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Die Heilung durch den Geist

Stefan Zweig: Die Heilung durch den Geist - Kapitel 16
Quellenangabe
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typeessay
authorStefan Zweig
titleDie Heilung durch den Geist
publisherFischer Taschenbuch Verlag
editorKnut Beck
year1983
isbn3596223008
firstpub1931
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121111
projectidb161d8d9
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Mary Baker-Eddy

Mary Baker-Eddy

 

Oh the marvel of my life! What would be thought of it, if it was known in a millionth of its detail? But this cannot be now. It will take centuries for this.

Mary Baker-Eddy
in einem Brief an Mrs. Stetson. 1893

 

Das Leben und die Lehre

Der geheimnisvollste Augenblick eines Menschen ist die Bewußtwerdung seines Persönlichkeitsgedankens, der geheimnisvollste im Raume der Menschheit die Geburt ihrer Religionen. Wie eine einzige Idee, ausgehend von einem einzelnen, rauschhaft überströmt in Hunderte, Tausende und Hunderttausende, wie ein solcher zufälliger Funke gleich einem Steppenbrand plötzlich die Erde in den Himmel lodern läßt, derlei Momente offenbaren sich immer als die wahrhaft mystischen, die herrlichsten der Geistesgeschichte. Aber meist ist der Quellpunkt solcher religiöser Strömungen späterhin nicht mehr aufzugraben. Vergessen hat ihn verschüttet, und so wie der einzelne Mensch späterhin selten mehr die Sekunde seiner innersten Entscheidungen, so weiß die Menschheit selten den Ausgangsaugenblick ihrer Glaubensleidenschaften.

Glücksfall darum für all jene, die Psychologie der Massen und des Individuums lieben, daß wir endlich einmal aus nächster Nähe Entstehung, Wachstum und Ausbreitung einer mächtigen Glaubensbewegung Zug um Zug beobachten können. Denn die Christian Science entstand erst knapp am Rande unseres Jahrhunderts, in der Sphäre elektrischen Lichts und asphaltierter Straßen, innerhalb einer taghellen Epoche, die kein Privatleben und kein Geheimnis mehr duldet, die unbarmherzig genau mit ihrem journalistischen Meldeapparat die geringste Bewegung verzeichnet. Bei dieser religiösen Heilmethode können wir zum erstenmal die Wachstumskurve an der Hand von Verträgen, Prozessen, Scheckbüchern, Bankkonten, Hypotheken und Photographieen von Tag zu Tag verfolgen, zum erstenmal das Wunder oder Wunderbare einer seelischen Massensuggestion ins psychologische Laboratorium nehmen. Und daß im Falle der Mary Baker-Eddy ungeheuerste Weitwirkung, ja Weltwirkung von einer philosophisch kindlichen und erschreckend einfachen Idee ausgeht, daß hier wirklich ein Sandkorn Intellekt eine Lawine ins Rollen bringt, gerade dies Mißverhältnis macht das Wunder ihrer Weltverbreitung nur noch wunderbarer. Wenn andere große Glaubensbewegungen in unseren Tagen, wenn Tolstois urchristlicher Anarchismus, wenn Gandhis Nonresistance auf Millionen von Menschen bindend und steigernd gewirkt haben, so können wir dies Überströmen in abertausend Seelen immerhin verstehen, und was mit hellem Sinn verständlich ist, wirkt doch im letzten Sinn niemals wunderbar. Bei diesen großen Geistesmenschen kam Kraft aus Kraft, aus starkem Antrieb starke Wirkung. Tolstoi, dieses herrliche Gehirn, dieses bildnerische Genie gab eigentlich nur sein lebendiges Wort, seine Gestaltungskraft an die formlos im russischen Volke umschweifende Idee der Auflehnung gegen die Staatsautorität, Gandhi formulierte im letzten nichts anderes als die uralte Passivität seiner Rasse und ihrer Religion in eine neue Aktivität um; beide bauten sie auf Grund uralter Überzeugungen, beide trug die Strömung der Zeit. Von beiden könnte man sagen, nicht sie drückten einen Gedanken aus, sondern der Gedanke, das blutgeborne Genie ihrer Nation sich in ihnen, und so bedeutet es kein Wunder, vielmehr das absolute Gegenteil von Wunder, das ist: streng logische und gesetzmäßige Wirkung, daß ihre Lehre, einmal ausgesprochen, Millionen ergriff. Mary Baker-Eddy aber, wer ist sie? Irgendeine Frau, irgendeine, weder schön noch hinreißend, nicht ganz wahr, nicht ganz klug, dabei nur halb- oder viertelgebildet, ein isoliertes anonymes Individuum ohne jede ererbte Stellung, ohne Geld, ohne Freunde, ohne Beziehungen. Sie stützt sich auf keine Gruppe, auf keine Sekte, sie hat nichts in der Hand als eine Feder und nichts in ihrem höchst mittelmäßigen Gehirn als einen Gedanken, einen einzigen Gedanken. Alles ist vom ersten Augenblick an gegen sie: die Wissenschaft, die Religion, die Schulen, die Universitäten und mehr noch, die natürliche Vernunft, der »common sense«, und kein Land erscheint zunächst für eine derart abstrakte Lehre ungünstigere Siedlungsfläche als ihre Heimat, als Amerika, die sachlichste, nervenkälteste und unmystischeste aller Nationen. All diesen Widerständen hat sie nichts entgegenzusetzen als ihren zähen, hartnäckigen, beinahe stupid hartnäckigen Glauben an eben diesen Glauben, und einzig mit ihrer monomanischen Besessenheit macht sie das Unwahrscheinliche wahr. Ihr Erfolg ist absolut antilogisch. Aber gerade Widersinn gegen die Wirklichkeit ist ja immer das sichtlichste Symptom des Wunderbaren.

Sie hat nichts als einen einzigen und noch dazu sehr fragwürdigen Gedanken, diese eisenstirnige Amerikanerin, aber sie denkt nichts als diesen einen Gedanken, sie hat keinen anderen als diesen einen Standpunkt. Aber auf ihm beharrt sie, die Beine fest gegen die Erde gestemmt, unbeweglich, unerschütterlich, gegen jeden Einspruch taub, und hebt mit ihrem winzigen Hebel eine Welt aus den Angeln. In zwanzig Jahren schafft sie aus einem metaphysischen Wirrwarr eine neue Heilkunde, eine von Millionen Anhängern geglaubte und ausgeübte Wissenschaft mit Universitäten, Zeitungen, Lehrern und Lehrbüchern, schafft sie Kirchen mit marmornem Riesendom, einem Synedrion von Predigern und Priestern, und sich selbst ein Privatvermögen von drei Millionen Dollar. Aber darüber hinaus gibt sie noch der ganzen zeitgenössischen Psychologie gerade durch ihre Übertreibungen einen Ruck nach vorwärts und sichert sich ein gesondertes Blatt in der Geschichte der Seelenkunde. An Wucht der Wirkung, an Schnelligkeit des Erfolges, an Zahl ihrer Anhänger hat diese eine, halbgebildete, halbgeistige, nur halbgesunde und auch charaktermäßig zweideutige alte Frau alle Führer und Forscher unserer Zeit übertroffen: niemals ist in unserer Lebensnähe von einem einzelnen Menschen mittleren Ranges so viel geistige und religiöse Unruhe ausgegangen wie von der erstaunlichen Existenz dieser amerikanischen Farmerstochter, »the most daring and masculine and masterful woman, that has appeared on earth in centuries«, wie sie im Zorne ihr Landsmann Mark Twain nennt.

Dieses phantastische Leben Mary Baker-Eddys ist zweimal dargestellt worden, in beiden Fällen vollkommen gegensätzlich. Es gibt eine offizielle Biographie, eine kirchlich approbierte, von der geistlichen Leitung der Christian Science kanonisierte; mit einem eigenhändigen Handschreiben hat der »pastor emeritus«, hat also sie selbst, Mary Baker-Eddy, dies ihr eigenes Lebensbildnis der gläubigen, der allzu gläubigen Gemeinde empfohlen; so müßte, meinte man, diese Biographie der Miß Sibyl Wilbur, eine durchaus redliche sein; in Wirklichkeit ist sie der Erztypus einer byzantinischen Schönfärberei. In dieser Biographie, die zur Erbauung und Bestärkung der bereits Überzeugten von Sibyl Wilbur »in der Art des Markus-Evangeliums« – ich zitiere wörtlich – geschrieben ist, erscheint die Entdeckerin der Christian Science mit einem Heiligenschein und in rosenrotem Licht (darum führe ich sie im Laufe dieser Studie immer nur kurz als die rosenrote Biographie an). Erfüllt von göttlicher Gnade, mit überirdischer Weisheit begabt, Sendbote des Himmels auf Erden, Ausbund der Vollendung, tritt Mary Baker-Eddy makellos unserem unwürdigen Blick entgegen. Alles, was sie tut, ist wohlgetan, alle Tugenden des Gebetbuchs werden auf sie gehäuft, ihr Charakter erglänzt in den sieben Regenbogenfarben gütig, fraulich, christlich, mütterlich, menschenfreundlich, bescheiden und milde; alle ihre Widersacher dagegen offenbaren sich als stumpfe, niedrige, neidische, lästerliche, verblendete Menschen. Kurzum, kein Engel ist so rein. Tränenfeucht das gerührte Auge, blickt die fromme Schülerin zu dem durchaus auf heilig frisierten Bildnis auf, dem jeder irdische (und darum charakteristische) Zug auf das sorgfältigste wegretuschiert ist. In diesen güldenen Spiegel haut nun die andere Biographin, Miß Milmine, resolut mit dem dürren Knotenstock der Dokumente hinein, sie arbeitet ebenso konsequent in Schwarz wie jene in Rosa. Bei ihr enthüllt sich die große Entdeckerin als gemeine Plagiatorin, die ihre ganze Theorie einem ahnungslosen Vorgänger aus dem Schreibpult gestohlen, als pathologische Lügnerin, bösartige Hysterikerin, berechnende Geschäftsmacherin, als eine abgefeimte Megäre. Mit bewundernswertem Reporterfleiß ist alles an Zeugnissen herangeschleppt, was das Heuchlerische, Verlogene, Durchtriebene und grob Geschäftsmäßige ihrer Person, was das Sinnlose und Lächerliche ihrer Lehre derb unterstreicht. Selbstverständlich wird diese Biographie von der Gemeinde der Christian Science ebenso grimmig verfolgt wie die rosenrote leidenschaftlich angepriesen. Und durch eine merkwürdige geheime Transaktion sind fast sämtliche Exemplare aus dem Handel verschwunden (und auch eine soeben erschienene dritte Biographie, die Frank A. Dakins, wurde sofort bei den meisten Buchhändlern aus den Schaufenstern geholt).

So stehen sich Evangelium und Pamphlet, also rosenrot und pechschwarz, entschlossen gegenüber. Aber sonderbar: für den unparteiischen Beobachter dieses psychologischen Falles vertauschen die beiden Bücher merkwürdig ihre Wirkung. Gerade die Biographie der Miß Milmine, die um jeden Preis Mary Baker-Eddy lächerlich erscheinen lassen will, macht sie psychologisch interessant; und gerade die rosenrote Biographie mit ihrer platten, maßlosen Vergötterung macht diese durchaus interessante Frau unheilbar lächerlich. Denn der Reiz ihrer komplizierten Seele liegt eben und einzig in dem Gemengtsein dieser gegensätzlichen Veranlagung, in der unnachahmlichen Verstricktheit von geistiger Naivität mit praktischem Geldblick, in der einmaligen Paarung von Hysterie und Berechnung. So wie Kohle und Salpeter, durchaus ungleichartige Elemente, wenn in richtigem Verhältnis gemengt, Pulver ergeben und eine ungeheure Explosivkraft entwickeln, so entsteht hier durch diese einmalige Mischung mystischer und kommerzieller, hysterischer und psychologischer Begabung eine ungeheure Geballtheit, und vielleicht hat trotz Ford und Lincoln, trotz Washington und Edison Amerika keinen geistigen Typus hervorgebracht, der die Doppelgeleisigkeit des amerikanischen Idealismus und der amerikanischen Welttüchtigkeit so sinnfällig zum Ausdruck bringt wie Mary Baker-Eddy. Freilich, ich gebe es zu, in einer karikaturistischen Verzerrung, in einer geistigen Donquichotterie. Aber so wie Don Quichotte in seiner traumhaften Überspanntheit, in seiner narrenhaften Unbelehrtheit trotz allem und allem den spanischen Hidalgo-Idealismus plastischer der Welt versinnlicht hat als alle ernstgemeinten Ritterromane seiner Zeit, so lehrt uns diese gleichfalls für das Absurde heldenhaft-närrisch kämpfende Frau besser die amerikanische Romantik verstehen als aller offizieller Katheder-Idealismus eines William James. Jeder Don Quichotte des Absoluten, das wissen wir längst, hat einen Narren, einen Sparren im Leibe, und immer trottet hinterher auf seinem braven Esel der ewige Sancho Pansa, die banale Vernünftigkeit. Aber wie jener de la Mancha im sonnverbrannten kastilischen Land den Zauberhelm Mambrin und die Insel Barataria, so entdeckt diese hartknochige, diese unbelehrbare Frau aus Massachusetts zwischen Wolkenkratzern und Fabriken, mitten in der harten Zahlenwelt der Börsenkurse, Banken, Truste und Kalkulationen wieder einmal das Königreich Utopia. Und wer immer die Welt einen neuen Wahn lehrt, der hat die Menschheit bereichert.

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