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Jakob Julius David: Die Hanna - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorJakob Julius David
titleDie Hanna
publisherAufbau-Verlag
addressBerlin und Weimar
printrun1. Auflage
editorPeter Goldammer
year1984
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectidac675c67
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Der neue Glaube

Die Stube war sehr enge und niedrig, und es roch nicht gar gut darin, nach lauwarmem Wasser, nach gewürzigen Heiltränken und allem Zubehör eines Wöchnerinnenzimmers. Ein Stück schlechte Leinwand war vor das eine Fenster getan worden, damit die Sonne keinen Zugang zu dem frühverblühten und verhärmten Frauenangesicht finde, das müde und bleich auf buntgestreiften Kissen lag. Neben dem Bette stand ein Kinderwägelein, und darüber beugte sich Herr Johannes Sommermeyer und vergaß im seligen Anschauen des Neugeborenen alles, was die kleine Wohnung noch unwirtlicher erscheinen ließ, als sie sonst schon war.

»Es ist ein schönes Kind, Johanne«, begann er endlich, nachdem er sich am Anblicke des kleinen Wunders genugsam ersättigt hatte, um auch Worte für sein Glück finden zu können. »Es hat lange auf sich warten lassen; aber es ist ein schönes Kind und hat braune Augen. Und ich denke, wir geben ihm einen recht ansehnlichen Namen, der auch dann noch paßt, wenn es zu etwas gekommen ist in der Welt. Glaubst du nicht auch, Johanne?«

»Das stünde ihm wohl an, aber man könnte es uns leicht wie Hoffart auslegen«, flüsterte das blasse Weib.

»Du solltest vielleicht doch lieber nicht sprechen, Johanne«, unterbrach sie der Mann. »Auch brauchen ja gerade armer Leute Kinder einen mächtigen Fürsprech im Himmel. Wir wollen ihn Andreas taufen. Das ist ein gar vornehmer Heiliger gewesen; man hat selbst Könige nach ihm genannt, und sogar unser Herr Bürgermeister heißt so. Am Ende, wenn ich ihn nämlich recht bitte, steht er mir vielleicht zu Pate; er kann mich wohl leiden und hat erst gestern meine saubere Handschrift über die Maßen gelobt. Glaubst du nicht auch, er tut's, Johanne?«

»Du dienst ihm lange genug, daß du dir eine Freude bei ihm verdient haben könntest«, entgegnete sein Weib.

»Sie redet mir schon wieder«, seufzte der Schreiber bekümmert. »Du solltest es doch lieber lassen; schon dem Kleinen zuliebe. Der soll mir was Rechtes werden! Wir werden ihn zum Studium geben, und müßten wir's uns abknappen - ich weiß freilich nicht, wo. Aber wenn er brav ist und der Herr Bürgermeister will sich seiner annehmen, dann kann er's schon vorwärtsbringen. Freilich, geistlich darf er mir nicht werden. Sonst könnte er ja nicht heiraten - und das soll er doch, was, Johanne?«

»Das auch sonst nicht, soviel an mir liegt. Man spricht nicht gar zu gut von ihnen«, entschied die junge Mutter.

Herr Sommermeyer sah sich ängstlich um. »Red nichts, davon schon gar nichts. Aber er darf uns auch nicht Arzt werden. Wir haben nur zu oft ein großes Sterben im Lande. Er soll ein Rechtsgelehrter sein. Und wenn er es dann recht hoch gebracht hat und ich bin sein Schreiber - und er ist ein gutes Kind und wird mich nicht hart anlassen, wenn ich etwas nicht so mache, wie ich sollte - und die Leute ziehen auf der Gasse den Hut vor ihm, dann wollen wir Gott lobpreisen und alles vergessen, was in unserem Leben nicht just so war, wie es sein gesollt hätte. Gelt, Johanne?«

»Vielleicht nimmt er uns gar zu sich. Warum sollst du dich dein Leben lang plagen müssen?« meinte die mutigere Frau.

»Daß die Weiber einmal nicht schweigen können! Oder nicht doch wenigstens klüger reden! Als ob das nur so ginge! Er wird doch ein Weib nehmen, und ein reiches und schönes noch dazu. Paßten wir ihm denn nachher noch? Das geht durchaus nicht, das mußt du ja einsehen. Oder begreifst du nicht einmal das, Johanne?«

»Wir wollen's nehmen, wie Gott es schickt«, hauchte sie. Beide versanken in Betrachtung. Und während sie so angesichts der Wiege träumten, da drang ein behender Sonnenstrahl durch einen Riß des Vorhanges. Etwas wie Licht kam mit ihm in die Armseligkeit des engen Raumes – ihnen beiden aber wurde, als weiteten sich die engen Mauern und eine Zukunft voll Glanz bräche herein für sie, zumeist aber für dieses Kind ihres Alters ...

An einem stillen Spätsommertage, an dem die Blätter so leise und sacht durch die unbewegte Luft herniederfielen, als sehnten sie sich, alles Grünens und Blühens müde, nach der endlichen Winterruhe, führte Herr Andreas Aestuarius Ungenaue Latinisierung von Sommermeyer. das Weib seines Herzens in das Heim, das er sich und ihr zubereitet hatte. Es lag nahe dem Marktplatze der ansehnlichen Stadt, zu deren Richter er kaum ernannt worden war. Von ihren Fenstern aus konnten die Jungvermählten die Burg des Landesherrn sehen, sie hatten die Leute vor Augen, die zur Kirche gingen, und alles war geräumig und wohlbestellt. Während er aber Frau Reginen mit Stolz durch die Gemächer geleitete, die wohl wert waren, der Tochter eines adeligen Geschlechtes zum dauernden Aufenthalte zu dienen, schwellte ein starkes Gefühl der Selbstzufriedenheit seine Brust, und ihm wurde, als wäre das dumpfe Leid seiner Knabenjahre ganz und für immer versunken. Verweht die Entbehrungen, die der Sohn der armen Schreibersleute auf der lateinischen Schule bei den Patres Jesuiten durchgemacht, wo die Eltern – sie bedeckte der Boden, sie waren ihm weggestorben so still und rasch, fast als dürfe nichts übrigbleiben, was ihn der traurigen Vergangenheit und jener Kreise gemahne, aus denen er aufgestiegen – auf den Zehen umgeschlichen waren, um ihn nicht zu stören, während er über den Büchern saß; die Sorgen auf den hohen Schulen von Wien – deren Glanz damals durch die Gärung der Zeiten allerdings arg gemindert war – und von Ingolstadt. Ein Zeichen seiner Siege war ihm das Weib, dessen Hand man ihm so lange verweigert. Bei einer Schulkomödie, wie die ehrwürdigen Väter den Bürgern der Stadt alljährlich eine von den besten Schülern vorspielen ließen, hatte er das Herz Reginens von Paumann gewonnen. Sie war ihm getreu geblieben, sie hatte jenen Eid gehalten, den sie ihm in der Abschiedsstunde unter den heimlichen Bäumen in ihrem elterlichen Garten geleistet, während er sie umschlang und zum ersten und für lange Zeit auch zum letzten Male ihre Lippen küßte. Kein Widerspruch des Vaters, nicht die heimlichen Quälereien der Verwandten vermochten etwas über sie; sie blieb fest dabei, sich dem Himmel zu verloben, wenn sie dem Manne ihrer Wahl nicht angehören könne. Nun war sie die Seine. Ingolstadt hatte ihn mit dem Doktorhute des gemeinen wie des heiligen Rechtes geschmückt; sein Wollen und sein nimmermüdes Streben, die Fürsprache seiner Lehrer, die ihm immer gewogen geblieben waren, nicht zuletzt aber auch das geheime Fürwort seines Paten, des Vaters Reginens, hatten ihn in raschem Fluge emporgehoben, und die Verlobte hatte er – so meinte er mindestens, und auch sie war seines Glaubens – ungewandelt wiedergefunden. Nun mochten sie glücklich werden.

Sie wurden es auch, soweit das Menschen irgend möglich ist. Ein feines, anmutiges Mädchen war ihnen bald beschieden, das freilich das einzige Kind blieb. Er wollte es Regina genannt wissen, sie bestand auf Maria, der Himmelskönigin zu Ehren. Sie einigten sich auf Maria Regina. Und wenn sein Weib fortab noch eifriger, noch inbrünstiger zur Herrin der Himmelsscharen rief, als sie es schon früher gepflegt, dann lächelte Herr Aestuarius, so selten er das sonst tun mochte, weil es einem Richter nicht recht ansteht. Das Gebet konnte ja auch seinem Töchterlein gelten. Er teilte nämlich die schwärmerische Frömmigkeit seiner Gattin keineswegs, wenn er gleich verstand, wie sie in der jahrelangen Vereinsamung, in der steten Sorge um ihn und um ihr Glück groß und fast übermächtig in der Seele Reginens geworden war. Dawider konnte er auch nichts haben; es schmeichelte ihm sogar, daß man seinetwillen die Fürbitte aller Himmlischen angerufen, und der andächtige Geruch, in dem sein Weib stand, konnte ihm bei den Mächtigen im Lande nur förderlich sein. Zu der Erkenntnis aber, daß sie denn doch nicht so ganz sein eigen wäre, solange ihnen beiden ein Tiefstes, Heiligstes nicht gemeinsam sei, zu der Erkenntnis erschwang sich Andreas Aestuarius nicht; und wenn er, der Amtspflichten ledig, daheim saß und etwa von dem berichtete, was ihm der Tag gebracht, und Frau Regina hörte ihm ernst und sinnend zu – sie sprach nämlich selten und nie ungefragt –, während sich die Kleine enge und schmeichlerisch an ihn schmiegte, dann glaubte er manches Jahr hindurch, ihm bleibe nichts mehr zu wünschen.

Das Kind erwuchs und blieb hold. Es war blond und sehr zart von Gliedern, dabei von aufmerkender Klugheit und am liebsten still für sich oder beim Vater, an dem es sehr hing. Auch Aestuarius liebte die Kleine zärtlich; freilich entwuchs sie ihm gemach, konnte ihm nicht mehr das Spielzeug, das allerliebste Püppchen bleiben, das sie ihm in ihrer ersten Jugend gewesen, während sie doch wieder noch nicht alt genug war, um seiner zur Pflege und Entwicklung ihres Geistes zu bedürfen. Zudem blieb sie die einzige; mit der Hoffnung, sich jemals eines Sohnes zu erfreuen, schwand dem Manne ein Teil der Freude am Besitze seines Weibes, selbst des Ansehens und der Würden, die er sich hart genug errungen. Es gab niemanden, der seinen Namen zu höheren Ehren bringen, der auf halbgebahnten Wegen größeren Zielen zuschreiten konnte. Seine eigene Laufbahn aber war zu Ende. Noch lebte die Kraft, die ihn so vieles erreichen lassen, in ihm; aber wozu sie gebrauchen? Das wußte er nicht mehr. Und das ist ein übel Ding; gefährlich ist dies tastende Suchen nach neuen Aufgaben, wie eine mitternächtige Wanderung auf ungebahnten Steigen. Er litt darunter, und alle, die ihm nahestanden, mit ihm. Häufig machte er seinem Groll Luft in heftigen Worten. Sein Weib ertrug sie schweigend. Dann kamen wieder Tage, wo er erkannte, wie ungerecht gegen sein Geschick er sei. So wurden seine Stimmungen schwankend und fast unberechenbar, wenngleich er gegen sie nie zornig oder verletzend wurde. Sie aber suchte ihren Trost im Glauben, wenn er ihr einmal weh getan; und in jener Frömmigkeit, die ihr in den schlimmen Tagen der Vergangenheit, in den Trübungen einer sonst durchaus glücklichen Ehe die einzige Stütze gewesen, erzog sie auch ihr Kind. Und wenn Aestuarius sonntags nicht zur Kirche gehen wollte, weil ihm der Zwang dazu unerträglich war, wenn er sich über das Späherwesen der Stadt, in der niemand dem Nachbar trauen durfte, erbittert ausließ, dann schickte sie Maria Regina um ihn. Sah er sie in ihrem hübschen Staat an der Schwelle, licht und zierlich, dann verschwand sein Unmut. Und wenn sie dann selig an seiner Seite trippelte, sich umsah, ob man ihr kleines Figürchen auch beachte, und alles grüßte und neigte sich vor ihnen, dann wurde er ganz fröhlich.

Bei einem solchen Kirchgange nun ereignete sich etwas, das dem ganzen Orte schon damals viel zu reden gab und das in der Folge ganz besonders für Herrn Aestuarius und sein Haus wichtig werden sollte. Während nämlich die Glocken langsam und feierlich ausschwingend ihren Sang beendeten, während sich die Andächtigen, nachdem sie der Sorge um das Heil ihrer Seelen genügt, noch ein wenig lustwandelnd auf dem Platze vor dem Dome ergingen, sprang ein befremdlich aussehender Mann – er war hager, bleich und trug das Haar ganz kurz geschoren – auf das Fußgestell einer Mariensäule, die sich dort erhebt, und begann mit starker Stimme angesichts der Menge eine Rede. Fast augenblicklich verlief sich das Volk, sei es nun im Glauben, für einen Sonntag sei es an einer Predigt genug, sei es durch das Verfängliche des Gegenstands vertrieben; denn der Prädikant sprach voll Eifer über die Verderbnis der Christenheit und der römischen Kirche. Es störte ihn nicht, daß er keine anderen Zuhörer hatte als die Magd des Stadtrichters – sie hieß Ursula und war wohl stark im Glauben, aber nicht an Verstand – und einen Büttel namens Matthias, der ihn seinen Sermon ruhig beenden ließ, dabei aber doch seine Augen spähend nach jedem Fenster gehen ließ, das offenstand und hinter dem er Horchende vermutete. Als der Fremde aber endlich fertig war und sich zum Gehen anschicken wollte, da griff ihn der Matthias, küßte ihm, wie er's Geistlichen gegenüber gewohnt war, die Hand und sagte, während Ursula immer noch andächtig und ganz verzückt dastand: »Verlaub, Hochwürden! Ich habe Euch ausreden lassen, weil Ihr auch eine Freude haben wolltet und weil Ihr kaum mehr so bald dazu kommen werdet. Aber jetzt müßt Ihr mit mir, denn mir scheint, Ihr habet nicht gar katholisch gesprochen.« Und nachdem er so seiner Pflicht wie seinem guten Herzen Genüge getan, das jedem das Beste gönnte und ihn antrieb, sich selbst nach der scharfen Frage bei den Delinquenten zu entschuldigen, daß er ihnen einige Schmerzen bereitet, übergab er seinen Fang dem Kerker und ging hin, Herrn Aestuarius gebührlich von der wunderlichen Begebenheit Meldung zu tun.

Es war das erstemal während seiner Amtstätigkeit, daß der Stadtrichter sich gezwungen fand, den weltlichen Arm einem gegenüber anzuwenden, der verpönte Glaubensmeinungen verkündigte. Zur Zeit der großen Austreibung der Protestanten war er noch ferne der Heimat gewesen; seither hielten sich die, welche im Herzen vielleicht noch der neuen Lehre anhingen, ganz still und vermieden ängstlich alles, was nur irgend die Augen der Herrschenden auf sie lenken konnte. So war Andreas Aestuarius denn recht eigentlich begierig, einen jener Schwarmgeister kennenzulernen, die in so vielen Ländern Verwirrung und Umsturz gestiftet hatten. Dabei empfand er doch wieder ein gewisses Mitleiden mit dem Manne, dem ohne allen Zweifel ein hartes Los bevorstand, und sprach beide Gefühle, die ihn bewegten, seinem Weibe gegenüber offen aus. Sie sah ihn nicht ohne Erstaunen an, denn er pflegte nur selten seine weicheren Regungen zu äußern; dann ließ sie die kleine Maria Regina ihre Tischgebetlein zu Ende sagen, schlang ihren Arm ganz unvermittelt um ihren Gatten und flüsterte: »Du bist gut.« Und so blieben denn die drei geraume Weile ganz stumm beisammen, sie hart neben ihm, das Kind zwischen beiden und alle ganz glücklich, ohne daß sie doch wußten, warum. Vielleicht war es bloß die Aussicht, daß dieses Ereignis weitverzweigte Wurzeln haben könne, was die Stimmung des Rechtsgelehrten so sehr erhöhte und dadurch allen einen friedenvollen Sonntag bereitete. Dann war ihm nämlich eine wechselvolle und seines Scharfsinnes würdige Tätigkeit für lange Zeit, im Falle eines Erfolges seiner Mühen sogar eine sichtbare Anerkennung dafür sicher.

Noch am gleichen Tage schlug er alle Verordnungen nach, die für solche Vergehungen galten. Sie waren sehr klar, aber auch sehr strenge, und er wurde fast zornig über den Verblendeten, der um ein ganz aussichtsloses Unternehmen das Leben aufs Spiel setzte; denn es konnte geschehen, daß er dafür am Brandpfahle endigen mußte. Aber eine starke Neugierde ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Welche Beweggründe hatten den Prädikanten nur hieher, in ein Land, das für seine Glaubensgenossen so ungastlich war wie kein anderes deutscher Zunge, in die Stadt, unmittelbar unter die Augen eines eifervollen und gläubigen Herrn geführt, wo man seiner nicht einmal schonen konnte, wenn man's auch gewollt? Und so ließ er sich denn den Gefangenen schon am Montag vorführen.

Es mißfiel ihm sehr, daß sich der Prädikant jedes Zeichens der Ehrerbietung vor seinem Richter enthielt. Er war gewohnt, daß die Angeklagten ihm demütig nahten; dieser aber stand ihm aufrecht gegenüber und sah ihm voll und ruhig ins Gesicht. So begann er denn sein Verhör schärfer, als er es selbst beabsichtigt: »Du heißest? Was und woher bist du?«

»Osias Olearius. Ich bin Diener am Worte und ein Genfer.«

»Und was trieb dich hieher?«

»Meine Pflicht und der Ruf Gottes.«

»Sprich deutlicher. Hofftest du Seelen zu gewinnen für das, was du den rechten Glauben nennst? Oder wolltest du die Leute aufwiegeln gegen ihren Herrn?«

»Beides.«

»Du sprichst dich um den Hals, Olearius!« rief der Richter entsetzt.

»Und wenn? Es ist besser, ich sterbe, als daß ich den Jammer und das Elend der Gerechten länger mit ansehe. Ich bin durch das Land gezogen, und ich sah die Gezelte der Bedränger erhöht und die Hütten der Frommen erniedrigt. Ich sah, wie sie sich verbergen mußten und an die Diener ihrer Verfolger schimpflichen Zoll zahlen, damit man sie ihre Andacht auch nur im geheimen verrichten lasse. Mein Herz empörte sich darob; der Zorn Gottes sprach in mir; und darum lenkte ich meine Schritte her, Anklage zu erheben, wie es einst Moses vor Pharao getan.«

»Es leben also noch Ketzer im Lande?« rief Herr Aestuarius erfreut. »Wo sind sie?«

»Frage deine Schergen, die mit ihrer Duldung Wucher treiben. Mein Mund bleibt stumm.«

Der Stadtrichter ergrimmte: »Und wenn ich dich peinlich befragen lasse?«

»Das ist mir nichts Fremdes mehr.«

»Du hast also schon Ungemach erlitten um deinen Glauben?«

»Vieles und großes! Sie haben mich in Paris verstümmelt; sieh her« – er wies nach seinem Haupte, dem die Ohren fehlten –, »in London haben sie mich gestäupt. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich am Schandpfahl Psalmen gesungen, wie oft sie mich zum Holzstoß verdammten. Immer hat mich mein Richter und Erlöser errettet; ist es sein heiliger Wille, dann wird er auch diesmal meine Füße befreien aus den Schlingen, in die sie die Bösen verstrickten.«

Er sprach tonlos, gelassen, wie man das Gleichgültigste berichtet. Herr Aestuarius erschauderte. Ihm schien, als wüchse die Gestalt vor ihm ins Riesenhafte mit den Leiden, die sie um eines Gedankens willen auf sich genommen. Und wie in einem letzten Versuche, die Wünsche des Mannes von dem Überirdischen, dem allein sie noch anzugehören schienen, wieder der Erde zuzulenken, sprach er milde: »Und hattest du niemanden, der dir lieb war? an dem dein Herz hing? dem du leben wolltest und der dich hielt?«

Ein leises Flüstern kam zurück: »Ich habe ein Weib und fünf Kinder. Und ich weiß nicht, ob sie noch leben. Aber sie waren mir teurer als das Licht meiner Augen.«

»Und du hast sie dennoch verlassen?«

»Ich mußte!« Die Stimme des Prädikanten sank zum geheimnisvollsten Raunen herab. »Ich, mußte, denn der Herr hat mich gerufen. In der stärksten Stimme meines Innern sprach er zu mir. Ich hörte sie abends, wenn ich über seinem Worte saß und sann; denn darüber habe ich geforscht Tag und Nacht, wie er es gewollt und geboten hat. Sie erklang mir am Tage, wenn ich bei denen saß, denen meine Seele angehört. Sie wollte nicht verstummen, sooft ich auch betete: ›Herr! Nicht mich schicke, sende einen andern.‹ Und da zerriß ich, was mich hielt, wie Simson flächserne Stricke. Da ging ich hin und nahm das Kreuz auf mich, das Er seit Ewigkeiten für mich vorherbestimmt: denn Er allein weiß, was Ihm und Seinem Reiche frommen kann.«

»Und woher wußtest du, daß es keine trügerische Verlockung war? Daß wirklich der Herr selbst zu dir geredet?«

»Du wirst es erkennen, wie es jeder erkannt, dem es einmal in der Seele gesprochen.«

»Ich? ...« Herr Aestuarius sprang auf.

»Du!« Der Prädikant richtete sich voll auf, und der Richter sah nun erst, wie groß er von Gestalt sei und wie gebietend die Gluten seiner Augen loderten. »Du! Denn die Stimme in mir schreit, und ich weiß es: Du bist erlesen.«

»Du bist ein Tor, und du könntest auch andere anstecken mit deiner Narrheit!« antwortete der Richter mühsam, nachdem er seine Fassung wiedergewonnen.

»Du höhnst – aber deine Lippen zucken dabei, wie dein Herz erzittert. Du hast Augen, und du siehst, wie sie in Üppigkeit prunken, die das reine Wort verkündigen sollten; siehst Unwürdige erhöhen, die Frommen gedrückt. Du hast Ohren – du wirst sie nicht mehr dem Angstschrei der Gequälten verschließen können, nun ich ihn einmal vor dich hingetragen habe. Du bist Richter – wie darfst du nach Unrecht richten?«

Ein letzter Zorn flammte in Aestuarius auf: »Wer zwingt mich, dein Gerede anzuhören?«

»Gott, seine Wahrheit und deine Erkenntnis, daß du für Besseres bestimmt bist, als nun dein Los ist.«

»Und was gäbe es Besseres als mein Geschick?«

»Du wirst es erkennen«, entgegnete der Prädikant.

»Es ist genug!« Der Richter rief dem Matthias. Er war sehr blaß dabei, daß es selbst dem Büttel auffiel. Und so endete das erste Verhör, das er mit Osias Olearius angestellt.

In heftiger Gemütsbewegung kam Andreas Aestuarius heim und konnte sich doch nicht Rechenschaft darüber geben, was ihn eigentlich so sehr ergriffen. Sein Töchterlein kam ihm entgegengelaufen; er hob es zu sich empor, drückte es heftiger an sich, war wärmer und zärtlicher gegen sein Weib als schon seit langem. Mit leuchtenden Augen sah er sich in den behaglichen Räumen um, die sein Glück bewahrten; die behagliche Stille im Hause tat ihm wohl, fast als rege sich ein Mahnen in ihm, auch ihm könne das alles verlorengehen, wie es sein Gefangener dahingegeben. Er sprach viel von ihm, von jener sonderbaren Unterredung, die er mit ihm gehabt, wie wenn er sich diese merkwürdige Gestalt klarer machen müßte. Aber seiner Weissagung erwähnte er nicht; wenn er sich ihrer erinnerte, dann kam ihm ein Bangen, wie es jeden überfällt, dem ein düsteres Prophetenwort Einblick in eine trauervolle Zukunft gegeben. Schon der Gedanke daran, die Besorgnis, es könne vielleicht doch in Erfüllung gehen, lähmt und beengt.

Immerhin, und das tröstete den Stadtrichter wieder, war es ja in seine Hand gelegt, dem ganzen Handel ein rasches Ende zu bereiten. Das Urteil, das er über Olearius zu sprechen hatte, war klar: auf dem, was der gewollt, stand der Tod. Kein Zweifel, daß er ohne alle Gnade über ihn verhängt würde, sowie erst ein rechtsgültiger Spruch dem Landesherrn unterbreitet war. Schon fühlte er dunkel, daß ihm dieser Mann zum Verhängnisse werden könne, und mochte sich dennoch nicht entschließen, ihn seinem Verhängnisse zuzuführen. Auch sein Selbstbewußtsein sperrte sich dagegen; er erkannte gut, wie Richter und Angeklagter einander bei jener ersten Begegnung eigentlich in ganz umgekehrter Rolle gegenübergestanden wären, als es von Rechts wegen hätte sein sollen. Das demütigte ihn; diese allererste Niederlage seines Lebens wollte er wettmachen. Und so beschloß er denn, alles daranzusetzen, diese Scharte auszutilgen.

Das gelang ihm nicht. Mit jedem Male sah er klar und klarer, wie keine Gewalt der Erde etwas über den Prädikanten vermöge; keine Drohung, keine Gefahr hatten ein Schrecknis für ihn. Und das erzwingt Achtung. Dem Weltkind, das nur nach Geltung in der Welt gestrebt, trat hier ein Mensch entgegen, dem alle Reiche und alle Herrlichkeiten dieser Erde nichts galten neben dem Reiche Gottes, in dessen Dienst er sich gestellt. Das mußte er bestaunen. Eine große, tiefe Überzeugung lernte er hier kennen; sie riß ihn allmählich mit. Denn ein Gedanke mag sich neben dem andern behaupten; wer aber schwankend von Grundsätzen ist, nicht etwa ganz ohne sie, der wird sich der Macht eines freudigen Glaubens schwer entziehen können.

Zu alledem war der Prädikant kein roher Eiferer. Nur an den argen Schäden, die er allenthalben in Stadt und Land, in Kirche und Amtsstube gewahrte, entzündete sich die Glut seiner Worte, und Aestuarius war Menschenkenner genug, um sich ihn so denken zu können, wie er seiner eigenen Schilderung nach einmal gewesen sein wollte: als stillen Gesellen, der nur den Forschungen lebte, die ihm wichtig erschienen, dem kleinen Kreise, der ihm das Beste der Welt bedeutete. Wie gewaltig mußte also das sein, was ihn so aufgerüttelt und verwandelt hatte! Die Wirkung seiner Beredsamkeit erhöhte der dunkle biblische Stil, in dem er sich, wie alle seine Amtsbrüder, gefiel. Prophetensprüche flossen von seinen Lippen, und er selbst glich einem Seher. Herr Aestuarius fühlte bald, wie er vom Banne des Unheimlichen mehr und mehr umfangen wurde; sich gewaltsam davon zu befreien war ihm schon sehr bald unmöglich. Er hatte das versucht, hatte begonnen, das Urteil über Olearius auszufertigen. Kaum daß er die üblichen Eingangsformeln niedergeschrieben, schob er es wieder von sich: starb dieser Mann, ehe es klar zwischen ihnen geworden, dann mußte ihn der Schatten des Toten verfolgen, dann – er machte sich selbst kein Hehl mehr daraus – war der Lebende seinem Zauber für ewiglich verfallen.

Nur noch ein Mittel, sich davon loszureißen, sah der Richter: er mußte das geheimnisvolle Buch, aus dem jener, den er haßte und an dem er doch wieder hing, wie es jedem mit Menschen ergeht, die einen von tiefgewurzelten Meinungen loslösen wollen, seine Erkenntnis schöpfte, mußte das Wort Gottes besitzen, um dessen Unkenntnis ihn der Diener am Worte so hart und oft gescholten. Wie er es aber erlangen könne, das wußte er nicht. Oftmals sann er darüber nach, und da kam es ihm einmal, daß der Prädikant ihm vorgeworfen: die Büttel der Gerechtigkeit bereicherten sich an den Abgaben, die sie den Bekennern des reinen Glaubens dafür abpreßten, daß man sie im Lande dulde. Verhielt sich das so, dann mußte Matthias darum wissen. Er ließ ihn vor sich rufen und erkannte bald, daß Olearius wahr gesprochen. Denn anfangs sah der Fronvogt seinen Gebieter mißtrauisch an und brummte mürrisch: noch hätte kein Richter einen Anteil an diesem seinem Gewinne begehrt. Da war Andreas Aestuarius in jähen Zorn geraten. »Auch ich verlang nichts von solchem Sündengeld!« rief er. »Aber eine ihrer Bibeln muß ich haben.« Da seufzte Matthias halb kläglich und halb erleichtert und meinte, das wäre ein saures Stück Arbeit, weil die Art Menschen sehr an dem Buche hänge. Aber noch vor Abend brachte er es, und als ihn sein Gebieter fragte, wie es ihm denn dabei ergangen, da zuckte er die Achseln. »Es war ein harter Weg. Sie sind arme Leute, und sie können nicht viel zahlen. Aber sie haben's arg genug getrieben. Sie haben geweint und geschrien und wollten sich mit Geld loskaufen. Das ist denn nun diesmal nicht gegangen; aber sie haben mich erbarmt, und sie sollen eine gute Weile Ruhe haben vor mir.«

Es war ein altes Buch, das der Matthias vor seinen Meister niedergelegt, und der Stadtrichter stand lange und in ernsthaftem Sinnen davor. Mit Drohungen war es denen abgezwungen worden, die eigentlich auch nicht das Recht hatten, es zu besitzen; es hatte armem Volke zugehört, das dennoch einen Teil seiner Habe hingeben wollte, nur um es weiter behalten zu dürfen. Es mußte eine große Gewalt darin beschlossen sein, würdig dessen, der es den Menschen gegeben. Wie wunderlich – niemand bestritt seinen göttlichen Ursprung: wie durfte man also den verfolgen, der darin forschte? Und er hatte selber dazu geholfen – wie konnte er das? Herr Aestuarius verstand das in diesem Augenblicke kaum mehr ...

Es war ein altes Buch. Sein Einband war abgegriffen, an den Kanten war das Leder abgewetzt, daß das Holz des Deckels durchsah; die Spangen, welche es zusammenhalten sollten, schlössen nicht mehr. Er schlug es zögernd auf, als fürchte er die Geister, die darin schlummerten. Auf dem ersten Blatte stand der Name eines Besitzers: Marin Frohnleitner, Hübner Hofbesitzer von Peggau, hatte eine ungeübte Hand in ungeschlachten Zügen hingezeichnet. Er kannte die Peggauer Bauern fast alle, denn sie waren Streithänse, und sie gaben ihm viel zu tun. Er wußte keinen darunter, der sich so nannte. Wo waren die Sprossen dieses Stammes sämtlich hingekommen? Waren sie ausgetrieben worden, weil sie zu arm waren, sich Duldung zu erkaufen? Oder weil sie zu trotzig gewesen, ihren Glauben öffentlich abzuschwören, um ihn insgeheim weiter zu üben? Wo irrten sie jetzt, heimatferne und im Elend? Ein stilles Grauen befiel ihn bei diesen Fragen.

Es war ein altes Buch. Seine Blätter waren stark zerlesen, das Papier war vergilbt, und dennoch sah er manches Mal einen rundlichen Flecken inmitten der Zeilen: das Zeichen von Tränen, die man darauf geweint. Geschlechter nach Geschlechtern mochten Trost und Erhebung darin gesucht und gefunden haben. Häufig begegnete ihm die Spur von Nadelstichen; man hatte es wohl oft nach Losungsworten für die Zukunft befragt. Was wollte es wohl ihm bringen und verkünden, der endlich mit klopfendem Herzen darin zu lesen begann?

Es war ganz dunkel geworden, und sein Weib stellte ein Licht auf seinen Tisch hin. Er sah nicht auf und erwiderte kaum ihren Gruß. Die Zeit zum Abendbrot kam; er dachte nicht daran. Sein Kind erschien, ihm den Gutenachtkuß zu bringen; er winkte nur ungeduldig ab und beachtete nicht, daß sich ein rosiges Mündchen weinerlich und schmollend verzog, wie langsam die trippelnden Schrittchen sich der Tür zuwendeten. Das Licht verglomm; in atemloser Hast entzündete er ein neues und kehrte wieder zu seinem Buche zurück. Die ganze Nacht saß er darüber, und ein Fieber trieb ihn von Blatt zu Blatt. Und allenthalben ersah er nur eine Gestalt; er kannte den gottergebenen Hiob, die Eiferer Jesaias und Samuel – sie trugen ihm alle dieselben Züge: die des Prädikanten. Ihm mußten sie geglichen haben, die voll heiliger Strenge die Reinheit des alten Bundes überwacht; ihm aber auch, die dann den Lehren des Welterlösers gelauscht und hingegangen waren, die mildere Botschaft des Heils allen Völkern zu verkünden. Von rätselhafter Faust fühlte er sein Tiefstes erfaßt, sich wechselnd erhoben und zernichtet. Jede dunkle Drohung gegen die, welche Bilder anbeten und ihre Knie vor den Baalim Heidengötter. beugen, bezog er auf sich und sein Haus, sein Weib und sein Kind. Jede Stelle, deren Sinn ihm unverständlich war, behielt er, damit sie der einzige, der darum Bescheid wissen mußte, auslege.

Es wurde licht, und er mußte zu Amte. Er erkannte selbst, daß er jenes Tages ein schlechter Richter war; heftig und achtlos auf das, darum es sich handelte. Er ersehnte die Stunde, in der er sich werde Olearius vorführen lassen können. Sie kam endlich, und der zu Gerichte hätte sitzen sollen, der war ein stiller, demütiger Schüler geworden, der unverwandt an den Lippen seines Meisters hing, jeder Deutung folgte und alles zu behalten versuchte, was ihm der vortrug. Und in jenen Stunden ist Andreas Aestuarius dem Banne des Calviners ganz und für immer verfallen. Noch rangen Zweifel in ihm; sie verstummten, und die neue Erkenntnis zerschnitt Messern gleich sein Innerstes. Aber als er endlich, gepeinigt von dem Gedanken, daß er ein ganzes Leben lang dem Falschen gedient haben sollte, dem immer stärker in ihm aufbrechenden Bewußtsein, wie alles um ihn schwanke und zu versinken drohe, aus der Angst seiner Seele aufschrie: »Du heißest dich einen Mann Gottes was suchst du mich dann heim mit Bitternissen und machst mein Herz erbangen?«, da lächelte der Prädikant traurig: »Nicht den Frieden bringe ich, sondern das Schwert. Durch die Schauer des Todes allein kannst du zur Wiedergeburt eingehen. Das lerne begreifen, Aestuarius!« Und sonderbar widersprachen einander der unbarmherzige Sinn der Worte und die Milde; mit welcher der Mann redete.

Ein finsterer Geist der Verstörung durchzog das Haus des Stadtrichters. Alle empfanden ihn und sein unheimliches Schreiten. Frau Regina erkannte leidenvoll, wie sich das Gemüt ihres Gatten mehr und mehr von ihr abwendete. Die kleinen Künste, die sie als ehrbare Frau nützen konnte, ihn zu sich zurückzuführen, verfingen nicht mehr. Sie wagte kaum mehr zu beten, wenn sie ihn nahe wußte; er sah sie dann immer mit so fremden, fast feindseligen Blicken an, daß sie erschrak, und das Geheimnisvolle der Gründe jener Wandlung peinigte sie. Maria Regina begann sich allgemach vor dem Vater zu fürchten. Sie hatte, wie das oft bei Mädchen geschieht, mehr an ihm als an der Mutter gehangen. Nun fand sie ihre harmlosen Zärtlichkeiten zurückgewiesen; ihre Gegenwart, sonst immer erwünscht, war nun häufig unwillkommen. Einmal drängte sie ihr Köpfchen schweigend an seine Knie, während er über jenem Buche saß, das ihn so sehr fesselte. Er schob sie von sich, unsanft, finster, ohne ihr auch nur das linde, blonde Haar zu streicheln. Da überkam sie ein Schluchzen; er aber fuhr so in jähem Zorne auf, daß sie verstummte, daß sie, die großen, ängstlichen, kummervoll fragenden Augen unverwandt auf ihn gerichtet, rücklings gehend die Stube verließ und nicht eher zu weinen wagte, als bis sie an der Brust ihrer Mutter lag. Die seufzte tief: »Wir wollen beten, Kind! Vielleicht erhört dich, der das Flehen der Waisen vernimmt.« Und während der Kleinen – seltsam genug – nichts beifiel als ein kurzes Sprüchlein, das sie in ihrer ersten Kinderzeit gelernt, und sie es, oft von Tränen dabei unterbrochen, herstammelte, tat die Frau, die sie geboren, die höchsten Gelübde zu allen Heiligen, wenn sie nur das Unwetter, das so drohend über ihrem späten Glücke aufgestiegen war, vorüberbrausen lassen wollten, ehe alles zernichtet und zugrunde gegangen sei. Nur Herr Aestuarius selbst sah den Dämon nicht, der sich in seinem Heim eingenistet, dessen Flügel wie die Fittiche eines ungeheuren Raben alles verdüsterten, was licht gewesen. Tagsüber hielten ihn die Aufgaben seines Amtes, das ihn gerade damals sehr in Anspruch nahm. Denn die Kunde von fernen Kriegsereignissen durchlief die Welt, unruhiger bewegten sich die Geister, verlaufenes Volk zeigte sich im Lande und übte Gewalttat, die Bekenner der neuen Lehre erhoben trotziger die Häupter, nun der Erzherzog, durch größere Aufgaben ferngehalten, nicht mehr bedrohlich in ihrer unmittelbaren Nähe verweilte. Dann, sobald der Richter frei war, horchte der Neubekehrte den Worten seines Meisters. Einsam übersann er sie. Und das finstere Bekenntnis, das jener verkündete, umspann ihn ganz und völlig. Er glaubte fest daran, daß alle Menschen verdammt und verworfen seien durch den Spruch eines Richters, der nach unerforschlichen Gesetzen richtet, dessen unendlicher Gnade allein sie es danken mußten, gab er sie nicht der ewigen wie der zeitlichen Pein dahin. Taten sie Gutes, dann war das sein Werk, und seine Barmherzigkeit allein lieh ihnen die Gabe dazu. Wie durften sie noch Lohn dafür begehren? Übten sie Böses, dann war es ihnen so vorherbestimmt; man durfte urteilen, nicht aburteilen über sie.

Dieser Glaube war auch sein einziger Halt in dem schweren Zwiespalt von Pflichten, in den er geraten. Sein Verhängnis hatte es gewollt, daß sein häusliches Glück dahinschwand, die Achtung mehr und mehr verlorenging, die er sich hart genug errungen. Man munkelte nämlich in der Stadt allerhand über seinen geheimen Verkehr mit dem Prädikanten, klagte ihn ohne Hehl an, daß er das Recht beuge zugunsten der Reformierten. Der Büttel Matthias, der am meisten darum wußte, erlaubte sich manches dreiste Wort, manche unziemliche Vertraulichkeit seinem Gebieter gegenüber, der sich nicht zu helfen wußte, sich an seine Stellung klammerte, weil sie ihm Gelegenheit gab, denen insgeheim beizustehen, mit denen er sich im Glauben eins wußte. Aber auch der letzte Rest von Besonnenheit schwand Andreas Aestuarius so; das ewige Denken, die rastlose Beschäftigung in der Gerichtsstube, dann mit dem Worte Gottes, diese unheimlichen Erwägungen zerrütteten die Klarheit seines Geistes. Jener Ruf, von dem Olearius gesprochen, die Stimme des Höchsten, das Zeichen der Erwählung, wollte nämlich noch immer nicht in ihm erklingen – er war also wohl verloren und verworfen für alle Ewigkeit.

Ein geheimer, feiger Groll gegen sein Geschick fraß an ihm. Und dennoch konnte er nicht mehr umkehren, nur noch größere Opfer mußte er bringen, damit sich sein gestrenger Gott vielleicht doch seiner erbarme. Sein Stolz, sein Ehrgeiz trieben ihn weiter in jener Richtung, die ihm sein Lehrer gewiesen; selbst diesen mußte er zu überbieten trachten, wie er immer der Erste unter seinesgleichen gewesen war. Aber jede Tatkraft für die Gegenwart schwand ihm über dem Sinnen von unerhörten Taten, die er in der Zukunft vollbringen wollte.

Ein Reskript des Hofes kam, das wegen eines Urteils in Sachen des Prädikanten drängte. Er zerknüllte es zornig und schleuderte es von sich. Frau Regina war dabei zugegen. Sie hob es auf, durchlas es und legte es dann abermals vor ihn hin. Die Gefahr, in der sie alle schwebten, die Erkenntnis, in was ihr Mann verstrickt sei, wurden ihr plötzlich offenbar; das lieh dem zagen Weibe Mut, der Schweigsamen Beredsamkeit. Sie sprach ihm herzlich zu. Er horchte ihr, versunken in Brüten. Sie, die wohl fühlte, daß von dieser Stunde alles abhänge, ließ nicht ab, mit Bitten in ihn zu dringen, mahnte ihn dessen, was er den Seinen schulde, der unverbrüchlichen Treue, die sie einander einmal gelobt. Sie hätte die ihre gehalten – er aber ...? Den Vorwurf und seine Berechtigung fühlte er sehr, aber er wurde nur noch grimmiger darüber. Und als sie ihn endlich anflehte, nicht einem Fremden zuliebe seine Nächsten, das Gute, das ihnen vom Herrn geworden, dahinzugehen, ihm errötend die Bilder vergangener Seligkeit heraufbeschwor, da sprang er auf, da wurde er fahl, da ballte sich seine Faust, da schrie er: »Herodias! begehrst du das Haupt des Täufers?«

Frau Regina zuckte zusammen. Dann erhob sie sich und verließ mit ihrem Kinde das Gemach. Sie erkannte nun, daß mindestens sie nicht mehr imstande war, das Geschick ihres Hauses zu wenden. Etwas von der Art des Löwen, der nur einmal zum Sprunge ansetzt, schlief bei allem Anscheine von Milde in ihr. Für ihr ehrliches Wollen war ihr ein unerhörtester Schimpf ins Angesicht geschleudert worden, und die Roheit, die dabei im Wesen ihres Gatten ausgebrochen, hatte sie unsäglich verletzt. Sie begriff nicht, wie sie so urplötzlich in ihm wach geworden; aber Ströme, die sonst still und schön durch die Gefilde schreiten und in ihren Fluten den Himmel widerspiegeln, werden trübe und zornig, wenn die Frühlingsstürme sie aufrühren. Es ist immer das Häßliche, das sonst in den Tiefen der Seele schlief, was in ihren Ungewittern zuerst an ihre Oberfläche kommt.

Am nächsten Tage war der Prädikant verschwunden. Die Stadt verlassen, wie es sein Wille war, hatte er darum doch nicht. Andreas Aestuarius hielt ihn verborgen und bewog ihn zum Bleiben; denn der Genfer wollte sich nach Böhmen wenden, zu dessen König eben ihr Glaubensgenosse, der Pfälzer Friedrich, gewählt worden war. Feinde umdrängten seinen Thron; die Zeit des Wortes schien vorüber, die der Taten gekommen. Aestuarius gedachte sich ihm anzuschließen; vorher aber wollte er noch etwas vollbringen, das ihm nunmehr zumeist am Herzen lag, nachdem er erkennen gemußt, daß ihm ein Martyrium nicht beschieden sei. Er hatte es freilich darauf angelegt, mit den unbedachtesten Reden, aber man wollte einen immer noch angesehenen Mann schonen, um nicht böses Blut zu machen. Mit dem Werke, über dem der weiland Stadtrichter sann, gedachte er selbst sein Vorbild zu übertreffen: er wollte die Seele seines Kindes wider den Willen der Mutter dem Glauben zuführen, den er als den wahren befunden.

Es wurde ihm nicht schwer, Maria Regina wieder an sich zu ziehen. Sie war freilich nicht mehr, wie sie gewesen. Unter den Zwistigkeiten im Elternhause, die sie mitfühlte, die fröstelnd durch ihr warmes und liebegewohntes Herz zogen, litt sie sehr. Sie wagte nicht mehr zu lachen – und wie gerne, wie hell hatte sie's getan! vor dem ewigen Ernste von Vater und Mutter. Sie konnte sich nicht mehr von einem zur anderen wenden, denn sie waren immer getrennt. Nun rief sie der Vater; sie folgte ihm freudig. Vielleicht mußte sie in Hinkunft nicht mehr soviel beten wie jetzt, nicht mehr von Kirche zu Kirche gehen, bis ihr die Füße weh taten; vielleicht legte die Mutter das häßliche schwarze Kleid ab, das ihr so gar nicht gefiel, und sprach nicht mehr von den Freuden derer, die sich allein dem ewigen Leben widmen. Sie wußte, das waren die Nonnen, und sie mochte keine werden. Vielleicht wurde sie die Brücke, über der sich Getrennte wiederfanden; vielleicht kamen die sonnigen, stillen Tage wieder, die ihr nun so ferne, so weltenferne schienen!

Es ist anders gekommen. In der Zeit, die er einsam verbracht, abgeschieden von den Seinen, preisgegeben finsteren Grübeleien, hatte Andreas Aestuarius verlernt, wie man mit einem Kinde betet, spricht, es erzieht. Eine Welt war teilweise in ihm in Trümmer gefallen, eine neue aus der Tiefe gestiegen; ihm war nichtig geworden, was er zuvor heiß begehrt, allein erstrebenswert, was er für nichts geachtet. Und sein Töchterlein sollte geblieben sein wie zuvor? So trug er ihr denn die Lehrsätze des Schweizer Kirchenreinigers vor, wie sein Lehrer sie ihm verkündigt. Er berichtete ihr, sie dürfe nicht mehr zu den Heiligen beten – aber gerade dazu hielt die Mutter sie fast unablässig an. »Auch zur Mutter Gottes nicht?« fragte sie ungläubig und wies auf ein Amulett, das Bild der Gnadenreichen von Mariazell, das sie, seit sie denken konnte, trug. Er entriß es ihr und zertrat es im jähen Grimme, ungeachtet ihrer Bitten. Er schmähte Mönche und Nonnen – sie aber wußte, daß ihre Mutter sie dem Kloster zugedacht, damit sie einmal fürbitten könne für ihre Eltern. Was dem einen heilig, das schalt der andere – wer hatte recht, wenn er den Gegenpart in Ewigkeit verloren hieß? Wohin sollte sie sich kehren? Sie wußte sich keinen Rat; aber sie siechte hin über so unkindlichen Erwägungen. Die Lehre von der Gnadenwahl wollte er ihr begreiflich machen: »Du bist schlecht und verworfen, Maria Regina«, herrschte er ihr zu. »Ich mag es aber nicht sein; ich war ja gut, immer gut!« entgegnete sie. »Du bist es nicht! Denn das Trachten des Menschen ist übel und sein Dichten böse vom Mutterleib an!« rief er zorniger. Da faltete sie die Händlein: »Ich will es gewiß nicht mehr sein, Vater, lieber Vater! Nur tu mir nichts!« Denn der Stadtrichter sah dann so verstört aus, in seinen überwachten Augen, die kaum mehr den Schlaf kannten, lag eine so düstere Glut, daß auch Erwachsene ein Grauen vor ihm überkommen durfte. Und nur die Furcht war es noch, daß Maria Regina ihm klaglos folgte, wenn er rief; nur das Bangen neben der echt weiblichen Scham, Fremden, Mitleidlosen die Zerstörung ihres armen Glückes zu zeigen, was Frau Reginen noch davon abhielt, das Haus ihres Gatten zu verlassen. Aber schon empfanden beide, daß ein Dach zu enge sei, als daß es sie beide länger beschirmen könne, und zumal in Herrn Aestuarius keimte ein tiefer Haß gegen sein Weib. Denn ihr allein rechnete er es zur Schuld, wenn alle seine Bemühungen um das Heil Maria Reginas fruchtlos blieben. Ihm war seine Gattin nicht mehr Herodias; nur noch Jesebel, die ein ganzes Volk verderbt, konnte ihr verglichen werden.

Weil er aber dieser Empfindung nicht Ausdruck zu geben wagte, fraß sie sich desto tiefer in seine Brust ein. Ein letztes, dünnes Band verknüpfte ihn noch mit ihr: die Erinnerung an altbewährte Treue. Das riß bald genug. Denn seine Stellung hatte er niedergelegt, weil er sich dazu gezwungen sah; er wußte, daß sie nur noch vom Gelde seines Weibes lebten, verachtete sich selbst darum und wollte ihr wiederum beweisen, wie wenig diese Abhängigkeit über seine Entschlüsse vermöge. Ein halber Müßiggang, nach angestrengtester Tätigkeit, füllte nun seine Tage aus; da blieb ihm Zeit genug, die finstersten Entschlüsse hin und her zu wälzen im Geiste. Das bleiche Gesichtchen seines Kindes, das ihm ab und zu vorüberhuschte, war ihm ein nagender Vorwurf – durch eine Tat, die zeigen mußte, wie mächtig der neue Glaube in ihm gebiete, wollte er sich von allem befreien, was ihn peinigte, und dann mit dem Prädikanten, der unablässig zur Wanderung drängte und trieb, unter neuen Sternen ein neues Sein beginnen.

So war es wieder einmal dunkel geworden. Herr Aestuarius war heimgekehrt vom Besuche bei dem einzigen Menschen, dessen Umgang er noch ertrug. Verstohlen wie ein Dieb der Nacht war er durch die Straßen geschlichen, damit ihn niemand sähe, damit nicht etwa ein Gruß, den man ihm nicht mehr bot, ihn daran erinnere, wie rasch sich die Geltung in der Welt verloren, die er besessen. Zu Hause hieß ihn niemand willkommen; er betrat sein Gemach, es war kalt darin, und ihn fröstelte sehr. Er ließ kein Licht entzünden, denn seine Augen schmerzten; kein Feuer entfachen, denn die verdrossenen Gesichter der Dienstleute empörten ihn. Er stützte das Haupt in die Hand und starrte mit ohnmächtigem Zorne in die Nacht. Über seine Zukunft sann er nicht, über Vergangenes nachzudenken, hatte er verlernt. Wozu? Schickung und Fügung war alles. Aber Bibelsprüche klangen ihm unablässig im Ohre; er dachte des Elias, der die Propheten des Baal zu Hunderten geschlachtet am Bache Kison; des Moses, der das Goldene Kalb zerschlug, und ihn verlangte sehr, ein Gleiches zu tun. Aus dem Nebengemache aber drang ein fernes Raunen. So leise, so unhörbar es war, so sehr verstörten ihn diese Flüsterlaute. Sie drängten sich in seine Gedanken, sie ließen ihn nicht zur Ruhe kommen, sie bereiteten ihm körperliche Pein. Er wußte, was sich neben ihm begab: vor dem marmornen Marienbildnisse, das er selbst einmal Frau Reginen zum Angebinde gemacht, knieten zu dieser Stunde sein Weib und sein Kind. »Sie beten Götzen an, zermalme sie, Herr!« stöhnte er in seiner Qual. Und plötzlich – er wußte nicht, kam's aus ihm, klang's um ihn – drang wie eine Stimme zu ihm: »Und du leidest es, Andreas?« ...

War das der Ruf?

Eine Tür stieß er auf. Er sah einen langen, schmalen Raum, von ahnendem Dämmerlichte erhellt, denn nur eine Ampel brannte darin. Ihr rötliches Licht fiel auf das Antlitz der Gebenedeiten, auf zwei Häupter, die sich, demütig und enge aneinandergeschmiegt, vor dem Angesichte der Himmelskönigin beugten. Der Anblick raubte ihm alle Besinnung; die Bibel hoch erhoben, mit Katzenschritten schlich er vorwärts. Die Diele knisterte; vier Augen schauten entsetzt um bei diesem Laute, zwei Kniende erhoben sich. »Andreas!« rief Regina erschreckt. Er schritt vorwärts wie ein Nachtwandelnder. »Andreas!« Sie warf sich ihm in den Weg, sperrte sich mit schwachen Kräften. Er schob sie beiseite: »Schütt aus die Schale deines Zornes! Rott aus die Götzen, Herr!« stöhnte er heiser. Schon holte er wuchtig zum Hiebe aus, da bückte sich das Weib. Mit letzter Anstrengung, blitzschnell, riß es das Kind in die Höhe: »Triff diese ...«

Es war zu spät. Die Macht des Schlages, der dem Bildnisse gegolten, riß seinen Arm vorwärts. Schwer schlug die Bibel wider ein angstverzerrtes Kindergesichtchen. Ein geller Aufschrei vor entschwindendem Bewußtsein: »Es tut weh, Mutter. War ich so schlimm, Mutter?« Dann Totenstille. Die Bibel entfiel plötzlich kraftlos gewordenen Händen; mit hartem Klange schlug das heilige Buch zu Boden. Unter dem Sternenkranze hervor, mit dem es der Künstler geschmückt, sah das Antlitz der Schmerzensreichen unbewegt das alles: nur Leben schien es zu gewinnen, wie das Ampellicht flackerte. Es sah einen Mann, immer noch wahnwitzigen Trotz im Auge, vor dem gebietenden Fingerwink eines Weibes zurückweichen; sah dieses mächtig und ragend dastehen, während sich ihr Kind ängstlich an ihren Busen duckte und nur manchmal einen scheuen Blick nach dem warf, den es so sehr geliebt und der ihm so weh getan. Es hörte dann die vorwurfsvollen Worte, die ihm galten: »Dir war sie bestimmt und deinem Dienste. Was hast du sie nicht beschirmt, Mutter der Gnaden?« – sah, wie die stille, blasse Frau das blutende Köpfchen der ohnmächtigen Kleinen in die weißen Kissen ihres Lagers bettete – wie oft war es mit heißen Tränen benetzt worden während endloser, kummervoller Wochen! –, vernahm dann schluchzende Gebete und törichte Gelübde.

Der Engel des Todes war eingebrochen in das Haus des Stadtrichters. Seine Schwingen sausten gewaltig und immer mächtiger. Ein junges Leben, das schon lange unter Zwistigkeiten und Fragen gelitten, die es nicht verstand, das der jähe Schrecken vielleicht mehr noch als der Schlag im Tiefsten getroffen, erlosch wie ein Lichtlein vor ihrem Wehen.

Während aber Maria Regina dahinsiechte und schwand, machte das, was ihren Tagen ein so frühes Ende bereitete, machte der alte Hader an ihrem Sterbebettchen immer noch nicht halt. Umsonst drängte und trieb der Prädikant zur Flucht; eine unsichtbare Macht, gegen die er nicht mehr ankämpfen könnte, hielt Aestuarius. Nur nach Stunden zählte noch das Leben seines Kindes; er kannte sein Weib genug, um zu wissen, daß sie ihn niemals, schon aus Stolz nicht, dem weltlichen Gerichte übergeben würde. Der Name, den sie so lange getragen, durfte nicht durch die Gossen gezogen werden. So blieb ihm eine Frist; sie mußte er nützen, um das Seelchen zu retten, um das er gerungen. Immerwährend weilte er am Lager der Kleinen, mit gütigen Worten sprach er ihr zu, die bei seinem Nahen zuerst bang und ängstlich aufgeschrien. Frau Regina aber wehrte ihm nicht. Die Grausamkeit, die in jedem Weibe schläft, war in ihr erwacht. Ihr Kind war nun einmal verloren so sollte mindestens der, der es gemordet, erkennen, wie nutzlos er es hingeopfert; es erkennen und darüber verzweifeln ...

So waren denn die drei wiederum vereint. Zu Füßen Maria Reginas stand der Vater und sprach ihr das Bekenntnis des Glaubens vor. Sie sagte es leise mit stockenden Lippen nach. Dann mahnte die Mutter: »Bet ein Ave Maria, Kind!« Sie tat es ängstlich. Und plötzlich beugte sich Andreas Aestuarius zu ihr: »Zu wem willst du, zum Vater oder zur Mutter?« Da gingen ihre Augen in trauriger Frage vom einen zur andern. Ein mächtiges Zucken durchlief ihre Glieder; mit tastenden Händchen griff sie ins Leere. »Zu Gott, zu Gott!« hauchte sie müde.

Frau Regina schnellte auf und riß sie an sich. »Sie wird dir keine Antwort mehr geben, Andreas«, sprach sie dann hart und stark, »sie ist tot.«

»Tot! Und sie starb nicht im rechten Glauben!« schrie er auf.

»Sie starb im rechten Glauben. Nun aber fahr hin und laß uns allein. Ich weiß nichts mehr, was du noch zu verwüsten oder zu töten hättest. Oder gelüstet es dich nach meinem Leben? Nimm es – ich wehre dir nicht.«

Sie war vorgetreten und stand groß, schön und stolz vor ihm. Er wich zurück: »Es war Schickung, Regina!«

»Schickung?« – sie lachte grell und laut. – »Schickung? Und es war guter Dinge gewesen. Immer, immer. Es hat gelacht – oh? um sein Lachen! – und war gesund, bis dich der mörderische Wahnsinn ergriffen. Schickung? Nein, denn es war lieb und süß und hätte leben können. Schickung? Du bist feig, du warst es, du, du, du und nichts anderes.«

»Der Zorn Gottes und sein Eifer haben mich getrieben. Er allein hat meine Hand geführt, und was ich traf, das mußte ich treffen.«

»Du mußtest? Geh! Du mußtest? Und warf ich mich dir nicht entgegen? Bat ich dich nicht: ›Halt ein und kehr um‹, als es noch an der Zeit war? Du wolltest es nicht anders, und nun geh! Nun, wo du nicht einmal weißt, ob du sie jemals wiedersehen wirst. Ich aber weiß, daß ich sie im Himmel finde, denn ich will beten und büßen und mich kasteien, und vielleicht erbarmt sich der Heiland meiner bald. Du aber? Du hast sie getötet, und ich weiß keinen Ort, an dem der Mörder dem begegnen dürfte, den er geschlachtet. Ich habe sie diesem Leben geboren und für das ewige Heil gerettet. Du hast gar kein Teil mehr an ihr. Ich will allein ihr Grab schmücken und bei den frommen Frauen für sie beten. Nun weißt du, was ich werde – nun geh!«

Er sah sich verstört um. Sein Auge fiel auf ein altes Schwert, das noch von der Zeit her an der Wand hing, da Herr Andreas von Paumann hier gewaltet. Das konnte er gebrauchen, wenn er mit dem Prädikanten nach Böhmen zog. Wie nur um etwas zu tun, nahm er es an sich und gürtete es linkisch: »Ich gehe für immer, Regina! Erwäge, daß alles Vorherbestimmung dessen ist, ohne dessen Willen nicht ein Sperling vom Dache fällt. Laß uns nicht im Grolle für alle Zeiten scheiden!«

»Geh!« kam es dumpf zurück.

Er näherte sich ihr wieder: »Meine Hand ist des Schwertes ungewohnt, mein Mund der Bitten. Gib mir die Hand, Regina!«

»Geh!«

»Wir waren selig gewesen, lange Jahre selig, Regina, bis der Ruf des Herrn uns schied. Denke an jene Zeit zurück!«

Sie hatte die Händchen des Kindes ineinandergelegt und tat nun ein Kreuzlein dazwischen. Von ihrem Halse nestelte sie eine Reliquie und legte sie auf die Brust des Mädchens. Kerzen, so viele irgend im Zimmer waren, entzündete sie. Nun sah sie ihr Werk prüfend an, nickte still und schloß mit einem Kusse die immer noch weit offenen Augen der Toten. Dann trat sie hart an ihn heran, und beide standen einander zum letzten Male gegenüber: sie noch immer hold, vielleicht schöner als je, nun ein Leidenszug sich tief in ihre Stirne grub und ihr ganzes Angesicht durchgeistigte und adelte, er aber hager, verhärmt, mit ergrauendem Schläfenhaar und verstört im Tiefsten: »Erinnere mich nicht daran, du hast das alles vernichtet. Geh!« rief sie strenge; dann aber, kaum daß von der Tür her ein Knarren fern und schwach an ihr Ohr geklungen, sank sie vor dem Bettchen in die Knie: »Maria Regina, bitt für uns!« betete sie leise.

Längst hatte sich über einer Kindesleiche in einer stillen Stadt die Erde geschlossen, und eine blasse, hohe Frau in Novizentracht kniete täglich am Hügelchen nieder und schmückte es und ließ es bepflanzen, daß es einem Blumengarten gleichen mußte, wenn der Frühling erst wieder einmal ins Land kam, als zwei Reiter durch das Böhmerland gen Prag zogen. An einem grauen Tage war es; ein leises, trauriges Windeswehen ging, die Nebel rieselten, ängstliche Sperlinge piepten kläglich am Wegerain, und kahle Bäume mit dem ersten, ahnenden Grün an Rinden und Geäst streckten ihr laubloses Gezweige wie um Licht flehend gen Himmel. Die Gäule der beiden Geharnischten waren abgetrieben; ihre Gewänder zeugten von langer Reise, die Züge ihres Angesichtes von manchem Ungemach des Weges in einem Lande, dessen Sprache sie nicht kannten. Die Rüstung saß ihnen so schlecht, daß man leicht erkennen konnte, wie wenig sie gewohnt waren, gewaffnet einherzuschreiten. Da, während sie mühsam auf grundloser Straße dahintrotteten, zerriß der Nebel. Aus seinem Wallen tauchten düstere Türme auf; weitgedehnte Häuserreihen sahen sie, von einer starken Mauer umfangen; eine gewaltige Burg, würdig eines Königssitzes, erhob sich ernst und beherrschend darüber. Das Nebelbrauen schwand, die Sonne brach hell und kalt durch, und tief im Tale lag das blaue Leuchten der Moldau. Da verhielt der eine sein Tier; seine Augen stierten ins Leere, seine ganze Gestalt versank in sich. »Was ist dir, Andreas?« fragte sein Genosse. »Was starrst du? Was siehst du wieder in dich?« – »Ich sehe ein kleines Grab, und ich habe kein Teil daran, nicht hier und nicht dort; und dennoch waren die, welche es bedeckt, und die, welche es pflegt und daran betet, alles, was ich je im Leben besessen.« Da hob sich der Prädikant im Bügel: »Lasse die Toten ihre Toten begraben, Andreas! In dir trägst du das Leben!«

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