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Jakob Julius David: Die Hanna - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorJakob Julius David
titleDie Hanna
publisherAufbau-Verlag
addressBerlin und Weimar
printrun1. Auflage
editorPeter Goldammer
year1984
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectidac675c67
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Der Letzte

Abseits von der kleinen Stadt selbst war noch eine Ansiedlung. Um ein Hügelchen herum war sie entstanden, und es waren die Häuser und Hütten der Allerärmsten, die sie bildeten. Nicht einmal zu einer ordentlichen Straße hatte es der Vorort gebracht, sondern die Baulichkeiten krochen, liederlich durcheinandergewürfelt, die Anhöhe empor, meist in ungeselligem Elend recht weit voneinander getrennt. Einige waren ganz hoch emporgeklommen; diese standen nun, wie erschöpft von der Anstrengung des Steigens, ganz windschief und geduckt wie schweratmende Menschen da. Auf dem Gipfel aber erhob sich ein ansehnliches Kloster, das fast den ganzen Raum für sich in Anspruch nahm mit seinem mächtigen Mauernviereck, mit seinem Kirchlein, das mit einem dreisten und spitzigen Türmchen in den Himmel stach und dessen Glocke nach dem Glauben aller einen vornehmlich wohllautenden und tröstlichen Klang besaß. Man sah von da aus weithin in das Land, und vielleicht um dieser Fernsicht willen hatten sich vormals Benediktiner hier angesiedelt, um so leichter, auch als sie zu Wohlstand und selbst Reichtum gekommen waren, die allgemeine Not und die große Armut ringsum zu übersehen.

In den hussitischen Stürmen aber, die über diesen Strich Mährens besonders grimmig dahingefahren waren, verarmte das Kloster. Müde der ewigen Bedrängnisse, zogen die frommen Väter davon. Sie kehrten auch nicht wieder, als endlich nach vielen Jahren wiederum Frieden im Lande war. Andere kamen an ihre Stelle; wie es etwa Turmschwalben mit einem verlassenen Falkenneste tun, so nisteten sich bettelnde Barfüßer in dem weitläufigen Gebäude ein. Sie lebten mit dem Volke und gewannen sich manche Liebe als Tröster in Drangsal und duldsame Berater in Gewissensnöten; man konnte ihnen nicht neidig sein, denn es erging ihnen allen selber gerade kümmerlich genug. So verfiel denn auch das Haus des Klosters mehr und mehr; gebrach es im Winter an Holz, dann hieb man einen der wunderschönen Bäume des großen Gartens um. Man verkleinerte die Zellen, damit man's leichter warm hätte in frostigen Tagen, so daß ein übles Winkelwerk entstand. Nur die Kirche blieb immer noch schön geschmückt, und der Kreuzgang mit seinen hallenden Fliesen, darunter die Brüder bestattet wurden, dem kühlen, rinnenden Brunnen und den schönen, spitzbogigen und gemalten Fenstern bezeugte den alten Glanz. Zerbrach eine Scheibe vor dem Ungestüm des Windes oder der Achtlosigkeit eines Fraters, dann wurde freilich häßliches und gemeines grünes Glas eingesetzt. Das gab dann ein mißfärbiges Flickwerk.

Zur Zeit nun, als der zweite Maximilian mit unsicherer Hand und gar im Verdachte heimlicher Hinneigung zu Ketzerei und Luthertum über Österreich gebot, stand der Pater Zachäus Kühreiter dem Kloster und dem Dutzend Mönchen vor, die es noch beherbergte. Er war ein stiller, friedlicher Mensch, von ansehnlicher Größe und Fülle des Körpers und mit einem mächtigen Barte begabt. Vordem hatte er gar eifervoll und mit starker Stimme zu predigen gewußt, und wenn er von der höllischen Glut sprach und er strich dabei seinen Bart nach vorwärts, dann nahm ihn manche zerknirschte Seele für ein Abbild und ein Vorzeichen des Feuers, das nie verlischt, ging heim, besserte sich, so daß dem Kloster manche ansehnliche Spende zufiel, deren es in seiner Bedürftigkeit sich gewiß mit allem Rechte erfreuen durfte. Pater Zachäus aber war Büßenden gegenüber ein milder Richter, wie er denn, bei all seiner wahren und tiefen Frömmigkeit, nur auf der Kanzel zu eifern vermochte. Sonst ließ er gerne jeden seiner Wege gehen und bemengte sich durchaus nicht mit Dingen, die nicht unbedingt seines Amtes waren; er scherzte gerne und hegte nur noch den einen Wunsch, seine Tage so mit Frieden zu beschließen, wie ihr größter Teil aller menschlichen Voraussicht nach schon in Ruhe verronnen war. Und hatte ihn bei seiner Wahl zum Guardian Klostervorsteher. eines gefreut, dann war es nur, daß er nicht mehr gar so oft in Bittgängen auf das Dorf oder in die Stadt mußte; so viele Jahre hatte er das getan, daß er dessen müde war und es anderen und jüngeren Beinen gerne überlassen durfte.

Wenn sich aber Pater Zachäus einmal in der Umgegend erging, dann hatte er unablässig denselben Gefährten. Das war ein noch rüstiger und junger Bruder, hübsch von Angesicht und stark von Gliedern, sonst aber fast so verschlossen, wie der Prior mitteilsam war. Ihn terminieren Gaben sammeln. schicken konnte man nicht; er verstand keinen jener geistlichen Späße, mit denen man die Leute kirre und gebelustig macht. Sondern finster kam er, und unbedankt und mit leeren Händen mußte er zumeist wieder gehen. Man sendete ihn auch nur noch aus, damit er sich in Gehorsam und evangelischer Demut übe. Es half aber ihm sowenig zu jenen Tugenden als den Brüdern zu besseren Bissen. Sie mochten ihn darum auch nicht; der Prior aber liebte ihn ausnehmend, und Berchtold Bayer erwiderte dies Gefühl mit der dumpfen Treue eines Hundes und der bewußten Neigung eines Menschen, der einem andern alles und von Kindesbeinen ab – denn er war noch als ein halber Knabe aufgenommen worden – schuldig zu sein sich bewußt ist.

So ergingen sich die beiden denn auch an einem recht grauen Spätherbsttage. Eine frühe Dämmerung war eingebrochen; am Himmel bewegten sich hastige Wolken, schoben sich drängend und eilfertig übereinander, so daß die Umrisse einer jeden unbestimmt und verschwommen durch das allgemeine Wallen durchschienen, und entsendeten einen ganz feinen und unentrinnlichen Sprühregen. Dazu raschelte der Wind im braunen und stark duftenden Fallaub, in einsamem Rot leuchteten einzelne Hagebuttenbeeren, so daß die große Trostlosigkeit der Welt durch dies bißchen Farbe erst recht ersichtlich wurde. Das verstimmte sie, und auch Zachäus wurde schweigsam und kehrte sich mit seinem Genossen früher als sonst heimwärts. Durch die Stadt wanderten sie und hüllten sich dichter in ihre Kutten. Dabei aber befremdete sie eine sonderbare Belebtheit der Straßen des Ortes; denn viele gingen mit ihnen dem Hauptplatze zu, in den die eine lange Gasse mündet, welche sie durchschritten. Aber mancher darunter sah die Mönche fast feindselig an; nur wenige rückten die Kappen. Und das schwirrende Geräusch der Webestühle war allenthalben um sie verstummt, ob es gleich noch lange nicht die Stunde war, zu der sich sonst die Weber von ihrem Tagewerke zu erheben gewohnt sind.

Auf dem Marktplatze verlief sich das Volk; in den Lauben, die ihn umgeben, suchte es Schutz vor dem Rieseln und wogte dort stumm und in fast andächtiger Ernsthaftigkeit durcheinander. Erwartungsvoll verweilten sich auch Berchtold und Zachäus. Da läutete die Hauptkirche zur Abendmette; fein und hell antwortete die Glocke des Klosters. »Wie hübsch sie singt!« sagte Zachäus. Berchtold aber schüttelte den Kopf; denn in die Leute war eine Bewegung gekommen. Sie traten ins Freie und sammelten sich alle in einem Halbkreise vor der Kirche. Mancher aus ihnen schaute die Brüder neugierig, mancher fast spöttisch an. Berchtold merkte das wohl, wagte aber kein Wort, weil er seine Stimme hätte zu laut erheben müssen, um dem schwachhörigen Zachäus vernehmlich zu werden. Der uralte und wilde Wenzel Prokupek, der Schmied, aber kehrte sich plötzlich und sah den Prior mit seinen unter den weißen und buschigen Brauen glühenden bösen Augen an: »Willst du auch die reine Lehre hören und annehmen, Pfaff?« rief er. Und als Zachäus den Kopf schüttelte, weil er sich erst besinnen mußte, was antworten, da lachte der Riese gell, und andere taten's ihm nach, so daß Zachäus still in seiner Verlegenheit blieb.

Plötzlich Totenstille. Auf einem Prellsteine stand ein Mann, der unversehens aus der Menge aufgetaucht war. Seine hagere Gestalt zeichnete sich scharf vom grauen Gemäuer der Kirche ab; mit heller Stimme begann er einen deutschen Psalm, und die feierliche Weise schwebte getragen durch die schwere Luft. Dann sprach er heftig, eifervoll von den Entbehrungen, die sich die Bekenner des wahren Glaubens auferlegen müßten – und er zeigte dabei, wie um des Gegensatzes willen, auf die beiden Mönche, die im gleichen Augenblicke aller Blicke ganz feindselig auf sich ruhen fühlten –, denn es sei besser, dem Falschen zu dienen, als das Wahre zu künden. »In Höhlen hausen wir, und in den Einsamkeiten schreien wir zu unserem Gotte; mit Glocken rufen sie, und mit Myrrhen und Rauchwerk wollen sie ihn betäuben. Er aber hört uns, uns, uns!« – »Uns, uns, uns!« rief die Menge feierlich erwidernd und schlug sich an die Brüste. Von der ewigen Verdammnis sprach er und von der Schuld derer, die das reine Wort fälschen. Schon stieg ein Kreischen von Frauenstimmen und ein heißes Aufschluchzen mit unsinnigen Ausrufungen gen Himmel. Dann ward noch ein Choral in solcher Andacht abgesungen, daß sich Berchtold und Zachäus nicht zu entfernen wagten. Dann Totenstille wieder; der Platz schwieg, verschwunden waren, die ihn kaum noch erfüllt, und beide standen einsam und schauten sich an. Endlich brach Berchtold los: »Und du? Was sagst du zu solcher Kasteiung?«

Zachäus schwieg.

»Um Gott und die gnadenreiche Jungfrau! Was sagst du zu solcher Lästerung und Schmähung des Heiligen?«

Zachäus schwieg.

»Bist auch du abtrünnig oder irre im Glauben? So sprich!«

»Er hat gut gesprochen.«

Da flammte Berchtold auf: »Ich verstehe dich nicht ...«

»So komm!« Sie gingen ein Weilchen schweigsam nebeneinander. Dann hub Zachäus an:

»Er hat gut gesprochen: denn die Leute haben ihn verstanden und waren ergriffen im Herzen und andächtiger als bei uns. Daß er sich gegen den wahren Glauben und den dreimal einigen Gott vergangen hat, dieses fühle und weiß ich. Aber – ich habe mich nicht Gottes anzunehmen. Er ist stärker als ich und wird ihn treffen, wenn er es will und an der Zeit hält. Ich kann und will ihm nicht vorgreifen. Verstehst du, Berchtold?«

»Ich verstehe; aber dies widerspricht allem, was unsere heilige Kirche sonst kündet und von ihren Priestern begehrt!«

»Kann sein. Ich aber bin alt und müde.«

»Und was willst du tun? Wie, wenn die Irrlehre um sich greift?«

»Sie wird's.«

»Und wenn sie im Kloster Boden faßt?«

»Sie wird's. Ich kann niemandem entgegen sein. Ich aber werde nicht abfallen, und wär ich der Letzte, der zum wahren Glauben steht.«

»Und willst du nicht den weltlichen Arm anrufen?«

Da lächelte Zachäus: »Hast du nicht Prokupek gehört? Er ist Bürgermeister, und auf wessen Seite wird sich der stellen? Und soll Blut fließen?«

»Du bist zu milde und zu gütig, Zachäus.«

»Kann sein. Ich bin, wie ich war.«

Berchtold wurde verlegen: »Ja, du bist, wie du warst. Ich kenne dich. Du warst gütig all die Tage deines Lebens. Ich hab's nicht vergessen, wie du den verirrten Knaben, den du im überschneiten Felde gefunden, zwei Stunden weit auf deinen Armen ins Kloster getragen und aufgezogen hast mit aller Liebe. Ich weiß es wohl.«

»So sprich nicht davon. Ich war damals jünger.«

»Und ich soll dich nur um dein Kleid schmähen hören?«

»So trifft's nicht mich.«

Sie standen vor dem Kloster, und mit geneigten Häuptern und sich bekreuzend, wie es sich gehört, betraten sie das Haus des Herrn.

In derselben Nacht erwachte der älteste Enkel des Bürgermeisters Prokupek von einem jähen Scheinen, das ihm auf die Lider fiel. An seinem Bette stand der Großvater; er war völlig angekleidet und sah im ungewissen und flackernden Lichte, das die gewaltige Gestalt überlief und rötlich von einer alten, blankgemachten Sturmhaube zurückgeworfen ward, so unheimlich und geisterhaft drohend aus, daß der Knabe erschrak und sich in die Kissen drückte. Wenzel aber rüttelte ihn. »Fürchte dich nicht, steh auf und komm«, flüsterte er heiser, und das Kind gehorchte. Die beiden gingen zuerst in die Werkstatt; unter altem Gerumpel suchte der Greis und hob mit erstaunlicher Kraft Eisenstangen und legte sie wieder sachte nieder, daß sie nicht klirrten. Ganz unten lag ein wuchtiges Schwert. Das band er sich um die Hüfte: »Die Zeichen sind da.« Die Klinge glitzerte hell und scharf, als er sie aus der Scheide zog, und der Junge begriff, was der Ahn oft und oft einsam und nach Feierabend in der Werkstatt zu schaffen gehabt. Dann ward ihm ein Spaten in die Hand gedrückt, einen zweiten nahm der Bürgermeister in die Hand, warf den Kienspan fort, trat ihn sorgfältig aus und schloß darnach bedachtsam wieder die Schmiede. Er kehrte sich aber nicht der Wohnung zu, sondern ging ins Freie. Ein heftiger Sturm schlug ihnen mit starken und schweren Fittichen entgegen. Es war sehr dunkel; die Häuser standen ihnen unförmig zur Seite. Das Kloster auf dem Hügel ragte ungeheuer in die Luft; ihr Weg führte sie daran vorüber, und Prokupek schüttelte ingrimmig die Faust darnach. Dem Knaben wurde bang, und er wagte kein Wort; er fühlte sich ermatten und traute sich nicht, einen Laut der Klage über seine Lippen zu bringen; die häufigen Windstöße beengten ihm die Brust. Der Neunzigjährige aber hatte kein Auge für sein Leid und empfand nichts von all den Beängstigungen, welche die Seele seines Enkelkindes durchfröstelten.

Ein Wald empfing die Wandernden. Schwarzföhren bildeten ihn und hielten, ernste und dunkle Wächter, den Anfall des Novemberwindes ab. So war unter ihnen eine leidliche Ruhe; nur in den Gipfeln sauste, sang und knackte es, dürre Zweige fielen krachend zu Boden, und ein Rieseln erstorbener Nadeln war, die den Boden übersäten und glatt und ungewiß für den Fuß machten. Mitten unter ihnen stand eine Buche und schimmerte mit ihrer weißen, blanken Rinde fast gespenstisch durch das starke Dunkel. An ihr machte Prokupek halt; er bückte sich und sammelte Fallholz, dessen genug umherlag; ein Brand ward entzündet und stieg glosend mit schwerem Rauch gen Himmel. Dann maß er zehn Schritte vom Stamm; ein ganz von Moos überwachsener Feldstein lag da. »Dies ist der Ort; zehn Schritte nach Norden«, murmelte der Wilde. Beide wälzten den Stein nicht ohne Mühe von seiner Stelle. Dann, eine alte, finstere Weise, die wie der Schlag von Schwertern auf Schilde klang, summend, hub Prokupek zu graben an, und sein Enkelkind tat's ihm nach. Ein »Halt!« Der Bürgermeister kniete nieder und wühlte mit der bloßen Hand weiter. Ein Ding, in verblaßte und verschlissene Seide gehüllt, zog er hervor. Er warf die Fetzen fort, und ein goldener Becher leuchtete ... »Dies ist der Kelch!« sprach er ernst und feierlich.

»Dies ist der Kelch«, wiederholte der Knabe ehrfürchtig. »Und wie schön er ist, und wie sein Gold blank ist und schimmert!«

Prokupek setzte sich auf einen Wurzelknorren. »Komm her, Bub. Dies ist der Kelch, habe ich dir gesagt, und hier habe ich ihn vergraben helfen. Just in deinen Jahren war ich, und gerade so alt, wie ich jetzt bin, war mein Großvater.«

»Und was ist der Kelch?«

»Das Sinnbild unseres Glaubens. Denn nur unsere Lippen sind katholisch, unsere Herzen aber sind Hussiten geblieben.«

»Und was ist der Unterschied, Großvater?«

»Wir mögen keine Mönche. Ich weiß nicht, wie viele Klöster mein Großvater selig mit angezündet hat. Das muß wieder sein. Aus dem reinen Kelche muß wieder der reine Wein des Glaubens gespendet werden. Nicht allein für die Geschorenen hat Christus sein Blut vergossen. Auch wir wollen seiner teilhaftig werden. Also hat der Fremde heute gepredigt. Und daß er das zum dritten Male durfte, ohne daß sie ihn brannten, dies ist ein Zeichen, daß die Zeit gekommen ist und der Kelch wieder wandern wird. Hinter ihm aber ziehen wir durch die Lande mit dem Schwert an der Hüfte. Verstehst du, Bube?«

»Ich verstehe, Großvater.«

Prokupek erhob sich. Er barg den Kelch an seiner Brust und wendete sich heimwärts. Und in Sinnen versunken, merkte er lange nicht, daß ihn der Bube am Gewand zupfte; endlich blieb er stehen. »Was willst noch?«

»Du sprichst von Kampf und Haß; aber der Prädikant hat nichts davon geredet.«

Der Bürgermeister lachte: »Du Narr, davon schweigt man. Man verkündigt die Liebe und die reine Lehre, und das andere kommt schon von selber.« Und wie er fürbaß schritt, stimmte er ganz laut und mit voller Stimme das grimmige Schlachtlied an:

»Für den heiligen Kelch, für die reine Lehr',
Für das Blut, das am Kreuze geflossen,
Im Kampfe zu sterben ist unser Begehr,
Nur suchen im Tod wir Genossen.

Wir wünschen in Schlachten und währendem Streit
Der Seligen Himmel zu erben,
Und hinter uns schweige die Einsamkeit,
Und vor uns brause Verderben.

Und die Städte so wüst, und die Fluren so leer,
Von Gottes Zorn übergossen.
Unser Werk! Unser Werk! Für den Kelch, für die Lehr',
Für das Blut, das am Kreuze geflossen!«

Noch hatte er's nicht zweimal wiederholt, da fiel die helle Knabenstimme ein und einte sich mit der seinen. Prokupek nickte beifällig; und einträchtig und singend kamen sie heim, der Vertreter eines uralten Hasses gegen die Kirche aus vergangenen Zeiten, das Kind, dem er kaum erst und für alle Zukunft eingeflößt worden war. Aber schon ballte es im Vorübergehen am Kloster die Faust, wie es das kurz vorher von seinem Ahn tun gesehen hatte.

Am nächsten Tage fehlte der Prädikant. An seiner Stelle stand der Bürgermeister auf dem Prellstein und predigte. Voll ingrimmigen und giftigen Grolles war sein Wort; vor dem Ende hob er den verborgenen Kelch empor, und das Stadtvolk, das seine hussitischen Erinnerungen so lange und so zäh bewahrte, wie es sonst nirgends geschehen, sank auf die Knie und brach in hallenden Jubel aus. Schon dachten manche an Angriff und Plünderung gegen das Kloster. Das war aber Prokupeks Wille nicht, der sich scheute, im Gau das Zeichen zu Gewalttat zu geben. »Wie bringt man den Fuchs aus seinem Unterschlupf?« fragte er. »Man hungert ihn aus, man hungert ihn aus!« kam es vielstimmig zurück. »Also das Mittel wißt ihr.«

Von dieser Stunde ab floß nicht das mindeste mehr in das Kloster von milden Spenden.

Kamen die Brüder, Gaben zu heischen, dann wurde ihnen kaum erwidert. Man tat ihnen in der Stadt mindestens nichts zuleide; aber kleine Tücken ließ man an ihnen aus. Man hob in einigen Häusern auf, was verdorben war und dennoch den Anschein der Genießbarkeit hatte; das steckten dann die Weiber heimlich, als müßten sie's vor ihrem Gatten verhehlen, den Fordernden zu, die dann doch nichts davon hatten als die Mühe, das eilfertig Zusammengeraffte heimzutragen, dann den Verdruß und vielleicht gar noch üblen Geruch. Anfangs dachte man an Zufall; als aber der Pater Küchenmeister sich verwunderte, daß die Hühner so gar keine frischen Eier mehr legen wollten, da erkannte man bekümmert den üblen Willen der Städter und mied sie. Nun aber wurden diejenigen, welche terminieren gingen, offen verhöhnt. Die Buben riefen ihnen das: »Kahlkopf!« des Propheten Elisa nach, und kein rächender Bär erschien und zerriß sie, wie es einer seiner Vorfahren an den frechen Spöttern des Alten Testaments getan. Das verdroß manchen, daß so gar kein Wunder mehr geschehen wollte; er begriff nicht, warum er sich zu Ehren Gottes abmühe, wenn ihm der in keiner Weise beistand, zog aus und kam nicht wieder. Auch wurde es immer mühseliger, selbst nur das Notdürftigste zu erlangen; denn der Abfall ging wohl von der Stadt aus, griff aber rasch und immer weiter um sich. Zugvögel, die den Wechsel der Zeiten und das Wehen ihnen günstiger Winde vermerken, so waren die Prädikanten allenthalben aufgetaucht. Einem Bruder war es widerfahren, daß sie ihn im Dorfe bei Nacht hart schlugen und die Hunde auf ihn losließen. Dazu schien er sich nach seinem Gelübde nicht verpflichtet, sagte das dem Prior, nahm seinen Stecken und ging. Anderen war die Plage zu groß, der Gewinn zu gering; dazu waren sie nicht im Kloster. Der Pater Küchenmeister kam sich bald gänzlich überflüssig vor; er entfloh diesem Gefühle und zugleich den wenigen, die noch treu geblieben waren. Der Pförtner tat's ihm nach; der Mesner verließ seinen Dienst, denn niemand kam sich Beichte hören lassen oder in eine Messe, wenn nicht kümmerliche Weiblein, die früher hier Gutes genossen, oder halbwüchsige Kinder. Auch diese schlichen ängstlich in die Kirche und stahlen sich vorsichtig von der Stätte fort, an die sie nur noch alte Gewöhnung, die Hoffnung auf die Wiederkehr besserer Zeiten und eine geheime Furcht banden, man möchte sie dann ihren Abfall entgelten lassen. Sonst aber hegte niemand eine solche Besorgnis; offen hatte die neue Lehre gesiegt, und die Hauptkirche faßte kaum die Zahl ihrer Bekenner. Durch das Haupttor zogen sie ein, wie sie früher vor dem Tore stehen gemußt. »Das ist das Neue«, sagte Zachäus trübe zu Berchtold, der ihm allein geblieben, sagte es, damit ein Laut das große Schweigen breche, das über das Kloster gefallen war und durch das sonst nur die Stimme der Glocke klang, um fast unbeachtet nach kurzem und ängstlichem Läuten zu verstummen ...

Eine leidenvolle Zeit war für die beiden letzten Brüder angebrochen. Zachäus trug sie mit der Geduld des Alten, der die Zeiten und ihren Wandel kennt und dem alles nur noch Übergang zu einem letzten und ungewissen Ziele scheint. Anders Berchtold. Seine junge Kraft empörte sich gegen die Wehrlosigkeit, zu der er sich verdammt sah; ihn bedrückte das zwecklose Sein, das er führte, das Stehen auf aufgegebenem und verlorenem Posten, ohne daß auch nur auf Ablösung zu hoffen war. Dazu war der Winter mit strengen Frösten und mit endlosen Abenden geschritten gekommen. Manchmal gebrach es ihnen am Nötigsten und selbst am Lichte. Und saßen sie dann beisammen in dem einen Gemache, das sie beide beherbergte, und die eintönige Stimme des Alten, der aus dem Breviarium leierte, war verstummt, so daß kein Laut mehr rege war, nur das Krachen des grünen Holzes, das im Ofen sich warf und knisterte, und das traurige Summen und singende Sausen des nächtigen Wehens im Schornstein, dann kamen Berchtold ganz zornige und sündhafte Gedanken, und er haderte mit Gott. Das heiße Blut, das ihn in frühen Jahren aus dem Elternhause geführt und in der Welt umgetrieben hatte, bis er im Frost am Wegeraine niedergesunken war und den Tod mit Augen zu sehen gemeint hatte, schrie in ihm. Es war wohl stiller geworden durch die jahrelange und innige Gemeinschaft mit Zachäus, aber gänzlich gebändigt war es nicht. Manchmal quoll der Rauch durch das Gemach; dann geriet Zachäus in ein großes Husten, preßte die Hand wider die Brust, und die geröteten Augen sahen aus einem schmerzlich verzerrten Gesichte den Gefährten leidenvoll und klagend an. Berchtold aber empfand seine Kümmernisse mit, und die Sorge, was werden solle, wenn der Alte diese Erde verlasse, wich nicht aus seiner Seele. Ein geheimer Vorwurf, daß er so gar nichts für den Bruder getan, der ihm das Leben gerettet und die Tage gehütet, fraß an seinem Herzen. Was aber beginnen? Ausharren bis zuletzt und zuschauen?

Die Not wuchs, und alles, was noch aus besserer Vergangenheit herübergerettet war, ging zur Neige. Und eines Tages nahm Berchtold den Bettelsack und trat vor den Prior: »Ich will mein Glück versuchen!« – »Du?« antwortete Zachäus. »Du hast es ja nie gekonnt?« – »Ich will es versuchen«, entgegnete der Junge; »es geht nicht länger, wie es gegangen ist. Oder sollst du mit hinaus in Stürme und Schneetreiben?« - »So segne der Herr deinen Weg und erweiche die Herzen der Menschen. Denn wir sind in seiner Hand, und er allein kann uns beschirmen. Und vergiß nicht, daß ich einsam bin und mich leicht ängstigen könnte um dich, mein Bruder. Sei nicht heftig, sondern lerne bitten. Höhnt man dich, so denke dessen, der für uns Spott und Schimpf auf sich genommen hat und der doch Gottes einiger Sohn war. Scherze mit den Kindern, dann gewinnst du die Eltern. Und nun: der Friede Gottes sei mit dir, Berchtold!« – »Mit dir sei der Friede, Zachäus!«

Es war ein rauher Wintertag und ein harter Gang für Bruder Berchtold. Stapfte er durch den spröden und klingenden Schnee, dann hemmte ihn die Kutte im Schreiten. Er schürzte sie höher, und der Wind, der ihn umsauste, verfing sich in ihren Falten. Dazu wagte er es nicht einmal, im Städtchen vorzusprechen; den Dörfern, aus deren Schornsteinen ein gastlicher Rauch aufstieg, kräuselnd und grau in die reine Luft emporklimmend, bis er mit dem Grau des Himmels in eines verrann, wich er in großem Bogen aus. Am schwarzen Forst, in dem damals der finstere Prokupek den Kelch ausgegraben, kam er vorüber; hinter dem lagen einsame und verstreute Gehöfte an den Lehnen des Hügellandes, das da allmählich zur Grenze Schlesiens ansteigt. Dort konnte sich in der Einöde vielleicht noch das Bekenntnis des alten Glaubens erhalten haben, mindestens jene Abneigung mußte nicht aufgeschossen sein, die ihm nur um sein Kleid von den wenigen bezeigt ward, denen er begegnete. Denn er fand Anlaß genug, sich im schweigenden Ertragen zu üben, wie es ihm sein Meister empfohlen hatte; nicht ein Kind lief ihm zu, ihm die Hand zu küssen, wenn ihm das vormals nur zu oft geschehen war. Sie schnitten ihm häßliche Grimassen oder starrten ihm stumpf und frech ins Gesicht.

Endlich, die Mittagsstunde war vorüber, kam er zu einem einsamen Gehöft. Es lag breit und selbstgenügsam da; an das hintere Tor schloß sich ein weiter, weißer Strich, der auf dem Hügelkamme von einem stattlichen Wäldchen abgeschlossen ward, das die Feldmarke bezeichnen konnte. Ein feister Hund lag breit und mit verschlafen blinzelnden Augen auf der Schwelle, über die eine Strohmatte gebreitet war. Er erhob sich vor dem Nahenden, schnupperte friedlich und neugierig an ihm herauf und streckte sich dann wieder faul und gleichmütig aus. Schon das schien Berchtold ein gutes Zeichen; beherzt trat er ins Haus, klopfte an eine Tür und öffnete. Eine große Stube, fast drückend schwül, lag vor ihm; um einen mächtigen Tisch saßen Knechte und Mägde beim Essen. Ein Kichern und Zischeln flog auf, als er eintrat. »Was will der Pfaff? Der Schwarzrock! Der Kahlkopf! Sieh, sieh!« Ihn aber hatte schon ein Blick auf die gänzlich schmucklosen Wände belehrt, daß er irregegangen und in ein evangelisches Haus geraten sei; scheu und schnell wollte er sich zurückziehen, als eine tiefe Stimme erklang: »Rückt zusammen und schweigt. Er soll mitessen, der Pfaff.«

Berchtold zögerte. »Setz dich, hab ich gesagt. Du bist hungrig, und du sollst mitessen. Ich habe befohlen!« wurde ihm wieder zugerufen.

Er gehorchte. Während des Essens ward kein Wort mehr gewechselt. Dann erhob sich eines um das andere, wischte seinen Löffel ab, legte ihn auf den Tisch und ging mit einem frommen Gruße davon. Auch er wollte also heim; da hörte er wieder: »Warte, ich habe mit dir noch zu reden. Der Bettelsack scheint dich nicht sehr zu drücken, du hast ihn nicht einmal beim Essen abgelegt?«

Er wurde verlegen. »Ich vergaß!«

»So? Vergessen hast du?« Ein gewisser Hohn und ein leises Lauern waren in der Frage. »Haben nicht vielleicht die Leute vergessen? Sie sind klüger geworden und wollen sich nicht mehr von euch schätzen lassen. Recht haben sie. Ich sag's, die Ludmila Prokupek.« Und sie schlug mit der Faust hart und nachdrücklich auf den Tisch.

»Prokupek?« rief Berchtold erschreckt.

Sie lachte: »Aha, bist du aus dem verrückten Webernest? Fürchtest du dich vor dem größten Narren? Meinem Schwiegerväterchen Wenzel? Der ist toll und möchte alle machen, wie er ist. Hat sein Enkelchen schon fertiggemacht. Hat mich auch herumkriegen wollen – ist noch keine Woche her. Da ist er gesessen, wo du sitzest, mit seinem muffigen Kelch. Und wie ich ihn frag: ›Was soll das Ding, wenn nicht zum Verkaufen?‹, da schwatzt er mir was vor, vom Inbegriff dessen, was man sich verlangt und doch nicht recht auszusprechen weiß. Unsinn! Ich begehre nichts, was ich nicht kenne, und ich lasse mich nicht betrügen mit alten Geschichten. Ich mag keine Sinnbilder; leben will die Ludmila und schaffen, und niemand soll ihr was dreinreden. Das hab ich ihm gesagt, aber tüchtig; mich freut's, wenn ich ihm so was tun kann, dem närrischen Narren!«

Sie war im Sprechen aufgestanden; ein leises Rot war ihr in die braunen Wangen gestiegen, wie es manchmal, noch ehe sie völlig purpurn aufglühen, die Blätter des wilden Weines überfliegt. Ihr Mundwinkel mit dem schwarzen Mal darunter, das auf dem Halse wiederkehrte, zuckte heftig; groß, stark und völlig ohne Tadel vom schwarzhaarigen Haupt bis zu den Füßen stand sie vor dem Mönche, der sie fast verwundert und mit einiger Scheu anstarrte. In ihren nächtigen Augen leuchtete es gewitternd. Dann, ruhiger, fügte sie noch hinzu:

»Du mußt mich nicht für wild halten. Ich bin's sonst nicht, und meine Leute haben es gut bei mir, wenn sie folgen. Aber ich mag kein Gefasel, ich habe genug davon schon gehabt, wie noch mein Mann gelebt hat. Das war auch so einer mit Psalmsingen und mit Beten. Was heißt das? Hast du was angestellt, so häng dich auf, hast du nichts getan, so ist der Herrgott auch ein Mensch und will seine Ruh haben. Hab ich recht oder nicht? Ja so! Dich darf ich so was nicht fragen! Das ist ja dein Geschäft. Ist auch ein sauberes!« Sie lächelte verächtlich, und ihm schnitt's in die Seele. »Na, gottlob, es geht auch von Tag zu Tag schlechter. Und jetzt komm. Deine Predigt hast einmal anhören müssen, statt sie zu halten, Pfaff! Ich geb dir was; ich hab's, und den Prokupek könnt's ärgern, wenn er was davon hören möchte. Seid ihr viel?«

»Nur noch einer neben mir.«

»Ist eh zuviel, noch ein Tagedieb.«

»Er ist alt und der beste Mensch«, wendete Berchtold ein.

»Also ist wenigstens schade um ihn, daß er nichts Ordentliches geworden ist.«

Sie füllte ihm seinen Zwerchsack reichlich, und der Mönch empfing nicht ohne Scham, was sie ihm gab. Er freute sich beinahe, fort von dem heftigen Weibe zu kommen, das jeden Dank und jeden Segensspruch ablehnte. Auch war ihm bange nach Zachäus, und dennoch, als er mit dem Einsamen beisammensaß, flogen seine Gedanken zurück nach dem Hof in der Einöde und zu Ludmila, also daß er nicht mit vollem und innigem Herzen in das Dankgebet einstimmen konnte, welches Zachäus anhob dem Herrn zum Preise, der die Gemüter lenkt und ihre Rauhigkeit sänftigt.

Er kam wieder; nicht ohne Kampf mit sich, nicht ohne vorher an mancher Tür vergeblich angepocht zu haben. Ihn trieb die bittere Not. Aber er wurde diesmal unwirsch genug empfangen. Ja, was er denn denke! Einmal sei genug; aber sich Müßiggänger heranzufüttern, dazu sei sie nicht auf der Welt. Ob denn für ihn allein Gottes Gebot nicht gelte, daß der Mensch im Schweiße seines Angesichts sein Brot essen müsse? »Was, beten willst du für mich? Ich mache meine Sachen gern allein ab. Arbeit! Ein Drescher ist mir krank, tu du das Seine!«

»Ich hab's aber nicht gelernt«, meinte Berchtold, der sich ihr gegenüber gar nicht zu benehmen oder zu helfen wußte. Sie lachte: »Nicht gelernt! Sie werden dir's schon zeigen. Es ist nicht schwer. Probier's wenigstens, zeig guten Willen, und ich werde dir ihn auch beweisen. So ein starker Kerl bettelt!«

Er gehorchte, und es sah wunderlich genug aus, wie sich die schwarze Kutte mit dem weißen Gürtelstrick unter die Drescher mengte, wie die schwarzen Ärmel mit den weißen Leinenärmeln sich in gerechtem Dreitakt zu bewegen mühten. Frau Ludmila aber sah zu, und in ihren schwarzen Augen lachten Übermut und Schadenfreude, wenn er ihr gegenüberstand, und auch die Knechte verhielten nur mühsam ihr Lachen über den wunderlichen Helfer. Aber er benahm sich geschickt und wacker genug, bis die Zeit zum Mittagmahl gekommen war. Danach entließ ihn die Frau; sie gab ihm nicht soviel wie das letztemal, immerhin noch reichlich. Und ihn drückte diesmal ihre Spende nicht, ihn freute, daß sie doch, wenn auch nur zu geringem Teile, erworben worden war. Dem alten Zachäus aber berichtete er nichts von seinem Abenteuer, nur daß er die Schwielen an seinen Händen heimlich und nicht ohne Vergnügen betrachtete. Denn wer irgend dem Bauernblute entsprossen ist, in dem lebt meist eine Sehnsucht und eine Freude zu diesem Berufe, die nicht leicht erstirbt.

Es wäre überflüssig zu erzählen, wie häufig fortab der Bruder Berchtold den Weg nach Ludmilas Hof in der Einöde zurücklegte. Es geschah oft genug; immer aber gab sie ihm Arbeit, und einmal, da er sich mit Holzhacken abmühte, lachte sie: »In der Kutte muß das sein? Wird das Holz geweiht dadurch?« Er sah sie fragend an. »Was du tun sollst? In der Kammer hängen noch allerhand Kleider von meinem Seligen, ihr habt's in der Größe gleich. Probier's einmal an!« Das Bauerngewand ließ ihm gut, und sie machte kein Hehl daraus, daß er ihr darin gefalle; nur die Tonsur verriet noch den Mönch, und sie spottete viel darüber, und die Knechte mußten ihr helfen dabei. Auch ihr Kind lernte er kennen, es war ein grobknochiger Bursche mit stumpfem Gesicht, ungelenk von Gliedern und mürrisch. Berchtold tat ihm schön. Ludmila aber wehrte ab: »Ich weiß genau, er ist häßlich. Ich habe ihn gerne, aber niemand muß tun, als möchte er ihn. Du sollst nicht lügen, und du mußt es nicht mehr, denn du bettelst nicht.« Er ließ doch nicht ab, bis es ihm gelungen war, die Zuneigung des störrischen Knaben zu gewinnen; denn sonst waren ihm alle gut, und weil er in ihren Augen ein Gelehrter und dabei doch anstellig und von ungemeiner Kraft war, so achteten sie ihn sogar. Er aber war heiter und staunte manchmal selbst über sich und seine Fröhlichkeit, die ihm so lange fremd gewesen.

So führte denn Berchtold Bayer ein Doppelleben, das in zwei Teile geschieden war, die nicht das Kleinste miteinander gemein hatten: nicht Tracht, nicht Lebensführung noch sonst etwas. Zachäus aber ahnte nichts davon; sobald sein Gefährte heimkehrte ins Kloster, so fiel wieder der alte dumpfe Sinn und die alte Verschlossenheit über ihn. Sie waren nunmehr noch verstärkt durch die Sehnsucht nach dem freien und mannhaften Leben, dessen Reize er kostete und nicht mehr missen konnte. Es freute ihn wohl, daß er für den Alten sorgen konnte und mehr dazu aus eigenster Kraft tat, als der ahnte; aber ihm wurde doch allgemach bange zumute bei so zwieträchtigem Dasein, ohne daß er absehen konnte, wohin oder zu was für einem Ende das führen wollte. Sollte auch ihm ein dumpfes Hinbrüten, bittere Not und einsames Elend am Ziele der Tage stehen, wie er sie über Zachäus hereinbrechen sah?

Solcherlei Gedanken waren ihm früher allerdings nicht gekommen. Aber der Sturm, der über die Welt hereingekommen war, der diesen ein mächtiges Lenzen, ein Keimen und Treiben von ungeahnter Kräftigkeit bedeutete, jenen aber den Fall und das Verwehen ihrer schönsten Hoffnungen brachte, hatte diesem einen beides vereinigt. Die Gemeinschaft war zerfallen, der er angehört und die ihn geschirmt hatte; nur in einem lebte sie noch fort, allerdings in dem, an den sich Berchtold unlösbar gebunden fühlen mußte. Noch war seine Anhänglichkeit an die alte Kirche unberührt, noch galten ihm ihre Gebote. Aber das Kleid, das er trug, war ihm widrig geworden, und er empfand es als lästige Mummerei, wenn er es wieder anlegen mußte. Dunkel fühlte er herandrohende und schwere Kämpfe; ihm unbewußt zog es ihn zu dem Weibe, dem er sich nur dankbar für die Rettung vielleicht vom Hungertode, für manche Freundlichkeit und selbst für die Offenbarung eines neuen und manneswerten Lebens glaubte. Aber – er fürchtete sich vor Ludmilen und ihrer stolzen und herrischen Art und litt dennoch wieder, wenn er sie nicht sah ...

Ein Zwiespalt war in ihm, und ihn entwirren konnte er nicht. Er suchte seine Seele mit starker Peinigung heim, und diese ließ ihn manchmal in öden und schaudernden Dämmerstunden aufstöhnen. Dann antwortete ihm ein Echo. Zachäus seufzte. Sonst schwiegen sie beide fast immer; der vom Jammer aller müde, der vor der Kümmernis des eigenen Herzens. Und der Zwang, sein eigenstes Gefühl verhehlen und totschweigen zu müssen, fraß in der Brust des Jungen, der sich wie ein Betrüger an Freund und Freundin, je nach Ort und Zeit, vorkam ...

Es ging zu Ende des Winters. Mit jeder Stunde, die der Tag gewann, freute sich Berchtold, als sei sie ihm allein geschenkt und mehr zugemessen worden. Schon rüstete man auf dem Hofe für die beginnende Feldarbeit; ein warmer Hauch freudiger Tätigkeit zog durch das ganze Haus und reizte zu traurigen Vergleichen mit dem, wie es in seinem Heim bestellt war. Da, als er eben sich einmal anschickte zu gehen, winkte ihm Ludmila. »Ich habe mit dir zu reden. Du darfst mir nicht mehr kommen. Verstehst du?«

»Und warum nicht?« rief er erschreckt.

»Weil ich dir's verbiete! Ich lasse dich hinauswerfen! Die Hunde hetze ich auf dich, die Knechte schick ich über dich, verstehst du?«

Ja, aber ich habe dich nie beleidigt, Ludmila.«

»Das auch noch? Wer traut sich's? Aber ich will mich nicht Pfaffenliebchen heißen lassen. So schimpfen sie mich. Mach fort, hörst du?«

»Aber bist du es denn?«

»Ich mag's auch nicht werden.«

Er ergriff ihre Hand: »So dank ich dir für deine Güte. Ich wäre verdorben ohne dich, und ich werde es jetzt wohl. Dir segne Gott alles.«

»Hätt ich dich nur verhungern lassen, mir wäre besser!«

»So hassest du mich?« sprach er klagend. »Und ich weiß nicht, wie ich werde leben können ohne dich. Du bist mir wert, sehr wert.«

»Und wenn du mir es auch bist? Was nützt es? Soll ich den Schimpf verdienen? Mich noch mehr ausschreien lassen?« Ihre Augen blitzten, ihre Faust stemmte sich in die Hüfte. Sie war sehr schön in ihrer Erregung, und Berchtold sah sie staunend und stumm an.

»Du hast wohl recht«, erwiderte er traurig. Sie aber wurde noch zorniger: »Also das ist ein Mann?« schrie sie. »Geht fort und läßt sich wegjagen wie das Pferd von der Krippe? Und fragt gar nicht: Hab ich müssen? O pfui!«

»Ja, aber was soll ich tun?«

Sie trat ihm so nahe, daß sich seine Augen spiegelten in den ihren. Der heiße Atem ihres Mundes wehte über ihn hin und bewegte das Haar seiner Schläfen. »Was du tun sollst? Die Haare laß dir wachsen, die Kutte wirf weg.«

»Und dann?«

Sie lachte. »Dann? Dann komme mich freien.«

»Ludmila! Mein Gelübde?«

»Es gilt nicht. Du hast der Kirche geschworen. Nährt dich die Kirche? Ich hab's getan. Ein Gelübde?« Sie zuckte die Achseln darüber, sie schnellte es mit einem Finger vom andern. Sie lachte ihn mit weißen, starken Zähnen an; ihre ganze Haltung fragte, wer mehr wert sei – sie und ihr lebendiges Leben oder eine abgestorbene Satzung und ein alter Eid.

Ein Taumel stieg ihm heiß zu Kopf: »Ich werde also handeln! ...«

»So bleibe da.«

»Ich kann es nicht. Ich muß von Zachäus Abschied nehmen und Urlaub empfangen.«

Sie faßte seine Hände mit starkem Druck: »Er wird dich nicht lassen, Berchtold.«

»Er wird es. Und nicht zu viel Untreue, Ludmila! Nicht mehr, als sein muß, möchte ich in die Ehe bringen. Nicht die gegen den Freund zu der gegen den Glauben!«

Sie küßten einander; eine Leidenschaftlichkeit, die lange still und unter Asche geglommen, lag in dem Kusse. Dann schieden sie; sie stolz und fröhlich, er gedrückt. Die vergrämte Gestalt Zachäus' stand ihm in der Sonne seines Glückes und warf einen schweren Schatten hinein. Er dachte mit Scham seiner eifervollen Ruhmredigkeit an jenem Tage, da der Prädikant zuerst gepredigt, und der stillen Art des Freundes, der doch nicht gewichen war vom Glauben, während er selber abgefallen und meineidig geworden war in der Stunde der Versuchung. Aber konnte er ihn nicht vielleicht; bewegen, am Glücke teilzunehmen, das für den Gefährten so vieler Jahre erblüht war? Er vermochte nicht recht daran zu glauben; er wußte auch nicht recht, ob ein solcher Gast Ludmilen willkommen sein werde, und schalt sich darüber, daß er nicht sofort und ganz bestimmt gefordert habe, ihn mitbringen zu dürfen. Und dennoch – er sah klar, daß er von dem Weibe nicht lassen könne, nun er um sich und um sie und ihre Empfindungen Bescheid wußte. Noch war er im Banne ihrer Gegenwart; er konnte ihr nicht mehr entrinnen, und er wollte es kaum.

Aber mit Bangen hat er dennoch Zachäus Bericht von dem gegeben, was er erzählen mußte. Der hörte stumm zu; nur noch mehr in sich sank er zusammen, nur noch kümmerlicher und trübseliger wurde er während der stürmischen und verworrenen Rede seines Bruders und einzigen Freundes. Er erwiderte auch nichts, als dieser seine Bitte vortrug und ihn eigenmächtig beschwor, ihm zu folgen und sein Los zu teilen. Sein Schweigen aber war Verneinung. Dann sprach er nach einer peinlichen Weile und müde und tonlos: »Ich habe alte Beine; sie passen nicht unter neuen Tisch, und sie können keinem andern Geschick mehr nachlaufen. Ich bleibe, wo ich bin und wo ich so lange war. Du aber gehe. Mir ist weh um dich, mein Jonathan.«

»So komm, Zachäus.«

Wieder dasselbe greisenhafte Kopfneigen. Dann: »Gehe, und möge dir's geraten, wie du es hoffst und wie ich dir's wünsche.«

»So gib mir die Hand!«

Er tat's; und noch einmal: »Du siehst mir fremd aus. Das ist die Tracht, die du anhast von morgen ab. Ich sehe sie schon an deinem Leibe. Du bist mir fremd geworden. Das macht die Zeit – denkst du noch des Tages, da ich's dir zum ersten Male sagte?«

»Du tust mir weh, Zachäus!«

»Ich will es nicht. Leb wohl, mein Bruder!«

»So segne mich, damit es mir wohl ergehe!«

Er zuckte zusammen. »Darf ich's denn? Dich? Ich müßte dich schelten. Ich tu's nicht; der Eifer Gottes ist nicht in mir. So knie nieder. Ich war dein Vater. Nicht der Guardian, der Vater, der nun in die Einsamkeit geht, gibt dir seinen Segen zu den neuen Pfaden, die du fortab beschreiten willst. Leb wohl, und der Segen Gottes über dein Haupt!«

»Tausendfach über deines, Zachäus! Und darf ich nicht?« '

»Nein, du darfst nicht! Es sei denn, mich führe der Zufall vor dein Tor. Aber das wird mir, ich hoffe, doch erspart sein.«

Zachäus war allein. Er hörte Schritte sich entfernen, erst zögernd, dann schnell und schneller. Endlich fiel eine Tür irgendwo weit ins Schloß. Er aber sank in die Knie und betete. Und unterm Beten weinte er ungestüm wie ein Kind und bitter und ohne Trost, wie ein Mann, den die Hoffnungslosigkeit und die Verzweiflung aufs Herz geschlagen haben. Es wurde Nacht, und die Frühe stieg auf. Der Tag verrann, und nicht ein Laut von Menschenstimme drang in sein Ohr. Wiederum schattete die Nacht über der Welt, und wieder floh sie vor dem Andrängen der Sonne. Da fiel ihm ein, daß heute der Tag, des Schirmheiligen seines Klosters sei. Er wartete, bis die Stunde der Messe nahte; dann stieg er mit müden Füßen und mit zitternden Knien in den Turm. Mit schwacher Hand läutete er die Glocke; ihre ungleichen Klänge drangen verirrt und träge in die Luft, die grau und nebelvoll war. Danach stieg er nieder; keine Seele war dem Rufe zur Andacht gefolgt, nicht einmal ein Knabe, der ihm bei der heiligen Handlung hätte behilflich sein können. Er aber verrichtete sie, so gut er's als Einsamer konnte. Dann schloß er die Kirche; er nahm seinen Bettelsack auf die Schulter, wiewohl ihm einen Augenblick der Gedanke durch den Kopf schoß, ob es nicht besser wäre, still und ergeben auf das Ende zu harren, das nicht mehr lange auf sich warten lassen konnte. Das aber erachtete er als sündig, und als frömmer und würdiger, den Becher bis zur Neige zu leeren, der ihm verhängt und kredenzt ward.

Er hat einen weiten und traurigen Weg an jenem Tage gemacht. Nur ab und zu ein Sonnenstrahl am Himmel, der ihm die Trostlosigkeit seines überschneiten Weges erst recht zeigte; nirgends ein Wort des Grußes oder eine milde Spende. Ihn hungerte, und als er vor Mattigkeit und Schwäche taumelte auf einer Dorfstraße, da rief ihm ein Knecht nach: »Seht den betrunkenen Mönch!« Zachäus wendete sich und sah den Spötter an, daß der vor seinem Blicke verstummte. Gänzlich in der Irre ging er, und endlich konnte er nicht fort vor Erschöpfung aller Kräfte. Der noch leere Bettelsack auf seiner Schulter drückte schwerer, als er es, noch so voll, jemals vorher getan hatte. In den Schnee setzte er sich nieder; stumpf und ergeben harrte er, einem großen Bauernhofe gegenüber, ob er wieder Atem gewinne oder hier das Ende finde, allein und verschmachtend wie ein gehetztes und weidwundes Rotwild. Da klang die Tür des Vorgartens, ein starkes Weib trat heraus. Es ersah den Müden und stutzte. Dann winkte es ihm: »Noch einer? Komm!« Er ward in die Stube geführt und wohl bewirtet; mancherlei gab sie ihm dann. Als er aber die Frau segnen wollte, da lachte sie: »Laß das; bei mir gilt's nicht. Ich bin evangelisch. Aber der mein Mann wird – er ist heute in der Stadt drin, alles vorbereiten, was so einer tun muß –, der war selbst einmal Schwarzrock wie du. Ich hab's seinetwillen getan!«

›Wirf's ihr vor die Füße!‹ rief es in Zachäus. Aber er zwang sich. War das nicht die letzte Neige? ›Leere sie, um der tiefsten Demut willen, die dir geboten ist!‹ sprach er zu sich. Und laut: »So nimm meinen Dank, wenn dir mein Segen nicht zupaß kommt. Und der Herr, an den wir beide glauben, sei mit dir.« Und so, mit einem Händedruck, schied Zachäus Kühreiter aus Ludmila Prokupeks Hause ...

Es war noch hoch am Tage, und dennoch ging schon ein Grauen durch die Welt. Grau war der Himmel, grau die Nebel, die in der Ferne wogten, grau und mißfarben selbst der alte Schnee zu seinen Füßen; graue Krähen zogen in dichten Flügen ihm zu Häupten oder flogen vor seinen Schritten auf. Sonst begegnete ihm nichts Lebendes; nur als er, die Feldwege verlassend, auf die Straße einbog, da erhoben sich zwei, die dort im Graben gekauert hatten. Ein Weib und ein Mädchen; sie küßten seine Hand und knieten vor ihm nieder. Er segnete sie staunend; also gab es überhaupt noch Menschen, denen sein Kleid und seine Lehre ehrwürdig war? Er legte die Hand auf ihre Häupter und ging weiter. An umgestürzten Heiligensäulen vorüber, deren Anblick ihm weh tat. Und dennoch war wieder eine leise Hoffnung für die Zukunft in ihm eingekehrt.

Er kam ins Kloster; und die graue Verödung und die Trostlosigkeit befielen ihn wieder, als er durch das Schweigen des Kreuzganges hinschritt, durch das der Nachhall seiner Tritte geisterhaft und dennoch gewaltig tönte. Er sah zu Boden; Kreuz an Kreuz grüßte seine Blicke, und eine starke Sehnsucht zog in sein müdes und gepeinigtes Herz. Hier schliefen seine Vorgänger, eine lange Reihe, deren Letzter er war und die durch Jahrhunderte hindurch – er wußte in seiner Ungelehrsamkeit nicht einmal, durch wie viele – nicht einmal unterbrochen worden war. Nun drohte sie abzureißen für immer. Und ihn verlangte sehr, bei ihnen zu liegen und ihren Schlaf zu teilen. Noch tiefer und traumloser, als der ihnen geworden war, hoffte er seinen. Denn er wußte, niemand würde ihn daraus aufstören, war er einmal hier beigesetzt; kein Klappern von Sandalen andächtiger Ordensbrüder konnte ihm zu Häupten mehr erklingen.

Zwei Tage danach trieb den früheren Mesner eine Neugierde, zu sehen, was wohl noch im Kloster lebe. Er fand den Pater Zachäus Kühreiter in seiner Zelle. Seine reglosen Hände hielten den Rosenkranz, und sein Gesicht war unverzerrt. Er war gestorben, still und, wie es schien, friedlich, nach seiner Sitte und der Gewohnheit seines Lebens. Er war der Letzte, und nach ihm ist das Kloster gänzlich verfallen.

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