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Die gute alte Zeit

Alice Berend: Die gute alte Zeit - Kapitel 9
Quellenangabe
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typeessay
authorAlice Berend
titleDie gute alte Zeit
publisherMarion von Schröder Verlag
printrunErste Auflage
year1962
firstpub
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
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Achtes Kapitel

Die Brüder Grimm. Links Wilhelm, rechts Jakob Grimm.
Daguerrotypie des Hamburger Photographen Biow.

In diese Republik gehörten gewissermaßen auch die beiden großen BRÜDER GRIMM, Jakob und Wilhelm. Sie sind mit ihren gemeinsamen Werken, der «Deutschen Grammatik» und dem «Deutschen Wörterbuch», die Begründer des Germanismus. Vor allem aber beschenkten sie den Bürgerstand der Welt, indem sie den unhebbar scheinenden Schatz der Weltmärchen, der in der Übereinstimmung und Wiederholung des Stoffes die Verwandtschaft aller Völker bezeugt, in «Kinder- und Hausmärchen» einzufangen verstanden; mit der notwendigen Dosis einer kleinen Erziehungsmoral. Dieses Werk fand sofort den größten Beifall und wurde in alle Sprachen übersetzt. Man weiß, daß es inzwischen in allen bürgerlichen Kinderstuben so selbstverständlich vorhanden ist wie Seife. Übrigens wurden diese Märchen von «Bearbeitern» für Mütter, Ammen und Kinder mundgerechter gemacht von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Viele verschwanden bei dieser Auslese, und gerade solche, die um ihrer Symbolik und Mystik willen die schönsten und wertvollsten waren, zumal wenn man bedenkt, daß Märchen durchaus nicht allein eine Kinderangelegenheit sind.

Seltsamkeit bleibt es, daß die «Erfinder» des «Hausmärchens» und damit der familiärsten Familienlektüre eigentlich den vollendeten Typ des korrekten und rechtschaffenen Hagestolzes darstellen, obwohl beide von ihnen in reiferen Jahren verheiratet gewesen sind, was aber beinah jeder ihrer Chronisten vergißt. Beide waren das Vorbild der Brudertreue in klassischer Bürgerzeit. Es war nur ein Jahr Altersunterschied zwischen ihnen. Sie blieben unzertrennlich von Jugend auf. Sie waren, was man in späterer leichtfertigerer Zeit «Musterknaben» nennen würde.

«Geregelter Fleiß unterstützte von jeher beider ausgezeichnete Anlagen. Sie arbeiteten zusammen, was sie besaßen, besaßen sie gemeinsam, was sie errangen, daran hatte jeder gleiches Recht, gleiche Freude, gleichen Genuß.» Sie trugen zusammen die «steife hessische Staatsuniform und den beliebten hessischen Puderzopf». Sie trugen gemeinsam auch die Sorge um jüngere Geschwister mit aufopfernder Wärme, strenger Güte und oft hilfloser Ängstlichkeit. So musterhaft wie sie selber waren diese Jüngeren nicht mehr. Es sah oft aus, als reizte sie die Tugendhaftigkeit der großen Brüder geradezu zum Gegenteil.

 

Aus Briefen, Erinnerungen und Anmerkungen ist man imstande, sich ihr Familien- und Zusammenleben vorzustellen; es zu schildern heißt gleichzeitig, ein großes Stück der damaligen Zeit und ihrer Gewohnheiten in der großen Stadt wie in der kleinen widerspiegeln, in seiner Wehmut, Gemächlichkeit und beschaulichen Heiterkeit.

Vierundsiebzig Jahre lang haben Jakob und Wilhelm zusammen gelebt. Sie hatten von Jugend auf immer eine Stube bewohnt und als Kinder in einem Bett geschlafen. Sie ruhen auch im Tode nebeneinander. Als Jakob den jüngeren Bruder begraben hatte, hat ihn die Aussicht auf den eigenen baldigen Tod getröstet, in Gedanken und Träumen hat er mit ihm weitergelebt, bis er ihm vier Jahre später folgte. Selten hat einer von ihnen in ihrer ersten Lebenshälfte Reisen gemacht ohne den anderen.

Erst als alle Geschwister versorgt waren, entschloß sich Wilhelm, schon nahe der Vierzig, Dorothea Wild zu heiraten. Jakob blieb bei ihnen, was allen selbstverständlich war, und «Dortchen» sprach im Spaß von «ihren zwei Männern». Sie hat jedem von beiden bis zum letzten Atemzug treu zur Seite gestanden. Auch Ludwig lebte noch mehrere Jahre im gleichen Haushalt.

Jakob schreibt nach Wilhelms Heirat an Görres:

«Unser Beisammenleben und Wohnen und ewige Gütergemeinschaft hat darunter nichts gelitten. Wir drei Brüder wohnen und essen zusammen, legen Einnahmen und Ausgaben zusammen, um uns leichter durchzuschlagen.»

Daß dies so friedlich vor sich gehen konnte, ist ein Beweis für «Dortchens» Vortrefflichkeit. Auch war sie als Nachbarskind von frühester Jugend an mit sämtlichen Geschwistern Grimm vertraut. Sie hat die Brüder bei ihrer Sammelarbeit der Volksmärchen tüchtig unterstützt und schon für den ersten Band mehr als ein Dutzend Märchen beigesteuert.

Das seltene Einvernehmen der beiden älteren Brüder hat nie eine Trübung erfahren. Keiner hat dem anderen je Kummer und Sorge gemacht, außer durch Krankheit. Ergreifend zeigte Jakob seine Herzensangst um den einmal schwererkrankten Wilhelm, indem er als Professor in seinem Vortrag, als er mehrmals steckenblieb, entschuldigend sagte: «Mein Bruder ist so krank.»

Die Erziehung der jüngeren Geschwister wurde ihnen nicht immer leicht. Ludwig, der Maler, machte ihnen vielleicht noch am wenigsten Sorge, immerhin mußten sie ihn ohne Amt und feste Einnahmen älter werden sehen, bis er mit zweiundvierzig Jahren endlich versorgt war. Die schwerste Aufgabe war, die fünfzehnjährige Lotte weiter zu erziehen, nach der Mutter Tode. Lotte «wollte sich nicht so recht zum Haushalt schicken», es gab Schwierigkeiten in der Dienstbotenfrage. Lotte «nahm sich der Wirtschaft gar zu wenig an». Jakob, der damals alles ins Politische übersetzte, klagte, daß Lotte «sich wie eine sich sträubende Provinz benimmt». Am schwierigsten aber war Ferdinand. Man wußte eigentlich nie, was er tat. Er schrieb und las viel, ohne daß jemand wußte, was er gearbeitet hatte. Er ging gern in Konzerte, Theater. Aber über alles, auch über Architektur und Bilder, machte er absprechende bittere Bemerkungen. Er verhehlte nicht, daß er alle für Esel hielt. Eine Zeitlang wollte er sogar zum Theater gehen, «also ins Gemeine», wie Wilhelm dies nannte.

Ferdinand war schon bedeutend moderner als die «Alten», und er verhehlte dies durchaus nicht. Er kritisierte es tüchtig, daß sich die Brüder in den Vorreden ihrer Bücher gegenseitig «Liebeserklärungen» machten.

Viel Familiäres und Zeitanschauliches «über alles, was Grimm hieß», gibt ein Brief des Malers Ludwig Grimm, als er einen Besuch in dem Grimmschen Heimatstädtchen Steinau machte, das für alle Brüder immer wieder große Anziehungskraft ausübte. Ludwig schreibt:

 

«Als ich morgens aufstand, wurde mir gesagt, daß mich viele Leute sehen wollten und schon lange draußen warteten, soviel halten die Leute auf unsere Eltern und uns alle. Da es Sonntags war, hatte ich mich geputzt und meine neue Uniform angezogen und dann die Leute zur Audienz vorgelassen! Schon von weitem hörte ich die alte Lies ‹ach Herrjeses, Herrjesechen›, sie hat geweint vor Freude. Es hat gar kein End genommen, soviel Leute sind gekommen, bis die schönen Kirchenglocken geläutet haben und wir in die Kirche gingen. Alle sagten: ‹Ach hätten wir doch Ihre lieben Eltern auch hier in Steinau! Kommt denn keiner Ihrer Herren Brüder einmal als Amtmann hierher?›

Es war mir schauerlich, als wir zusammen durch die Kirche gingen und die Leute dasaßen mit ihren Steinauer Kappen auf, vorn auf den Bänken die Bürger und weiter hinten die Bauern mit ihren langen Haaren, Rosmarin oder andere Blumen im Mund!

Später habe ich die ganze Kirche betrachtet und auch die Orgel, wo überall unsere Namen noch eingeschnitten stehen.» (Wilhelm schreibt einmal an Arnim: «Ich fand zweimal den Namen meines Vaters P. W. G., den er als Kind vor länger als siebzig Jahren da eingekratzt hatte, wahrscheinlich während der langen Weile, die ihm die Predigt machte.»)

«Der Wirt Eckhardt hat unseren Bienengarten gekauft, er schickte mir gleich den Schlüssel, damit ich ihn gebrauchen konnte, solange ich hier blieb. Wie oft war ich in dem lieben Garten, hätten wir Geschwister doch alle da einmal zusammen sein können! Ich saß wieder auf der Bank vor der großen Hütte, wo die liebe Mutter so oft still lesend gesessen, oft in Gedanken vertieft, was aus uns Kindern wohl einmal werden würde, und uns gewiß immer dem Schutze Gottes empfehlend! Wenn sie uns alle gesund und vergnügt um sich herumspringen sah, wurde sie wieder heiter. In Gedanken sah ich sie wieder mit uns im Garten langsam herumgehen, vor blühenden jungen Bäumchen stillstehen und mit Rührung sagen: Seht, Kinder, wie prächtig das Bäumchen blüht, das hat euer lieber seliger Vater gepflanzt.

In unserem Haus wohnt noch der Schneider Ziowski. Unten ist's verbaut; wenn man hineinkommt, ist links eine Stube. Unsere Wohnstube ist jetzt schmutzig und riecht nach Schneider. Sonst ist's in der Küche und überall noch unverändert. Im Hof ist der Gewürzbirnbaum umgehauen und der alte Stall neu aufgebaut. Im Garten steht noch der alte Fliederbaum, der weiße Rosenstock und alle Bäume, der alte Hügel, wo ich meinen Meisenkasten stehen hatte, ist auch noch da.

Der alte Hutmacher Klein hat mich aus lauter Höflichkeit fortwährend ‹Herr Kapitän› genannt, um vornehm deutsch sprechen zu wollen. Das dickste Ehepaar, das ich im Leben gesehen habe, ist der Wirt und seine Frau von der Krone. Er trug eine weiße Jacke, schwarze manchesterne Hose und hellblaue Strümpfe ... Der Doktor Wagner reitet noch auf einem kleinen Pferd in die Nachbarschaft ... Auf einem Spaziergang begegnete uns auch der Jochil (ein Jude, bei dem Jakob Grimm den ersten hebräischen Unterricht erhalten hatte).

Auf dem Kirchhof haben die Franzosen die Kirche zerstört, aber des Großvaters Stein ist unbeschädigt, und es blühen Blumen ums Grab.

Den Tag meiner Abreise bin ich noch morgens in aller Frühe in den lieben Biengarten gegangen und setzte mich auf der lieben Mutter Plätzchen. Alles war wie in den Kinderjahren, das hohe Gras mit seinen tausend Blumen, an denen die Tautropfen blinkten, Vogelsang allein unterbrach die feierliche Stille. – Nachts ein halb zwölf bin ich weggefahren, ich sah noch die Lies mit der Laterne aus dem Haus kommen, um mir noch Adieu zu sagen.»

Die Brüder Grimm durchlebten das 19. Jahrhundert bis weit über die Mitte hinaus. Ihre Geburtstage waren bis zuletzt hohe Festtage für ihre Kinder. Ein Bild ihres sanften Familienlebens bis zum Schluß ihres Weges gibt die Schilderung von Wilhelms Sohn Hermann:

«Soweit ich mich zurückerinnere, bekam Jakob immer auf demselben silbernen Teller, der nur bei dieser Gelegenheit gebraucht wurde, einen wahren Berg von Traubenrosinen, die er mit in sein Zimmer nahm, und ein Paar gestickte Pantoffeln, die er sogleich ergriff, an den neuen Sohlen roch, weil Ledergeruch ihm von den Ledereinbänden der Bücher her angenehm war, und sie dann mit fortnahm, um alsbald darin wieder zu erscheinen. Mein Vater Wilhelm erhielt am 24. Februar ebenso sicher einen Topf mit blaßroten Primeln, seiner Lieblingsblume, mit der für mich der Begriff von Geburtstag verbunden war ... Die Brüder hatten dasselbe kameradschaftliche Verhältnis zur Natur wie Goethe. Alles Blühende und Sprossende erfreute sie. Beide hatten dieselbe Art, von ihren Spaziergängen einzelne Blüten und Blätter mitzubringen, die sie in die am meisten von ihnen gebrauchten Bücher legten. Ihr ganzes Leben begleiteten diese Zeichen der Erinnerung. Oft ist auf den getrockneten Blättern das Datum und auch der Ort fein aufgeschrieben, von wo sie stammen.»

Die Brüder Grimm waren der Vortyp des Biedermeiers. Die Geduld und Ruhe, die um ihre Pfeifen schwebte, galt noch nicht allein dem eigenen Ich und seiner Bequemlichkeit.

Irgendwie drängte das Märchen damals dazu, in die Bürgergemeinschaft aufgenommen zu werden. Zu gleicher Zeit kamen WILHELM HAUFFS Märchen heraus «für Söhne und Töchter gebildeter Stände». Auch sie wurden mit Freuden aufgenommen in allen Ländern. Auch Hauff hatte seine Stoffe genommen, wo sie sich fanden, aber er war ein Dichter, ein lebensfroher obendrein. Seine Märchen haben die Buntheit der Sehnsucht und der Jugendwünsche. Hauffs eigenes kurzes Leben ist wie ein süddeutsches Volkslied vom Frühlingsmorgen, zu dem kein Abend denkbar wäre.

Ein Eilflug durch vierundzwanzig Jahre, der doch schon Ehetum und Vaterschaft umschließt – Hauff starb eine Woche nach der Geburt seines Kindes –, doch gefüllt mit Werken, die sechs Bände ausmachen und noch heute frisch sind wie am ersten Tag. Hauff war ein Lieblingsschriftsteller seiner Zeit und war doch selbst ihr übermütiger Kritiker. Eine heitere Skizze über Leihbibliothek und Publikumsgeschmack spiegelt vergnüglich einen geistigen Winkel jener Jahre:

«So saß ich denn manchen Vormittag in der Leihbibliothek, um die Leser und ihre Neigungen zu studieren.

Der Bibliothekar war ein alter, kleiner Mann, der in den zehn Jahren, die ich in seiner Nähe lebte, beständig einen apfelgrünen Frack, eine gelbe Weste und blaue Beinkleider trug; ich suchte ihm zu beweisen, daß er seinen Anzug nicht greller und abgeschmackter hätte wählen können; er brach aber, nachdem ich einiges Schlagende aus der Farbenlehre vorgebracht hatte, in Thränen aus und versicherte mich, er trage sich so und werde sich bis an sein Ende so tragen, denn von diesen Farben sei sein Hochzeitskleid gewesen, das er sich sechs Wochen vor der Hochzeit und leider zu früh habe verfertigen lassen; denn die Braut sei schnell am Nervenfieber gestorben. Der Bibliothekar hatte in seinem Fach eine vieljährige Erfahrung, und interessant war, was er zuweilen darüber äußerte. ‹Morgens›, sagte er zum Beispiel, ‹morgens werden am meisten Bücher ausgetauscht, das ist die Zeit der zweiten und dritten Theile. Es kommt nicht daher, wie ich anfänglich glaubte, daß zu dieser Zeit die Bedienten und Kammermädchen ihre Ausgänge in die Stadt machen, denn dann müßte sich dieses Verhältnis auch auf erste Theile erstrecken, nein, es kommt vom Nachtlesen her.›

‹Vom Nachtlesen?› fragte ich verwundert.

‹Davon, meine ich, daß die Leute interessante Bücher bei Nacht lesen. Ein großer Theil der Menschen, die jungen und ganz gesunden ausgenommen, kann nicht in derselben Minute einschlafen, wo sie zu Bette gehen. Zum Opium mag man nicht greifen, weil man damit, einmal angefangen, fortfahren muß; da gibt es nun kein besseres Mittel, als zu lesen.›

‹Gut, ich verstehe›, erwiderte ich; ‹aber Sie sagten ja selbst von interessanten Büchern: sind denn diese zum Einschläfern eingerichtet?›

‹Nicht alle und nicht für Alle; natürlich muß man unterscheiden, für wen Dies oder Jenes interessant sein kann. Sie kennen die Gräfin Winklitz? Nun, die kann am längsten nicht einschlafen; mich dauert nur das Kammermädchen, das ihr jede Nacht oft bis zwei Uhr vorlesen muß. Nun gebe ich einmal aus Irrthum dem Mädchen Görres' DEUTSCHLAND UND DIE REVOLUTION mit – Sie wissen, für den Kenner gibt es nichts Interessanteres – acht Nächte haben sie daran gelesen, und doch hat es nur 190 Seiten, und jedesmal ist die Gräfin um elf Uhr eingeschlafen. Das Mädchen wußte mir Dank für das ‹schläfrige Buch›. Kommt, um Ihnen nur noch ein Beispiel zu geben, kommt zu meinem großen Erstaunen der alte Professor Wanzer, der über Mathematik liest, in meinen Laden. Er habe seit zwanzig Jahren nichts Belletristisches mehr gelesen, als zuweilen die Traueranzeigen im MERKUR , und nun wünsche er doch wieder eine Übersicht über das zu bekommen, was einstweilen Gutes geschrieben worden. Ich fragte ihn, ob er von Walter Scott etwas gelesen? Er erinnert sich, von dem berühmten Mann gehört zu haben, und nimmt IVANHOE mit, IVANHOE , diese herrliche Geschichte! Den andern Tag kommt er ganz verdrießlich, wirft mir ein paar Groschen und den Scott auf den Tisch und sagt, die Rittergeschichten, die er in seiner Jugend gelesen, seien bei weitem schöner gewesen; er sei schon über dem ersten Theil eingeschlafen; bitte Sie ums Himmelswillen, über IVANHOE eingeschlafen!›

‹Aber wie hängt dies mit Ihren Beobachtungen über die zweiten und dritten Theile zusammen?› unterbrach ich ihn.

‹Nun, wir sprachen gerade von interessanten Büchern, und da kam ich auf die Gräfin und den Professor. Kommt aber ein interessantes Buch an den rechten Mann, so geht es, wie wenn ein Pferd flüchtig wird. Abends war man im Theater oder in Gesellschaft, man hat nachher gut zu Nacht gespeist und rüstet sich nun, zu Bette zu gehen. Die Lampe auf dem Tische am Bette ist angezündet, das Mädchen oder der Bediente hat einen ersten Theil zurecht gelegt. Alles ist in Ordnung, nur der Schlaf will noch nicht kommen. Man rückt die Lampe näher, man nimmt das Buch in die Rechte, stützt den linken Ellenbogen in die Kissen und schlägt das Titelblatt auf. Sagt der Titel dem Leser zu, hat er sich über das erste, oder, wie ich's nenne, Geburtsschmerzenkapitel hinüber gewunden, so geht es rasch vorwärts, die Augen jagen über die Zeilen hin, die Blätter fliegen, und solch ein rechter Nachtleser reitet einen Theil ohne Mühe in zwei Stunden hinaus. Gewöhnlich ist der Schluß der ersten Theile eingerichtet wie die Schlußszenen der ersten Akte in einem Drama. Der Zuschauer muß in peinlicher Spannung auf den nächsten Akt lauern. Unzufrieden, daß man nicht auch den zweiten Theil gleich zur Hand hat und dennoch angenehm unterhalten, schläft man ein; den nächsten Morgen aber fällt der erste Blick auf das gelesene Buch, man ist begierig, wie es dem Helden, der am Schluß des ersten Theils entweder gerade ertrunken ist, oder ein so sonderbares Pochen an der Thüre hörte und so eben ‹herein!› rief, weiter ergehen werde, und wenn ich um acht Uhr meinen Laden öffne, stehen die Johanne, Friedriche, Katharinen, Babetten schon in Schaaren vor der Thüre, weil gnädiges Fräulein, ehe sie eine englische Stunde hat, der Herr Rittmeister, ehe er mit der Schwadron spazieren reitet, die Frau Geheimräthin, ehe sie Toilette macht, noch einige Kapitel im folgenden Theil des höchst interessanten Buches lesen möchten.›

 

Ein Bedienter unterbrach uns. ‹Die Frau Gräfin von Langsdorf läßt sich ein Buch ausbitten›, sprach er.

‹Was für eine Nummer?›

‹Das hat sie nicht gesagt. Aber ich glaube, sie will eine Geistergeschichte.›

‹Geistergeschichte?› fragte der kleine Bibliothekar umhersuchend, ‹darf es auch eine Rittergeschichte sein? Die Geister sind alle ausgeblieben.›

‹Ja, nur etwas recht Schauerliches, das hat sie gerne›, erwiderte der Diener, ‹so wie das letzthin, die schwarzen Ruinen oder das unterirdische Gefängnis, das hat uns sehr gut gefallen.›

‹Liest Er denn auch mit?› fragte der kleine Mann mit Staunen.

‹Nachher, wenn die Frau Gräfin einen Band durch hat, lesen wir ihn auch im Bedientenzimmer.›

Kaum hatte sich der Diener der Gräfin, die gerne Schauergeschichten las, entfernt, so trat gemessenen Schrittes ein Soldat ein.

‹Für den Herrn Lieutenant Flunker beim fünfzehnten Regiment den blinden Thorwart vom alten Schott.›

‹Freund, hat Er auch recht gehört?› fragte der Leihbibliothekar. ‹Den blinden Thorwart vom alten Schott? Ich kenne keinen Autor dieses Namens.›

‹Es soll auch kein Auditor sein›, entgegnete der Soldat vom Fünfzehnten, ‹sondern ein Buch; der Herr Lieutenant sind auf der Wache und wollen lesen.›

‹Wohl! Aber vom alten Schott? Es steht weder ein alter noch ein junger im Katalog.›

‹Es ist, glaub' ich, derselbe, der so viel gedruckt hat, und den sich alle Korporals und Wachtmeister um zwei gute Groschen gekauft haben.›

‹Walter Scott!› rief der Kleine mit Lachen. ‹Und das Buch wird Quentin Durward heißen?›

‹Ach ja, so wird es heißen!› sprach der Soldat. ‹Aber ich darf den Herrn Lieutenant nichts zweimal fragen, sonst hätte ich wohl den Namen gemerkt, und er hat sich das undeutliche Sprechen vom Commandiren angewöhnt.›

‹So ist es denn wahr›, sprach ich, ‹daß die Werke dieses Britten beinahe so verbreitet sind als die Bibel, daß Alt und Jung und selbst die niedrigsten Stände von ihm bezaubert sind?›

‹Gewiß, man kann rechnen, daß allein in Deutschland sechzigtausend Exemplare verbreitet sind, und er wird täglich noch berühmter. In Scheerau hat man jetzt eine eigene Übersetzungsfabrik angelegt, wo täglich fünfzehn Bogen übersetzt und sogleich gedruckt werden.›

‹Wie ist das möglich?›

‹Es scheint beinahe so unmöglich, als daß Walter Scott diese Reihe von Bänden in so kurzer Zeit sollte geschrieben haben; aber es ist so, denn erst vor kurzer Zeit hat er sich öffentlich als Autor bekannt; die Fabrik habe ich aber selbst gesehen.›»

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