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Jakob Julius David: Die Hanna - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorJakob Julius David
titleDie Hanna
publisherAufbau-Verlag
addressBerlin und Weimar
printrun1. Auflage
editorPeter Goldammer
year1984
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectidac675c67
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Růžena Čapek

Der Prozeß ist annoch beim Kreisgericht Ungarisch-Hradisch anhängig.

Wie die Geschworenen, für die zum Teil selbst der Aufenthalt in dem kleinen mährischen Städtchen schon eine Zerstreuung wie mannigfache Aufregung bedeutet, darüber urteilen werden, läßt sich durchaus nicht vorhersagen. Unter allen Umständen: der Anwalt freut sich der großen Aufgabe, die seiner harren wird, und macht gar kein Hehl daraus.

Der Fall aber, der ein junges und tapferes Weib unter einer schweren Schuld des Gattenmordes auf die Anklagebank geführt hat, ist vielleicht merkwürdig genug, um so erzählt zu werden, wie er im Heimatsdorfe der Růžena Čapek umläuft. Hätten wir französische Geschworene, so müßte man sich über ihr Schicksal keinerlei Gedanken machen. Denn ihr eigenes Gewissen hat die Růžena durchaus nicht zu fürchten. Was sie getan hat, kann davor bestehen und war höchst notwendig, nicht nur entschuldbar nach ihren Begriffen.

 

In der Heimat der Růžena gab es natürlich keinen andern Gesprächsstoff.

Jeder wollte dies Ende ihrer Ehe vorausgewußt haben und fühlte sich also als Weiser und Kündiger der Zukunft.

Zeugen wurden einvernommen und berichteten daheim gewichtig, wie sie ausgesagt und sich vor den Herren vom hohen Gericht benommen hätten.

Jede Einzelheit der letzten Jahre wurde so entrollt und durchgesprochen. Denn das Dorf hat ein erstaunliches Gedächtnis für alles, was einen daraus angeht oder betroffen hat.

Nur diejenige, die am meisten gewußt hätte, die Tereza, die Schwester der Angeklagten, hielt sich ganz still für sich und weinte sich für sich aus. Übrigens lag ja nunmehr auch die volle Sorge für das große Anwesen und den Bruder allein auf ihr. Keine Kleinigkeit, wenn man noch selber so sehr jung ist und bis vor kurzem geneigt gewesen war, sich als Kind zu betrachten und hätscheln zu lassen.

Übrigens war die Růžena Čapek immer ein eigenes Mädel gewesen. Ganz für sich und gar nicht wie die anderen.

Nämlich, sie hatten ihr, doch beide Eltern hintereinander begraben. Sie waren an der Cholera gestorben, da die Älteste eben erst zu ihren Jahren und zu ihrem Verstand gekommen war.

Den Bruder, der den Hof hätte übernehmen sollen, den hatte man in einem Raufhandel zu einem elenden und gottesarmen Krüppel gestochen. Füttern und anziehen mußte man ihn wie ein kleines Kind, er konnte nur stammeln und deuten, was er wolle, und ganz so, mit einem grenzenlosen Mitleiden, hatte ihn die Růžena gern und sorgte dafür, daß es ihm an nichts fehle und er seinen Platz in der Sonne habe, die ihm wohltat. Sie litt nicht, daß man ihn bemitleide. Innerlich, meinte, sie, sei er immer noch klüger als die meisten. Er sehe und begreife alles gar wohl. Nur herzeigen könne er es nicht mehr, der Arme, seit damals, wo so viele wie die wilden Tiere über den einen herfielen und ihn so mörderisch mit Schlägen und Messern behandelten. Der Schrecken saß in ihm und lähmte. Ja freilich – es gibt kein böseres Volk als die Welschen, die Taljani Italiani (ital.): Italiener., die dazumal im Dorf gearbeitet. Wich diese Angst einmal, so wurde er zwar leider Gottes gewiß nicht mehr heil, aber sonst ganz, wie er gewesen war.

Von ihren Verwandten mochte sie durchaus nichts wissen. Nämlich: das waren lauter Bettelleut und hatten nichts im Kopf, nur wie man die Růžena scheren und um das Ihrige prellen könnte. So ein Waisengut, das ist wie Heu in einer Raufe. Jedes Roß, das vorübergeht, möchte sich sein Maulvoll davon abrupfen. Es gibt gar viele, die es nicht anders ansehen, als war es herrenlos und jeder könne danach greifen, bis man ihm eben nachdrücklich und so auf die langen Finger klopft, daß er es merkt; und wie man das so macht, daß es weh tut, dies hatte die Růžena bald heraus. Das kommt mit der Übung, und hernach hat man's nur so im Griff.

Man hatte ihr natürlich von Gerichts wegen einen Vormund bestellt. Das ist nun einmal so bei uns – und sei ein Weib noch so tüchtig, es muß jemand zu seiner Aufsicht eingesetzt sein. Ein weitläufiger Vetter war es, ein recht dürftiger Hund, der die Růžena gerne geheiratet hätte, weil er ein angejahrter Witwer war. Sie ließ sich anglotzen, soviel er nur mochte; das schadet weder, noch beißt es einem was ab; ließ ihn von der Heiligkeit des Ehestandes reden, soviel ihm gesund war. Dareinreden in ihre Wirtschaft ließ sie sich kein Wort, und nur manchmal, wenn er es ihr gar zu dumm und gar zu lästig trieb, warf sie ihm einen fetten Bissen hin. Danach schnappte er so heftig, Saß er sein Maul zu nichts anderem gebrauchen konnte.

Und so hauste die Růžena Čapek auf ihrem Hof mit ihrer Schwester Tereza und mit dem armen Krüppel, den nie und nimmer zu verlassen sie sich geschworen hatte. Zu sorgen und zu betreuen hatte sie genug, und mehr erwartete und verlangte sie nicht einmal vom Leben. Denn sie war früh ernst gewesen und ward es nur immer mehr. Man hatte nie von einer Liebschaft auch nur gemunkelt bei ihr.

Sie war nicht im mindesten hübsch. Sie sah nämlich viel schwächer aus, als sie sich hernach bei der Arbeit erwies. Ihr schlug kein Essen an. Etwas bläßlich war sie immer, und sie färbte sich nicht besser, auch wenn sie sich noch so sehr anstrengte. Auch der Mund war schmal wie ein Strich und nur ganz wenig rot, die Nase länglich geraten und etwas spitz, das Haar und die Augen aber waren schwarz. Sie lachte fast niemals, und man hörte nie ein lautes Wort von ihr; sie hatte einen traurigen und nachdenklichen Blick und war eigentlich am hübschesten, wenn sie neben dem kranken Vilém saß in einer Pause, die sie sich selten genug gönnte, und sie streichelte ihm seine sehr magere Hand und erzählte ihm mancherlei, das er mit einem immer gleichen stumpfen Kopfnicken vernahm. Verstand er's? Sie hätt ein Jurament darauf abgelegt. Und wenn schon nicht? Der behielt alles bei sich und verriet kein Sterbenswörtchen.

Denn sie haßte den Klatsch, der im Dorfe so heimisch ist, aus den tiefsten Gefühlen ihrer Natur heraus. Und sie traute niemandem. Gegen wen sie sich stellten, der hatte bei der Růžena schon darum etwas für sich. Und deshalb hielt sie sich so, daß keinerlei Gerede ihr zu nahe konnte, und verkehrte mit keinem, für so hochmütig man sie auch beschrie. Etwas mußten sie ja jedem anheften. Da war dieses immer noch das Beste.

An die Ehe dachte sie nicht. Denn sie fühlte sich ganz wohl und geborgen, wo sie war. Sie hatte keine Liebe zu Kindern und keinen Sinn für Zerstreuung. Ihre Unabhängigkeit, die sie schwer genug behauptet hatte, die wollte sie nicht mehr preisgeben. Es war ihr widrig, sich jemanden neben ihr zu denken, dem sie Rechenschaft über jeden ihrer Schritte, wohl gar von ihren Gedanken schulde, der sich Rechte über ihre Handlungen und ihre Person anmaße, die sie aus freien Stücken niemandem zugestanden hätte.

So kamen die Freier und gingen. Die Nachbarinnen, die vordem der Vermittlung so beflissen waren, ließen in ihrem Eifer nach. Welche Bekanntschaft man ihr nahelegte, es war mit der Růžena nichts zu beginnen. Sie beharrte: die Tereza, käme sie zu ihren Jahren, sollte heiraten. Die werde hübsch und dumm und unselbständig genug. Sie aber wolle mit dem Vilém und sonst allein bleiben.

 

Es war zu Beginn des Novembers gewesen.

Die Sonne schien hell. Sie überglitzerte und taute das dünne, klirrende Eis, das der vorzeitige Allerheiligenfrost über Nacht auf Tümpeln und Lachen gebildet hatte.

Vor dem Flecken erhob sich ein Hügel, ansehnlich genug für dieses flache Land. Er soll dem Volksglauben nach die Marke der Züge des wilden Zizka bedeuten. Bis hierher trug er die Glut des Scheiterhaufens von Konstanz, ehe er sich wandte, um zu sterben. Und darum heißt die Höhe bis diesen Tag »Kehr um, Zizka!«

Der Bursche, der einen Tag nach Allerseelen da oben stand, erwog gleichfalls, ob Umkehr nicht vielleicht das Vernünftigste wäre.

Die Bäume waren entlaubt, und so stellte sich mehr als sonst vom Dorfe dar. Man sah das weiße Schloß, den Kirchturm und jenes Gebüsch, das den Lauf der March umsäumt und andeutet. Der Strom selber schmiegte sich zu innig in den winterlich braunen, reichen Talgrund, ging auch zu seicht, als daß man sein Blinken hätte gewahren können.

Der Wanderer sah aus, stark und häßlich wie ein Gnom. Viel zu kurz geraten für die Breite seiner Schultern. Ein mächtiger Schädel, mit dem man Mauern einrennen konnte, Augen trüb und verquollen wie die eines Trinkers, der gern in die Nacht schwärmt, ohne Brauen und fast ohne Wimpern, so daß ihr Blick etwas Unverschämtes und Aufreizendes hatte; keine Spur von Bart im Gesicht. So stierte er, die Hand vor der sehr niedrigen Stirne, nach der Ortschaft und war ungewiß.

Eigentlich hatte er da nichts zu suchen. Er war so viele Jahre fort gewesen, erst bei den Kaiserlichen, wo er nicht gutgetan hatte und den besten Teil seiner Dienstzeit ewiger Raufereien halber im Arrest verbrachte, dann auf Wanderschaft, halt nach dem Stückerl Brot, und so niemand hatte ihn da unten vermißt, daß er selber nicht wußte, was ihn eigentlich herzog, wo er nichts verloren oder zu finden wußte. Vielleicht, weil er da doch daheim war?

Wär es noch Sommer gewesen! Da mußte man sich nicht um Obdach und Nahrung ängstigen. Man konnte in den Auen nächtigen, machte sich sein Feuer aus grünem Holz, damit einen die Gelsen Mücken. nicht bei lebendigem Leib auffressen, und was man an Futter braucht, das gab der Fluß, oder man legte Fallen. Darauf verstand sich der Wojtĕch Hermann wie keiner, und kochen könnt er – der vom Grafen hatt immer noch was von ihm lernen können, trotz weißer Schürze und weißer Kappe, mit denen er sich so patzig machte.

Jetzt aber, im Winter! Wahrhaftig, er hätte meinen müssen, der Teufel selber habe ihn hergeritten. Da gab es wohl nichts anderes wie arbeiten. Entweder in der Zuckerfabrik, bei den Kesseln, wo man vor der Hitze närrisch wurde, oder im Holzschlagen, wo man vor der Kälte wieder nicht zu sich kommen konnte. Und die Herrschaft weiß sehr gut, wer sich ihr jetzt verdingt, der muß nehmen, was er kriegt, und sie nützt das, und sie zahlt einen Lohn, daß man sich vor sich selber schämen muß, man rührt dafür nur eine Hand.

Aber wo war es denn jetzt besser? In der Stadt, wo man warten mußte, ob nicht vielleicht doch Schnee fiel? Die einzige Arbeit stockte, die ihm sonst behagte: die am Bau. Da mußte sich niemand mehr anstrengen, als ihm just paßte und zuträglich war, und man konnte immer seinen Spaß mit den Helferinnen treiben. Und das hatte der Wojtĕch gern, sehr gern.

Er zündete sich einen Nasenwärmer an. Ganz trübselig rauchte er vor sich hin. Ja, das war doch ein richtiges Hundeleben, das er von Kind auf geführt!

Er mußte wiederum lachen, wenn er sich die Segenssprüche beschwor, mit denen man ihn zum Abschied begabt. Nur, daß sie ihm nicht bis zur Dorfgrenze das Geleite gaben, der Gewißheit halber, daß sie seiner ledig würden. Ordentlich glücklich waren sie doch gewesen, ihn vom Halse zu bekommen. Das Gesindel!

Er blickte aufwärts. Der Himmel hatte sich grau umzogen, und ein springender Wind frischte auf. Ja, und nun schneite er ihnen mit dem ersten Schnee wieder in das öde Nest. Und dies war das Bestimmende für ihn und seine Rückkehr: sie würden sich mit dem wiedergewonnenen Mitbürger ganz über die Maßen freuen. Also: hinein denn ins Dorf!

Er nahm sein Bündelchen hoch. An den Stock, den er sich, derb und dornig, von einer Hecke geschnitten, band er sein blaues Taschentuch und ließ es gleich einer wehenden und siegreichen Fahne flattern. Zerlöchert genug war es dafür. Und breitbeinig und ganz entschlossen, ein Bursche, der sich vor nichts fürchtet und dem Tod seinen Nasenstüber geben möchte, stapfte er durch die ersten, fallenden Flocken in seine Heimat.

Es war im Talgrund wärmer als auf der Höhe. Er fühlte es, und das tat ihm wohl. Aus allen Schornsteinen stieg ein feiner Rauch und weckte Gedanken an allerhand gute und nahrhafte Dinge, die nun zu Mittag gekocht würden. Wojtĕch Hermann trat in ein Wirtshaus und ließ sich ein Stück Brot und ein tüchtiges Glas Schnaps geben, damit er sich nicht den Magen erkälte. Die Stube war so hübsch geheizt. Er wärmte sich am Ofen, überzählte seine Barschaft, seufzte und duselte. Denn wie Hunde und Katzen, so könnt er einschlafen, wann es ihm gefiel.

 

Es war ihm eigentlich keinen Augenblick bang um sich und seine Zukunft. Wer sich von Kindesbeinen allein durchbeißen muß, der gewinnt einen gewissen Fatalismus. Er rechnete damit, daß ihm manchmal eine Nuß unterkommen wird, so hart, daß man meint, der Schädel krache einem.

Muß sie aber geknackt sein, so wird ein starkes Gebiß auch damit fertig. Es ist nur bitter, wenn der Kern hernach so ist, daß man spuckt und nochmals das ganze Gesicht verzerrt. Auch das ist nicht immer zu vermeiden.

Er war, gelinde gesagt – auf dem Dorf drückt man sich deutlicher aus –, ein Waisenkind gewesen. So sehr sogar, daß man nichts von seinem Vater wußte, während die Mutter an seiner Geburt verstorben war. Mit dem lieben Vieh und wie dasselbe hatte man ihn aufwachsen lassen.

Wem er gerade zur ungelegenen Zeit – und willkommen war er niemals und niemandem! – vor den Füßen herumkrabbelte, der stieß nach ihm, ganz gleich, wohin er traf. So hielt's seine Pflegerin, so blieb's in der Sitte. Das war so, daß er sich beinahe wunderte, blieb er einen ganzen Tag ungepufft oder ohne daß eine mehr neugierige als sanfte Frauenhand untersuchte, ob wirklich sein eigenes Haar so struppig auf seinem viereckigen Schädel sitze.

Bei dem allen war er gediehen. Zu einer ungemeinen Kraft und Behendigkeit. Und weil er sich oftmals salvieren mußte, weil sehr früh jeder üble Streich im Dorf ihm zugeschrieben wurde, so kannte er bald jeden Schlich und jeden Steg wie keiner. Er war tückisch und grausam. Wer mit ihm raufte, den richtete er erbarmungslos zu, auch nachdem er ihn schon niedergeworfen hatte. Er sicherte sich so einige Ruhe. Zeigte ihn aber einer an, der konnte gewiß sein, daß ihm beim nächsten Baden in der March etwas Unangenehmes passierte, denn der Wojtĕch konnte schwimmen und tauchen wie eine Otter, oder daß ihn unversehens ein Steinwurf traf, ohne daß jemand zu erspähen war, der ihn getan haben konnte.

Er hatte dem Hirten späterhin geholfen. Und dies Leben hätt ihm eigentlich für immer am besten gepaßt. Wenn er durch das Dorf mit seiner Peitsche knallen konnte, worin er es bald seinem Meister vortat, und es drängte sich das liebe Vieh heran, so kam er sich wie ein Befehlshaber vor und fühlte sich gewaltig und nicht ohne Grund herzlich beneidet von allen Buben, die zur Schule oder aufs Feld mußten. Draußen aber ward ihm erst recht behaglich. Da konnte man sich ein Fleckchen aussuchen, auf das die Sonne so warm schien. Sich hinrekeln in das sanfte Gras und in den hohen Himmel starren, der immer durchsichtiger ward, sich über einen senkte und zu Frühlingszeiten erfüllt war von unendlichem Lerchenjubel; um und um ein sanftes Gebimmel von großen und kleinen Schellen. Und man wurde schwindelig vor der vielen Bewegung, dem Bücken und Heben der vielen Tiere, den Farben: rotbunt, schwarz, weiß, scheckig, die sich auf dem grünen Grunde durcheinanderschoben, schläfrig vor dem eintönigen Schnauben, und genoß einer innigen und schönen Trägheit.

Nur freilich, gehorchte ein Tier in seiner Unvernunft nicht augenblicklich, brach es die Reihe oder versuchte es in eine Hecke einzudringen oder sich im Kleefeld zu verlaufen, das so üppig und gefährlich lockte, dann geriet der Wojtech in eine besinnungslose Wut. Dann schlug er, wohin es eben traf, und der Hirte wagte nichts mehr gegen ihn. So sehr fürchtete er sich selber vor dem hinterlistigen und gewalttätigen Buben.

Das aber kam auf, und darum ließ man ihn nicht dabei. Ein Handwerk aber mocht er durchaus nicht lernen. Und als ihm einmal der Herr Pfarrer, der obendrein Dechant war und sogar beim Fürstbischof etwas galt, eine väterliche Vermahnung hielt, was denn auf diese Weise mit dem Wojtĕch werden und ob er durchaus zur Hölle fahren wollte, da stand er wie ein Stock und stierte ihn ohne alle Gegenrede sehr frech an. Und als sich der Herr Dechant in seiner Bekümmernis, denn es ging doch um eine getaufte Seele, umsah, da stand der Bube immer noch, wo man ihn verlassen hatte, streckte die Zunge heraus, so lang es gehen wollte, und das Gewand des hochwürdigen Herrn war sehr hoch hinauf mit Kotklümpchen bespritzt. Darin hatte der junge eine Fertigkeit, das mit den bloßen Zehen zu tun und ohne daß es einer merken konnte, der auf eine solche Niederträchtigkeit natürlich nicht gefaßt gewesen ist. So voll ausgespitzter Schlechtigkeiten war der Wojtĕch von klein auf.

Er war wie ein Tier. Ganz ohne Scham oder Achtung vor einem, der nicht eben stärker war wie er. Er witterte aus, wann und wo die Mädchen badeten, und trieb damit unerhörten Unfug. Und mit den Italienern machte er Bruderschaft. Ohnedies ist das ein Diebsvolk ohnegleichen. So paßten sie zueinander. Nun hatten sie gar einen, der ihnen jede Gelegenheit für Galgenstreiche ausspürte und verriet. Es läßt sich denken: gar nichts mehr im Ort war in alle Ewigkeit vor ihnen sicher. Natürlich kam bald alles, was sich begab, dem Wojtĕch aufs Kerbholz. Schlug man ihn, so warf er sich gern unter mörderlichem Geheule flach auf den Boden, und er verstand es alsdann, Anfälle und Zuckungen zu heucheln, daß man erschrak und von ihm abließ. Hatten sich seine Bedränger aber erst entfernt, dann hörte man einen gellen Pfiff, und der Wojtĕch verschwand mit einer unheimlichen Schnelligkeit, völlig munter und als wäre nichts geschehen.

Mit aller ihrer Mühe – nur ein dickes Fell haben sie ihm angeprügelt. Nun, und das kann einer gebrauchen, wie er war. Nicht eine Stunde in seinem nichtsnutzigen Leben war er krank. Da war ein großes Kindersterben gewesen. Er scheute keine Ansteckung. Er half dem Totengräber. Er trug die kleinen Leichen, um deren Genesung man gebetet, wenn man ihn jede Stunde nur verwünschte. Und ihm geschah nichts.

Damals traute er sich zuerst ins Wirtshaus. Mit seinem Gelde klimpernd, abgerissen, wie ein rechter Haderlak, saß er da und hatte keine kleine Meinung von sich. Man hatte Ärger über ihn. Nicht einer, der an diesem Tag in seinem Glas Bier oder in seinem Schnäpschen nicht ein giftiges Geschmäcklein verspürt hätte. Desto lieblicher ging es ihm ein. Er war fortab erwachsen. Und er brachte sich bald Kameraden mit, Halunken aus der ganzen Umgebung, die ihm zuliefen, ihn als Meister anerkannten und bewunderten und ihm bei allen Schlechtigkeiten halfen. Und mit Schelmenliedern voll Unzucht höhnten sie die allgemeine Trauer und lebten frech und sonder Gedanken in den Tag.

Es läßt sich somit denken, wie froh man war, als der Wojtĕch einrücken mußte. Man atmete auf, hoffte seiner für immer ledig zu sein. Und nun war er doch wieder da, frecher denn je, und jeder erkannte ihn, da er mit seiner Lumpenfahne durch das Dorf schritt, und alle Hühnersteigen wurden gesperrt. Daß der Teufel doch niemals den holt, den er sollte! Das ist doch der Teufel! Eben der rechte Teufel!

 

Tut einer in jedem Sinn seine Pflicht, gegenüber den Seinigen, der Gemeinde und dem lieben Gott, dann heißt es: er ist soweit ein ordentlicher Mensch.

Soweit. Denn gerade in solchen Stücken müssen die Leute nun einmal immer eine Einschränkung machen.

Damit ist die Sache aber auch endgültig abgetan. Und darin soll er, neben dem Lohn in sich, von dem auch noch niemand fett geworden ist, sein Genügen haben und finden.

Treibt er aber rechten Unfug, macht er sich unliebsam in jedem Sinne, dann bereden sie ihn des langen und breiten. Und sie wundern sich über ihn, seine Streiche und seine Einfälle.

Er kommt in den Mund aller Welt. Und statt sich zu schämen, daß er so gar nicht guttun und seine arbeitsame Karre ziehen will für sein Kinderwägelchen voll loser Sachen, wird er, wenn er sonst danach ist, immer eitler und hochmütiger davon, als war er was Rechtes, statt doch nur ein ausgewachsener Lumpenkerl zu sein.

Immer neue Nichtsnutzigkeiten heckt er aus. Ehe einem was Ordentliches einfällt, gar, ehe das ausgeführt ist, das braucht doch seine Zeit und will überlegt und festgemacht sein. Schlechtigkeiten aber schießen über Nacht auf, wie die Nesseln. Der sich an ihnen verbrennt, der schreit natürlich Zeter und vermehrt so den Spaß dessen, der sie gesät hat.

Und die Weiber schielen nach ihm und tun, als fürchteten sie sich. Und damit hat er denn auch schon einen Vorteil über sie, wenn er ihnen dann einmal unversehens begegnet. Und sie tuscheln, wann er vorübergeht, und winken einander heimlich mit den Augen, in die vielleicht mancher brave Junge sich rechtschaffen gern vergucken möchte. Und er versteht das zu deuten; und so gewinnt er's ihnen immer leichter ab und nutzt ihre Neugier und ihre Dummheit ohne jedes Gewissen. Denn er hat selber keine Scham in sich, und darin liegt immer etwas Ansteckendes.

Und mehr Zeit, hinter ihnen her zu sein oder ihnen auf Feldwegen aufzupassen, hat er auch wie einer, der seine Arbeit tut und hernach so müd ist, daß er Gott dankt, wenn er nur endlich seine Ruh hat. Und hat er sie satt, so läßt er sie stehen; und was können sie ihm anhaben, wo sie sich doch hernach vor sich selber schämen müssen, daß sie sich mit so einem überhaupt eingelassen haben? Und wenn es auch scheint, als tat er etwas, so ganz bei der Sache ist ein richtiger Tagedieb niemals, daß er sich daneben nicht noch etwas ausspintisieren könnte.

So haben sie den Wojtĕch Hermann viel zu bereden gehabt. Denn in der ganzen Zeit, die er fort war, hat er nichts von seinen Teufeleien verlernt, und allerhand neue hat er sich ausgesonnen.

Wer nämlich Anlagen dafür hat, an dem bleibt immer etwas picken. Nicht anders wie Fliegen an einer Leimspindel, die, wenn sie recht voll ist, auch nicht eben einen lieblichen Anblick gewährt.

Natürlich hat er seine Kameradschaft mit den Italienern wieder angefangen. Denn einer, der was war oder auch nur vorstellen wollte, der konnte sich mit diesem Habe- und Taugenichts doch keineswegs abgeben. Mindestens nicht, wenn einer in der Nähe war, der es sehen konnte.

Im Kalkofen haben sie geschlafen. Und wie abgerissen er war, dieses war dem Wojtĕch einerlei. Gegessen hat er besser wie die Bauern. Denn er war ein richtiger Dieb und hat es gehalten wie der rote Fuchs. Der stiehlt auch niemals in der Nähe, nämlich dort nicht, wo er sein Loch hat; dort nimmt er keine Feder weg. Jenseits der Dorfgrenze aber hört alles Gemeingefühl auf, und seinem Nachbar gönnt jeder neidlos einen Schaden. Hätt er doch besser aufgepaßt! Und man reibt sich die Hände.

Schlechte Weibsbilder gibt's immer und allenthalben. Und wenn sie nur ihren Spaß haben, so ist's ihnen gleich, wie oder mit wem. Und vor dem Gendarmen, dem sonst kein Steuerzahler den Respekt verweigert, vor dem hat dieser Galgenvogel gar keine Achtung gehabt.

Wenn ihm der gedroht hat, er wird schon auf ihn und seine Schliche passen, so hat der Wojtĕch gegrinst, bis ihm sein Maul um die ganze breite Visage gegangen ist, und hat gemeint, er soll lieber nicht damit seine Zeit verlieren. Denn er könne sich vielleicht derweilen ein schönes Stück Geld und Ehre verdienen, indem er die Mörder der Madlena Hofmann finge, die man so jämmerlich umgebracht hat, ohne daß man bis heutigen Tages von den Tätern auch nur eine Ahnung hat. Entfernte sich der zornig, so spöttelte ihm der Wojtĕch nach, so eilig sei es nun wieder nicht. So in die Haut schlecht war der Hermann.

Man hat auch oft der Růžena Čapek von ihm und seinen Bübereien gesprochen.

Denn weil sich das Frauenzimmer so sehr still hielt und man es allgemein geachtet hat, so hat man ihr zugetragen, was sich begeben hat, damit sie doch wisse, daß die in der Gemeinschaft lebt und dazugehört. Dafür ber nützt man immer und überall am liebsten das Unangenehme.

Sie hat dann wohl zugehört wie einer, der sich eben nicht helfen kann, der nicht unhöflich sein will und sich also lieber zwingt. Denn ohnedies hat man sie für sehr hochmütig gehalten.

Hatte sie aber genug und hatte die Erzählende ihren guten Trunk Kaffee getrunken, auf den die Růžena selber was hielt, und vom Kuchen, den die Čapek so weiß buk wie sonst niemand im Dorf, was natürlich jedesmal gebührend anerkannt und bewundert werden mußte, so viel in sich hineingelegt, daß nichts mehr Platz hatte, dann zuckte die Růžena die Achseln und schürzte die Lippen so, daß man ihre spitzen Eckzähne sah, was sich sehr hoffärtig machte und jede Erörterung abbiß: »Laß mich in Ruh mit euerm Wojtĕch. Er ist ein Haderlak!« Und sie wendete sich zu ihrem armen Krüppel und streichelte ihn und tat ihm schön nach Kräften. Und dabei dachte niemand im ganzen Ort soviel an den Haderlak, den Hermann, als eben die Růžena in ihrer stillen Art, die es nicht begriff, wie ein junger und kräftiger Mensch so dem Herrgott den Tag abstehlen und mit sich und seinen Gaben nichts zu beginnen wissen sollte ...

 

Es wäre alles gegangen, und man hätte sich am Ende an den unbequemen Gast gewöhnt, ohne seine verdammte Gewohnheit.

Er stichelte sehr gern. Und er hatte ein Maul von der Art, die man nach dem Tode erst noch extra einmal erschlagen muß. Sonst keift sie noch aus dem Grab heraus. Er mußte um jeden Preis und gegen allen seinen Vorteil immer das letzte Wort haben.

Ordentlich wie ein Weib war er darin. Und um einen Einfall oder einen schlechten Witz war er niemals verlegen.

Gegen jeden, er mochte noch so ehrbar erscheinen, hat er was gewußt. In seiner vielen freien Zeit hat er sich's ausgedacht, womit er einen ärgern konnte. Und weil er gute und überdies boshafte - Augen im Kopf hatte, so hat er natürlich manches bemerkt, was ein anderer lieber übersehen oder vielleicht versteckt halten wollte.

Das war nicht anders, als hätte man einen Spitzel im Dorf, vor dem nichts verborgen bleibt und der es just da und dann auskramt, wann's einem am allerwenigsten paßt. Und so plötzlich und immer vor Zeugen warf er's einem an den Kopf, daß man gar keine Antwort wußte und nur völlig begossen dagesessen ist. Das verdrießt und frißt an einem.

Ein einzelner aber hätte sich nicht an ihn getraut. Denn er war so stark, daß nur der lahme Petraš mit ihm hätt allein fertig werden können. Der hatte wohl auch eine Wut auf ihn, weil der Wojtĕch ihn einmal beim Roßtäuscheln betrogen hatte, denn damit und mit Viehdoktorn, das er bei seinem Hirten angefangen und hernach beim Fuhrwesen ausgelernt hatte, gab er sich ab und verstand's über einem Zigeuner. Aber wo und wie hätte der Petraš den Hermann denn erwischen sollen? Der war flink und vorsichtig wie sonst nur ein Marder.

Er hatte sich ein neues Gewand gekauft. Wie's ein richtiger Hannak Bewohner der Hanna. trägt, also durchaus nicht wohlfeil. Was brauchte er Bauerntracht, der doch kein Bauer war? Und wen hatt er wieder um das Geld betrogen? Es stach natürlich vielen in die Augen, als er's am Samstagabend zum erstenmal in die Kneipe führte. Er war sehr gut aufgelegt und frecher und spottlustiger denn je.

Ein Bursch um den anderen begann mit ihm zu häkeln, bekam seinen Trumpf und verlor sich. Erst freute er sich seines Sieges; langsam wurde ihm nicht ganz wohl dabei, als er endlich so ganz vereinsamt in der Schenkstube zurückblieb. Auch die Dauertrinker gingen, nachdem sie viel gewispert und mit dem Daumen gedeutelt. Am Ende lauerten sie auf ihn. Und gerade diesen Abend war niemand von seinen Gesellen da. Am liebsten hätt er auf einer Bank übernachtet. Oder hätt er nur die Magd gekannt, daßsie ihn bei sich versteckte! Aber leider Gottes, der Wirt hielt sehr auf Ordnung. So blieb er mindestens schuldig: kam er zu Schaden, so sollt es wer anderer auch.

Draußen überfielen sie ihn. Den ersten Hieb, und der gab gleich aus, tat der lahme Petraš. Sie schlugen ihn die ganze Dorfstraße entlang. Jeder Ausweg war ihm versperrt. Er wehrte sich, so gut er konnte; aber es waren diesmal doch zu viele über einem.

Alles wurde wach. Schlaftrunkene Gesichter erschienen an den Fenstern, drückten an den Scheiben die Nasen noch breiter, als sie ohnedies waren, und grinsten schadenfroh, ehe sie verschwanden, da sie sahen, was sich begab. Das war doch ein famoser Spaß! Und wenn sie ihn schon totschlugen: es war um ihn ja gewiß kein Schaden. Die Hunde rissen an ihren Ketten und heulten und jammerten in allen Tonarten. Denn am Himmel stand ohnedies der Vollmond, der sie immer rebellisch macht.

Das war wie ein toller Schattentanz im geisternden Licht. Da und dort bot sich eine Lücke. Er nutzte sie, oder er überrannte einen einzelnen. An ein Entkommen aber war dennoch durchaus nicht zu denken. Er teilte aus und empfing zehnfach. Immer ängstlicher wurde ihm. Er schrie jämmerlich um Hilfe und erhöhte damit nur das Vergnügen seiner Verfolger. Und wenn er sich die Kehle wund zeterte, für ihn rührte sich sicherlich keine Hand...

Es war eine richtige Hatz. Erbarmungslos, wie sie nur Bauerngroll, der Zins zu Zins schlägt, veranstalten kann. Und sie ging eine gute Viertelstunde lang ohne Unterbrechung bis zum Hause der Růžena Čapek. Dort schlug er hin. Der gab ihm noch einen Tritt, der einen letzten Streich. Er lag starr und steif da, mit verglasten Augen, die im Mondlicht doppelt schrecklich glänzten, und Schaum vor dem Munde. So fand ihn die Čapek, die vom Lärmen natürlich auch wach geworden war.

Sie ließ ihn aufheben und zu sich ins Haus tragen. Er war völlig steif; sein Gesicht ganz mit Blut beronnen. Es brauchte lange Zeit, ehe er wieder zu sich kam und seinen ersten ordentlichen Schnaufer tat. Der Růžena ward dabei im Innersten leichter: so, als hätt sie einen Mord verhütet, der sich unter ihren Augen begeben wollte, oder mindestens ein schweres Unglück, das sie vordem einmal, als es ihr nähergegangen war, nicht hatte verhindern können.

Dem Hermann aber war sehr wohl. Er fühlte sich – Gott weiß, nach welcher Zeit wieder? – in einem ordentlichen Bett. Und eine weiche Hand wusch an seinen Wunden. Er richtete sich ein wenig auf und stöhnte mächtig, öffnete die verquollenen Augen und sah sein neues Gewand, mit dem er noch manches Mal Staat zu machen gehofft, das durchaus zerrissen, ärger war, als das er von sich getan, weil man damit schon gar nicht mehr unter die Leute gehen konnte. Ein häßliches Grinsen ging über sein breites Gesicht: »Ich sag's immer. An einem Haderlaken hält sich kein gutes Kleid. Er brennt's durch wie das Feuer.« Und er sank zurück und in eine neue schwere Ohnmacht.

 

Es war eine lange und mühsame Genesung.

Wojtĕch Hermann schien einen innerlichen Schaden genommen zu haben. Denn er hustete viel und hatte immerfort das Stechen in der Brust, vor dem sich Bauersleute am meisten fürchten.

Sah sie ihn so schwach und hilflos, der einmal mit seinen Streichen das ganze Dorf erfüllt und rebellisch gemacht, dann regte sich's mächtig in der Brust der Růžena. Die Ähnlichkeit mit dem Geschick ihres Bruders, bei dem's nur leider soviel schlimmer ausgegangen war, erweckte in ihr das echteste weibliche Mitleiden.

Auch vertrug sich der Lump mit dem Krüppel vortrefflich. Einträchtig saßen sie auf derselben Bank. Er führte den armen Vilém zu Tische, fütterte ihn mit den besten Brocken und leitete ihn hernach wieder an einen Platz, wo er's recht warm hatte, ohne daß er jemandem im Wege stand.

Wie ein Bruder war er zu ihm, wie ein leibhaftiger Bruder. Er hatte sehr geschickte Finger. Und so ersann und schnitzelte er denn Spielereien: eine Windmühle, die sich drehte, mit einer wirklichen Glocke, die zeitweise läutete und dem armen Krüppel tausend Spaß machte. Die Růžena erkannte das dankbar. Schon daß sie nicht immer um den Siechen sein mußte – nicht in jeder Arbeit und jedem Gedanken durch die ewige Sorge um ihn, und ob ihm in seiner Hilflosigkeit nicht etwas zustieße, gestört zu sein, darin lag für sie eine wesentliche Hilfe und eine große Beruhigung.

Und so verging der Winter dem Wojtĕch völlig wie im Himmel. Er hatt es warm. Sein Tisch war gedeckt. Man war freundlich zu ihm. Denn man hatte sich mehr und mehr an ihn und seine Wunderlichkeiten gewöhnt, die er natürlich nicht so im Handumdrehen von sich tun konnte.

Zum Beispiel: es geschah ihm immer wieder, daß er sich wie ein anderer ordentlicher Mensch in seinem Bett niederlegte. Erwacht, fand er sich zu seiner großen Verwunderung im Stall oder im Heu, ohne Ahnung, wie er dahin gekommen sein könnte.

Aber um das Vieh nahm er sich mit einer großen Liebe an. Und das gedieh; darauf verstand er sich aus dem Grund. Riet er der Růžena zu Kauf oder Verkauf, es lohnte sich immer, und sie folgte ihm da bald blind und mit dem besten Vertrauen.

Auch ersann er Fallen, höchst sinnreich und von einer unerhörten Vortrefflichkeit gegen alle Arten von Ungeziefer. Wie ihm das alles nur einfiel und welche Geduld er hatte, bis sein Gedanke ganz in der Vollendung ins Leben getreten war, wie er sich ihn vorgestellt, das mußte man einfach bestaunen. Der Čapekhof hatte Ruhe vor Mäusen und Ratten, und im Garten lebte keinerlei Gezücht mehr.

Nachdem er doch niemals einen Kreuzer Geld hatte, so entfiel manche Versuchung für ihn. Seinen Tabak, sobald ihm der Doktor das Rauchen erst wieder gestattet hatte, bekam er pünktlich jeden Sonntag für die ganze Woche. Den kaufte und mischte ihm die Růžena selber, gut und reichlich, denn sie knickerte niemals.

Es hatte ein einzig Mal in der ganzen Zeit Verdruß gegeben. Nämlich: einmal hatte sich der Wojtĕch weggeschlichen. Da er heimkam, machte er sieh heimlich hinterm Stadel ein Feuer und arbeitete dort für sich und sehr vergnügt, und es lief ihm dabei immer das Wasser im Mund zusammen. Zu Abend kam's heraus, was er getrieben hatte, denn er trug zwei Rebhühner und einen Hasen ganz stolz auf, die er gefangen und nach seiner Art zubereitet hatte. Die Růžena fuhr auf. Das sei gestohlen, und sie leide weder Diebsgut noch einen Dieb unter ihrem Dach. Sie war eben eine ganz eigene Person.

Wojtĕch verzog sein Gesicht. Er bat: man möchte doch nur kosten, ob man was herausschmecke? Und die Sachen sahen wirklich verlockend aus, so sehr, daß der Krüppel mit einem Gurgellaut die Hand danach ausstreckte. Zum erstenmal stieß sie ihm die Růžena weg. Der Wojtĕch murrte, aber es blieb ihm nichts übrig: er mußte seinen Kram wieder zusammenpacken. Hinterm Stadel, eben da, wo er ihn so vergnügt und in seinem Gott zufrieden hergerichtet, saß er damit und kränkte sich sehr. Er fühlte sich sehr verkannt. Und in lauter Kümmernis und Herzeleid aß er allein alles auf, das er bei sich hatte, nachdem es doch schade gewesen wäre, die gute Gottesgabe wegen anderer Unverstand vor die Hunde zu werfen. Geschadet hat ihm das Mahl nicht, so ausgiebig es war und obzwar er nicht einmal etwas bei sich hatte, es zu verschwemmen.

Was war das doch für ein Elend auf der Welt! Niemals begriff es einer, wie es der andere mit ihm meinte, und immer wollt er ihn anders haben. Ja, wenn das nur so leicht ginge, aus seiner Haut fahren, und wenn man nur vorher wissen könnte, wie einem die passen möchte, darein man schlüpfen soll... Und auf diese Růžena, an der nichts war, nur Knochen mit einer gelben Haut überzogen, auf die hatt er eine rechtschaffene Wut. Warum hofmeisterte sie an ihm herum, und gar, warum ließ er sich's gefallen? Das machte eben, er hatte ein dankbares Gemüt und war nicht so wie andere. Den wahren, den letzten Grund gestand er sich selbst nicht.

So ward es Frühjahr, und die strengere Arbeit begann.

Der Wojtĕch tat mit. Aber als er zum erstenmal die blaue Sämannschürze an sich hatte und die schöne, goldblanke Gerste, die so kühlend und seidig durch die Finger rann, ausstreute in die fette, schwarze Erde, deren guter und kräftiger Geruch ihn umdampfte, so sah er dennoch wie zweifelnd an sich nieder. Er gefiel sich nicht so ganz. Denn in eine wunderliche Maskerade, die so gar nicht zu ihm paßte und deren er sich abtun müsse, sowie die leiseste Möglichkeit dazu bestanden, schien er sich geraten.

Es war sehr früher Morgen und nebelig. In den kahlen Geästen saßen die Saatkrähen und stießen krächzend und mit gespreizten Schnäbeln nieder in seine Stapfen, sowie er einen Schritt vorwärts tat; hinter ihm hüpften Sperling und Schopflerche und zippten gierig, ob sie nichts ergattern könnten. Die Schwaden zogen träg; aber dahinter empfand man die Sonne. Aus jeder Furche quoll es weißlich auf, bekroch das Erdreich wie befruchtend und verflatterte. Wojtĕch Hermann stapfte, immer mit der gleichen segnenden Handbewegung, über diesen Boden, an dem er doch nicht mehr Anteil hatte wie das gefiederte Gesindlein hinter ihm.

Zu schwerer Arbeit, wie hinter dem Pflug, war er noch durchaus nicht zu gebrauchen. Da mußte denn die Růžena achtgeben, daß er sich nicht übernahm. Denn er fühlte die Wiederkehr seiner Kräfte und war also, nicht einmal aus Arbeitseifer, nur zu geneigt, sich mehr zuzutrauen, als er schon vermochte. Einmal stemmte er sich gegen einen schweren Leiterwagen. Das Mädchen sprang herzu und schob ihn unwirsch und dennoch besorgt davon. Er sah sie mit einem eigenen Blick an: erstaunt, dankbar und dennoch frech. Sie hielt ihn mit finsteren Brauen aus. Hernach, in ihrer Kammer, wurde sie rot davor, wenn sie sich seiner erinnerte.

So sehr war man einander gewöhnt, daß keines dieser beiden mehr nach dem Rechtstitel des Zusammenseins fragte. Dem Wojtĕch war's, als hätt er endlich seine Heimat gefunden. Und überflüssig war er hier nicht.

Im Dorfe aber hub sich ein Gerede. Und wie das nun einmal ist, es wurde desto häßlicher und spitziger, als man eben diesem Mädchen bis dahin nicht das mindeste hatte nachsagen können, als sein Lebenswandel für manch eine ein Vorwurf war. Nun aber war die ganze Wahrheit ans Licht gekommen; der Scheffel, darunter man sie versteckt, hatte selber Feuer gefangen. Sie war niemals besser gewesen als andere. Nur eben hinterlistiger und scheinheiliger. Alle Scham hatte sie von sich geworfen. Sie war sich eben gut genug, um es mit dem Haderlaken zu halten, dem schlechten Lumpen, von dem das letzte Mädel im Ort nichts hätte wissen wollen und dem sie nun zuhielt, um allen zu zeigen, wie so gar nichts ihr an ihnen liege, wie gleichgültig sie ihr waren – die schlechte und verworfene Person die!

Als der Růžena Čapek diese Redereien zuerst zu Ohren kamen – unmittelbar zugetragen natürlich, voll lebhaften Eifers und redlicher Besorgnis um ihre Ehre und verbrämt mit den schönsten Redensarten, wie niederträchtig die Menschen seien, die sich nicht schämten, so etwas gegen sie in den Mund zu nehmen, und es doch gewiß nicht einmal glaubten! –, da lächelte sie, daß ihre Eckzähne spitz und blank schimmerten.

Ja, sie waren ihr neidisch! Um ihren Wohlstand, um ihre Makellosigkeit, die ihr gestattete, nach niemandes Meinung zu fragen, zu tun, was ihr gefiel, um ihre Unabhängigkeit, um alles.

Und weil sie heuchelten, durch die Bank, und die Augen verdrehten, so wollten sie sich an ihr rächen, die derlei niemals nötig gehabt, und zogen sie mindestens in ihren Reden in den gleichen Schmutz, ohne den sie nicht leben konnten,

Das andere Mal aber, da man ihr mit dem gleichen kam, wurde sie nachdenklich. Endlich erwachte eine zornige Betrübnis in ihr. Denn allenthalben meinte sie spöttische Blicke zu verspüren, die sie eben nicht vertrug. Denn sie war niemals gewöhnt gewesen, also angesehen zu sein.

Und überdies schlich ihr der Wojtĕch doch nach, wie ein abgerichteter Hund, der von seinem Herrn keinen Schritt weicht.

Das war ihr verdrießlich genug. Aber sie wußte nicht, wie dem ein Ende machen. Und das kostete sie Nachdenkens genug.

Ihn fortweisen? Aber er hatte nichts angestellt, war ihr nützlich, und sie hatte am Ende allen einen Dienst erwiesen, indem sie ihn auf den guten Weg brachte, der ihnen sämtlich so läng ein Ärgernis und ein Stein des Anstoßes gewesen war.

Oder verargte man ihr am Ende das? Brauchte man immer und überall einen Sündenbock? Damit man sich vor seinem Anblick segnen und in der eigenen Tugendhaftigkeit fühlen kann? Und daß man nunmehr mit dem Wojtĕch keinen Anlaß dazu hatte, konnte man ihr das nicht verzeihen? Auch dieses war möglich, wahrscheinlich sogar, weil's so gemein war.

Und sie fühlte in tiefster Brust: eigentlich ohne es zu wollen, hatte sie ein gutes Werk begonnen. Und sie gab das weder mehr auf, eh sie es als nutzlos gewagt erkannte oder es vollendet war, noch ließ sie's sich verkümmern. Überhaupt, seit wann blieb Růžena Čapek auf halbem Wege stehen, nur weil ihr der oder ein anderer zweifelnd und schadenfroh nachschielte? Konnte der Wojtĕch nicht so als ein Mittelding von Knecht und Schaffner auf dem Hofe bleiben, der groß genug war, um einen zu vertragen, ja zu gebrauchen, dann mußte eine andere Art gefunden werden, ihn da festzuhalten, daß niemand mehr an ihm mäkeln konnte.

Er schlich doch auch so gedrückt herum; immer hinter ihr, immer, als empfinde er, sie sei sein einziger Halt. Das war eigentlich widerwärtig und rührte sie dennoch wiederum.

Ihn selber zu befragen aber fiel ihr nicht einmal ein. Denn ihr war, als könnte sie über ihn verfügen. Daß er das Glück ausschlüge, welches sich ihm bot, wäre nicht nur ihr undenkbar erschienen.

Wie die Růžena gewohnt war, durch ihr ganzes Leben alles mit sich allein abzumachen, ohne jeden Berater, desto mehr für sich, weil dies sonst so gar nicht Weibesart ist, so hielt sie es auch diesmal, wo allerdings der Willen eines anderen sehr in Betracht gekommen wäre.

Kein Wort von Liebe hatten sie gesprochen, keinen Beweis von Zärtlichkeit getauscht. Am Sonntag aber, nach der Messe, schritt sie stracks in die Dechantei. Sie blieb ziemlich lange darin; ein Beweis, daß der Dechant allerhand Bedenklichkeiten hatte und ihr nicht vorenthielt. Sie hörte nicht darauf, wie niemals, wenn ihr etwas notwendig dünkte; beharrte, sie sei großjährig und erfahren genug, zu wissen, was ihr fromme und zustehe. Da sie herunterkam, stand natürlich der Wojtĕch vor dem Haustor, hatte das eine Auge zugekniffen und blinzelte mit dem anderen wie ein verträumter Kater die Sonne an. Sie gab ihm einen aufmunternden Puffer: »Geh hinauf, Wojtĕch, zum Herrn Dechanten, und küß ihm die Hand. Wir heiraten uns...«

 

Oft und oft, in schlimmen und einsamen Stunden, hat die Růžena hernach jener Verlobung gedacht.

Sie war nicht aufgeblüht, wie eine Blume ihre Knospe sprengt: aus dem Bedürfnis nach Sonne und über ihre Lockung.

Mannigfaltige und dunkle Beweggründe hatten das Mädchen zu diesem Entschlüsse bewogen und gedrängt. Da war zunächst eine Wallung gewesen. Der Stolz einer reinen Person, die ihre Unnahbarkeit nicht bezweifelt wissen will; und jenes Selbstgefühl sprach das letzte Wort, das sich ein gedeihendes Werk nicht zerstören lassen möchte und sich vor der schwierigsteh Aufgabe nicht scheut: durch ein ganzes Leben mit einem Menschen fertig zu werden, den alle vermeiden und aufgegeben hatten.

Warum aber war er so geworden? Oder wie hätt er begreifen können, daß er Pflichten gegen dieselben Leute habe, die ihm gegenüber keine Verpflichtung übten oder anerkannten?

Zu ihr und bei ihr hatt er sich immer ganz löblich benommen. Sie wußte nicht das mindeste Schlimme über ihn, die ganze Zeit, da er auf ihrem Hofe lebte und an ihrem Tische saß. Und man hatte doch schon manchen guten Laib Brot miteinander verzehrt.

Es war freilich aus der Ordnung gewesen, daß sie das erste Wort sprach. Aber im Leben geht es schon manchmal so. Denn er selber hätt es sich doch nie getrauen dürfen. Wer war er? Der Garniemand, wenn man schon sehr gütig war, neben ihr. Und sie war Růžena Čapek, angesehen um Reichtum, Klugheit und Makellosigkeit der Sitten. Geradesogut hätt er sich's einreden dürfen, die Grafentochter werde ihn nehmen.

Es ist das nämlich mit ein Unglück. Wer für sich lebt, der setzt sich in sich seine Stellung gegenüber den andern fest. Er glaubt gar nicht, weil er gar nicht nach ihnen fragt, es könnten sie ihm die Menschen nicht zugestehen, und erlebt dann natürlich manche Überraschung und Enttäuschung.

Es gab einen stillen Brautstand. Er nahm sich keinerlei Freiheiten heraus und blieb bescheiden. Nach Zärtlichkeiten aber verlangte es die Růžena nicht, die ihrer nicht gewohnt war.

Küßt' er sie einmal aus seinem Rechte, dann litt sie's mit einer gewissen Verwunderung. Er merkte das wohl, und es verschlug ihm nichts. Das wurde sicherlich und mit einem Schlage anders, sowie das Weib in ihr erst geweckt war. Da hatt er schon seine Erfahrungen. Vorher mochten sie tun, wie sie wollten, hernach waren sie alle gleich.

Nur eben, bis dahin mußte man vorsichtig sein. Sehr vorsichtig, damit sie ihm am Ende nicht kopfscheu würde und ihm ein Glück, so groß, wie's nur einem richtigen Lumpen in den Schoß fallen konnte, durch die Lappen ginge.

Er wußte wohl aus Übung: einem jeden Vogerl muß man mit seinem eigenen Ton pfeifen, wenn es darauf horchen und in das Netz flattern soll, das man dafür aufgerichtet. Schlug das erst einmal zu, dann mocht es flattern nach Belieben. Das half dann nicht mehr.

Und eine katholische Ehe ist ein gewichtiges und ein nicht mehr zu entwirrendes Netz. Übrigens, er mochte die Růžena ganz gut. Er war ihr doch dankbar im Grunde seines Herzens, selbst mit einigem Erstaunen, weil er gar nicht begriff, warum sie so an ihm tat. Halt nur, weil er ein Mann war?

Etwas fülliger hätte sie sein mögen. Etwa so, wie die Andjola war, die auf dem Hofe diente und ihm immer so verschmitzte Augen machte, wenn sie, die Beine bloß und mit erheblichem Geklapper der Melkeimer, aus der Wohnung in den Stall lief. War das ein flinkes Frauenzimmer! Er war wirklich neugierig, ob die nie und nirgends stillehielt. Aber derlei verspart man sich für später.

Oder wenn sie nur so gewesen wäre, wie ihre jüngere Schwester, die Terezka nämlich, zu werden versprach. Aber einmal ändern sich die Frauen in der Ehe oft wundersam. Dann, woher nahm er, just er, das Recht, gar so zu klauben? Ein solcher Ausbund von Schönheit und sonstigen Tugenden, wie der liebe Gott just an ihm geschaffen hatte! Alles konnte doch nie und nirgends beisammen sein. Dies wußte der Wojtĕch. Und just für ihn sollte sich's schicken?

Nur nicht unbescheiden sein! Besonders, wenn es einem ohnedies weit über Verdienst und jegliches Erwarten zuteil geworden ist.

Freilich, die Růžena hatte einen verdammten Hochmut an sich. Und sie würde kein bequemes Weib sein, und sie war viel zu klug, als daß man ihr was vorflunkern konnte.

Aber eben darum konnte man ihr vielleicht gemach begreiflich machen, daß nach der Hochzeit das Spiel ganz anders stand wie vorher.

Über sich selbst nachzudenken, hatt er niemals Zeit gehabt. Er nahm sich, wie er war, und er war keineswegs mit sich unzufrieden.

Daß er über die Eigenschaften seiner Zukünftigen wider Willen, gezwungen durch die Kraft, nachgrübeln mußte, die er in ihr empfand, war ihm oft genug unbequem und verdrießlich.

Man erzählte von ihr, sie habe seit ihren Kindertränen nie mehr geweint. Ja, da gab es ein Sprüchlein: Die das als Mädchen nicht getan, die holt es als Frau ein. Denn ein Weib muß weinen. Er wollte gewiß nichts dazu tun, daß es so kam. Aber wenn es einmal so ward, dann war es vorherbestimmt, und nicht ihn traf die Schuld oder der Vorwurf.

Während also die Růžena alles zur Hochzeit beschickte – zu kaufen brauchte man nichts, denn alles war überreich vorhanden –, ging ihr Bräutigam neben ihr in tiefen und sonderbaren Gedanken, deren Inhalt sie nicht ahnte.

In der Nacht vor der Trauung machten sie einen Rundgang durch ihren Besitz. Sie zeigte ihm alles, davon er in Hinkunft seinen Anteil haben sollte. Da sie die Ställe, sauber gehalten, daß es einen gelüstete, darin zu essen, durchschritten, geschah es, daß ein junger, schöner Goldfuchs, der Liebling des Mädchens, der noch kein Geschirr getragen hatte, sich bäumte, stieg, um sich schlug, schauderte und sich durchaus nicht beruhigen wollte. Ihr wurde bänglich. Denn man weiß: Pferde wittern böse Geister.

Der Wojtĕch blieb ruhig, obwohl er das Vorzeichen auch kannte. Er legte seinen Arm fest um sie und zog sie von hinnen. In der Küche war noch Licht. Da standen die Andjola und die Tereza, bloßarmig, bückten sich über Gänse, unter denen man für den morgenden Tag ein grausames Morden verübt, daß das Geschnatter der Todesopfer das ganze Dorf mit der Ahnung von Leckerbissen alarmiert, und rupften an ihnen herum. Das Blut stieg ihnen dabei in die frischen Gesichter. Die Herdflamme, an der sie sie sengten, flackerte hoch, glänzte am vielen blanken Geschirr, das rundum aufgestellt war, und tanzte, wenn man Stroh darein warf, züngelnd auf und nieder. Dazu sangen sie, stießen sich zwischendurch an und kicherten. Die Růžena meinte zu wissen, worüber, und wurde fast zornig. Wojtĕch aber warf noch einen langen und gierigen Blick in die Fenster.

 

Also, man lebte miteinander und vorerst nicht einmal schlecht.

Ein richtiger Bauer, wie sich's sein Weib vielleicht erhofft, wurde der Wojtĕch zwar nicht mehr. Das muß von Kindesbeinen gelernt und unbewußt geübt sein, bis man den Tritt so sicher hat und immer so genau vorher weiß wie das Roß im Göpelwerk.

Darauf kam es der Růžena übrigens nicht so sehr an. Denn im Grunde hatte sie doch nicht geheiratet, um eine Hilfe zu haben. Ihr Gewerbe verstand und versah sie doch manches Jahr allein und ganz famos.

Den Vormund, den albernen Gesellen, der ihren Hühnern hatte vorschreiben wollen, wieviel Eier zu legen sie verpflichtet wären, den war sie doch glücklich los. Das war schon etwas wert. Einen Mann aber, der ihr in alles dareinredete und sich gar so wichtig machte, den hätte sie durchaus nicht mehr vertragen.

Er stellte etwas vor. Und er war ein guter Rechner. Und mit den Juden konnt er markten, erlernte sogar das Mauscheln sehr bald. Das war gar zu spaßig, wenn er darein kam, und es erheiterte sogar die Růžena. Ihr war Feilschen immer zu dumm gewesen, und nur um zu einem Ende zu kommen, hatte sie den Händler einmal zur Unzeit gehen lassen und ein anderes Mal wieder zur Unzeit verkauft. Der Wojtĕch aber hatte eine heilige Geduld. Immer von neuem ließ er den anderen anfangen und hörte ihm recht schafsmäßig und voll andächtiger Sanftmut zu. Bis dem die Galle überlief, er zappelig ward und bot, was sich gehörte. Denn es ist schwer, in einen Stock etwas hineinzureden.

Er verstand es ausgezeichnet, sich schwerhörig zu stellen und, während er auf jedes Wort paßte, wie die Katze vorm Mauseloch, die verkehrtesten Antworten zu geben. Es gibt nichts auf Gottes Welt, was den Partner so in Wut und Verzweiflung bringt und den Zähesten so gewiß mürbe macht. Und wenn der andere sich die Seele aus dem Leibe geredet hatte und der Wojtĕch war dagesessen, ganz Andacht und Überzeugung und Gläubigkeit, dann erhob sich der Bauer zum Schluß, nickte wehmütig und nachdenklich mit dem Kopf: »Wie mein Bruder hast du gesprochen, ganz wie mein Bruder. Aber« und er zog das ohnedies breite Maul noch lasterhaft schief – »ich will's mir noch beschlafen. Es kann morgen wieder wer kommen, mir mehr bieten, und mir tät's alsdann leid. Sehr leid tat es mir. Und du willst doch nicht, daß ich mich kränken tu?«

Er hatte nur viel freie Zeit. Und die Bauern waren ihm zu dumm. So hielt er sich an die herrschaftlichen Beamten. Mit denen kartelte er und konnte die Kunst bald sehr gründlich. Und er machte kleine Geschäfte mit ihnen, die nicht immer zu seinem Vorteil ausgingen. Aber er wußte ganz gut, daß der Umgang mit ihnen für ihn eine Ehre bedeute und daß man Ehren in aller Welt bezahlen muß. Er durfte sich's leisten.

Sonst stand doch für ihn alles so gut, wie man sich's besser gar nicht wünschen konnte. Er war nach Besitz vielleicht der Erste im Dorfe. Und er hatte beim Militär einigermaßen mit der Feder umgehen gelernt, besser als die meisten Bauern, und sogar ein ganz leidliches Deutsch war an ihm haftengeblieben.

Er mocht es zu etwas bringen. Sogar Starosta konnt er werden, in demselben Dorf, in dem man ihn gehudelt und gepufft hatte. Dazu war ein gutes Einvernehmen mit der Herrschaft ein Vorteil, und dafür konnte man es in den Kauf nehmen, daß man ihn gelegentlich ein wenig übers Ohr hieb.

›Bin ich erst Starosta!‹ dacht er für sich. Aber was er hernach wollte, das verschwieg er. Vielleicht, weil er sich selber noch nicht ganz klar war, was er hernach alles wollen und unternehmen werde.

Gerne kutschierte er zur Stadt, Einkäufe besorgen. Er kutschierte nämlich meisterlich, und es machte ihm vielen Spaß. Nur sehr rücksichtslos gegen die Pferde war er dabei. Er überjagte sie gerne, um seine Kunst und Sicherheit zu zeigen. Er trieb sich in den Geschäften um, wo man ihn bald kannte. Und hatt er sich einmal über die Zeit versäumt, weil er Bekannte vom Militär traf, denen man sich zeigen und die man in der neuen Herrlichkeit traktieren mußte, dann hetzte er heimwärts, was eben Platz hatte.

Waren die Andjola oder die Tereza mit oder gar beide, denn seine Frau mochte niemals, dann war es, gar ein Hauptspaß. Denn zuvor gab man ihnen unter den Lauben ein Glas süßen Wein zu trinken. Und sie kreischten alsdann, wenn die Pferde nur so durch die Ebene flogen und schäumten, und der Wojtĕch trieb und feuerte sie immer noch an, nun mit der Zunge schnalzend, nun mit einem langen, klatschenden Peitschenschlag, der nur so durch die Luft sauste. In seinen Ohren war dies, das Rasseln der Räder, das Dröhnen des Wagens, reine Musik. Und der Staub der Straße stieg vor ihnen auf in Säulen und sank gemach hinter ihnen; und die Mädchen kriegten eine Heidenangst, und ihre Röcke flogen hoch, und sie drückten sich an ihn, enge, ganz enge, klammerten sich an, und er lachte ihnen frech in die Augen...

Es wurde so mancher gute Gulden vertan. Aber das brachte er auf der anderen Seite schon reichlich herein. Und wenn nicht? Denn es war eigen: niemals könnt es der Hermann so recht fassen, als hätt er wirklich Anteil am Gelde seines Weibes. Ein richtiges Gefühl des Besitzes erwachte nicht in ihm. Was er hatte, das war sein. Und nur, was er vertan, dies war genossen, und es könnt ihm niemand mehr wegnehmen.

Etwas Leichtes, Unbeschwertes gab ihm das unter einem ewig sorgenden und kargenden Geschlecht. Und der Růžena mißfiel es nicht einmal. Es war ganz gut, daß ihr Mann nicht alles so ernst nahm wie sie selber.

Nur eines kränkte sie: es wollte kein Kind kommen. Und daß ihrer Ehe dieser letzte und wahrste Segen vorenthalten bleiben mußte, dies fraß zu ihrem eigenen Erstaunen, die vordem Kinder nicht eben gemocht, tief an ihr. Für wen plagte man sich denn? Und hatte Gott, an den sie ohne alles Lippenwerk innerlich glaubte, am Ende doch keinen rechten Gefallen an ihrer Ehe gefunden?

Im Dorf aber war ein rechtes Lauern, eine unablässige, schadenfrohe Erwartung. Wie lang würden die beiden überhaupt miteinander hausen, und welches Ende mußte das mit ihnen nehmen? Denn daß es gut ausging, war doch ganz ausgeschlossen, obzwar es sich gegenwärtig soweit ganz hübsch und verträglich anließ. Aber ein Haderlak bleibt ein Haderlak, und nichts und keine Liebe kann etwas anderes aus ihm machen, als wozu er beschaffen ist.

Mochte sie's haben! Denn allen zum Trotz, bei vielen Warnungen und ohne auf einen zu hören, hatte sie doch den schlechten Kerl genommen und eingesetzt, wenn mancher braven Mutter arbeitsames und guterzogenes Kind sich's nicht besser gewünscht hätte, als auf dem Čapekhof zu wirtschaften und seiner Herrin ein guter und getreuer und sparsamer Gatte zu sein. Denn das Anwesen hieß immer noch nach ihr und nur nach ihr, und ah den Namen des Hermann mochte man sich alle die Jahre her gar nicht gewöhnen ...

 

Es gab bald allerhand Gerede über den Hermann.

Das war nicht anders, als paßten sie sämtlich auf ihn oder als hätte sich wider ihn das ganze Dorf verschworen.

Kam derlei seinem Weibe zu Ohren, so zuckt' es ungläubig die Achseln. Was sich die Leute nur immer und ewig um andere zu bekümmern hatten, die ihnen gar keinen Dank darum wußten, statt um die eigenen Sachen!

Ihr kam man damit nicht an. Denn der Wojtĕch mochte sein, wie er wollte – so gut wie die war er lange noch, obzwar allerhand Eigenschaften an ihm zutage traten, die ihr gar nicht gefielen.

Denn blind war sie niemals gewesen. Sie sah scharf und richtig und hatte nur die Fähigkeit starker Naturen, manches zu übersehen.

Tat er aber etwas, das nicht nach ihrem Sinne stand: er war eben töricht. Und weil er immer viel allein gewesen war, so hatt er nie gelernt sich einem anderen bequemen. Das brauchte Geduld und Liebe, daran sie es nicht fehlen lassen wollte, ehe er das begreifen und üben lernen konnte.

Dem man aber mit grenzenlosem Vertrauen begegnete, der durfte sich doch nicht verleiten lassen, das zu mißbrauchen. Und so schlecht war gewiß kein Mensch auf der Welt, Güte, wie die sie ihm rastlos entgegenbrachte, mit Niederträchtigkeiten und Ausspottung hinter dem Rücken heimzuzahlen.

Da war eine Witwe mit zwei Töchtern. Von keinem aus dem Kleeblatt hatte man jemals gut gesprochen. Sie wohnten in einer Keuschen Bauernhäuschen., in einer richtigen, verlumpten Chaluppen, zu der nicht ein einziger Strich Feld gehörte. Nur etwas Kartoffelland, auf dem aber auch eher Unkraut als sonst was wuchs, weil sie zu faul waren, eine Hacke auch nur in die Hand zu nehmen. Bei denen wollte man den Wojtĕch oftmals gesehen haben. Und sicherlich: die Mädel arbeiteten gar nichts mehr und trugen doch neue Röcke an sich – kürzer, rauschender und umfangreicher denn je.

Und dann war in ihrem eigenen Hause diese Andjola. Die hatte neuerdings etwas so Spöttisches an sich, wenn sie mit der Frau sprach, so eine hämische Höflichkeit, hinter der eine dumme Schadenfreude vorgrinste. Und ihre Augen waren gar nicht mehr neugierig, vielmehr frech, und sie schupfte jede Ermahnung von den Achseln. Hätt er am Ende wirklich was mit ihr? Die Růžena war durchaus nicht eifersüchtig, nur eine ehrliche, Abneigung gegen jede Unsauberkeit und jede Hehlerei war in ihr.

Die Andjola mußte fort. Und auf dem Čapekhofe wurde keine Hübsche mehr gedungen. Der Wojtĕch schnitt seine häßlichste Fratze, wenn wieder einmal eine eintrat, die um ein erhebliches mehr zur Vogelscheuche als zu sonst was erschaffen schien. Aber die Růžena blieb unbarmherzig.

Er schimpfte hinter ihrem Rücken auf der Kneipe und zu seinen Schmarotzern, daran es ihm natürlich nicht fehlte, nicht schlecht auf sein Weib. Gegen sie aufzumucken, wagt' er noch nicht. Denn etwas Geschlossenes und Starkes war an ihr, das ihm immer noch Achtung abzwang, obzwar die tägliche Gewohnheit ihn langsam dagegen abstumpfte. Ferne von ihr hatte er Mut. Was sie denn meine? Und warum er denn nach Hause solle? Ein ganzes Nest von Nachteulen mit einem Uhu an der Spitze, der knappe Den Schnabel wetzen. und die Augen rolle, bei sich zusammen sehen, das mache doch niemandem einen Spaß. Und wenn die Růžena dahin treibe, dann solle sie sich nicht wundern, wenn einmal etwas herauskomme, daß sie noch runder dareinsehen werde als sonst...

Das war natürlich zu Anfang nur so geredet, damit man sah, wie ein schneidiger Kerl der Wojtĕch ist. Aber natürlich, es gibt immer Menschen, denen es eine rechtschaffene Gottesfreude ist, noch zu hetzen. Gar noch, wenn sie bei jemandem Geld spüren, das locker sitzt. Und so ging's denn los: »Wojtĕch, du bist der Mann!« Und: »Zeig ihr den Herrn, Wojtĕch!« Bis er glaubte, es stünde seine Ehre, oder was so ein Lump darunter versteht, auf dem Spiele. War er aber betrunken und hatt seinen rechten Unsinn von sich gegeben, so rief man ihr zu: »Denk dir nur, Růženka, so hat dein Mann von dir gesprochen, und dies hat er gedroht!« Zuckte sie die Achseln: »Das ist gegen Gott und sein Gesetz. Nicht einmal fürchten tut sie sich vor dir, Wojtĕch! So macht sie nur?« Und: »Das darfst du dir nicht gefallen lassen.« Bis zwischen beiden Abneigung und Argwohn hochwuchs – eine Dornenhecke, die niemand durchbrechen will.

Es war ihr nicht gegeben, sich auszusprechen. Und etwas Herrisches war immer freilich an ihr gewesen. Denn sie wollte niemals und nichts, nur das Rechte. Und sie meinte, ein jeder müßte das von selber begreifen und sich danach richten. Und sie erkannte wohl: ihr Mann war nicht eben sehr einsichtig. Und so grub sich ihr diese eine Furche, die der Zweifel und das traurige Nachsinnen gepflügt, immer tiefer, schnurgerade, wie von einem starken Beilhieb, in die Stirne ein.

Und wie häßlich das nur war, immer im Verdacht zu leben und keine Stunde sicher zu sein! Denn immer tiefer fraßen sich diese rastlosen Anklagen in ihr. Und war die Andjola auch nicht mehr auf dem Hof, aus der Welt war sie darum nicht, und auf den Namen kam es nicht an, den das Frauenzimmer trug.

Und die Růžena war viel allein. So zog sie dies alles immer tiefer in sich, und die Luft, die sie atmete, war erfüllt mit eitel Befürchtungen. Manchmal setzte sie sich zum Vilém und klagte sich bei ihm aus. Denn die Tereza war in ihren Augen immer noch das Kind, das von derlei nichts wissen durfte, wiewohl die Burschen schon stets dreister nach ihr schielten. Und ein großes und tiefes Leiden schwoll in der Brust der Růžena. Ihren Bruder, diesen braven und guten Menschen, hatte man ihr für sein ganzes Leben unglücklich gemacht. Einem anderen aber war nichts geschehen. Warum nicht? Nur damit er sie elend machen könne? Sie wollte diesen Gedanken beichten, dessen ganze Sündhaftigkeit sie empfand; aber los wurde sie ihn nicht mehr, seitdem er ihr gekommen war.

Immer härter wurde sie, je deutlicher sie erkannte, daß sie über ihren Mann gar keinen Einfluß habe und gewinnen könne.

Einmal, da er sich schwer berauscht hatte – und oftmals war er ihr schon in einem Zustand heimgekommen, vor dem es ihr grauste, und wollte ihr dann gar noch schöntun –, sperrte sie ihm die Tür vor der Nase zu. Er schlug einen Heidenlärm, pochte und brüllte und rief sie dazwischen mit spöttischen und lästerlichen Kosenamen, daß das ganze Dorf wach ward und alles lachte. Alle rief er zu Zeugen an für die Schmach, die man ihm bereitet. Sie blieb unerbittlich, wiewohl sie mit Herzklopfen hinter der Türe harrte.

Als alles ruhig geworden war, machte der Wojtĕch kehrt. Das ging trotz seines Rausches sehr stramm. Er drohte noch einmal mit der Faust nach dem Hause herüber, grimmig, nachdrücklich. Alsdann sah er sich um. Er war allein. Alle Fenster standen vom Mond überglitzert in der Nacht. Er fuhr sich durchs Haar und grinste sehr breit. Auf der Gasse schlafen? Nein, das tat der Wojtĕch nicht. Denn der volle Mond stand am Himmel und sog alle Nebel aus der March, die mit eitel silbernen Schuppen und mit sachtem Rauschen dahinfloß. Da könnte man an seiner Gesundheit Schaden nehmen. Das war ein Unheil geworden, dem man sich nicht aussetzen durfte. Er schlich sich durch die tiefen Schatten dahin, wo die Andjola nun diente. Dreimal blaffte er wie ein Hund, der mit dem Mond seinen ewigen Streit hat. Dann verschwand er.

 

Auch das wäre zu ertragen gewesen, obwohl das ewige Gerede darüber peinigte und beunruhigte, wie eine, einzige rastlose Bremse das stärkste und ruhigste Roß toll machen und zum Durchgehen bringen kann.

Aber derlei begibt sich immer wieder. Auch anderen widerfuhr es. Nur nimmt's die eben leicht und entschädigt sich so oder so, die verwindet es schwerer und schleppt es mit sich wie einen schweren, schweren Stein.

Sie hätt's freilich besser verdient. Sie wußt es bei sich. Und so unhübsch war sie am Ende noch lange nicht, daß man an ihr ganz und gar kein Gefallen finden konnte.

Damit kann ein tapferes Weib, schwer genug, aber es kann damit fertig werden. Und sie mochte dem Gesindel um sich nicht die Freude gönnen, zu klagen oder über den Mann ihrer eigensten Wahl zu schimpfen, worauf das doch in schadenfroher Sehnsucht nur wartete.

Es war eben eine schwere Heimsuchung, die ihr Gott auferlegt hatte. Sie trug sie, ungebogenen Sinnes. Es kam ihr manchmal wohl der Gedanke, dem ein Ende zu machen, das sie so verstörte und ihr jede ruhige Stunde nahm. Die March war nahe und tief genug.

Davor aber schreckte nicht nur ihre große und aufrichtige Frömmigkeit zurück. Auch das Gefühl der Verantwortlichkeit in ihr war zu mächtig. Was wurde ohne sie aus dem armen Krüppel, an dem ihre Seele hing? Was aus dem Hof, den sie so in Flor gebracht, daß er weithin als Muster gelten konnte? Denn des Wojtĕch Lumpenleben ging nun schon ins Geld, da sie noch strammes Regiment und die Schnüre des Geldbeutels in fester Hand hielt. Kam er darüber, so war in kurzem wohl alles vertan. Und einen solchen Gedanken verträgt eine rechtschaffene und aufrechte Bäuerin nicht. Je tüchtiger sie ist, desto mehr fühlt sie sich nur als Verwalterin und Nutznießerin dessen, was sie überkommen und ungeschmälert, wenn nicht vermehrt, ihren Folgern und Erben übergeben will.

Und nun wußte sie: es gab da und dort, beim Krämer und beim Wirt, Schulden. Und die wuchsen immer höher, und wie wollte er, der keinen eigenen Kreuzer hatte, sie zahlen, wenn er sie nicht betrog? Und man trieb auch wirklich Verstecken mit ihr und suchte sie allenthalben zu übervorteilen. Es gibt für die Dauer nichts, was so mit einer immer steigenden Erbitterung reizt, wogegen man sich so wehrlos fühlt.

Dabei bereitete sich unter ihrem eigenen Dach, so daß sie's unbedingt hätte gewahren müssen, wenn ihr die ewigen Sorgen und Verdrießlichkeiten nicht den klaren Blick benahmen, das schlimmste Unheil vor.

Nämlich, die Tereza war wirklich zu ihren Jahren gekommen. Und sie hatte gehalten, was sie klein versprach. Ein sehr hübsches und munteres Mädchen war sie geworden. Wie eine Kastanie war sie, die eben aus ihrer stacheligen Hülle gesprungen ist: bräunlich von Antlitz, braun das Haar und die Augen, und überaus und allenthalben blank.

Allen Burschen gefiel sie so. Denn sie war auch eine gute Partie. Keinen aber reizte sie mehr als den eigenen Schwager.

Nun mußte man immer zusammen sein. Und die Gemeinschaft war so eng, daß kaum ein Augenblick verging, wo man einander nicht begegnete oder nicht immer wußte, wo man das andere treffen und überraschen konnte. Und die Tereza war sehr fleißig und geschickt, und keine Arbeit war ihr zuviel, und durchaus brav war sie.

Es waren ja manchmal in sehr schweren Stunden der Růžena Gedanken an solche Möglichkeiten gekommen. Aber sie scheuchte sie immer wieder und mit aller Kraft. Denn derlei war doch zu niederträchtig und unerhört und eben nur ein Beweis, wie schlecht sie selber geworden war, seit sie von nichts als Bosheit und Hinterlist hörte.

Und was sollte sie denn auch dagegen tun? Das Mädchen aus dem Hause und in einen Dienst geben? Dazu hatte sie kein Recht. Denn die Tereza war so gut wie sie ihrer Eltern Kind und mußte sich also nicht als Dienstmagd quälen, wenn die Schwester die reiche Bäuerin vorstellte.

Und hätte das auch nur zu etwas geholfen? War es nicht selbst das klügste, man behielt die Verdächtigen bei sich, unter den eigenen Augen, und hoffte, die Scheu vor Frau und Schwester werde stark genug sein, sie vor einem unverzeihlichen Unrecht zu schützen? So verdorben ist selten einer, um alles Vertrauen zu mißbrauchen, das ihm gewährt wird.

Immer heftiger und dennoch immer zweifelnder klammerte sie sich an das einzige was ihr noch blieb: an ihren Glauben an das Gute im Menschen.

Sehr gerne, zur Erleichterung ihrer Seele und weil es Dinge gibt, die man einem fremden Seelsorger eher bekennt als dem vertrauten Beichtiger, hätte sie eine Wallfahrt unternommen. Aber sie traute sich nicht einmal nach dem Heiligen Berg, als dürfe sie die Tereza nicht für einen Tag sich selber und dem Wojtĕch überlassen.

Erwog der Hermann derlei? Machte er sich überhaupt Gedanken, die über das Allernächste hinausgingen? Er wußte nur eines: das Frauenzimmer machte ihn toll. Er konnte sich nicht satt sehen an der Tereza. Aus jeder ihrer Bewegungen floß für ihn ein unerschöpflicher Reiz.

Und überdies standen ihm als nahem Verwandten von Anbeginn gewisse Vertraulichkeiten zu, die sie erst litt, ohne sich was dabei zu denken, und denen sie sich nachher durchaus nicht entziehen konnte, so unangenehm und drückend sie ihr wurden.

Und sie war jung und lachte gern. Vor der Růžena traute man sich das kaum mehr. Und er hatte Witz und eine sehr lustige Art, insgeheim seiner Frau nachzuspotten und ihrer steinernen Ernsthaftigkeit. »So macht sie, Terezka, und so guckt sie.« So sehr sie die Schwester liebte, sie hatte doch auch eine Scheu vor ihr, und also machte es ihr Spaß, die ihr sonst immer Respektsperson und ober ihr gewesen war, nun klein und komisch gemacht zu sehen.

Dies ist ein guter Kniff. Wer die letzte Achtung vor andern verliert, der gibt sie leicht auch vor sich selber auf und ist hernach zu Dingen zu bewegen, zu denen er anders nicht leicht zu bringen gewesen wäre. Das ist nun einmal Menschenart. Und der Wojtĕch war darin über jedem Komödianten. Und so hatten die zwei immer zu kichern auf Kosten einer dritten, und ohne daß sie etwas dafür konnte, blieb's in der Kleinen haften, und die Schwester sank in ihren Augen.

Zankte sie einmal, dann fiel der Tereza gewiß ein Schwank des Wojtěch ein, und die rechte Wirkung war zum Teufel. Wer hieß sie auch immer und aus jedem Anlaß predigen? Das merkte die Růžena natürlich, und sie wurde immer stutziger. Bestand da schon ein Komplott gegen sie?

Und überdies, der Wojtěch schonte sich selbst nicht, machte sich nicht besser, als er war. Er erzählte von seinem Lumpenleben. Natürlich nur in Andeutungen, nur so weit, daß man nicht wußte, hatte er seinen letzten Streich vor wer weiß wie langem oder gestern getan, nur eben, daß ihre Neugierde gereizt ward, daß sie alles desto verzeihlicher und lustiger fand, weil es als selbstverständlich berichtet ward. Ja, das war einmal so auf der Welt. Und wer einem jungen Gemüt Einblick in den Weltengang verheißt, der darf seiner Dankbarkeit sicher sein.

Dabei kam er im eigentlichen nicht einen Schritt weiter. Umsonst wandte er alle seine Künste und Lockungen an und suchte jeden Augenblick des Alleinseins zu nutzen.

Geld vermochte bei ihr nichts, die dessen nicht bedurfte. Und sie war allerdings neugierig wie jedes Mädchen in diesem Alter; aber vorsichtig war sie auch.

Immer widerstand ihm die Tereza. Je heftiger er sie bedrängte, desto widerwärtiger ist er ihr geworden. Und so ganz mit der Sprache traute er sich vor ihr doch nicht heraus. Immer hoffte er auf eine Überrumpelung, in der er's ihr abgewann, und fühlte sich so langsam genarrt.

»Merk auf, was dann herauskommt«, drohte er einmal.

»Wann?« machte sie sehr unschuldig.

»Tu nicht so heilig! Nun, dann, wenn du durchaus nicht anders wirst.« Und er schielte sie so tückisch an, daß sie vor dem Bosnickel im Innersten erschrak und ihn dennoch sehr unbefangen ansah. Denn gewahrte er ihre Furcht, dann war es ganz und gar nicht mehr auszuhalten.

Ein Zorn, der sich nicht zu helfen wußte, wuchs davon in ihm. Er wurde roh und gehässig gegen sein Weib. Wo er sie nur irgend kränken konnte, dort hat er's immer und erfinderisch getan. Es gab kein Scheltwort – und der Hannak kann an einem Tag mehr schimpfen, als ein anderer anzuhören fähig ist! –, das ihm für sie zu schlecht war.

Eine Trauerkuh, die schon zu gar nichts taugte, war sie bei ihm. Und es war ihm gleichgültig, ob Zeugen dabei waren oder nicht. Ja, vor Fremden zeigte er's ihr am liebsten. Und weil sie zu Beginn nicht gleich dareinfuhr, auch mit dem Mundwerk nicht so flink war wie er, so wuchs seine Frechheit und seine Gehässigkeit mit jeder Stunde.

Sie war überflüssig auf der Welt. Aber das hätte man verzeihen können, wäre sie, die zu gar nichts gut war, ihm nicht noch ein Hemmnis gewesen. Sie aus dem Wege, und es war ihm bei dem Mädel sicher geglückt, wie bei mancher, die auch erst sehr spröde getan. So aber – wie die rechte Mutter, die man nicht hintergeht, war die Růžena immer zur Schwester gewesen.

Die Růžena aber litt und schwieg. Und sie weinte immer noch nicht; mindestens gesehen hat es keiner. Aber in sich hatte sie das Gefühl und den festen Glauben, der zahlende Tag für alles müsse kommen, das ihr da einer antat, dem sie von der ersten Stunde an das Beste vermeint und bereitet.

Wären die beiden Schwestern zu einer herzlichen Aussprache gelangt, so wär es wohl das beste gewesen. Man hätte sich, gleichviel wie immer, des heillosen Gesellen entledigt, sosehr sich der Bauer sonst scheut, die Gerichte anzurufen, wenn es nicht um einen der beliebten Händel mit dem Nachbarn geht.

Gerade dem stand aber so ziemlich alles im Wege. Denn offenbarte sie die Bedrängnisse, unter denen sie litt, so mußte die Tereza besorgen, einen Brand anzustiften, der erst recht unheilvoll ward. Aufs äußerste war der Wojtĕch in jeder Hinsicht gereizt; er haßte die Schwester; ein Augenblick genügte, um ein Unheil zuzubereiten, das nie und nimmer gutzumachen war.

So schwieg sie weiter, nachdem sie nicht von Anbeginn gesprochen. Denn sie selber hatte nicht von allem Anfang an den Ernst der Nachstellungen und der Schlechtigkeit des Schwagers geglaubt. Bei einem Schwank aber, auch wenn er derb ist, zimpert man nicht und macht nicht viel Wesens.

Je mehr aber zu berichten gewesen wäre, desto schwerer konnte sie anheben. Und sie hatte auch eine solche Scheu vor der Růžena und wünschte desto mehr, sich ihr anzuähneln, je besser sie erkannte, wie verworfen der andere war. Die aber war so sehr verschlossen und gönnte niemandem einen Blick in sich.

Freilich, sie hoffte immerdar, die Schwester werde sich zu einem Bekenntnis entschließen. Sie wartete lang und schmerzlich darauf. Aber kein Mädchen spricht gern davon, wenn man es mit aller Gewalt herunterzerren und schlechtmachen will. Es ist das die innere Scham, die sehr lähmt.

Im Wojtĕch aber setzte sich immer unbezwinglicher die Vorstellung fest, die Růžena müsse aus dem Weg, um jeden Preis.

Vordem hatte man's doch bequem gehabt. Man ließ einen besprechen oder ihm das Leben abbeten. Die feine Kunst war leider, wie manches Gute und Nützliche, ganz außer Schwang und Übung gekommen.

Und so begann er sein Weib mit jenem Hasse zu verfolgen, der eigentlich kein Wort mehr gebraucht und nach keiner Tat greift. Denn in jeder Bewegung, in jedem Streit liegt er und spricht sich aus.

Es war nicht anders, als wolle er ihr mit Blicken und mit seiner frechen Verachtung das Leben vergiften. Er gab ihr niemals eine Antwort, in der nicht ein Hohn und eine Beleidigung lagen. Als wolle er sie wirklich durchaus in die March drängen, so und wie ein rechter Teufel, der in ihm aufgewacht war, hat er's mit seinem Weibe getrieben. Er war unklug; denn je mehr die Tereza die Schwester bedauerte, desto unfähiger ward sie, ihr ein Leid zu tun, desto mehr wurde ihr der ein Greuel, der zu solchen Mitteln griff, nur um ein armes Mädel zu seinem Gelüst zu zwingen.

Sie sah sich keinen Rat, während die Růžena immer ernsthafter und nachdenklicher in sich nach jener Versündigung forschte, der sie ein solches Los danke. Sie fand keine, und darum hielt sie aus und litt weiter, was ihr von dem Haderlaken, dem Hermann, zugefügt ward, ganz durchdrungen davon, die Stunde werde kommen und sie bereit und entschlossen finden.

Wenn sie zu Nacht erwachte und das trübe Nachtlicht glomm, dann sah sie oftmals nach ihm, der da in wüstem Schlummer lag, häßlich und gemein, und sinnlose Worte vor sich hin murmelte, deren Bedeutung zu erraten sie sich fürchtete.

Und alle ihre Sorgfalt vereinigte sich auf den Vilém, damit der Wojtĕch dem armen Wehrlosen nicht etwas zufüge. An ihn aber wagte sich der in aller seiner Ruchlosigkeit immer noch nicht; zu ihm war er sogar gut, wie er's nur je gewesen.

Sie alterte frühzeitig unter diesen Begebenheiten. Eine ganz kurze Zeit war auch sie in der Ehe aufgeblüht. Das war vorbei, und sie verfiel sichtlich. Der Gram über ihre Kinderlosigkeit fraß ihr immer mehr am Herzen. Sie tat Gelübde und spendete reichlich. Immer neue kränkende Ähnlichkeiten fand der Wojtĕch an ihr heraus. Und immer wieder, und war die Frau nur für eine Stunde von Hause, versuchte er die Tereza, mit Drohungen, Verheißungen, die sie nicht lockten. Abmüden wollt er sie, bis sie sich nicht mehr zu helfen wissen werde vor ihm. Es ging auch beinahe über die Kraft eines jungen Geschöpfes, was er alles mit ihr probierte.

Dennoch blieb sie fest. Hatte er seinen harten Schädel, so setzte sie den ihrigen auf, sich's nicht abtrotzen zu lassen. Und so war zwischen ihnen ein ewiges, wütendes, verhohlenes Ringen, von dem es nur ein Wunder war, daß es so lang geheim und unentschieden blieb.

Er mußte sie übermeistern. Mußte! Denn man merkte seine Verliebtheit und stichelte auf ihn. Ein Ehrenpunkt war's für ihn geworden. Er mußte seinen Freunden und vor allem sich zeigen, er könne durchsetzen, was immer.

 

Es war ein sehr schwüler Sommertag.

Eine so helle Sonne, daß selbst der Himmel bleigrau erschien und wie überflogen vom Staub, der tief und vor dem leisesten Windhauch beweglich auf der Landstraße lag. Die unsägliche Helle blendete und tat den Augen weh. Nirgendshin konnte man vor dem Flirren und dem großen Leuchten blicken. Und eine tiefe und atemlose Stille lag über dem Dorf.

Es war wie eine einzige, ungewisse, bängliche Erwartung über allem. Nur die March rauschte ferne und feierlich und glitzerte wie ein bewegter Spiegel, der alles Licht ins Unerträgliche übergrellt. Der abgerissene Jubelruf von Kindern, die nächst der Mühle ihre Erquickung fanden, erklang wie ein fröhlicher Glockenton durch das Schweigen.

In ihrer Küche stand die Růžena und schälte mit einem sehr scharfen, kurzen, dreikantigen Messer Kartoffeln für das Mittagbrot. Manchmal tat sie einen suchenden Blick nach dem Krüppel, ihrem Bruder, dem die gellendste Sonne nichts anhatte, der sie dankbar empfing und tief in sich sog.

Die Tereza war vom Felde heimgekommen. Ganz müd und aufgeregt von der Hitze. Ein wenig hatte sie sich verschnauft. Nun machte sie sich da und dort zu schaffen. Ihr blankes Hemd leuchtete wie ein weißes Flämmchen. Ja, da war eben Jugend und Kraft, der Arbeit und rastlose Bewegung eigentlich ein Bedürfnis waren. Mit einem stillen, tiefen Neid sah ihr die Schwester nach, die sich vom Leben und ihren Gedanken so sehr abgemüdet fühlte.

Dann kam sie wieder ins Rechnen. Das liebte sie. Das zog sie von Schlimmerem ab. Das Jahr war gut gewesen. Das Gras war reichlich geraten, und die Rüben standen über alles Erwarten. Zu verbrennen fand die Hitze nichts. Die Gerste war prächtig gediehen und versprach in der Farbe so zu werden, wie man es nur wünschen konnte: ein Korn makellos wie das andere. Das konnte ein schönes Stück Geld hereinbringen. Vielleicht, wenn der Wojtĕch nicht gar zuviel verliedert hatte und nicht allzu unangenehme Schulden aufkamen, konnte man ein Stück Feld dazukaufen, das feil war und das sie sich sehr wünschte.

Wozu aber und für wen machte sie eigentlich noch solche Pläne? Dies fiel ihr schwer aufs Herz.

Es war so schwül, daß selbst das rastlose und eintönige Piepen der Küchlein verstummt war. Und sie dachte weiter: ja, die gesperberte Henne mit dem weißen Schopf, die taugte nichts mehr, die mußte fort, in die Suppe. Dazu war sie noch gut genug und sonst zu nichts. Und auch dabei wurde der Růžena ganz eigentümlich weh um die Brust.

Der Ausrufer schritt durch das Dorf. Er handhabte seine Trommelschlegel lässig und ohne jeden feierlichen Nachdruck, den er sonst an sich hatte. Alleweil wischte er sich das Gesicht und schöpfte tiefen Atem, ehe er seine Litanei herunterratschte. Ja, wenn niemand auf einen achtet, dies lähmt den Eifrigsten. Er fühlte sich zum erstenmal in seinem Leben überflüssig und gar nicht Amtsperson. Natürlich, wer hatte die mindeste Lust, aus dem Schatten zu treten und auf etwas zu horchen, was er ohnedies schon wußte?

Es war eine unendliche Hellhörigkeit in der Luft. Und der Růžena erschien es, sie vernehme ein fernes und eifriges Wispern, das durchaus nicht für sie bestimmt und zu undeutlich war, um es zu enträtseln. Ihm nachgehen? Ja, wozu denn, nachdem man froh war, daß man sich nicht zu rühren brauchte? Sie stellte zu und trocknete ihr Messer.

Und mitten in dieser feiertäglichen Stille ein Schrei. Abgerissen, gell, tierisch.

Die Růžena horchte: gespannt, ganz Nerv. Wer hatte ihn ausgestoßen? Sie tat einige Schritte vor. Dann fuhr sie zusammen. Aber nicht wie eine, die in die Knie brechen will. Denn sie sah etwas. Und geduckt, wie eine Katze, schlich sie vorwärts.

Hinter dem Stadel rangen zwei in erbittertstem Ringen. Ihr Mann und ihre Schwester. Das Hemd des Mädchens war von wütenden Griffen zerrissen. Sein Atem ging schwer und keuchend. Noch widerstand es, und seine Kampflust war größer als seine Furcht, daß es nicht um Hilfe rief.

Dies Ringen hatte der Krüppel gesehen. Und vielleicht in Erinnerung an jenen Handel, der ihm Gesundheit und Verstand gekostet, hatte er, der sonst immer schwieg, diesen einen Schrei ausgestoßen.

Ganz prachtvoll hielt sich die Tereza. Ja, sie war geschmeidig und gekräftigt durch die viele Arbeit, und flink. Aber sie hätte erliegen müssen. Denn ihr Widersacher war viel stärker und tückisch.

Immer näher, ungesehen, jede Deckung benützend, kam die Růžena den beiden. Sie atmete kaum. Die Lippen biß sie zusammen. Dann – unmittelbar vor ihnen ein heiserer, gieriger, unmenschlicher Schrei. Beide fuhren entsetzt auseinander. Noch ein Satz, den nichts mehr hemmen konnte. Das Messer in ihrer Hand blitzte auf und stieß vorwärts, mit einer schrecklichen Wucht und Schnelligkeit. Die Seele der Růžena lebte in diesem Stoß.

Der Hermann drehte sich um sich – einmal, zweimal. Das wäre lustig zu sehen gewesen, war es nur nicht so gräßlich. Dann warf er beide Hände hoch in die Luft und schlug nieder auf sein Gesicht. Und die Tereza schwor hernach, sie könne es im Leben nie vergessen, wie sich die Schwester stumm über den Verröchelnden geneigt, erstarrt, begierig, mit einem grauenvollen Ausdruck voll unversöhnlichen Hasses nach seinem letzten Zucken, seinem letzten, leisen Atemzug.

Alsdann schleuderte sie das Messer von sich. Und ganz tonlos: »Gib acht auf den Hof. Geh zum Bürgermeister und zum Herrn Dechanten. Ich muß in die Stadt, aufs Gericht. Um mein Recht.« Und wie sie war, so ging sie. Mechanisch, getrieben von einer Gewalt, die stärker war als sie selber. Und die Tereza, immer noch im Bann, sah ihr nach, wie sie durch das Flirren des Mittags ihren Gang antrat, der Stadt zu, den Hügel emporklomm, den jener niedergestiegen, wie sie schnell, doch sonder Hast dahinschritt, barhaupt, das Kleid vorne besprengt vom Blute des Mannes, den sie niedergestochen. Erst da sie ihr entschwand, kam die Tereza zu sich. Sie schrie auf und schluchzte...

 

Dies ist der Fall der Růžena Čapek. Auf seinen Ausgang sind viele begierig, und er ist ungewiß. Denn wir haben nicht französische Geschworene. Man wird ihn zu seiner Zeit erfahren. Ich wollte nur die Begebenheiten mitteilen, wie sie im Heimatsort der Witwe Hermann berichtet werden...

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