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Die Heimkehr

Therese Bentzon: Die Heimkehr - Kapitel 1
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typefiction
authorTh. Bentzon
titleDie Heimkehr
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I.

Für einen Mann im Genusse seiner vollen Lebenskraft gibt es wohl kaum ein größeres Vergnügen, als ein tüchtiges Pferd zwischen den Schenkeln, und sattelfest an einem schönen Sommermorgen die Landstraße dahin zu galoppieren. Die Sonne schlürft die Wölkchen, die sich noch hie und da vor das leuchtende Blau des Himmels schieben, langsam ein und küßt flimmernde Tautröpfchen von den blühenden Hecken, von den Gräsern im Graben und den weit über den Weg hängenden Zweigen, aus denen sich schüchterne Vogelstimmchen hören lassen. In der Ferne hört man in langen Zwischenräumen das Brüllen der Stiere; kein Laut der wiedererwachenden Natur verliert sich in dem Vielklang, der die Luft erfüllt. Eine frische Brise spielt lustig um die Schläfen; würzige Düfte, die die Nacht aufspeicherte, entsteigen den frisch gemähten Wiesen. Sie berauschen fast. Diese Trunkenheit des um dich und in dir heiß pulsierenden Lebens empfindest du aber als eine Wohlthat.

Solch ein Erwachen der Natur verspricht einen köstlichen Tag! Keine seiner Stunden scheint etwas anderes als Fröhlichkeit bringen zu können. Da weitet sich auch das Herz, das keine Freude mehr kannte, und jubelt unbewußt auf, wie ein Schulknabe, der am Morgen eines Ferientages vorzeitig den Schlaf abschüttelt.

Um so mehr unser Reitersmann, Etienne Loysel, der gegen die Freuden dieser Welt keineswegs abgestumpft war. Wie in der ihn umgebenden Natur zog ein Überfluß junger Kraft durch seine Adern, und Jugend strahlte aus seinem männlichen, von Luft und Sonne leicht gebräunten Antlitz, aus dessen Zügen Aufrichtigkeit, ein warmes und vertrauendes Herz, noch ungeschwächt durch trübe Erfahrungen, sprachen.

Nach dem Etienne Loysel Gymnasium und Universität besucht, war er unter das väterliche Dach zurückgekehrt und hatte seine ebenso tüchtigen, wie vielseitigen wissenschaftlichen Kenntnisse in den Dienst der Landwirtschaft gestellt. Er übernahm und leitete die Bewirtschaftung eines bedeutenden Besitztums, das sich noch immer vergrößerte; denn der Bauer träumt von nichts, als mehr und immer mehr Land sein eigen zu nennen, und Etiennes Vater war trotz der gewichtigen Stellung, die er als reicher Grundbesitzer im Lande einnahm, im Herzen Bauer geblieben.

Nur drei Generationen trennten Etienne von dem Vorfahren, der nicht lesen noch schreiben konnte und sich im Schweiße seines Angesichts vom Tagelöhner zum Pächter eines kleinen Gutes heraufgearbeitet hatte. Unter den Kindern dieses armen Teufels hatte dann die Besitzung einen glänzenden Aufschwung genommen, bis das alte Lied sich wiederholte: aus den Händen des leichtlebigen und verschwenderischen Gutsherrn waren die Ländereien an den Pächter gefallen, dessen Sparsamkeit an Geiz grenzte. Seit bald einem halben Jahrhundert zählte die Familie Loysel nunmehr zu den reichsten der Umgegend, und Etienne war einer der ersten seines Stammes, der dem Vorzug des Besitztums den der Bildung zugesellte. »Er hat sein Gymnasium und die Universität besucht,« rühmte sich der Vater nicht wenig. Ehrgeiz, übrigens das einzige Gegengewicht zu seiner Habsucht, hatte den Vater in diesem Falle dazu vermocht, seine Börse zu öffnen.

»Der wenigstens,« pflegte er zu sagen, »wird es mit den Vornehmsten im Lande aufnehmen können und sich der Gesellschaft gegenüber nicht wie ein Eindringling vorkommen.«

Die »Gesellschaft« war für Herrn Wilhelm Loysel der Bewohner des nachbarlichen Schlosses, der nun, wo wir unsre Erzählung beginnen, verstorbene Baron von Souvray, der, obschon weniger begütert als sein Nachbar, bis an sein Ende im Tone herablassendster Leutseligkeit mit ihm verkehrt hatte. Und daran hatte sich bis zu seinem Tode nichts geändert, obgleich der Bürgerliche dem Edelmann so manches Mal in dem Glauben, daß erwiesene und angenommene Gefälligkeit sie auf gleichen Fuß stelle, eine runde Summe geliehen hatte. Solche Anflüge von Eitelkeit und Neid, die den von Natur biederen Charakter des Herrn Loysel entstellten, waren auf seine Frau zurückzuführen, die als Tochter eines Gasthofbesitzers in Fontainebleau ein ungeheures Opfer zu bringen geglaubt hatte, als sie sich, wie sie sagte, auf das Land verbannen ließ. Nach dreißig Jahren ihres Ehelebens brüstete sie sich noch mit ihrer städtischen Herkunft und jammerte über die Halsstarrigkeit ihres Sohnes, der sich, zur heimlichen Freude seines Vaters, die juristische Laufbahn einzuschlagen geweigert hatte.

»Ich verabscheue jeden Zwang!« hatte sich dieser geäußert.

»So ergreife etwas anderes.«

»Weshalb, da ich hier meinen Neigungen leben kann?«

»Faulenzen kann, wolltest du sagen.«

»Du wirst das Gegenteil sehen, Mutter. Ich liebe die Scholle Erdreich, auf der ich geboren bin, und bin der Meinung, daß sie uns alles lehren, alles geben kann.«

»Also willst du dein Leben lang in Äckern wühlen? Dazu hattest du nicht nötig, ein Gelehrter zu werden.«

»Was ich gelernt habe, wird mir helfen, die Schönheit alles dessen, was mich umgibt, besser zu verstehen und tiefer zu fühlen. Meine Neigung zu der Naturwissenschaft verträgt sich mit meiner Freude an Feld und Flur sehr gut; nirgends lese ich meine Lieblings-Schriftsteller mit größerem Genuß als im Walde.«

»Lateinische Bücher studieren, allerlei Grünzeug sammeln, Kieselsteine behämmern, Insekten fangen – alles das nenne ich faulenzen,« entschied Frau Loysel.

»Laß ihn doch zufrieden,« warf ihr Gatte ein. »Wir haben für unsre Kinder genug zusammengespart – laß sie es in Ruhe genießen. Vielleicht hat er nicht unrecht, wenn er dieselben Wege wie seine Vorfahren wandeln will, wenn das auch nicht mehr Mode ist.«

»Nun, du kannst ja deinen Sohn hinter den Pflug stellen,« ereiferte sich die ehrgeizige Mutter daran verzweifelnd, jemals bei den Ihrigen Verständnis zu finden. »Meiner Tochter werde ich andre Ideen beibringen, das laß meine Sorge sein.«

Dabei fiel ihr ein, daß ihre Tochter Cäcilie zu kümmerlich und von der Natur zu stiefmütterlich behandelt sei, um an die glänzende Partie, welche sich die Mutter als Entschädigung für ihren aus der Art geschlagenen Sohn geträumt hätte, denken zu können, und sie fing an zu schluchzen:

»Weshalb muß ich in einer Zeit, in der die Ärmsten, Ungeschicktesten und Dümmsten sich über die Stellung, die ihre Eltern einnehmen, emporschwingen wollen und sich mit ihren eingebildeten Ansprüchen nur lächerlich machen – weshalb muß gerade ich das Unglück haben, einen Sohn zu besitzen, der das gerade Gegenteil ist, einen Sohn, dem die Fähigkeiten, alles durchzusetzen, was er erreichen möchte, gegeben sind, und der nur nicht will, der sich in den Gedanken vernarrt...«

»Bei seinen Eltern zu bleiben, denen er nie, auch nur eine Minute lang, Kummer bereitet hat, und in seiner Heimat zu leben, wo jedermann ihn gern hat und achtet,« unterbrach sie Cäcilie. »Du stellst Etienne eben das beste Zeugnis aus, Mutter, das sich nur denken läßt: er mag sich nicht von uns trennen und kennt nur leicht zu befriedigende Genüsse. Sähest du es lieber, wenn er nach Paris ginge, das Geld zum Fenster hinauswürfe und sich seines Heims schämte?«

»Cäcilie hat Gold im Munde,« meinte der Vater und strich zärtlich über seiner Tochter Haar.

»Weil sie deiner Meinung ist, Loysel! Man könnte wirklich glauben, daß die Kinder aus andrem Fleisch und Bein sind wie ich!«

Da fielen ihr Etienne und Cäcilie, als wollten sie ihre Mutter mit dieser stummen Zärtlichkeit Lügen strafen, um den Hals, und sie streckte die Waffen und zuckte seufzend mit den Schultern.

Erinnerte sich Etienne, während er seinem Pferde die Zügel frei ließ, dieser kleinen Auftritte, die sich in den ersten Jahren nach seiner Heimkehr häufig wiederholt hatten, doch jetzt, da seine Absicht, zu Hause zu bleiben, mehr und mehr zur anerkannten Thatsache geworden war, immer seltener wurden? Wie dem auch sei, jedenfalls war er in tiefes Träumen versunken, ein flüchtiges Lächeln lag um seinen Mund, und seine Stimmung hatte mit dem Übermut, der ihn soeben beim Erwachen der Natur durchzuckt hatte, nichts mehr gemein. Schon tauchte die Sonne die weiße Landstraße vor ihm in grelles Licht, und Eidechsen begannen sich an den Abhängen der Sandsteinfelsen, die hier aus dem Waldessaum hervorleuchteten, in munterem Spiel zu haschen. Plötzlich schlug der Hund, der einem Eichhörnchen nachgesetzt war, an, Etienne erwachte mit einem leichten Erschrecken aus seinen Träumereien und setzte, während er sich bangend fragte: »Sie wird doch schon aufgestanden sein?« sein Pferd in Trab.

Wenige Minuten später gelangten Roß und Reiter vor die ersten Häuser eines Dorfes, dessen einzige Straße sich eine weite Strecke in Schlangenwindungen hinzog. Hinter den Häusern dehnten sich wogende Getreidefelder, denen auf der einen Seite ein mächtiger Hochwald Halt gebot, während sie auf der andern, soweit das Auge reichte, wie flüssiges Gold schimmerten. Eines der Häuser, obwohl ebenso bescheiden, wie seine Nachbarn, stach doch aus seiner Umgebung hervor; die Fenster, hinter denen sich reicher Blumenschmuck freundlich bemerkbar machte, waren größer, die Thür mit Glasscheiben versehen. Auf einer schmalen Terrasse, zu der eine kleine Treppe führte, stand eine Laube, die sogar auf eine gewisse Zierlichkeit Anspruch erheben konnte. In dem Gärtchen war ein junges Mädchen beschäftigt, Wäsche über die Sträuche zu breiten.

Als Etienne sie erblickte, färbte sich sein Gesicht plötzlich purpurn.

»So früh schon auf dem Platz, Fräulein Renée!« begrüßte er sie und hielt sein Pferd an.

Sie wandte sich um und trat an die niedere Mauer, die den Garten gegen die Landstraße abschloß.

»Guten Morgen!« antwortete sie mit einer klaren, auffallend melodischen Stimme, deren Silberklang dem Ohre wie Musik schmeichelte. »Darf man fragen, wohin Sie zu so früher Stunde unterwegs sind?«

»Nach dem Schloß von Souvray. Die Herrschaften, von denen neulich die Rede war, haben sich, wie Sie wissen, in Abwesenheit des Schloßherrn an meinen Vater gewandt, und ich bringe ihnen ein paar Schlüssel.«

Dabei schüttelte der junge Mann ein Bund stark verrosteter, eiserner Schlüssel in der erhobenen Rechten.

»O, also ist das Schloß nach so langen Jahren endlich vermietet! Das freut mich, da gibt es neue Gesichter. Endlich einmal eine Abwechslung.«

»Man merkt, wie sehr Sie sich hier langweilen,« meinte Etienne mit einem mißglückten Versuch zu lächeln. »Ich denke darüber ganz anders. Unbekannte, vielleicht Aufdringliche als Nachbarn zu haben – eine schöne Bescherung!« Und nachdem er von dem unruhig werdenden Pferde gestiegen war, fuhr er, den Zügel um den Arm geschlungen, fort:

»Übrigens sagt mein Vater, der die Damen gesehen hat, sie seien ganz liebenswürdig.«

»Damen sind es, die Souvray gemietet haben?« fragte Renée, auf der Mauer Platz nehmend.

»Eine Amerikanerin mit zwei Töchtern ...«

»Also Ausländer ... originelle, vielleicht etwas excentrische Menschen? Die Poesie, die über dem verlassenen Parke liegt, wird sie gefesselt haben. Welches Glück, wenn man seine Phantasien so befriedigen kann!«

»Sie sagen das, als ob viele Ihrer Wünsche unerfüllt blieben,« bemerkte Etienne und warf einen forschenden Blick in das junge Sphinxgesicht, dessen Profil sich über ihm ein wenig scharf gegen den blauen Himmel abhob. »Gibt es wirklich etwas, nach dessen Besitz Sie Verlangen tragen?« fügte er lebhaft und in einem Tone hinzu, als hatte er fortfahren mögen: »Es gibt ja nichts auf der Welt, das für Sie zu vollbringen ich nicht bereit wäre.«

Aber sie schien die Betonung, die diesen an sich belanglosen Worten eine ganz bestimmte Deutung verlieh, nicht zu bemerken und antwortete, die Hände über die Brust gefaltet, mit einem halb melancholischen Lächeln: »Können Sie noch so fragen? Ich wünsche mir so viel, so unendlich viel. Alles wünsche ich mir, da ich doch nichts mein nenne.«

»Und rechnen Sie für nichts....« begann Etienne.

»O, ich weiß, was Sie sagen wollen. Gewiß, ich habe gute Freunde und vor allem meine Mutter. Ohne sie...«

Ein beredtes Zurückwerfen des Hauptes ließ Renées Gedanken ahnen.

»Ohne sie wären Sie weit von hier. Und weshalb?«

»Sie können mich nicht verstehen. Sie, ein Mann, der aus freien Stücken an seinem Herde sitzen bleibt, und dessen Gedanken nicht über die Furche hinausschweifen, die die Pflugschar vor seinen Füßen aufwirft. Setzen Sie mich an Ihre Stelle...«

»Was würden Sie Besseres beginnen?«

»Ich möchte alles sehen, alles verstehen; ich möchte nicht unthätig zusehen, und falls Gott mir wirklich ungewöhnliche Gaben verliehen hätte, möchte ich sie ausbilden und verwerten.«

»Es ist wahr, daß ich ungewöhnliche Fähigkeiten nicht besitze,« sagte Etienne traurig. »Aber ich glaube nicht, daß das alltägliche Leben, das Sie zu mißachten scheinen, den Aufschwung der Seele hemmen, daß es dem Manne, der sich daran genügen läßt, an seinem Glücke oder seiner Unabhängigkeit Eintrag thun könnte.«

»O, ich weiß, Sie sind sehr gut, sehr gescheit, sehr glücklich und machen sich sehr nützlich. Ich weiß es recht gut. Niemand könnte Sie anders wünschen, als Sie sind. Indessen jedermann begreift das Leben auf seine Weise.«

»Könnten Sie mich höher achten, wenn ich dem Rate meiner Mutter gefolgt wäre?« fragte Etienne, der, trotzdem es ihn heimlich quälte, ihren innersten Gedanken auf den Grund zu kommen wünschte.

»Dem Rate Ihrer Mutter gefolgt, um in einer Kanzlei über vergilbtem Papier zu vermodern? Mein Gott, nein! Da ist es mir noch lieber, wenn man sein Leben mit Pflanzen, Säen, Vermessen verbringt, wenn man auf den ersten Blick die Schwere eines Kalbes, die Eigenschaften eines Pferdes zu erkennen... und in seinen Mußestunden Virgil zu lesen versteht. Sie haben uns neulich erzählt, daß der Ackerbau von allen Völkern der Welt göttlichem Ursprung zugeschrieben wird, daß die alten Römer, um nur von ihnen zu sprechen, ihm zu Ehren Feste feierten,« fügte Renée im Tone freundschaftlicher Neckerei hinzu. »Sie haben sich Plinius und Cato zum Vorbild genommen – schön! Ich glaube aber einen andern Beruf in mir zu fühlen, den Beruf des Künstlers, das unwiderstehliche Bedürfnis, sich auszugeben, das, was mit erstickendem Drang in mir aufquillt und mir den Mut, mit allen Hindernissen aufzuräumen, geben könnte, in irgend einer Weise zum Ausdruck zu bringen.«

In steigender Erregung hatte sie die über der Brust gekreuzten Arme erhoben, als wenn sie eine Kette sprengen wollte.

»Aber,« schloß sie, »auf den heimatlichen Kirchturm verzichten, einzig und allein, um mich in einem Bureau zu vergraben...«

»An meinem Kirchturm hänge ich so sehr nicht,« unterbrach sie Etienne, der sich von dem leichten Spott, den er ihren Worten unterlegte, getroffen fühlte. »Aber außerhalb meines Waldes komme ich mir wie ein Verbannter vor; nie habe ich ihn ohne Bedauern hinter mir gelassen. Alles, was das Leben lebenswert macht, birgt sich unter seinem lauschigen Dunkel – es handelt sich nur darum, daß wir es aufzufinden verstehen, Renée.«

Sie schüttelte abwehrend das Haupt.

»Ist es meine Schuld, daß in meinem Innern etwas schlummert, was die Flügel regen und sich aufschwingen möchte?« gab sie zur Antwort. »Sehen Sie, was ich in der vergangenen Nacht gelesen habe« – sie brachte aus der Tasche ihres kattunenen Morgenkleides ein kleines Bändchen zum Vorschein – »diesen englischen Roman, der von einem armen Mädchen erzählt, das, um den Unterhalt seiner Familie zu verdienen, sein Vaterland verläßt, an das Ende der Welt, nach Australien, geht, dort eine Stellung als Lehrerin annimmt, und dessen Energie und Ausdauer schließlich von Erfolg gekrönt werden. Deshalb lese ich englische Romane so leidenschaftlich gern, weil ihre Heldinnen oft im Kampf mit widrigen Verhältnissen stehen und entschlossen sind, jedes Hindernis, das sich ihrer Zukunft in den Weg stellt, zu besiegen – wie Cabri auf der Jagd eine Hecke nimmt.« Dabei legte sie ihre Hand über die Mauer hinweg schmeichelnd auf die schnaufenden Nüstern von Etiennes Pferd. »Übrigens fängt der arme Cabri an, ungeduldig zu werden!«

Renée hatte sich erhoben, um den jungen Mann zu verabschieden, während sie dieser in wortloser Ungeduld betrachtete – wie ein Knabe dem Schmetterling nachsieht, den er so gern einfangen möchte, und der ihm doch fortwährend entschlüpft und sich außer dem Bereich seines Verfolgers in die Luft schwingt. Ein sehr glänzender Schmetterling war sie gerade nicht, die braune Renée in ihrem bescheidenen Morgenröckchen, ohne einen andern Schmuck als ihr in einem Knoten aufgestecktes, schwarzes Haar, das über der Stirne wie ein Diadem schwarzer Diamanten lag. Zart gebaut und schlank bis zur Magerkeit, erschien sie nur groß, dank einem prächtig aufgesetzten, biegsamen Halse; auch ihre Gesichtsfarbe war nicht von hervorstechender Schönheit und um den ernsten, beinahe strengen Ausdruck ihrer Züge zu mildern, bedurfte es der fast kindlichen Frische ihres Lachens oder eines flammenden Blickes aus ihrem Auge. Dieses Lachen ließ sich aber selten hören, und die tiefblauen Augen schleuderten ihre Blitze nur, wenn Begeisterung oder Unwille aus ihnen sprach; gewöhnlich war ihr Ausdruck ruhig, forschend und voll furchtloser Freimütigkeit. Etienne hätte Jahre seines Lebens dafür gegeben, daß diese Augen sich vor den seinigen senkten oder Unruhe verrieten; ihr unzerstörbarer Gleichmut brachte ihn außer sich. Was suchten diese durchdringenden, undurchdringlichen Augen gerade jetzt, fern von ihm, am Horizont? Die Welt, die weite Welt ohne Zweifel, deren Gefahren eine lebhafte Einbildungskraft so zu locken pflegen.

»Sind Ihre Gedanken noch immer bei jener Engländerin?« fragte er nach sekundenlangem Schweigen. »Erzählen Sie mir doch weiter, was bei uns Unerreichbares sie in Australien entdeckt hat. Alle Verwicklungen in Romanen lösen sich schließlich nach derselben Schablone, mit der Eroberung des jungen Mannes, des Gatten.«

»Des Gatten,« wiederholte Renée ungeduldig. »Als wenn einem Mädchen kein andres Ziel, als Ehe und Haushalt gesteckt sein könnte.«

Inzwischen hatte sie ihre Beschäftigung, die Wäsche zum Trocknen auszubreiten, wieder aufgenommen, was Etienne benützte, um zu erwidern:

»Und doch sind Sie eine gute Haushälterin, wenn Sie es auch nicht wahr haben wollen. Ihre Beschäftigung heute, am frühen Morgen, beweist das. Ich werde es denen, die behaupten ...«

»Daß mir all dergleichen ein Greuel ist? Meiner Treu, Sie haben nur zu recht! Wenn ich mir nicht wieder und immer wieder sagte: Du mußt! ...«

»Würden Sie lieber nach Australien auswandern?«

»Meine Heldin hatte keine Mutter mehr,« sagte Renée ernst; »meine Mutter entschädigt mich für alles. Aber Sie verschweigen mir, was für böse Zungen diese entsetzliche Anklage, die mich um meinen guten Ruf bringen kann, die Anklage, daß ich mir aus häuslichen Sorgen nichts mache, gegen mich erhoben haben,« fügte sie leise lachend hinzu, um die Worte herzlicher Anerkennung, die auf Etiennes Lippen lagen, abzuschneiden. »Wetten wir, daß sie aus Ihrem Hause stammt?«

»Bei mir zu Hause schätzt und bewundert Sie jedermann,« gab Etienne ausweichend zur Antwort. »Und Cäcilie, das wissen Sie, vergöttert Sie geradezu.«

Er sagte es mit solcher Wärme, als wenn seine eigenen Gefühle und nicht die seiner Schwester in Frage gestanden hätten.

»Die gute Cäcilie,« flüsterte das junge Mädchen.

Sie breitete das letzte Stück Wäsche über den Rasen und pflückte einige Rosen zu einem Bouquet.

»Hier, Etienne, bringen Sie ihr das von mir. Und da haben auch Sie eine Rose zum Dank für Ihre Bemühung,« fuhr sie fort und beugte sich zu ihm hinüber, um sie in sein Knopfloch zu stecken. »Nun sagen Sie nicht, daß ich heute morgen nicht gut gewesen sei.«

Er hätte gern geantwortet: du quälst und demütigst mich oft genug, ohne es zu wollen. Was soll ich beginnen, um deiner wert zu werden? Ich liebe meinen heimatlichen Boden, von dem du dich wegsehnst, doch nur deshalb so innig, weil er auch dich trägt! Aber er wagte es nicht, er hatte noch nie gewagt, ihr zu sagen, daß sie es war, nach der sich sein Herz sehnte.

»Renée!« ließ sich eine Stimme von der Thürschwelle hören.

»Ich komme schon, Mama!« antwortete das junge Mädchen.

Und auf und davon war sie ohne Abschiedsgruß, während Etienne sein Pferd bestieg und in noch tieferes Brüten versunken seinen Weg nach dem Schlosse Souvray fortsetzte.

Dort fand er alles in Aufregung. Die neuen Bewohner, die man erst Ende der Woche erwartet hatte, waren unangemeldet am Abend vorher eingetroffen.

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