Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Michael Georg Conrad >

Die gute Haut

Michael Georg Conrad: Die gute Haut - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
booktitleLenzesfrische, Sturm und Drang
authorMichael Georg Conrad
year1996
publisherBuchendorfer Verlag
addressMünchen
isbn3-927984-55-8
titleDie gute Haut
pages145-152
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1890
Schließen

Navigation:

Das Kundengeschäft wurde in den schlechten Zeiten zu einem gräßlichen Gefrett. Man mußte sich die Beine auslaufen und die Zunge aus dem Halse reden, um Bezahlung zu erhalten. Meist selbst arme Hungerleider, Nachtarbeiter, Holzhacker, geringe Dienstboten – wollten sie die Sachen auf möglichst lange Borg haben.

So ging das klägliche Dasein fort, von einer Jahreszeit in die andere, ein verzweiflungsvoller Kampf um das bißchen Leben.

Obschon kaum an irgend etwas noch gespart werden konnte, die Not grinste aus allen Winkeln, und man mußte an neue Ersparnisse denken. Der Staat verlangt seine Steuern, die Stadt ihre Abgaben in barem Geld und am gesetzten Termin – und nicht wenig. Über hundert Prozent betrugen die Gemeinde-Umlagen, und was leistete die Gemeinde dafür in diesem verkommenen Vorstadtviertel am Mühlbach? Was hatte die gottverlassene Schuhmachersfamilie mit ihrem Häuflein Kinder davon? Der Lehrer mußte extra bezahlt werden mit dem Schulgeld, der Pfarrer, Doktor und Apotheker. Wie soll man da auskommen, wenn diese Leute alle mitzehren am schmalen Familienbissen? Und sich als Stadtarme einschreiben zu lassen, dagegen wehrten sich Vater und Mutter mit Händen und Füßen.

»Eher biet' ich mich in der Nacht auf der Gasse an, statt daß ich Gnadenbrot von der Gemeinde fresse!« schrie die Mutter.

Und der Vater wollte seiner bürgerlich politischen Rechte nicht verlustig gehen.

Also neue Einschränkungen. Es soll nicht mehr so viel Brot gekauft werden, und eine geringere Sorte. Die Mädel können manchmal heimlich eine Bettelsuppe an der Klosterpforte der Franziskanermönche holen. Der Verbrauch an Holz und Torf im Winter muß geringer werden. Gegenstände der Körperpflege wie Seife und dergleichen müssen völlig wegfallen. Entbehrliche Sachen aus der besseren alten Zeit, wie Spiegel, Leuchter, einige aufbewahrte alte Hochzeits- und Patengeschenke, in der großen blauen Familientruhe aus Großvaters Zeiten her unter dem Dache, werden hervorgesucht und ins Leihhaus getragen oder gleich beim Tändler zu Geld gemacht. So wenig es auch sei, es ist doch Bargeld. Die Krämer in der Nachbarschaft wollen nicht mehr borgen.

Das ganze Leben ist schon eine unausgesetzte Entbehrung, und doch muß man sich an jedem neuen Tage fragen: Was können wir heute entbehren, damit wir uns morgen durchbringen? Halt, da hängt ein alter Vogelkäfig an der Wand, von Spinnen übersponnen – fort damit! Was soll der grüne Efeustock am Fenster? Fort damit. Eine wenig gebrauchte Kupferpfanne in der Küche? Fort damit. Einige bessere Bettstücke? Fort damit. Stroh und Lumpen tun's auch.

Das Unmöglich muß möglich gemacht werden. Unglaublich.

Herrgott, wenn man sieht, wie's die Reichen treiben! Das wurde der Mutter tägliche Betrachtung. Warum haben die's so gut? Womit haben sie's verdient? Denen fliegt alles zu. Die Reichtümer wachsen von selbst, zusehends. Die Stadt verschönert sich. Überall mehrt sich der Luxus. Paläste werden gebaut, kostbare Denkmäler errichtet. Die Straßen und Anlagen wimmeln von eleganten Spaziergängern, prachtvolle Karossen sausen vorüber. Die Vornehmen wissen nicht wohin vor Wohlleben – Und die Armut der Armen wird täglich entsetzlicher. Wie zerschundene Lasttiere keuchen sie in Lumpen einher und wohnen schlechter, als das liebe Vieh der Reichen. Das Joch der Knechtschaft und des Elends im Nacken, die Sträflingskugel der Armen an den Beinen – ist das eine christliche Weltordnung? Gibt es grausameren Hohn auf die Predigt der Erlösung? Unter solchen Umständen war Xaver vor neun Jahren auf die Wanderschaft gegangen. Der Staat hielt den Handwerksburschen nicht zurück, ein Herzfehler ließ ihn als dienstuntauglich fürs Militär erscheinen.

»Die Welt steht dir offen«, sagte der Lehrherr in Giesing, als Xaver kam, Abschied zu nehmen.

»So gut wie deine Leut' daheim, kannst's draußen allweil haben. Und siehst ein Stück Welt dazu. Halt dich brav, Xaver! Da, nimm das als Wegzehrung.« Bogner drückte dem gerührten Jüngling ein Zehnmarkstück in die Hand. »Jetzt fecht' dich halt durch. Später werden wir weiter sehen. B'hüet di' Gott!«

Lene, die stolze Meisterstocher, gab ihm auch die Hand und weinte ihm sogar ein gefühlvolles Tränlein nach.

*

Lene war damals fünfzehnjährig und frisch wie Milch und Blut.

Dazu als einzige Tochter voll Übermut, und sah sie auch schon gern in lustige Bubenaugen, so wußte sie doch, was sie ihrem Stand schuldig war, und welche Ansprüche sie erheben durfte.

Ein Hallodri wie der Xaver – nein, das reichte nicht zu ihrer Höhe hinauf. Xaver war überdies kein lustiger Bub. Er hatte zuviel ausgestanden. Eine gute Haut, ja, das war aber auch alles.

Und sie das verhätscheltste Wesen im ganzen Haus.

Alles mußte sich nach ihr richten, Vater, Mutter, Gesellen, Lehrlinge.

Die Mutter zählte überhaupt nicht. Die war schwächlich an Leib und Geist, einäugig, schwerhörig, halb blödsinnig. Als sie der biedere Bogner geheiratet, hoffte er, der liebe Gott werde sie bald zu sich nehmen und ihm bloß den Geldsack zurücklassen. Die fromme Hoffnung schien sich aber in absehbarer Zeit nicht erfüllen zu wollen. So ließ man halt das Geschöpf in seiner stillen Ecke weiter vegetieren. Man merkte wenig von seinem Dasein, und besondere Störungen verursachte es auch nicht. Meister Bogner gewöhnte sich, in seiner Lebensführung auf die Gattin oder auf sogenannte eheliche Pflichten keine Rücksicht zu nehmen. Die Bahn war glatt, die »Alte« hockte abseits und merkte nichts. Und wenn sie etwas merkte, so verschlug 's ihm nichts.

Lene aber hatte das Wesen und auch die Natur ihres Vaters geerbt. Nur seine Klugheit und Schleicherei nicht. Das wäre ihr, der einzigen, vermöglichen und von Kindesbeinen an verwöhnten Meisterstochter, auch zu dumm gewesen, auf irgendwen und irgendwas Rücksicht zu nehmen. An Vergnügen nahm sie, was zu nehmen war, und wie sie in die Jahre der erwachenden und fordernden Sinnlichkeit kam, mußte ihr jeder Geselle, den sie hübsch und begehrenswert fand, zu Willen sein. Und die Gesellen ließen sich gar nicht lange befehlen, zu diesem Sklavendienst waren sie stets prompt zu haben.

Sobald aber der Meister etwas merkte, war's aus, und der glückliche Geselle mußte schleunigst die Platte putzen.

»Es war doch dein Ernst nicht?« nahm er die Tochter unter vier Augen ins Gebet. »Du weißt, die Ehre der Familie – deine Zukunft!«

»Was denkst von mir, Vater! Spaß ist's g'wesen! Du hast Recht, schick' den Lack'l fort, wenn er sich was einbild't.«

Da gab's in einem Jahr mehrfachen Abschub.

Lene hatte aber den »Spaß« bald selber satt.

Sie trug den Arbeitsleuten gegenüber die Nase höher, als jemals.

Und der Krug ging heimlich zum Brunnen mit einem Gärtnerssohn, zwischen blühenden Bäumen und duftigen Beeten.

Wie der Winter heranbrauste, mit Sturm und Kälte, Schnee und Eis, war es mit den nächtlichen Gartenfesten vorbei. Dafür kam anderes.

So schwanden die Jahre dahin.

Der Meister spekulierte und politisierte und lebte so viel nach außen, daß er an die Familie und seine verantwortungsvolle Familienhäuptlingschaft erst wieder dachte, als seine »Alte« starb. Sie war ausgegangen wie ein Licht, ohne Lärm, ohne Feierlichkeit. Das war schön und lieb von ihr. Sie hatte es wirklich verdient, daß ihr jetzt ein paar billige Tränen in das stille Grab mitgegeben wurden.

»Lene, jetzt wird's ernst. Was meinst? Hast dir was Passendes ausg'sucht?«

»Pressiert's, Vater?«

»Mir eigentlich nicht. Aber Zeit wird's halt doch so nach und nach.«

»Ja, so nach und nach. Pressieren tut's aber g'wiß nicht.«

»Nur immer die Augen auf, Lene, und keine Dummheiten!«

»Na, na – mir wär's g'nug.«

Bald nach dieser Unterredung kam ein Student ins Revier, ein Pharmazeut, ein heillos aufgeräumter Patron.

Und die Augen gingen auf – und gingen zu.

Es war Winters Ausgang, aber der Ausgang dauerte bis in den April und Mai hinein. Der Schnee wirkte auf die Liebenden wie höllisches Feuer. Lene vergaß den Vater, Gott und die Welt und jegliche Vorsicht.

Da war's geschehen.

Und wie endlich der Frühling kam, gab's gleich eine Hitze zum Verbrennen.

Der Student, ein Zugvogel, schwang sich über alle Berge, erstieg die Zugspitze – Lene, du hast mich gesehen! – kletterte hinüber auf die Freitorspitze, stürzte ab und brach den Hals.

Lene saß daheim, die Hände über dem Leib gefaltet.

Erst schrie der Vater, moralisierte, zitierte Gott und den Teufel. Das fruchtete nichts. Endlich kam ihm ein Gedanke, der ihm die Rettung dünkte. Keinem Menschen sagte er ein Wort davon. Spornstreichs lief er, sobald es dunkelte, zu dem Schuster Bernhuber im Lehel, überwand das Grauen, das ihn nicht über die Schwelle lassen wollte, und kam mit Xavers englischer Adresse spät in der Nacht wieder heim.

Bogner wütete noch einige Zeit, drückte seiner Tochter die geballte Faust unter die Nase und wurde erst ruhiger, als die Postanweisung nach London abgegangen war.

»Gott sei Dank, daß Zug in die Sache kommt.«

Zum Glück schien noch niemand etwas gemerkt zu haben.

Lene wurde von Tag zu Tag stumpfsinniger in ihrem Herzeleid. Ihr war jetzt alles gleich. Dem Spiegel jedoch wich sie aus. Das Bild war ihr zuwider, eine fremde Person, abgelebt, mit runzeligem Gesicht, dunkelgelben Flecken an den Schläfen, die Augen eingefallen, trüb –

Erst als ihr der Vater von der überraschenden Rückkehr Xavers sagte, ging ihr eine jähe Bewegung durch den Leib, daß sie aufschrie.

»Was will denn der, Vater?«

»Das werden wir sehen. Begegne ihm freundlich, wenn er zu uns herauskommt. Genier' dich nicht. Man sieht's noch nicht so arg. Er ist eine gute Haut.«

»Ja, das wird er wohl sein.«

Und Xaver kam. Zufällig traf er Lene allein im Haus.

Die Überraschung und Verlegenheit war gegenseitig.

Nachdem Lene zuerst sich gefaßt und Schreck und Scham niedergekämpft hatte, leuchteten ihre Augen freudig auf.

Xaver war wirklich ein netter, bescheidener Mann.

Sie reichte ihm herzlich die Hand: »Xaver, ganz so lieb und gut wie ehemals, ganz so siehst aus, nur stärker und mannhafter. Ich hab' so viel an dich denkt!«

»Prosit Mahlzeit«, dachte Xaver, »die hat auch ihr Teil.«

»Ja, die Jahre, die ändern manches«, bemerkte er in überzeugend naivem Ton.

Der Besuch war kurz.

»Komm' bald wieder, Xaver, wenn der Vater daheim ist. Der wird sich recht freuen.«

Xaver freute sich nicht. Er hatte das Gefühl, als hätte er einen Schlag ins Genick bekommen.

Wirr liefen ihm die Gedanken durcheinander. Endlich dämmerte ihm ein Zusammenhang auf. Die konfusen Lamentationen seines ehemaligen Lehrherrn in den Briefen nach London, die Übersendung des Reisegeldes – beschleunigte Heimkehr – wär's möglich?

»Humbug sagt man in England.« Er seufzte tief auf.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.