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Die gute Haut

Michael Georg Conrad: Die gute Haut - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
booktitleLenzesfrische, Sturm und Drang
authorMichael Georg Conrad
year1996
publisherBuchendorfer Verlag
addressMünchen
isbn3-927984-55-8
titleDie gute Haut
pages145-152
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1890
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3.

Also auch das noch dazu.

Eine recht interessante Entdeckungsfahrt, diese Heimkehr.

Er hob die Augen zum grauen mit Wolkenfetzen behangenen Abendhimmel. Der schaute auf die Erde herab, lautlos, kummervoll, wie ein gramverzerrtes Menschenantlitz, die verkörperte Hoffnungslosigkeit.

Wie er seinen Vater und dessen Weib gefunden, und den ganzen Haushalt, in dieser vollständigen Entblößung von aller achtbaren Menschlichkeit und Sittlichkeit, geradezu unter dem Nullpunkt des bescheidensten bürgerlichen Selbstgefühls – nein, der Anblick einer Londoner Kloake war nicht widerlicher.

Und dennoch, dieser verkommene Greis war sein leiblicher Vater, und kein schlechter Wille, nur die ewige Alltagsnot und der Mangel jeder Energie hatte das aus ihm gemacht. Aller Unflat und alles Gift wurde durch die Verhältnisse zusammengetragen und auf einen Haufen gedrückt, das ganze Haus zu verpesten.

Von dem Weib war gar nicht zu reden. Jetzt wußte er alles. Eine tiefere Stufe gab's in der Welt nicht mehr. Mit dem ehrsamen Handwerk war's so gut wie ganz vorbei. Da hatte der Vater im Stumpfsinn der absoluten Verelendung eingewilligt, daß das Weib auf die Polizei ging und sich eine Berechtigungskarte für die Straßenprostitution löste –

Warum nicht? –

Die Schwestern waren fort, seit einigen Jahren, kein Mensch wußte wohin und zu welcher Hantierung. Ganz verschollen, wie tot. Das war das Beste.

Nur die älteste Stiefschwester Anna war im Hause, denn sie hatte die Schwindsucht und war keiner regelmäßigen Arbeit mehr fähig; mit ihr ihre beiden Kinder von unbekannter Vaterschaft, das eine aus ihrem vierzehnten, das andere aus ihrem sechzehnten Jahr, beide blutarm, skrofulös, fast immer bettlägerig –

Und unter dem Dach der Bruder Max, das Opfer der Soldatenschinderei und harter Maurerarbeit bei Wind und Wetter, bis es nicht mehr ging. Schon seit Jahren auf dem Siechbett. Er konnte kein Glied rühren, so hatten ihn die Krämpfe zugerichtet. Ein atmender Leichnam. Blödsinnig stierte er den heimgekehrten Bruder an und brachte kein einziges Wort heraus.

Der Vater, altersschwach, nur noch Haut und Knochen, das Gesicht verledert und verschoben, umflattert von einem gelbweißen Bart, hockte daneben.

Wenn er den verrunzelten Mund öffnete, kam ein Geruch von Fuselschnaps heraus. Zuweilen glühte das Auge auf gleich Kohlen unter der Asche, wenn ein Wind hineinbläst, der Wind des Wahnsinns.

Mit seiner großen, grobknochigen, zitterigen Pechhand strich er dem Gelähmten wie liebkosend über den Kopf.

»Wir haben alles getan, was möglich, Xaver, es hilft nichts.«

»Und das ist alles von damals her, von der Mißhandlung beim Militär?«

Der Greis nickte. Er hob den Kopf ein wenig und in seinem Auge flammte es: »Von damals. Und davon ist alles gekommen. Wär' der Max gesund geblieben, der hätt's uns herausg'rissen. Nicht wahr, Max, gelt? Alles wär' anders worden, gelt?« Mühsam gab der Gefragte ein zustimmendes Zeichen, wie einer, der gewohnt ist, diese Frage regelmäßig zu hören und stets in derselben Weise zu bejahen.

»Weißt du, Xaver, der Max und ich, sonst reden wir nichts, brauchen sonst auch nichts mehr zu reden, als von dem, der uns das angetan. Unser Mörder -«

»Ja, lebt denn der Schuft noch?«

»Freilich lebt er. In Giesing draußen, in Zivilversorgung, Fabrikaufseher.«

»Und ihr wißt seinen Namen und alles übrige wahr und gewiß? Ihr seid ganz sicher?«

Der Greis nickte: »Alles – und ganz sicher. Nicht wahr, Max, gelt?«

Da streckte sich Xaver und straffte seine Muskeln. daß er krachend am Dach anstieß: »Er lebt noch?«

Es klang wie ein Racheschrei.

Der Greis winkte ihm und sprach ihm ins Ohr: »Wir haben nur auf dich gewartet, Xaver.«

Der Vater tastete nach Xavers Hand, drückte sie mit unheimlicher Gewalt und führte sie aufs Bett und legte sie um des gelähmten Sohnes Handklumpen und spannte die seinige krampfhaft darüber -: »Der Pfarrer hat mir Absolution erteilt -«

*

»Wir haben nur auf dich gewartet.«

»Der Pfarrer hat mir Absolution erteilt.«

Xaver stürmte hinaus aus der Jammerhöhle. Hinein in die Nacht. An die brüllende Isar.

Das die Bedeutung seiner Heimkehr. Seine Mission.

Ein Schreck überkam ihn, eine Höllenangst, daß sich ihm die Haare sträubten. Seine Zähne schlugen klappernd zusammen.

Was ist das eigentlich? Kam er aus einer Fuselschnapskneipe? War er besoffen? Von Blut besoffen? Mord und Totschlag – was ist das mit ihm?

Schwarze Teufelchen tanzten in vollmondgroßen Feuerfunken vor seinen Augen, und grüne Schlangen.

Die brüllende Isar schäumte dunkelrot. War das der reißende Gebirgsfluß oder ein Blutstrom in tobenden Fällen und Stürzen, was ihn umbrauste?

Er drückte die Augen zu und umklammerte den Kopf mit beiden Händen, damit die arme Hirnschale nicht zerspringe.

Da kommt ein Weibsbild auf ihn zu. Soll er ihm an die Gurgel springen, die Kraft würgender Finger zu erproben? –

Seine Stiefmutter!

Seine Stiefmutter in Ausübung ihres nächtlichen Schandgewerbes.

Sie kennt ihn nicht im Dunkel.

Aber sein Auge hat die blitzende Schärfe des Raubtieres.

Soll er sie niederschlagen?

Herein zu mir, wirf sie die Böschung hinab! – brüllt der Fluß zu ihm herauf. –

Zögernd kommt sie auf ihn zu.

Er geht rückwärts, langsam, dem Ufer Schritt für Schritt näher.

Sie folgt ihm, wie von der magnetischen Kraft seines Blickes angezogen, willenlos, hypnotisiert.

Er immer langsamer, sie schneller.

Keine Seele weit und breit im dicken Dunkel.

Noch ein Schritt.

Er stürzt sich ihr entgegen, reißt sie in seine Arme.

»Mutter! Mensch!«

»Xav –«

Die Besinnung verläßt sie in seiner mörderischen Umklammerung.

Tränen stürzen ihm aus den Augen. Er schluchzt und heult.

Er stößt sie von sich, daß sie zu Boden fällt, und rennt fort, über Stock und Stein –

»Herrgott, hilft mir niemand? –«

Nach Giesing.

*

»Also hol' deine Sachen aus dem Wirtshaus, heut noch, Xaver. Da bleibst. Da oben ist deine Stube. So was versteht sich ganz von selbst. Im Lehel hast nichts zu suchen.«

»Ich weiß nicht, Herr Bogner –«

»Sag' Vetter, wenn du was sagen willst, Vetter, das gefällt mir besser, das fremdelt nicht so. Herr Bogner klingt ganz abgeschmackt. Wir sind ja doch Verwandte, wenn auch weitschichtige.«

»Es ist nur, Vetter –«

Aber der Vetter ließ ihn nicht zu Wort kommen.

»Ich will hoffen, Xaver, daß du ein Christenmensch blieben bist, mit dem Herz'n auf'm rechten Fleck. Ohne Religion geht nichts in der Welt. Gott läßt sich nicht spotten. Daß du da bist und da bleibst, soll uns allen zum Glück ausschlagen, verstanden?«

»Das schon, Vetter, aber –«

»Das kannst mir alles später sagen, Xaver. Das ist jetzt nicht die Hauptsach.«

»Ich weiß nicht –«

»Freilich weißt nicht alles. Ist auch gar nicht nötig. Das mußt dir aber gleich merken, daß es deine Leut' mir zu danken haben, daß sie überhaupt noch schnaufen können, verstanden? Lass' es drunten im Lehel gehen wie's geht, vorläufig wenigstens, da ist nicht viel zu richten. Du bleibst bei mir. Mein Haus ist dein Haus. Ich werde älter und bin viel in Anspruch g'nommen von der Politik und anderem, verstanden? Ich brauch' eine rechtschaffene Stütze. Du bist doch kein Sozi? Einen Sozi könnten wir freilich nicht brauchen!«

Bogner lachte breit heraus, fuhr jedoch gleich wieder fort, damit ihm Xaver das Wort nicht mit Einwänden wegschnappe:

»Da heraußen in Giesing wie drunten im Lehel sind wir Gott sei Dank alle katholisch; christliche und königstreue Männer. Und Innungsmeister bin ich auch. Also mit der Gesinnung, das versteht sich von selbst. Du trittst ein in mein Geschäft, oder übernimmst's ganz, wie dir's lieber ist. Ich bin nicht eigensinnig. Ich bin kein Freund von langen G'schichten. Zeit ist Geld, sagt man ja wohl bei euch in England -«

»Das schon, Vetter. Ich weiß nur nicht

»Brauchst weiter nichts zu wissen. Du bist der rechte Mann zur rechten Zeit. Es muß sein – wie dein Vater zu sagen pflegt. Oder bist in der Fremde gar so ein Schleckermaul worden, daß sogar ich, dein alter Vetter und Gönner, dir nimmer gut g'nug bin?«

»Das nicht, beileibe nicht, aber –«

»Kein Aber, wenn ich bitten darf, Xaver. Du kennst mich. Sieht du, die Lene ist eine gute Haut, du bist eine gute Haut, es läßt sich alles einrichten. Ihr seid mir lieb wie zwei einzige Kinder. Und je schneller alles g'macht wird, desto besser. Übrigens, so ein großes Geheimnis ist's nicht mehr, ich hab's schon einigen guten Freunden g'sagt, ganz im Vertrauen natürlich, daß du extra aus London 'kommen bist, aus alter Lieb' und Anhänglichkeit -«

»Was sagt denn die Lene selbst dazu?«

»Die Lene, Xaver? Daß du ihr der Liebste von allen bist. Von allen, verstanden? Ohne Konkurrenten bist du nämlich nicht. Das mußt du dir nicht einbilden, mein Lieber. Da sind verschiedene, die lecken mit allen Fingern danach. Der Aufseher in der großen Fabrik da drüben, ein tüchtiger Mann, der hat sich mir gestern wieder als Schwiegersohn antragen lassen. Nur a bißl gach ist er, ein Hitzkoller, ein ehemaliger Unteroffizier. Dein Max kennt ihn auch, leider Gottes. Aber das sind alte G'schichten.«

Xaver erbleichte.

Bogner dachte: »Der Xaver ist doch der reinste Idiot.« Dann fuhr er laut fort: »Da hat's keine Gefahr. Zwischen der Lene und mir ist alles abg'macht, zwischen mir und dir auch – also ist die Sache fertig. Komm jetzt mit zu einem Trunk. Wir haben uns ja ganz heiß g'redet. Einverstanden?«

Xaver nickte. Die Kehle war ihm wie zugeschnürt vor Trockenheit.

»Wir können dann im Wirtshaus gleich dein' Sach' mitnehmen.«

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