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Die gute Haut

Michael Georg Conrad: Die gute Haut - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
booktitleLenzesfrische, Sturm und Drang
authorMichael Georg Conrad
year1996
publisherBuchendorfer Verlag
addressMünchen
isbn3-927984-55-8
titleDie gute Haut
pages145-152
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1890
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2.

Jawohl, er mußte daheim alles noch fürchterlicher finden und unerträglicher, als er sich's draußen gedacht.

Viel Schlimmes, das sich mittlerweile zum Scheußlichen entwickelt und unausrottbar in alles Lebendige eingefressen, war ihm in der Fremde überhaupt aus dem Gedächtnis entschwunden oder wirkte nur noch ganz schwach auf seine Vorstellung oder stand vor seiner Phantasie wie eine menschliche Torheit, über die man sich als gereister Mensch hinwegsetzen konnte.

Wenn er, zum Beispiel, in seiner geräumigen, lustigen, hellen Werkstatt an der Themse oder in dem schönen Vereinshause seiner Londoner Gewerkschaft sich zurückdachte in die enge, schmutzige Bude an dem stinkigen Bach im Lehel, der verwahrlostesten Vorstadt von München, in die windschiefe, halb in den weichen Boden versunkene Hütte, die sein elterliches Stammhaus bildete – das war ein Moment, rasch und abgeklärt, wie ein Bildchen, das man durch den Nebel blitzen sieht und sofort wieder im Duft der Ferne verrinnt.

Aber jetzt bildete der Moment eine Kette, und das Bild hielt stand in unmittelbarer Wirklichkeit, und zu der Gegenwart, als ob's an ihr noch nicht genug wäre, wurde die ganze greuliche Vergangenheit lebendig.

Ja, das da war sein elterliches Stammhaus! Wahrhaftig, so hatte er's im Auslande niemals im Auge gehabt, am wenigsten in der Nase und im Ohr.

Wie da in dem Winkelwerk der zwei, drei Räume zur Erde und in einer Dachkammer alles durcheinander kugelte in heilloser Unordnung, Menschen und Tiere, Hausrat und Handwerkszeug, altes Gelump und neue Ware – die Luft zum Schneiden dick, gemengt aus Dunst, Staub, Qualm, Fäulnisgestank, die winzigen Fensterscheiben erblindet oder zerschlagen und mit Papier überklebt, die wurmzernagten, kotbeschmierten Türen schief in den Angeln – nur im verrufensten Osten von London hatte er ähnliche Spelunken getroffen.

Und hier, in dieser Gifthütte auf durchseuchtem Boden, hat Xaver das Licht der Welt erblickt und im Schutze der königlichen Haupt- und Residenzstadtverwaltung seine Jugend verlebt.

Mit fünf anderen Unglückswürmern, christlich getauften Kindern.

Nur ein Jahr eins vom andern altersunterschieden.

Alle gleich schlecht gefüttert, schlecht gekleidet, schlecht erzogen, den ganzen langen Winter kränkelnd, in schmutzigen, zerfetzten, von Ungeziefer starrenden Betten –

Die Mutter, zermartert, ein Jammergeschöpf, stets in Sorgen und übelster Laune, daß die ganze Hütte wiedergellte von Seufzen und Weinen, Klagelauten und Schimpfereien von früh bis spät. Sie hatte wohl, die gute Mutter, ein unausdenkbar schlechtes Los, aber das wurde doch nicht im geringsten dadurch verbessert, daß sie, beim winzigsten Anlaß, schimpfte und fluchte und die rohesten Worte förmlich herausspie. Beim fünften Kind starb sie im Wochenbett –

Und der Vater, dieser wunderliche Heilige mit seinem unerschütterlich gleichmütigen »Es muß halt so sein«, jahrzehntelang in diesem Pfuhl.

Nachdem sein erstes Weib gestorben, hatte er noch nicht genug, er nahm sich ein zweites und zeugte aufs neue Kinder, die so wenig zu nagen und zu beißen hatten, als die bereits vorhandenen.

»Es muß halt so sein.«

»Der stoische Philosoph auf dem Schusterstuhl«, nannte ihn der Doktor vom Lehel. Damit war auch nichts gebessert.

Eine stille Wohltäterin, die sich einstellte, als die Not am höchsten, die Frau Kommerzienrat Raßler aus der Quaistraße, machte ihm gelinde Vorwürfe über sein Eheleben. Damit kam sie jedoch bei der Stiefmutter schön an. Die war überhaupt in allen Dingen viel zu jung und zu frech.

So wuchs die armselige Familie heran in Dummheit und Elend aller Art.

Die älteren Knaben, endlich dem Zwang der Volksschule entwachsen, mußten in die Fabrik, wenn sie nicht bei einem Lehrmeister unterzubringen waren, die Mädchen hinunter ins Wäscherinnenviertel am Gries als dienstbare Gehilfinnen für alles.

Die »Fabrik« war auch darnach.

Eine sogenannte Pantoffelfabrik, deren Unternehmer selbst abgehauste Tunichtgute und arme Schlucker waren. Brüder, die in einer entlegenen Hofwohnung mit einem gemeinschaftlichen Weibe lebten. Das größte Zimmer des Rückgebäudes war für die »Fabrik« hergerichtet. Bis an die Decke hinauf waren Filzplatten aufgestapelt, aus reinem Filz, aber meist gestohlene Ware, und aus altem Filz und Stoffresten auf Pappe zusammengeleimt für die sogenannte Einlage. Da arbeiteten die Brüder, indem sie auf einem alten Tisch die Sohlen in verschiedenen Größen zuschneiden mußten.

Ein paar hundert Schritte weiter war die andere Fabrik, deren Spezialität im Zurichten von Katzen- und Hasenfellen für die Hutmanufaktur bestand. Das brachte den dort beschäftigten Bruder darauf, im Winter selbst auf die Katzenjagd zu gehen. In den Abendstunden durchstreifte er die ganze Gegend isarauf- und -abwärts. Keine Miezi war vor seinem Späherauge und seinen Jagdkünsten sicher. Die abgebalgten Katzen lieferte er in die Familienküche. Katzenbraten war der einzige erschwingbare Fleischgenuß. Das war stets ein hoher Festtag, wenn es fette Katzenbissen mit Kartoffelknödeln gab.

Erst protestierte der Vater dagegen aus Mitleid mit den abgeschlachteten Tieren, dann aß er aber selbst mit. »Es muß halt sein.«

Die Mädchen aus erster Ehe waren der Stiefmutter ganz besonders zuwider. Drum konnte sie dieselben nicht schnell genug vom Halse haben. Brachten sie nicht genug Erwerb heim, so wurden sie mit den wüstesten Schimpfnamen empfangen. Im Schimpfen war sie ihrer Vorgängerin weit überlegen. Da war gleich alles »Bankert« und »Schwein«, »Aas« und »Schindluder«.

Auch der Vater auf seinem Schusterstuhl bekam täglich seine Portion von Ehrentiteln von der zweiten Gattin ins Gesicht gespuckt: »Trottel«, »Rindvieh«, »alter Gauner«, »Bazi«. Er zog die Schultern hoch, duckte den Kopf und murmelte: »Es muß halt sein.«

Er wollte auch den geheimen Grund wissen, warum das arme Weib seelisch so verroht war.

Dem Doktor machte er einmal Andeutungen: Seine zweite Schwiegermutter – Gott habe sie selig – sei eine hartgeprüfte Frau gewesen. An einem heiligen Christabend habe sie aus Verzweiflung ihre Kinder, die vergeblich nach einem Weihnachtsbaum schrien, mit wahnsinnigen Worten verflucht, und ein Jahr später sei sie in der Christnacht auf offener Straße Hungers gestorben.

Der Vater wollte auch in seiner eigenen elterlichen Familie geheimnisvolle Schicksalsschläge erlebt haben, so daß er die fortgesetzte Verelendung seines Stammes wie eine Fügung des Himmels geduldig hinnahm. Er rückte aber in diesem Punkte mit der Sprache nicht heraus.

Er war überhaupt eine seltsam rätselhafte Natur. Oft sah man ihn, wenn er sich Abends ein wenig vom Sitzen erholen wollte, in der huschenden Dämmerung an der Isar stehen und in den reißenden Fluß hineinsprechen und hineingestikulieren.

Vollgepfropft von Aberglauben und Illusionen war der arme Mann.

In seinem Jammerleben hatte er vor der Zeit seine Haare und seine Zähne verloren, sein Leib war immer dürrer, sein Buckel immer schiefer geworden, nur seine Illusionen blieben vollzählig, frisch und grün. Unter den buschigen eisgrauen Brauen glänzten seine blauen Augen heute noch in kindlicher Einfalt und Zuversicht, sobald ihm jemand ein gütiges Wort gönnte.

Er glaubte sogar an die Geistlichkeit wie an richtige Volksbeglücker, wenn ihnen der Staat volle Freiheit ließe. Es störte ihn nicht, daß die Pfarrer, statt sich nach dem Gebote Christi ausschließlich den Armen und Elenden zu widmen und die Hilfsbedürftigen in ihrer Trübsal zu besuchen und den Mühseligen das göttliche Evangelium zu verkündigen, lieber herumschwadronierten in den politischen Vereinen, ihre Hände in alle irdischen Händel steckten, immer auf ihren weltlichen Vorteil bedacht und unersättlich in pfäffischer Herrschsucht.

Die Aufschneidereien der ultramontanen Patrioten und Geschäftskatholiken nahm er für bare Münze.

Wenn dann die Skandale losplatzten, der Schwindel aufkam und die Moral der »Führer« sich als Lug und Trug erwies, ersonnen, um ihren groben Eigennutz und ihr unchristliches Leben zu verhüllen, da schüttelte er wohl traurig den Kopf, fand aber bald sein mildes Lächeln wieder: »Es muß halt sein, wer weiß, wozu es gut ist!« Darüber mußte nun freilich sein junges Weib mit dem heftigem Temperament in arge Wut geraten: »Du Schlappschwanz, du! Ich tät' mich schämen. Ja, wenn ihr armen Tröpf' von Männern keine solchen Hasen wärt, mit der Schwindlerbande wär' längst aufg'räumt. In die Isar soll man sie schmeißen wie verreckte Hund', dann wird's besser in der Welt. Aber vorher soll man ihre Sünd' und Schand' aufdecken. In alle Zeitungen soll man ihre Sauereien setzen. In den Theatern soll man ihre leibhaftige Gschicht' spielen und in der Kirch' predigen, mit den rechten Namen dazu, dann wird den dummen Leut'n ein Licht aufgehn. Aber es is nix und wird nix, weil ihr andern elendige Schlappschwänz' seid und euch in jedes Mausloch verkriecht.«

Die Buben rissen bei solchen Wutreden der Stiefmutter, die ganz blaß und grün wurde vor Zorn, Augen, Mund und Ohren auf, während der Vater ruhig seinen Draht wichste und mit zahnlosem Mund sein »Es muß halt sein« murmelte. Der Dreck gehört einmal zum Leben, wie das Pech zum ehrsamen Schusterhandwerk. Da war weiter nichts zu machen.

*

Xaver hatte bei seinem Firmpaten Xaver Seraph Bogner in der Vorstadt Giesing keine allzu üble Lehrzeit. Zwar war Bogner auch nur Kleinhandwerker vom alten Schlage, aber er hatte sich einen tüchtigen Brocken erheiratet und war durch Fleiß und Klugheit in günstige Vermögensverhältnisse gekommen. Jedenfalls war das Schusterhaus in Giesing im Vergleich mit dem im Lehel ein wahres Paradies, und Xaver war wie im Himmelreich, wenngleich dem armen Lehrling keine Arbeit und Demütigung erspart wurde. Daß er nur aus Gnad' und Barmherzigkeit angenommen worden sei, bekam er oft zu fühlen, und daß der gestrenge Lehrherr ein weitläufiger Vetter von ihm war, durfte nie erwähnt werden.

»Meister«, nichts weiter.

Als Xavers Lehrzeit zu Ende ging, mußten seine älteren Brüder beim Militär einrücken. Max fiel in der Kaserne einem leberkranken Unteroffizier, einem gefürchteten Rekrutenschinder von ausgesuchter Bosheit in die Hand und wurde zum Halbinvaliden mißhandelt. Ludwig, ein körperschwacher, stiller Mensch, starb an einem Hitzschlag bei einem Gewaltmarsch in glühender Augustsonne.

Der Jammer war entsetzlich in der Familie. So waren auch diese Stützen, auf die der Vater lange in Sehnsucht gehofft, im Handumdrehen vernichtet. Es war zum Verzweifeln, zwei wackere, erwachsene Söhne, die noch so viel für ihre armen Eltern und Geschwister mit der Zeit hätten tun können, in Verderben und Tod getrieben zu sehen.

Monatelang saß der Vater ganz stumm, wie versteinert. Nicht einmal sein Leibwort kam ihm über die Lippen. Die Mutter tobte und raste und fluchte dem Staat alles Verderben an den Hals: »Dienst fürs Vaterland heißt man das – als ob wir armen Teufel überhaupt ein Vaterland hätten, oder als ob das Vaterland jemals nach uns fragte, außer wenn es unser Bettelgeld und unser Blut will – Dienst fürs Vaterland, wenn sie uns zwei Buben hinopfern, mitten im Frieden, ohne Grund und Ursach' – Gott im Himmel, hör' mich, ich verfluch' die ganze Wirtschaft!«

Max erholte sich allerdings nach und nach so weit, daß er als Aushilfsmaurer mit Ach und Krach in Arbeit gehen konnte. Aber der Lohn war schlecht und, bei den often Unterbrechungen durch rückfällige Krankheit oder durch die Witterung, ganz unsicher.

Der Erwerb des Vaters wurde gleichfalls unzulänglicher von Tag zu Tag, denn die Lebensmittelpreise gingen zusehends in die Höhe. Und wie plagte und strapazierte sich der arme Mann!

Jetzt mußte sich selbst die Mutter um einen Platz außer dem Hause umsehen, um einiges Bargeld zu verdienen. Sie fand lange nichts.

Endlich kam sie als Zugeherin zu einem älteren Herrn Pensionisten in der Pfarrgasse, einem übelberüchtigten Ausschweifling und Geizhals. Um verhältnismäßig mageren Lohn hatte sie während einiger Früh- und Abendstunden Haushaltungsgeschäfte bei ihm zu verrichten.

Er muß sich oft scheußlich gegen sie aufgeführt haben. Dann kam sie heim, ganz toll und abgehetzt, bis oben voll Wut und Ekel. Allmählich schien sie sich an den sonderbaren Herrn – er war ehemaliger Ministerialrat – zu gewöhnen. Er machte ihr auch allerlei Versprechungen für den Fall seines Ablebens. Als er plötzlich starb, kein Mensch wußte wie, man fand ihn einfach tot im Bett – hatte er die willige Aushilfsfrau auch nicht mit einem Pfennig ins Testament gesetzt, der Schmutzian. Nur ein schlechtes Bett, einen abgetragenen Schlafrock und den Leibstuhl hatte er ihr vermacht. Das dünkte selbst dem bescheidenen Vater zu wenig.

»Um den Preis kannst mir leid tun, Frau«, murmelte er, sie von der Seite ansehend.

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