringt, nachgehen. Um nicht seinen Gedanken nachzuhängen, gönnte er sich keine Muße, und er war mit sich zufrieden, wenn es ihm eine ganze Stunde lang gelungen war, sich einzureden, daß er die Undankbare bereits vergessen habe.

Im Mai stellte sich, wie gewöhnlich, Friedrich Buisson ein. Aus seinen »Studien in Grün« wurde es, nebenbei bemerkt, auch in diesem Frühjahr nichts; der arme Junge vermißte bei seinem Pinseln den lustigen Sonnenstrahl, der aus seinem Herzen und seinem Leben mit Lilys Abreise gewichen war. Sein Kummer, oberflächlicher als der Etiennes, scheute sich indessen nicht, sich in skeptischen und ironischen Redensarten Luft zu machen.

»Ach was, alle Männer machen dergleichen Krisen durch, und es bekommt ihnen am Ende ganz gut,« meinte er. »Man lernt einsehen, daß Frauen durch die Bank kokett sind und behandelt sie entsprechend.« »Alle, ohne Ausnahme?« getraute sich Cäcilie errötend einzuwenden.

»An Sie dachte ich natürlich dabei nicht,« meinte der junge Mann lächelnd.

»Weil ich nicht für voll gelte,« sagte Cäcilie, und Friedrich, dem die in ihrer Entgegnung liegende Bitterkeit nicht entgangen war, ergänzte freundlich: »Sie sind die beste aller Schwestern, das ist mehr wert.«

Cäcilie hatte in der That zwei Brüder zu trösten und widmete sich dieser Pflicht mit dem ganzen reichen Schatz an Herzensgüte, dem einzigen, den sie besaß.

»Ich bin noch am wenigsten zu beklagen,« sagte sie sich, wenn es ihr einmal einfiel, sich mit sich selbst zu beschäftigen, anstatt nach ihrer Gewohnheit für andre zu sorgen. »Sie sind jetzt allein und dessen, was sie lieben, beraubt, während ich Friedrich hier behalten habe und alle Tage sehe ... er trägt mir gegenüber das Herz auf der Zunge. Wenn ich nur meinen armen Etienne soweit bringen könnte.«

Etienne fühlte augenscheinlich nicht das Bedürfnis, irgend jemand sein Herz zu eröffnen; er hatte sein inneres Gleichgewicht wieder gewonnen und arbeitete; nur war er schweigsamer als früher.

»Man könnte wahrhaftig glauben, du wohntest tausend Meilen von Paris entfernt,« sagte Friedrich häufig zu ihm, »Wer hindert dich, dich dort auf andre Gedanken zu bringen. Nur auf dem Lande kann die Traurigkeit Wurzel schlagen. Glaube mir, nichts schützt besser davor, daß man Kleinigkeiten zu ernst nimmt, als ab und zu Großstadtluft zu atmen.«

Etienne erklärte ruhig, daß er keinen Luftwechsel nötig habe und sich wundere, um sich herum eine so allgemeine Teilnahme für sich zu bemerken.

»Wie mutigen Herzens er sein Leid tragt,« dachte Cäcilie.

»Aha, er vergißt nach und nach,« dachte ihr Vater.

Renée gab inzwischen regelmäßig, wenn auch in kurzen Worten, von sich Nachricht. Von ihrem ersten Aufenthalt aus hatte sie geschrieben:

»Meine liebe Cäcilie!

Seither bin ich nur aus dem Coupée gekommen, um mein Bett aufzusuchen und die prachtvollen, in sausender Eile gesehenen Alpen im Traume wieder vor mir zu sehen; aber welch unvergleichliches Vergnügen ist doch das Reisen! Zum erstenmale reisen und noch dazu nach Italien. Noch kann ich es selbst nicht glauben, ich, die ich nie in ihren rollenden Häuschen vorüberziehende Zigeuner sehen konnte, ohne daß ich sie beneidete oder die Luft mich anwandelte, ihnen zuzurufen: Nehmt mich mit! Wohin? Das wußte ich selbst nicht, nur fort, weit fort, vielleicht nach Italien! Und jetzt bin ich hier; das Herz klopft mir, wenn ich daran denke. Und doch schäme ich mich meiner Freude – ich habe Euch ja das Grab meiner Mutter lassen müssen. Du schmückst es mit Blumen, nicht wahr, meine gute Cäcilie? Du nimmst meinen Platz ein, wie du es so oft gethan hast. Der Wald muß voll Veilchen stehen, und Veilchenduft war der einzige, den die arme Mutter ertragen konnte. Erzähle ihr von mir! Sorget dafür, du und dein Bruder, daß sie bis zu meiner Heimkehr nicht verlassen ist!«

Diese aus Turin mit Bleistift geschriebenen Zeilen wurden im Familienkreise gelesen und verschiedentlich ausgelegt. Etienne klammerte sich an das letzte Wort »Heimkehr«, das seine Schwester absichtlich betont hatte. »Recht lustig für eine Waise in tiefster Trauer,« meinte Herr Loysel.

»Und das Geständnis betreffs der Zigeuner,« rief seine Frau.

».. Setzt mich weiter nicht in Erstaunen,« warf Friedrich, der zugegen war, ein. »Ihre arme Mutter hat auf mich immer den Eindruck einer jener Hennen gemacht, die ein Entenei ausgebrütet hat, oder sagen wir ein Schwanenei, da der Schwan ja, obgleich sehr zu Unrecht, für einen Sangeskundigen gilt.«

»Erinnert Ihr Euch des rabenschwarzen Findelkindes,« meinte Frau Loysel, »das unsre Nachbarn ganz klein aus Mitleid aufnahmen und das als großes Mädchen in Gesellschaft durchziehender Jahrmarktsleute durchbrannte? Gleiches hatte sich zu gleichem gesellt. Was läßt sich gegen schlechte Instinkte ausrichten!«

»Ich sehe nicht recht, welche Beziehungen du zwischen jener Dirne und Renée Christen entdeckst,« sagte Etienne ungeduldig.

»Keine natürlich, bei dem Zigeunerkarren fuhr es mir nur so durch den Kopf. Die Kleine – ihre schwarzen Augen, erinnerst du dich, Cäcilie? waren die schönsten, die ich je gesehen habe – hatte sich nie mit ländlichen Arbeiten befreunden können und war wohl auch so poetischen Anwandlungen von Unabhängigkeit und in der Welt herumziehen zugänglich. Vielleicht betreibt sie jetzt das Wahrsagen auf der Landstraße.«

Etienne schöpfte Verdacht. Noch am selben Tage nahm er Cäcilie beiseite und fragte sie, ob ihre Mutter nicht einmal etwas gesagt oder gethan habe, das Renée hatte verletzen und aus dem Hause treiben können. »Diese Besorgnis überkam mich,« meinte er, »als ich sie heute morgen so streng über Renée urteilen hörte.«

Cäcilie merkte, wie gern der arme Etienne seinen Verdacht bestätigt gesehen hätte, um einen Grund zu haben, den Flüchtling in Schutz zu nehmen. – Übrigens zerstreuten sich Frau Loysels Befürchtungen, die bei Renées Anspielung auf die Heimkehr neu erwacht waren, vor ihrem zweiten, aus Venedig datierten Briefe.

Renée hatte den Norden Italiens mit Windeseile durchflogen und brachte ihre Eindrücke in so begeisterten, farbenreichen Schilderungen zu Papier, daß Friedrich lachend ausrief, an ihr sei ein Maler oder Dichter verloren. »Es kommt mir vor, als wäre ich schon seit Jahrhunderten unterwegs,« schrieb Renée. »Was ich alles gesehen, was ich alles erlebt habe, reicht für mehrere Menschenleben; die kleine Renée, die Ihr gekannt habt, versteckt in ihrem Dorf wie eine Maus in ihrem Loch, sehe ich nur noch wie durch einen Schleier. Bin ich es wirklich, die einst vom Schicksal so kümmerlich Bedachte, die gestern in Verona mit Julia lebte, hier auf Schritt und Tritt einer Desdemona, einem Consuelo begegnet! Dem göttlichen Consuelo, der das Glück hatte, Porpora zum Lehrer zu haben und seine Laufbahn in Venedig zu beginnen! Alle diese Gestalten aus dem Reiche der Dichtung erscheinen mir beinahe wesenhafter als die Personen, die mich in Fleisch und Blut umgeben; wenigstens stimmen sie besser in den Rahmen, aus dem alles gewöhnliche, wie eine Disharmonie herausfällt. Zuweilen bilde ich mir ein, ich sei eine von jenen Unsterblichen, und alle möglichen herrlichen Gedanken begeistern mich. Du wirst mich für närrisch halten, meine liebe Cäcilie ...

Vielleicht steckt in der That ein wenig Narrheit in mir – das bekümmert mich nicht. Dieses kleine Gebrechen, unter dem doch niemand leidet, verschafft mir wenigstens ein paar glückliche Stunden. Gestern zum Beispiel, nach einem wundervollen Spaziergang, mußte ich mich an den Flügel setzen, der im Salon unsres Hotels steht, und zum erstenmale singen – du weißt ja, seit wann ich nicht mehr gesungen habe. Ich erstickte, ich mußte dem Übermächtigen, das meine Seele bewegte, Luft machen. Meine Stimme schwoll fast gegen meinen Willen und zu solcher Fülle an, daß ich sie selbst nicht wieder erkannte. Die Fenster, die auf den großen Kanal hinausgehen, waren geöffnet. Draußen erschallte eine Salve kräftigsten Beifalls. Ich verdankte ihn den schwieligen Händen der Fischer und Gondoliere, die sich in Menge in der Nähe des Hotels aufhalten. Was schadet's! Mir wurde ein Beifall gespendet, der um so schmeichelhafter war, als in Venedig jedermann Musik macht. Ich wurde nicht müde, für mein unsichtbares Publikum zu singen, das mir seinerseits mit nicht enden wollendem Bravo dankte. Du tadelst mich sicherlich deshalb. Guter Ton verbietet mir zu singen; was hat aber der gute Ton in den Fragen, die das Herz allein entscheidet, mitzusprechen? Musik ist mir notwendig wie das tägliche Brot, und meine Mutter würde mich doch nicht, um ihr Gedächtnis zu ehren, Hungers sterben heißen. Sie weiß, daß ich ihrer gedenke, hier wie überall.«

»Der Brief war nicht bestimmt, vorgelesen zu werden«, unterbrach sich Cäcilie, die Qualen ausstand, während Frau Loysel die »junge Korinna in Prosa«, wie sie sich hochtrabend ausdrückte, bespöttelte. Mit diesem Namen bezeichnete Frau Loysel alle Frauen, die irgend ein Talent besaßen, und er hatte in ihrem Munde einen stark verächtlichen Beigeschmack.

»Cäcilie hat recht,« bekräftigte Etienne, der sich eines stummen Ärgers über seine Mutter nicht mehr erwehren konnte und nur darauf wartete, die ganze Bitterkeit, die einige Stellen dieses Briefes in ihm hatten aufsteigen lassen, auf irgend jemand auszugießen. »Niemand hat ein Recht, Vertraulichkeiten zwischen zwei Freundinnen zu belauschen.«

»Da bitte ich denn doch um Verzeihung«, versetzte Frau Loysel pikiert. »Ich maße mir dieses Recht wohl an, im Interesse deiner Schwester dafür zu sorgen, daß solche Herzensergießungen ihr nicht verderblich werden können. Ist es jemals unter jungen Mädchen Sitte gewesen, von Julia, Desdemona und George Sand zu sprechen? Wo hat sie denn alle die schönen Kenntnisse her? Dergleichen Bücher kommen glücklicherweise nicht in Cäciliens Hände,« schloß die weise Mutter, die sich rühmte, ihrer Tochter nur das Lesen von Büchern, die einem zwölfjährigen Kinde keinen Schaden gethan hätten, zu gestatten.

»Renée hat während des ganzen letzten Winters die Bibliothek von Frau Harris benutzt,« sagte die arme Cäcilie erschrocken. »Sie hat sehr viel gelesen und ohne Schaden für sich, das möchte ich versichern!«

»Das will ich meinen,« ergriff Etienne wieder das Wort; »so rein und zartfühlend wie sie ist. Sie sucht das Schöne und wenn sie auch dabei auf Häßliches stoßen würde, ich stehe dafür ein, daß es nicht an ihr haften bliebe.«

»Nun ist's genug,« rief Frau Loysel. »Ihr thut mir leid mit eurer voreingenommenen Vergötterung. In dem extravaganten Kreise, in dem Renée lebt, wird sie genau so, wie es jedem andern Mädchen passieren würde, zu Grunde gehen.«

»Warum habt Ihr sie denn abreisen lassen?« fiel ihr Etienne schroff in das Wort. »Ihr hättet sie in Euren Schutz nehmen und koste es, was es wolle, bei Euch behalten sollen. Statt dessen habt Ihr vielleicht das gerade Gegenteil gethan und ich – ich habe zu spät Verdacht geschöpft.«

Dabei warf er seiner Mutter einen Blick zu, der ihr zeigte, daß sie das Vertrauen ihres Sohnes unwiderruflich verloren hatte. Und Etienne, der sich zum Ritter der Abwesenden aufgeworfen, dachte mit Verzweiflung daran, wie die Jahre ihres Zusammenseins sich allmählich im Nebel der Vergessenheit verlieren würden. Renée hatte in Venedig, jener traumhaft schönen Stadt, ein neues Leben begonnen, ein Leben nach ihrer Wahl, an dem er nie teil haben konnte; statt seiner würden Romeo und seine seidene Leiter früher oder später ihre Phantasie beschäftigen. Würde nicht auch die Liebe mit all ihrem Gefolge erhabener Stimmungen in Renées Seele Einzug halten? In Italien würde sie sich mit aller Macht ihrer leidenschaftlichen Einbildungskraft verlieben – und er würde vergessen sein, er und ihr heimatliches Dorf.

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