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Die heiligen drei Könige

Joseph von Lauff: Die heiligen drei Könige - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorJoseph von Lauff
titleDie heiligen drei Könige
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
year1925
firstpub
illustratorJoseph von Lauff
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100817
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status1
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1

Die heiligen drei Könige mit ihrem Stern... Nein, die meine ich nicht. Es sind andere gewesen, ganz andere, einfache, schlichte, wenn auch großzügige Menschen, die in Wetter und Not standen und nicht müde wurden, auf eine große und stille Liebe zu hoffen. Sie opferten nicht Weihrauch und Myrrhen, weder Kleinodien noch seltene Dinge und zogen nicht aus, das Kind zu suchen, das geboren wurde aus Maria, der Jungfrau. Auch hießen sie nicht Kasper, Melcher und Balzer, sondern ganz anders, und wo sie erschienen, da spielte Phöns met de Fleut auf, streckten sich ihnen die Hände entgegen, lächelte Jüllecke Nakatenus ihr subtilstes Lächeln und klingelte inbrünstiglich mit ihren rotgoldenen Ohrgehängen, als wenn sie sagen wollte: »Freut euch, ihr Menschen, denn so was ist nicht alle Tage zu sehen. Sie tragen nicht Zepter und Kronen, aber Könige sind sie, Könige der Gesinnung nach und vom lautersten Wasser. Musik!« und dann stimmte Phöns met de Fleut an: »Sind wir nicht zur Herrlichkeit geboren«... um mittendrin allmählich in einen getragenen Walzer oder eine flotte Polka Mazurka überzugehen. Von diesen drei Königen will ich erzählen, sachlich und ohne Nebengedanken, nur von dem Wunsche beseelt, Großes und Liebes aus dem Land meiner Jugend an die Herzen stiller und versonnener Menschen zu legen.

So hört denn.

Anno Domini ... Nein, mag das Jahr unterbleiben. Es ist nicht wohlgetan, ein solches zu nennen. Es möchten sich Finger erheben, und ein heimliches Kichern könnte die Stunde entweihen. Das will ich nicht; denn steht nicht geschrieben: Du sollst nicht wider deinen Nächsten die Finger erheben, noch über ihn kichern, denn es ist ein Greuel vor dem Herrn? Auch will ich die betreffenden Namen nicht angeben. Warum auch? Es würde die Sache nicht fördern, ja möglicherweise zu Unzuträglichkeiten führen. Drum sage ich schlicht und einfach: Das, was ich zu erzählen habe, datiert geraume Zeit zurück, ist längst geschehen, wenn auch die Stätten, auf denen sich die Geschehnisse abspielten, noch heutigentages mit Händen zu greifen sind, in der Oster-, Schwaters- und Schleuferskat die heiligen drei Könige hausten und auf dem benachbarten Knollenkamp eine stolze und hohe Frau ihre Tage verbrachte, eine stolze und hohe Frau, die ihresgleichen nicht hatte.

Die Geschichte aber und wie sie mir wurde, das hatte ich einem laulichen Juniabend zu verdanken; denn an diesem Juniabend, der lind und weich war wie das sanfte Schaukeln von Schmetterlingsflügeln, kamen mir Gesichte und Eingebungen, die nicht zu den gewöhnlichen zählten.

Nach langen Jahren wieder in der engeren Heimat! Ein weiter Spaziergang führte mich über Dämme und Deiche in den weltabgekehrten Winkel hinein, dem die verschwiegenen Altwasser des Niederrheins, Volksgatt und Kalflach, eine eigentümliche Note verliehen. Alles wie früher! Die Wässerchen gluckerten wie ehedem durch die Niederung, die Erlentröddelchen wiegten sich im Sommerwind, und die Wiesen sahen aus, als wären aus rätselhafter Nacht unzählige Mirakel darüber gefallen, so reichlich und wundersam waren alle Fernen mit gelben, leuchtenden Blumen gesprenkelt. Weißröckige Mühlen, schwarze Barette auf ihren ehrwürdigen Häuptern, standen tief in der Ebene, drehten ihre langen Arme und schlappten behaglich mit ihren Segeltüchern. Über den Weihern und Woijen, die bereits ihren vollen Schilfkranz angelegt hatten, war ein Singen und Rufen. »Kärre-kärre-kiek!« Die Rohrdrossel schlug. Der Ruf drang weit in die Gegend und weckte die Teichrosen ins Leben, die schon begannen, ihre grünen Hüllen zu brechen. Geflüster und verträumtes Säuseln in den verschlafenen Pappeln! Weit zur Linken winkte die Basilika von Wissel herüber ... und als ich so versonnen meines Weges schlenderte ... auf der Krone des Binnendeiches kam eine hohe Gestalt gewandelt: ein Mann in schwarzer Soutane ... vornübergebeugt ... barhaupt ... mit Schnallenschuhen ... langstrümpfig und das Brevier in der Hand. Sein eisengraues strähniges Haar wehte in einer leichten Sommerbrise.

Kannten wir uns? Waren wir uns schon einmal begegnet im Leben?

Ich wußte es nicht, aber mir war so, als wenn etwas zu dämmern begönne, und als wir uns auf der breiten Deichkrone näherten, das schmale Gesicht des geistlichen Herrn deutlicher wurde, das schmale, längliche Gesicht, durch dessen Wangen man das Vaterunser hätte hindurch blasen können, blieben wir wie auf Verabredung stehen.

»Hochwürden ...!«

Unwillkürlich trat mir das Wort auf die Lippen.

Seine grauen Augen ruhten auf mir, zweifelnd, fragend, mit gütigem Lächeln.

»Hochwürden, Sie ...?!«

»Mein Gott, wo soll ich das hintun?«

Das Brevier hob und senkte sich wieder.

»Ich will deutlicher werden, Hochwürden. Erinnern Sie sich noch des Notars und Justizrates, der bis in die Mitte der siebziger Jahre hinein in dem benachbarten Kalkar amtierte?«

Seine Blicke weiteten sich maßlos.

» Habemus Papam! Dann sind Sie ja« ...

»Just den Sie meinen, Herr Tiebus: der Sohn dieses Mannes, und wenn ich Ihnen ferner erzähle ... Alte Zeiten, alte Spiegelbilder! Gott, dieser Wandel! Als kleiner, naseweiser Bengel habe ich bei Ihnen in der Christenlehre gesessen, damals, vor Jahren, als Sie noch als blutjunger Kaplan uns den Katechismus dozierten und nach getaner Arbeit zu deklamieren anhuben: Gott grüß' Euch, Alter! – Schmeckt das Pfeifchen?«

»Weist her!« zitierte der joviale Herr weiter, »ein Blumentopf

Von rotem Ton mit goldnen Reifchen?
Was wollt Ihr für den Kopf?«

Eine welke, durchgeistigte Hand streckte sich aus.

»Nein, diese Freude! Kommen Sie mit mir. Dorthin!« und sein spanisches Rohr deutete auf die stattliche Basilika, die breit hingelagert zwischen saftigem Pappelgrün aus der Ebene aufragte. »Dorthin, mein Lieber! aber nicht der blutjunge Kaplan von früher, sondern der hochbetagte Pastor loci von Wissel gibt sich die Ehre, Sie über seine schlichte Schwelle zu geleiten, und die Dechanei wird sich freuen ... Doch zuvor eine Frage ...«

»Ich bitte, Hochwürden.«

»Hoffen Sie hier nicht nur ein Otium cum dignitate, sondern auch den Kuß der Musen zu finden?«

»Beides, Hochwürden.«

»Dann fußen Sie auf der richtigen Stelle. Beides ist reichlich vorhanden. Besonders das letztere. Hier ist seltsame Erde, wert und würdig, sie sprechen zu lassen. Wollen Sie hören?«

»Ich höre.«

»So mögen Sie wissen. Wo Sie hier stehen ... Sehen Sie drüben die einsamen Höfe? Sehr einsam und schlicht und bescheiden, kaum dazu angetan, sie mit dem Namen ›Hof‹ zu bezeichnen. Sie erinnern in ihrer Anspruchslosigkeit an die Wohnstätte des Zimmermannssohnes in Nazareth. Aber auch ihnen leuchtete das Licht, denn unter ihren Sparren hausten die drei, die wir hierzulande die heiligen drei Könige nennen.«

»Nicht möglich!«

»So ist es. Und drüben ... weiter zur Linken ... am Rheindamm bei den laubstillen Bäumen ... auf dem Knollenkamp ... da wohnte sie: eine Heilige und doch keine Heilige, aber eine schöne und eigenartige Frau, die Jahre hindurch die Wonnen der Liebe nicht kannte, aber gezwungen war, von ihnen zu träumen, eine Frau in trostloser Öde, an sich und der Zukunft verzweifelnd, rätselhaft in ihrem Tun und Lassen, verschlossen und weltabgekehrt, die Seele voll peinlicher Sorgfalt, allgütig, verzeihend, um letzten Endes durch eine Fülle des Lichtes zu schreiten und die Tage zu segnen. Von ihr und den drei Königen auf den verschwiegenen Höfen müssen Sie singen und sagen. Die Mühe verlohnt sich. Drum kommen Sie mit mir! De nihilo nihil. Aus nichts wird nichts. Aber das Wort ist lebendig. Zwischen meinen vier Pfählen schlagen preziöse Dinge die Augen auf, und diese Augen sehen in purpurblaue Tiefen. Introite, nam et hic dii sunt. Treten Sie ein, denn auch hier wohnen die Götter.«

Und siehe: keine halbe Stunde verging, da zweigten wir von der Deichkrone ab und zogen auf schmalen Wegen durch unabsehbare Tabakpflanzungen, dann an Obstreihen vorüber, durch einen wohlgepflegten Garten, in dessen Tiefe die Dechanei lag, weißgekalkt, mit rotem Ziegeldach, friedlich, vor Gott und den Menschen ein Wohlgefallen und mit dem Epheu des Behagens und des stillen Sinnierens umsponnen ... und als sie in Sicht kam, da legte der geistliche Herr die hohle Hand an den Mund und rief jovial über Stachelbeersträucher und Blumenrabatten: » Dominus vobiscum, Therese!« und, wie aus der Pistole geschossen, respondierte eine kräftige weibliche Stimme sakral aus dem offenen Küchenfenster heraus: » Et nunc et semper et in saecula saeculorum, Amen! Was soll es, Hochwürden?«

Pulvis et umbra sumus! und dennoch: »lieber Besuch, mein Hühnchen! Nicht lange gefackelt. 'ne Bouteille ›Schwart Water‹! Pfeifen und Tabak!«

»Varinas oder AB-Reuter, Hochwürden?«

»AB-Reuter zur Feier des Tages!« und nach kurzer Weile saßen wir uns in bequemen Korbsesseln dicht gegenüber, im Schirm und Schutz der von Joseph Keller gestochenen Disputa, leise umperlt von den Weisen eines Kanarienvogels, der nicht müde wurde, Kantilene an Kantilene zu reihen, silberfein und mit dem subtilen Klingeln von kristallenen Kelchen. O diese Weihe und Andacht, dieser Friede und dieses stille Genügen! Urväterhausrat und das sonnige Wohltun eines alten Besitzes! Überall grüßten schwarzgerahmte Stiche biblischen Inhalts von den Wänden herunter, erhoben sich hohe Bücherregale, angefüllt mit der Weisheit der Mystiker, der Kirchenväter und der neueren Eklektiker, unter anderen des Cäsarius von Heisterbach Homilien und den Dialogus miraculorum, Gefächer und Pulte, auf denen die Romantiker Platz gefunden hatten: Brentano, Achim von Arnim, Ludwig Tieck und der ritterliche de la Motte- Fouqué, ihm zur Seite Joseph Freiherr von Eichendorff, und mir war so, als würde irgendwo eine Laute geschlagen, als begönne irgendwo eine liebe Stimme zu singen: »Über'n Garten durch die Lüfte hört' ich Wandervögel ziehn« ... und alles war verwunschen um mich her wie in den heiligen Hallen eines von Seligen bewohnten Hauses.

Aber dieser Zauber währte nicht lange.

Eine laute, posaunenartige Stimme: »As 't üh belieft!« und würdig und gediegen, wie es sich für eine stattliche Jungfrau im kanonischen Alter geziemte, auf sanften Selfkantpantoffeln, eine Hornbrille auf der energischen Nase und mit blanken Augen war Therese ins Zimmer getreten, unbefangen, mit der Entschlossenheit einer richtiggehenden Standuhr, und während sie mich mit ihren grauen und sicheren Blicken studierte, dann auch begrüßte, stellte sie Tabakskasten, Pfeifen und Fidibusbecher zurecht, glättete das Tischtuch und entfernte sich wieder.

»'ne Perle von Frauenzimmer,« erklärte Hochwürden, »und wäre es dem Schöpfer in den Sinn gekommen, sie behost auf die Beine zu stellen, sie hätte Brigadier werden können oder Kommandeur eines Trainbataillons; auch das Amt eines Küsters hätte sie spielend versehen, denn Baßpartien liegen ihr bestens. Vor ihrem Mundwerk verstummen alle Zungen im Kirchspiel. Selbst die der Weiber. Aber ich bin zufrieden mit ihr, mehr als zufrieden, denn sie ist um meine Lebens- und Leibesbedürfnisse besorgt wie die geschäftige Martha im traulichen Häuschen von Bethanien, was nicht ausschließt, daß sie befähigt ist, auch die lernbegierige Maria zu verkörpern, die Liturgie und den Katechismus beherrscht und zu psalmodieren vermag wie eine tönende Orgel. Sie werden gleich sehen, denn jedes und alles an ihr ist eingestellt auf die Sitten und Gebräuche in einem Hause des Friedens und dem eines schlichten Seelenhirten.«

So erklärte der geistliche Herr, zündete Feuer, setzte selbst die Weichselrohrpfeifen in Brand und streckte die Beine.

Blaue Wölkchen stiegen zur Decke, feinmaschige Kringel und Krüsel, und während der AB-Reuter seine Wohlgerüche verschwenderisch austat, siehe: die Gepriesene erschien zum anderen zwischen Tür und Angel, stellte Wein und Gläser auf den Tisch, griff in die Tasche, brachte einen derben Korkenzieher zum Vorschein, klemmte die ›Gelblack‹ zwischen die Schenkel, um den Pfropfen mit einem fetten Schnalzer aus seiner engen Haft zu befördern.

»Profiziat! Das wäre geleistet, Hochwürden,« und Herr Severin Tiebus deutete schmunzelnd auf die Hingestellte, dann auf mich und dann auf sich selber und sagte: » Tres faciunt collegium, und nun, Therese, singen wir zum Willekumm den bekannten Introitus nach alter Sitte und nach alter Gewohnheit,« und mit einem launigen Kräuseln um die Mundecken begann er, den Wechselgesang in die Wege zu leiten. Mondflimmerig kam es ihm von den gütigen Lippen: » O lector lectorum, dic mihi: quid est unus

Feindrähtig zitterte es durch das wohlige Zimmer.

Da war die Stimme Theresens doch eine andere Nummer. Mehr ein Gerumpel. Es kam wie aus einer weitbauchigen Gießkanne, aus einer gigantischen Tritonsmuschel heraus, und mit dem Gehaben eines ausgetragenen Katechumenen gab sie die Antwort: » Unus est Oeconomus, qui regnat super ancillas in culina nostra.«

» O lector lectorum, dic mihi: quid sunt duae?«

» Duae sunt tabulae Mosis,« sang die kanonische Jungfrau, » unus es Oeconomus, qui regnat super ancillas in culina nostra.«

» O lector lectorum, dic mihi: quid sunt tres?«

Therese stemmte ihre Hände in die kräftigen Hüften, blitzte und wetterleuchtete durch ihre Brillengläser hindurch und knorzte volltönig den Abgesang herunter: » Tres sunt Patriarchae: Abraham, Isaak und der kleine Jakob, duae tabulae Mosis, unus est Oeconomus, qui regnat super ancillas in culina nostra.«

»Bravo! da haben wir's. Die drei Patriarchen Abraham, Isaak und der kleine Jakob sind nunmehr versammelt. Nichts fehlt mehr. Ich danke verbindlichst. Wir können beginnen,« und nachdem die imposante Küchengewaltige, Martha und Maria in einer Person, sich auf lautlosen Schuhen entfernt hatte und die Gläser eingeschenkt waren, als bereits eine stille und friedliche Abendsonne durch die weißen Mullgardinen blinzelte und alle Gegenstände mit ihren warmen Strahlen umglänzte, hub Herr Severin Tiebus an, die Geschichte von den heiligen drei Königen sacht und bedachtsam auseinanderzulegen, sacht und bedachtsam und mit dem Verständnis eines feinen Erzählers ... und durch seine Worte hindurch wähnte ich den klagenden Ruf einer Sterbeglocke zu hören, das flüchtige Rieseln des Schilfes an den Altwassern des Rheines, das Schlappen der Segel an den Windmühlenflügeln ... und dann wieder war es mir so, als begönnen irgendwo die Osterfeuer auf den Deichen zu flackern, große, leuchtende, heilige Feuer ... bei Grieth ... bei Emmerich und Huisberden und mehr dem Binnenland zu ... Feuer der Verheißung und einer seligen Andacht ... und ihr glorreiches Scheinen berührte die Sterne.

Minute reihte sich an Minute, Stunde an Stunde.

Fast alle Helle war von der Erde genommen. Das Land dunkelte ein. Die Bilder an den Wänden waren kaum noch zu sehen, so schummerig war es mittlerweile geworden, aber noch immer erzählte der geistliche Herr, mit dem Lächeln unter Tränen, sprachkundig wie Salomo, heiter wie das Klingeln von übermütigen Schellen ... und als dann die Lampe erschien und die dritte Bouteille immer weniger wurde, als die Stimme allmählich verzitterte und der würdige Herr die Hände faltete und nachdenklich in den zirpenden Docht schaute, da wußte ich alles. Nur eins nicht ... und als ich fragte: »Wie ist denn die ernste Geschichte in den Mund der Leute gekommen?« da hieß es: »Durch den Schäfer vom Knollenkamp. Auch das sollen Sie hören,« und Herr Tiebus erhob sich, trat an ein breitausgelegtes Repositorium, entnahm den Gefächern ein vergilbtes Manuskript und setzte sich wieder.

»Von meinem Amtsvorgänger, dem hochbetagten Dechanten Johannes van Holten,« sagte er tonlos, kniffte die Blätter auseinander, holte die Lampe näher heran und las mit weicher Betonung, aber mit Unterstreichung jedes einzelnen Wortes: »Ich, Johannes van Holten, amtierender Pfarrer von Wissel, Ehrendomherr zu Münster, habe dieses niedergelegt, aus lauterem Herzen heraus, um Jesu Christi willen und um der Wahrheit die Ehre zu geben, ohne Ansehen der Person, sonder Nebengedanken oder aus anderen Gründen, so wahr mir Gott helfe zu einem ewigen Leben und zur Anschauung meines Herrn und Erlösers. Amen. So hört denn! Es war in einer schwülen Johannisnacht. Die düsteren Bäume standen lautlos im Garten. Es war so still, daß ich vermeinte, das Rucksen in der alten Turmuhr zu hören. Der Abendstern zitterte noch über dem schwarzen Giebel der Nachbarscheune. Im übrigen hing das Himmelreich voll dunkler Flortücher. Der Tag selber war ohne jede Freude gewesen. Es mochte auf zehn gehen. Mein Geist war lebendig. Ich hatte mein Brevier gelesen und die Predigt für den Sonntag feinsäuberlich zergliedert und nicht ermangelt, den Stil zu läutern und ihm die erforderlichen Blüten und Perlen zu geben, als von jenseits des Rheines ein schweres Wetter heraufzog. Erst stand es wie angenagelt, rückte und regte sich nicht, um sich dann in Bewegung zu setzen und Sturmschritt über Land zu nehmen. Blanke Polensensen durchrissen das Himmelreich, und der Donner war so gewaltig und nachhaltig, daß von dem Rumpeln die Scheiben in ein gelindes Klirren gerieten. Jedes Zucken und Scheinen suchte ich durch das Zeichen des heiligen Kreuzes zu beschwichtigen.

Allein der Blitze waren zu viele. Meine Kraft reichte nicht aus; machtlos sah ich in das tobende Wetter. Dazu rauschte der Regen aus den geborstenen Wolken, als seien die Tage der Sintflut gekommen. Geraume Zeit hindurch währte das Posaunen und Orgeln. Meine Schaffnerin war nicht fähig, sich auf den Beinen zu halten. Ich mußte selber hingehen und neue Kerzen anzünden, um nicht im Dunkeln zu sitzen, um nicht von den scharfen Polensensen geblendet zu werden, als unvermittelt und zu wiederholten Malen angepocht wurde.

Auf mein ›Herein‹ tat sich langsam die Tür auf, und der Schäfer vom Knollenkamp war barhaupt ins Zimmer getreten.

Grundgütiger Himmel, wie sah dieser Mann aus!

Seine Augen flackerten, das durchnäßte strähnige Haar hing ihm wirr um die Schläfen, und kaum vermochte er das gebräuchliche ›Gelobt sei Jesus Christus‹ zu stammeln.

›In Ewigkeit, Amen,‹ gab ich zurück, ›aber um tausend Gotteswillen, was habt Ihr? Was führt Euch her?‹

Der Alte sah mich fassungslos an.

›Herr, daß ich's man sage,‹ meinte er schließlich, ›die Not, die pure Seelenbedrängnis.‹

›Strückerjans, habt Ihr zu beichten?‹

›Ja, Herr, ich habe zu beichten. Ich armer, sündiger Christ bekenne vor Gott und den Menschen und Ihnen, ehrwürdiger Vater ...‹

Seine aufgerissenen Blicke krochen am Boden, hoben sich auf, um wie haltlose Fünkchen die dunkeln Wände abzusuchen. Dazu schurfelte er die borkenrissigen Hände gegeneinander, daß die harten Fingergelenke wie trockene Hölzer zu knacken begannen.

›Herr, dieses Elend! Mein Verstand hat über'n Pferch fortgemacht, und meine Seele wandert durch Biesternis.‹

›So kommt und sagt, was Euch drückt. Exi immunde spiritus! Es ist besser so, denn alles Irdische ist eitel. Ihr werdet in mir schon einen milden Richter finden.‹

›Christus und kein seliges Ende, wie sollte ich können? Die Angst schreit aus mir. Ich bin durch Sünde gegangen. Hier diese Zunge – ich hätte sie ausreißen müssen. Hier diese Augen – ich hätte sie blind machen sollen, und hier diese Ohren ... Ich habe gesehen und doch nicht gesehen. Ich habe gehört und doch nicht gehört; denn alles, was ich hörte und sah, war Wüstenei und Tapsigkeit und das Sehen und Hören eines dämlichen Menschen. Herr, nicht aus Boshaftigkeit, aber der leibhaftige Satan ist mir aus dem Tornister gesprungen. Himmel verdammich! und hier dieses Maulwerk ... was es unter die Leute gebracht hat ... an den Leidensstationen ... am Kalvarienberg ... von wegen des Knollenkamps ... von wegen der Herrin ... das alles hat's aus dem Mistus und dem Spülwasser gelöffelt.‹

Mit einem dumpfen Laut brach er ab; nur noch ein betrübliches Stammeln: ›Elendigkeit, Hundsfötterei und kein seliges Ende!‹

Dann sah ich, wie er wankte, sich vortastete, um irgendeinen Halt zu gewinnen.

›Ich halt's nicht mehr aus!‹

Er lag auf den Knien und betete mit den Worten eines Verzweifelten: ›Herr, erbarme dich meiner, Christus, sei mit mir! Ihr himmlischen Heerscharen, schält mir die Zunge und das böse Wort aus dem Halse. Wer da falsch Zeugnis ablegt, soll verflucht sein in alle Ewigkeit, denn Christus regieret, und seine Hand ist wie eine zuckende Flamme. Herr, sei meiner armen Seele barmherzig!‹

Der ganze Mann war ein Häuflein tiefster Zerknirschung.

Ich trat näher und legte ihm die Hand auf die Schulter. Vieles ging mir durch den Sinn. Dunkle Gerüchte, die seit geraumer Zeit die Gegend unsicher machten und in die Häuser der Menschen hineinwisperten, fielen mir ein, und da sagte ich leise: ›Strückerjans, so habt Ihr Euch an Eurer Herrin versündigt?‹

›Versündigt, versündigt!‹

Wie harte Kiesel fielen ihm die Worte von den Lippen herunter. Er beugte sich tiefer. Seine Stirne berührte die Dielen.

›Und Eure Seele bereut?‹

›Herr, in Bußfertigkeit und ewiger Anbetung.‹

›So erhebt Euch und gehet getröstet nach Hause.‹

Der starkknochige Mann fuhr steil in die Höhe. Das Gesicht war wie das eines Sterbenden. Seine Augen leuchteten wie Mondsteine.

›Nur dann, wenn auch sie mir vergibt.‹

›Sie wird es.‹

Anderen Tages pilgerte ich in Gottes heiliger Morgenfrühe auf den Knollenkamp zu. Das weite Land lag wie ein Wunder um mich gebreitet. Von allen Gräsern tropfte der Tau, spiegelte sich die liebe Welt in den Farben des Regenbogens. In Andacht versunken, gedachte ich der asklepiadeischen Strophe, die da lautet:

›Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht
Auf die Fluren verstreut, schöner ein froh' Gesicht,
Das den großen Gedanken
Deiner Schöpfung noch einmal denkt‹,

und trat zuversichtlichen Herzens in den stattlichen Hof ein.

Unbefangen, wenn auch schmerzlichen Mundes, empfing mich die Gutsherrin. Unsere Unterredung währte nicht lange. Was sie mir sagte, war wie aus einem lauteren Brunnen genommen. Ein großes, schönes, wenn auch nicht einwandfreies Herz tat sich mir auf. In einer halben Stunde war alles erledigt. Sie hatte allen, die den Stein wider sie hoben, vergeben ... ›und wenn eine Schuld war,‹ fügte sie schmerzlich hinzu, ›so gehet hin und sagt es den Leuten und predigt es von der Kanzel herunter, denn jedes und alles will wieder erlebt sein, oder Gottes Wort ist erlogen.‹

So weit meine Mission.

Bewegten Herzens trat ich den Heimweg an, dachte nach über die seltsamen Fügungen und Geschicke der Menschen und sagte mir: ›Meistens wollen die Betörten nicht das hören, was die Verleumdung zerstört, sondern das, was sie befestigt,‹ hatte aber noch die gottwohlgefällige Freude, ein feiertägiges Leuchten über dem Gutshof zu sehen – den Stern der Verheißung.

Solches habe ich niedergeschrieben nach bestem Gewissen und Wissen. Daß es also geschehen ist, dessen ist der liebe Herr Jesus Christus mein Zeuge, der da regiert von Beginn der Tage an und regieren wird bis in allewige Zeiten.«

Herr Severin Tiebus legte die einzelnen Blätter zusammen.

Wir hatten uns nichts mehr zu sagen.

Es war mittlerweile spät unter dem Monde geworden.

Die Nacht hellte sich auf. Die Finsternis zerteilte sich. Ich war wissend geworden.

Noch einmal erhob sich die Stimme des geistlichen Herrn: » O lector lectorum, dic mihi: quid sunt quatuor?« und prompt tönte die sonore Antwort der Küchengewaltigen herüber: » Quatuor Evangelistae, tres sunt Patriarchae: Abraham, Isaak und der kleine Jakob, duae tabulae Mosis, unus est Oeconomus, qui regnat super ancillas in culina nostra.«

Therese brachte die vierte Bouteille, den Evangelisten.

Nach einer kleinen Stunde trennten wir uns.

Ich schritt über taghelle Wiesen, unter dem feinen Geschwirr der Grillen und dem leisen Geraschel des Nachtgeflügels, der benachbarten Stadt zu.

Bald darauf machte ich mich daran, die eigenartigen Dinge und Geschehnisse niederzulegen.

Seht ihr, wie die Osterfeuer von den Deichen herunter leuchten?! und sie leuchten bei Emmerich ... auf der Höhe von Huisberden ... und mehr dem Binnenland zu. Und hört ihr, wie die Sterbeglocke von Grieth über die weite Niederung jammert?! und dann eine Stimme: » Oremus!«

Ja, lasset uns beten!

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