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Die gute alte Zeit

Alice Berend: Die gute alte Zeit - Kapitel 25
Quellenangabe
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typeessay
authorAlice Berend
titleDie gute alte Zeit
publisherMarion von Schröder Verlag
printrunErste Auflage
year1962
firstpub
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
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Vierundzwanzigstes Kapitel

STRINDBERG und WEDEKIND begannen ihre Sezierkunst am Mitmenschen. Ihre Generation wehrte sich noch gegen sie. Erst die nächste, die sich nach dem ewigen Gesetz der Umwandlung, gegen das elterliche Erbteil verfettender Bequemlichkeit plötzlich zu regen begann, hob sie eine Zeitlang auf den Thron.

Wenn man behauptet hat, daß die Welt schöner geworden, seit Mozart auf ihr gewesen, so könnte man sagen, daß sie grausamer, nackter, aber vielleicht auch seelisch sauberer geworden, seit Strindberg auf ihr gewütet.

Dieser Dichter hatte die Gabe, die Ursache preisgeben zu können, aus der die Tiere in der Gefangenschaft, «die bis zum Augenblick des Ereignisses keine Zeichen von Erkrankung gezeigt, plötzlich mit lautem Geschrei über sich selbst herfallen und sich Stücke aus dem eigenen Körper reißen».

Nur daß Strindbergs Aufklärungen nicht Hagenbecks Raubtieren galten, sondern den Menschen im Ehekäfig und in den verschnörkelten, vergoldeten Schranken des Spießbürgertums. Er sah sie, er fühlte sie mit Sehertum. Aber ohne jede rettende Überlegenheit des Humors oder die Milderung des Mitleids legte er die Schäden bloß, die ihm seine Hellsichtigkeit zeigte. Er war es, der den ersten Stein löste an den Gefängnismauern der Ehe, er ist vielleicht Urheber jenes Muts zur Ehescheidung, der plötzlich da war, war der Pionier für alle Auseinandersetzungen über dieses Thema, das bis dahin verschämt behandelt wurde wie eine geheime Krankheit.

Die grausamste Sezierung der spießbürgerlichen Ehe wagt Strindberg in seinem zweiteiligen Drama «Totentanz»:

Der Kapitän sitzt im Lehnstuhl links am Nähtisch und hat eine erloschene Zigarre zwischen den Fingern. Er ist in eine abgenutzte Dienstuniform gekleidet, mit Reitstiefeln und Sporen. Sieht müde und abgespannt aus. Alice sitzt im Lehnstuhl rechts und tut nichts. Sieht müde und erwartungsvoll aus.

Der Kapitän: Willst du mir nicht etwas vorspielen?

Alice (gleichgültig, aber nicht mürrisch) : Was soll ich spielen?

Der Kapitän: Was du willst!

Alice: Du liebst mein Repertoire nicht!

Der Kapitän: Und du nicht meins!

Alice (ausweichend) : Willst du, daß die Türen offen stehen sollen?

Der Kapitän: Wenn du es wünschest!

Alice: Dann laß sie! ... (Pause.) Warum rauchst du nicht?

Der Kapitän: Ich fange an, starken Tabak nicht mehr recht zu vertragen.

Alice (beinahe freundlich) : Dann rauch schwächeren! das ist ja deine einzige Freude, wie du's nennst!

Der Kapitän: Freude? was ist das für ein Ding?

Alice: Frage mich nicht! Ich bin ebenso unwissend wie du! ... Willst du nicht bald deinen Whisky haben?

Der Kapitän: Ich will noch ein wenig warten! ... Was hast du zum Abend?

Alice: Wie soll ich das wissen! Frag Christel!

Der Kapitän: Müßte nicht bald die Makrelenzeit anfangen? Es ist ja Herbst!

Alice: Ja, es ist Herbst!

Der Kapitän: Draußen und drinnen! Aber davon abgesehen, daß der Herbst Kälte mit sich bringt, draußen und drinnen, würde eine geröstete Makrele mit einer Zitronenscheibe und einem Glase weißen Burgunder durchaus nicht zu verachten sein!

Alice: Jetzt wirst du beredt!

Der Kapitän: Haben wir noch Burgunder im Weinkeller?

Alice: Ich weiß nicht, daß wir seit fünf Jahren überhaupt einen Weinkeller gehabt haben ...

Der Kapitän: Du weißt doch nie Bescheid. Indessen müssen wir uns für unsere silberne Hochzeit damit versehen ...

Alice: Beabsichtigst du sie wirklich zu feiern?

Der Kapitän: Ja natürlich.

Alice: Es wäre natürlicher, wir verbärgen unser Elend, unser fünfundzwanzigjähriges Elend ...

Der Kapitän: Liebe Alice, elend ist es gewesen, aber wir haben es bisweilen auch nett gehabt! Und man muß die kurze Zeit benutzen, denn nachher ist es aus.

Alice: Ist es aus? Wenn es so wäre!

Der Kapitän: Es ist aus! Nur so viel, wie man auf einer Schiebkarre hinausfahren und aufs Gartenbeet legen kann.

Alice: Und so viel Lärm um ein Gartenbeet!

Der Kapitän: Ja, so ist es; ich hab's nicht gemacht!

Alice: So viel Lärm!

(Pause.)

Alice: Hast du die Post bekommen?

Der Kapitän: Ja!

Alice: War die Rechnung des Schlächters dabei?

Der Kapitän: Ja!

Alice: Wie hoch war sie?

Der Kapitän (nimmt ein Papier aus der Tasche und setzt die Brille auf die Nase, legt sie aber gleich wieder fort) : Lies selbst! Ich kann nicht mehr sehen ...

Alice: Was ist das mit den Augen?

Der Kapitän: Weiß nicht!

Alice: Das Alter.

Der Kapitän: O schwatz nicht! Ich?

Alice: Ja, ich nicht!

Der Kapitän: Hm!

Alice (sieht die Rechnung an) : Kannst du diese bezahlen?

Der Kapitän: Ja; aber nicht jetzt!

Alice: Später also! In einem Jahr, wo du den Abschied bekommst, mit einer kleinen Pension, und es zu spät ist! Später, wenn die Krankheit wiederkommt ...

Der Kapitän: Die Krankheit? Ich bin niemals krank gewesen, nur nicht wohl einmal! Und ich lebe noch zwanzig Jahre!

Alice: Der Arzt meinte das Gegenteil!

Der Kapitän: Der Arzt?

Alice: Ja, wer könnte sonst eine begründete Ansicht von einer Krankheit haben?

Der Kapitän: Ich habe keine Krankheit und habe niemals eine gehabt. Bekomme auch keine, denn ich werde sterben Knall und Fall wie ein alter Soldat!

Alice: Was den Arzt betrifft! Du weißt, daß der Doktor heute abend Gesellschaft hat.

Der Kapitän (erregt) : Ja, und? Wir sind nicht eingeladen, weil wir mit Doktors nicht verkehren, und wir verkehren nicht mit Doktors, weil wir nicht wollen, weil ich sie alle beide verachte. Das ist Pack!

Alice: Das sagst du von allen Menschen!

Der Kapitän: Weil alle Menschen Pack sind!

Alice: Du ausgenommen.

Der Kapitän: Ja, weil ich mich in allen Verhältnissen des Lebens anständig aufgeführt habe. Darum bin ich nicht Pack!

(Pause.)

Alice: Willst du Karten spielen?

Der Kapitän: Meinetwegen!

Alice (nimmt aus der Nähtischschublade ein Kartenspiel und fängt an zu mischen) ...

 

Alice: Kurt!

Kurt (kommt herein).

Alice: Es ist aus!

Kurt: Oh! ...

Alice: Weißt du, was er zuletzt gesagt hat? Nein, das weißt du nicht! «Verzeih ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun ...»

Kurt: Kannst du das übersetzen?

Alice: Er meinte wohl, er habe immer recht gehandelt, und starb als ein vom Leben Übervorteilter.

Kurt: Er bekommt wohl eine schöne Leichenrede.

Alice: Und so viele Kränze! Von den Unteroffizieren.

Kurt: Jaa!

Alice: Vor einem Jahr sprach er ungefähr so: Es sieht aus, als wenn das Leben eine kolossale Hänselei wäre.

Kurt: Meinst du, daß er sich in den Tod gehänselt hat?

Alice: Nein! ... Aber jetzt, wo er tot ist, fühle ich eine sonderbare Lust, gut von ihm zu sprechen ...

Alice: ... Denn während wir hier gesprochen haben, ist sein Jugendbildnis vor mir aufgestanden – ich habe ihn gesehen, ich sehe ihn – jetzt, wie damals, als er zwanzig Jahre war! ... Ich muß diesen Mann geliebt haben!

Kurt: Und gehaßt!

Alice: Und gehaßt! ... Friede sei mit ihm! (geht auf die rechte Tür zu, wo sie mit gefalteten Händen stehenbleibt).

 

Bei der Übersendung dieses Manuskripts schrieb der schwedische Dichter an seinen deutschen Übersetzer: «Meinen Sie nicht, daß die ganze Arbeit ‹Der Vampyr› heißen müßte?»

Jedes Werk Strindbergs ist Kampf mit seinem eigensten Erleben. Er wagte dreimal die Ehe. Er suchte, als «Sohn der Magd», vielleicht als lebendig gewordener Wunsch der Magdmutter, ohne es zu wissen nach einem spießbürgerlichen Glück, für das er in keiner Weise veranlagt war, weil eben er weiter sah, als ein Spießbürger blicken darf.

In jedem Zweisein fühlte er sich «belauert».

In «Entzweit» sind Empfindungen wiedergegeben, die ihn schon wenige Wochen nach Beginn seiner zweiten Ehe heimsuchten.

«Die Nacht kam. Er dachte, jetzt seine Gedanken sammeln zu können, sein eigener Herr zu werden.

Sie stellte sich schlafend; aber er hörte an ihren Atemzügen, daß sie nicht schlief.

Bist du wach? fragte sie.

Er war klug genug, ja zu antworten. So lagen sie da und spähten danach, wer zuerst einschlafen werde. Und schließlich schlief er ein.

Mitten in der Nacht erwachte er; lauschte und hörte an ihren Atemzügen, daß sie schlief.

Da streckte sich seine Seele aus, hüllte sich in die Dunkelheit ein und fühlte den Genuß, denken zu können, ohne von den kalten, drohenden Augen beobachtet zu werden.

Sie hatte aber nicht geschlafen, sondern in der Dunkelheit hörte er ihre Stimme wie früher:

Schläfst du?

Er fühlte den Vampyr, der sich an seiner Seele festgesogen hatte und sogar seine Gedanken bewachte. Warum sollte sie ihn sonst bespähen, wenn nicht, weil sie die stille Arbeit seiner Gedanken fürchtete. Sie fühlte vielleicht, wie er dalag und sich aus den Maschen ihres Netzes arbeitete; er brauchte dazu nur einige Stunden Ruhe; die aber sollte er nicht haben. Und sie versagte sich selber den Schlaf, um ihn zu peinigen. Sie gönnte sich nicht das Vergnügen, in die Stadt zu gehen, Museen und Bibliotheken zu besuchen, weil sie ihn nicht allein lassen wollte ...

Zwei Monate nur waren seit der Hochzeit vergangen und das Lächeln hatte aufgehört, alles Gespräch sogar; die Liebe hatte sich in sinnlosen Haß verwandelt, und er begann sie häßlich zu finden.

Am letzten Tage mußte er sich aussprechen, um nicht zu platzen:

Du warst schön, solange ich dich liebte; vielleicht hat meine Liebe dich schön gemacht, nicht nur in meiner Neigung. Jetzt bist du die häßlichste und elendeste Person, die ich in meinem Leben getroffen habe.

Darauf antwortete sie:

Ich weiß, daß ich niemals gegen irgendeinen Menschen so boshaft gewesen bin wie gegen dich, ohne daß ich dafür Gründe angeben könnte.

Ich kann es, antwortete er. Du hassest mich, weil ich ein Mann bin, und zwar dein Mann.

Er hatte seine Reisetasche gepackt, und sie war bereit auf seine Abreise. Als sich nun der Abschied näherte und sie glaubte, es werde für immer sein, verging der Haß, und siehe, die Liebe war wieder da!

Ihre Zärtlichkeit und Fürsorge kannten keine Grenzen. Sie sprachen von der Zukunft, als ob sie sich bald wieder sehen würden. Sie gab ihm gute Ratschläge, mütterlich, aber ergeben, resignierend wie vor einem unabänderlichen Schicksal, das ihre Trennung für den Augenblick verlangte.

Als sie dann im offenen Wagen nach dem Bahnhof fuhren, küßte sie ihn zu wiederholten Malen mitten am sonnenhellen Tag in der größten Straße. Die Leute lachten; als aber die Polizei auf die kosenden Herrschaften aufmerksam wurde, ward er bedenklich:

Nimm dich in acht, in diesem Lande können wir wegen öffentlicher Liebesäußerungen ins Gefängnis kommen.

Was kümmert mich das, antwortete sie. Ich liebe dich so sehr!

Er fand sie wieder köstlich in ihrer Zärtlichkeit, die allem trotzte, und sie wollten sich schon in einer Woche wieder treffen. Sein Reiseplan war, die Insel Rügen zu erreichen, wo der Gehilfe Ilmarinen badete. Der sollte ihm die Geschäfte ordnen helfen. Dann wollte er eine Wohnung mieten, und sogleich, allerspätestens in vierzehn Tagen, sollte sie nachkommen.

Siehst du jetzt, daß man sich auf diesen Haß nicht verlassen kann! Nein, aber auf die Liebe!

Es sieht aus, als habe die gesiegt!

Der Abschied auf dem Bahnhof war herzzerreißend, und als er allein im Zuge saß, empfand er nur die Qual der Sehnsucht. Das Glück der Befreiung, von dem er in der letzten Zeit geträumt hatte, fand sich nicht ein. Jede Erinnerung an ihre Bosheit war wie fortgeweht ...»

 

Das waren Offenbarungen, die auch schon 1892, als sie geschrieben wurden, in «den besten Familien» hätten verstanden werden können, aber verleugnet wurden um «des guten Tones willen».

Strindberg zog die Vorhänge fort vor dem Seelenleben in der Ehe, Wedekind wagte von den Geheimnissen der Erotik zu sprechen, aus dem Gefühl einer eigenen Moral heraus. Er zeigte in «Frühlingserwachen» die geheimen Katastrophen, die hinter den verhangenen Fenstern der guten Familien heraufbeschworen wurden durch die falsche Scham, daß Mutter und Tochter, Vater und Sohn, Erzieher und Schüler niemals über die natürlichen Dinge der körperlichen und seelischen Entwicklung miteinander sprechen durften.

Wedekind wetterte gegen die heuchlerische Sittlichkeit der Spießbürger. Sie wieder entrüsteten sich über ihn. Man bekämpft immer nur sich selbst. Wedekind ist selbst ein Beispiel seiner doppelspieligen Zeit des Übergangs in ein neues Jahrhundert. Er schwankt selbst zwischen mutiger Besonderheit und allgemeiner Spießbürgerei. Jedenfalls greift er unbekümmert zu den bequemen Spießerwaffen, wo sie brauchbar sind. Sein Briefwechsel gibt humorvolle Beweise dafür.

Besonders seine Vertrautheit mit der «Tante Jan» ist ein kleines bürgerliches Lustspiel. Als Gymnasiast schon ist er der reifen Frau intim verbunden. Einige Jahre später sucht er Befreiung von dieser Beziehung, indem er von einer Verliebtheit zu berichten beginnt, die einem Mädchen gilt, das angeblich Angelika heißt. Verliebtheit sowohl wie Angelika sind frei erfunden. Und nach einer Weile muß Angelika natürlich wieder aus der Welt verschwinden.

Wedekind entledigt sich ihrer in folgendem Schreiben, dessen Ton jedem etwas phantastisch veranlagten Predigtamtskandidaten zur Ehre gereicht hätte:

 

«Soweit hatt' ich schon vor vier Wochen diesen Brief begonnen, als mich die unerwartete Nachricht von dem plötzlichen Tode Angelikas aufs Schrecklichste in meinen Gedanken unterbrach. Seit jenem Tage drangen die verschiedensten Gefühle auf mich ein; ich habe in kurzer Zeit viel Trauriges und viel Interessantes gesehen und miterlebt, und Sie werden mir daher verzeihen, wenn ich jetzt erst, allerdings nur kurz vor Abschluß der Jahresrechnung, daran denke, mich vor Ihnen, die Sie allerdings wohl Veranlassung hatten, mir meines unhöflichen Schweigens halber zu zürnen, bestmöglichst zu entschuldigen.

Erlassen Sie es mir, Ihnen ins Einzelne den Eindruck zu schildern, den die kurzgefaßte Hiobspost auf mich hervorbrachte. Ich konnte die Wirklichkeit natürlich im ersten Augenblick gar nicht fassen, geschweige denn glauben. Sollte denn ein Wesen, das ich noch kurz zuvor in der herrlichsten Blüthe seiner Jugend, im Übermaß von Fröhlichkeit und glühendster Lebenslust an meiner Seite gesehen – sollte dieser Himmel von Lieblichkeit, Geist und tiefem Gemüth wirklich so ohne Weiteres, im ruhigsten Lauf der Zeiten zusammen brechen, zerstört werden können? – Und mit einem Male füllte ihr liebendes Wesen wieder die ganze Tiefe und Weite meines Daseins aus; ich kam mir vor wie ein Bettler, hatte nichts mehr als das Gefühl, daß ich bin, daß ich elend bin und daß mir alles fehle, was mich glücklich machen könnte. Freilich hatt' ich sie eine Zeit lang vergessen, hatte schnödermaßen meine Liebe geleugnet und in meinem letzten Briefe an Sie selbst meinem elenden Spott keinen Einhalt geboten. Jetzt erschien ich mir entsetzlich klein, furchtbar erbärmlich, verwerflich. Wäre das alles nicht gewesen. O, ich hätte schreien und weinen können, die Welt verfluchen, verachten, und meinen Schmerz in wilden Klagen ertränken. Aber so? – Ich war ohnmächtig wie vom Blitz getroffen, gelähmt, verstummt, zerrissen.

Woran mochte das geliebte Kind gestorben sein? – In der Anzeige stand von einer kurzen, schmerzlosen Krankheit; aber wie sollt ich mir das deuten? Wie kam ich überhaupt zu einer Todesanzeige? – Meine letzten Briefe waren ja sämtlich unerwidert geblieben; ich wähnte mich längst vergessen oder durch angenehmere Verhältnisse ersetzt. – Arme Angelika, ich sah es zu spät ein, daß ich dich trotz aller Liebe doch niemals zu schätzen gewußt hatte.

Eine schlafberaubte Nacht reifte wenigstens einen Entschluß in mir, zu dem meine kleine Barschaft gerade noch ausreichen mochte. Ich mußte sie noch einmal sehen, in ihren ruhigen, bleichen Zügen, dem matten Spiegel der entflohenen Seele wollt' ich Vergebung meiner Sünden lesen und, wenn irgend möglich meine Ruhe wiederfinden. Früh Morgens des folgenden Tages saß ich schwarz gekleidet mit einem gepumpten Zylinderhut im Coupée, und die Müdigkeit, die mich bald darauf übermannte, gab mich erst, als wir in Linz hielten, meinen traurigen Betrachtungen wieder zurück. Nachdem ich auf dem Bahnhofe in Passau meine Toilette ein wenig restauriert hatte, sucht ich unter vielen Erkundigungen nach Weg und Richtung sofort das Haus auf, darin sie gelebt hatte und gestorben war, und nun ihrer baldigen Beerdigung entgegenharrte. Es liegt außerhalb der Stadt in einem großen Garten, den eine hohe Mauer von der Straße trennt; es schien mir schon ziemlich alt zu sein und seine Bauart versetzte mich in die Zeit unserer großen Dichter, obschon ich gar nicht dazu disponirt war, mich angenehmen Träumen zu überlassen.

In einem vornehm eingerichteten Salon, dessen lauschige Dämmerung mich doch einige Abgüsse von Antiken in den Ecken und an den Wänden italienische Landschaften erkennen ließ, öffnete sich bald nach meinem Eintreten eine Tapetentür, die ich zuvor nicht bemerkt hatte, und heraus trat ein schöner alter Herr in weißem Haar mit dem tiefen Eindruck schmerzlicher Trauer in den edlen Zügen. Nachdem er mich bei meinem Namen, den ihm meine Carte gemeldet, eher kalt als herzlich bewillkommt und wir beide Platz genommen hatten, sagt' ich eine wohleinstudirte und bis auf jede Einzelheit berechnete Condolation her und die unsichere mühsame Art, mit der ich sie vorbrachte, verfehlte keineswegs ihre Absicht. Darauf erzählt ich kurz und bescheiden, wie mir die Gunst der Bekanntschaft Angelikas zu Theil geworden, und als ich eine Thräne in den Augen des Vaters blinken sah, hob ich möglichst unbemerkt mein Taschentuch, um mir selber die Wimpern zu trocknen. Nun erfuhr ich auch, worauf ich so sehr gespannt war, daß das Mädchen nämlich schon letzten Herbst in München gekränkelt habe; es sei ihr offenbar das Klima zu rauh und wechselvoll gewesen. Er habe sie deshalb nach Hause gerufen, wo sie in kurzer Zeit auch wieder vollständig genesen sei. Vor vier Tagen aber, nachdem sie zum ersten Mal auf dem Eise gewesen, habe sich ihrer eine Lungenentzündung bemächtigt, die sie aufs Krankenlager geworfen und mit gräßlicher Schnelligkeit dem Tod in die Arme gejagt habe ...»

 

Dieser geniale Spießbürgerbrief verrät schon vollkommen Phantasie und Selbstironie des künftigen Dichters.

Beinah unbemerkt hatte man die Ecke des neuen Jahrhunderts umtrabt. Das Spießbürgertum hatte die Höhe seines Glanzes erreicht. Und damit auch überschritten. Es war wurmstichig geworden.

Neben Strindbergs und Wedekinds unbequemer Offenheit reimte und zeichnete Wilhelm BUSCH ähnliche Wahrheiten. Nur daß er zu scherzen verstand, wohl wissend:

«Eins, zwei, drei im Sauseschritt saust die Zeit, wir sausen mit.»

Er reimte:

Viele Madams, die ohne Sorgen
In Sicherheit und wohlgeborgen,
Die denken, pah, es hat noch Zeit
Und bleiben ohne Frömmigkeit.

Man hörte ihn lieber als die anderen. Aber man hielt ihn irrtümlicherweise für seinesgleichen.

Das neue Jahrhundert verlangte Veränderung und – Wiederholung. Es brauchte wieder Krieg, Entsetzen, Unsicherheit alles Besitzes, auch des teuersten, des Lebens, es brauchte Entbehrung bis zum Hunger, um die Menschheit aufzujagen, weiterzubringen. Vielleicht auch nur, um sie sich im Kreis drehen zu lassen, aber es wollte Bewegung.

Die Zeit war beendet, wo das Aufblitzen eines Knallbonbons einen Nervenschock verursachen konnte.

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