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Die gute alte Zeit

Alice Berend: Die gute alte Zeit - Kapitel 8
Quellenangabe
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typeessay
authorAlice Berend
titleDie gute alte Zeit
publisherMarion von Schröder Verlag
printrunErste Auflage
year1962
firstpub
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
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Siebentes Kapitel

Gehen wir noch einmal nach Frankfurt zurück, in die Stadt am Main. Nicht nur die Quelle des europäischen Kapitals war hier zu suchen, auch die Wurzel des Geistes. Hier stand Goethes Vaterhaus, hier befand sich einige Schritte davon das Stammhaus der BRENTANOS, das geräumige Patrizierheim «Der goldene Kopf» in der Sandgasse, wo der große Handelsherr Brentano tagsüber im hellen Überrock im Kontor saß, fleißig arbeitete und schnupfte, gemeinsam mit seinem Bruder, dem Herrn Senator.

Dieses Haus der Wohlhabenheit war auch überreich an Phantasie, Anmut des Geistes, Lebenslust, Überspanntheit. Es beweist, wie die gleiche Zeit, die sich in vielen Familien so tragisch auslöste, auch spielerisch, blumenbunt und leicht genommen wurde in der Sicherheit pekuniärer Unabhängigkeit.

Diese vielköpfige Familie, Schriftsteller und Dichter nicht nur auf der männlichen Linie, sondern auch von der Großmutter bis zur Enkelin, reichte mit ihren verwandtschaftlichen und freundschaftlichen Beziehungen beinahe in jeden Winkel des geistigen Lebens ihrer Zeit hinein und auf Jahrzehnte weit hinaus.

Ausnahmen bestätigen die Regel. Aus der Fülle dieser Familiengestalten mögen hier die unfamiliärsten auftreten, sie geben in der Umkehrung den Beweis dafür, daß ebenso wie der echte Bürger stets Dilettant im Künstlerischen bleibt, der Künstler, selbst wenn er «aus guter Familie», niemals fertig werden wird mit dem Bürgertum.

CLEMENS BRENTANO hätte man auch im Café du Dome zu Paris oder im Romanischen Café zu Berlin finden können, zumal in seinen späteren Lebensjahren, wo er selbst, der immer unglücklich Verliebte, ein wenig bequem geworden. Er beweist uns, daß der Kaffeehausliterat eigentlich eine Figur ist, die aus der Romantik zurückgeblieben ist.

Wir heute sind Clemens Brentano dankbar, ihm und seinem Schwager Achim von Arnim, für seine Volksliedersammlung «Des Knaben Wunderhorn». Er war eine Persönlichkeit, die ebenso viel Hemmungen auf den Weg bekommen wie Genialität. Es gab keine Sonderlichkeit, die Clemens nicht in seinem Leben ausprobiert hatte.

Mit dreiundzwanzig Jahren heiratete er die Schriftstellerin Sophie Mereau, die um dreizehn Jahre älter war als er. Diese begabte und sanfte Frau hat vieles um ihn gelitten, ehe sie ihm nach kurzer Ehe entrissen wurde.

Ein Brief von Clemens an Arnim sagt alles über ihn, Sophie und beider Schicksal, soweit es zusammengehörte, über eine Künstlerehe der romantischen Zeit:

«Ja, Sophie, die mehr zu leben verdiente als ich, die die Sonne liebte und Gott, ist schon lange tot. Blumen und Gras wachsen über ihr und dem Kinde, welches, getötet durch sie, sie tötete, Blumen und Gras sind sehr traurig für mich; ach, könnte ich nur noch traurig sein, ich blute aber kalt, und spiegle mich im Dolch und grinse und lächle. Sie war froh und gesund den 30. Oktober 1806, wir waren auf dem Schloß. Sie sah in die Sonne mit den Worten: ‹Ich will Dir einen Jungen gebären, wie die Sonne so feurig!› Aber die Sonne ging unter. Hinten im Schloßgarten wurden grade die schönen Linden abgehauen: ‹Ach, wenn nur die nicht umfällt, die wir aus unsrem Fenster sehen!› Sie eilte hin, sie bat, aber der Baum war schon unterwurzelt. Die Stricke zogen, er schlug vor ihren Füßen nieder. Da faßten wir uns in den Arm und gingen sehr erschüttert und sehr liebend, aber traurig nach Haus. Zu Haus war wunderlicher Besuch: die alte Lassaulx aus Coblenz, die Du kennst, und Görres mit seiner Frau, derselbe, der mir einmal so wütend ins Auge geschlagen. Er war auf demselben Schiff bis nach Heidelberg gefahren, auf welchem wir einst mit Sophien gefahren. Er war gekommen, Philosophie in Heidelberg zu lesen. Er bat mich herzlich wegen jener Geschichte um Verzeihung, wir liebten uns schnell, Sophie und seine Frau freuten sich herzlich auf einander. Sophie fühlte Wehen, mit unendlicher Freude und Seelenruhe rief sie mich hinaus. Ich trug die neue Wiege mit ihr in ihre Stube; da dachte ich, daß es die dritte neue Wiege war (zwei früher geborene Kinder waren gestorben) und weinte. Aber Sophie war wie eine Heilige froh. Sie neckte mich, und wir rüsteten zusammen die Wiege und das Geräte, ihre Stube hatten wir selbst noch dekoriert. Ich holte noch Dein Bild und eine Madonna, die hängte ich hinein, es war abends acht Uhr. ‹Nimm die Hulda (Tochter aus erster Ehe) und gehe mit Görres auf das Schiff, damit sie nicht jammert, wenn ich schreie; es wird bald vorüber sein!› Die Mutter Lassaulx blieb, ich ging aufs Schiff. Ich wartete, ich erzählte Görres, wie wir lagen auf jener Reise: wie Du unten lagst, wo Sophie lag, wo ich. Wie ich auf jenem Schiff damals in der Nacht sehr traurig war, wie ich Sophien weckte und ihr sagte: ‹Sieh, was unser Arnim so hübsch und grad da auf dem Boden liegt! Ach, wenn er tot wäre, Sophie, wenn Du und er tot wären!› Damals schliefst Du, und meine Tränen fielen auf Dein Antlitz, ich habe es Dir nie gesagt. Da ging Sophie hinaus aufs Verdeck, ich war eingeschlafen in großer Trauer. Da ich erwachte, war sie nicht da. Ich griff nach einer grünseidenen Decke, die sie bei sich hatte, die war leer, sie ist auch unter ihr gestorben. Ich drückte die Decke ans Herz mit dunkelm Schmerz und ging aufs Verdeck. Da stand sie, der Rhein rauschte, die Sterne spielten. ‹Liebe Sophie, warum bist Du allein heraus?› Sie war still. ‹0 antworte mir, ich bin entsetzlich traurig, ich liebe Dich entsetzlich!› – ‹Clemens, Du bist ein Dämon! Du bist wunderlich, Du bist ein Geist, kein Mensch!› – Da sprang ich auf und küßte sie heftig und war unaussprechlich glücklich. Diese Dinge erzählte ich dem ernsten, lächelnden Mann; er ist ein göttlicher Mensch, dieser Görres. ... Da ich nach Haus kam, hörte ich Sophie jammern: ‹Lieber Clemens, rufe mir den Arzt! Ach Gott, ach Gott, stärke mich.› Ich rief den Doktor Mai. Um zwölf Uhr kam die Mutter Lassaulx und sagte: ‹Das Kind ist da, man sucht es zu beleben, es ist ein Mädchen.› Und ich sprach: ‹Lebt mein Weib? Ich habe keine Freude an Kindern, sie sterben!› – ‹Ihr Weib ist sehr schwach!› – Da hörte ich Sophien schwer, schwer atmen; sie sagte: ‹Lebt mein Kind?› und starb, und die Erde starb, alles starb! Und ich schrie: ‹Arnim! Arnim!› und rang die Hände nach Deinem Bild. Und Schwarz und Zimmer und Fries trugen mich zu Görres auf das Schiff, und Görres drückte mich fest, fest ans Herz, und ich schrie immer: ‹Sophie, das Herz ist zerbrochen!› – Den andren Tag brachte mich Görres bis Darmstadt. ... Bettine trauerte mit mir, aber sie konnte meine Verzweiflung nicht ertragen. Ich ging (den 20. November) zurück und saß ein halb Jahr noch auf meiner Stube auf demselben Stuhl und weinte ...»

 

Clemens heiratete noch einmal, recht wenig glücklich und nur von kurzer Ausdauer. Verliebtheiten traten immer wieder auf, immer schwärmerisch und unbeglückend.

Mehrere Jahre lang verfällt Clemens ganz dem «Wunder Anna Katharina Emmerich», dem stigmatisierten Bauernmädchen aus Sondermühlen, deren Geschichte, ihre Wunden, deren Bluten am Freitag, und Nahrungslosigkeit überraschend ähnlich ist den Berichten über das «Wunder von Konnersreuth», einhundertundzehn Jahre später.

 

Sondermühlen, 22. September 1818

Der Arzt führte mich zur Emmerich, die er vorbereitet hatte, durch eine Scheuer, wo Flachs gebrochen wurde, und durch alte Hinterhäuser eine Treppe hinauf, durch eine kleine Küche in ein angeweißtes Stübchen. Da liegt die liebe Seele, das liebste, freundlichste, heiterste, reinste, lebendigste Angesicht, mit schwarzen, treuen, tiefen Augen voll Leben und Feuer, schnell wechselnder Farbe ...

Heute am 9. Oktober Freitags sah ich morgens alle die Wunderzeichen dieses armen, elenden Leibes bluten. Die Hände hatte ich bis jetzt allein gesehen; ich hatte bisher die Neugier nach dem Übrigen nicht, und habe es auch heute mit Scheu und Grausen getan; aber ihr Beichtvater bat mich darum, damit ich doch ein wahrhaftes Zeugnis ablegen könne. Das Lanzenmal in der Seite, unter der rechten Brust, ist am rührendsten für mich. Außer dem Kreuz auf dem Brustbeine hat sie, länger, als sie sich entsinnt, auch ein großes, daumenbreites, rotbraunes Kreuz auf der Magengegend, das nie Blut, sondern Wasser ergießt. Es geht durch Mark und Bein, diesen elenden Leib so wunderbar versiegelt zu sehen, diesen Leib, der sich nur mit den Händen und Füßen bewegen kann, aber sich weder emporrichten, noch sitzend zu erhalten vermag, und darauf einen Kopf voll Geist, Liebe, Innigkeit, Seligkeit und Freude, eine schnelle, hüpfende, freudige Rede, in beständigem Fluß und in ununterbrochener Begierde, zu trösten und wohlzutun ...

Nach dem Tod der Emmerich machte sich Clemens die Niederschrift ihrer Geschichte zur Lebensaufgabe. Alle Einkünfte aus dieser Arbeit fielen frommen Anstalten zu, obwohl Clemens in puncto Geld im Grund keine leichte Natur war, sondern eher eine rechnende, wie wenn die Handelsnatur der Vorfahren unter der künstlerischen Verschüttung auch ein wenig zu ihrem Recht kommen wollte.

Wie es in Clemens', des Patriziersohns, Münchener Stuben während der Niederschrift dieser Arbeit aussah, wissen wir aus vielen heiteren Berichten seiner Verwandten und Zeitgenossen. Am anschaulichsten schildert vielleicht der Maler und Radierer LUDWIG GRIMM (der jüngste Bruder der «Brüder Grimm») dieses Interieur:

«Clemens Brentano wohnte nicht weit vom Sendlinger Tor bei Schlotthauer. Aus seiner Stube hatte man die Aussicht auf die Kreuzkirche und deren Garten, eine stille, klösterliche Wohnung. Als ich nach den vielen Jahren, worin ich ihn nicht gesehen, in sein Stübchen trat, sagte er, ein Buch in der Hand haltend und den Kopf nach mir wendend: ‹Grüß Gott, Ludwig, setz dich neben mich und mach dir eine Pfeife an! Was macht der Jacob und der Wilhelm, war die Bettine kürzlich bei Euch?› usw. Statt seiner sonst so schönen, langen, schwarzen, glänzenden Locken trug er seine Haare jetzt kurz geschoren, und etwas grau geworden war er auch. Er war stärker im Gesicht und am Körper geworden und trug einen groben wollenen Kittel. In seiner Stube lag alles recht durcheinander, und in seiner Schlafkammer – auch sie stand voller Büchergestelle, dabei sein ärmliches Bett, eine schlechte Matratze auf einigen Brettern, und darüber eine abgenutzte Wolldecke – daneben war's noch ärger. Die weißen Kalkwände waren alle mit großen und kleinen Oelbildern, meist auf Holz gemalt, zugehängt, meist alten Bekannten, die er in Heidelberg und Landshut schon hatte.

Möbel waren gar keine da, nur eine Kommode, woraus die Schubladen genommen waren, die auf der Erde lagen und ein paar Stühle. Er selbst saß in einem Sessel, alles grob von Tannenholz gemacht; sein Arbeitstisch waren ein paar abgehobelte Dielen mit ein paar Füßen. Tisch, Stühle, Schubladen standen in der Stube herum, alles lag voller Bücher, Papierrollen, Kupferstiche, gedruckten und ungedruckten Papiers; ein alter Koffer in der Ecke, mit schmutziger Wäsche, die halb heraushing; sein brauner Ausgeheüberrock und sein Hut lagen da, wo er sie ablegte, und wenn er monatelang nicht ausging, blieben sie gewiß so an Ort und Stelle liegen. Viele Ölbilder standen noch an den Wänden. Die nächste Umgebung des Platzes, wo er saß, war mit verstreutem Tabak oder Tabaksasche bedeckt, und doch hatte er noch neben sich an der Wand ein Salzfäßchen hängen, in das er die Pfeifen ausleerte und reinigte. Die Stube sah aus, als wenn sie ihr Lebtag nicht ausgefegt worden wäre, aber er saß recht behaglich da, und um die Unordnung, den Dreck und Staub bekümmerte er sich sehr wenig.»

Das Merkwürdigste aber war, daß dieses Zigeunernest mitten in der ängstlich sauberen Wohnung eines biederen Ehepaares lag, das sich aus ungeschickter Gutmütigkeit dieses Eindringlings nicht zu erwehren verstanden hatte. Dieses Zusammenleben könnte beinah die lustige Szene eines Lustspiels sein: Bohemien und Biederleute, zwei Stände, die sich vielleicht allezeit ergänzen mußten und müssen.

Clemens Brentano hatte sich mit Gewalt hier eingenistet. Sein Einzug war in folgender Weise vor sich gegangen (aus dem Bericht seiner Schwägerin Emilie):

 

«Eines Abends trat ein Mann mit grauem Haar und sonnverbrannten, doch blassen, schönen Zügen, in grauem Rock, den Hut tief in der Stirne, in die Wohnung des Malers Professor Schlotthauer, Glockenstraße Nr. 11 in München, nach dem Hausherrn fragend, der abwesend war. Als die fromme, einfache Hausfrau ihm dies berichtete, fragte er: wer sie sei? und rief als ers gehört hatte: ‹Das ist recht! Ich bin Clemens Brentano und möchte gern bei Ihnen wohnen, wollen Sie mich aufnehmen?› Die Versicherung, daß dies unmöglich, da nicht Raum für ihn im Hause und schon andere Mietsleute aufgenommen, wies er zurück, mit Zuversicht behauptend, daß man Platz für ihn habe, da er sehr wenig bedürfe, daß er arm, krank, verlassen sei. Da er dennoch keine Zusicherung der Aufnahme erlangen konnte, fragte er, wo Schlotthauer zu finden und entfernte sich.

Am Abend erzählte der Eheherr seiner Frau, daß Brentano bei ihm gewesen und dasselbe Gesuch an ihn gestellt habe, und nochmals erkannten die Gatten nach gemeinschaftlicher Beratung, daß es nicht möglich, ihn aufzunehmen.

Gegen Abend des folgenden Tags erschien aber, ohne daß sie weiteres von ihm gehört hatten, Clemens, gefolgt von einem Kärrner mit Gepäck, vor Schlotthauers Wohnung und verlangte einzuziehen. Keine Gegenvorstellung schreckte ihn zurück, und die gutmütige Hausfrau räumte ihm endlich ihr bestes Zimmer ein, aus welchem er am nächsten Morgen die guten Meubles entfernte und tannene Tische, Büchergestelle usw. statt derselben aufschlug. Nach gewohnter Weise brach er dann einen Fuß aus einem Stuhl, um ihn zu seinem Sitze geeignet zu machen, hängte ein hölzernes Salzfaß an die Wand, welches ihm für die Tabaksasche diente, und hämmerte und wirtschaftete so rüstig, daß die Hauseigentümerin Klagen darüber zu erheben begann, die ihn aber nicht rührten. Er begehrte nun auch sogleich, daß in der Küche, durch die er gehen mußte, der Schornstein geschlossen und daß ein Schellendraht durchgeführt werde, damit, wenn er ihrer bedürfe, er Frau Schlotthauer schellen könne ...»

 

Von wunderbarer Tiefe sind Clemens' Briefe aus seinen letzten Lebensjahren. Wer so kurzsichtig war, ihn nicht früher liebgewinnen zu können, der wird sich nach dieser Lektüre demütig zu ihm bekennen müssen.

Könnte man Clemens als das Vorbild des späteren «Bohemien» bezeichnen, vom Bürgerstandpunkt aus, so seine Schwester Bettine als den ersten «Blaustrumpf», eine Bezeichnung, die die biedere Bürgerfrau und der ihr zuhörende Gatte in bald folgenden Zeiten für alle weiblichen Wesen hatte, die sich mit Kunst und Wissenschaft beschäftigten, was für den Bürger so viel zu bedeuten hatte, als unpraktisch, unhäuslich, unweiblich zu sein. Eine irrtümliche Auffassung, die der «Emanzipierung der Frau», wie der spätere Kampf zur Erlangung ihrer natürlichsten Rechte genannt wurde, ein schweres Hindernis werden sollte.

Bettina von Arnim (1785 - 1859).
A. von Achim-Baerwalde

Bettine, zierlich, anmutig, mit der besten Erziehung und durch ihre Herkunft schon mitten hineingestellt in den Kreis derer, die damals die geistige Welt ausmachten, war ein Bündel von Sprunghaftigkeit, hemmungsloser Phantasie, leidenschaftlicher Fürsorge, Güte und Überschwenglichkeit. Sie jonglierte mit ihren Gaben und ihrem Talent wie mit den bunten Federbällen, deren Wurf und Fang damals ein beliebtes Garten- und Rasenspiel waren, so wie es heute das Tennis ist. Bälle durch die Luft werfen zu müssen war allezeit ein verräterischer Spieltrieb der Menschheit.

In Bettines Jugend wechselten sich Exzentrizität, Sensation und Sentimentalität geschwind hintereinander ab. Die natürliche Liebe der Jugend zur Natur steigerte sich bei Bettine eine Zeitlang zu phantastischer Anbetung. Bis diese Begeisterung plötzlich auf Goethe übersprang.

Der Weg zu ihm, dem Größten seiner Zeit schon damals, wurde geschwind über den Fußschemel seiner Mutter gefunden. Möglich, daß die humorvolle «Frau Rat» sich wirklich freute, wenn Bettinchen zu ihr hereingesprungen kam, daß sie zum Willkomm gerufen: «Fang an zu plaudern, mein artig gut Mädchen!» Oder daß sie sagte: «Du bist mir lieber, mein Kind, als die Menschen, die sonst um mich herum grapeln», während sie selbst die Spindel drehen ließ mit hausfraulicher Mutterhand.

Frau Rat, die Grundgescheite, nahm die Menschen, wie sie sind, und zerbrach sich nicht darüber den Kopf, wie sie vielleicht hätten sein sollen. Sie hatte das ja auch nicht nötig, sich welche «zu schaffen nach seinem Ebenbilde», das konnte sie ihrem Sohn Wolfgang überlassen. Frau Rat Goethe, «Frau Aja», ist der schönste Typ der wohlhabenden Bürgerfrau, der vielleicht jemals gelebt hat und leben könnte, und der vergnüglichste und stolzeste Beweis für das Bibelwort: «An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.»

Das gleiche, mit kleiner Einschränkung, gilt für den Hausvatertyp, für Goethes Vater, der vielleicht ein strenger Pedant war, der extra ein Seitenfensterchen einbauen ließ, um besser beobachten zu können, wann sein jugendlicher Nachkomme am Abend oder gar erst im Morgendämmern nach Haus geschlichen kam, der aber seinen Kindern statt Bilderbücher die alle Phantasie bestärkenden Landkarten zeigte, auf denen die Wege zu sehen waren, die er auf weiten Reisen zurückgelegt hatte in eigenen Jugendjahren. Der Bilder sammelte, Kupferstiche und Münzen, der, wenn er ein Philister gewesen, ein famoser Philister war, wie sie jeder Lebenslauf brauchen könnte, und vor allen Dingen die Nichtphilister – zur Förderung. Aus Gegensätzen baut sich alles auf, nicht zum geringsten die Bürgerwelt.

Bettine also begann an Goethe Liebesbriefe zu schleudern – an Goethe, der damals schon sechzig geworden – in kecker, dichterisch glänzend gelungener Naivität. Daß auch Genialität zwischen der kindhaften Verhimmlung sprüht, beweisen Worte wie: «Du bist ewig! Darum ist es gut mit dir sein!» Obwohl den ersten ihrer Briefe an Goethe heute kaum das sporttüchtigste Mädchen mehr zu senden wagen würde, an jemanden, den sie für einen Goethe hält. Man prüfe selbst:

«Liebe, liebe Tochter! Nenne mich ins künftige mit dem mir so teuren Namen Mutter – du verdienst ihn so sehr – so ganz und gar. – Mein Sohn sei dein innig geliebter Bruder – dein Freund – der dich gewiß liebt, und pp.:

Solche Worte schreibt mir Goethes Mutter; zu was berechtigen mich diese? – Auch brach es los wie ein Damm in meinem Herzen. Ein Menschenkind, das allein steht auf einem Fels, von allen Winden und reißenden Strömen umbraust, seiner selben ungewiß, hin und her schwankt auf schwachen Füßen, wie die Dorne und Distlen um es her; so bin ich! so war ich, da ich meinen Herrn noch nicht erkannt hatte; nun wend ich mich wie die Sonnenblume nach meinem Gott; und kann ihm mit dem von seinen Strahlen glühenden Angesicht beweisen, daß er mich durchdringt. O Gott! darf ich auch? und bin ich nicht allzu kühn?

Und was will ich denn? Erzählen, wie die herrliche Freundlichkeit, mit der Sie mir entgegenkamen, jetzt in meinem Herzen wuchert, alles andre Leben mit Gewalt erstickt? wie ich immer muß hinverlangen, wo mir's zum ERSTENMAL wohl war? – Das hilft alles nichts – die Worte Ihrer Mutter! – Ich bin weit entfernt, zu glauben, daß ich den Anteil besitze, den ihre Güte mir zumißt – aber diese haben mich verblendet, und ich mußte zum wenigsten den Wunsch befriedigen, daß Sie wissen möchten, wie mächtig mich die Liebe in jedem Augenblick zu Ihnen hinwendet; auch darf ich mich nicht scheuen, diesem Gefühl mich hin zu geben, denn ich war's nicht, die mir es ins Herz pflanzte. Ist es denn mein Wille, wenn ich plötzlich aus dem augenblicklichen Gespräch hinübergetragen bin, zu Ihren Füßen, dann setze ich mich an die Erde, und lege den Kopf an Ihren Schoß, oder ich drücke Ihre Hand an meinen Mund, oder ich steh und halt mich fest am Hals, und es währt lange, bis ich eine Stellung finde, in der ich verharre, dann fang ich an zu plaudern, wie's meinen Lippen behagt, die Antwort aber, die ich mir in Ihrem Namen gebe, spreche ich mit Bedacht aus: mein Kind! mein artig gut Mädchen! liebes Herz! sag ich zu mir, und wenn ich denn bedenke, daß Sie vielleicht wirklich es sagen könnten, wenn ich so vor Ihnen stände, dann schaudre ich vor Freude und Sehnsucht zusammen. – O wie viel hundertmal träumt man! und träumt besser, als einem je wird ...

Ich wollt, ich könnte meinen Brief mit einem Blick in Ihre Augen schließen, schnell würde ich Vergebung der Kühnheit heraus lesen, und diese noch mit einsieglen, ich würde denn nicht ängstlich sein, über das kindische Geschwätz, das mir doch so ernst ist; o Sie wissen wohl, wie übermächtig, wie voll süßen Gefühls das Herz oft ist, und die kindische Lippe kann das Wort nicht treffen: den Ton kaum, der es wiederklingen macht ...»

 

Oder:

 

«Wenn ich abends allein in meinem Zimmer bin, und des Nachbars Lichter den Schein an die Wand werfen, zuweilen auch Deine Büste erleuchten, oder wenn es schon still in der Stadt ist, in der Nacht, hier und dort ein Hund bellt, ein Hahn schreit, ich weiß nicht, warum es mich oft mehr wie menschlich ergreift, ich weiß nicht, wo ich vor Schmerz hin will, ich möchte anders als wie mit Worten mit Dir sprechen, ich möchte mich an Dein Herz drücken, ich fühl, daß meine Seele lodert; wie die Luft so fürchterlich still ruht kurz vor dem Sturm, so stehen denn grad meine Gedanken kalt und still, und das Herz wogt, wie das Meer. Lieber, lieber Goethe, dann löst mich eine Rückerinnerung an Dich wieder auf, die Feuer und Kriegszeichen gehen langsam an meinem Himmel unter, und Du bist wie der hereinströmende Mondstrahl. Du bist groß und herrlich und besser als alles, was ich bis jetzt erlebt hab, Dein ganzes Leben ist so gut.»

 

«Gehirnsinnlichkeit» nannte Bettines Zeitgenosse, der Fürst Pückler-Muskau, diese Produktion.

Goethe aber antwortete, Goethe ließ sich besuchen von «dem Kind», sich schmeicheln und küssen.

Wie es Goethe verstand, von jedem Vorteil für sein Schaffen zu ziehen, dafür ist folgender Brief ein Beweis:

 

«Nun bin ich, liebe Bettine, wieder in Weimar ansässig und hätte Dir schon lange für Deine lieben Blätter danken sollen, die mir alle nach und nach zugekommen sind, besonders für Dein Andenken vom 27. August. Anstatt nun also Dir zu sagen, wie es mir geht, wovon nicht viel zu sagen ist, so bringe ich eine freundliche Bitte an Dich. Da Du doch nicht aufhören wirst, mir gern zu schreiben, und ich nicht aufhören werde, Dich gern zu lesen, so könntest Du mir noch nebenher einen großen Gefallen tun. Ich will Dir nämlich bekennen, daß ich im Begriff bin, meine Bekenntnisse zu schreiben; daraus mag nun ein Roman oder eine Geschichte werden, das läßt sich nicht voraussehen; aber in jedem Fall bedarf ich Deiner Beihülfe. Meine gute Mutter ist abgeschieden, und so manche andre, die mir das Vergangne wieder hervor rufen könnten, das ich meistens vergessen habe. Nun hast Du eine schöne Zeit mit der teuren Mutter gelebt, hast ihre Märchen und Anekdoten wiederholt vernommen und trägst und hegst alles im frischen belebenden Gedächtnis. Setze Dich also nur gleich hin, und schreibe nieder, was sich auf mich und die Meinigen bezieht, und Du wirst mich dadurch sehr erfreuen und verbinden. Schicke von Zeit zu Zeit etwas und sprich mir dabei von Dir und Deiner Umgebung. Liebe mich bis zum Wiedersehn. – G.»

Goethe verwertete Bettines Mitteilungen beinah wörtlich in «Dichtung und Wahrheit». Bettine wiederum gab Briefe und Gegenbriefe ungeniert verfälscht durch Phantasie und Laune dreibändig heraus, übersetzte sie sogar selbst ins Englische. Alle ihre Erlebnisse wurden mehrbändige Bücher.

Aber das alles wäre nur einseitige Beleuchtung dieses bunten Wesens. Bettines Schwärmerei befestigte sich später zu starkem sozialem Empfinden. «Sie war während der Cholera die Bewunderung von ganz Berlin.» Sie kümmerte sich nicht nur mit Worten, sondern mit tüchtigen Taten und aus eigenen Mitteln um Arme, Unglückliche und ungerecht Behandelte jeder Art. Hier zeigte sich das Siegreiche ihres Wesens in menschlich vornehmster Deutung.

Wie diese ungewöhnliche Frau sonst mit den bürgerlichen Dingen zurechtkam oder wenigstens zurechtzukommen versuchte, ist eine anmutige Angelegenheit. Ihre Unbürgerlichkeit ist zweifellos einer ihrer größten Reize, sie war es wohl auch, die Goethe gefallen mußte, die er ihren «italienischen Einschlag» nannte. Schon ihre heimliche Trauung war ein Unikum und hätte teils von Molière teils von Boccaccio erfunden sein können. Achim von Arnim beschreibt sie selbst:

 

«Den 11. März hatten wir dazu bestimmt, nachdem das letzte Aufgebot in lutherischer und katholischer Kirche den 10. vollendet war, uns zu verheiraten. Die Unterschrift von Ehepakten gab mir die Veranlassung, Bettinen allein abzuholen, und ihr die Gelegenheit, sich sorgfältiger, als gewöhnlich, anzukleiden. Aber ein unseliger Umstand hätte beinahe alles gestört. Der katholische Küster, statt mir den Aufgebotschein zu schicken, war damit zu Bettinen gelaufen, dort von Savigny an mich zurückgeschickt worden, und so schwebte ich ihm nach, ohne ihn zu treffen, ungeachtet ich in dem Ärger die meisten Leute, die etwas Küsterhaftes in ihrem Ansehen hatten, auf der Straße anrief, ob sie katholische Küster wären, worauf mir einer mit: ‹Gott bewahre mich davor!› antwortete. Ganz in Schweiß gebadet, beschloß ich endlich mit Bettinen ohne Aufgebotsschein zum alten Prediger Schmid zu fahren, dessen goldne Amtsfeier Bettine einen Monat vorher mit besingen half. Der würdige Alte machte auch keine Umstände wegen des mangelnden Scheines, auf seiner Bibliothek ruhten wir erst in einem grünseidenen Sopha aus und ließen die ersten ungestümen Bewegungen des Herzens vorübergehen. Seine Frau, die mich seit drei Generationen gekannt hatte, ich meine, in meinen Großeltern, erzählte von meiner Jugend, und wie ich oft so ernst damals gewesen; sie war die einzige Zeugin unsrer Trauung und ersetzte den mangelnden Myrthenkranz Bettinens, die unsre hiesige Gewohnheit nicht kannte, nach der er ein bedeutendes Zeichen ist, mit dem ihren, welchen sie vor fünfzig Jahren getragen; es war ein zierlich Krönchen, grüne Seide kraus über Draht gesponnen zur Nachahmung der Myrthe, wie es in jener Zeit Mode. Bettine glich darin mit dem schwarzgescheitelten Haare einer Fürstin älterer Zeit. Der alte Prediger sprach mit sicheren, prunklosen Worten sehr eindringlich, wie Gott alles vollende, was mit Gott angefangen und unternommen sei; wir tauschten die früher einander geschenkten Verlobungsringe aus ... Erst Abends kam ich wie gewöhnlich zu Savigny, wir fuhren mit ihnen zu einer Ausstellung, wo ein langer Zug über eine Brücke zur Kirche zu sehen, den wir für unsern Hochzeitszug annehmen konnten. Abends sprengte ich ein Glas halb aus Versehen, halb in Absicht, indem ich mit Clemens ein alt Studentenlied ‹Vivlala, ich fahr damit ins Unterland› sang; dies abgesprengte Glas soll recht zierlich geschliffen werden mit der Inschrift: ‹Mensch, hilf dir selbst, so hilft dir Gott.› Zum Glück für unsre Heimlichkeit war Clemens schon seit einiger Zeit gewöhnt, weil ich gern mit Bettinen noch etwas zusammenblieb, voran nach Hause zu gehen; ich mußte ihm meinen Schlüssel geben, er wollte ihn aufs Fenster für mich legen. Als er fort war, gingen Savignys auch zu Bette, ich tat, als wenn ich Abschied nähme, trabte die Treppen in Begleitung der kleinen Kammerjungfer hinunter, als ob ich schwer beschlagne Hufeisen trüge, unten aber schlug ich die Tür scheinbar zu, zog dann die Stiefel schnell aus, und war in drei Sprüngen in Bettinens Zimmer, das mit großen Rosenstöcken und Jasminen, zwischen welchen die Nachtlampe stand, sowohl durch den grünen Schein der Blätter wie durch die zierlichen Schatten an der Decke und Wand verziert war. Die Natur ist reich und milde, was aber von Gott kommt und zu Gott kehrt, ist das Vertrauen. Früh schlich ich unbemerkt fort.

Fünf Tage darauf erzählte Bettine Savigny und der Gundel das ganze Ereignis. Da sie aber an ihr dergleichen Erdichtungen gewohnt waren, womit sie ihnen unschuldig die Zeit vertrieben, so wurden sie diesmal etwas böse, daß sie ihnen so leichtsinnig von etwas vorschwatze, das ihr heilig sein sollte. Erst am andern Morgen überzeugten sie sich von der Wahrheit des ganzen Vorgangs, und nachdem ihnen die üble Laune vergangen, um einige Beobachtungen betrogen zu sein, gaben sie uns sowohl wie Clemens recht, daß wir, die wir beide in mancherlei Art bekannt mit vielerlei Leuten, beide nicht so jugendlich unbesonnen, um alles um uns her zu übersehen, beide abgesagte Feinde aller Gratulationen und Hochzeitsspäße, uns auf diesem Wege allen entzogen hatten ...»

 

Wie sich die Ehe gestaltete, erfahren wir aus den Jugenderinnerungen von E. von Willich ein wenig:

«Es war eine kuriose, obwohl nicht gerade unglückliche Ehe. Beide gingen freundlich neben einander her. Beide waren viel in Gesellschaft, wenn sie aber zufällig zusammentrafen, so ging er fort, denn für ihn war es unbequem, wenn seine Frau, wie stets der Fall war, in seiner Gegenwart der Mittelpunkt eines huldigenden Kreises war, in dem sie stets fast ausschließlich das Wort führte, außerhalb dessen er sich bewegen sollte.»

Von ihrer Wohnung heißt es:

«Sie wohnte (1846/47) unter den Linden und hatte eine Einrichtung von aristokratischer Eleganz und gewähltem Geschmack, in der oft eine kleine, poetische Unordnung, oder Seltsamkeiten für jene Zeit, wie in einer feinen Vase ein großer Strauß von wilden Blumen, Gräsern und blühenden Fruchtzweigen auffiel, den sie auf einem Spaziergang gesammelt hatte.»

Hermann Grimm, der Schwiegersohn, gedenkt seiner Schwiegermutter in Worten wie:

«Bettina war nie krank, nie, bis auf die allerletzten Lebensjahre, auch nur leidend, nicht einmal besser oder schlechter aufgelegt, was doch sonst das allgemeine Los ist. Es lag etwas Siegreiches in ihr. Völliges Vertrauen beseelte sie, daß alles auf gutem Wege sei ...

Alles, was mir von Erinnerungen an sie aufsteigt, ist freudiger, freundlicher Natur. Immer sehe ich sie vor mir als mit ganz bedeutenden Dingen beschäftigt. Nicht einen Moment wüßte ich aufzufinden, wo ich sie kleinlich oder für den eignen Vorteil bemüht gesehen hätte. Sie gleicht Goethe darin in meinen Augen, bei dem auch jede Handlung von dem gleichen Lichte innerer Erleuchtung, die aus ihm herausströmend die Dinge um ihn her anstrahlte, beschienen war. Nur von wenigen vornehmen Geistern hat das zu allen Zeiten gesagt werden können.»

Bettina nannte ihre Familie und weitverzweigte Verwandtschaft samt Nachkommenschaft einmal «eine kleine Republik für sich», wo man Krankheit und Müdigkeit nicht zu kennen schien, die Alten nichts vom Tode wissen wollten, die Jungen nichts vom Älterwerden und die meisten auch das höchste Maß der Jahre erreichten.

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