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Die gute alte Zeit

Alice Berend: Die gute alte Zeit - Kapitel 22
Quellenangabe
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typeessay
authorAlice Berend
titleDie gute alte Zeit
publisherMarion von Schröder Verlag
printrunErste Auflage
year1962
firstpub
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
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Einundzwanzigstes Kapitel

Mit dem Wachsen des Kapitals, dem Wichtigwerden des Geldes wuchs die Genußsucht der Sinne. Sie hatte schnell die des Geistes übertrumpft. Perversität und Lasterhaftigkeit, in früheren Epochen Vorrecht der Könige und der Aristokratie, wurden gutbürgerlich, Erotik wurde Sinnlichkeit und eingespießbürgert.

Die Zeit muß lange vorarbeiten; so wie im menschlichen Körper schon in der Stunde der Geburt alle Todeskeime da sind, so ist wohl auch schon bei der Entstehung einer Epoche ihr Ende eingebaut. Schon wurde das in die Breite gehende Spießbürgertum unmerklich durch Gegengifte untergraben, deren Einschleichen Lüsternheit und Trägheit ohne Gegenwehr geschehen ließen.

Die Romane, an denen man Geschmack bekam, schilderten die Vorgänge der Liebe nicht mehr aus seelischer Perspektive, sondern realistisch in körperlichen Situationen.

Mit Zola fing es an, billigere und noch deutlichere Nachahmer folgten ihm.

 

Das Natürliche aufgedeckt, genügte bald nicht mehr. Marquis de Sade erstand neu in den Werken SACHER-MASOCHS, dessen Sinnenideal die «Venus im Pelz» war, in Verbindung mit der Hundepeitsche.

Sein Einfluß reichte weit, wenn auch im Geheimen. Die «Lebensbeichte» von Wanda Sacher-Masoch, seiner ersten Gattin, gibt unbeabsichtigt, einfach aus enger ehefraulicher Beobachtung heraus, zwischen der Beschreibung einiger Mitmenschen, einen Frauentyp, den es vorher in der bürgerlichen Umfriedung nicht gegeben hat.

Ein junges Mädchen von gutbürgerlicher Herkunft hatte durch kokette Spielereien eine glückliche Ehe zerstört und damit den Tod einer zarten Frau herbeigeführt. Sie äußert sich selbst dazu:

«Wenn du gesehen hättest, wie grauenhaft schön es war, als man die Leiche brachte ... und dann die Szene, als man mich eine Mörderin nannte ... Ich bin froh, das erlebt zu haben. Man muß das Leben immer peitschen, jagen, sonst rostet es ein, erstickt in Banalität.»

Und ein andermal:

«Wenn ich mich selbst küssen könnte, würde ich es tun, so zufrieden bin ich mit mir.»

Briefe Sacher-Masochs an seine Gattin enden:

«Gestern abend unterhielt ich mich mit Deinem Hermelinpelz. An den Haaren ist ein leichter Duft Deines Götterleibes zurückgeblieben, der mich entzückt hat. Ich küsse Deine kleinen Füße. Dein verliebter Sklave.»

 

«Daß ich glücklich wäre, wenigstens einen Fußtritt von Dir zu erhalten, brauche ich wohl nicht zu sagen ...»

 

«Nimm Dir die Mühe, mich einmal endlich ganz zu unterjochen. Ich will keinen Atemzug mehr ohne Deinen Willen tun. Sei recht zärtlich und recht grausam, ich bete Dich so schon an, dann werde ich wie ein Hund gehorsam und demütig zu Deinen Füßen liegen. Es küßt Dich tausendmal – Dein Sklave.»

 

Wanda von Sacher-Masoch schreibt in ihren Erinnerungen unter anderem:

«Ich war ernüchtert und von allen Illusionen zurückgekommen und von dem ewigen Einerlei des Themas ‹Venus im Pelz› bis zur Erschöpfung ermüdet – er hatte nichts davon bemerkt. – Eine äußere Veränderung an mir würde er sofort wahrgenommen haben – für eine seelische war er blind.»

Damit war naiv bezeichnet, daß Sacher-Masochs Anhänger seelisch Erblindete waren. Ihre große Anzahl ist nicht verwunderlich in jener Zeit des Walzertanzes ums goldene Kalb.

Nachdenklicher macht es, daß gleichzeitig bei der jüngeren Generation das Verlangen da war nach Büchern, die in kühner Phantasie wissenschaftliche Visionen heraufbeschworen. Das waren JULES VERNES Werke «für die reifere Jugend», die verschlungen wurden. Ihre Konkurrenz waren die Indianergeschichten KARL MAYS.

Das Fluidum, das von diesen Schilderungen unwirklicher Situationen auf diese sonst so aufs Positive gestellte Leserschaft jener Zeit ausübte, erklärt sich am Ende dadurch, daß beide kühne Phantasten selbst ganz in die Bürgerlichkeit gehörten.

Jules Verne, dessen Phantastik die Wunder der Technik und Wissenschaft der kommenden Zeit gerade seherhaft vorausgesehen, war «ein stiller fleißiger Mann, ein etwas philiströser Stadtrat in Amiens». Aber er hatte etwas bei dieser Bescheidenheit äußerer Position und Gebärde, nämlich die feste, jedem Lebenden wohltuende Anschauung: «Nichts ist gewaltiger als der Mensch.» Und: « Was ich auch erfunden, die Wirklichkeit wird es überholen. Immer wird der Augenblick kommen, wo unsere Phantasie überflügelt wird von den Ergebnissen der Wissenschaft.» Jules Vernes Optimismus, oder Pessimismus, wie man es nehmen will, hatte recht und auch nicht recht.

Alle seine Phantasien vom Flugzeug «schwerer als die Luft» haben sich verwirklicht, seine Erlebnisse «zwanzigtausend Meilen unter dem Meer» haben die Unterseeboote zur Wahrheit gemacht, und auch in seiner «Erreichung der Erdpole» hat er der künftigen Generation wirklichen Vorbereitungsunterricht gegeben. Die «Fahrt nach dem Mond» und die Rundfahrt um ihn herum ist allerdings noch nicht erreicht, aber – schon ist das «Raketenschiff» auf dem Wege zur Vervollkommnung, wer weiß, wie bald wir «Gesellschaftsfahrten» nach den anderen Planeten als ganz natürliche Angelegenheit ansehen werden.

Die Indianerträume Karl Mays, der in Dresden wohnte und dessen «Häuptlinge» also aus der Elbe entstiegen waren, machten sich drolligerweise mißbeliebt bei der älteren Schicht seiner zeitgenössischen Spießbürger. Nicht etwa wegen der zahllosen Skalpierungen, die in Zehnpfennigheften in jede Schulmappe gelangten, sondern weil der phantasiegeschwellte Verfasser, im berechtigten Glauben, daß in seiner aufs Praktische gerichteten Zeit «volle Wirklichkeit» mehr im Kurs steigen würde als «leere Erfindung», verbreiten ließ, daß er selbst in diesen fernen Ländern gewesen und also Selbsterlebtes geschildert. Diese Behauptung war leicht zu widerlegen. Man verbreitete, daß Karl May moralisch nicht einwandfrei wäre. Das hinderte allerdings nicht, daß Old Shatterhand jedem Heranwachsenden damaliger Zeit vertrauter war als alle Angehörigen der eigenen Familie.

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