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Jakob Julius David: Die Hanna - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
booktitleNovellen
authorJakob Julius David
year1995
publisherResidenz Verlag
addressSalzburg und Wien
isbn3-7017-0943-2
titleDie Hanna
pages177-232
created19991010
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Auf dem Bahnhof Klosterneuburg erwartete mich Petersilka.

Wir drückten einander die Hand, ohne einer das rechte Wort für den anderen zu wissen. Es ist immer eine eigentümliche Befangenheit beim Wiedersehen nach so langer Trennung, und sie lähmt.

Wie vordem immer, so übernahm er die Führung. Wir stiegen hügelige Wege hinan. Es war ein sonniger Tag zu Ende Oktober; an dem man wandern möchte, ohne Ziel und sonder Ermüdung.

Es ist dann manchesmal, als trüge einen dieselbe Luft, die zu Lenzeingang so gerne niederdrückt und abmattet; als wehe der Wind förderlich, und als sei er erfüllt vom stählenden und erfrischenden Odem des nahen Winters.

Vor uns lief Petersilkas schneeweißer Spitz; vernehmlich keuchend und dennoch voll eines löblichen Eifers, als sei er verpflichtet, uns in der Richte zu halten. Nach einigen Schritten blieb er immer stehen, oder hatte er genügenden Vorsprung, so tat er sich nieder; die rote Zunge hing vor, seine Flanken bebten, und die guten, traurigen Augen sahen voll Vertrauen nach uns.

Es war etwas Verzaubertes über allem. Denn die Stille war unsäglich groß. Auf allen Wegen und Richtsteigen, auf denen sich sonst an Sonntagen im Sommer tausende lustwandelnd bewegen, war keine Seele.

Verspätete Quitten glänzten unterm Laube; die scharfkantige Frucht, so gleich einem Apfel und dennoch unverkennbar etwas anderes, das satte Leuchten ihrer Farben hatte etwas Fremdes, Märchenhaftes: die Mahnung zum Genuß. Trauben, die man bis zum ersten Frost auf dem Stock belassen, schwollen sehnsüchtig der Sonne entgegen. Marienfäden schwammen mit dem Wind, überspannten rotes Laub, umfingen Tautropfen. Das glitzerte, wie das köstlichste Geschmeide.

Wir sprachen kaum ein Wort. Nur manchmal flogen Blicke und forschten, ob denn jeder auch so recht genieße. Sie spannen den Bund zwischen uns von neuem. Petersilka hatte sich in all den Jahren wenig verändert. Er war sonnenbraun vom vielen Weilen im Freien. Sparsam etwa ein graues Haar in seiner schwarzen, immer noch nach rückwärts gestrichenen Mähne. Versonnene, aber sehr klare und zutrauliche Augen. Er trug keinen Bart; und seine Bewegungen waren wie dereinst: hastig, schlenkernd, unbeholfen und dennoch nicht ohne Kraft.

Wir machten vor einem einsamen Winzerhäuschen Halt. Der Spitz stand jappend davor und blaffte heiser; der einzige Laut, den ich während des ganzen Spazierganges von dem ernsthaften und würdigen Tier vernahm. Petersilka suchte in allen Taschen nach dem Schlüssel und lächelte dazu sein kauziges Lächeln. Endlich stieß er die Tür auf und ließ die Hand mit einer großen, wortlosen Herzlichkeit auf meine Schulter fallen. Eine unsägliche Fülle des Lichtes quoll uns entgegen. Denn der Raum hatte drei Fenster mit einer großen und mannigfaltigen Ferne. Im Grunde zog die Donau vorüber, und kiesige Bänke standen gleich gelben Eilanden, schwach bebuscht, in ihrer Flut. Die Einrichtung des Raumes war höchst einfach. Ein Bett, ein Tisch, einige Stühle. Alles aus gelbgestrichenem, weichem Holz, das noch nach Tanne duftete. Eine Staffelei, mit einer blanken, kaum erst grundierten Leinwand. Eine Kristallflasche mit edlem Wein; zwei schöne und helle Gläser.

Wir setzten uns. Petersilka schenkte ein, und wir stießen schweigsam und herzhaft an. Der Spitz tat einen erstaunlich flinken Satz nach dem Fensterbrett, streckte sich behäglich aus, ließ sich die Sonne recht breit auf den weißen Pelz scheinen und sah wie verständig bald in die Landschaft, bald nach uns herüber, immer den schlanken Kopf zwischen den Vorderpfoten; die rosige Haut leuchtete. Petersilka aber rieb sich die Hände: »Also, Freundchen, da bist du, und da bin ich«, und es war ein sehr großes Wohlwollen in seinem Gesicht, und nun erst fiel mir auf, daß er den Ehering an seiner schlanken, doch knochigen Rechten trage. Er war also wohl verheiratet. Sonst war nichts von Schmuck an ihm. Nicht einmal eine Kette hatt' er, und wie er flüchtig nach seiner Uhr sah, so meint' ich, sie noch vom Gymnasium her zu kennen.

Es war, als hege jeder Tropfen, den wir schlürften, eine Erinnerung, zu fein und zu unkörperlich, um sie in Worte zu fassen. Ein herzliches Vertrauen, wie wir es einmal unausgesprochen in uns zueinander getragen, quoll uns daraus entgegen, und die Zeit, die wir getrennt gewesen, versank im Nichts.

Andere Wege waren wir vordem gegangen. Andere, doch gemeinsam. Jene Gabe, die damals jeder im Gefährten gewittert und gefördert, mit eigenen Augen in die Natur und in die Welt zu sehen, wir hatten uns bemüht, sie nach Art und Anlagen zu entwickeln, und sie war bei ihm zur vollsten Künstlerschaft geworden. Er hob sein Glas und ließ die Sonne darein leuchten und sah dem edeln Farbenspiel zu: »Ja, der Wein! Einen solchen Wein hat's in der Hanna nicht? Gelt, Freundchen!« Und wie man einem Abwesenden Bescheid zutrinkt, so tat er einen raschen Schluck, wenn er bis nun nur andächtig sparsam verkostet hatte wie ein Kenner und wie ein Genießender.

Die Hanna! Da war das Zauberwort gefallen, das die Siegel der Vergangenheit sprengte, mir Zutritt geben mußte in geheime Kammern voll gehäufter Erinnerungen! Es war keine Neugierde in mir, nur eine stille Erwartung und eine starke Spannung. Denn die Entwicklung, die Petersilka genommen hatte, die fiel zu sehr aus dem Geleis. Wo lagen seine Anfänge, daß man nichts von ihnen wußte? Und mein Kamerad mußte manches erlebt haben. Da war ein schmerzliches Zucken durch das ganze Gesicht, wenn er in sich war. Und was ihm das Geschick an grauen Haaren erspart, das hatt' es ihm an Runzeln und Fältchen zugelegt, durch die eine unablässige Bewegung lief. Und der Blick war beim Sprechen sehr ernst und wissend. Und er sprach, wie der Wein, dem wir gern und tapfer zusprachen, immer mehr seine Wirkung übte, rasch und wie nach einer klagenden Weise.

Er erhob sich rasch und ungeschlacht, und der Spitz richtete sich zur Höhe, die Augen voller Erwartung. Er kraute ihm das Fell und lächelte, während der Ausdruck seines Gesichtes sonst sehr ernsthaft und nachsinnend blieb. »Ja, Freundchen und Bruderherz, das ist nun lang. Sehr lang ist's; so lang!« Er reckte die Hand und spreizte die Finger von sich. »Und wir meinten damals noch, ein Glas Wein ist eine Sünde, und wir wissen heute, was für ein gutes Ding es ist und was es überhaupt mit der Sünde auf sich hat, und wir waren damals freche Buben, und wir gelten dennoch heute für würdige Männer, und man grüßt uns. Und der Mathia, weißt du noch, der Mathia!« Und er lachte herzlich und schmetternd, und es war, als lache die ganze Stube mit und er würde jung davon.

»Der Mathia ist tot.«

»So?« er zuckte die Achseln, »muß alt genug gewesen sein dafür. Und der Ephraim Kohn, weißt du, der immer ›Nü?‹ gefragt hat? Und den wir darum den Nü Ephelkistikohn geheißen haben? Beweglich genug war er dazu. Ist alles Griechische, was mir geblieben ist; und es reicht, ganz gut reichen tut es mir.«

»Betreibt einen gesunden Getreidehandel und Malzexport. Filiale in der Schweiz«, meldete ich gewissenhaft.

»Oder der Herr Direktor, weißt du noch? So ein guter Mensch, gar nicht zum glauben, wie gut! Und wenn er mich wieder einmal in Mathematik erwischt hat – und wann oder worin hat man mich nicht erwischen können? – dann ist er in seiner Stube auf und abgegangen und hat gemeint: ›Ein schlechter Kerl ist er, dieser Petersilka. Schlecht in die Haut. Immer lernt er nichts und ärgert mich, wo er nur kann. Mich, seinen alten Lehrer und Katecheten. In der Hölle wird er brennen. In Ewigkeit, Amen. Aber, das ist Strafe genug; warum soll er mir da noch durchfallen und ein Jahr länger auf dem Halse liegen?‹ Und in lauter Bekümmernis über meine Boshaftigkeit hat er sein Nichtgenügend ausradiert und ein Genügend oder, wenn er von dem guten Bisenzer Wein, welchen er gar so gerne gehabt hat, ein Gläschen zu viel in sich hatte und also noch mehr Wohlwollen als sonst, gar ein Befriedigend hingeschrieben.« Und Petersilka lachte.

»Zu nichts wird er's bringen. Ein Bettelmann wird er sein, sein Leben lang, haben sie gesagt. Und heut, welche von ihnen leben, die sind stolz genug auf mich. Und der schönste Bauernhof in der ganzen Hanna gehört mein, und mein Bruder mit den Seinigen bewirtschaftet ihn, und wenn sie daran vorüber zu Markte fahren, dann deuten sie mit den Peitschen darauf hin und stecken die Köpfe zusammen, und machen Gesichter, noch blöder vor lauter Wichtigkeit und Verwunderung wie sonst. Weißt du, weil sie nicht verstehen, wie man ein solches Stück für etwas Geld bekommen soll, was sie täglich vor Augen haben und woran sie nämlich selbst niemals etwas gefunden haben. Und das soll man bezahlen, mit über ein Joch Ochsen, und das geht in alle Welt! Das begreift er nicht, der Bauer! Und was er nicht begreifen tut, das hält er für dumm und überflüssig. Die Käufer sind blöd. Und ich bin ein Schwindler, ganz nichtsnutzig, der sein Geschäft versteht, den aber der Gendarm doch endlich einmal dahin führen wird, wohin er gehört.« Er war in eine schöne Freudigkeit geraten, in eine große Lebendigkeit. Das war ganz prachtvoll.

»Du wirtschaftest mit deinem Bruder, Petersilka?«

Er nickte. »Wieder. Schon fünf Jahre wieder. Und seine Kinder sollen einmal nach mir erben. Er hat genug, daß sie viel gebrauchen können. Und es wird nicht wenig sein, bis ich endlich daran komme.«

»Und du hast keine Kinder, Petersilka?«

»Nein.«

»Und können keine noch kommen? Denn du bist noch jung!«

»Möcht' wissen woher? Mein Weib ist doch tot.«

»Tot? Aber wirst du denn nicht mehr heiraten, Freund?«

Ein sehr entschlossenes Kopfschütteln. »Dem sie so gestorben ist, der darf's nicht mehr, oder er verdient es nicht anders, als daß man ausspuckte vor ihm. Das sollen sie doch nicht vorm Petersilka.« Eine schlimme und traurige Pause. Eine große Brummfliege summte schwerfällig durch das Zimmer und stieß an allen Fenstern mit erheblichem und unwilligem Lärmen an.

»Und du schreibst, Bruderherz?«

»Ich schreibe.«

»Weißt du, gelesen hab' ich nix von dir. Nämlich kein Buch. Woher es nehmen auf dem Dorf? Nur natürlich den Artikel über mich, den hab' ich gelesen. Ich kann deutsch reden. Ganz gut sogar. Daß mich jeder versteht, wie ich's meine, und zur Not nehm' ich höchstens ein mährisches Wort. Aber lesen kann ich's nicht mehr recht. Nur natürlich, wenn einer so gelobt wird! Das versteht er immer.« Und er versuchte zu lächeln.

»Mir haben deine Bilder einen starken Eindruck gemacht.«

Petersilka legte seine Hand auf meine Schulter: »Hat mich gefreut. Denn du kennst doch das Land, und du hast auch Augen in deinem Kopf.«

»Ich halte mich manchmal für einen verwunschenen Landschafter.«

Petersilka schmunzelte. »Verwunschener Landschafter? Das gefällt mir. Wahrhaftig und sehr.«

»Und es ist etwas ganz Eigenes und Neues in deinen Bildern. Da sind Stimmungen, wie sie noch keiner erfaßt hat.«

Petersilka nickte. Aber ohne Überhebung, mit dem Recht der Selbstverständlichkeit. »Das glaub' ich selbst, und ich weiß auch, warum oder woher?« Er machte mit der Rechten eine großzügige, malende Gebärde: »Ich seh's um mich und werde gar nie müde davon. Und es ist immer in demselben etwas Neues. Und ich seh's dann wieder in mir. Das ist so, wie wenn man sich vor eine Landschaft erst hinstellt, und alsdann fängt man sie sich im Spiegel, und sie sieht anders aus, und man vergleicht.«

»Und was du gemalt hast, das erkennt man immer wieder. Es ist innerlich mannigfaltig, und es ist sehr ehrlich.«

Er wurde eifrig: »Muß es auch sein. Weil – sonst taugt es nämlich nix.«

»Und es ist eigen, warum machst du nie Staffage? Immer nur die nackte Landschaft für sich?«

»Ist das nicht genug?« verwunderte sich Petersilka.

»Mir schon. Aber nicht für jedermann. Also, manche empfinden es als Armut, und mich wundert bei einem reichen Menschen, als den ich dich fühle, immerhin eine solche Beschränkung und dieser Verzicht.«

Er zuckte die Achseln. »Das ist nun schon so, und es wird kaum mehr anders. Weißt du, und es hat schon seinen Grund und seine Geschichte.«

Er schwieg. Der Spitz tat von seinem Fensterbrett einen Satz zu Boden und wieder einen auf seines Herrn Kniee und richtete sich an ihm empor. Petersilka streichelte ihn und drückte ihn mit sanfter Gewalt nieder auf seinen Schoß. Dann neigte er sich mit einer großen Zärtlichkeit nieder auf das Tier, so daß sein dunkler Kopf und der schneeige des Tieres in einer Linie lag, umfaßte sanft seinen Hals, und vier Augen sahen mich an, gleich an Farbe, Güte, und nur nicht an Ausdruck. Dann schenkte er ein. »Ex! Dies gilt ihr!« Die Gläser klangen. »Nämlich, er hat sie gefunden. Und denke dir, sie hat Hanka in Wirklichkeit geheißen; ist das nicht wunderbar?«

Er tat den Spitz zu Boden, sehr bedacht und liebevoll, der zu winseln begann, sowie er den Namen hörte. Und er stopfte sich eine kurze Pfeife und begann, unablässig qualmend, zu erzählen. Im Auf- und Niedergehen, daß seine Stimme bald ganz nah und eindringlich klang, bald fern und vermurmelnd. Nun ungelenk im Ausdruck, suchend, stockend, dann wieder so voll ungewollter Eindringlichkeit, daß Wort und Wendung unbesieglich im Gedächtnis haften blieben. Und das eigentümlich Singende seiner Redeweise verwob sich zu einem starken Rhythmus, der nicht mehr weichen will und auch jetzt nachklingt, nun ich mich wieder mit seiner Geschichte beschäftige.

»Nämlich, wir haben einander nicht mehr gesehn, sowie wir nach Wien gekommen sind. Und mir wär' gar nichts, nicht um eine Pfeife Tabak daran gelegen, wenn sie mich noch ein Jahr auf dem Gymnasium gehalten hätten. Denn zu sagen hat mir keine Seele was gehabt. Und was ich hernach mit mir anfangen soll, hab' ich ganz und gar nicht gewußt.

Du bist Philologe geworden und hast dir's später auch anders überlegt. Ja, was geht das mich an, wie die Leute einmal gesprochen haben, und warum sie es jetzt nicht mehr so tun? Halt, wahrscheinlich gefällt es ihnen anders.

Und warum soll ich arme Buben damit martern, die sich nicht einmal wehren können? Und die Geschichte? Was lernt man da? Wann und warum etwas geschehen ist, was keine Katz' kümmert, daß es geschehen ist. Und mit einem Juristen und mit einem Mediziner, da ist man doch glücklich, wenn man nichts mit ihnen zu tun hat. Man ruft sie, wenn man sich schon gar nicht anders helfen kann, und haben sie erst einmal glücklich die Türe hinter sich zugetan, so möcht' man am liebsten Weihwasser sprengen und mit Wacholder räuchern hinter ihnen. Und ein Beamter? Mir waren schon die Professoren zu viel, die ich vor mir gehabt hab', und ich hab' mich innerlich gewehrt gegen sie und jeden komisch oder dumm gefunden. Wie viele hat so einer über sich, die an ihm schulmeistern, nur damit er sieht, sie sind wer und er hat sich vor ihnen zu ducken!

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