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Jakob Julius David: Die Hanna - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorJakob Julius David
titleDie Hanna
publisherAufbau-Verlag
addressBerlin und Weimar
printrun1. Auflage
editorPeter Goldammer
year1984
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectidac675c67
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Frühschein

Den 13. des Monats Julius 1662 haben sie auf der Gänseweide im Erdberg Ehemalige Wiener Vorstadt. vier üble Weiber gebrannt. Es war ein groß Spektakel und ein sonderlich Ergötzen für das gemeine Volk, das johlend und mit Zuruf um den Stoß stand und für dessen Erlustigung sonst bei bösen Zeiten wenig geschah. Denn zweie von ihnen kannte die ganze Stadt. Die eine davon war des sehr edeln und ansehnlichen Ratsherren Petrus Lehningers Weib, die andere seine Tochter Barbara. Denn die Stiefmutter hatte, zu wiederholten Malen peinlich befragt, endlich bekannt, sie habe das Mägdlein, da es noch nicht zwölf Jahre alt gewesen, ob seiner ausnehmenden Schönheit dem höllischen Buhlen zugeführt. Torquieret Gefoltert., gab die Jungfer Barbara zu, sie habe durch sieben Jahre mit dem Bösen Gemeinschaft gehabt und schlimme Unzucht getrieben. Genossinnen nennen aber tat sie überall nicht. So heftig man ihr auch mit Worten und eindringlicheren Vermahnungen zusetzte, antwortete sie immer, sie hätte, wann sie ausgefahren, bei ihrem sehr zurückgezogenen Leben niemanden erkannt, und insgemein sei der schlimme Feind als ein sehr säuberlicher und nur etwas hinkender Herr zu ihr auf die Stuben gekommen. Über eine solche Halsstarrigkeit eines so jungen Geschöpfes betrübten sich der Hexenrichter, Herr Ferdinand Riemenschneider, und der Beichtiger, der ihre Seele gerne gerettet, gar sehr. Denn das Treiben der Unholdinnen war nur zu schamlos und zu offenkundig, als daß ein Einsichtiger es hätte leugnen können, so daß das Holz unablässig im Preise stieg, und zwar, soviel dessen auch zugewachsen, fast noch mehr ihrer Brandstöße halber als der vielen neuen Häuser wegen, die man nach dem großen Kriege überall aufzubauen begann, und daß niemand bessere Zeiten und ein lohnenderes Geschäft hatte als die Büttel samt dem Fronvogte. Der alte Lehninger aber, der sich wie ein Rasender nahm und sich weigerte, die Gerichtskosten für Weib und Tochter zu bezahlen, ward mit vielen Pfunden guter böhmischer Groschen gebüßt, und, weil er sehr lästerliche Reden führte, als ein Zweifler und als im Geruche geheimer Hinneigung zur Hexerei fortan suspekt gehalten.

Am 18. hujus (lat.) dieses (Monats)., eben da es tagte und die Frau Katharina des sehr gestrengen Herren Ferdinand Riemenschneider sich erhob, fand sie in Küche und Haus noch gar nichts bereitet. Vielmehr alles lag und stand, wie zu Abend zuvor. In ihrem Bette aber fand sie die ungarische Magd, Terka geheißen, welche seit mehr denn einem Jahre bei ihnen im Dienste gewesen. Diese stöhnte erbärmlich und klagte, wie sie sich durchaus nicht aufrichten könne. Denn es sei ihr nicht anders, als hätte sie Blei in den Gliedern, und tue ihr alles weh. Bestürzt sandte man nach dem Chirurgus Sebastian Oberndorfer, denn das Mädchen war dem ganzen Hause wert ob seiner Anhänglichkeit und seines munteren Wesens. Herr Oberndorfer fand nichts und schied mit einigem Kopfschütteln, weil er an sich und seine Kunst glaubte. Und wie das etliche Tage so fortwährte, ohne daß weder die Terka an ihr Werk gehen konnte, noch es eigentlich schlimmer mit ihr ward, so entstand ein allgemeines Raunen. Denn man kannte das Mädchen um den Bauernmarkt, wo des Herren Riemenschneiders Haus stand, weil es sehr hübsch war: zierlich von Gestalt, mit gar kleinem Kopfe, mit munteren, schwarzen Augen darin, bräunlich von Angesicht und behend und wippend, von Gang wie eine Grasmücke, daß man immer meinte, sie werde jetzt verborgene Flügel spannen und fortpurren. Auch sang sie gerne und heimlich vor sich, wie so ein Waldvogel, und wollte von keiner Liebschaft wissen, ob ihr schon ansehnliche Herren auflauerten, wenn sie hinter ihrer großen, blanken, stattlichen Frau zu Markte ging, ihr nachstellten, wenn sie allein etwas zu verrichten trippelte, und sie so etwa ein unversehenes Glück hätte machen können. Und weil sie immerdar ganz gesund gewesen war, so munkelte man allerhand von Hexerei, und als man gar hörte, sie möge die Frau durchaus nicht mehr ansehen und kehre den Kopf nur zur Wand, wenn ihr diese tröstlich zuspreche, so gewann der Verdacht bald eine bestimmte Richtung. Man war der Frau Riemenschneider nämlich nicht hold, weil sie sich vom Verkehr mit anderen Frauen fernhielt und mied. Eine der Nachbarinnen erzählte, sie hätte sich einmal berühmt, sie wolle lieber des Teufels werden als eines Kindleins genesen. Denn ihre Schönheit sei ihr zu wert, als daß sie durch Kindesnöte sie sich zerstören lassen wolle.

Es gab an den beiden überhaupt immer zu mäkeln. Wer den Blutbann in Händen hielt, wer schon durch sein Amt so vielen Leiden bereiten mußte, dem mußten manche gram sein. Es gab wenig Familien, die sein Eingreifen nicht schon einmal verspürt hatten. Er tat seine Pflicht, ohne Besinnen, ohne Härte, ohne Rücksicht, wie man etwas erledigt, das nun einmal sein muß und das in eines anderen Händen läge, wäre es nicht diesen anvertraut. Er hatte im großen Kriege als ein sehr junger Hauptmann gedient und darnach dies Amt anvertraut erhalten, das seinen Wünschen durchaus entsprach. Denn er war keiner Versuchung zugänglich, ruhig, erwägend und bei seiner großen Klarheit bald ein scharfer Jurist, an den man sich selbst aus Grätz Graz. und noch weiterher in wichtigen Fragen um Gutachten wandte. Allerdings wußte er sich damit und mit seiner gewandten Feder nicht wenig, überhob sich gegen die Kollegen und träumte von einer höheren Laufbahn. Sie war eines Obristen Tochter, der bei Jankau ohne Viktoria, doch nicht sonder Ruhm unter kaiserlichen Fahnen gefallen, streng klösterlich erzogen, selber zum himmlischen Bräutigam sich sehr hingezogen fühlend, und hatte auch darum nicht ohne Besinnen und Zweifeln sich dem älteren Manne verbunden. Nun hingen sie einander sehr an, mit einer heftigen Ausschließlichkeit des Begehrens, welcher die Jahre nichts anhaben konnten. Sie waren wohlhabend und vielleicht sogar mehr, ohne anderen Aufwand zu machen als für den Staat der Frau, daran ihr Herz nun einmal hing. Gesellschaft mieden sie nicht, noch fehlte sie ihnen, die jeder ungestörten Stunde froh waren, so wenig sie, als völlig gleicher Gedanken, auch in ihr sprachen. Beider Gottesfurcht war echt. Anfangs hatte man ihr Glück bezweifelt, späterhin es als etwas Unbegreifliches hingenommen, je fester es erwuchs, während um sie herum manches Blühen, wie eben erst das bei Lehningers, zunichte ward. Das Unbegreifliche aber schwebt über den Häuptern der Menschen wie eine drohende Wolke. Wann wird sie sich öffnen und irgendein ungeahntes Unheil enthüllen, das in ihrem Schoße schlief ...?

Nach einer Woche etwa, als es mit der Terka immer im gleichen blieb, ohne daß alles Salben und Schmieren von hilfreichen Frauen irgend nutzte, vielmehr der Arm des Mädchens, wenn man ihn zur Höhe hob, als ein unnütz und kraftlos Ding niederfiel, gleich als wär er in der Wurzel verdorrt, während doch kein Auge gegen früher eine Änderung gewahren konnte, sandte man nun einen Priester vom Orden Jesu, der im Geruche stand, Teufel besprechen und austreiben zu können. Er war Beichtiger und Seelenfreund des Hauses, wie in diesen sehr kummervollen wie andächtigen Tagen jedes bessere einen haben mußte. Er verweilte sich sehr lange bei dem Mädchen, und der Herr Riemenschneider, der sich derweilen aus rein menschlichem Anteil im Flur aufhielt, hörte den heiligen Mann mit starker Stimme der Magd zusprechen, sie vermahnen und beschwören, während sie entgegenschluchzte, beteuerte und ihrer Seelen Seligkeit zum Pfande setzte. Als sich die Türe wieder auftat, trat der Priester mit sehr blassem und verstörtem Gesichte heraus. Wenige Worte, und Herrn Riemenschneiders Antlitz ward nicht minder fahl. Er griff nach der Hand des Priesters und riß sie ungestüm an sich, als wolle er sie vom Arme trennen, küßte sie heftig, und er, an dem man niemals eine sonderliche Aufregung gekannt, schrie auf, stöhnte und flehte. Der andere zuckte mitleidig und hilflos die Achseln. Da er schied, taumelte der Richter ganz ohne Fassung in sein Gemach.

Am gleichen Abend war ein großer Rumor in der Stadt. Denn Frau Katharina Riemenschneider war, als der Hexerei bezichtigt und schwer gravieret Belastet., in die gemeine Prison Gefängnis. eingeliefert worden. Von Stund ab erholte sich die Magd, daß es ein Wunder und fast für sich ein Beweis war, und war bald wieder auf stracken Füßen.

Dieses war die Anklage, wie sie die Terka zuerst dem Beichtiger gemacht, darnach vor dem Inquirenten, oft und eindringlich vermahnt, aufrechterhalten, ohne alle Abweichung wiedererstattet und mit den teuersten Eiden bekräftiget. Und als einer ehrsamen und unbescholtenen Person christlichen Glaubens mußte man ihr wohl Gehör schenken und demnach mit der Inkulpatin Angeklagte. nach dem gemeinen Recht und den Vorschriften des Hexenhammers Eine 1487 verfaßte Sammlung des Hexenprozeßrechts. gemäß verfahren.

Es sei ihr oftmals aufgefallen, wenn sie der Herrin beim Auskleiden habe helfen müssen, daß sie diese schleunig weggeschickt und die Türe hinter sich sorgsamst verriegelt. Und als neugierig, und ob die Frau nicht vielleicht eine geheime Unform vor ihr verberge, habe sie einmal durch das Schlüsselloch geluget und also gesehen, wie sich die Frau nackend ausgezogen und mit einer Salbe am ganzen Körper gesalbet, der aber ohne allen Fehl gewesen. Das ziemliche Häfen, aus welchem sie diese Salbe genommen, stand hinter dem Bette in einem geheimen Schränkchen. Einmal habe sie fürwitzig ihren Finger darein getauchet. Es war ein starker und übler Geruch, und der Finger brannte sehr heftig. In der gleichen Nacht sei aber in ihre Kammer, die sie doch wie immer sorglich verschlossen, ein sehr wohlgekleideter Herr, den sie niemals vorher gesehen, gekommen, habe ihr das Köstlichste von aller Welt versprochen, wofern sie sich ihm zu eigen gäbe, und sie also sehr bedrängt, bis sie in ihrer Angst und sich keinen Rat mehr wissend, nachdem niemand ihr Schreien hörte, Gott und seine Heiligen angerufen. Alsbald sei der fremde Herr mit einem gräßlichen Fluche und einem bösen Dampf hinter sich, der ihr die Brust beklemmte, als ein angebrannter Schwefelfaden es tut, ohne Spur verschwunden.

Ob der Herr damals zu Hause gewesen?

Nein. Das wisse sie bestimmt. Er sei im Amte über Land gewesen.

Ob aber die Frau? Und wenn, ob sie ihr Schreien hätte müssen hören?

Ihr Rufen wäre laut genug gewesen dazu. Nur daß sie ganz allein im Hause wohnten. Ob aber die Frau in ihrem Bette gelegen, dies wisse sie nicht.

Was das wiederum nur heißen solle? Sie möge sich ihre Aussage wohl überlegen – es ginge um zweier Christenmenschen zeitlich und ewig Heil!

Sie könne nicht anders, bei der Mutter Gottes und ihrem einigen Sohn. Denn die Frau habe sich niemals gesalbet, wenn nicht der Herr just auf Reisen gewesen sei. Dies wisse sie als ganz bestimmt. Aber sie wisse nicht, ob die Frau dann im Bette geschlafen. Denn immer darnach sei es ganz so gewesen, wie sie es zu Abend gemacht, und keinerlei Eindruck, als hätt eine erwachsene Person darin gelegen, und sei die Frau sehr grämlich und übeln Aussehens gewesen.

Die Beisitzenden sahen einander an. Ein Species loci, auf gemein Deutsch ein Orts- und Augenschein ward angeordnet. Man konnte wirklich durch das Schlüsselloch zum Bette und dem Wandschränkchen dahinter blicken. Dieses ward geöffnet, und man fand neben allerhand Schmieren und Ölen, wie sie sonst Frauen haben, eine ansehnliche Dosen darin, zum Teile noch gefüllt mit einer Salben, welche, schmeckte man dazu, also in die Nasen stach, wie die Terka dieses angegeben. Und wurden der Frau Katharinen am gleichen Tage die strengen Eisen angelegt. Mit der Terka aber ward weiter inquiriert.

Warum sie also wohl dann über ein böses Treiben so lange geschwiegen?

Sie errötete sehr. Dann: weil sie gewußt, der Herr hänge an seiner Frau mehr als an sonst allem.

Also: aus sonst löblicher, diesmal aber sträflicher Anhänglichkeit an den Herrn, und um ihn, dem sie sehr zugetan, nicht zu betrüben?

Die Terka kämpfte mit sich. Endlich: Ja, denn sie habe dem Herren immerdar zu Gefallen zu leben getrachtet. Freilich nicht weiter, als mit Zucht und Ehrbarkeit verträglich.

Mancher der Gestrengen schmunzelte und dachte sich sein Teil. Denn das Mädchen war zu säuberlich. Alsdann: Und in welcher Weise sie demnach meine, daß sie von der Frauen sei behext worden? Und sie möge ihrer Worte Hut haben!

Das sei sicher und gewiß in der übernächsten Nacht geschehen, nach der man die beiden Lehningers gebrannt. Denn sie hätte dabei zugeschaut und sich dabei sicherlich in Gedanken versündigt. Weil sie nämlich die Jungfrau Barbara oft und oft gesehen und es sei sicherlich keine sittsamer, schöner und stolzer in Wien zu befinden gewesen, so habe sie bei sich gedacht, ob man nicht unrecht getan habe an dieser, und durch solchen Zweifel dem Bösen Gewalt gegeben über sich. So meine sie heute. Und mit solchen Gedanken sei sie müde, nachdem sie nur das Notwendigste verrichtet und alles Übrige auf den Morgen verschoben, zu ihrer Lagerstatt. Es sei ein mächtiger Schlaf auf ihr gelegen, so daß sie nicht anders vermeinte, als sie müsse augenblicklich ihre Ruhe finden. Dem sei aber nicht so geworden. Vielmehr sei sie mit halboffenen Augen dagelegen und hätte selbst die Totenuhr Klopfkäfer. gehört, welche im Holze und wie unter ihrem Kopfe geticket. Immer schwüler und ängstiger sei ihr geworden, und sie habe müssen aufstehen und ein Fenster aufgestoßen. Dies getan, sei eine sehr große, blanke Katze in die Kammer gehuscht, welche, sie wisse nicht wieso, der sehr edeln Frauen absonderlich geglichen. Diese saß auf das Fensterbrett und sah sie, die Terka nämlich, mit gar grünen Augen und den Schweif hoch, bös und lange an, bis sie sich sehr vor dem Tiere gefürchtet und wieder in ihr Bett geschloffen. Alsdann tat die Katze einen Sprung darauf und hauchte sie an, und konnte sie sich darauf durchaus nicht mehr erheben, wie alle wüßten und ihr bezeugen würden, bis man eben die Frau Katharina Riemenschneider gefänglich und zur Haft genommen. Darauf habe die Katze wieder einen Satz getan. Sie hörte den Riegel klirren und sah mit staunenden Augen, wie ihre Frau leibhaftig und im blanken Nachtgewande zur Türe hinausschritt. Beweis: man hätte in der Frühe zu ihr können, die sich, wie die Frau selber nicht bestreiten mögen werde, sonst und aus Ehrbarkeit immerdar eingeriegelt habe.

Inkulpatin, vorgerufen, bestätigt, daß die Terka sonst immer hinter sich zugeriegelt. Ob auch damals, könne sie natürlich nicht wissen. Sie wisse auch durchaus nichts von einer Salben, habe niemals höllische Praktiken praktiziert. Wird gütlich vermahnt und schilt die Terka, die, aufgefordert, das Ganze ihr ins Gesicht wiederholt, ein teuflisch und verlogen Ding, das wohl der Böse selber zu solchem Unheil angestiftet. Wird verwarnt, sie möge nicht grundlos eine redliche Zeugin verdächtigen, die unter Eid aussage, und zum andern Male mit Glimpf vermahnt, sie möge doch des ewigen Heiles eingedenk sein, nachdem sie allem Scheine nach das Zeitliche freventlich verscherzet. Leugnet abermals und wird nun mit der scharfen Frage bedroht. Darauf erschrickt sie heftig, beharrt dennoch in ihrer Verstocktheit. Und dieses Protokoll ward dem Stadtrichter Herren Ferdinand Riemenschneider abschriftlich übermittelt, der ex humanitate legis, vermöge unserer Gesetze Mildigkeit, und über sein eigenes Ansuchen vom Amte der Untersuchung enthoben und sonst einer geheimen, aber scharfen Überwachung unterworfen worden war. Es schien nämlich allen undenkbar, daß ein so gewiegter Kriminalist von einem so ruchlosen Treiben, das doch nach der Terka Behauptung durch geraume Zeit, nämlich mindestens so lange, als sie im Hause war, id est durch ein und ein halbes Jahr kontinuieret und unter seinen Augen getrieben worden war, nicht das mindeste sollte bemerkt haben, es sei denn, er wollte blind sein ...

Für sich, in vielen bitteren Stunden, studierte Herr Ferdinand Riemenschneider diesen Aktus. Er war vollkommen klar und unzweideutig, ließ nicht der mindesten Hoffnung, nicht dem dämmerigsten Zweifel einen Raum. Sichere Indizia, bündige, lückenlose Aussagen. Er selber, der nicht bloß von Amts wegen erfüllt war von allem Glauben seiner Zeit, der niemals an seinem Berufe sich geirrt, hätte unter diesen Umständen sein eigen Weib zum Holzstoße senden müssen, war ihm der Spruch anvertraut. Und wie, ohne daß er selber wußte, seine Einbildungskraft eben wegen ihrer Dürftigkeit ganz erfüllt war von den vielen Prozessen, in denen er des Rechtes oder dessen gewaltet, was ihm dafür gelten mußte, so fiel ihm jetzt ein Zeugnis wider sein Weib Katharinen ein, das er nicht verhehlen hätte dürfen, wenn man ihn auf sein Gewissen darum befragt hätte. Denn er glaubte sich bestimmt zu erinnern, daß in derselben Nacht, in der die Terka verhext worden war, ein schwerer und rätselvoller Druck auf ihm gelegen, ein ganz unbändiger Schlaf. Mitten daraus erwacht' er: es war ihm nämlich, als hätte eine ferne und klagende Stimme seinen Namen gerufen. Er hielt sich still; aber ein sehr banges Schweigen war um ihn, und kein ruhiger Atemzug seines Weibes, dem er sonst so gerne horchte in schlummerlosen Nächten, rührte an seine Seele. Nur im Kamin saust' es heftig bei sonst windstiller Nacht. Er griff dorthin, wo sonst das liebe Haupt seines Weibes zu ruhen pflegte, denn große Liebe trägt in der ewigen Furcht vor dem Verluste ihren schärfsten Stachel in sich. Die Stelle war leer ... Er tastete um sich. Alles war, so meint' er vor dem Kruzifix beschwören zu dürfen, gestanden wie sonst ... Da, zu seiner Rechten, das Nachtlicht, daneben ein Bündel mit Akten, darin er noch vor dem Einschlummern gesucht und gelesen; dann sein Gebetbuch – er fühlte die schweren silbernen Spangen und Beschläge, und es rieselte ihm kühl ans Herz. Und endlich der silberne Becher, ein ihm sehr wertes Erbstück nach dem Obristen, seiner Frauen Vater, der immer da stund, weil ihm sein Nachttrunk darin gereicht ward. Das alles sah er wieder und ganz bestimmt vor sich in diesem Augenblicke. Und wie er damals so einsam dalag und das Rumoren im Schornstein ward immer lauter und er rief nach ihr mit ganz leiser Stimme und es kam kein Gegenruf, so überkam ihn erst eine unsägliche Bängnis und dann ein gar großes Entsetzen. Wo war sie? Er wollte nochmals rufen, und es schnürte ihm die Kehle. Er reckte den Fuß aus und zog ihn schauernd zurück. Denn ihm war, als sei er ins bodenlos Leere getreten; hob sich und sank zurück in die Kissen vor einem bleiernen, trägen Schlaf, der ihn befiel und nicht mehr losließ, bis es vollkommen Tag war und sein Weib neben ihm lag, friedlich und wangenrot, in ihrer blanken und wandellosen Schönheit, vor der ihn damals zuerst ein leises Grauen beschlichen hatte ...

Das also war es gewesen ... So erklärte sich ihre Ehrbarkeit, die ihn vordem mit solchem Stolze erfüllte ... Denn er wußte um manche Anfechtung, der sie, wie jedes schöne Weib in dieser Stadt, ausgesetzt gewesen. Oftmals, wenn er die verlorenen Werbungen adeliger und reicher Herren um sie mit gelassener Heiterkeit sah, hatt er bei sich gedacht: Der gewinnt kein Mensch was ab. Nein – ein Mensch nicht ... Aber schlimmer als das: der böse Feind aller Menschheit hatte es ihr und ihm abgewonnen. Und wenn er selber sich manchmal vordem ihrer Kinderlosigkeit gefreut, damit sich kein Drittes störend zwischen sie dränge, damit ihrem immer neuen Begehren keine Schranke gesetzt sei – um diesen Preis war das ein zu teurer Verzicht. Fast wollt er nun, sie hätte ihn mit einem leibhaftigen Nebenbuhler hintergangen, nur mit diesem unfaßbaren nicht. Ein würgender Ekel war in ihm. Die ganzen, langen Jahre seiner Ehe hatte sie ihn besudelt; der stolze, weiße Schwan, den er mit so hoher Freudigkeit gehegt, war ein unsauberer Nachtvogel, der in der Dunkelheit seine mausgrauen Fittiche spannte und dahin flog, wo sich nur hin zu denken den Reinen schauderte.

Sein eheliches Gemach hat er von dem Tage ab nicht mehr betreten, da er eine so traurige Erkenntnis der Wahrheit gewonnen zu haben glaubte. Es griff ihm nach der Kehle, gedachte er der unerhörten Lüge, die so lange Zeit es mit ihm geteilt, geheuchelter Liebe, deren Beweise er glücklich empfangen und die einem ganz anderen gegolten. In sein Arbeitszimmer schloß er sich ein. Er aß wenig und schluchzte viel und unbewußt, während er über dem Gutachten grübelte, das er aus freien Stücken dem hohen Kollegio zu überreichen gedachte. Denn einmal blieb ihm die dumpfe Gewohnheit, der es vollkommen widersprach, daß ein Fall so großen Belanges ohne ihn entschieden werden dürfte; alsdann war die Grausamkeit eines Enttäuschten, an seinem Liebsten Betrogenen in ihm. Sterben mußte sie, schon um die Pein dieser Tage, neben der alles Glück der Vergangenheit versank. Und während er sich dies selber glaubte und mit triftigeren und schulgemäßeren Gründen auch seinen Genossen von der Richterbank bewies, war neben dem ungestümen Schrei nach Rache doch schon auch eine mildere Stimme in ihm wach. Sterben – ja, aber einen Tod nicht, nicht so grauenvoll und nach Martern, die all diese Schönheit, daran er sich so oft ergötzt, zerstören mußten, bevor sie noch zu Asche ward ...

Dabei ging sein Hauswesen den ganz geregelten Gang weiter. – Die Terka sorgte um ihn, so daß er in diesem Belang des Fehlens seiner Frau kaum gewahr wurde. Nur ihm etwas zu häufig machte sie sich in seiner Nähe zu tun und suchte ein Wort an ihn zu bringen. Das war ihm leidig; und, er wußte nicht wieso? – aber eine Abneigung gegen das Mädchen begann in ihm zu keimen, und er wunderte sich, daß er sie in seinem Hause litt, die doch die Hauptschuldige war an seines Weibes Verderben. Von selber aber war sie nicht gegangen, und er, in drängenderen Sorgen, hatte nicht daran gedacht, sie noch fortzuschicken und sich dann selber um einen Ersatz umzutun. Wiederum war ihm zu anderen Stunden das bekannte, frische Gesicht lieb und willkommen. Und so trieben sich die Gedanken rastlos in ihm um und ließen ihn zu keiner Stätte noch Einkehr kommen. Diese sprangen eilfertig vorwärts: ins Ungewisse, ziellos Unbestimmte. Andere drangen ihnen behend nach, aber nur um sich plump und lastend an ihre Vordermänner zu hängen und sie also zu hemmen. Dazu fühlte er sich von unsichtbaren Augen bespäht, und das verstörte ihn vollends: ihm war, als lauerte ihm hinter jeder Ecke ein Feind auf und ziele ihm nach dem Leben.

So schritt denn seine Arbeit stockend vor. Am 2. Augustus war sie beendet und sauber, in seiner schönen, klaren und etwas steifen Hand mundieret Ins reine geschrieben. dem Richter übermittelt worden. Zu herandrohender Nacht war er ins Kühle gegangen. Denn die Tage waren gar heiß, daß man an ihnen vor Sonnenglut und vielem Staub kaum einen Atem zu gewinnen vermochte. Er war zunächst nach St. Stephan gegangen. Denn die Kirchen standen der Not der Zeiten wegen, des herantrotzenden, blutigen Türken und der unheimlichen Pest aus dem Morgenlande halber den Gläubigen immerdar geöffnet. Viele Beter fanden sich im Münster, und er konnte mit seinem einsamen und ihm selber unklaren Leid keine rechte Andacht gewinnen inmitten der unruhigen und wechselnden Menge. Es waren nicht gar viele Schritte bis zu seiner Wohnung. Aber das Leben in den Straßen beirrte ihn, der in so kurzer Frist sich seiner fast entwöhnt hatte. Denn noch tat sich manchmal ein Stadttor mit dumpfem Klirren auf; oder man hörte den Zuruf der sparsamen Ronden auf den Basteien und das Rasseln ihres Gewehres, wenn sie's grüßend auf den Boden stellten. Adelige Herrchen gingen heim; vor ihnen der Fackelträger und hielt die Leuchte hoch, damit der Gebietende, der zierlich und im spanischen Gewande hinter ihnen einhertrippelte, auf dem unebenen Boden nicht zu Falle komme. Der Mond stand voll und hoch am Himmel, aber er kämpfte mit den gewölkten Nebelschwaden, und ein Hof, der teure Zeit und großes Sterben kündigen soll, umgürtete ihn färbig. Auf der Schranne Gerichtsstätte. brannten die Feuer der Rumorwachen, die da lagermäßig im Freien nächtigten. Nun sank die Flamme in sich, nun, unversehens und mit eins, erhob sie sich wieder und glühte kräftig die grauen und getürmten Giebelhäuser und den Schandpfahl in ihrer Mitten an. Dort würde sein Weib stehen, ehe es den letzten Pfad beschritt, einer frevelhaften Neugier und jeder Beschimpfung preisgegeben. Herr Riemenschneider wandte sich mit einem starken Entsetzen. Eine müde Karre humpelte mühselig vorüber; nun stand sie ganz im Lichten der Beiwacht, nun verschlang sie wieder das Dunkel. So würde sie gefahren werden – aus dem Hellen eines würdigen und angesehenen Lebens über einen finstern Weg zu den Flammen eines unerwünschten, unwürdigen Todes und zur Pein der ewigen Nacht. Er wußte nicht, wie ihm all diese Bezüge auf einen Schlag so lebendig wurden. Er sann und säumte durch manche Stunden.

So kam er heim. Es war eine unbezwingliche Sehnsucht in ihm, dazu ein heißer Zweifel, dessen Stachel aber noch nicht wußte, wohin er sich kehren solle. Mit unsicheren Händen schlug er Feuer, und das Licht in der Rechten, betrat er das Schlafgemach, das er nun schon so lange gemieden. Da stand das ungeheure Ehebett; darüber, steif und ebenmäßig aufgehangen und von schmalen Goldleisten umfangen, einen Spiegel zwischen sich, waren die Bilder der beiden Gatten, wie sie vor Jahren ein auf seine Kunst reisender Niederländer in Öl gemalt, das erste Ehepaar, das sich in dieser Stadt ihm anvertraut hatte: sie in ihrer ruhenden Schönheit, die seither nur durch Fülle gewonnen, wie manche Blumen, denen erst aller Duft vergönnt ist, wenn sie sich ganz erschlossen; er schlank, fast hager, mit dichtem, braunem Haar, strengem Knebelbart und gelassenen, braunen, sicheren Augen in einem von der Sonne gefärbten und mutigen Gesichte. Er war anders geworden, in Tagen anders – wie verstört und fahl sah er sich selber aus dem Glase entgegen! Gleich einem Fremden, Kranken betrachtete er sich lange darin, mit einem Mitleiden zu sich und einer unbändigen Bangigkeit nach seinem Weibe in der Brust. Dann hielt er Umschau. Es verlangte ihn heftig nach einem Trunke aus dem Becher, den er in den Tagen eines sicheren Glückes so oft an die Lippen gesetzt. Und jählings und mächtig lief ein Zucken durch seinen Leib – der Becher fehlte, und überhaupt: alles stand anders, als er's im Gedächtnisse zu haben glaubte. Und von zitternder Stimme rann ein Ruf durch die Nacht: »Terka!«

Sie stand neben ihm. So rasch, daß es eigentlich verwunderlich war, wollte man nicht glauben, sie habe schon lange und verlangend diesem Schrei entgegengeharrt. Wie sie eben das Bett verlassen: nur ein Tuch über der Brust, einen fliegenden, kurzen Rock notdürftig umgeworfen, mit losen, reichen, schwarzen Haaren. »Was will der Herr?«, und eine ungebändigte Erwartung lag in den Worten, wie sie sprach, den etwas harten und fast klagenden Tonfall der Ungarin in der Stimme.

Er beachtete sie nicht einmal. »Terka! Wo ist mein Becher, und warum ist alles im Zimmer anders wie sonst?«

»Anders wie sonst? Der hochmögende Herr wird sich da irren. Ist alles wie sonst. Mindestens, seit ich bin im Haus. Weil ich hab alles geordnet, wie es der Herr gewöhnt ist und gerne hat, sowie erst die gestrengen Herren fort waren von der Kommission.«

»Und mein Becher?«

»Das? Das ist schon gut zwei Monat oder noch länger beim Silberschmied. Weil es ist einmal gefallen und war verbogen und der Dieb hat gesagt, er wird es bringen auf die Woche und dann wieder auf die Woche, und dann war auf einmal die Vergoldung schlecht inwendig, und er hat gesagt, er muß sie richten, und hat er mit so Ausreden das Becherl noch bis zu heute.«

»Es ist gut.«

»Soll ich morgen gehn, in der Früh gehn um ihn?«, und sie trat ganz an ihn heran.

»Nein, nein, geh schlafen«, und wie sie in einer unausgesprochenen Hoffnung immer noch zögerte, sah er sie mit einem eigenen Blick an, vor dem sie heftig errötete. Denn neben der Strenge des Herrn lag auch ein Erstaunen darin: das Erstaunen eines Mannes, der eines Weibes Geheimstes zu ahnen beginnt ...

Herr Riemenschneider war allein. Er mußte sich besinnen und alles erst in sich ordnen. Denn das war von ungeheuerem Belang, was er eben erst erkundet. Das mußte nach seiner ganzen Wichtigkeit begriffen sein. Demnach also hatte sein Gedächtnis das Zimmer in einer Form in sich aufgenommen, die längst nicht mehr zutraf. Ein Bild aus der Vergangenheit, vielleicht noch der erste Eindruck aus seiner jungen Ehe, hatte das Gegenwärtige verdunkelt ... Was aber war es dann mit jenem nächtigen Erlebnis, das mit solcher Bestimmtheit vor ihm gestanden, mit jenem grauenhaften Erwachen in der Einsamkeit, von dem ihm so jeder Umstand in der Seele eingegraben war, dabei ihm eines durch das andere verbürgt gewesen? Riß hier ein einzig Glied, so bestand die Kette nicht mehr; dann hatte er einen Traum für Wahrheit genommen. Ihm stand somit die Schuld seiner Frau nicht mehr fest. Er brach in die Knie. Das Angesicht verbarg er in die Kissen, und ein Krampf war in ihm. Es trieb ihn auf, in sein Zimmer. Dort saß er in Gedanken in die tiefe Fensternische. Und in die Wirrnisse, in denen seine Seele rang, tönte aus dem Nachbarhause ein leises Singen hinein: er wußte, drüben, beim Lehninger, versammelten sich die Stillen im Lande, hielten ihre geheimen Andachten und riefen mit ihren Psalmen zu Gott. Vordem hatt er oft aus Pflichtgefühl an Anzeige gedacht. Nun trösteten ihn die flehenden Menschenstimmen wundersam. Und so, wie die Verheißung einer Zukunft voll Klarheit, erhob sich über den Dächern der Frühschein, und er entschlummerte dabei ...

Der frühe Morgen weckte ihn mit einem Entschluß. Er wußte sich ergebene Menschen im Gefängnis, ihm verpflichtet um mehr als ein Ding. Und wenn alle Verschuldung und Guttat ausgelöscht sein sollte durch sein Unglück, so besaß er jene Springwurzel, die seit jeher bei uns zulande die festesten Schlösser aufsprengt: Gold. So warf er denn in fliegender Hast ein Zettelein hin und sandt es durch einen Büttel seiner Frauen. Sei sie schuldig, so möge sie's ihm gestehen, und er werde ihr ein Gift zuschanzen, daß sie ohne alle Pein in die Ewigkeit führe. Begehre sie Aufschub der peinlichen Frage, so müsse sie sich als gesegneten Leibes bekennen, weil mit dieser Untersuchung ein Erkleckliches an Zeit gewonnen würde. Sei sie aber reinen Gewissens, so möge sie's um Gottes willen ihm sagen, und es gäbe nichts, was er nicht zu ihrer Rettung wagte und unternähme. Dies getan, ging er als unfähig, mit sich selbst ins reine zu kommen, zu einem Beichtiger und offenbarte dem alles, was sich in und mit ihm begeben. Zum ersten Male brachten ihm die Worte des sehr ehrwürdigen Mannes keinen Trost und keine Beruhigung. Denn er hatte den Beichtenden offenbar nicht verstanden. Er wollte ihn mit seiner Pflicht gegen die Obrigkeit beruhigen, die er getreulich erfüllt und die allein die letzte Verantwortung träfe. Seine Bedenken rügte er noch als sündhaft und sich auflehnend gegen Gott, der wohl wissen werde, warum er ihm und seinem Weibe eine solche Prüfung zugeschickt. Eine gelinde Buße legte er ihm auf. Die Erwägungen in ihm aber waren zu mächtig, als daß sie durch einen Fasttag oder von einigen Paternosters, gewohnheitsmäßig geleiert oder selbst mit aller Innigkeit gesprochen, gestillt hätten werden können. Sein ganzes Leben stand in Frage, und da schien es ihm nicht genug, einem anderen, und wenn's auch der höchste Willen war, alles zuzuschieben. Auf ganz die gleichen Inzichten Beschuldigungen. und Indizia hin, nach denen nun sein Weib abgeurteilt werden sollte, hatt er selber viele, so viele judiziert Abgeurteilt. und justifizieren Hinrichten. lassen. Geschah in diesem Falle Unrecht, so gewiß auch bei allen vorher. Und so arbeitete der Zweifel in ihm, ein fauststarker und flinker Bergmann, der sich durchs Dunkel seine Gänge gräbt und vor dessen Schlägel und Gezäh Sammelname für Bergbauwerkzeuge. zu Schutt und Trümmern sinkt, was wie Felsen stark und gleich den Festen der Erde für Ewigkeiten gegründet erschien.

Zu Mittage heimgekehrt, fand er einen Gerichtsboten mit einem Brieflein seiner harrend und die Terka mit sehr erhitztem Gesichte. Der Severin erzählte ihm, das Mädchen habe ihm durchaus das Brieflein abnötigen wollen mit Bitten, Schmeicheln und Schöntun und sich dabei so erregt gehabt, daß sein Verdacht rege geworden und er, sich dessen erinnernd, daß sie doch Hauptzeugin sei, und mit einiger Verwunderung, sie noch im Hause zu finden, lieber auf den Herren gewartet. Der Richter belobigte ihn dafür nach Gebühr und belohnte ihn darüber hinaus, dachte aber weiter nichts dabei und achtete in seiner Ungeduld nach dem Inhalte des Briefes nicht einmal darauf, was ihm sein Vertrauter noch zuwisperte. Erst gemach ward er aufmerksam und selbst gespannt. Denn ihm ward zugeflüstert, er möge wohl auf seine Sicherheit bedacht sein. Dies konnte ihn nicht überraschen. Wenn man gegen ihn noch nicht eingeschritten sei, so hofften ihm Wohlgesinnte auf seine Flucht, während die übrigen das Aufsehen scheuten, welches ein Einschreiten gegen einen Mann in solcher Stellung und so tadellosen Ansehens erwecken müsse. Er sei nämlich wegen seines allzugroßen Eifers, bekundet durch sein höchst scharfsinniges und ungefordertes Gutachten im Verdachte. Auch das entsprach vollkommen den Erwartungen, des Richters; freilich, wenn er sich still verhalten, so hätte man ihn wieder sicherlich übler Gesinnung, des Zweifels in die Gerechtigkeit der Gerichte, endlich geheimer Hinneigung zur Hexerei bezichtigt. Das Verfahren gegen sein Weib nach Kräften zu beschleunigen stände aber in der Absicht der Gesamtheit. Und in jener Ratssitzung, in der vom Herren Riemenschneider und seinem Gutachten soviel die Rede gewesen, sei sogar darauf hingedeutet worden, ob derselbe nicht seiner allerdings und unbedingt überwiesenen Gattin überdrüssig gewesen und darum im geheimen Einverständnis mit der Magd Terka und mit ihr in jedem Sinne unter einer Decke spielend vorgegangen sei, sich so der Lästigen zu entledigen. Da lachte Herr Riemenschneider ein kurzes, böses Lachen; ein schlimmer und sträflicher Ausruf gegen die Majestät aller Gerichte rang sich von seinen Lippen. Er brach ihn ab. Denn im gleichen fiel ihm bei: nach der nämlichen Logik und aus ebensolchen Gründen und Beweisen, die ihn nun, gegen ihn selber gekehrt, so sehr empörten, hatt er sein Leben lang geschlossen, Anklagen erhoben, abgeurteilt. Und so griff er nach dem Blatte und las:

 

»Dem sehr gelehrten und edeln Herrn Ferdinand Riemenschneider, Richter der Stadt Wien, meinem Eheherrn!

Es tut mir aus der Maßen weh, und Gott soll Euch Euern Zweifel an mir verzeihen und daß Ihr mir also offenbarlich nach dem Leben stellt, wie sie mir sagen. Tun es andere – und die Terka wird schon dafür in der Hölle brennen, das Lügenmensch, an welchem ich niemals anderes getan, nur Gutes –, so mögen sie meiner unwissend sein. Ihr aber kennet mich und wisset, daß ich gottesfürchtig war mein Leben und mich Euch so leicht nicht hingegeben, daß Ihr müßtet besorgen, als könnt ich mich leichten Herzens mit einem anderen vergessen. Vom Hochmute meiner Lippen hat mein Herz niemalen etwas gewußt, und hab ich ihn als Gefangene schon zu tausenden Malen bereuet und vor Gott abgebeten. Torquieren aber und brennen sollen sie Euer Weib nicht: da sorg ich schon selber dazu. Könnet Ihr etwas vor mich tun, so säumet nicht, und Ihr tuet Gottes Werk und sein Wunder, um das ich schon so lange flehe. Denn ich bin so gar verlassen, und weiß ich nicht, warum.

Eure getreue und unglückliche Katharina Riemenschneider.«

Nachschrift. »Und den Grund, warum sie mich nicht sollten martern dürfen, den dürft ich wohl vorbringen und brauchte keinerlei Untersuchung zu scheuen.

Dieselbe.«

 

Da fiel ein großer Schrecken den Herrn Riemenschneider an. Das Herz in seiner Brust stand still vor Bängnis. Das Brieflein entfiel seiner Hand, und er brach in ein heftiges Schluchzen aus und weinte laut, ohne dessen zu achten, daß ein soviel Geringerer dabeistand. Er zitterte also, wie ein Baum, den der Sturm von allen Seiten gepackt, daß der Büttel Severin herzuspringen mußte und ihn halten. Und dann, kaum er sich ein wenig versonnen, klammert er sich an den Fronboten. »Severin«, sprach er heiser, »ich hab dir dein Brot gegeben und war dir immer gut. Willst du mir's danken, auch wenn es gegen den Eid geht?«

»Gegen den Eid?«, und der Severin spitzte höhnisch die Lippen und blies so wie mit einem Hauche den Eid von sich.

»Ich bin ein reicher Mann, Severin. Und ich will dir ein besser Brot geben, ein reichlicheres, und wo du nicht immer deine Hand bieten mußt zu Greueln, die unerhört sind und zum Himmel schreien.«

»Zu Greueln, Herr? Was meint Ihr damit, Herr?« verwunderte sich der Severin. »Aber Brot ist Brot, und kann es der Severin geschmiert haben statt trocken, so war der Severin niemals kein Esel. Aber – sicherstellen müßt Ihr mich!«

»Kannst du mich zu meinem Weibe lassen und uns darnach aus dem Gefängnisse schaffen, wenn's sein muß? Noch weiß ich nicht, ob's geschehen wird. Denn ich weiß nicht, ob ich's darf, und meine Seele ist zwiespältig und weiß nicht, wohin sie sich wenden darf.« Er wußte wohl, daß der Knecht nichts von seinen Kämpfen begriff, und hatte dennoch das Bedürfnis, einem andern, wem immer, Einblick darein zu gewähren.

Der Severin machte eine hohle Hand. »Mein Handgeld, Herr!«

»Da hast«, und er zählte ihm eine Summe auf, über die sich der Büttel verwunderte. »Und heute oder morgen nacht. Sonst bist du deines Eides quitt, und das Geld gehört dennoch dein. Kannst du das richten?«

»Ich kann's richten, Herr, Und mein Wort gilt«, und sie tauschten den Handschlag.

Herr Riemenschneider blieb wieder allein. Bis zur völligen Dunkelheit ganz allein. Die Terka, die öfter nach ihm fragen kam, sandt er unwirsch weg. Und dennoch war es ihm auf einmal klar, wie gut es gewesen sei, daß er das Mädchen nicht fortgejagt. Von ihr erwartete er sich, obgleich ohne allen scheinbaren Grund, eine letzte Aufklärung. Zur gewohnten Stunde ging er abermals aus. Er fühlte sich schon eigentlich nur in der Dämmerung wohl, während ihm vordem der helle Tag allein gemäß, gewesen war. Ein Gewitter mußt in der Ferne niedergegangen sein, denn eine weiche Kühle atmete durch die Straßen, und aus einer grauen, rot vom Niedergange der Sonne durchflammten Wolkenbank zuckten häufige Blitze in das Blau und niederwärts. Etwas von der Süße des Hochsommerabends zog ein bei Herrn Riemenschneider, und ihm ward inmitten aller Pein als sei sie nicht zu teuer für all die Erkenntnis bezahlt, die ihm dadurch geworden war, und als stund er an der Schwelle eines großen, lichten Saales voll ahnungsvoller Geheimnisse, die sich ihm in einem Frühschein entschleiern würden, dem gleich, der eben erst ihm nach der schwersten Nacht seines Lebens aufgeglommen war. Er saß in einer schlechten Kneipe, wo ihn gewiß niemand kannte, und trank sein Glas Wein. Um ihn war ein lautes Wesen, Man sang, man fluchte, man berühmte sich und scharmierte. So sicherer könnt er sich in sich selbst versenken, und all der Tumult störte ihn nicht. Denn ihm war wie der Mutter, die ein junges Leben in sich fühlt.

Als dann die große Dunkelheit über der lauten Stadt lag, als schattenhaft graue Gestalten in den Hof des Lehninger huschten, fand sich unter ihnen auch Herr Riemenschneider. Niemand fragte ihn um den Zweck seines Kommens, und er, der nur noch nach geheimen Antrieben handelte, hätte keine Antwort darauf gewußt; jeder verwunderte sich insgeheim darüber. Man versammelte sich in einem großen, ganz schmucklosen Zimmer; nicht einmal ein Bild des Gottessohnes war darin. Gegen Sonnenaufgang gewendet, wo man durch ein unverhülltes Zimmer ins nächtige Grauen sah, betete man deutsche Gebete mit vieler Andacht, die den Richter ergriff, mit sich riß, über sich erhob; denn es waren Gleichnisse und Sinnbilder darin und eine reine Betrachtung des Göttlichen, mit dem eins zu werden diese Geprüften und Schmerzhaften rangen, die an jedes Herz griff. Psalmen wurde gesungen, im Dunkeln, so daß keiner den Nachbarn recht gewahren konnte, mit vieler Inbrunst. Jeder schrie eben für sich zu seinem Gotte. Und dennoch überkam den Richter ein Grauen in dieser Versammlung, wo kaum einer war, dem er nicht weh getan durch eigenes Eingreifen oder Dulden, durch Anklage oder Spruch. Immer war ihm, als müßte sich einer erheben und ihn zornig fortweisen aus dieser Gesellschaft. Nichts dergleichen geschah; hier war eben, das sah er, jeder willkommen, der in sich Gram trug. So auch er. Eine Beruhigung überschlich ihn langsam. So lernt' er die Pein eines, der sich seines alten Lebens abtut und den dabei zugleich verheißend aus dem Weiten ein neues grüßt. Dann ward Gottes Wort ausgelegt. Aber der Preis der Prüfungen und der Heimsuchungen, welcher hier verkündigt ward, genügte ihm nicht. Es verlangte ihn immer noch nach dem Glück, und er glaubte daran. Endlich ward das Abendmahl in beiden Gestalten gereicht, denn in dieser Gemeinschaft fühlte sich jeder als Priester. Auch er empfing es, sosehr das mit seinen alten Gewohnheiten stritt, als müßte das so sein. Dann ward der Bruderkuß getauscht, und er schied sich von diesen Stillen im Lande, die unter beständiger Gefahr, den strengsten Gesetzen entgegen, den Gott nach ihrer Art bekannten, der sich ihnen in Wettern offenbart, als ein Bruder von Brüdern, mit denen ihm tausend gemein ist und nur eines nicht, das ihn unwiderruflich und für immer von ihnen trennt. Denn er war noch nicht gewillt, gänzlich zu entsagen. Er glaubte die Möglichkeit einer Rechtsordnung, die jedem das Seine zubillige, die nicht auf Gewalt und Unrecht sich aufbaue, und fühlte die Kraft in sich, anderwärts an ihrer Heraufführung mitzuwirken. Seine Kraft? Wozu hatte sie so lange gedient? Er war nicht gestiegen – er war geschoben worden. Nun fühlte, er die Zeit nahe, da er auf sich und sie allein gestellt sein würde – und er gedachte sie zu gebrauchen ...

In derselben Nacht hatte sich die Terka überhaupt nicht niedergetan. Sondern sie harrte seiner, ganz angekleidet in wilder Angst und in laut schreiender Verzweiflung ihres tiefsten Wesens.

Denn seit dem Tage, an welchem sie vor Gericht gestanden, hatten sie die Kameradinnen gemieden. Eine Magd, die eine solche Beschuldigung gegen ihre Herrin aufbrachte, die war nämlich dazumal noch etwas Unerhörtes, und das Volk scheut den Angeber und hat immer Neigung, gegen das Recht und für seine Opfer Partei aufzuwerfen. Anfangs merkte sie's nicht, denn sie war ganz in sich, ganz mit einem geschäftig. Eine eigentliche Vertraute hatte sie niemals gehabt. Das Geheimnis in ihr, das wußte sie, war solcher Art, daß keines Menschen, nicht einmal des Beichtigers, der doch immer ein Mann war, Auge darein blicken durfte.

Langsam aber begann sie den Bann zu fühlen, der um sie lag, die Bürde des Schweigens zu schwer zu finden, die sie so allein tragen mußte. Der Herr hatte keinen Blick mehr für sie; die verödete Wohnung hielt sie, wie man sagt, daß der Anblick des Opfers den Mörder zwingt, und reizte sie dennoch zugleich auf und quälte sie. So war sie für eine Weile fort. Es schummerte. Um den Brunnen in der Nähe ihres Hauses standen die Mägde. Diese oder jene war von ihrem Schatz begleitet, der ihr die volle Wässerbütte auf den Rücken hob oder sie ihr gar, wenn er noch sehr verliebt war oder ernste Absichten hatte, bis zum Haustore nachtrug. Man tuschelte untereinander, man kicherte, wenn irgendein unterhaltlicher Handwerksgeselle dazutrat und ein feingedrehtes Schmeichelwort oder den jüngsten Schwank anbrachte, verstummte und duckte sich, wie die gockenden Hühner, über denen der Falk kreist, wenn ein grimmiger Reitersmann sporenklirrend einhertrat, äugelte dabei verstohlen nach ihm, und es war sehr vergnüglich und eine Stunde der Erholung, die allen sehr wohl zu gönnen war nach der mannigfachen Plage des Tages.

Als aber die Terka vorbeiging, mit rauschenden Röcken und wippenden Ganges, schwiegen sie alle mit einem Schlage. Das ärgerte sie. Dann erhub sich ein Gewisper und Geraune. Das erregte sie noch mehr. Und mit einem Entschlusse blieb sie stehen: »Was wollt ihr von mir?« Keine unmittelbare Antwort. Nur die Zeigefinger aller streckten sich ihr entgegen, und es ward ihr dabei nicht anders zumute wie dem andringenden Feinde, wenn die Landsknechte den Igel formieren und ihm allenthalben die Lanzenspitzen entgegenstarren. Und aus dem Gewalthaufen erhob sich eine sehr hohe Stimme, die so schrill war, daß sonst alle lachten, wenn sie im Eifer sprach, und gellte: »Da geht sie!«

»Ja, da geht sie!« wiederholte der Chorus.

»Nun, und was geht das euch an«, entgegnete die Terka kampfbereit. Denn die Stimme gehörte ihrer besten Feindin, der blonden Maris, der sie aus landsmannschaftlicher Freundlichkeit aufgebracht, sie schiele. Sie tat's aber nur ganz wenig.

»Ja, da geht sie und fühlt sich schon als reiche Frau und hat kein Aug für einen ehrlichen Dienstboten«, erklang's wieder.

»Das lügst du, scheele Gans mit gelben Federn; ihr habt weggeschaut«, berichtigte die Terka mehr der Wahrheit als der Höflichkeit gemäß.

»Und schimpfen tut sie auch noch, der Lügenhals«, rief's ihr wieder entgegen. »Statt Gott zu danken, daß man sie in Ruh läßt und nicht mit Steinen wirft. Und sie tut, als tat sie nicht wissen, daß ihre Hausfrau heut ist verurteilt worden, dort zu brennen, wo eigentlich sie hingehören tat. Weil sie alles gestanden hat, was ihr der Basilisk da aufgelogen hat, nur damit man sie nicht noch martern tut vor ihrem seligen End, Und sie wird gut brennen, sagt mein Büttel, weil sie fett ist und nicht geweint hat, und die brennen am besten, sagt er. Und so was geht auf die Straße und nicht unter den Galgen, wo's allein hingehören möcht.«

»Wenn sie alles gestanden hat, so geschieht ihr doch kein Unrecht«, bemerkte die Terka nicht ohne Logik und fühlte doch, wie sie heftig erschrak, nun ihr mit solcher Bestimmtheit und so nah das Schicksal ihrer Frau gewiesen ward. »Und überhaupt die Maris! Wo ihr einer Herr auf die Gant gekommen ist, und die's mit dem Büttel halten muß, weil sich kein anderer die Ohren will zerreißen lassen von ihr. Pfui!« Und sie spie nachdrücklich vor sich hin.

»Sie spuckt auch noch! Die ...!« Es war ein unerhörter Diskant, schrill wie der Ton eines Nagels auf Glas. »Und als ob ein Büttel nicht ein Ehrenmensch wär und ein amtlicher und vereidigter Mensch und nicht besser war als eine böse Hexe oder gar der Teufel selber, wer ihr das eingeblasen hat! Und die weiß schon, warum sie sich vor dem Büttel fürchten tut, und wenn sie so schamlos ist und hingeht auf die Gänsweid zuschaun, so soll sie nur schaun, was mit ihr geschieht. Die Kleider reißen wir ihr vom Leib vor allen Leuten, daß sie dasteht wie eine, was gar keine Scham in sich hat. Das tun wir!«

»Ja, das tun wir!« wiederholte der Chorus, in dem diesmal schon drohend tiefere Männerstimmen mitklangen.

»Probiert's«, rief die Terka mit dem letzten Rest ihrer Entschlossenheit. Aber das Herz schlug ihr in die Kehle, und ein Schlucken kam ihr.

»Willst vielleicht wieder verzündeln gehn? Noch Leut ins Elend bringen wie Frau und Herrn? Oder weißt nicht, daß sie auf der Schranne das Urteil gegen den Herren Riemenschneider auch schon so gut wie fertig haben? Und daß du dann von deinem Anzeigeteil leben können wirst als reiche Frau? Pfui, Judassin!«

›Den Herrn auch?‹ wollte Terka rufen. Sie könnt es nicht. Denn einmal klemmte sich's ihr plötzlich im Halse. Dann aber hatte sich der Haufen um den Brunnen aufgelöst. Sie sah sich umringt, vor dem Gesichte tanzten ihr Fäuste; man spie nach ihr, wüste Schimpfworte hagelten auf sie nieder. Sie, in halber Betäubung vor dem einen, davor sie sich so entsetzt, empfand es kaum. Und mit eins war der tolle Spuk wieder zerstoben. Gleichmäßig, im Takt klangen die Schritte der nahen Scharwache. Sie dachte nicht einmal daran, ihre Rache wegen der Unbill aufzurufen, die man ihr angetan. Mühselig schleppte sie sich heim und kauerte sich in sich. ›Den Herren auch!‹ Das warf sie nieder. Denn was zu Wien einmal auf der Straße ausgeschrien wird, das ist immer wahr und von oben besiegelt. Und ihr allgemeines Schuldbewußtsein, das sie so lange niedergekämpft, stieg tödlich groß aus der Finsternis, saß zu ihr und sprach ihr zu mit einer Stimme, heiser wie des Zügenglöckleins Sterbeglöckchen., das sie läuten würden, wenn man erst sie und dann ihn hinausführen würde den weiten Weg ins Erdberg. Und sie sah wieder den traurigen Zug vor sich, hinter dem sie selber, neugierig, so manches Mal gelaufen. Mit anderen Augen aber und erfüllt von Schauder. Denn, dem so die ganze Stadt das Geleite gab, den sie, freilich wider ihr Wissen, auf diesen Pfad, auf dem es keine Umkehr gab, gestoßen, den hatte sie seit langem und heimlich geliebt.

Und nun hielt auch die Terka Rückschau. Wie im Hause des Richters zuerst ein heimeliges Gefühl in ihr erwacht war, die von Kind auf so kein Behagen und kein Glück gekannt, die nichts vor sich gesehen, nur unter den Eltern Unfrieden und Not für alle. Wie hier die Zärtlichkeiten zwischen den Ehegatten, unverhohlen und ohne Scheu vor ihr getauscht, zuerst den noch unbestimmten Wunsch nach etwas Gleichem in ihr entfacht, bis sich dieser Wunsch immer bestimmter dieser einen Person zugedrängt. Wie ihr alles an ihm so gefallen, seine Ruhe, seine Stimme, sein ebener und gelassener Tritt, wie sie einzig das vor dem Falle bewahrt und alle Nachstellungen vergeblich gemacht, deren man ihr doch zur Genüge bereitet. Wie sie aufgegangen in dieser einen Sehnsucht, nun erzitternd vor einem Runzeln seiner Brauen, nun bei einem freundlichen Worte voll Hoffnung, freilich eines Hoffens, von dem sie niemals ahnte, wie es in Erfüllung gehen sollte. Bis sie nur noch begehrte, er möge sie an sich nehmen wie immer, und sei's nur für eine Stunde und gleichviel, was immer daraus erfolge. Wie mit dieser Hölle in ihrem ungestümen ungarischen Blut zugleich in ihrem jungen Herzen eine maßlose Beschämung war, daß er so gar keinen Blick für sie hatte, die sich schön wußte und sich in tausend Dingen verraten zu haben meinte. Und dann und aus alledem erwuchs ein ungezähmter Haß gegen die, die allein sie sich im Wege glaubte. Und dann ... Aber, was immer sich begeben, das schien ihr, sie dürfe es auf sich nehmen, wenn sie nur das dafür erlangte, wofür sie das alles getan, das sie verblendete und an sich zog, unwiderstehlich, wie nach dem Glauben des Volkes den Salamander das Feuer, das sein eigentliches Element ist. Denn Reue empfand sie auch in diesen bösen Augenblicken nicht. Was sie getan, das mußte sich begeben – sie hätt es selbst wiederholt.

So, in Gedanken, die sie nicht zu prüfen noch zu bannen vermochte, unter Bildern, die sie leibhaftig vor sich zu sehen vermeinte, rann ihr eine Zeit sehr ungleichen Ganges vorüber. Sie hörte den Herren heimkommen und im Zimmer rumoren; ständig in der Erwartung, er werde ihrer bedürfen und nach ihr rufen. Denn ohne sein Geheiß vor ihn zu treten, davor empfand sie plötzlich eine ihr unerklärliche, dennoch unbezwingliche Scheu. Ein Weilchen verging also, bis ihr das Harren unerträglich ward. Auch war hinter der Türe, an der sie verhaltenen Atems horchte, um nur ja gleich zur Hand zu sein, eine ängstige Stille. Und mit einem Entschlusse schlug sie rasch daran, und ohne eine Antwort zu erwarten oder hinter sich zu schließen, trat sie ein ...

Es war ein halbes Licht im Gemach. Eine Kerze brannte; ihre matte Helle kroch mühsam zur spitzen Wölbung des Zimmers auf und stritt mit der Nacht, die noch in dem Garten saß, wie mit jener allerfrühesten Helle, die einem Nachglanz der Ampeln gleicht, die um das Schlafgemach der Sonne entzündet werden. Sie sah sich um. Alles war wie sonst. Nur ein dürftig Felleisen, das kaum einem armen Reisenden genügt hätte, hing über einem Stuhl. Er hob bei ihrem Eintreten das Haupt und sah sie mit roten Augen an. Denn er hatte wieder geweint. Sie erschrak; so gar verfallen war er, und das Zwielicht ließ ihn noch viel älter erscheinen. Es war in ihr ein sehnsüchtiges Mitleiden, von dem sie nicht begriff, wie sie's niederzwang. Und mit bebender Stimme begann sie: »Der gnädige Herr hat gerufen?«

Er schüttelte den Kopf und sah sie an, neugierig, fragend.

»Ich habe gedacht«, fuhr sie fort, »der gnädige Herr wird mich brauchen.«

Die gleiche Bewegung, der gleiche Blick, scheinbar nach ihr, in der Tat aber ins Leere. Ihr ward immer bänglicher zumute vor dieser Verlorenheit. Aber sie nahm ihren ganzen Mut zusammen. »Nämlich, hab ich gedacht, wenn der Herr packen wollen möcht ...«

Er richtete sich langsam straffer: »Ich habe nicht gepackt. Ich habe Ordnung gemacht. Denn warum sollt ich packen?«

»Nämlich«, und sie trat ihm einen Schritt näher, »weil die Leute sagen, der hochmögende Herr Richter wird verreisen.«

Er schwieg, besann sich, sah sie unverwandt an. Endlich: »Und warum denn?«

»Die Leute sagen, man will dem Herrn Richter an. Und so ein kluger Herr wird das doch wissen und nicht warten, bis sie ihn greifen. Und da müßt er doch packen.«

»So«, er atmete tief. »Und wenn ich das wüßte und doch nicht ginge?«

»Um die Barmherzigkeit Gottes, um seine heilige Mutter und um meine ewige Seligkeit – so geht!«

In ihm war eine große Stille; er lauerte auf einmal auf etwas und verspürte das: »Was hat das mit deiner Seligkeit zu tun?«

»Weil nämlich die Leute sagen, ich hätt den gnädigen Herrn ins Unglück gebracht, und ich hab das nicht wollen, gewiß nicht und wie vor Gott nicht, und ich hab niemals nichts wollen, nur das Glück vom hochmögenden Herrn.« ...

»Was liegt dir daran, Terka? Wenn du die Wahrheit gesagt hast? Wahrheit muß ans Licht, gleichviel, was es sonst gilt!«

Ihr verschlug's die Rede. Und mühsam lenkte sie zurück. »Wenn aber der Herr reist, so hab ich mir gedacht, muß doch wer mit ihm. Denn wer soll sorgen für ihn, wo er doch Bedienung gewohnt ist und sie haben muß als ein solcher Herr und von einem, der ihn kennt und seine Gewohnheiten und seine Bequemlichkeit? Und wer kennt sie so und alle wie die Terka? Und an einem andern Ort möcht der Herr vergessen, was ihm hier geschehn ist, und mir wär keine Mühe zuviel.«

Er sah wohl, was sie bei jedem Worte litt. Aber in ihm war kein Erbarmen, nur eine große Klarheit, wie sie vor einem Gewitter jeden Grat und Zinken im hohen Gebirge umfließt, und eine unheimliche Ruhe, die ihn jedes Wort suchen und nach einem noch nicht bestimmt erschauten Ziele wenden ließ, wenn in ihr alles in Fluß und Gärung war.

»Und warum möchtest du dich so mühen um mich?« ...

»Muß ich's selber sagen?« Es war ein Aufschrei, wie ihn der Richter noch niemals vernommen. Und dann sehr leise: »Weil ich den Herrn liebhab.« ...

Er hob sich, stand strack und ihr ganz nahe. Sie aber, nun das Lösungswort erst gefallen, fuhr fort, und die Farben kamen und gingen, nach flammender Röte Totenblässe: »Weil ich den Herren liebhab, und wenn tausendmal die Verdammnis darauf steht. Und weil ich mir gedacht hab, und nicht einmal: sein Hund möcht ich sein, weil man dem doch schöntut zuweilen, kann ich schon nicht mehr sein. Und weil ich nichts wüßt für mich, keine Marter, die zu groß wär, wenn ich sollt den Herrn gebracht haben um seine Ehr und sein Leben. Und weil ich mich gefreut hab in mir, wenn der Herr einmal gezankt hat mit der Frau: vielleicht wird er jetzt anschauen die Terka, oder, weil sie doch niemals hat nachgegeben: vielleicht werden sie sich ganz zertrotzen, und es wird kommen eine Zeit für mich, wo der Herr sieht, ich hab ihn lieb und ich möcht nicht recht behalten wollen gegen ihn, der doch klüger ist und es besser wissen muß. Und darum geht, Herr, und nehmt mich mit.«

»Und die Frau, Terka?«

»Ach, die Frau! Und müssen denn beide umkommen? Euch möcht ich nicht um die ganze Stadt auf der Seelen haben.«

»Und die Frau möchtest du auf der Seelen haben?« Er tat einen raschen Schritt nach ihr hin und faßte sie mit hartem Griff an der Schulter.

»Jesus, Maria und Joseph! Wo denkt der Herr hin?«

Jener Grimm war in ihm erwacht, der ein Zeichen und die Gewähr völliger Genesung und Befreiung der Seele ist. Unter dem harten Druck seiner Faust sank sie nieder, immer mehr, immer tiefer. Und mit tönender Stimme rief er noch einmal: »Und die Frau nimmst du auf deine Seligkeit?«

Sie lag ganz auf den Knien vor ihm. Mit verzerrtem, blutlosem Gesichte sah sie zu ihm auf. Die Kerze rang, siechte, verlosch. Und mit ihrem fahlen Lichte schwand ihr letztes bißchen Mut: »Ich hab sie auf dem Gewissen, Herr.«

»Und warum?«

»Ich hab sie niemals mögen. Sie war hochmütig zu mir, und sie schlug mich, wenn ich ihr das Haar strählte und zog sie nur an einem. Nicht einmal schön war sie, ehe sie sich hergerichtet. Und ich bin's, Herr, und soviel jünger. Und da hab ich gedacht so bei mir: Es ist das Beste auch für den Herrn, sie kommt weg. Und wie das machen? Das war der Gedanke. Und da vor den Lehningers ist mir's eingefallen, und mich hat's gehabt.«

»Und nun, Terka? Was nun?«

»Weiß ich nicht, Herr! Nur kann ich nicht leben ohne den Herrn.«

»So laß es sein. Und gutmachen kannst du gar nichts. Oder willst du bekennen und deine Strafe auf dich nehmen, Terka?«

»Will ich nicht, Herr!« Der Trotz flammte ein letztes Mal in ihrem bräunlichen Gesicht auf, saß finster zwischen den dichten, schwatzen Brauen.

Er stieß nach ihr, schlug sie, die, von ihrer Schwachheit niedergezogen, völlig gestreckt vor ihm lag, in unbändiger Wut und wohin er sie traf. Sie litt's schweigend, zuckend, die bloßen Arme zum Schutz über den Kopf geworfen. »Du Tier, du Tier!« ächzte er. »Als hätt ich an dich jemals gedacht! Spür's jetzt! Denn glaubst du, du kannst was gutmachen? Nichts kannst! Denn wenn du schon kommst und gibst dich selber an – was nützt's? Sie nehmen nur dich auch und haben drei und sparen das Geld, das sonst dir zugekommen war und das sie immer brauchen können, und haben umsonst drei! Denn ihr Geständnis steht und nimmt ihr kein Gott; und der Verdacht gegen mich steht, und du bist ihnen von selber ins Garn. Ich weiß, wie sie schließen - ich!« Es war mit der Haß gegen seine ganze Vergangenheit, was sich so gewalttätig gegen sie ausließ.

Sie hob sachte den Kopf, wie der Sturm sich erschöpfte und gelinder ward: »Und ich, Herr? Was soll's mit mir?«

»Was geht's mich an? Geh in die Donau. Vielleicht hat sie Wasser genug, den Brand zu löschen, den du entzündet hast.«

Noch einmal sah sie verzagend zu ihm auf. Aber durch das Gewölk seines Zornes brach nicht ein Strahl der Erbarmnis. Und so, auf den Knien, die Hände vor die Ohren gepreßt, damit sie kein Wort mehr vernehme, die Ellenbogen weit abgespreizt, rutschte sie aus dem Gemache. Draußen hob sie sich mühsam auf unsichere und widerspenstige Beine und huschte aus dem Hause.

Es war um die dritte Stunde vor Tag. Herr Riemenschneider richtete sich zu seiner völligen Höhe auf und schüttelte sich stark. Dann verwahrte er an seinem Leibe, was er an gemünztem Golde, Kleinodien und Kostbarkeiten besaß. Dessen war eine ansehnliche Last; denn noch trachtete jeder seine Habe so zu halten, daß er sie im Falle der Not und einer Flucht mit sich nehmen konnte. Viel mußte immerhin zurückbleiben: ein billig Opfer für die Sünden vergangener Tage schien's ihm jetzt. Was er aber an sich trug, das genügte reichlich, um, wo immer es ihnen geliebte und ohne Furcht vor dem künftigen Morgen, ein neues Leben zu beginnen. Er trat hinaus in den jungen Tag, der noch unsicher und ängstig sein Haupt zwischen den wallenden Schleiern der Nacht vorzuschieben versuchte. Der Richter pfiff: aus einer nahen Gasse tauchte ein Gespann auf, das er für heute und morgen für die währende Dunkelheit gemietet. »Warte.« Am Tore des Gefängnisses harrte der Severin. Ein kurzes und behutsames Gehen durch dunkle Gänge: eine Türe, knarrend trotz aller Vorsicht, daß man erschrak und ein Augenblickchen mit Herzklopfen verzog. Die Gatten standen einander gegenüber. Sie war vollkommen wach. Kein Aufflammen der Leidenschaft – nur eine stille und große Innigkeit. Was in ihr von Vorwurf war, was in dieser Zeit der Leiden genug in ihr genagt, war ausgetilgt in der Freude des Wiedersehens, vergessen die heftige Rede, die sie für den gelegenen Augenblick sich ausgedacht, bei seinem Anblicke bis auf das letzte Wort. »Daß du nur noch gekommen bist! Ich wußt es, du wirst mich nicht ganz verlassen«, sprach sie immer wieder. Er aber küßte ihr unablässig die Hände, die roten Male, welche die Schellen um ihre Gelenke geprägt, und sie ließ sich's gerne und wieder duldend gefallen. Und beiden fiel aneinander eines auf. »So gealtert bist du, Käthele!« Es war das erste Mal, daß er ihr gegenüber einen Kosenamen brauchte. Sie lächelte stumm und leise: »Dich hat's eben auch nicht jünger gemacht, Ferdinand. So müssen wir wohl als alte Leute ein neues Leben probieren.« – »Und wollen's redlich«, ergänzte er wie in einem Schwur. Dann pochte der Severin. Sie tat rasch ein Knabengewand an, das er in seinem Felleisen mitgebracht. Ein eiliges Gehen durch Gäßchen, ein fluchtmäßig hastiges Biegen um Ecken. Wieder der gelle Pfiff, aus dem Schatten tauchte der Wagen, empfing die drei, und es ging dem Stubentore zu. Das Paßwort fiel; das Tor tat sich klirrend auf. Und dann, erst langsam, dann immer eilender, an immer niedereren und verstreuteren Häusern vorüber jagte das Gespann, zum Strome, wo ihnen ein Eilschiff bereitet stand. Kein Blick galt dem Gewesenen. Nur ehe sie einstiegen, wandten sie sich rückwärts, wo über graue Mauern und rote, steile Ziegeldächer St. Stephan aufstieg, Hüter und Wahrzeichen der Stadt. Sie saßen ins Boot, und der Severin legte sich mächtig in die Ruder, und die Strömung empfing sie und riß sie mit sich. Hinter ihnen aber war ein leises Rauschen, wie wenn ein sattgetrunken Gewand durch die Flut streift, und sie ahnten nicht, daß da die Terka getriftet ward, ihrer ewigen Ruhe entgegen ...

Über der Flut lagen die grauen Nebel. Sie schimmerten silbern in der ersten Frühe, zerteilten sich, stiegen die flachen und bebuschten Ufer hinan, durchwoben die Kronen der Ulmen und Erlen. An schwarzen Wäldern vorüber ging's, an schweigenden und verworrenen Auen mit rätselvoll schimmerndem und zum ernsten Wasser hinübernickendem Rankenwerk, durch das große weiße Blüten leuchtend hindurchdrangen. Der Morgen erglomm. Der Reiher erhob sich mit schwerem Flügelschlage und heiserem Gierschrei und stieg der aufflammenden Röte entgegen; im Blauen schwamm mit gelassener Schwinge der Seeaar und rief mit gellem Kreischen nach seinem Genossen. Der ahnungsvolle Frühschein wich der vollen Helle. Im Kiele lag die Frau und schlummerte, erschöpft von so vieler Aufregung, immer noch in ihrem Knabengewande, das der keimenden Hoffnung in ihrem Schoße so seltsam widersprach; der Severin schlug die Ruder mit starkem Schlage. Vorne aber, im Bug, stand der Richter und starrte in das Gold des Morgens und in das Unbekannte, das ihm, wie uns allen, als das Glück erschien.

 

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