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Die heiligen Reiher

Hilda Bergmann: Die heiligen Reiher - Kapitel 65
Quellenangabe
authorHilda Bergmann
titleDie heiligen Reiher
publisherKrystall-Verlag
printrunZweite Auflage
year1933
correctorreuters@abc.de
senderAdolf Weishäupl
created20180525
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Des Michelangelo Gespräche mit Gott

I

Quell unendlicher Verschwendung,
Sturmwind, der den Raum durchfegt
und die Bilder der Vollendung
im gebauschten Mantel trägt,
Herr der drängenden Gewalten,
Meister über jene Kraft,
welche lebende Gestalten
aus dem Ungeformten schafft:

Der dem Chaos zu gebieten
mit gefurchter Stirne sinnt,
dem die Sterne nur die Blüten
unfassbarer Träume sind,
der in rasender Bewegung
Welten aneinanderreiht,
Lenker einer jeden Regung,
Herrscher über Raum und Zeit;

Du, dem fernste Möglichkeiten
leuchtend vor den Augen stehn,
du, in dem die Seligkeiten
jedes Schaffens untergehn,
du, um den unzähl'ge Sonnen
glühn wie ew'ger Heil'genschein:
Unermessne Schöpferwonnen,
Allgewaltiger, sind dein.

*

II

Deine wechselnden Gestalten
kann mein sterblich Aug' nicht fassen.
Deine ewigen Gewalten
muss ich schweigend wirken lassen.
Doch ich führe deine Waffen:
Ein Gesetz bestimmt uns beiden,
dass wir leben, um zu schaffen.
Und ich schaffe, um zu leiden.

Kleinster Tropfen deines Geistes,
eingeengt von Körperwänden,
kämpfen kann ich nur, – du weißt es, –
ringen, aber nie vollenden.
Greife ich in wildem Drängen
nach der Schönheit reinen Zügen,
mag ich auch die Form zersprengen,
niemals kann ich mir genügen.

Auf und ab lässt du mich schwingen
zwischen Raserei und Hoffen.
Will mein Schöpfungstraum gelingen,
stehn mir deine Himmel offen.
Aber dann die Flammenzeichen
der Verzweiflung ohne Ende,
denn ein Stückwerk sondergleichen
bleibt die Arbeit meiner Hände.

Da verfluch' ich meine Stärke,
wünsch' ich, nie gelebt zu haben,
lechze ich, dass meine Werke
niederstürzend mich begraben …
Zeuge deiner Schöpfergluten,
Opfer meiner Endlichkeiten,
im Vergehen, im Verbluten
helf' ich doch, dein Werk bereiten.

*

III

Gezeichnet ist, wer deinen Hauch umfing …
Auf seiner Stirne glüht ein düstres Mal;
er findet sich zu stets erneuter Qual
geschmiedet in des Schicksals Eisenring.
Sein Dämon führt ihn rastlos rings im Kreise
auf unbekannten, ungewollten Bahnen.
Kein Weg, kein Ziel; nur manchmal dämmert leise
Erkenntnis auf aus ungewissem Ahnen.

Zum Gleichnis wird ihm Leben, Schaffen, Stein,
er selbst zum Werkzeug höherer Gewalten.
Ein Stift in fremder Hand, gräbt er sich ein,
erstaunend ob der eigenen Gestalten.
An dumpfen Schmerzen rankt er sich empor,
von innrer Not empfängt er seine Weihen
und nichts kann ihn vom Erdendruck befreien,
wenn nicht der Flug zu deiner Schönheit Tor.

Ein Fremdling, wandert er durch diese Welt,
nur an die Stimmen seiner Brust verloren,
als würde einmal hier das Licht geboren,
in dem sein eigner Sinn sich ihm erhellt.
Sein wildes Sehnen hämmert er in Stein,
aus seinen Zweifeln türmt er seine Werke
und seine Kunst blüht nicht aus Lust und Stärke
zu dir empor … Sie wächst aus tiefer Pein.

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