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Die heiligen Reiher

Hilda Bergmann: Die heiligen Reiher - Kapitel 35
Quellenangabe
authorHilda Bergmann
titleDie heiligen Reiher
publisherKrystall-Verlag
printrunZweite Auflage
year1933
correctorreuters@abc.de
senderAdolf Weishäupl
created20180525
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Der alte Bildschnitzer an seinen Freund

Flucht, teurer Freund, ist alles Lebens Sinn …
Nicht jene letzte, nicht der Sprung ins Nichts
das Flüchten in die Wüsteneinsamkeit
und in die Dämmerung der Klostermauern.
Doch jeder, der einmal an Wände stieß,
taubstumme Wände, erzbeschlagne Pforten,
und den's im Finstern schaudert, der entflieht.

Denn ist nicht jedes Schaffen eine Flucht
aus eines Menschen eingebornen Grenzen,
aus einer Seele enggezognen Schranken
und aus dem kerkerengen Bann des Ich?
Der eine baut sich einen Dom von Tönen,
darin er Welt und Menschentum vergisst,
ein andrer leiht den Flügel sich des Falters
und taumelt auf ins Blau der Phantasie,
der zieht die Ruder ein und lässt sich treiben
auf breiten Strömen der Vergangenheit
und jener lässt sich vom Lavendelduft,
vom Atem alter Zeit die Stirne fächeln.
Und kniet der Gläubige vor dem Altare,
erforscht der Weise tiefer Rätsel Sinn,
trinkt je ein Mensch den Becher der Betäubung
und sucht den Rausch, in welcher Form es sei, –
Flucht ist ihr aller Tun, ihr Los, ihr Ziel …

Auch ich, – wenn die Gedanken bitter werden,
dann flücht' ich mich in meine Werkstatt hin.
Dort such' ich unter weißen Ahornblöcken
den festesten und schönsten für ein Bild
und meißle Sehnsucht, Klage, stumme Reue
mit schweren Schlägen in das harte Holz,
bis endlich sich ein Götterantlitz rundet
und lächelnd mir in meine Tage scheint.
Und was ich forme, willst du wissen, Freund?
Das ist verschieden, so wie Tag und Stunde,
die es geboren haben, wechselnd sind:
Da eine Blüte von dem Baum des Lebens
mit dem Jungmädchenlächeln der verträumten,
erwartungsvollen frühen Jugendzeit,
dort Totenmasken der Erinnerung,
aufwachend aus dem Dunkel des Vergessens;
Bildnisse manchmal, die wie Memnonssäulen
beim ersten Sonnenblick des Morgens tönen
und alle Lieder wiederklingen lassen,
die ich in meinem langen Leben sang.

Und sieh': Dann weiß ich nichts mehr von da draußen,
vom Schrei des Tags, vom Tropfenfall der Zeit.
Den Stein des Daseins hab' ich fortgeschoben
und atme frei in einer leichtern Luft.
Unwirklich wird die Gegenwart … Es strahlt
wie Sonne durch die Wolken der Erscheinung,
die farbenbunt an mir vorüberziehn.
Dann geh' ich langsam durch den stillen Garten,
darinnen Bildnisse wie Blumen stehn,
und jedes trägt die Züge meines Herzens
und jedes ist der Balsam einer Wunde
und jedes ist Erlöser einer Stunde
und jedes lächelt mich verstehend an …

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