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Jakob Julius David: Die Hanna - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
booktitleNovellen
authorJakob Julius David
year1995
publisherResidenz Verlag
addressSalzburg und Wien
isbn3-7017-0943-2
titleDie Hanna
pages177-232
created19991010
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Den nächsten Tag kommt sie wieder. Und so Tag für Tag, nur nicht am Sonntag. Und sie klagt nicht mehr über Müdigkeit, sondern hält aus, wie lang man nur will. Nur essen tut sie nichts in der Zeit und ist furchtbar schreckhaft bei jedem Mannsbild, das ihr begegnet und das sie anspricht. Und alles muß man ihr nur einmal sagen, und sie vergißt es nie mehr. Und ich Esel freu' mich noch über ihren Eifer und denk' mir: sie sieht auch ein, daß ich nichts Müßiges oder Sinnloses von ihr begehrt hab'; sie gewöhnt sich schon, und das übrige wird sich geben, und über eine Zeit weiß sie gar nichts mehr davon.

Das Bild aber ist mir gerückt, wie ich's nicht für möglich gehalten hätt'. Immer schöner und meisterlicher. Du mußt nicht glauben, ich hab' den Größenwahn, und ich tu' mich da groß mit etwas, was keiner sehen soll. Aber, man hat doch manches gesehen und verglichen, vorher und nachher, und hat über sich selber ein Urteil. Und da war alles: Farbe und Leben und eine solche Sicherheit, die gar nicht sucht, sondern niemals irrt und immer das Richtige trifft. Und wie ein Gottesdienst waren mir diese Stunden, wie ich ihn einmal gekannt hab', noch ein Bube, noch ehe mich meine Mutter hat geistlich lernen lassen wollen, wo man ganz erfüllt ist von seiner Andacht und seinen Gott ganz in sich spürt und ihn atmet und nichts denken kann, nur ihn.

Gedanken und Sorgen gemacht hat mir eigentlich nur der Kopf. Nämlich, er war mir so, wie er war, zu gewöhnlich für den Körper. Einen anderen aber nehmen? Ja, woher? Und ich hab' mit der Zeit begriffen, sie ist vollkommen, ganz so, wie sie ist und organisch und nicht anders zu denken, und wer etwas zutut oder ändert, der lügt und fälscht nur und verdirbt. Und immer lieber ist sie mir geworden in diesem letzten Opfer, das sie mir bringt, und ich hab' wohl gesehen, wie sie leidet, und hab' mir geschworen, sie soll niemals mehr eine schlimme Stunde haben durch mich, und habe mich nach Kräften getummelt, als jagte mich wer, nur damit wir es bald hinter uns haben.

Und so wird man fertig. Und einmal, wie sie so ganz verloren da sitzt, so schleich' ich mich hinter sie und geh' ihr einen Kuß auf den Nacken. Sie verfärbt sich und fährt auf. ›Erschrick mir nur nicht wieder, Hanka, mein Seelchen! Ich brauch' dich nicht mehr.‹

›Wieso?‹ – ganz atemlos und in Spannung.

›Wir sind fertig. Und ich brauch' dich wirklich nicht mehr.‹

Das war ein böses Wort. Eins von der Art, auf der ein Teufel sitzt. Man spricht es aus und denkt sich gar nicht dabei, wie es der andere nehmen und fassen wird. In ihr hat's Wurzeln geschlagen. ›Ja, du brauchst mich nicht mehr‹, sagt sie ernst und traurig und richtet sich zusammen.

Ich merke wohl, sie ist aus dem Gleichgewicht. Aber das findet eine gesunde Person schon wieder. Und weil ich selber guter Dinge bin und meiner Sorge ledig wie meiner Plage, so nehme ich mir alle Mühe mit ihr; und wenn sie's schon nicht wird gewöhnen können, so wird sie doch stolz sein auf meinen Erfolg, den ich doch ohne sie durchaus nicht hätte gewinnen können. Und ich merke dabei auch, es ist etwas Fremdes zwischen mir und meinem Weib. Sie muß sich zwingen, auch nur herzlich zu erscheinen. Und derweil trocknet das Bild. Und ich schreibe dem Rahmenmacher nach Wien Maße und lege genaue Angaben und eine Zeichnung bei, und meld' es bei der Kommission und bin meiner und meines großen Erfolges so sicher, daß ich nichts von dem sehe, was neben mir sich vorbereitet.

Also, die Kiste wird gebracht; ich mache meinen Spaß: ›Hanka, komm und hilf mir. Wir packen dich ein.‹

Sie sieht mich an, ganz ohne Fassung und ohne Glauben an das, was ich sage: ›Ja, wozu denn, Florian?‹

›Ja, ich will's doch ausstellen, Hanka!‹

Sie streicht sich mit der Hand über die Stirn, als hafte da was, das sie wegbringen muß: ›Mich willst du ausstellen, Florian?‹

Das gibt nun eine wunderliche Konfusion, denk' ich mir. Sie kann sich nicht unterscheiden von dem, was ich von ihr gemalt hab'. Also nehm' ich sie bei der Hand und sag' sehr voller Güte, wie man einem Kinde zuspricht: ›Dich nicht, Hanka! Nur dieses Bild!‹

›Ja, und was heißt das, ausstellen?‹

›Ja, das geht nun nach Wien. Und dort wird man's rahmen, wie es sich gehört, damit es seine richtige Wirkung tut, und es gut, im richtigen Licht, aufhängen hoff' ich. Und viele Leute werden kommen, auch welche darunter, die was verstehen, und werden sich damit freuen und sagen: das ist ein großer Künstler, der das gemalt hat, und ich bin berühmt, und du bist es auch als mein Weib.‹

›Und so‹, sie deutet mit dem Finger nach dem Bild, ›so sollen mich die Leute sehen?‹ Und sie wird glührot und blaß: ›Tu mir das nicht an, Florian.‹

›Ja, warum denn nicht, Hanka? Sei nicht kindisch!‹

›Weil – ich hab' mich nun schon so lang gefreut, ich könnt' einmal mit dir nach Wien. Nur auf ein paar Tage, Florian!‹

›Das wollen wir doch, Hanka. Und man wird dir Ehren erweisen genug.‹

›Mir Ehren? Einer, die man so gemalt hat, Ehren? Und müßt' ich nicht vergehen vor Scham vor jedem, von dem ich mir denk', er hat mich so gesehen?‹

›Aber, Hanka, ich bitt' dich! Wer wird sich so quälen?‹

›Ich bin dumm. Weiß ich. Zu dumm für dich.‹ Und ich merk', es kommt ihr ein neuer Gedanke. ›Und was wird hernach mit mir?‹

›Hernach? Kann sein, es gefällt einem das Bild so, daß er es kauft, und er gibt uns ein Stück Geld dafür, so groß, daß man den schönsten Bauernhof darum kriegt.‹

›Und du möchtest mich hergeben, Florian?‹

›Ja, warum denn nicht?‹

›Einem fremden Mannsbild? Damit er's in sein Zimmer hängt, in welches es ihm paßt und mich ansieht, wenn und wie es ihm beliebt?‹

›Das kann dir vollkommen gleichgültig sein‹, lach' ich.

›Es ist mir's aber nicht. Als müßt' ich das immer spüren, so ist's mir.‹

›Hanka!‹

›Es steht aber auch etwas im Katechismus‹, meint sie sehr ernsthaft. ›Und sogar von den Gedanken, mit denen man einen ansieht.‹

›Im Katechismus? So laß es drinnen und hilf mir.‹

›Florian!‹ bettelt sie. ›Florian, schick' mir das Bild nicht weg!‹

›Ach was!‹ Und ich denk' mir, im Guten wird das nichts, ich muß wohl Ernst machen! ›Das ist dummes Zeug. Und ich mag darum nicht meine ganze Zukunft aufs Spiel setzen.‹

›Es ist uns auch so gut gegangen, Florian! Und sehr gern haben wir einander gehabt.‹

›Werden wir wieder, Hanka! Bis du ruhiger geworden bist.‹

Sie zweifelt: ›Könntest du? Könntest du wirklich?‹

Es ist etwas Grausames in jedem Menschen und ganz und gar in jedem Künstler. Und das rührt sich in mir und verstockt mich, obwohl ich sehe, wie sie leidet. Und ich nehme das Bild, wie es ist, im Blindrahmen und heb' es sehr vorsichtig und tu' es ohne Anwort in die Kiste.

Sie spricht nichts mehr. Sie hilft mit. Sie schlägt selber die Nägel ein. Gott allein weiß und soll mir's verzeihen, mit welchen Gedanken. Sie malt in ihrer großen, steifen Druckschrift die Adresse. Das hat sie immer gern getan, sich wohl allerhand dabei gedacht und geglaubt, sie macht sich nützlich. Am Morgen wird der Frachter kommen, und das Bild wird fort.

Mit nichts hat sie sich verraten. Wir sind schlafen gegangen, wie sonst. Sie hat nicht geweint in der Nacht und nur nicht geschlafen. Denn einmal bin ich wach geworden vor einem innerlichen Glücksgefühl, so als stünd' ich vor dem Eingang zu etwas sehr Hellem, und da liegt sie mit offenen Augen, und ich streich' ihr darüber, damit sie die zutut, weißt du, und ich fühle an meiner Hand den warmen Hauch von ihrem Mund.

Sehr früh steht sie auf und huscht durch das Zimmer. Das spürt man so im halben Schlaf, aber man denkt sich nichts dabei, denn man ist das gewöhnt alle Tage. Barfuß, damit sie mich nicht stört, ist sie durch die Stube und den weiten, weiten Weg zum Fluß. Hat sie das die Nacht nicht schlafen lassen? Oder ist es nur plötzlich über sie gekommen? Wer weiß es?

Zu Mittag haben sie sie gefunden. Unter den drei Weiden. Der Spitz ist dabei gesessen und hat geheult, unablässig. Und, sagen sie, sie ist erschrocken, wie sie im Tiefen war, und hat sich retten wollen. Aber ihr Haar, das so sehr reich war, hat sich an den Wurzeln verfangen, und also ist sie elendlich ertrunken.«

Seine Stimme brach. Der Spitz erhub ein leises Gewinsel. Petersilka aber fuhr mit aller Anstrengung fort:

»Ich habe mein totes Weib nicht mehr gesehen. Denn ich bin in Ohnmacht hingeschlagen, wie man gestürzt gekommen ist und man mir das erzählt hat, und bin lang ohne jede Besinnung und in einem großen Fieber gelegen. Und wie ich zu mir komm', so ist sie längst begraben gewesen, und es war voller Sommer.

In den Feldern liegt sie. Denn der Herr Pfarrer war nicht zu erbitten, und ich soll das so in meinen lichten Augenblicken und in meinen irren Reden immer befohlen haben, und sie haben sich danach gerichtet. Denn es ist schöner da, wie an der Kirchhofsmauer. Das Korn wogt um sie, und es blühen die bunten Blumen.

Das Bild aber ist nicht fort, weil niemand gewußt hat, was denn damit soll. Und so steht die Kiste noch immer in meiner Stube, und meine beste Arbeit ist darin. Ich hab' sie mit keinem Auge mehr gesehen, und ich weiß nicht, wann ich einmal stark genug sein werde dafür.

Und dann hab' ich mich gewöhnt und hab' langsam wieder an zu malen angefangen. Und ich hab' die Verpflichtung in mir gefühlt, einmal etwas ganz Großes und Eigenes zu leisten. Denn um mich und meine Kunst ist ein großes und ein sehr kostbares Bauopfer gebracht worden.

Nämlich, einmal und sogar noch im Christentum haben sie bei uns und überhaupt bei allen Slawen geglaubt, soll ein großer Bau gelingen, so muß in den Grundstein etwas Lebendiges mitvermauert werden.

Das ist bei mir geschehen. Verstehst du? Und wenn sie mich heute rühmen und sie machen ein Wesen mit mir, und wie ich die Hanna und ihre Seele verstehe, so ist mir das ganz gleich. Denn ich weiß: die Seele der Hanka ist in mir und schafft aus mir, und ich mag darum nichts Lebendiges mehr malen.

Und ich bin kein Landschafter, wie sie meinen. Und wenn sie finden, ich bin eintönig, so muß ich nur lachen. Denn ich mal' sie und immer nur sie, und ich kann sie gar nicht ausschöpfen.

Da sieht man zum Beispiel die drei Weiden. Und das Wasser ist sehr finster vor ihrem Schatten und ohne Regung, und unter seinem Spiegel ahnt man etwas und kann es nur nicht erkennen.

Oder, da ist ein weiter Himmel gespannt. Und Wolken schieben sich daran zu Haufen. Und eine Sonne dringt vor, und ihre Strahlen irren zwischen Himmel und Erde, und es ist wie eine ungewisse Fröhlichkeit. Nämlich, das war sie, wenn sie ihr schüchternes und schamhaftes Lächeln gehabt hat.

Oder, es ist ein heißer Tag. Und die Ähren neigen sich wie voll Sehnsucht zur Erde, weil der Segen zu schwer wird für sie, und wenn man recht scharf hinhorcht, so glaubt man, man hört die Körner rieseln, die überreif sind und zur Erde fallen. Das war sie, wieder sie, wie sie sich mir gegeben hat, ganz aus sich und weil sie nicht mehr anders gekonnt hat, als sich verschenken.

Oder, es ist Regenstimmung. Und man fühlt, wie Fruchtbarkeit und Erquickung niedertropfte, und alles ersehnt sie und lebt auf. Nur den Sturm, vor dem sich die Bäume biegen, nur ein Gewitter malen kann ich nicht. Denn erzürnt, weißt du, hab' ich sie niemals gesehen.« Er schlug in einem plötzlichen Ausbruch beide Hände vors Gesicht. Es rieselte vor, und ein Krampf schüttelte ihn.

Das währte eine Weile, in der ich ergriffen schwieg. Er aber erhob sich stracks. »Und so bin ich hergekommen«, sprach er abgewandt. »Weil ich müd bin vom Einerlei und vom ewigen Denken an eine Tote. Und ich möchte frischere Farben greifen.

Und jetzt weißt du, was ich kann und warum ich's kann. Ganz ohne Suchen; und weil es in mir lebt, wie in einem wilden Vogel sein Lied oder in unserer Ebene der rastlose Trieb, nachdem sie sich immer gleich, zu ihrer Zeit begrünt.

Und du wirst verstehen, wenn ich dir sage: ich wäre noch in den Jahren. Aber ich darf mich nicht mehr beweiben und muß einsam bleiben, denn ich weiß nicht, ob sie eine andere dulden möchte neben sich. Und mir wird das oft schwer, und ich weiß, das ist ein hartes Los und man soll mit sich allein abmachen, was einem zustößt, was einen freut und was einen bedrückt. Und ich bin gar nicht dazu. Aber das läßt sich nicht mehr anders machen.«

Es war Abend geworden. Er schien uns hell und glühend in die Stube und mahnte mich zum Aufbruch. Noch einmal klangen die Gläser. Jenseits der Donau hob sich ein Gewitter. Er wies darauf hin. »Das ist schiefergrau. Das geht. Und der Strom hat leise, hüpfende und rötliche Lichter. Kann man. Und«, er deutete nach dem verbrannten Weinlaub, »da ist viel Rot. Macht sich gut. Und die Wolkenränder glühen die gelbe Sandbank an, daß sie Leben bekommt, und der Wald steht schwarz und steif. Kann man packen. Nur das Licht in den Wolken, das da zuckt und gewittern will, geht nicht, noch nicht, und es macht doch eigentlich alles.«

Wir schieden. Er samt seinem Spitz gab mir noch das Geleit bis zum Bahnhof. Ich habe ihn seither nicht mehr gesehen. Eine Studie von seiner Hand erinnert mich unablässig seiner, und seinen Weg hab' ich verfolgt, der immer in der gleichen Richtung, immer aufsteigend ging.

Ich fuhr heim, durch die herandrängende Nacht und heranströmendes Gewitter. Immer in Gedanken. An eine Kiste, die niemals geöffnet werden sollte und das barg, was ein tüchtiger und ernster Künstler für sein bestes Werk hielt. An einen Landschafter, der meinte, er könne im Figuralen sein Bestes leisten, er habe es einmal bewiesen und durch ein starkes Erlebnis resigniert; der sich bewußt war, er male eine Seele, wo man ihn um Stimmung und Farbe pries.

War es eine Verwirrung der Begriffe? Oder nur eine neue, tiefere Erkenntnis? Wie eigen: »Und sie hieß auch Hanka. Ist das nicht merkwürdig«, klang mir's in der Seele nach. Und verschmolz sich hier mannigfaches Erlebnis und eine ganze, große, gesegnete Landschaft, die an sich nichts sein sollte, nur Sinnbild und immer erneuertes Ausdrucksmittel für ein armes, schamhaftes Geschöpf, das einem Einzigen zögernd, ungern, aber ganz sich und seinen Reiz offenbarte, ihn nun völlig erfüllte, ihm Dinge offenbarte, die noch niemand vor ihm so vermocht, aus ihm sprach und schuf und die also sehr dem Gau glich, der diesen Künstler geboren, und in ihm, seinen Werken, zuerst ganz und gar jenen Ausdruck fand, der ihm eignete: arm an allem, was blendet, aber Menschen freundlich, sie reichlich nährend und von ihnen geliebt und mit jener Innigkeit umfaßt, die den nimmer läßt, den sie einmal beschlichen hat.

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