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Jakob Julius David: Die Hanna - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorJakob Julius David
titleDie Hanna
publisherAufbau-Verlag
addressBerlin und Weimar
printrun1. Auflage
editorPeter Goldammer
year1984
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectidac675c67
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Cyrill Wallenta

»Also, du willst mir wirklich nichts mehr einschenken, Moses?«

»Bei Gott, und keinen Tropfen nicht mehr.«

»Ich zahl aber für alle!«

»Und wer zahlt für dich, mein Söhnchen?«

Der Bursche sah den Schenkwirt mit allerschlausten Zwinkeraugen an. »Du heißt mich dein Söhnchen. Also, du wirst doch keine Angst haben und mich kränken, Moses? Wegen so paar lumpige Groschen! Du weißt doch, ich hab immer wieder gezahlt. Und du bist kein solcher Wucherer wie der Naz. Du hast doch ein Gefühl in dir und wirst einen Christenmenschen nicht verdursten lassen.«

»Ja, immer wieder hast du gezahlt, und einmal wirst du vergessen.«

»Wennschon? Wirst alsdann genug an mir verdient haben, daß du's mit der schwarzen Kreide kannst in den Rauchfang schreiben. Und diesmal zahl ich sicherlich. Ich krieg bald viel Geld. Du weißt, ich halt immer mein Wort.« Er sah den Wirt fast drohend an.

Moses schwankte. Dann gab er sich einen Ruck. »Es ist genug für einen Tag, und ich will sperren.«

»Die aber dürfen weitersaufen? Die haben jeder sein Glas voll.«

»Die trinken an einem Abend, was du in einer Stunde. Hättest du halt auch gespart!«

»Hast recht, mein Wohltäter. Aber warum tun sie das? Weil sie ein Volk sind, alt, und sie gönnen nicht einmal sich was und einem andern schon gar nicht. Wir aber sind jung, und wir meinen's uns gut und dir erst recht gut. Verdienen sollst du, Bruderherz, und reich werden.«

»Ist schon gut. Das muß aber nicht auf einmal sein.

Und für heute ist es demnach genug.«

»Also kein Glas Schnaps mehr? Damit man sich nicht erkältet auf der Straße?«

»Kein Glas Schnaps.«

»Nicht einmal ein Gläschen? Oder wenigstens ein Bier, damit man es nicht so leer hat in sich? Zapletal! Zeig du, wer du bist und daß es noch Leute im Dorf gibt, die ein Geld haben.«

Zapletal, der am Bauerntisch saß, zuckte zusammen und schielte höhnisch nach dem Burschen, entgegnete aber kein Wort. Der Wirt drängte. »Nichts, gar nichts kriegst.«

»So schenk mir wenigstens eine Zigarre auf den Weg. Eine, wie du sie rauchst.«

»Heut ist Freitagabend, und da rauch ich nicht.«

»Was geht mich dein Sabbat an? Eine Zigarre will ich haben, die nicht auf die Rechnung kommt. Wirst mich nicht anders los, Moses!«

Moses mußte lachen. »Da hast, Bettler.«

Der Bursche steckte sie sehr umständlich an. Alsdann legte er eine Hand schwer auf die Schulter des andern und sog mit Macht an seiner Zigarre. »Nichts Gutes gönnst du mir. Keine Luft hat sie, mein Väterchen. Aber ich will schon fertig werden mit euch. Ich hab eine gesunde Lunge, und ich halt schon was aus. Und keinen Bettler schimpfen mußt du mich nicht. Und nun – gute Nacht, meine Gönner!« Und er verbeugte sich sehr höflich vor jedem einzelnen. Ganz stramm, in etwas steifer, militärischer Haltung, die Urlaubermütze schief gesetzt, verließ er die Stube an der Spitze seiner getreuen und anhänglichen Kumpane. Dann hörte man seine Stimme ein Schelmenlied durch die stillen Gassen jauchzen und eine Erörterung mit dem Nachtwächter, sehr umständlich und nur zu dem Zweck sehr laut geführt, damit das ganze Dorf rebellisch werde. Denn alle Wachthunde fühlten sich beunruhigt und also veranlaßt, Stellung in der Streitfrage zu nehmen. Sowie es völlig ruhig geworden war, zahlten die andern und gingen heimwärts, wie es bedachten und besonnenen Bauern und Häuslern ziemt, denen es nicht taugt, sich anstänkern zu lassen. Zwei nahmen Zapletal unter die Arme und führten ihn.

Denn er hatte es arg mit den Beinen.

Die Stube war erfüllt von dickem Rauch nach schlechtem Tabak und Branntweingeruch. »So ein Bauer! Ehe er nicht erstickt, glaubt er nicht, daß ihm wohl ist, der Bauer!« So brummte der Wirt, stieß ein Fenster auf und ließ die kühle Abendluft ein. Die Petroleumlampe schwankte im Wehen; sie qualmte hoch auf, und ihr stickiger und brenzelnder Mißduft erfüllte das Zimmer. Eine tschechische Magd, die kein deutsches Wort in ihren dicken Kopf bringen konnte, wusch die Gläser und Gläschen und fegte notdürftig am Boden. Die Wirtin ordnete die Geldsorten, hüstelte und seufzte manchmal tief und asthmatisch. »Ich spür meine Beine gar nicht mehr unter mir. Und immer schwerer wird es, das blutige Leben zu verdienen.«

Er sah ihr zu. »Hast recht, Sali, mein Kind! Immer schwerer wird's. Ein ander Geschäft wenn man sich nur wüßt, gleich möcht ich's anfangen. Alles läßt aufschreiben. Mahnt man oder klagt man, so wissen sie nicht, was sie einem antun sollen. Und wenn man die Pacht nicht auf die Stunde niederlegt, gleich droht einem der Graf, er wird uns rausschmeißen. Was seine Prozesse fressen, das möcht er an uns herausschinden.«

Die Wirtin zählte die Striche am grünen Wandschränkchen: »Cyrill Wallenta ist sieben Gulden fünfunddreißig Kreuzer schuldig.«

»Ist viel Geld. Man wird ihm aber doch weiter borgen müssen.«

»Er ist aber nicht gut für so viele schlechte Groschen!«

Moses strich sich liebkosend über das dem Sabbat zu Ehren glattrasierte Gesicht: »Ja. Aber einen großen Anhang hat er, und er geht mir sonst mit seinen Kameraden zum Naz. Getanzt wird doch nicht bei uns, muß man doch gut aufpassen auf sein bissel Kundschaft. Und wenn er ein Geld hat, so zahlt er doch immer.«

»Woher nimmt er aber ein Geld? Er arbeitet doch nichts. Was willst du ihm nehmen, wenn er einmal nicht wird zahlen wollen? Er geht nicht in die Zuckerfabrik. Er heiratet nicht und war schon lang in den Jahren dafür.«

»Weil er nicht heiratet? Weiß ich, warum er so tut und woher er's nimmt? Geht's mich was an? Von mir, wenn er mir was fürs Gericht macht, läßt er sich's doch niemals zahlen.«

»Er ist ein Lump.«

»Ein Lump? Aber wollte Gott, der Allgütige, unser Jüngel, der Moritz, hätte seinen Kopf auf sich. So ein Kopf!« Der Wirt geriet in ein andächtiges Neigen des Hauptes, das gar kein Ende nehmen wollte.

»Was willst du schon wieder von unserm Jüngel?«

»Will ich was von ihm? Er ist gottlob ein braves und ein frommes Jüngel. Aber dem Wallenta sein Kopf! So ein Kopf!«

»Er ist aber doch ein Lump!«

»Ein Lump? Ich weiß nicht. Aber«, und ein breites Schmunzeln ging über das ganze Gesicht des Wirts, »ein ganz ein niederträchtiger Kerl ist er.«

 

Also: Cyrill Wallenta war ein ganz ein niederträchtiger Kerl.

So hieß ihn Moses Lichtenstern, und das gesamte Dorf war seiner Meinung. Man möcht's aber gar nicht glauben, wie verschiedenen Sinn die gleiche Benennung gewinnen kann. Bei vielen färbte sie der Haß. Bei andern die Bewunderung, ja die unbedingteste Zärtlichkeit. Immer aber klang ein großer Respekt vor dem ganzen Menschen mit.

Am 5. Juli 1861 waren der sehr armen Kleinhäuslerin Wallenta Zwillinge beschert worden. Die Patenschaft übernahm der reichste Bauer auf viele Meilen in der Runde, Kajetan Zapletal. Angesichts der besonderen Verdienstlichkeit dieses guten Werks und der ausnehmenden Heiligkeit des Tags Tag der sogenannten Apostel der Slawen, Cyrillus und Methodius.. Natürlich empfingen die Knäblein in der Taufe die Namen nach den gesegneten Landesaposteln.

Das eine starb früh. Und Cyrill Wallenta meinte später, es sei ein wahres Glück gewesen. Denn sonst hätte am Ende er etwas »Methodisches« an sich. Und das hätte ihm durchaus nicht gepaßt.

Er aber wuchs auf. Kräftig, aber meisterlos. Ein großer Raufer, in der Schule der Beste. Erstaunlich geschickt und würdig beim Ministrieren, das ihm manchen guten Groschen trug. Es ging ihm nichts ab. Er war wenig daheim. Er hielt sich zu seinem Paten oder trieb sich in der Dechantei um. Man hätte ihn gern zum Studium getan, und der sehr reiche Pfarrherr wollte sich seiner annehmen, wenn er geistlich würde. Davon wollte der Bube durchaus nichts wissen, trotz allen Lamentos der Mutter, welch ein Glück er sich und ihr für ihre mühseligen alten Tage damit verscherze. Mit Gewalt aber war bei ihrem Cyrill nicht das mindeste auszurichten. Es gibt keinen so dicken Schädel mehr auf der Welt.

Er machte sich gern nützlich, ohne sich darum seiner Unabhängigkeit zu begeben. Befehlen ließ er sich einmal nichts. Was nicht beim Zapletal vorsprach, das erschien beim hochwürdigen Herrn. Und so kannte der Bube früh das ganze Dorf mit allen seinen Bedürfnissen. Er war gesprächig und munter und dabei dennoch von einer erstaunlichen Verschwiegenheit. So wurde er viel zu Gängen und geheimen Aufträgen verwendet; denn sein Pate hatte weitgespannte Geschäfte, in die nicht jeder blicken durfte. Die alte Wallenta starb vor Neugierde. Immer roch sie den Braten, und niemals bekam sie einen Bissen zu schmecken. Denn aus Cyrill war kein Wort herauszubringen. Wollte sie ihn ausforschen, dann sah er sie scheel und spöttisch an und pfiff sich eins.

Und wie der Bube nur pfiff! Das war ein Wunder. Die verwickelteste Weise, die er nur einmal gehört, saß fest in ihm. Auf seinen einsamen Gängen pfiff er sich immer etwas vor und sprach vielleicht so aus, was ihn innerlich beschäftigte. Denn ohne Ungeselligkeit, war er gern für sich. Später kaufte er sich für sein erspartes Geld eine Ziehharmonika. Die hatte er bald weg, daß der blinde Jindrak ein Stümper neben ihm war. Und der lebte doch davon! Wenn Cyrill an einem linden Sommerabend vor der Chaluppe Baufällige Hütte. seiner Mutter saß und sich mit seinem Blasebalg vergnügte, so verweilten sich die spazierenden Liebespärchen vor ihm, standen umher und horchten. Die Geige aber mocht er nicht lernen, obwohl ihn der Herr Lehrer, der für einen feinen Künstler galt, umsonst darin unterweisen wollte. Er las kein Buch. Alles flog ihm so zu, und ihm blieb unverloren, was er jemals hörte. Zu Schreibereien ließ er sich willig verwenden und schlug manchmal Änderungen vor, die einen ganz guten Sinn hatten. Und so vergingen die Jahre. Schon fegte sich mit der Anerkennung seiner Gaben das Bedauern, daß er so gar keinen rechten Gebrauch davon machen wollte.

Dann war er zum Militär genommen worden. Seine Ziehharmonika ging mit, und er spielte beim Abschied den andern auf dem traurigen Marsch zur Stadt darauf vor, daß sie übermütig wie richtige Rekruten in ihr aufzogen.

Die andern seines Jahrgangs waren verabschiedet worden. Wallenta hatte es damals schon, nach drei Jahren, zum Feldwebel gebracht, und man erzählte Wunder, in welcher Gunst er bei den Herren Offizieren stünde. So war er auch in der Ferne eine wichtige Person und Gegenstand mancher mütterlichen Sorge. Er kam nicht einmal auf Urlaub heim. Ohne Unterbrechung diente er weiter. Volle zehn Jahre blieb er in der Fremde. Seine Mutter war darüber gestorben, und wenn nicht immer Neue zu seinem Regiment eingerückt wären, die Kunde von ihm brachten, so war er für das Dorf völlig verschollen. Denn zu einem Brief schwang er sich nicht auf. An wen denn?

Endlich kam er heim, den Anspruch auf eine Versorgung im Staatsdienst in der Tasche. Er richtete sich in der Hütte seiner Mutter ein. Was er da wolle? Ja, sich ausruhen nach der vielen Schinderei bei den Soldaten. Das sei keine Kleinigkeit mit all dem dummen Volk. Ob er hierzubleiben gedenke? Kaum. Oder doch eine Zeit. Je nachdem es ihm gefallen werde.

Er hatte sich in alle den Jahren wenig verändert. Er sah sehr jung aus. Denn er hatte strohblondes, zerzaustes Haar, wie einer, der einmal da und wieder dort schläft, auch ganze Nächte durchlumpt, sich am Mühlbach wäscht und mit den Fingern kämmt. Er hatte etwas Zierliches von Gestalt, und man sah ihm seine ungemeine Kraft nicht an. Darum machte es ihm Spaß, einen Raufbold erst mit Schüchternheit zu ermutigen, ehe er ihn plötzlich anfiel und niederwarf. Er hatte ein breites, fahles, bartloses Gesicht. Die Augen aber staken voll Spitzbüberei, und welches Mädel er damit ansah, das mußte rot werden.

Dazu kam, daß er unter den Burschen, die doch meist unter ihm gedient, einen großen Anhang hatte. Sie zogen mit ihm um. Er ließ sich jeden gefallen und wußte von ihnen alles, ohne sich einem zu offenbaren. Nachdem er seine Hütte verkauft, richtete er sich nirgends mehr ein, sondern zigeunerte nur, so wie ein richtiger Zigeuner. Und zu allerhand Niederträchtigkeiten lernte er sein Gefolge an.

Um keine Arbeit kümmerte er sich. Zum stetigen Bauernwesen taugte er nicht. Fürs Tagewerken war er sich zu gut. Er ging viel in die Stadt und zu Gericht, angeblich in seinen eigenen Sachen.

In der Umgebung aber spotteten sie. Ganz Zahlenowitz habe der Zapletal, aufgefressen. So hätten sie nur noch einen einzigen Bauern darin. Und das Dorf sei so arm, daß sie jetzt mit einem einzigen Hahn genug hätten: mit Cyrill Wallenta.

 

Einige Zeit nach seiner Heimkehr hatten die Beziehungen des Feldwebels zu Kajetan Zapletal wieder begonnen. Es hatte sich inzwischen der Großbauer zum andernmal verheiratet. Seine erste Frau hatte er rein des Geldes willen genommen, und die Kinder waren ihnen weggestorben. Nun bei Jahren und kränkelnd, freite er ganz nach seiner Wahl.

Er war allerdings wohl zu alt für sein neues Weib. Wenn man schon aber viele und beständige Schmerzen hat, so liebt man doppelt ein hübsches und freundliches Gesicht, bei dessen Anblick man ihrer vergißt. Die Beine wollten nicht mehr mit. Sie machten ihm ein schweres Kreuz, und die Doktoren schmierten so an ihm herum. Er mußte auch viele Tage zu Bett liegen, aber sein Geist blieb frisch, und seine Geschäfte trieb er wie der Jüngste.

Er hatte etwas gehabt und einiges erheiratet. Und das war unter seiner Hand gewachsen durch Viehhandel und durch glückliche Spekulationen. Da hatten die Bauern auf sein Betreiben eine große Mälzerei gegründet, wie sie anderwärts bestanden und guten Ertrag gaben. Wozu erst die Gerste verkaufen und den Deutschen den schönen Nutzen gönnen, den sie aus dem Malz zogen? Wurde nicht jeder reich, der am Handel damit beteiligt war? »Wie Brüder wollen wir miteinander sein, wie Brüder!« Als aber die ersten Jahre nicht gleich den großen Gewinn brachten, den man sich erhofft, als man gar Nachzahlungen forderte und wirklich eintrieb, da erschraken die kleinen Leute und warfen ihre Anteile hin. Zapletal aber bückte sich um jeden einzelnen und las ihn auf. Seit damals habe er Kreuzschmerzen, spotteten die Leute. Und über Nacht war er der alleinige Herr des Unternehmens, das nun durch seine Klugheit mächtig gedieh.

Er lebte aber immer ganz wie ein Bauer. Er trug die roten Lederhosen und den runden Hut. Das erweckte Vertrauen, und man offenbart sich lieber einem seinesgleichen als einem Fremden. Auch war er durchaus kein Wucherer. Aber er lieh eigentlich erst dann, wenn der Schuldner schon verloren war. Er tat den letzten Hieb, der den wurzelschwachen Baum umwarf. Er hatte seinen Vertrauten beim Grundbuch und knickerte nicht. Er wußte von jedem, wie er stand und wieviel sein Besitz unter jeder möglichen Bedingung wert sei – wieviel im ganzen und wieviel, wenn man ihn zerschlug. Und so hatte ihm keine Mißernte etwas an. Im Gegenteil: ein schlechtes Jahr trieb ihm manchen ins Garn, auf den er anders noch lang hätte lauern können. Der brauchte Saatgut; der Zapletal bezog es in der besten Güte und lieh ohne Zinsen und gegen einen ganz bescheidenen Anteil an der Ernte. Der mußte seinen Viehstand verkleinern und wollte nicht verkaufen, wo eine Kuh nicht besser bezahlt wurde als sonst ein Kalb; der Zapletal half. Gehörten ihm aber auch nur die Hörner eines Ochsen, so war bald das ganze Tier sein.

Er war ein ausgezeichneter Rechner. Und er hatte ein unerhörtes Gedächtnis. Ohne eigentliche Aufzeichnungen kannte er sich in allen seinen verwickelten Unternehmungen aus. Und gar nicht stolz wurde er. »Was bin ich denn anders wie ein Bauer. Nur mehr Sorgen hab ich.« Man kam zu ihm um Rat, und er gab ihn gern und weitschweifig, wie man ihn eben hören will. »Siehst du, Bauer! So mußt du dieses machen!« Wenn das alsdann dem andern doch zu Schaden geriet, so war Zapletal höchst erstaunt und bekümmert, obwohl es durchaus nicht seine Schuld war.

Jeden Sonntag, wenn es ihm möglich war, ging er zur Kirche. Und wenn der Klingelbeutel umging, so kam ein großer Augenblick. Denn der Zapletal tat etwas, was sonst nur noch der Graf tat: er warf immer einen blanken Silbergulden hinein. Die ganze Gemeinde wartete förmlich auf diesen Moment, schielte nach dem Gulden, reckte die Hälse, ob es richtig wieder auf Zapletals Platz feierlich und hell vorleuchte. Das machte doch im Jahr, wenn man alle Feiertage dazuzählte, nahe an hundert Gulden! Alle waren sie stolz auf diesen Reichen. Er aber tat keineswegs aus Protzerei so. Er fühlte sich nur in seinem Gewissen verpflichtet, seinem Gott, der ihn so reichlich gesegnet, auch wieder das Seinige zukommen zu lassen.

Er fuhr oftmals zur Stadt. Aber nur, wenn er sich mit der Familie da sehen ließ, durfte die noble Britschka mit Federn angespannt werden. Auch eigentlich nur, weil Annetschka den Korbwagen gar nicht sehen mochte, so bunt er gemalt war. Sie war eben was Feineres, das Kind. Und man wollte doch auch höher mit ihr hinaus. So was merkt ein Fratz gar bald. Und wenn sie zwischen den Eltern saß, dem hageren, erregten und immer von Plänen übersprudelnden Vater, dem sie so spät geschenkt worden war, so spät, daß es wie eine Überraschung und ein Wunder gewesen, und der schönen, ernsthaften Mutter, die breit wie eine rechte Bäuerin ihren Platz füllte, und ihr blondes Haar flog und sie klatschte in die Händchen und nahm gar für ein kurzes und völlig ebenes Stückchen das Leitseil und guckte sich selig nach den beiden um, so fühlte Kajetan Zapletal sein ganzes Glück.

Eins fehlte dazu. Eins strebte er mit der Zähigkeit eines Bauern und der Erbarmungslosigkeit eines Menschen an, der da weiß, daß man mit Ruhe und Bedacht manches erreichen kann, das Hastigeren unzugänglich bleibt. Auch das anscheinend Unmögliche. Es war eine Phantasterei. Und niemand wußte darum, nur Annetschka, die sie nicht verstand, und Wallenta, der ihn begriff.

Er haßte den Gutsherrn. Ohne eigentlichen Grund, denn der Graf war gutmütig und ahnte in seinem uradligen Selbstgefühl sicherlich nichts von diesem Groll, der da gegen ihn minierte. Er hatte dem Bauer wahrhaftig nichts zuleide getan. Aber Zapletal hatte unablässig das Schloß vor Augen mit seiner breiten Front, mit seinem Uhrtürmchen, das gleich erzählte, der darin wohne, sei mehr als andere Menschen und bestimme ihnen die Zeit. Sein Haus stieß daran. Er sah die feisten Lakaien, die in der Sonne sich rekelten und dann, wenn sie vom Nichtstun zu müde waren, beim Moses Lichtenstern im Herrenstübchen Rotwein tranken, Karten spielten und sich als Herren ansprechen ließen, die den Mädchen nachstiegen und vor Übermut gar nicht mehr wußten, was erst mit sich beginnen.

Und er wußte, wie wenig echt all dieser Glanz sei. Vom Grundbuch her, natürlich. Jedes Jahr kam der Graf tiefer in Schulden, und man munkelte, er werde bald keine Mittel mehr haben, sich zu retten, wenn nicht eine reiche Heirat. Aber auch damit spießte es sich nach allen Berichten. Auch dafür war er wohl zu dumm und überhaupt zu sehr gar nichts, dachte Zapletal. Denn, wie ihn seine Leute bestahlen, vorauf der Erzdieb, der Verwalter, das hätte doch jeder sehen müssen, wenn er nicht ein gottgeschlagener Narr war.

Und es träumte Zapletal von der Zeit, in der die Grafenwirtschaft da oben ein Ende nehmen würde. Er ging gern in den Schloßpark und schätzte die alten Stämme, die da so machtvoll gediehen waren, sah seine Kühe auf den prächtigen, sanften Wiesen weidend und die Fluren umbrochen und unter dem Pflug. Einmal mußte das Ganze auf die Trommel kommen. Was er dazu tun konnte, diesen Zeitpunkt zu beschleunigen, das geschah. War der Augenblick aber endlich einmal erschienen, dann wollte er am Platz sein, und nichts sollte man ihm nehmen, wonach es ihn so sehr gelüstete. Und Abend für Abend, ehe sie einschlummerte, fühlte Annetschka die harten, grauen Augen des Vaters auf sich ruhen, und seine heisere Stimme raunte ihr ins Ohr: »Hast du gebetet? Einmal wirst du im Schloß und auf Seiden schlafen, Annetschka, mein Herzerl.«

 

Also: es war bald nach der Rückkehr des Wallenta gewesen. Und zuerst hatten die beiden einander nur so im Wirtshaus getroffen. Dann horchte der Bauer mit halbem Ohr dem lauten Wesen, das sich am Tisch des Feldwebels auftat, und seinen Erzählungen von Bosnien und den wilden Bosniaken. ›Ein Schwätzer ist er geworden bei den Soldaten, wie alle‹, dachte er mißbilligend. ›Weibergeschichten hat er im Kopf und sonst nichts.‹

Dann waren sie einmal auf dem Kirchgang ins Reden gekommen. Denn der Wallenta glaubte nichts auf der Welt, nur daß Jugenderinnerungen und Langeweile ihn immer wieder ins Gotteshaus zwangen. »Er ist sehr klug, aber ein Narr ist er in seiner Eitelkeit«, erzählte der Bauer zu Mittag seinem Weib. »Die ganze Welt könnt er in Sack stecken, so gescheit ist er. Und nichts hat er und wird nichts haben im Leben.«

»Was geht mich dein Wallenta an?«

»Kannst du noch nicht wissen, Madlenka! Ich wollt, er war mein, wirklich mein.« Und er schnalzte mit der Zunge, wie wenn man ein Pferd antreibt.

»So kauf dir den Lumpen, Kajetan!«

Zapletal lachte heiser. »Kaufen? Gleich kaufen? Du, der wäre nicht billig. Ja, du bist halt die reiche Bäuerin. Umsonst möcht ich ihn kriegen, Madlenka, umsonst. Denn er ist zu brauchen, sag ich dir. Zu tausend guten Dingen zu gebrauchen.«

»Geschenkt ist am teuersten gekauft«, entgegnete die Bäuerin und deckte ab. Denn beim Essen duldete ihr Mann keine Magd. Da sprach er sich gern ohne jeden Rückhalt aus. Und jeder Zeuge war da sehr ungelegen.

Er hatte gerade damals mit der Gesundheit bessere Zeiten. Und der Wallenta und sein Treiben waren das Gespräch des Dorfes. Denn einmal lebte er über die Maßen flott. Da hatte er einem Bauern den Buben vom Militär losgeschraubt. Aus Respekt vor Seiner Majestät Dienst, spottete er selbst. Denn er habe nicht gewollt, daß dieser Schafskopf, der das Gewehr sicherlich niemals anders fassen werde wie eine Mistgabel, die Uniform verschandelte, die er selbst so lange getragen. Der andere gewann einen Steuerprozeß, mit dem sich, wie er schwor, die ersten Advokaten der Welt umsonst geplagt. Dies alles vernahm der Zapletal, und es weckte mancherlei Gedanken und Wünsche in ihm.

Wallenta aber tat ihm keinen Schritt entgegen. Auch das wurmte den Großbauer, daß dieser Habenichts in seinem Winkel blieb und sich nicht nach ihm umsah, dem sie sonst sämtlich nachkrochen. Beim Lichtenstern hielt der Lump förmlich Hof. Da hatte er seine Beratungen mit seiner Kundschaft und nahm, was man ihm gab, und wenn es nur seine Zeche war oder einige Groschen darüber. Auch damit ärgerte sich Zapletal.

Ein großer Mann vergibt sich nie was gegenüber einem kleinen, redete sich der Zapletal vor. Und an seine Christenpflicht gegenüber seinem Patenkind, das da für zeitlich und ewig die übelsten Wege ging, erinnerte er sich. Und so lud er endlich einmal den Wallenta zu sich.

Wallenta sah ihn scheel an: »Brauchst mich wieder einmal, Zapletal?«

»Und wenn ich dich schon brauchen tät? Was ein anderer zahlt, das verdienst bei mir auch.«

»Kannst aber niemals wissen, was ich just von dir begehren werde. Weiß ich selbst nicht vorher.«

Zapletal schlug ihm höchst freundschaftlich auf die Schulter. »Was einer kann, kann in dem Ort der Zapletal auch. Und er ist kein Schmutzian, das wirst wissen.«

»Ja – woher denn?«

»Nein – was du für ein spaßiger Kerl bist, Wallenta! Komm nur. Meine Frau wird lachen über dich, und die Annetschka. Und du kannst dir nicht denken, wie hübsch sie dann beide sind.«

»Ich mach niemand einen Wurstel, außer wenn ich will.«

»Na, vielleicht wirst's gerad bei deiner Gevatterin wollen. Und dann: es geht doch auch um Ernstes.«

»Kann ich mir denken. Aber ich bin nicht schlimmer wie der Schinder. Ich zieh niemand das Fell über die Ohren, wenn er noch lebt. Und ich tu kein gut in einem Haus, sag ich dir. Laß mich, wo ich bin.«

»Mucken hat er in sich, wie ein störrischer Gaul«, scherzte Zapletal. »Aber, man wird sie ihm schon austreiben. Also: du kommst, Cyrillku?«

»Ist gut. Gehn wir derweil zum Lichtenstern eins trinken.«

Dies geschah, und Zapletal hatte Anlaß und Gelegenheit, den Durst des andern zu bestaunen. Plötzlich aber schlug Wallenta auf den Tisch. »Das ist wie beim Leutkauf Umtrunk der Partner zur Vertragsbestätigung.. Ganz so ist das. Du weißt aber noch nicht, was für einen Handel du heut gemacht hast«, und er sah den Gevatter von unten an, fast tückisch, wie ein Stier, der stoßen will.

»Was redest da wieder? Ein Narr bist, Bruderherz.«

»Bin ich's? Wird sich schon zeigen, wer heute der Narr war. Aber eins sag ich dir: zu trinken mußt was geben, wenn ich kommen soll.«

An diesem Tag aber hub die Freundschaft zwischen dem Bauernmillionär und dem Bruder Liederlich an.

Wallenta richtete sich ganz häuslich ein beim Zapletal, er kam zu Tisch, wenn es ihm paßte, und blieb, solange er mochte. Auch über Nacht. Es war ein sonderbares Verhältnis. Denn im Grunde der Seelen mochten die beiden einander gar nicht. Wallenta verachtete den Gevatter und seine Habgier. Dem Taugenichts schien ein Leben unverständig, ja wahnsinnig, dem der Erwerb und der Besitz Selbstzweck waren, so daß für den Genuß keinerlei Raum mehr blieb. Je mehr aber Zapletal die Gaben und die Kenntnisse seines Freundes begriff, desto unerhörter und unverzeihlicher erschien ihm das Treiben des Cyrill. So gar nichts mit sich anfangen können! Das war ja blöd! Und dennoch neidete er ihm den leichten Sinn. Ähnlich mögen die Gefühle sein, wenn ein feister Bauernhund, der gar nichts anderes weiß, als seinen Hof hüten und sein Fressen zur rechten Zeit bekommen, einen schlanken und geschmeidigen Rotfuchs, den schlauen Kopf windend und die Rute hoch, durch Buschwerk schleichen sieht.

Als aber Zapletal mit Wallenta zum erstenmal von seinen letzten Plänen zu sprechen begann, da horchte dieser hoch auf. Das war nichts Kleines und nichts Alltägliches, was sich der in seinen Dickkopf gesetzt hatte. Das imponierte doch. Er lauschte. Dann reckte er den Daumen in der Richtung des Schlosses: »Also – wegärgern willst du ihn?«

»Will ich, Wallenta.«

»Dann bist ein Esel, Zapletal.«

»Ein Esel? Wieso?«

»Wegärgern willst du ihn. Ist möglich, denn das Gut ist kein Fideikommiß. Du fängst Prozesse mit ihm an. Ist auch gut. Gibt nichts Besseres, und du hast die längere Hacke. Aber, was für Prozesse sind das? Zum Beispiel: wegen Übervorteilung beim Aufteilen der Hutweide. Ist gut, weil das ganze Dorf zu dir steht und vielleicht gar für dich schwört, weil sie's ihm noch weniger gönnen als dir und für jeden was dabei herausschaun kann. Ist aber wieder nicht gut. Denn das geht um viele Tausender, und er muß sich wehren. So auf einmal umbringen läßt sich keiner.«

»Ja – aber was soll ich dann denn?«

»Ärgern mußt du ihn. Ihn sekieren. Ihn abmartern, daß er keine Hand mehr rühren kann, wenn du ihm an die Gurgel willst. So macht's ein guter Raufer. Niemals anders.«

»Aber wie zum Beispiel?«

»Zum Beispiel: es ist eine Kuh von ihm in deinen Acker gelaufen. Dann klagst du um den ganzen Ertrag des Ackers, um so viel, daß er giftig werden muß und sich nicht ausgleichen kann. Oder es ist ein Brückerl über den Mühlbach. Das hat er zu erhalten, pu fängst Prozeß an – wegen Feststellung, oder weil das Brückerl baufällig ist. Das gibt Kommissionen, und wenn du Glück hast, so tut sich einmal dein Hirt was, oder es bricht sich gar dein Ochse ein Bein. Das ärgert. So was gibt's immer unter guten Nachbarn. Große Sachen nicht.«

»Wallenta, du bist ein niederträchtiger Kerl«, jauchzte Zapletal in heller Bewunderung.

Der andere lachte: »So was man fürs Haus braucht und nicht mehr«, trank aus und ging gleichgültig. Sehr bald nach der ersten Konferenz aber hatte der Advokat in der Stadt eine neue Klage zu schreiben: Punkto achtzig Gulden für ein total verdorbenes Feiertagsgewand. Denn der Graf hatte seine Gitter streichen lassen, und dem Zapletal war, weil keinerlei Warnungszeichen gewesen, dies Unglück mit seinem besten Sonntagsstaat widerfahren.

 

Es kam freilich auch vor, daß man den Wallenta durch Wochen nicht zu sehen kriegte oder daß er hernach in einem eben nicht erbaulichen Zustand auftauchte: ganz abgeschlagen und recht kränklich von Gesichtsfarbe und durchaus nicht arbeitsfähig. Dann waren ihm seine Streifereien und Einbrüche in fremdes Gehege übel bekommen. Er schwieg darüber, so gern der Freund etwas von diesen Abenteuern vernommen hätte. Denn einmal vor vielen Jahren war er selbst gern solcher Wege gewandelt.

Nach solchen Erlebnissen kam er niemals unmittelbar heim. Denn er hatte eine Art Furcht vor Frau Magdalena Zapletal. Das Weib war immer so ruhig und ohne jede Erregung und hatte in den runden und schwarzen Augen eine Art Verachtung vor ihm. Und dabei war es sehr schön, schöner als eins in der Runde. Denn es war groß und stark und dennoch zierlich. Und es trug die blonden Haare wie eine Krone gelegt und steckte gern eine Nelke hinein, die wie ein Pünktchen Feuer glomm und das ganze Haupt würzte. Sie war vollkommen und ohne jeden Lärm Herrin im Haus. Damit ließ sie sich's begnügen; und wenn die Männer in ihre Beratungen versanken, so trug sie den guten Ungarischen auf, der mit unheimlicher Geschwindigkeit zur Neige ging, horchte ein Weilchen, gähnte unverhohlen gelangweilt und machte sich wieder an ihre Arbeit.

Sie wußte: es ging um Finten und Hinterlistigkeiten. Immer hatte ihr Mann dazu eine Freude gehabt, obzwar sie den Zweck nicht absah. Denn sie hatten doch genug und zuviel. Annetschka mußte einmal ein Vermögen haben wie sonst niemand in der ganzen Hanna. Wozu also mehr? Aber ihr Mann war nun einmal leider Gottes ein Krüppel, und die sind immer so aufs Haben und aufs Mehr. Denn wer nicht gehen kann, der probiert's halt mit Kriechen und kann dann unmöglich ganz sauber bleiben. Der Wallenta aber? Ein Bursche, dem die Welt offenstand, so weit sie ist, der stark war wie ein Baum und was gelernt hatte, besser deutsch sprach als der Dechant und klug war wie der Schwarze selbst – was tat er damit? Und wenn er einmal Spaß machte – und er hatte gute Einfälle – und sie wollte lachen, so zwang sie sich: ›Die Freude machst du ihm nicht. Das gehört mit zu seinem schmutzigen Geschäft. Er ist ein Schmarotzer, und er muß seine Herrenleut bezahlen mit Wursteleien, damit sie ihn nicht satt bekommen und ihm den Stuhl nicht vor die Tür stellen. Du fällst ihm nicht herein,‹ Und so hob sie aus Gefälligkeit ein wenig die Oberlippe, daß die sehr weißen und starken Zähne vorschienen, zuckte sehr verwundert die Achseln und ging. Sie war nicht zu überrumpeln.

Und was sollte zum Beispiel die Freundschaft des Cyrill mit dem blinden Jindrak? Denn dort steckte er immer, wenn er wieder einmal für die Welt verschollen war. Das war ein Bettler und ein Gottesarmer, den man hätte bemitleiden müssen, wenn er nicht so voller Nichtswürdigkeiten gewesen wäre. Die beiden hatten einander gerade noch gefehlt, damit das Dorf keine Stunde mehr Ruhe genießt. Da lernte der Jindrak neue Stückeln auf der Harmonika, als wären die alten nicht gut genug, und sie übten nun die Künste durch, daß es ein Jammer und eine ewige Belästigung für alle Welt und jeden Kranken war. Sie kannten's ja sehr gut. Was ist aber Musik, wenn man sie nicht verlangt und sich's einem nicht tanzen will? Nichts als ein unnützer und sehr lästiger Spektakel. Dazu tranken sie Schnaps, bis sie genug hatten. Und ein Musikant muß Zutrinken gewöhnt sein. Oder sie gingen gemeinsam und machten fürs Geld Tanzmusik, die immer ein böses Ende mit Schlägereien nahm. Denn der Wallenta warf, wenn ihn die Laune packte, seinen Wimmerbalg hin, lieh sich die erste beste Dirne, was sich ihr Bursche doch durchaus nicht gefallen lassen konnte, und drehte sich mit ihr, um den Leuten zu zeigen, wie man das eigentlich mache. Das ganze Dorf verwilderte. Und beim Zapletal, als dem Starosten, wurden alle diese Klagen erörtert, und sein Weib mußte sie anhören.

Und immer wieder derselbe Refrain. So ein Kopf wie der Wallenta! Er hätte Mesner werden können, ein Amt, das seinen Mann nährt, und selbst in einer minder wohlhabenden Pfarre. Nur seinem ärgerlichen Lebenswandel sollt er entsagen, weil ein Mesner der Würdigkeit bedarf. Und dies oder jenes Mädchen mit schönem Grundbesitz und Geld war ganz weg in den Ausbund und hätt ihn gern geheiratet und den Mann in der Gemeinde aus ihm gemacht, den Gott in ihm schaffen wollte. Fiel ihm nicht ein, sich zu ändern, und vor dem heiligen Ehestand nahm er gar Reißaus.

Er fühlte sich nun einmal hier nicht mehr heimisch. Er war nur zu Gast da. Und einem Gast ist manches gestattet, das man dem Ansässigen niemals nachsehen würde. Er braucht keinen Beruf. Wenige Tage, und er ist fort, und man darf ihn suchen. Und der Eitelkeit des Wallenta, die in diesem müßigen und zügellosen Leben immer mächtiger emporwuchs, schmeichelte es, im gewissen Sinn das ganze Dorf zu tyrannisieren. Denn sie haßten ihn, selbst die zu ihm hielten, durch die Bank, bis auf den blinden Jindrak, und sie konnten ihn doch, jeder nach seiner Art und seinen Geschäften, durchaus nicht entbehren.

Einmal würden sie sich doch heftig die Augen wischen. Denn der Wallenta war dann fort, in irgendein Amt untergekrochen, nachdem er die Leute genug geärgert, sich gründlich und für immer ausgetobt. Alsdann mochten sie selbst zusehen, wie sie sich nach dem Hexensabbat zurechtfänden, den er angestiftet. Viele werden lachen, manche wird wohl weinen. Das ist bei Einquartierung niemals anders. Was ging's ihn hernach an? Es wurde ihm ganz leicht und warm bei solchen Gedanken. Nur eins hätt er gern gewußt: was die Zapletal dann sagen würde? Je – wohl die Achseln zucken und ihr hochmütiges Gesicht mit den blanken Zähnen machen, das da sprach: Hansnarr du! Du wurstelst mir gut! Er hätte viel darum gegeben, daß sie nicht also durfte.

Einmal hätt er sie gern klein vor sich gesehen. Ganz klein, wie schon so manches andere Weib, daß sie nicht mehr das Recht haben durfte, so, wenn es ihr gerade paßte, über ihn weg in die Luft zu blicken, als säße der Garniemand da. Was war sie eigentlich gewesen? Einst arme Magd beim Zapletal und sonst nichts. Und er hatte sich die Madlena gekauft, und zwar noch viel gründlicher, als er sich den Cyrill gekauft. Denn er konnt ihm fort, wann es ihm paßte, und wollte das schon in seiner Stunde. Sie durfte nicht mal daran denken. Und es war ihm überhaupt unverständlich, wie sie's mit diesem Jammermenschen aushalten konnte, der doch beim Reden krächzte und mit den Armen schlug wie so ein angeflügelter Unglücksvogel und, wenn er Schmerzen hatte, mit ihr und aller Welt keifte und geiferte wie eine alte Gevatterin ohne Zähne. Außer, sie hielt es mit einem. Dann aber hatte sie doch gar keine Ursache, so hoffärtig zu tun, als wäre sie eine Königin, die Heimliche die, und gar kein Mitleiden zu haben mit ihm, dem Wallenta. Denn warum war er schlecht? Weil er immerdar ein Waisenkind gewesen war und kein Mensch ihm im Guten zum Richtigen geredet. Wer aber nirgends eine Freude hat, der stiehlt sich sein Teilchen zusammen, was so auf den Menschen kommt. Ja, und die Madlena, sie war schon eine, die einen fromm und zu Hause halten konnte. Bis auf ihre Schlechtigkeit natürlich, die er aber begriff, obzwar er nicht so recht daran glaubte. Denn hätte sie ihn nur zum Mitwisser gemacht – dies war ihm allerdings schmerzlich und eine große Kränkung gewesen, aber verraten hätt er sie niemals und ihnen beiden geholfen, wo es nur in seinen Kräften gelegen wäre ...

 

Es ist aber in so einem Bauernhaus, und sei es noch so weiträumig, ein sehr enges und bedingtes Wohnen.

Man weiß alles voneinander, oder man errät's mindestens immer. Und man muß sich selbst wider Willen miteinander beschäftigen.

Trieb sich der Wallenta wieder einmal um, so konnte eine Frage des Kindes ihn wieder in Erinnerung bringen. Und so wußte Frau Madlena bald alle Kirchweihen in der Runde, weithin, bis wo die Deutschen wohnen. Denn so etwas konnten die beiden Bettelmusikanten, der Jindrak und der Wallenta, natürlich nicht auslassen. Immer nannte sie sich den Blinden zuerst; denn damit drückte sie den andern zu seinem Begleiter herab. Es gab da Dörfer, deren Burschen als Raufbolde berüchtigt waren und von den Slowaken gelernt hatten mit dem Messer arbeiten. Da konnte leicht einmal die Nachricht kommen, man habe den Feldwebel erstochen. Dachte sie dieser einen Möglichkeit, so erschrak sie dennoch sehr und fühlte ein solches Mitleiden in sich über das junge Blut!

Und überdies suchte sich ihr Mann immer eine solche Gelegenheit zu höhnischen Bemerkungen über den Fernen aus. Die empörten sie, weil sie ihren Zweck nicht so ganz verstand. Wozu sollte dies freundschaftliche Getue, dieses Gott und den Heiligen danken, hatte man den Herzensbruder erst heil wieder, wenn in allem Grund nichts, nur Gehässigkeit, dahintersteckte? Wie konnte man lediglich des Vorteils willen oder aus Furcht eine solche dumme und feige Komödie spielen?

Es war wohl Furcht. Denn gediehen und reich geworden war man doch ohne den Wallenta. Er war aber ein beherzter Bursch, der sich um niemand zu kümmern brauchte und seine schlimmen Wege in aller Offenheit ging. Dadurch hatte er es ihrem Mann wohl angetan, der so schreckhaft und fürs Geheime war. Wallenta aber raufte mit dem Teufel um ein Mückenbein und war insoweit ein Mann. Nur konnte sie durchaus nicht begreifen, was die Weiber so sehr hinter ihm zog. Denn hübsch war er sicherlich nicht. Man sprach viel von seinen Augen. Frech waren sie genug. Aber sie war noch nicht rot geworden vor ihnen, wie man sagte, jede müßte es werden, die er angucke – sie nicht. Das redeten sich wohl nur die ein, die durchaus eine Ausred wollten.

Dabei merkte sie sehr gut, daß ihr Mann ihr mißtraue. Denn Worte, die sie ganz ohne Arg fallenläßt, griff er auf, wiederholte sie in allen Tonarten bei passender Gelegenheit, beschnüffelte sie förmlich.

Er war nun einmal hinterhältig und zum Verdacht geneigt. Und wenn er schon in Geschäften diesem einen sein Vertrauen geschenkt, so mußte er sich doch nach seiner Art dafür schadlos halten. Es war erstaunlich, was er in seinen vielen einsamen Stunden aus einem Satz herausnutschte, der ganz ohne Belang gebraucht worden war.

Es kamen Anspielungen und verdeckte Wendungen, die an ihr ordentlich herumbohrten. Beinah war das manchmal, als wünsche er, sein Weib hätt ein Geheimnis vor ihm, nur damit er's erkunden könnte. Sie kannte ja seine Eigenheit von früher her und ertrug sie aus Gewöhnung leichter. Aber niemals hatte sie sich so bestimmt, beharrlich und so in einer einzigen Richtung hin ausgesprochen.

Es wurde ihr ganz ernsthaft unheimlich dabei. Denn das war ja nur eine Marter, wie es war. Gar nie mehr wissen, was man sagen oder wie man es herausbringen sollte, als stünde man vor Gericht oder gehe zur Beichte bei einer Mission. Da schwieg man doch lieber ganz, wenn der Kajetan nur nicht auch hinter ihrem Schweigen was vermutet hätte. Derlei paßte ihr durchaus nicht. Sie war das nicht gewohnt, und es beengte sie wie ein Kleid, das nicht für einen gemacht ist. Es lag wie ein Druck und eine körperliche Lähmung über ihr.

So gewöhnten sich die Eheleute das Reden miteinander beinah ab. Es gab kurze Antworten, die keinerlei Nebensinn in sich schließen durften und also abgeschnappt und trutzig klangen. Ihm war das natürlich gar nicht recht, und er deutelte sich's nach seiner Gepflogenheit, die sie täglich besser erfaßte wie erbitterte. Es war wie eine ewige, grundlose Schmollerei im Haus. Annetschka spürte das genau. Denn Kinder brauchen Wärme, und sie merken jeden Luftzug, der erkältend durchs Zimmer streicht, und sie fordern unverbrüchlich ihr gewohntes Deputat an Zärtlichkeit.

Sonst hatten die Eltern immer Zeit für sie gehabt. Nun kam sie dem Vater manchmal ungelegen, und sie störte ihn in Gedanken, die also sicherlich anders waren als vordem. Er hatte etwas Jähzorniges auch ihr gegenüber an sich. Sie war gewohnt gewesen, der Mutter überallhin nachzutrippeln. Dagegen konnte man nichts einwenden. Denn eine Bäuerin, die einmal einer solchen Wirtschaft vorstehen will, die muß sich zeitlich gewöhnen, viel auf den Beinen zu sein und die Augen überall zu haben. Ein Schaden ist bald geschehen. Nun kam sie oftmals ungelegen. Ihre kleinen Füßchen tappten der Mutter in ihre unerbaulichen Gedanken hinein. Dies kränkte sie, und das war, sie wußte es bestimmt, doch erst so, seitdem der Wallenta da war. Denn nach solchen Merken schaffen sich die Kinder ihre Zeiträume.

Den also mochte sie durchaus nicht. Den wünschte sie fort, und alle seine Künste, die er aufbot, sich das Herz des Kindes zu gewinnen, verfingen nicht. Sie war ihm gegenüber unartig, und daß sie vom Vater dafür oftmals, freilich immer nur in des Cyrill Gegenwart, Schelte bekam, besserte die Sache bei der verstockten Kleinen durchaus nicht. Sie nahm ohne Dank die Spielereien, die er ihr künstlich genug zurechtbastelte, lernte die Weidenpfeifen von ihm blasen, die er mannigfach und meisterlich zu schnitzeln verstand. Verzaubert horchte sie nur, wenn er einmal seine Maultrommel nahm und zwischen die Zähne klemmte. Wie das nur schwirrte, summte, sauste, sang! Welche Gewalt die geisternden, eintönigen Klänge nur hatten, wie sie sich ineinanderspannen, gleich Marienfäden einander haschten, sich ausbreiteten wie ein fernes Gespinst! Das konnte gewiß niemand so wie er. Auch Madlena lauschte dann. Es war immer im Zwielicht, wenn er seine Musik machte. Eben daß nur noch ein gelbes Fleckchen am Himmel glomm, während die Fledermäuse dem Kirchturm zuhuschten. Der Frau aber wurde dabei, als schlüge man einen linden und hehlenden Mantel um sie und mancher Krampf, der sie untertags beklemmt und mit Ahnungen beschwert, löse sich von ihr und fiele ab.

Die Prozesse gingen ihren Weg und machten so endlose und immer neue Beratungen notwendig. Teufeleien und Gegenklagen heckte der Widersacher aus, daß es nicht zum glauben war und man sehr aufpassen mußte, daß man nicht wo hineintrat und sich übel zurichtete.

Freilich war der Wallenta über allen Advokaten. Der sah jeden Kniff und jede noch so lockend zugerichtete Falle, mit der man's drüben probierte. Er hatte Zeit genug, über alles zu grübeln, und wenn dann der Zapletal erzählte, wie sich der Herr Doktor über die Einfälle des Wallenta wundere, sie bestaune, bedaure, daß ein solcher Kopf nicht studiert habe, so fühlte sich der Cyrill nicht wenig stolz und zu immer schärferen Anstrengungen gespornt.

Langsam wurde der Madlena klar, worum es eigentlich ging. Sie erschrak davor, wie bei etwas ganz Verruchtem. Denn seit die Welt stand, hatte es eine Herrschaft gegeben. Immer war die adlig und niemals ein Bauer gewesen. Und ihr Mann wollte Gutsherr werden? Und dennoch ging sie öfter zuhorchen, seitdem sie's begriffen. Es lockte sie, und der Wallenta hatte etwas Zwingendes, wenn er sprach. Man mußte ihm zuhören und verstand augenblicklich, was er wollte und um was es eigentlich gehe. Da war nichts Unklares und Überflüssiges und keinerlei Herumgegacker. Und wenn er endlich auf den Tisch schlug: »So geht's«, so schrak sie zusammen, und ihr war, er hätt mit der Faust ah die Pfosten jenes Ganges geklopft, der zu ihren Wünschen führte, und ein Jurament Eid hätte sie darauf geleistet: so ging's. Es war nur ein Glück, daß sie sonst auch im Haus und im Hof viel beschäftigt war. Denn es hat auch für die gesündeste Natur etwas Ansteckendes, wenn man die um sich unablässig mit einem einzigen Gedanken sich abplagen sieht. Sie fühlte mehr als einmal, daß sie davon mitergriffen werde. Wie unter Narren kam sie sich vor; über eine Weile juckt es einen, sich ebenso närrisch zu benehmen.

Da hatten sich die Männer wieder einmal heiße Köpfe gemacht. Ihr brachte gerade dieser Tag viel zu schaffen, und es kam ihr langsam auch vor, als sähe sie ihr Mann keineswegs mehr als unbedingt nötig gern in einem Raum mit dem Wallenta. Nun, und der schien ihr wieder noch lange nicht wichtig genug, daß sie sich seinetwegen verdrießliche Gesichter schneiden ließe.

Es wurde aber ganz finster, und die beiden eiferten immer noch ganz leise miteinander, ohne daß sie auch nur ein Licht machten. So steckte sie eine Kerze an und trug sie zu ihnen. Und wie sie, den Leuchter hoch in der braunen Hand, eintrat, so saß ihr Mann ganz im Schatten auf der Ofenbank und breit ihr gegenüber, daß alles Licht zuerst auf ihn fiel, der Wallenta. Sein Kopf war tief gesenkt. Er hob ihn erst, da sie hart am Tisch war, und sah sie an: frech, unruhig, mit zuckenden, gierigen Augen, und die Madlena fühlte richtig, wie ihr plötzlich das Blut in die Wangen stieg und die Hand zitterte, die die Kerze niederstellen sollte. Das war unerhört! Es ging jäh wie ein Triumph über das Gesicht des Burschen, das er augenblicklich wieder in den Händen barg, während die Madlena mit unsicheren Fingern an ihrem Gewand herumstrich und rückwärtsschreitend, Aug in Aug mit ihm wie mit einem Todfeind, vor dem man sich nicht die mindeste Blöße geben und dem man unter gar keiner Bedingung den Rücken weisen dürfe, die Stube verließ. Cyrill aber erhob sich bald nach ihr. »Warum rennst denn so? Bleibst nicht da zum Nachtmahl?« fragte Zapletal.

»Ich hab genug für heute. Ich will auch was trinken.«

»Getrunken hast noch nicht genug?«

»Geht keine Katz was an, was ich trink für mein Geld. Was anderes will ich trinken, was Schärferes, mit dem Jindrak. Leut will ich sehen, die auch noch singen können. Eine Nachteul möcht man ja werden dahier. Kommst mit zum Lichtenstern?«

Zapletal antwortete nichts. Es ging ihm mit jedem Tag schlechter mit den Beinen, so schlecht, daß ihm die Frage schon wie Hohn erscheinen durfte. Cyrill aber ging seiner Wege, und noch im Hof hörte man ihn sein Schlachtlied anstimmen:

»Ich komm nicht heim, o na,
Vorm hellen Licht, vorm Hahnenkrah ...«

Seine Stimme aber klang unsicher und überschlug sich.

Und so verging die Zeit. Wallenta blieb im Dorf, »eine Plage Gottes, recht eine Plage Gottes, die nichtendigen will«, seufzten die Alten. Er reichte wohl da und dort um eine Stellung ein, betrieb aber alles gleich lässig. Er fühlte sich hier im Grunde ganz wohl. Daß man ihn fortwünschte, war ihm nur ein Anlaß mehr, zu bleiben. Mochten sie sich giften!

Die Madlena gewöhnte sich immer mehr an ihn. Er fehlte ihr, wenn er nicht da war. Alle Welt hackte doch hinterrücks auf ihn los und schalt ihn, ohne den Mut, ihm zu stehen. So mußte er doch immer schlechter werden. Ein Gaul wird unter der ewigen Peitsche störrisch. Ein Mensch aber sollte nicht ganz verwildern darunter? Und sie begann Partei für ihn zu nehmen. Erst nur in

sich, dann auch vor ihrem Mann.

Sonst kam sie mit niemand in Berührung. Und das war schlimm, denn man munkelte über sie, und das Gerede hätte sie vielleicht doch stutzig gemacht, weil sie auf ihren Ruf sehr stolz war. Ihrem Mann gegenüber aber blieb sie natürlich trotzig. Der konnte doch niemals anders, als einem jede Freude und jeden Umgang verleiden. Und eifersüchtig war er doch immer und auf jeden gewesen, mit dem sie nur sprach.

Allmählich aber wurde ihr der Verdrießlichkeiten doch zuviel. Da war Annetschkas Abneigung, die sie stutzig machte. Wen ein Kind nicht mag, in dem ist nun nach alter Erfahrung nicht alles, wie es sein soll. Und sie war förmlich tückisch gegen den Wallenta. Und dann war ihr Kajetan doch einfach schrecklich mit seiner hinterlistigen Neugier. Er keifte und keppelte und lauerte und wollte sie überrumpeln, und wenn sie dann mit der Frage auf ihn losfuhr, was er denn eigentlich von ihr wolle, so erschrak er, um den nächsten Tag wieder zu beginnen. Das war nicht auszuhalten. Da mußte man närrisch werden, geschah nicht bald ein Ende.

Nur bot sich gerade damals keine Gelegenheit zu einem offenen Wort. War sie aber unwirsch gegen den Wallenta, so wollte der's nicht merken oder machte sich durchaus nichts daraus. Er sah sie nur immer an. Und kaum daß sie durch Zufall für ein Weilchen allein waren und sie nahm sich nur den ersten Anlauf, was doch nicht so leicht ist, so tauchte sicherlich ihr Mann auf: »Was wispelt ihr da?« Und ihr stockte das Wort. Denn er wollte freundlich und teilnehmend erscheinen, und dabei verzog sich sein Gesicht sehr hämisch, und er humpelte noch jämmerlicher als sonst. Als ein Unrecht und zugleich als Verlängerung eines unleidlichen Zustandes empfand sie diese Störungen. Zapletal aber merkte ihre immer mehr wachsende Befangenheit wohl und deutete sie auf seine Weise.

Sich auswärts aber mit dem Burschen zusammen bestellen widerstrebte ihr in jedem Sinn. Denn sie sah ihn durchaus unter sich. Sie war Großbäuerin, Frau, Mutter, und er doch nur ein einzelner Mensch, ein Tunichtgut, ein Unbehauster. Mit so einem steckt man sich nicht zusammen, als hätte man mit ihm was zu verstecken. Auch war sie die Jahre her kaum allein ausgegangen, seitdem Annetschka laufen konnte und immer hinter ihr drein war, recht wie ein behendes Wieselchen.

Zapletal hatte wieder einmal in der Stadt zu tun. Er war lange nicht dagewesen, die Rückstände hatten sich gehäuft, wie immer, wenn man nicht selbst hinter dem Advokaten her war, damit er nichts versäume oder verschleppe.

Es war zu Anfang November und das richtige Allerheiligenwetter. Die Felder ganz kahl und von Krähen überflogen, die über die Schollen hüpften, sich zu Schwärmen gesellten, krächzend flatterten. Ein recht unfreundlicher Tag. Spärliche Sonnenblicke, gefolgt von einem eiskalten traurigen Regen, der so dicht fiel, daß man nicht bis zum nächsten Haus sehen konnte.

Gar keine Bewegung war in der schweren Luft. Hinter einem lag das Tagewerk, und man konnte in sich eine tiefe Müdigkeit nachfühlen. Und der Hof war so still, daß man gar nicht glauben mochte, man sei in der Welt.

Madlena hatte den Tisch für drei gedeckt. Denn ihr Mann nahm, wenn er in der Stadt war, niemals etwas zu sich und kam hungrig, aufgeregt und bissig zurück. Wallenta aber mußte ganz bestimmt kommen. Denn nach solchen Fahrten begannen jene Beratungen, die bis in die tiefste Nacht währten.

Wallenta kam mit der Glocke sechs. Er hatte etwas Scheues den Tag, und seine Augen suchten beim Eintreten: »Der Bauer ist noch nicht wieder da?«

Die Madlena rührte sich kaum: »Nein.«

»Er könnt's aber schon sein. Es ist ihm doch nichts geschehen?«

»Was kann ihm geschehen sein? Nicht einmal ein Wasser geht in der Nähe. Die Straße ist eben wie ein Brett, und die Pferde sind fromm.«

»Ich bin aber doch immer in Sorgen um ihn.«

»So? Immer in Sorgen seid Ihr um ihn? Muß ihn freuen.«

Das war so geredet, damit man nur nicht schweige. Sie wußten's beide wohl. Der Bursche lief einige Male die Stube in einer springenden Unruhe durch. Dann setzte er sich, stützte den Kopf mit den struppigen, blonden Haaren, die sich zu einem Hahnenkamm sträubten, in die Hände und sah zu Boden. Die Porzellanuhr an der Wand tickte hell und eilfertig. Man sah nur das blanke Messing des Perpendikels hell und glitzernd und wie freischwebend durch die Luft tanzen. Und die Madlena nahm sich ein Herz. Recht schonend wollte sie mit ihm reden, und da fuhr es ihr heraus: »Wallenta – einer ist zuviel im Haus.«

Er rührte sich nicht: »So schafft ihn ab.«

»Das tu ich eben.«

»So? Das tut Ihr eben?«

»Es geht nicht mehr, Wallenta. Alles mögliche redet er sich ein in seinen kranken Kopf. Und es ist doch kein wahres Wort daran.«

Er hob den Kopf mit einer leisen Bewegung nur so weit, daß er noch im Dunkeln blieb: »Es geht nicht mehr, nein. Aber er braucht mich.«

»Ihr könntet doch weiter mit ihm sein. Und ewig wolltet Ihr doch nicht im Dorf bleiben, mein ich.«

»Nein, ewig will ich hier gewiß nicht verbleiben.«

»Er soll sich derweil zum Lichtenstern führen lassen. Wozu hat er denn die Lümmel, die Knechte? Dort trinkt er nicht oder nur sehr wenig, weil er's immer gleich bezahlen muß, und er steckt die Hand nicht gern in den Sack. Hier trinkt er, und das tut ihm schaden.«

»Ja, schaden tut's ihm«, wiederholte der Bursche. Es war etwas Spöttisches dabei in seiner Stimme. Beide schwiegen, und beide horchten, ob sich durch die große Stille nicht endlich das Rollen eines Wagens nähere. Und beider Atem ging schneller. Denn die Madlena fühlte sich erleichtert, als wäre das Schlimmste hinter ihr.

»Also: Ihr werdet das so machen, Wallenta?«

»Ja, ich werde das so machen. Denn ich weiß schon: wenn und wo einer zuviel ist, da bin's immer ich.«

»Hier seid Ihr's einmal«, entgegnete sie bestimmt.

»Wenn er mich aber um den Grund fragen wird? Denn er ist ein versteckter Mensch und will alles wissen.«

»So antwortet ihm, was Ihr wollt. Sagt ihm meinethalben, Ihr habt es satt, Euch immer von mir und Annetschka Gesichter schneiden zu lassen«, und sie lächelte.

»Werd ich ihm sagen. Das hab ich auch satt«, und auch er lächelte.

»Die Hand darauf, Wallenta!«

Er schlug ein. Was für eine Kraft nur in seinem Händedruck war! Sie konnte ihre Hand durchaus nicht losmachen und bekam nur Herzklopfen und einen kurzen Atem von ihren Bemühungen. Er aber stand vor ihr, mit voll aufgeschlagenen Augen und mit einem eigentümlichen, lauernden Zug um die Lippen. ›Ins Gesicht schlagen sollte man ihn dafür‹, dachte sie und hob die freie Linke zu einer müden Armbewegung. »Ihr müßt mich nicht so ansehen, Wallenta«, flüsterte sie.

Er neigte sich ihr zu, wie um sie besser zu hören: »Und warum nicht?«

»Ich leid's nicht. So sieht man keine Frau an.«

Er antwortete nicht. Nur fest hielt er sie, und ihr ward immer schwüler und beklommener dabei. ›Wenn der Wagen nur käme!‹ dachte sie. Und es ging wie ein Zug von seiner Rechten zu ihrer, ein Zug, der sie irgendwohin riß, dem sie gegen ihren Willen folgen mußte. Wenn sie nur etwas gewußt hätte, womit dieses sonderbare Lächeln verdecken, das sie so empörte. Und nun stand er hart an ihr: »Und mein Letztgeld, Madlena?«

Es war spätabends, als der Wagen hielt und der Bauer mit Annetschka heimkam.

Man aß zu Nacht, wie sonst. Das Kind ward zur Ruhe gebracht. Zapletal aber war sehr vergnügt. Das System Wallentas begann sich zu bewähren. Schon hatte der Graf erklärt, diese Händel seien ihm ekelhaft und verleideten ihm seinen ganzen Besitz trotz der ausgezeichneten Jagd. »Ein Kerlchen bist du, Cyrillku! Läßt sich immer wieder was einfallen. Nur vorwärts!« Und er schlug ihn wohlwollend auf die Schulter.

Cyrill und die Frau zuckten zusammen. Der Bauer stutzte, schwadronierte aber weiter. Wie betrunken war er vor Aufregung und argwöhnisch wie ein Berauschter, der soweit seiner mächtig ist, um sich zu fürchten, man könne seinen Zustand mißbrauchen und ihm was antun wollen. Es kam langsam etwas Stockendes in seine Beredsamkeit und ein Verdacht in seine Augen. Wallenta saß schweigend und wenig aufmerksam da und schielte immer wieder nach der Bäuerin. Der fielen die Haare tief in die Stirn. Die Augen glühten, und etwas sehr Entschlossenes war an ihr.

Endlich ging man auseinander. Madlena leuchtete dem Burschen. Draußen aber, da sie ganz allein waren, neigte sie sich zu ihm: »Wir sind in Todsünde, Cyrill.«

Er lachte und haschte ihre Hand, die sie ihm müde ließ: »Dann gibt's viele Todsünden auf der Welt.«

»Lach nicht. Wir werden's büßen müssen. Du oder ich oder ein anderer ...«

»Dann am liebsten ein anderer.«

Sie erschrak: »Lach nicht. Ich bin das Weib deines Gevatters.«

»So nehm ich's ganz auf mich.«

Sie schüttelte den Kopf. Alsdann verschloß sie das Tor und ließ den Wachthund los. ›Nachdem der Dieb draußen ist‹, fiel ihr ein. Sie machte ihren Rundgang nach Feuer und Licht, wie immer, nur langsamer als sonst, ehe sie zu ihrem Gatten trat, der immer noch ganz versunken in die Kerze stierte und allerhand vor sich hin brümmelte: »Komm endlich schlafen, Kajetan.«

Er ließ sich unwillig genug, wie ein greinendes Kind, führen. Er hinkte neben ihr her mit schmerzlich zusammengekniffenen Lippen, feig vor jedem Tritt, oftmals ruhend und immer wieder fragend: »Was hast du mit Cyrill zu wispern gehabt?«

»Nichts hab ich mit ihm gewispert.«

»Du lügst wie der Teufel.«

Sie entgegnete nichts, war ganz Umsicht. Er stierte immer an ihr empor, und es drängte sich ihm ein böses Wort aus dem Herzen. Er würgte förmlich daran: »Du ...« Sie legte überlegen die Hand auf seinen Mund und führte ihn also, trug ihn beinah in die Schlafkammer.

 

Es war ein sehr übles und trauriges Leben für alle, das nun begann. Denn im Bauern stand mit einer unerschütterlichen Gewißheit fest, es sei wirklich geworden, wovor er sich so lange gefürchtet.

Einen Beweis dafür fand er darin, daß der Wallenta niemals mehr bei ihnen übernachten wollte. Es mochte noch so übel Wetter sein und die Verhandlung noch so lange gewährt haben – er ging zu ihrem Abschluß fort. Dies geschah aber auf Befehl der Madlena, die ihn nicht mehr unter ihrem Dach dulden wollte.

Auch horchte der Zapletal mit einer kranken Neugierde nach jedem Tratsch im Dorf. Und alles, was geschah oder unterblieb, deutelte er sich natürlich nach seinen Meinungen oder geheimen Ängsten. Man wußte noch nichts – ja, das waren zwei ganz Durchtriebene, die jeden Pfiff und Schlich kannten, und die Welt würde einmal schon noch über ihre Niederträchtigkeiten erstaunen. Oder auch – es war selbstverständlich alle Welt mit ihnen im Bund gegen ihn.

So ein Alter! Ja freilich, wer hat mit ihm Mitleid? Was so einem Alten geschieht, das geschieht ihm nur ganz recht. Was braucht er eine Junge zu nehmen? Das war immer so gewesen, und er selbst, da er noch Sprünge wagte, hätte es doch auch nicht viel anders getan. Es war genug, wenn man sein Sündenspiel nur vor ihm verdeckte und ihm nicht ins Gesicht lachte. Und wie, wenn man ihn einmal satt hatte und gar keine Rücksicht mehr nehmen wollte auf ihn? Er war doch wehrlos. Und dann gab es doch Pülverchen, ganz weiß und süß wie Zucker. Wem man damit seine Speisen würzte, den hungerte es bald nicht mehr.

Er traute ihnen allerdings so etwas nicht zu. Denn die Madlena war früher immer brav gewesen. Er wußte es nun ganz bestimmt und schwelgte in der Erinnerung an ihre vormalige Bravheit, an die er doch nie hatte so recht glauben wollen. Ist ein Weib aber erst einmal schlecht, so weiß man gar keine Grenze. Und es gab Exempel. Er selbst war doch einmal Geschworener in einem solchen Fall gewesen, der dem seinen ganz verzweifelt ähnelte.

Nahm er aber seinen Stecken und jagte die Frau zu allen Teufeln – gut, aber er hatte doch nicht den kleinsten Beweis gegen sie und machte höchstens offenbar, was besser verborgen blieb vor aller Augen. Und dennoch war jene lüsterne Neugierde in ihm. Er zupfte beständig an dem Tuch, hinter dem seines Hauses Geheimnis schlief, ob es erwache, ob jemand auch nur ahne, was sich dahinter verstecke.

Mit dem Burschen abrechnen? Ja – auch das war nicht so einfach. Er konnte doch nicht wissen, ob er die beiden damit nicht erst recht zu einem verzweifelten Schritt trieb. Denn er dachte sich ihre Leidenschaft groß, wie das einer immer tut, hinter dem derlei schon lange genug liegt. Und dann, er brauchte den Wallenta, brauchte ihn nun mehr als je, da sich doch manches große Unternehmen dem Abschluß näherte, von dessen ganzen Absichten er allein wußte. Mit ihm, seinem unermüdlichen Scharfsinn war's möglich. Ohne ihn fiel's in sich zusammen wie ein Kartenbau. Und nun hatte er den Burschen so lange gefüttert, auch mit Bissen, die ihm durchaus nicht zugedacht gewesen. Sollte er nun nicht nur gefoppt, auch geprellt sollte er sein? Nein, für solche Scherze war Kajetan Zapletal nicht. Den Spott trug er, der war andern schon widerfahren. Den Schaden aber noch dazu? Das stand ihm durchaus nicht zu Gesicht. Sich des Wallenta bedienen, bis zum Ende, und hernach eine Rechnung mit ihm halten, in der kein Posten und kein Heller vergessen war. Darauf verstand er sich doch. Und diese Hoffnung, die schöne Erwartung dieser einen Stunde war ihm in aller seiner Pein eine Freude, die er ganz allein genoß.

Die Madlena aber war aus dem Gleichgewicht gekommen. Sie hatte gehofft, den Wallenta abzuschütteln. Stand sie ihm aber gegenüber, dann lähmte sie immer wieder die gleiche Schwäche, der sie damals erlegen. Sie betete viel und traute sich dennoch nicht zur Beichte. Auch schlich ihr der Bursche überallhin nach und tauchte vor ihr auf, wenn sie sich dessen am wenigsten versah und ganz allein war. So mußte sie denn trachten, des Kindes ledig zu sein, soviel es nur ging. Sie übergab es einer Magd; die mochte Annetschka durchaus nicht, denn sie gesellte sich nur sehr ungern zu einem Fremden und war also mit dem Mädchen sehr häßlich. Immer wieder versuchte sie's, der Mutter nachzuschleichen, immer wieder wurde sie hart angelassen dafür und entfernte sich dennoch so schwer, so zögernd! Oftmals, weil Madlena sich in schlimmen Gedanken durch sie aufgeschreckt sah, war sie zur Unzeit heftig und ungerecht gegen sie. Wieder erdrückte sie das Kind mit einer Zärtlichkeit, deren es nicht gewohnt war.

Sie trug die Launen des Gatten mit einer unendlichen Geduld. Es war ihr, als bestünde darin ein Teil ihrer Buße, und je mehr und klagloser sie auf sich nehme, desto besser für alle. Denn er war unsäglich erfinderisch in hämischen Bemerkungen. Jedes Kleid, das sie anhatte, gab Anlaß dazu. Etwas durchaus Schamloses war in ihm erwacht, und es behagte ihm, sie damit zu verwirren. Es gab wüste und abscheuliche Szenen, voll eines unermeßlichen, niedergehaltenen, unterdrückten Grolles, unter denen das Kind sehr litt, dem man sie nicht ganz verbergen konnte. Denn schob sie es aus der Stube, sowie sich der Sturm ankündigte, so fuhr er auf und tobte, ob man ihm auch schon Annetschka nehmen wolle. Und wieder ein andermal ging sein Verdacht zurück bis in die ersten Zeiten ihrer Ehe. Und er besudelte damit selbst das Kind. Es konnte in der Hölle nicht schlimmer sein, mußte sie sich oftmals denken. Und ein finsterer Glauben erwachte in ihr.

Sie hatten sich arg versündigt. Und, so tief sie darunter litt, sie war zu schwach, sich dieser Sünde abzutun. Es war auch nicht möglich unter diesen Verhältnissen, wo sie Tag um Tag mit Cyrill sich treffen, an einem Tisch mit ihm sitzen, seine Nähe erleiden mußte. Ungeahndet aber konnte so etwas auch nicht bleiben. Wen aber mochte die Vergeltung treffen? Sie konnte in ihrem Mann bestraft werden und hätte das trotz alledem nicht leicht empfunden. Aber näher lag das Verhängnis über dem Wallenta als dem eigentlichen und überdies unbußfertigen Urheber aller Verwirrungen, und sie meinte, ihn sterben sehen zu können, ohne mit einer Wimper zu zucken. Eben darum traf es ihn wohl nicht. Oder es ereilte sie, als die Mitschuldige. Wie aber? Der Tod wäre ihr beinah willkommen gewesen, und sie dachte nur nicht an Selbstmord, weil man ein böses Vergehen nicht durch ein noch schlimmeres, nicht mehr zu bereuendes gutmacht. Oder es konnte Annetschka treffen und in und mit dem Kind sie vernichten. Dachte sie so weit, dann kniete sie vor ihr nieder: »Annetschka – mein Engelchen!« Brach ab, schwatzte ganz verstört. Denn Kinder, die sündenrein sterben, gehen als Engelchen ein in die Freude des Herrn und bitten für die Vergehungen der Eltern.

So wurde dem Wallenta der Gang zu seinem Gevatter täglich schwerer.

Er sah so gar kein freundliches Gesicht mehr. Das Kind haßte ihn offen und machte nicht im mindesten Hehl daraus. Wie eine Wildkatze fauchte es ihn an, die sich wohl strählen läßt, aber immer nur auf den günstigen Augenblick zu einem Krallengriff dabei lauert. Ihm tat diese Abneigung ordentlich weh. Denn nicht aus Berechnung hatte er sich um Annetschka bemüht. Er liebte Kinder wirklich und ehrlich, wußte die Künste, die sie einem zulaufen machen, und war sogar nicht wenig stolz auf seine Macht über die kleinen Gemüter. Hier versagte sie völlig und in unbegreiflicher Weise. Hier, wo ihm am meisten an einer Wirkung lag. Und überhaupt, hier gefiel es ihm nicht. Denn seine Eitelkeit, wohl das Stärkste und Ursprünglichste in ihm, wurde hier unablässig und in der empfindlichsten Weise verletzt. Auch war das mit der Kajetanowa kein Verhältnis, wie es ihm gefiel. Und es wurde auch durchaus nicht, wie er sich's wünschte. Er war niemals der Herr und Gebieter. Sonst zitterten die Mädchen und die Weiber, mit denen er's gehabt, vor dem Ende, und er konnte drohen. Diese zitterte nach dem Ende. Sie wünschte nichts, als seiner ledig zu werden, und verbarg nicht einmal, wie sehr sie unter dem leide, was unter ihnen bestand. Niemals machte sie ein Hehl daraus und marterte ihn. Und das ewige Verstecken vor aller Welt regte ihn auf, und er kam sich selbst schon schlecht in der Haut vor, wenn er seine verstohlenen Pfade schlich.

Er strengte seinen ganzen Scharfsinn im Dienst des Bauern an. Alle seine Geisteskräfte bot er für ihn auf, und das Vermögen des Zapletal wuchs mit einer unheimlichen Schnelligkeit. Sie zwei allein wußten, wie reich der Mann schon war, reicher als die meisten, die da herum auf Edelhöfen saßen. Er selbst wollte nichts davon. Er nahm nicht einmal mehr etwas für seine nächsten Bedürfnisse von ihm an. Nur seine Anerkennung der Dienste, die er sich abzwang, denn sie gingen gegen Leute, die ihm nie etwas getan, begehrte er. Die wurde ihm geweigert oder in einer Art gezollt, der man anmerkte, wie schwer und widerwillig sie sich aus einem vergifteten und von allen Befürchtungen zerfressenen Herzen losrang. Ja, es war eben eine böse Welt! Voll Falschheit und voll häßlichen Undanks. Und wenn er schon ein Lump sein sollte, für dies Gesindel war er immer noch zu gut, und dies war sein ganzes Unglück. Er hatte halt Gemüt. Und er nahm sich die Dinge zu Herzen. Dagegen war nun einmal nichts zu tun; wen's hatte, den hatt es eben. Da half nur Flucht. Er mußte fort von dieser Madlena, die ihn mit ihrer traurigen Schroffheit verhexte, daß er keiner andern mehr denken konnte. Als liefen nicht Frauenzimmer genug für einen dreisten Gesellen auf dieser Welt umher! Fort von diesem Wucherer Kajetan, dieser Annetschka, die ein rechter Ekel war, diesem ganzen Dorf, einer Pfütze, in die er zu seinem Unheil getreten. Je nun, besser ein Stiefel als gar ein Fuß samt allem, was daran hing. Er war ja nicht gebunden. Keinen Augenblick länger, als es ihm paßte. Und mit aller Entschiedenheit bewarb er sich endlich um eine Stellung. Natürlich bei Gericht. Da gibt es für einen, der ausgelernt ist und alle Wege weiß, immer noch einen guten Verdienst, so daß man nicht ums Gehalt fragen muß.

 

Es hatte wieder einmal einen Verdruß mit der Madlena gegeben, wie jedesmal, wenn sie zusammen waren, so daß er schon vor jeder Begegnung zitterte, ohne ein Ende machen zu können. Denn freuen über ihn sollte sich diese hoffärtige Madlena, die doch nichts war, durchaus nicht. Litt sie, so war ihm doch auch nichts geschenkt. Und er sehnte sich dennoch nach jeder Begegnung. Also ... Er war diesmal sehr zornig fort, zum Jindrak. Nun musizierten sie miteinander. Es war ein nebliger Vorwinterabend. Des Jindrak Hütte stand auf einem Bühl. Man sah ins Land, über dem der Nebel seine endlosen, unkörperlichen Fäden spann, nieder zur March, die weißlichgrau, geschwellt von Oktoberregen, zwischen dickem Weidicht ihr Bett erfüllte. Der Wallenta fühlte sich ruhiger werden. Eine Dohle, die er sich einmal gefangen und abgerichtet, um sie bei Gelegenheit Annetschka zu schenken, die sicherlich noch niemals einen sprechenden Vogel gehört, warf manchmal ein zorniges Wort in ihre Tanzweisen und schlug ärgerlich mit den glänzend schwarzen, gekappten Flügeln; denn es war ihre Schlafenszeit, und man kümmerte sich heute nicht darum. Wallenta drohte ihr mit dem Finger: »Sei ruhig, Peterl!«

Peterl spreizte die Flügel, fauchte, sah den Wallenta mit blitzenden schwarzen Augen an und schimpfte weiter.

»Das ist auch so ein Rabenvieh«, knurrte der Cyrill.

»Sieht auch ganz so aus. Kann also niemand auch mit schlimmem Willen bestreiten«, entgegnete Jindrak philosophisch.

»Ich dreh ihm den Kragen um. Das kann mir gleichfalls niemand verbieten.«

Peterl schien die freundliche Absicht zu merken und krächzte höchst bösartig und ergrimmt. Jindrak aber preßte seinen Blasebalg mit Macht zusammen. Er wollte mit Nachdruck und beiden Ellenbogen eine Passage herausquetschen, die ihm vielleicht nicht gemütsvoll und gewiß nicht sicher genug herauskam.

»Da werd ich nun fortgehen«, meinte der Wallenta melancholisch, wie das immer nach dem fünften Viertelchen Schnaps bei ihm kam. »Fortgehen, von wo ich doch eigentlich zu Haus bin. Und keine Katz wird um mich krähen.«

»Du, das möcht ich einmal hören«, meinte der Jindrak und entfaltete seine Harmonika zu einem neuen Sturmlied.

»Sei nicht frech, Blinder. Aber fortgehen muß ich. Sonst kommt nichts Gutes heraus, wenn ich noch länger da bin.«

»Nein, Gutes kommt nichts heraus!« bestätigte der Blinde.

»Du mußt mir nicht alles nachkrächzen wie der Vogel, der vermaledeite«, fuhr Wallenta auf. »Wer wird mich aber in der Heimat vermissen? Keine Menschenseele.«

Jindrak erschrak und tat keinen Muck mehr. Er wußte, es sei mit seinem Freund nicht immer gut Kirschen essen.

»Allen hab ich Gutes getan, und alle werden auf mich hacken, wenn ich erst einmal fort bin. Aber das ist einmal in der Welt so. Warum wird man schlecht? Weil die Welt miserabel ist.«

Jindrak betastete seine neue Harmonika zärtlich: »Ja, das ist nun einmal in der Welt so.«

»Da wird man herumgehudelt im Leben. Was haben sie allein beim Militär auf mir für Stückeln gespielt, bis ich gemerkt hab, man kann auch auf andern spielen! Das wollen sie sich nicht gefallen lassen. Alle haben sie von mir gelernt.«

»Ja. Alle und allerhand«, bezeugte der Blinde.

»Du am meisten. Ein Pfuscher warst du, ein Bettelmusikant, nach dem man nur tanzen konnte, wenn's einem schon sehr in den Füßen juckte, und dem man seinen Kreuzer gibt, nur damit er um Gottes willen aufhört.«

»Ein Pfuscher? Ein Bettelmusikant? No, no!« meinte Jindrak gekränkt.

»Wie hat's nur früher hier ausgesehen! Wie bei einem Räuber, dem sein Geschäft sehr schlecht geht: Und jetzt ist's doch ganz menschlich hier.«

»No ja. Aber ich war doch blind.«

»Das bist jetzt auch noch. Aber ein Schwein bist du nicht mehr. Eine Ordnung hab ich in dich hineingebracht, wie man sie beim Militär hat. Und ein Geld hast auch.«

Der Blinde zuckte zusammen. Davon hörte er sehr ungern.

»Bissel was. Bissel was. Gar wenig.« Und er spreizte seine Finger ängstlich, als müßt er seinen Schatz behüten.

»Und deine Musik machst, daß es eine Passion ist. Du wirst an mich denken. Wirst, Jindratschku?«

»Gewiß werd ich, und mit Dank«, entgegnete Jindrak ehrlich und befreit aufatmend.

Peterl legte den Kopf auf die Seite und schwieg. Der Blinde aber regte sich nicht, horchte angespannt und zog die Luft tief in sich. »Wie ein Lärm ist's. Weit wo. Und es brandelt.«

»Unsinn. Die Nebel streichen. Da brandelt's immer.«

»Sei still, Wallenta. Hören und riechen tu ich besser als du. Es brandelt richtig.« Der Vogel stieß einen grellen Ton aus. »Der Peterl spürt auch etwas.«

»Laß mich sehen.« Er trat vor die Hütte. Der Himmel war umzogen, und ein starker Wind hatte sich aufgemacht. Er fegte den Staub in Stößen vor sich her. Es war trockene Zeit gewesen und gegen alle Ordnung der Dinge. Überm Grunde aber lag ein rötliches Licht, und wie ein Rauch erhob es sich. Und da schlug es auch an. Gellend, ängstlich, zappelig, immer wieder und schneller, wie ein Ruf um Hilfe: die Feuerglocke. »Du hast recht. Es brennt.«

»Wo denn?«

»Im Dorf. Nah beim Schloß. Kann sein, beim Zapletal.«

»Gehst hin?«

»Muß ich doch. Servus, Jindrak.« Er zog sich an und eilte dem Sturm entgegen. Hinter ihm aber in kurzen, schnellen Sprüngen flatterte etwas. Die Dohle folgte ihrem Herrn, angezogen von immer stärkerem Geruch der Brandstatt, völlig ermuntert von der Lohe, die sich immer mächtiger und klarer aus der Nacht hob, die rot und glosend am Himmel stand, dem Lärm eines Dorfes, das geweckt war, da es sich zur Ruhe begeben wollte, und nun zur Hilfe herbeieilte.

Es war ein wirres Getöse. Angstgeschrei von Weibern, die nicht wußten, wo die Gefahr eigentlich herdrohte. Johlen und Greinen von Kindern. Sie überfüllten und verengten die Dorfstraße, in der sich schon manches Gerümpel zu türmen begann, das man retten wollte. Blöken, Quietschen, Wiehern und Gebelfer von Haustieren, die man der Sicherheit halber ins Freie gelassen. Und laut und immer schrecklicher das Prasseln der Flammen, und ihre Zungen stiegen hoch und höher in die Finsternis und glühten den weißen Kirchturm an, daß sein Kupferdach blänkte und er geisterhaft in der Nacht stand und man das Zittern und Schwingen der Glocken sah; und sie leckten gierig und sehnsüchtig nach dem Schloß hinüber.

Wallenta überflog dies mit einem Blick. Eine Spritze kam herangerasselt. Er schwang sich auf den Bock, ergriff die Zügel, die man ihm ohne Wort und Einspruch überließ. Hinten herum, über Sturzäcker, auf denen der schwere Wagen tief einsank und bedenklich schwankte, lenkte er sein Gespann. Es ging dennoch schneller als durch die Dorfstraße, und man mußte nicht aufpassen und der Flüchtenden halber kaum Schritt fahren, und es bestand keine Gefahr, daß die Pferde von unmittelbarem Flammenschein und all dem Lärm scheu würden. Einmal sah er sich um. Auf der Pumpe saß die Dohle, klatschte vor Vergnügen mit den Fittichen und sah aus wie ein kleiner Dämon. Er schlug mit der Peitsche nach ihr, sie hob die Schwingen und vermied den Hieb gewandt.

›Das Vieh bringt mir Unglück‹, schoß ihm durch den Kopf, und er zog den Pferden eins über, daß sie mächtig stiegen. »Annetschka«, rief der Vogel darein, und dann schalt er: »Spitzbub! Haderlump!« und schnatterte allerlei dummes Zeug.

Ein tiefes Dunkel – der Laubengang vor dem Schloß. Auch kahl warfen die Stämme und das verwachsene Gezweig tiefe Schatten. Über den Bäumen aber stand es wie ein sehr kräftiges und leuchtendes Abendrot, und goldene Funken zogen windschnell vorüber. Das war brennendes Getreide – das fliegt weit und zündet bös.

Die Pferde schäumten, keuchten. So waren sie noch nie gehetzt worden, eine so eiserne Faust hatte ihre Zügel schon lange nicht regiert, sie emporgerissen, wenn sie straucheln wollten. Wallenta sprang ab, und ein Zujauchzen empfing ihn.

Auch hier eine heillose Verwirrung. Der dicke Feuerwehrhauptmann schoß zwecklos um, daß er kaum mehr schnaufen konnte, gab im jammernden Ton Befehle, um die sich niemand kümmerte. Alles plagte sich kopflos und ohne Leitung.

Wallenta hatte durch Zufall seine Feldwebelmütze aufgesetzt. Er schob sie aus der Stirn. Kühn und frech sah er aus. Der Gischt des Brandes warf einen rötlichen Schein über sein blasses Gesicht, und seine Augen glühten. Die da an den Spritzen waren, dies waren fast durchweg seine Kameraden, hatten unter ihm gedient und harrten eigentlich nur seiner Befehle, denen blind zu gehorchen sie gewohnt waren.

Es war ihm leicht und freudig zumut, wie niemals seit langer, langer Zeit. Wie vor einer großen Aufgabe, vor die ihn das Schicksal selbst gestellt. Er winkte einen Burschen zu sich: »Die Ställe sind leer, Honsik?«

»Ja, das Vieh ist draußen, meld ich.«

»Ist gut. Eine Kette bilden bis zum Mühlbach! Eine Kette von Weibern, die Wasser reichen. Vier Mann an die Hauspumpe!«

Es geschah. Die Frauenzimmer, die bis dahin nur im Wege gestanden, sahen sich nützlich beschäftigt. »Die Ställe und Scheune brennen lassen! Alle Spritzen gegen den Gerätschuppen!«

»Warum?«

»Hierher geht der Wind. Fängt der Schuppen, so ist das Haus nicht mehr zu halten und vielleicht nicht einmal mehr das Schloß. Das sind alte Schindeln, die fliegen weit und sind wie Streichhölzchen. Zwei Mann aufs Dach!«

Eine Pause. Die Pumpen quäkten, die Flammen prasselten und zischten gewaltig, wenn ihnen immer neue Ströme Wasser entgegengeschleudert wurden. Wallenta war allenthalben, immer die Dohle hinter sich.

»Der Hauptmann und sein Adjutant«, scherzten die Burschen, die gutlaunig wurden. Denn sie spürten den Nutzen seiner Gegenwart und die Klarheit seiner Befehle. Und auf einmal erhob der Vogel seinen Ruf »Annetschka!« Er fand kein Echo. Keine Erwiderung.

Ein wirres Schreien: »Annetschka!« Kein Kinderstimmchen antwortete.

Wo war sie? Niemand hatte sie gesehen.

Im Wohnhaus war sie gewiß nicht gewesen. Das hatte man gründlich ausgeräumt. Alles Gerümpel stand da zu Haufe und gleißte im Widerschein. Nur Annetschka fehlte, und ein allgemeines Jammern, durch das der tiefe Alt einer ihm vertrauten Frauenstimme wie eine Trauerglocke vorschlug, begann: Jesus, Maria, Joseph! Annetschka brennt!«

Das war wie eine Litanei. Eintönig und in seiner ewigen Wiederholung dennoch so schrecklich aufregend.

Der Wallenta reckte sich: »Wo ist das Feuer ausgebrochen?« Und seine Stimme klang heiser und tonlos.

Man wies auf einen Stadel, der ganz in Flammen stand.

»Wann und wo hat man das Kind zuletzt gesehen?«

Darauf wußte niemand Bescheid. Der erzählte dies, ein anderer just das Gegenteil. Bestimmtes wußte keiner. Wallenta zog die Stirn kraus, während die Rettungsarbeiten unter seinem Befehle weitergingen und des Zapletal schreckliches Ächzen und Schluchzen und seine unsinnigen Verheißungen durch das schrille Gewimmer von Weiberstimmen klangen. War das Kind in jener Scheuer, dann allerdings war kaum mehr eine Rettung dafür.

Und das war möglich. Eben das. Gerade das. Denn eben hier hatte er sich diesen Nachmittag mit der Madlena getroffen, die ihm widerwillig genug nachgegeben, und dahier hatten sie sich noch so sehr gezankt und gestritten. Und es war ihm doch immer gewesen, und nun bestand es als Tatsache: es raschelte hinter ihnen wie von flinken Mäuse- oder Kinderfüßchen. Sie war ihnen doch überallhin nachgeschlichen, wo sie's nur konnte, der Spion, der kleine. Nun hatte sie's.

»Annetschka!« kreischte die Dohle auf einem entlaubten Baum, eben da es auf Erden einen Augenblick schwieg. Er bückte sich und schleuderte mit einem ingrimmigen Fluch einen Stein nach ihr. Aber seine Hand war so sehr unsicher. Er traf sie nicht. Nur nach dem Himmel sah er. Der stand kupferrot und angeglüht vor ihm. Und da stand auch die Zapletal vor ihm und sah ihn an, und ihm war, als sei die ganze Welt versunken und sie ständen beide einzig darauf. Und was für Augen sie nur an sich hatte! Er hatte einmal, aus besonderen Umständen, einen Zug kommandiert, der einen armen Sünder zum Galgen führte, weil er seinen Korporal erschoß. Ganz solche Augen machte die Madlena – voll Furcht vor etwas Unbegreiflichem und voll von Wahnsinn.

Ja! Da ist nichts zu machen!« sprach er nur für sich und dennoch laut. Die Madlena aber sah ihn immer nur an: flehend, fordernd und sehr gebieterisch. Ja, was wollte sie von ihm? Und wenn sie's schon forderte, warum tat sie's nicht lieber selbst, der's doch zunächst, zustand? Und er fühlt' es mit aller Bestimmtheit: die gleichen Gedanken über Annetschkas Ausgang, die ihn verstörten, waren auf ganz dem gleichen Weg auch in ihr wach geworden. Denn noch etwas lag in ihrem Blick: ein unbändiger und dennoch feiger Haß, vorläufig nur niedergehalten von einer Hoffnung ...

Hoffnung? Worauf? Daß er sein Leben wegwerfen werde in einem tollen Versuch, den Fratzen zu retten, der ihnen offenbar nachgeschlichen und in der halben Dunkelheit eingeschlafen war? Dem wahrscheinlich kein Knochen mehr weh tat? Das aber war so sicher nicht. Eigentlich brannte doch nur das Gebälk und sandte seine Gluten in die Welt. Die Scheuer selbst, solid gemauert, stand. Sie konnte schon noch leben. Sie war zu retten, wenn jemand den Mut dazu erschwang.

Eine solche Tat zu fordern aber war doch Wahnsinn. Und begehrte man sie hundertmal von einem, an den man guten Anspruch hatte! Ja; nun hatt er's. Sie mußte verrückt werden, kam das Kind so durch ihre Versündigung um, und es trat wie ein Feuerschein in ihn ein – er hatte sie dann zum Irrsinn gebracht und sie und Annetschka und den alten Zapletal auf dem Gewissen. Er schüttelte sich heftig, als müsse er eine schwere Last von sich abbeuteln. Und immer Neues, Leidenschaftliches ging ihm durch die Brust.

Denn an diesem Kind, das so wehleidig war wie eins und nun einen so martervollen Tod erdulden mußte wie keins, das er selbst so liebgehabt, trotz allen Ärgers, daß es seine Neigung nicht erwidern gewollt, an dieser Annetschka liegt trotz all seines selbstherrlichen Gefühls mehr als an ihm.

Verschwand er, so war's eine Erleichterung mindestens für zwei Menschen, denen er das Leben verstörte. Ging aber das Kind zugrund, so war es diesen zwei Menschen eine immerwährende und unauslöschliche Hölle. Da hineinsetzen hatte er sie gewiß nicht wollen und hat es dennoch getan. Und er verstand: ein einzelner halte noch soviel und aus bestem Grund von sich, er ist dennoch nicht mehr wert, als ihn die übrigen einschätzen und ihm zugestehen wollen.

Und man erwartete es doch von ihm. Etwas, dessen sonst niemand fähig war. Das war ja immer so gewesen. Was sich niemand traute, das sollte der Wallenta vollbringen. Und was war sein Dank dafür? Daß man ihn einen niederträchtigen Kerl schimpfte. Natürlich hinterrücks. Der sich's ihm ins Gesicht getraut hätte, den hätte Cyrill Wallenta gar zu gern kennengelernt.

Da war nun Gelegenheit, wie sie bestimmt nie wiederkam, eine Tat zu tun, an die sich niemand wagte, eine Tat, wie sie seiner Frechheit und seiner Eitelkeit zugleich schmeichelte. Das war so ein Brillantfeuerwerk, entzündet, Cyrill Wallentas Abschied zu feiern und ins gebührende Licht zu setzen. Nur zu gering erschien es ihm für diesen Zweck. Glückte dies Unterfangen, so vergoldete er sein ganzes Leben, es war nun, wie es war, und zwang sie, von ihm zu sprechen, wenn er längst nicht mehr da war. Eine Tat wär's, die mit einem Fußtritt all dies Gesindel, das er so lange um sich geduldet, von ihm schied – und seine eigene Vergangenheit auch. Alles regte ihn so auf, drängte ihn zu einem Entschluß. Dies häßliche Gebimmel: »Helft, kommt! Helft, kommt!« der Feuerglocke, die immer ängstlicher und schneller anschlug, die Augen voll Höllenangst der Madlena. Und sein innerlicher Nihilismus dazu. Was lag an ihm? Überhaupt an sonst einem Menschen? Nur dies Kind war unersetzlich, wenn es sonst der Leute nur zuviel auf der Welt gab.

Er bückte sich, tauchte zwei Pferdedecken tief ins Wasser. »Alle Spritzen auf die Scheuer. Für den Schuppen genügt eine!« Seine Stimme klang klar. Er schlug die Decken um sich und lief in weiten Sprüngen über den Hof. Da sah man ihn und dort. Wo er sie zu finden gefürchtet, dort war Annetschka nicht. Das war ihm eine Erleichterung und ein gutes Vorzeichen. Wo er auftauchte, dorthin sandte man den vollen Strahl der Spritzen. Er dampfte, knickte zusammen, traf ihn die Wucht der Wasser, und taumelte weiter durch Rauch und Gluten. Wie ein Verdammter erschien er sich selbst und den andern, der durch die Hölle schwankt. Er verschwand. Eine endlose Pause. Da ... er hielt etwas hoch in den Armen, und durch die schreckliche Nacht klang das zornige Weinen eines Kinderstimmchens.

Ein Jubelschrei: »Annetschka!« – »Bravo, Wallenta!« Ein Angstruf: »Achtung, Wallenta!«

Er hob, geblendet von all den Grellheiten, durch die er gestürmt, den Kopf, hielt die Hand vors Auge, tat einen Schritt vorwärts. In sein Verderben. Ein ungeheurer Balken stürzte, traf ihn mit voller Macht. Ein unsicheres Vorwärtstaumeln, immer das Kind in den Armen. Dann brach er in die Knie und stöhnte. Dann sank er hin ...

Das Feuer war niedergebrannt. Die Menge hatte sich verlaufen. Noch stieg unter der Gewalt der Wachtspritze eine einzelne, aufgeschreckte Flamme auf und glühte das Schloß an und den Kajetan Zapletal, der unbeweglich mit seinen kranken Beinen dasaß und grübelte. Er war hoch versichert, und der Brand gab ihm nun nur neue und flüssige Mittel zur Verfolgung seiner alten Pläne. Vor ihm lag regungslos Cyrill Wallenta. Die Madlena war fort. Unterkunft für die Nacht bereiten. In des Vaters Schoß hatte man Annetschka weich und warm gebettet, und sie schlief. Er hob die Faust gegen das Schloß, das geisterhaft klar und nahe stand, beugte sich über sein Kind, schlug ein Kreuz darüber und flüsterte heiser und ängstlich, um sie ja nicht zu wecken: »Annetschka, mein Herzerl, du wirst doch noch im Schloß schlafen.«

 

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