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Die gute alte Zeit

Alice Berend: Die gute alte Zeit - Kapitel 4
Quellenangabe
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typeessay
authorAlice Berend
titleDie gute alte Zeit
publisherMarion von Schröder Verlag
printrunErste Auflage
year1962
firstpub
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
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Drittes Kapitel

Blicken wir in das Deutschland der gleichen Zeit. Wir kommen vom Esprit zur Philosophie, vom Temperament zum Verstand. Aber wir sehen mit Staunen, daß die gleiche Zeit überall mit den gleichen Säften arbeitet, wenn sich auch ihre Formen und Blüten so verschiedenartig zeigen, daß ihre Zusammenhänge und Umrisse erst deutlich werden, wenn sie aus jener klaren, kalten Luft ragen, die Vergangenheit heißt.

In den Jahren, als nach Rousseaus Tode seine «Beichte» veröffentlicht wurde und das Leben dieses ewig Ruhelosen noch nach dem Tode in ein heftiges Für und Wider gezogen wurde, als Beaumarchais sein Zickzackleben zu Ende jonglieren mußte, hatte der «Magister» und spätere Professor IMMANUEL KANT zu Königsberg in Ostpreußen seine unverbiegbare Logik weitergegeben. Der kategorische Imperativ war eine geistige Umwälzung, die sich mit jedem Staatsumsturz messen konnte. Nicht nur das: jede übertraf. Mit dem kategorischen Imperativ war das preußische Pflichtgefühl geboren. Als philosophischer Begriff in die Welt gesetzt, begann im Lauf des neuen, kommenden 19. Jahrhunderts die Pflicht, kategorisch herunterzusteigen vom Katheder, in die Büros, in die Schulen, in die Familien.

Unsere Feststellungen hier wollen sich nur um das Bürgerliche im Leben des einzelnen kümmern. Aus dieser Folgerung heraus ist das Testament Kants ein überaus bemerkenswertes Dokument. An äußerem Umfang stellt es beinahe eine kleine Broschüre dar. Aber es enthält kein sentimentales Wort, überhaupt nichts, das hinausginge über «das Ding an sich». Ein vielparagraphiger Anhang exakter Hinzufügungen gilt nur Legatsänderungen entlassener, neuhinzugekommener oder wieder in den Dienst zurückgekehrter Dienstboten, mit denen der Junggeselle Kant mancherlei kleine Verdrießlichkeiten gehabt haben mag. Auch die Bestimmungen über sein Begräbnis sind mit peinlicher Genauigkeit angegeben.

Das ganze Schriftstück ist ein so eigentümlicher Beweis einer bis auf den Gipfel getriebenen Rechtlichkeit, daß wir es teilweise wenigstens hier folgen lassen möchten. Eine Persönlichkeit, die sich im Leben nie um diese kleinlichen bürgerlichen Dinge gekümmert, nur ganz selten Zeit und Umstellung freibrachte, um auch nur brieflich mit seinen Angehörigen verkehren zu können, ist überängstlich bemüht, rechtlich für sie zu sorgen nach seinem Tode, obwohl Alter und Krankheit schon ein wenig unschlüssig und launenhaft zu machen versuchen. Man fühlt Respekt, beinahe Schreck. Man lese selbst:

27. Febr. 1798

Dies ist mein letzter Wille.

Zuvörderst erkläre ich mein älteres, beim Stadtgericht den 29. August 1791 deponiertes Testament durch das gegenwärtige für aufgehoben und will, daß das gegenwärtige allein nur, sowohl in Ansehung der Erbeseinsetzung, als in Ansehung der Vermächtnisse gelten soll.

Ich erkläre also zu Erben meine noch lebenden nächsten Verwandten, nämlich:

1. meine im St.-Georgen-Hospital versorgte einzige Schwester, die geborene Barbara Kantin, verwitwete Theuerin,

2. die Kinder meiner zuletzt verstorbenen Schwester, der verheiratet gewesenen, nachher von ihrem Manne geschiedenen Kröhnertin, so weit sie an meinem Todestage noch am Leben sind,

3. meinen einzigen noch lebenden Bruder Johann Heinrich Kant, Pfarrer in Altrahden in Kurland. Jedoch will ich,

daß meine sämtlichen Schwesterkinder die eine Hälfte und mein Bruder oder dessen vor meinem Todestage vorhandenen Leibeserben die andere Hälfte meines Nachlasses erhalten sollen.

Den Erbnehmern insgesamt lege ich Pflicht auf, aus der Nutzung der Erbschaftsmasse folgenden benannten Personen die von mir bestimmten jährlichen Renten auszuzahlen und insofern sie es verlangen, gesetzliche Sicherheit zu stellen und diese Sicherheit nachzuweisen.

Nämlich

a) Meine Schwester, die verwitwete Theuerin, erhält mit Ablauf jeden Jahres, so vom Sterbetage an zu rechnen, 100 fl., schreibe einhundert Gulden pr., aus den Zinsen meiner Kapitalien und werden ihr solche bis dahin, daß sie selbst verstirbt, ausgezahlt; auch die Kosten meines Begräbnisses von meinen Erben übernommen.

b) Mein Bedienter Martin Lampe erhält aus meinem Nachlaß wegen seiner vieljährigen, redlich geleisteten Dienste auf den Fall, daß er mich überlebt, bis zu seinem eigenen Ableben jährlich 400 fl., sage vierhundert Gulden pr., welche ihm doch in vierteljährlichen Teilzahlungen ausbezahlt werden, wovon aber die erste Zahlung sogleich mit meinem Sterbetage anhebt, mithin jede Zahlung pränumeriert werden muß.

Stirbt er hiernächst mit Hinterlassung seiner gegenwärtigen Frau Anna Charlotte Lampin, geborene Kogelin, so soll auch letztere die Hälfte gedachter Pension mit 200 fl., sage zweihundert Gulden pr., jährlich auch auf den Fall, daß Lampe vor mir stürbe, lebenswierig genießen.

Im Falle endlich Lampe und dessen jetzige Ehefrau aus ihrer Ehe bei ihrem beiderseitigen Absterben Kinder hinterlassen sollten, so soll den letzteren gesamt ein Kapital von 1000 fl., sage eintausend Gulden pr., überhaupt zufallen und aus meinem Nachlaß ausgezahlt werden.

4. Damit nun dieser mein letzter Wille gehörig vollzogen und meinen Erben, sowie den Legatarien ihre Erbteile und Vermächtnisse richtig und sicher ausgeantwortet werden, so ernenne ich zum Executor Testamenti den Herrn Professor Gensichen und im Fall der Verweigerung oder Absterben desselben den Herrn Professor Poerschke und vermache ihm für diese zu übernehmende Mühewaltung 1500 fl., sage eintausendfünfhundert Gulden pr., die dieser Exekutor gleich nach meinem Tode aus der Erbschaftsmasse zu heben befugt ist, – und trage ihm in Voraussetzung, daß er diese meine Bitte erfüllen wird, hierdurch auf, über meinen Nachlaß die Aufsicht und Verwaltung so lange zu führen, bis den Erben selbst derselbe ausgehändigt werden kann – mit der Befugnis, meinen Nachlaß, insofern ich nicht über einzelne Vermögensstücke besonders verfügt habe, oder die Erben ihre Konservation wünschen, zu versilbern, die Kapitalien sicher auszutun, Gelder zu erheben und überhaupt den Nachlaß so gut als möglich zu nutzen und hiernächst denselben mit Nachweisung der daran erhobenen Nutzungen auszuantworten. Mein gegenwärtiges Vermögen besteht, was das Immobile betrifft:

· I. in meinem schuldenfreien Hause nebst Gehöft und Garten auf dem Prinzessinplatz;

· II. das Mobile besteht jetzt aus einem an das Handlungshaus Green Motherby & Komp. aus getanen mit 6 Prozent verzinsten Kapital, in einem den 1. Juli 1798 fälligen Wechsel auf gedachtes Haus auf 42 930 fl., sage zweiundvierzigtausendneunhundertunddreißig Gulden pr., courant. – Von der Vererbung meines übrigen Hausgerätes nehme ich doch meinen ganzen Büchervorrat aus, als den ich dem Herrn Professor Gensichen vermache.

Geschrieben den 26. Februar 1798 von

Immanuel Kant.

ab extra

Hierin ist mein letzter wohlüberlegter Wille enthalten.

Königsberg, den 27. Febr. 1798.

Immanuel Kant.

Bestimmungen über sein Begräbnis

1799.

Ich will, daß mein Begräbnis den dritten Tag nach meinem Tode unter Begleitung zweier oder dreier Kutschen, mit meinen dazu erbetenen Umgangsfreunden früh vormittags, und zwar auf dem neuen Kirchhof am Steindammschen Tor (wo auch Hippel eingesenkt worden, ehe sein Körper in sein Majorat übergebracht ward), begraben werden nach Anleitung und im Beisein des dazu erbetenen Hrn. Regierungsrat Vigilantius (oder im Verweigerungsfalle) Hrn. Professor Rink usw., welche auch die Güte haben wollen, ohne daß sich irgendeiner meiner Verwandten dazu einmischen muß, über die dem im Sterbehause zu reichenden anständigen Erfrischungen sowohl vor dem Hinzuge als dem Abtreten nach Rückfahrt nach Belieben zu disponieren.

Ergänzungsstück zum letzten Willen

1799.

Als Ergänzungsstück der Disposition meines letzten Willens, da ich von gedachtem Herrn Regierungsrat belehrt worden, daß in Ansehung der Kapitalien, die ich hinterlasse, ich über den zwanzigsten Teil derselben auch ohne ein besonderes Testament disponieren könne, daß von diesem zwanzigsten Teil meiner Barschaft meinem Bedienten Lampe oder, wenn er sterbe, seiner Frau erblich zufallen solle.

Zugleich will ich, daß meine jetzige Köchin, die Nitschin, welche ich den 5. April 1799 zum zweitenmal in Dienst genommen habe, wegen ihrer Ehrlichkeit und Häuslichkeit nach meinem Tode 50 Rthlr. als Gratifikation erhalte, wenn sie bis dahin in meinem Dienst geblieben ist.

Meinen geehrten Freund Hrn. Regierungsrat Vigilantius bitte ich, die auf mich geschlagene goldene Medaille (die doch den Fehler hat, daß mein Geburtsjahr darauf statt 1724 mit 1723 ausgeprägt ist) zum Andenken erhalte.

Bestimmung über die Verschenkung der goldenen Kantmedaille

8. Nov. 1801.

Die goldene Medaille habe ich dem Herrn Diakonus Wasiansky zum Andenken geschenkt.

d. 8. Nov. 1801.

I. Kant.

Neben Kant, dem Geisteserzieher, war gleichzeitig jemand mit Schrift und Tat bemüht um die praktische Erziehung der Menschheit. Das war Kants Freund und Jünger, der humorvolle Theodor Gottlieb von Hippel, der spätere Bürgermeister und Polizeidirektor von Königsberg. Er wurde nur fünfundfünfzig Jahre alt, und Kant überlebte ihn.

Der Schlußteil eines schönen Briefes von ihm an Kant gibt den inneren Standpunkt wieder, der bei ihm, wie wohl bei allen Anhängern Kants, damals zu finden war. Wir möchten ihn darum hier anführen:

Ehe ich schließe, muß ich noch bemerken, wie wohltätig Ihre mir unvergeßliche Zuschrift vom 2. Dezember gewesen ist, ich verdanke ihrem Inhalt die vorzüglichste Nacht, die ich noch in meiner Krankheit gehabt habe. Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft habe ich mir in meiner Krankheit vorlesen lassen, und tausendmal gewünscht, daß man jetzt in Frankreich dieses Buch lesen möchte, welches hier in Danzig den Namen «Kants Religion» führt. Der unsterbliche Name Immanuel Kant darf wahrlich kein Bedenken tragen, dieser Schrift vorgesetzt zu sein, die sehr viel Gutes stiften kann und wird. Jetzt hab' ich nur noch die Bitte, daß des großen Segens ohnerachtet, den Ihre Bücher stiften, Sie nicht vergessen mögen, sich zu schonen. Diese Bitte darf ein Sohn seinem Vater tun, wenngleich er überzeugt ist, daß der Anspruch, den die Welt auf seinen Vater hat, dem seinigen vorgeht.

Herr Dr. Jachmann, an den ich heute wegen meiner Augen schreibe, wird Ihnen von ihrer Beschaffenheit Nachricht erteilen. Sie wissen, wieviel ich auch selbst in diesem Fach Ihrer Einsicht traue.

Eigenhändig nenn ich mich mit der treuesten Verehrung und der treuesten Freundschaft den

Ihrigen

Hippel.

Danzig, d. 5. Dez. 1793.

Hippel war es, der sich zuerst mit bürgerlichen Problemen auseinandersetzte, die noch heute nicht gelöst sind und noch zur Diskussion des Tages gehören. Er schrieb die ersten Werke «Über die Ehe» und «Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber». In der letztgenannten Schrift setzte er sich für die Gleichberechtigung der Geschlechter ein. Ein Bürgermeister und Polizeidirektor, im Jahre 1799.

Genau in dem gleichen Jahre 1799 und ebenso am Rand einer Wasserweite war es, daß Matthias Claudius, voll Naivität und reiner Herzensfrömmigkeit, das berühmte Dokument der Erziehungslehre schrieb: den «Brief an meinen Sohn Johannes». Matthias Claudius, 1740 in Lübeck geboren, 1815 in Hamburg gestorben, kann mit der Gründung seines «Wandsbecker Boten» als der Urheber aller «Kalender» im Sinn familiärer Beschaulichkeit gelten. Wenn wir die schlichten Worte dieses Vaterbriefes lesen, müssen wir uns als Untergrund jene Zeit des Übergangs und der politischen Unruhen, Umwälzungen und gewalttätigen Ereignisse vorstellen; seine naturhafte Kristalligkeit wird klar zur Geltung kommen.

An meinen Sohn Johannes, 1799

Gold und Silber habe ich nicht;
was ich aber habe, gebe ich dir.

Lieber Johannes!

Die Zeit kommt allgemach heran, daß ich den Weg gehen muß, den man nicht wieder kömmt. Ich kann Dich nicht mitnehmen; und lasse Dich in einer Welt zurück, wo guter Rat nicht überflüssig ist.

Niemand ist weise vom Mutterleibe an; Zeit und Erfahrung lehren hier und fegen die Tenne.

Ich habe die Welt länger gesehen als Du.

Es ist nicht alles Gold, lieber Sohn, was glänzet, und ich habe manchen Stern vom Himmel fallen und manchen Stab, auf den man sich verließ, brechen sehen.

Darum will ich Dir einigen Rat geben und Dir sagen, was ich gefunden habe, und was die Zeit mich gelehret hat.

Es ist nichts groß, was nicht gut ist; und ist nichts wahr, was nicht bestehet.

Der Mensch ist hier nicht zu Hause, und er geht hier nicht von ungefähr in dem schlechten Rock umher. Denn siehe nur alle andre Dinge hier, mit und neben ihm, sind und gehen dahin, ohne es zu wissen; der Mensch ist sich bewußt, und wie eine hohe bleibende Wand, an der die Schatten vorüber gehen. Alle Dinge mit und neben ihm gehen dahin, einer fremden Willkür und Macht unterworfen; er ist sich selbst anvertraut und trägt sein Leben in seiner Hand.

Und es ist nicht für ihn gleichgültig, ob er rechts oder links gehe.

Laß Dir nicht weismachen, daß er sich raten könne und selbst seinen Weg wisse.

Diese Welt ist für ihn zu wenig, und die unsichtbare sieht er nicht und kennt sie nicht.

Spare Dir denn vergebliche Mühe und tue Dir kein Leid und besinne Dich Dein.

Halte Dich zu gut, Böses zu tun.

Hänge Dein Herz an kein vergänglich Ding.

Die Wahrheit richtet sich nicht nach uns, lieber Sohn, sondern wir müssen uns nach ihr richten.

Was Du sehen kannst, das siehe und brauche Deine Augen und über das Unsichtbare und Ewige halte Dich an Gottes Wort.

Bleibe der Religion deiner Väter getreu und hasse die theologischen Kannengießer.

Scheue niemand so viel als Dich selbst. Inwendig in uns wohnet der Richter, der nicht trügt, und an dessen Stimme uns mehr gelegen ist als an dem Beifall der ganzen Welt und der Weisheit der Griechen und Ägypter. Nimm es Dir vor, Sohn, nicht wider seine Stimme zu tun; und was Du sinnest und vorhast, schlage zuvor an Deine Stirn und frage ihn um Rat. Er spricht anfangs nur leise und stammelt wie ein unschuldiges Kind; doch, wenn Du seine Unschuld ehrst, löset er gemach seine Zunge und wird Dir vernehmlicher sprechen.

Lerne gern von anderen, und wo von Weisheit, Menschenglück, Licht, Freiheit, Tugend usw. geredet wird, da höre fleißig zu. Doch traue nicht flugs und allerdings, denn die Wolken haben nicht alle Wasser, und es gibt mancherlei Weise. Sie meinen auch, daß sie die Sache hätten, wenn sie davon reden können und davon reden. Das ist aber nicht, Sohn. Man hat darum die Sache nicht, daß man davon reden kann und davon redet. Worte sind nur Worte, und wo sie so gar leicht und behende dahin fahren; da sei auf Deiner Hut, denn die Pferde, die den Wagen mit Gütern hinter sich haben, gehen langsameren Schrittes.

Erwarte nichts vom Treiben und den Treibern; und wo Geräusch auf den Gassen ist, da gehe fürbaß.

Wenn Dich jemand will Weisheit lehren, so siehe in sein Angesicht. Dünket er sich noch, und sei er noch so gelehrt und noch so berühmt, laß ihn und gehe seiner Kundschaft müßig. Was einer nicht hat, das kann er auch nicht geben. Und der ist nicht frei, der da will tun können, was er will, sondern, der ist frei, der da wollen kann, was er tun soll. Und der ist nicht weise, der sich dünket, daß er wisse; sondern der ist weise, der seiner Unwissenheit inne geworden und durch die Sache des Dünkels genesen ist.

Was im Hirn ist, das ist im Hirn; und Existenz ist die erste aller Eigenschaften.

Wenn es Dir um Weisheit zu tun ist; so suche sie und nicht das Deine und brich Deinen Willen und erwarte geduldig die Folgen.

Denke oft an heilige Dinge und sei gewiß, daß es nicht ohne Vorteil für Dich abgehe und der Sauerteig den ganzen Teig durchsäure.

Verachte keine Religion, denn sie ist dem Geist gemeint, und Du weißt nicht, was unter unansehnlichen Bildern verborgen sein könne.

Es ist leicht zu verachten, Sohn; und verstehen ist viel besser.

Lehre nicht andre, bis Du selbst gelehrt bist.

Nimm Dich der Wahrheit an, wenn Du kannst, und laß Dich gern ihrentwegen hassen; doch wisse, daß deine Sache nicht die Sache der Weisheit ist und hüte, daß sie nicht ineinander fließen, sonst hast Du Deinen Lohn dahin.

Tue das Gute vor Dich hin und bekümmere Dich nicht, was daraus werden wird.

Wolle nur einerlei, und das wolle von Herzen.

Sorge für Deinen Leib, doch nicht so, als wenn er Deine Seele wäre.

Gehorche der Obrigkeit und laß die andern über sie streiten. – Sei rechtschaffen gegen jedermann, doch vertraue Dich schwerlich.

Mische Dich nicht in fremde Dinge, aber die Deinigen tue mit Fleiß.

Schmeichle niemand und laß Dir nicht schmeicheln.

Ehre einen jeden nach seinem Stande und laß ihn sich schämen, wenn er's nicht verdient.

Werde niemand nichts schuldig; doch sei zuvorkommend, als ob sie alle Deine Gläubiger wären.

Wolle nicht immer großmütig sein, aber gerecht sei immer.

Mache niemand graue Haare, doch wenn Du Recht tust, hast Du um die Haare nicht zu sorgen.

Mißtraue der Gestikulation und geberde Dich schlecht und recht.

Hilf und gib gern, wenn Du hast und dünke Dich darum nicht mehr; und wenn Du nicht hast, so habe den Trunk kalten Wassers zur Hand und dünke Dich darum nicht weniger.

Tue keinem Mädchen Leides und denke, daß Deine Mutter auch ein Mädchen gewesen ist.

Sage nicht alles, was Du weißt, aber wisse immer, was Du sagest.

Hänge Dich an keinen Großen.

Sitze nicht, wo die Spötter sitzen, denn sie sind die elendesten unter allen Kreaturen.

Nicht die frömmelnden, aber die frommen Menschen achte und gehe ihnen nach. Ein Mensch, der wahre Gottesfurcht im Herzen hat, ist wie die Sonne, die da scheinet und wärmt, wenn sie auch nicht redet.

Tue, was des Lohnes wert ist und begehre keinen.

Wenn Du Not hast, so klage sie Dir und keinem andern.

Habe immer etwas Gutes im Sinn.

Wenn ich gestorben bin, so drücke mir die Augen zu und beweine mich nicht.

Stehe Deiner Mutter bei und ehre sie, so lange sie lebt und begrabe sie neben mir.

Und sinne täglich nach über Tod und Leben, ob Du es finden möchtest und habe einen freudigen Mut; und gehe nicht aus der Welt, ohne Deine Liebe und Ehrfurcht für den Stifter des Christentums durch irgendetwas öffentlich bezeuget zu haben.

Dein treuer Vater.

Das war in Norddeutschland. Ein Blick ganz anderer Art in das Familienleben Süddeutschlands vermittelt die Beschäftigung mit dem tollen, tragischen und erschütternden Lebenslauf des genialen schwäbischen Dichters und Musikers CHR. FR. DANIEL SCHUBART, das genau in dem gleichen Jahr zu Ende gekämpft war, als man sich am Hof in Paris so königlich amüsierte über die «Hochzeit des Figaro». Man stelle sich als Hintergrund dieses nach Freiheit ringenden Daseins das Ulmer Münster vor, dieses gewaltige Gotteshaus, das merkwürdigerweise hauptsächlich der Streitsucht seiner Bürger zu danken war. Denn als das Baumaterial knapp geworden, gab es in Ulm die Verordnung: «Daß, wer alte Händel aufs neue erregt, tausend Bausteine in die Baugrube des künftigen Gotteshauses zu liefern habe.»

A. F. Oelenhainz: Christian Friedrich Daniel Schubart (1749 - 1804)

Drei Briefe seien nebeneinandergestellt, um den Kampf eines Besonderen zu zeigen, in der beschränkten Enge herrschsüchtigen Familienlebens.

An einem Weihnachtsabend (1764) gibt Schubart an seinen Freund in Ulm folgende Schilderung von sich und seinem augenblicklichen Lebenszustand:

«Ein Mensch, der eine Frau hat, die zugleich seine Magd ist; der unter liederlichen Arbeiten keucht; der vor dem Sarge einer alten Spitalfrau mit acht geflickten Mänteln wie unsinnig ein Totenlied schreien muß; der unter hundert und zwanzig Tartarn, mit der Knute in der Hand, zwölf Stunden des Tags umherwandeln muß; der endlich an des Herrn Ruhetag mit neun Furien, die anstatt brennender Fackeln Fidelbögen tragen, gemartert wird; der die heil. Christfeiertage mit zwei und vierzig Eseln und einem Maulthier, das auf lateinisch Cantor heißt, von Haus zu Haus betteln gehen muß; der mit allen diesen tötenden Verrichtungen nicht sich selbst, sondern einem alten ausgedienten deutschen Schulmeister den Branntwein ins Haus schaffen muß; der endlich, um den Kelch des Elends und der Niedrigkeit bis auf die Hefen auszusaufen, keinen Freund um sich hat, dem er seinen Jammer klagen kann: der Mensch, ich bitte Sie um der beleidigten Vernunft willen, der sollte noch beneidet werden können? Der Adler beneidet kein Insekt, das sich im Kote nährt. Unterdessen danke ich dem Himmel, daß es noch Leute gibt, welche den Menschen nicht nach seinem Zustande von außen, sondern nach seinem Herzen zu beurteilen wissen ...»

Im Frühjahr des folgenden Jahres gibt Schubarts wackerer Schwiegervater nachstehende Erklärung ab über den unangenehm-genialen Ehemann seiner Tochter, und zwar an den Obervogt des Ortes Geißlingen, wo sich Schubart gerade mit den inneren und äußeren Dingen seines verzwickten Daseins herumzuschlagen versucht:

«Was mein Tochtermann, der Präzeptor Schubart, leider für eine unanständige, niederträchtige, ärgerliche, verschwenderische, aufs Verderben gerichtete, vor Gott und der Welt unverantwortliche Lebenswirtschaft führt, wird sich aus nachfolgender wahrhafter Erzählung leicht entnehmen lassen.

Täglich Braten, Fleisch und andere gute Bissen nebst Tee und Kaffee genießen, immerzu Tabak und darunter auch Gnaster rauchen, den Bierkrug stets vor sich, auch andere und teils schlechte Gesellschaft damit bedienend, öfters da und dort mit Hintenansetzung seiner obliegenden Schulgeschäfte Einkehr halten. Wiederum andere zu sich bitten, nur selten zu bestimmter Zeit und Stunde in die Schule kommend, worüber schon lange die ganze Bürgerschaft klagt. Leute, die ihm Schuldbriefe überliefern, ein bis zwei Tage beherbergen, fast bei allen Gelegenheiten, wo er in Kompagnie oder zum Trunk kommt, sich berauschen. Wein für das Kindbett in den Keller legen, noch vor dem Kindbett aber selber austrinken, mit unnötigem Büchereinkauf die Schulden noch mehr häufen, wie er's mutwilligerweise seinen Eltern schon verursacht hat, das sind lauter Wahrheiten.

Daß er sein Weib, welches zu haushalten wünscht und mit einer Wassersuppe und dem Wasserkrug nach Gewohnheit vorlieb nimmt, sich ohne Magd behilft und nach Möglichkeit arbeitet, um das Hemd auf den Leib zu verdienen, einige Tage vor ihrer Niederkunft so traktierte, daß sie blaue Augen in das Kindbett brachte.

Daß er zwei Tage vor besagter Niederkunft im Schlitten nach Kuchen gefahren und sich nebst seinem Bruder und dessen Fuhrleuten so vollgetrunken, daß sie die Dörfer und die Orte durchjohlten, und nachher das Weib nebst ihrer Schwester, welche um Unglück zu verhüten, dazwischengelaufen kam, zum Haus hinausjagte ...»

Das war der gleiche Mann, von dem Wieland im gleichen Jahr schrieb:

«Ich gestehe Ihnen aufrichtig und in vollem Ernst, daß, seitdem ich Ihre Pindarische Ode gelesen und oft wieder gelesen, empfunden, überdacht, studiert habe – mein Genius den Ihrigen mit einer Art von Ehrfurcht ansieht – welches mir (unter uns gesagt) eben nicht mit vielen Leuten zu begegnen pflegt. Ich sage Ihnen also, mein Freund, daß, seitdem ich aus dieser Probe die Größe, Stärke und Schönheit Ihres Genies kennen gelernt habe, ich keine Ruhe haben werde, bis wir einander persönlich kennen ... Sie sind zum Dichter geboren, und also wird Ihnen eine Aeneide so wohl gelingen als ein Hirtenlied, und ein comisches Gedicht so gut als der ätherische Flug des Vogels Jovis ...»

Andere Zeiten, andere Formen. Man beginnt zu ahnen, daß die Treppe des bürgerlichen Daseins viele Stufen hat.

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