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Jakob Julius David: Die Hanna - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
booktitleNovellen
authorJakob Julius David
year1995
publisherResidenz Verlag
addressSalzburg und Wien
isbn3-7017-0943-2
titleDie Hanna
pages177-232
created19991010
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ich bin gern auf die Jagd gegangen. Es ist mir nicht ums Schießen gewesen, trotz meiner sehr sicheren Hand. Aber mir hat das Herumsteigen in den lettigen Feldern Spaß gemacht; und die Nebelstimmungen, die alles so verzerren und anschwellen lassen, hab' ich gern gehabt. Und nach Reden hat es uns beide nicht viel verlangt. Sie hat doch ihre Eltern und Verwandten gehabt und ich ganz in mir meine Gedanken und meine Pläne, und ich hätt' niemals geglaubt, ich könnt' noch einmal so allein werden, wie ich bin und bleiben muß.« Er brach ab. Und es war eine große Müdigkeit an ihm, und es zuckte in seinem Gesicht.

Ich fuhr auf: »Du erregst dich zu sehr, Petersilka.«

Er nickte: »Gar sehr tu' ich's. Aber das macht nichts mehr. Jetzt geht's zum Ende. Und man will's hinter sich haben, hat man einmal angefangen davon.« Und ganz tonlos fuhr er fort:

»Also – sie hatte ein Auge, so richtig, wie keines. Verstanden hat sie ja nichts von den Sachen. Woher und wie denn? Die Heiligenbildchen, die der Herr Katechet schenkt, sind keine richtige Vorschule. Das muß man ja doch auch lernen von allem Anbeginn. Aber ob eine Linie gezogen war, wie sie sein soll und wie sie in der Natur ist, da hat man auf sie schwören können. Ich hab' mich manchmal geärgert, und immer wieder hab' ich hernach gesehen: sie hat recht, und mich hat mein Gedächtnis eben für einen Narren gehabt.

Es ist auch geschehen, wenn mir etwas nicht zusammengegangen ist und ich hab' mich recht unwirsch aufgeführt in meinem Zorn, weil man doch zwingen möchte, auch was schwer ist, daß sie das Richtige getroffen hat, wie es zu machen wäre, mit einem einzigen Wort, nur weil sie unbefangen war. Oder daß sie sich schon gar keinen Rat gewußt hat und sie hat geseufzt: ›Florian, du mußt mir ja Kopfweh kriegen vom Denken! Florian, wenn ich dir helfen könnt'.‹

Es fährt wieder aus mir heraus: ›Du willst doch nicht, Hanka!‹

Sie wird sehr traurig und zuckt zusammen, weil sie es erkennt, wie fest der Gedanke steckt in mir und daß ich immer wieder darauf komme. Sie entgegnet kein Wort, geht zu ihrer Arbeit und kommt Tage nicht zu meiner.

Dieses hätte sie nicht tun sollen. Denn das war nur geredet, und mit Liebe hätte sie's vielleicht dem bösen Gedanken abgewonnen, der immer stärker in mir zu wühlen und zu graben angefangen hat.

Ohnedies, das weißt du ja, der Winter ist eine schlimme Zeit für einen Künstler. Denn er braucht viel Licht und kann nicht arbeiten ohne das. Weiß er schon, was er will, so macht ihm das nichts. Denn was man eigentlich getroffen hat, das wird einem wieder geraten, und Pausen müssen immer und überall sein.

Wenn man aber das Gefühl hat, man ist noch nicht darauf gekommen, was man eigentlich könnte, so ist das sehr bös und traurig. Denn von überall her erwartet man sich die Offenbarung und wird unwillig und voll Zorn gegen sich und alles, wenn sie nicht kommt. Und sie läßt sich einmal mit keinen Mitteln zwingen, und ich hab' mir oft gedacht, späterhin, wie alles vorüber war: das ist wie damals, wo Moses in seinem Groll und in seinem Zweifel gegen die Felsen geschlagen hat, es kommen die Haderwasser, von denen wir in der Theologie gelernt haben, und wer von ihnen trinkt, der muß des Todes sterben.

An jeden Einfall klammert man sich, ob er einem nicht weiterhelfen könnte. Und wovon ich mir viel versprochen habe, wie eine Offenbarung, dies habe ich dir schon gesagt. Und so bin ich immer wieder darauf gekommen, nachdem man einmal davon angefangen hat. Gänzlich unvernünftig ist mir mein Weib vorgekommen. Ich hab' über sie gespottet und hab' sie gequält, und sie hat sich alles gefallen lassen und sich nicht mit einem Wort zu wehren gewußt. Aber nachgegeben hat sie mir auch nicht, und ich hab' verstanden, was sie damals mit ihrem Eigensinn gemeint hat. Nur sehr oft war sie in Tränen. Die haben mich aber nur geärgert, denn das war zu nichts, rein zu nichts und verleidet einem nur das Leben, das mich so schon gar nicht sehr gefreut hat.

Und überdies ist mir eine neue Angst gekommen und hat mich sehr gequält und aufgeregt.

Nämlich, solang wir als ledige Leute einander lieb gehabt haben, so hab' ich mich niemals geängstigt, es könnte was werden. Sie hat es auch nicht getan, oder hat es mindestens nicht gezeigt. Vielleicht aus Frömmigkeit, weil doch nichts geschieht, was nicht sein soll, und soll etwas geschehen, so nützt wieder kein Sorgen.

Jetzt aber hätte man damit rechnen müssen. Ja, man hat sich's im Grunde sehr gewünscht. Denn für die Dauer allein bleiben wollte man nicht. Wenn uns aber Gott nun ein Kind beschert? Es war mindestens möglich, daß... Ja, wie soll man das nur sagen? Aber weißt du, es ist schon manche Frauenschönheit darüber verloren gegangen. Immer wird sie doch wenigstens für eine Zeit gestört, und manchmal geht sie doch auch für immer weg. Und diese war mir unersetzlich, und daß sie verschwinden soll, ohne daß mir ein Abbild bleibt von ihr, dieses hat sehr an mir gefressen, und es war wie ein übles Wollen und eine böse Absicht, die ich mir um sie doch gewiß nicht verdient hab', von meiner Frau.

Und dazu darf man von dem allen nicht einmal reden. Denn im Grunde fühlt man doch, wie roh das ist und wie schlecht, und kann nichts dagegen tun.

Es ist erst nur ein Wunsch gewesen. Und dann ist es in mir zum Begehren aufgewachsen, auf das man sich mehr und mehr verbeißt und vertrotzt und das gestillt werden muß, oder man geht zugrunde daran. Daß es vielleicht auch ein anderer Mensch ist, um den es geht, dieses fällt mir nicht ein. Denn man denkt an niemanden, nur an sich selbst und an das, was man für sich notwendig glaubt, wenn man erst an so etwas erkrankt ist. Und es ist wie ein Zwang über allen Gedanken, daß man sie von diesem einen nicht wenden kann und daß keine Ablenkung nützt. Und wie eine schwere Lähmung liegt es über allem Tun.

Und so bin ich denn immer launenhafter geworden. Und ich hab' sie schief angesehen und habe spitzige Worte für sie gehabt für ihre Teilnahme. Zum Beispiel, wenn sie mich gefragt hat, warum mich die Arbeit nicht mehr freut und ob ich nicht lieber für eine Zeit verreisen möchte. Denn wir hatten Bestellungen genug, und sie trugen schön.

Alles Mögliche hat sie getan, damit ich in gute Laune komme. Sehr lieb und herzlich war sie zu mir, und weil man spürt, man verdient das eigentlich doch nicht, so beruhigt man sich, indem man die Schuld auf das andere schiebt und sich denkt: aha, das schlechte Gewissen! Deshalb ist sie so zu dir.

Überhaupt, will ein Mensch dem Nebenmenschen eine Freude machen, so ist das immer einfach und man strengt sich nicht sehr an. Da will man die Absicht erraten haben und die Gesinnung. Will er ihn aber quälen, dann hat man Einfälle, ganz erstaunliche Einfälle, und man gibt sich Mühe, und man wird ordentlich sinnreich und voll von Erfindungen. Das ist merkwürdig, und man darf darüber nachdenken, wie eigentlich die Natur des Menschen geht.

Das war wie ein Kampf zwischen uns. Und mich hat es gefreut, daß sie darunter leidet und sich den Kopf zerbricht, warum denn das zwischen uns so geworden ist und in so kurzer Zeit. Viel gebetet hat sie, und aus sich heraus ist sie traurig geworden.

Und dann kommt ein Tag, und ich denk' ihn wie heute, und ich werde ihn nie vergessen.«

Er sann nach, und seine Augen waren offen und schimmernd.

»Die Tage sind länger geworden. Denn es war nach Mariä Lichtmeß. Ein strenger Frost; viel Schnee ist gelegen, und es war ein sehr kurzes, aber ein sehr kräftiges und günstiges Licht.

Ich bin sehr verdrossen am Fenster gesessen und stiere hinaus auf das flache Land und auf das große Glitzern, das in der Welt ist. Denn von jedem Schneehaufen und von jedem überschneiten Dach ist es ausgegangen, weil der Schnee trocken war und nicht geballt, mit einer großen und hellen Klarheit. Und die Häuser sind niedriger erschienen wie sonst, und die Ebene war sehr weit und übersonnt und die Berge näher und blendend, und alles war grell, daß es dem Auge wehe tut.

Ich hab' meine Pfeife geraucht. Und einmal hab' ich ein Zeichenblatt gespannt und mich dabei geärgert, weil mich eben alles verdrossen hat. Dann hab' ich mir eine große grundierte Leinwand angesehen, die da mit allem Zubehör hergerichtet war. Wozu denn aber? Ja, ich hätt' schon gewußt, was mir da darauf soll. Aber dafür bestand gar keine Aussicht.

Und ich hör', wie die Tür hinter mir geht, und ich rühre mich nicht in meiner Beschäftigkeit. Denn sie soll und darf nicht merken, daß mir etwas daran liegt, ob sie kommt oder nicht. Und am Eingang bleibt sie stehen, und sie atmet schwerer wie sonst. Und den Spitz jagt sie hinaus, ganz unwirsch, und der winselt mir dann vor der Türe. Und dann erschrecke ich ganz plötzlich; denn ich höre, sie dreht den Schlüssel in der Türe um. Das quietscht. Einmal; zweimal. Und dann probiert sie – vorsichtig und doch mit einem starken Rucker... Sie hält...

Und ich tu' ihr einen Schritt entgegen – denn das kann nur eines bedeuten. ›Hanka?‹ Und es ist eine große Freude in mir, so groß, daß ich nicht merke, wie sehr traurig und ganz verstört sie ist.

Sie nickt: ›Ja. Wie soll ich mich setzen, Florian?‹

Ich will sie an mich ziehn, sie küssen. Sie bleibt stumm und steif. Und ohne ein Wort zu reden, ganz geschäftsmäßig, zieht sie sich aus, Stück für Stück, und nimmt den Platz an, welchen ich bestimme.

Den Kopf von sich selber weggewendet, die Augen geschlossen, damit sie nichts sehen muß, sitzt sie. Und manchmal kommen ihr Tränen, und sie läßt sie rinnen, und ich merke nicht darauf oder mache nur einen dummen Spaß, wie man ihn eben macht, damit man was geredet hat.

Und es ist ein Fieber zur Arbeit in mir. Und ich ganz Aug' und nur Aug' und denk' an nichts, nur: da sitzt ein Modell vor dir von einer unerhörten Vollkommenheit, ganz so tadellos in Bau und Linien, wie man sich's nur wünschen und wie es einen Künstler berühmt machen kann.

Und daß dieses Modell ein Weib ist, mein eigenes Weib, welches ich sonst von Herzen lieb habe und welches darunter leidet, dies vergesse ich ganz. Ist dies Grausamkeit? Und ich merke, wie ich wachse; und jede Linie glückt und sitzt, und das Ganze hebt sich immer schöner und immer lebendiger, und ich kann, was ich will, worauf ich gehofft mit allem Zweifel habe, und ein doppelter Triumph ist in mir.

Gar keine Müdigkeit kommt über mich. Denn solang wir einander kennen und haben, es ist doch wieder ganz eine Fremde, die da vor mir sitzt. Immer wieder will sie zusammenschauern und sich ducken in sich selber. Das ist ein Reiz mehr. Und ich merke endlich doch, daß ihr der Kopf auf die Schulter sinkt und sie kann sich nicht mehr zwingen, bei all ihrem Willen.

›Es ist genug, Hanka.‹

Sie steht auf und sieht sich ganz hilflos um. Und ich wende mich, weil ich sie nun, wo der Rausch vorbei ist, zu verstehen anfange und sie mir innerlich leidtut. Und wie sie sich anzieht, Stück für Stück, und mir immer vertrauter wird, so bin ich sehr zärtlich zu ihr und mache tausend Dummheiten. Sie geht nicht darauf ein; sie leidet's eben nur: ›Es war Sünde, Florian!‹

Ich muß lachen: ›Aber, Hanka! Warum hat dich dann Gott so erschaffen?‹

Sie schüttelt den Kopf: ›Ich weiß, es war Sünde. Denn was einer in sich so spürt, das soll er nicht tun.‹

›So geh beichten, Hanka! Und der Herr Pfarrer wird dir schon Bescheid geben.‹

Sie erschrickt ordentlich: ›Noch einer soll es wissen?‹ und sie tut auf. Der Hund springt an ihr empor, ganz närrisch vor Freude. Sie streichelt ihn; aber nur so aus der Gewohnheit und ganz verloren.

Das wird sich schon geben, denk' ich mir. Ich bin wirklich fröhlich und sehe nicht ein, warum ich das denn verstecken soll, und verletze sie wieder damit. Und zu Mittag, wie wir zu Tisch sitzen und ich sehe sie an mit lustigen Augen, so wird sie ganz rot und tastet an sich herum voll Ängstlichkeit.

Ich bin in die Stadt gefahren. Denn ich war übermütig, wie nicht mehr, seit ich von der Schule war. Ins Kaffeehaus bin ich gegangen – das am Marktplatz, im ersten Stock, wohin wir uns nicht getraut haben, wegen der Professoren – und hab' Billard gespielt und ein Loch in das grüne Tuch gerissen und hab' zum Schaden auch noch gelacht, daß der Kellner geglaubt hat, ich bin betrunken oder närrisch. Und beim Spielen hab' ich zugesehen, und würdigen Tarokgelehrten, die jeden Stich wissen und bereden, wie es sie nur in einer kleinen Stadt gibt, hab' ich gute Ratschläge gegeben, daß sie gern grob geworden wären und sich's nur nicht trauten, und mit jedem, den ich sonst nicht einmal angesehen, hab' ich mich reden gestellt, ganz vertraulich und hab' mich dennoch in mir über ihn lustig gemacht, wie ein richtiger Hansnarr und Lappenwurstel, der meint, entweder die Welt ist zu seinem Spaß oder er ist zum Spaß für die Welt da. Und zum Goldschmied Feiwel Grünspan bin ich gegangen. Da hab' ich einmal eine goldene Kette gesehen, Venediger und alte Arbeit, sehr zart und schmiegsam die Glieder, und wunderschöne, blutrote Korallen dazwischen und am Schluß ein prächtiges Horn gegen den bösen Blick. Der Esel hat nicht gewußt, was er da hat, und dennoch war sie mir einmal zu teuer gewesen. Heut' hab ich sie für mein Weib gekauft und mir gedacht, wie schön sie sich auf ihr ausnehmen wird. Ganz heiß ist mir dabei geworden, und ich hab' ihm das Geld nur so hingeschmissen.

Und im Heimfahren ist mir der Wind entgegengesaust, und ich hab' lachen müssen und an mein angefangenes Bild denken und an meine Kollegen von der Schule, die jeder seither schon seine paar Quadratmeilen gute und unschuldige Leinewand, aus der man nützliche Kornsäcke hätte nähen können, mit sündhaften und unnützen Farben verschmiert hatten, und was sie für ein blödes Gesicht dazu schneiden werden. Gucken und gucken um einen Fehler, und es ist nicht der mindeste! Das gibt erst den rechten Spaß und den wahren Erfolg. Und so ein Gefühl von Kraft ist in mir. Nur zweimal hat es der Mensch so in seinem ganzen Leben: wenn sich ihm das erste Weib und das erste Kunstwerk ganz ergibt, ganz und aus freien Stücken.

Ich geb' ihr mein Geschenk. Und sie dankt. Aber, es war ein Unterschied gegen sonst. Denn sonst, wenn man ihr unerwartet eine Freude gemacht hat, so war sie immer wieder wirklich überrascht, so daß es ihr die Rede verschlagen hat. Ganz innerlich hat sie sich vergnügt, und das Wort hat ihr gefehlt. Nur meine Hand hat sie immer und immer wieder gestreichelt, und in den Augen war das gewisse Sonnenlicht, das ich so sehr geliebt habe und vor dem Stube und Herz warm geworden sind und das nun für immer erloschen sein muß.

Das war diesmal nicht. Sie hat die Kette angesehen und hat gestaunt über die Schönheit der Arbeit und ihre Kostbarkeit und hat sie so gewiß ängstlich in der Hand gewogen. Aber sie ist nicht warm geworden und hat sie weggeräumt zu ihren anderen Schmucksachen. Nämlich, getragen hat sie fast nie etwas öfter wie einmal, das man ihr geschenkt hat, nämlich den nächsten Sonntag. Aufgehoben hat sie sich's, wie so ein heimliches Hamsterchen, aber betrachtet hat sie's immer wieder und damit sehr vergnügt gespielt. Diesmal nicht.

Mich hat das ein wenig geärgert, wie Undank oder wenigstens wie Unerkenntlichkeit für guten Willen. Denn daß ich sie bezahlen will, dies kann sie unmöglich geglaubt haben. Aber, meine Stimmung laß' ich mir nicht verderben, und am End' – warum soll sie nicht auch ihre Launen haben, wenn ich sie habe?

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