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Die gute alte Zeit

Alice Berend: Die gute alte Zeit - Kapitel 21
Quellenangabe
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typeessay
authorAlice Berend
titleDie gute alte Zeit
publisherMarion von Schröder Verlag
printrunErste Auflage
year1962
firstpub
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
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Zwanzigstes Kapitel

Im gleichen Jahr, als Mörike die Welt verließ, starb auch HANS CHRISTIAN ANDERSEN. Er war es, der das heranwachsende Geschlecht der Jahrhundertneige als Kinder mit der Poesie bekannt gemacht hatte. Seine Märchen bedeuteten in ihren Kinderstuben, was die Grimmschen «Hausmärchen» ihren Großeltern gewesen. Knüpften die Grimmschen Märchen noch an die Mystik des Weltalls an, so wurzeln die meisten Geschichten von Andersen in der bürgerlichen Stube. Er ist es, der die bürgerlichen Utensilien des Alltags lebendig werden, bürgerliche Erlebnisse erzählen läßt, häusliche Freude und Unruhe. Selbst der Mond am Himmelszelt berichtet nur bürgerliche Begebenheiten, die er durch den Blick ins Fenster erspäht. Sentimental und heiter läuft alles aus; selbst das Grausen, wie etwa im «Feuerzeug», hat im Hintergrund die Behaglichkeit. Der Dämon des Uralters geht unter im Zeitlichen.

Geheimnisvolle Ironie, daß auch Andersen, der Märchenonkel des kapitalistischen Europas, ein kinderloser Junggeselle war. Ja, daß er eigentlich eine Abneigung gegen die lebhaften Störenfriede stiller Arbeitsstuben und friedlicher Gärten hatte, wovon zwar seine Vorwortler nichts wissen wollen, aber mancher Zeitgenosse zu berichten wußte.

Andersen sieht eigentlich auch nicht mit Humor auf die Dinge, sondern mit leichter Moquanterie. Sein Dasein und seine Anschauung vom Märchen sind ein Abglanz dieser Epoche, die der Selbstgefälligkeit und Vergoldung vorarbeitete.

Andersens Leben war beherrscht von dem Verlangen nach Ruhm und äußeren Ehren. Diese beiden Dinge hielt er für märchenhafte Güter. Das beweist neben vielen Märchen seine eigene Lebensgeschichte, die er unter dem Titel «Das Märchen meines Lebens» niederschrieb.

Auf diesem kühlen Märchenweg eines Lebens treffen wir keine elementaren Gefühle, wie etwa Beglückung oder Verzweiflung aus Liebe, Freundschaft oder Schaffensverzweiflung, Wissenssehnsucht und Verborgenes. Dagegen begegnen wir immer wieder «großen Männern», «reichen Familien», «herzensguten Gönnern» und ganz richtig, wie es im Märchen sein muß, «wirklichen Königen», die mit Geldspenden und Orden «wohlgesinnt» beglücken:

 

«Noch einen Beweis der Gnade und Güte des Königs von Preußen gegen mich erhielt ich am Abend vor meiner Abreise, ich empfing den Roten Adlerorden dritter Klasse. Ein solches Ehrenzeichen erfreut gewiß jeden, der es erhält; ich gestehe ehrlich, daß ich mich dadurch im hohen Grade geehrt fühlte, ich erblickte darin ein deutliches Zeichen der Güte des edlen erleuchteten Königs für mich; mein Herz ist erfüllt von Dankbarkeit. Ich erhielt dieses Ehrenzeichen gerade an dem Geburtstage meines Wohltäters Collin, dem 6. Januar; dieser Tag hat nun eine doppelt festliche Bedeutung für mich. Gott erfreue das Gemüt des königlichen Gebers, der mich erfreuen wollte!»

 

«Mein Aufenthalt in Weimar zog sich länger hinaus, es wurde mir immer schwerer, mich loszureißen. Nach dem Geburtstage des Großherzogs, als ich allen Festlichkeiten beigewohnt, zu denen ich eingeladen war, reiste ich ab, ich wollte und mußte zu Ostern in Rom sein. Noch einmal in der frühesten Morgenstunde sah ich den Erbgroßherzog, und mit bewegtem Herzen sagte ich ihm mein Lebewohl; nie werde ich vor der Welt die hohe Stellung, die seine Geburt ihm gibt, vergessen, aber sagen darf ich, wie ja auch der Ärmste vom Fürsten sagen darf: ich habe ihn lieb, als den, der meinem Herzen am teuersten ist. Gott erfreue und segne ihn in seinem edlen Streben! Ein echtes Herz schlägt hier unter dem fürstlichen Sterne ...»

 

Symbolisch wirkt die Schilderung von Andersens Begegnung mit den altgewordenen Brüdern Grimm:

 

«Schon das vorige Mal hatte ich die Gebrüder Grimm aufgesucht, war aber damals nicht weit mit meiner Bekanntschaft gekommen. Ich hatte kein Empfehlungsschreiben an sie mitgebracht, weil man mir sagte und ich es selbst glaubte, wenn mich jemand in Berlin kennte, so wären es die Gebrüder Grimm. Ich suchte daher ihre Wohnung auf; das Dienstmädchen fragte mich, mit welchem der beiden Brüder ich sprechen wollte. ‹Mit dem, der am meisten geschrieben hat›, sagte ich, denn ich wußte damals nicht, welcher von ihnen der Wirksamste bei den Märchen gewesen war. ‹Jacob ist der gelehrteste›, sagte das Mädchen. ‹Nun, so führen Sie mich zu ihm.› Ich trat in das Zimmer, und Jacob Grimm mit dem klugen, charakteristischen Gesicht stand vor mir. ‹Ich komme zu Ihnen ohne Empfehlungsschreiben, indem ich hoffe, daß mein Name Ihnen nicht ganz unbekannt sein wird.› ‹Wer sind Sie?› fragte er. Ich sagte es, und Jacob Grimm sagte halb verlegen: ‹Ich erinnere mich nicht, diesen Namen gehört zu haben, was haben Sie geschrieben?› Nun wurde ich im hohen Grade verlegen, nannte aber jetzt meine Märchen. ‹Ich kenne sie nicht›, sagte er, ‹aber nennen Sie mir eine andere von Ihren Schriften, dann habe ich sie sicher erwähnen hören.› Ich nannte einige Titel, aber er schüttelte mit dem Kopfe, ich fühlte mich ganz unglücklich. ‹Aber was müssen Sie von mir denken›, sagte ich, ‹daß ich so als Wildfremder zu Ihnen komme und selbst erzähle, was ich geschrieben habe; – Sie müssen mich kennen! Es gibt eine in Dänemark herausgegebene Sammlung von Märchen aller Nationen, die ist Ihnen gewidmet, und darin steht zum wenigsten ein Märchen von mir.› Gutmütig, aber verlegen wie ich selbst, sagte er: ‹Ja, die habe ich nicht gelesen, aber es freut mich, Sie kennenzulernen, darf ich Sie zu meinem Bruder Wilhelm führen?› – ‹Nein, ich danke›, sagte ich, und wünschte nur fortzukommen, es war mir ja schlimm genug bei dem einen Bruder ergangen; ich drückte seine Hand und eilte davon ...»

Dies ist eine der ganz wenigen Märchenseiten dieses Lebensbuches, die nicht von Lob, Anerkennung, Erfolg, Verwöhnung und ähnlichen Sirupdingen zu berichten weiß.

Volksmärchen und Bürgermärchen hatten sich gestreift, nicht ohne gewisse Verlegenheit ...

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