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Die Heilung durch den Geist

Stefan Zweig: Die Heilung durch den Geist - Kapitel 3
Quellenangabe
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typeessay
authorStefan Zweig
titleDie Heilung durch den Geist
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorKnut Beck
year1983
isbn3596223008
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121111
projectidb161d8d9
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Franz Anton Mesmer

Franz Anton Mesmer

 

Ihr sollt wissen, daß die Wirkung des Willens ein großer Punkt ist in der Arznei.

Paracelsus

 

Der Vorausgänger und seine Zeit

 

Über nichts wird flüchtiger geurteilt als über den Charakter des Menschen, und doch sollte man in nichts behutsamer sein. Bei keiner Sache wartet man weniger das Ganze ab, das doch eigentlich den Charakter ausmacht, als hier. Ich habe immer gefunden, die sogenannten schlechten Leute gewinnen, und die guten verlieren.

Lichtenberg

 

Ein Jahrhundert lang hat Franz Anton Mesmer, dieser Winkelried der modernen Seelenheilkunde, auf der Schandbank der Schwindler und Scharlatane gesessen neben Cagliostro, dem Grafen Saint-Germain, John Law und anderen Abenteurern jener Zeit. Vergebens protestiert schon der strenge Einsam unter den deutschen Denkern gegen dieses entehrende Verdikt der Universitäten, vergebens rühmt Schopenhauer den Mesmerismus als »die vom philosophischen Standpunkt aus inhaltsschwerste aller gemachten Entdeckungen, auch wenn sie einstweilen mehr Rätsel aufgibt, als sie löst«. Aber welches Urteil wäre schwerer umzustoßen als ein Vorurteil? Üble Rede spricht sich unbedenklich nach, und so gilt noch immer einer der redlichsten Forscher unter den Deutschen, gilt ein kühner Alleingänger, der, von Licht und Irrlicht geheimnisvoll geführt, einer neuen Wissenschaft die Spur gewiesen hat, als zweideutiger Phantast, als unlauterer Schwärmer, und all dies, ohne daß man sich rechte Mühe genommen, zu überprüfen, wie viele wichtige und weltverändernde Anregungen uns aus seinen Irrtümern und längst überwundenen Anfangsübertreiblichkeiten erwachsen sind.

Mesmers Tragik: er kam zu früh und kam zu spät. Die Epoche, in die er eintritt, ist eben, weil sie sich auf ihre Vernunft so hahnenstolz viel zugute tut, eine der Intuition völlig abholde, jene (abermals nach Schopenhauers Wort) »superkluge« Epoche der Aufklärung. Auf den Dunkelsinn des Mittelalters, den ehrfürchtig und verworren ahnenden, war gerade der Flachsinn der Enzyklopädisten gefolgt, der Alleswisser, wie man dies Wort wohl am sinnfälligsten übersetzt, jene grobmaterialistische Diktatur der Holbach, La Mettrie, Condillac, der das Weltall als interessanter, aber noch verbesserungsfähiger Mechanismus und der Mensch bloß als kurioser Denkautomat galt. Mächtig aufgeplustert, weil sie keine Hexen mehr verbrannten, die gute alte Bibel als einfältiges Kindermärchen dargetan und dem lieben Gott mit der Franklinschen Leitung den Blitz aus der Hand genommen hatten, erklärten diese Aufklärer (und ihre schwachbeinigen deutschen Nachtänzer) alles für absurden Wahn, was man nicht mit der Pinzette packen, nach der Regeldetri beweisen konnte, derart mit dem Aberglauben auch jedes Samenkorn Mystik aus ihrem glashellen, glasklaren (und ebenso zerbrechlichen) Weltall des Dictionnaire philosophique hinausfegend. Was nicht als Funktion mathematisch nachweisbar war, dekretierte ihr flinker Hochmut als Phantom, was man mit den Sinnen nicht fassen konnte, nicht etwa bloß als unfaßbar, sondern glattweg für nicht vorhanden.

In eine so unbescheidene, unfromme, einzig ihre eigene selbstgefällige Ratio vergötternde Zeit tritt nun unversehens ein Mann mit der Behauptung, unser Weltall sei keineswegs ein leerer, unbeseelter Raum, ein totes, teilnahmsloses Nichts ringsumher um den Menschen, sondern ständig durchdrungen von unsichtbaren, unfaßbaren und nur innerlich fühlbaren Wellen, von geheimnisvollen Störungen und Spannungen, die in dauernder Überleitung einander berührten und belebten, Seele zu Seele, Sinn zu Sinn. Unfaßbar und vorläufig unbenannt, vielleicht dieselbe Kraft, die von Stern zu Stern strahle und im Mondlicht Schlafsüchtige lenke, könne dies unbekannte Fluid, dieser Weltstoff, von Mensch zu Mensch weitergegeben, Wandlung bei seelischen und körperlichen Krankheiten bringen und derart jene höchste Harmonie wiederherstellen, die wir Gesundheit nennen. Wo der Sitz dieser Urkraft sei, wie ihr wahrer Name, ihr wirkliches Wesen, dies freilich vermöge er, Franz Anton Mesmer, nicht endgültig zu sagen; vorläufig nenne er diesen wirkenden Stoff ex analogia Magnetismus. Aber man prüfe doch selbst, bittet er die Akademieen, drängt er die Professoren, welchen erstaunlichen Effekt diese Behandlung durch bloßes Bestreichen mit den Fingerspitzen hervorbrächte; man untersuche doch endlich einmal mit unvoreingenommenem Blick alle die krankhaften Krisen, die rätselhaften Zustände, die geradezu zauberhaften Heilungen, die er bei Nervenverstörungen einzig durch magnetische (wir sagen heute: suggestive) Einwirkung erzeuge. Jedoch die professorale Aufgeklärtheit der Akademieen weigert sich hartnäckig, auf all diese von Mesmer vorgezeigten und hundertfach bezeugten Phänomene auch nur einen einzigen unbefangenen Blick zu tun. Jenes Fluid, jene sympathetische Übertragungskraft, deren Wesen man nicht deutlich erklären kann (schon verdächtig dies!), steht nicht im Kompendium aller Orakel, im Dictionnaire philosophique, folglich darf nichts Derartiges vorhanden sein. Die Phänomene, die Mesmer vorweist, erscheinen mit nackter Vernunft nicht erklärbar. Folglich existieren sie nicht.

Er kommt um ein Jahrhundert zu früh, Franz Anton Mesmer, und er kommt um ein paar Jahrhunderte zu spät. Die Frühzeit der Medizin hätte seine abseitigen Versuche mit aufmerksamem Anteil begleitet, denn die weite Seele des Mittelalters hatte Raum für alles Unbegreifliche. Sie vermochte noch kindhaft rein zu staunen und der eigenen inneren Erschütterung mehr zu glauben als dem blanken Augenschein. Leichtgläubig, war diese Zeit doch zutiefst glaubenswillig, und nicht absurd wäre darum ihren Denkern, weder den frommtheologischen noch den profanen, Mesmers Dogma erschienen, daß zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos, zwischen Weltseele und Einzelseele, zwischen Stern und Menschheit stofflich verwandte, transzendente Beziehung walte, ja ganz selbstverständlich sogar seine Anschauung, daß ein Mensch auf den andern zauberkräftig einwirken könne durch die Magie seines Willens und wissende Prozedur. Ohne Mißtrauen also, mit neugierig aufgetanem Herzen hätte jene faustisch universale Weltkunde Mesmers Versuchen zugeblickt, und ebenso beurteilt wieder die neuzeitliche Wissenschaft die meisten der psychotechnischen Wirkungen dieses ersten Magnetiseurs weder als Gaukeleien noch als wunderhaft. Gerade weil wir Tag für Tag, ja fast Stunde für Stunde überrascht werden von neuen Unglaublichkeiten und Wundern innerhalb der Physik und Biologie, zaudern wir sehr lange und gewissenhaft, ehe wir heute ein gestern noch Unwahrscheinliches unwahr nennen, und tatsächlich ordnen sich viele von Mesmers Erfindungen und Erfahrungen unserm jetzigen Weltbild ohne Schwierigkeit ein. Daß unsere Nerven, unsere Sinne geheimnisvollen Gebundenheiten unterliegen, daß wir »ein Spiel sind von jedem Druck der Luft«, suggestiv beeinflußbar von unzähligen äußeren und inneren Impulsen, wer denkt dies heute noch zu bestreiten? Lehrt uns, denen ein gesprochenes Wort noch in ebenderselben Sekunde über Ozeane herüberschwingt, nicht jeder neue Tag wieder neu, daß unser Äther beseelt ist von unfaßbaren Vibrationen und Lebenswellen? Nein, wir erschrecken durchaus nicht mehr vor Mesmers bestrittenstem Gedanken, daß unserem individuellen Sein eine ganz einmalige und bestimmte Eigenkraft entströme, die weit über das Ende des Nervs hinaus in beinahe magischer Weise bestimmend auf fremden Willen und fremdes Wesen einwirken könne. Aber Verhängnis – Mesmer ist zu früh gekommen oder zu spät: gerade jenes Zeitalter, in das er das Unglück hat hineingeboren zu werden, besitzt für dunkel ehrfurchtsvolles Ahnen kein Organ. Nur kein Clair-obscur in seelischen Dingen: Ordnung vor allem und schattenloses Licht! Gerade dort also, wo das geheimnisvolle Zwielicht von Bewußt und Unbewußt sein schöpferisches Übergangsspiel beginnt, erweist sich das kalte Tagauge dieser Vernunftwissenschaft völlig blind. Und da sie die Seele nicht als gestaltende und individuelle Macht anerkennt, so kennt auch ihre Medizin in dem Uhrwerk Homo sapiens einzig Schädigungen der Organe, einen kranken Leib, niemals aber eine Erschütterung der Seele. Kein Wunder, daß sie darum für ihre Verstörungen nichts anderes weiß als die barbarische Baderweisheit: Purgieren, Aderlassen und kaltes Wasser. Geistesgestörte schnallt man auf das Drehrad, kurbelt sie so lange um, bis ihnen der Schaum vom Mund läuft oder prügelt sie bis zur Erschöpfung. Epileptikern pumpt man den Magen mit Quacksalbereien voll, alle nervösen Affekte erklärt man als einfach nicht existent, weil man ihnen nicht beizukommen weiß. Und als jetzt dieser unbequeme Außenseiter Mesmer durch seine magnetische und deshalb magisch erscheinende Einflußnahme solche Erkrankungen erstmalig lindert, da dreht die entrüstete Fakultät die Augen weg und behauptet, nichts gesehen zu haben als Gaukelei und Betrug.

In diesem verzweifelten Vorpostengefecht um eine neue Psychotherapie steht Mesmer vollkommen allein. Seine Schüler, seine Helfer sind noch um ein halbes, ein ganzes Jahrhundert zurück. Und tragische Erschwerung dieses Alleinseins – nicht einmal ein vollgewichtiges Selbstvertrauen panzert diesem einsamen Kämpfer den Rücken. Denn nur die Richtung ahnt Mesmer, er weiß noch nicht den Weg. Er fühlt sich auf der rechten Spur, fühlt sich durch Zufall einem Geheimnis, einem großen und fruchtbaren Geheimnis brennend nah und weiß doch, er kann es nicht allein lösen und völlig entschleiern. Erschütternd darum, wie dieser Mann, den leichtfertige Nachrednerei ein Jahrhundert lang als Scharlatan verrufen, gerade bei den Ärzten, seinen Kameraden, um Beistand und Hilfe bittet; nicht anders als Kolumbus vor seiner Ausfahrt mit seinem Plan des Seeweges nach Indien von Hof zu Hof irrt, so wendet sich Mesmer von einer Akademie an die andere und bittet um Interesse und Mithilfe für seine Idee. Auch bei ihm wie bei seinem großen Entdeckerbruder steht ein Irrtum am Anfang seiner Bahn, denn noch ganz eingesponnen in den mittelalterlichen Wahn des Arkanums, meint Mesmer mit seiner magnetischen Theorie das Allheilmittel, das ewige Indien der alten Arzneikunde, gefunden zu haben. In Wahrheit hat er längst, sich selber unbewußt, unendlich mehr entdeckt als einen neuen Weg – er hat wie Kolumbus einen neuen Kontinent der Wissenschaft gefunden mit ungezählten Archipelen und noch lange nicht durchforschten Geländen: die Psychotherapie. Denn alle die heute erst aufgeschlossenen Domänen der neuen Seelenkunde, Hypnose und Suggestion, Christian Science und Psychoanalyse, sogar Spiritismus und Telepathie liegen in jenem Neuland, das dieser tragisch Einsame entdeckte, ohne selbst zu erkennen, daß er einen anderen Erdteil der Wissenschaft betreten hat als jenen der Medizin. Andere haben seine Reiche gepflügt und Saat gewonnen, wo er den Samen in die Brache gestreut, andere den Ruhm geerntet, indes sein Name von der Wissenschaft verächtlich auf dem Schindanger der Ketzer und Schwätzer verscharrt ward. Seine Mitwelt hat ihm den Prozeß gemacht und ihn verurteilt. Nun reift die Zeit, mit seinen Richtern zur rechten.

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