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Die gute alte Zeit

Alice Berend: Die gute alte Zeit - Kapitel 20
Quellenangabe
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typeessay
authorAlice Berend
titleDie gute alte Zeit
publisherMarion von Schröder Verlag
printrunErste Auflage
year1962
firstpub
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20090515
projectid0681f866
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Neunzehntes Kapitel

Ausnahmen bestätigen die Regel. Darum sei noch einmal auf Mörike zurückgekommen.

Diesen Dichter konnten kein Zeitumstand, kein Alltagsmoment, keine Lebensgescheitheit, keine Widrigkeiten, keine glücklichen Augenblicke zum Spießbürger modeln. Er vermochte gar nichts in sich aufzunehmen, noch etwas auszuführen, das ihn nicht auch seelisch anging. Nach der Mitte des Jahrhunderts, als Geld, Pathos, Heuchelei, Äußerlichkeit immer lebenswichtigere Faktoren des Tages wurden, zog sich dieser Dichter in sich selbst zurück, unbewußt selbstverständlich. Er merkte es selbst erst zu seinem Erstaunen, zwanzig Jahre später, kurz ehe er die allerletzte Lebensflucht herannahen wußte.

Diesem Leben nachzuspüren, ist wie ein sanftes Spiel mit einem seltenen, beseligend schimmernden Edelstein.

Mörike hat sich nie geäußert, ob sein Leben anders hätte sein können oder sollen, ob es schwer gewesen. Am großen Rhythmus des Kosmos gemessen, ist es köstlich gewesen. Nach den Begriffen des Durchschnittsbürgers wäre es glattweg unglücklich zu nennen «teils durch eigene Schuld, teils durch äußeres Pech», wie die beliebte Familienformel heißt, die nichts zu wissen scheint von der Unabwendbarkeit des Geschicks.

Mörikes Wesen war unmittelbar angeschlossen an die Geheimnisse der Naturentfaltung. Nur äußerlich bewegte er sich in bürgerlichen Kreisen, Pflichten, Ämtern, Räumen, Maßen. («Wenn auch die Leute sehr irdisch daselbst denken, man kann doch bleiben, was man ist», äußerte er sich selbst dazu.) Aus diesem Gegensatz kam sein wundervoller Humor, das ganz ganz feine Lächeln, dessen Urstoff der Schmerz ist und die Unsicherheit des Einzeltums.

Mörike war zum Pfarrer bestimmt. Es war wirklich seine Bestimmung, denn er wußte wie kaum einer, daß «die Himmel rühmen des Ewigen Ehre und die Gestirne seiner Hände Werk» sind. Kein frömmeres Morgenlied als:

Kein Schlaf noch kühlt das Auge mir,
Dort gehet schon der Tag herfür
An meinem Kammerfenster.
Es wühlet mein verstörter Sinn
Noch zwischen Zweifeln her und hin
Und schaffet Nachtgespenster.
– Ängste, quäle
Dich nicht länger, meine Seele!
Freu dich! schon sind da und dorten
Morgenglocken wach geworden.

Keine tröstlichere Todeserwartung als:

Ein Tännlein grünet wo,
Wer weiß, im Walde,
Ein Rosenstrauch, wer sagt,
In welchem Garten?
Sie sind erlesen schon,
Denk' es, o Seele,
Auf deinem Grab zu wurzeln
Und zu wachsen.

Zwei schwarze Rößlein weiden
Auf der Wiese,
Sie kehren heim zur Stadt
In muntern Sprüngen.
Sie werden schrittweis gehn
Mit deiner Leiche;
Vielleicht, vielleicht noch eh'
An ihren Hufen
Das Eisen los wird,
Das ich blitzen sehe.

Aber Pfarrer sein ist ein bürgerliches Amt, mit Registerführung und zeitlicher Genauigkeit. Dem war Mörike nicht gewachsen, äußerlich nicht und innerlich nicht.

So groß die Kraft war, die ihm gegeben, sich auf seine Seele konzentrieren zu können und damit bis zum inneren Frieden zu gelangen, so groß war die Unruhe vor den Anforderungen des Alltags, an den er selbst eigentlich gar keine Ansprüche stellte und zu stellen geschickt war.

Seiner Jugendliebe für Luise Rau, eine bescheidene, niedliche Pfarrerstochter, verdankt die Nachwelt eine Fülle wundervoller Briefe, Aussprache eines suchenden Herzens, die jedes liebende oder sehnsüchtige junge Wesen als an sich gerichtet beglückt hinnehmen könnte.

 

«Hattest Du denn, teuerstes Kind, eine Ahnung von dem, was mich am Abende Deiner Heimfahrt nach Nürtingen im Tiefsten bewegte? Sieh! mir war, als löste sich ein Teil meiner Seele ab, ich stand wie betäubt in meiner Einsamkeit und hörte nur immer, indes die Dämmerung traurig niedersank, das Rollen der Räder im Ohr, die Dich entführten; ich sah, wie mein liebliches Kind, den Kopf in die Ecke geschmiegt, das graue Schattenspiel der äußeren Welt an sich vorüberfliehen ließ, während in seinem Innern die Gedanken unschlüssig zwischen Lust und Wehmut wechselten.

In unabsehbar langer, magischer Perspektive zog das geliebte Nachtbild vor mir hin, und als ich's endlich aus dem Gesichte verlor, als der letzte Hufschlag verhallt schien: da erschrak ich erst über die düstere Totenstille, die in mir und um mich herrschte. Zu Scharen drang sich mir nun auf, was alles ich Dir noch zu sagen, worüber Dich noch zu beruhigen gehabt hätte. Ach, und am Ende war es doch nichts anders, als was Du bereits wußtest, was Du Dir selber sagen konntest.

Den andern Tag hatt ich teils in der Kirche, teils am Pulte zu tun. Nie fühlte ich ein lebhafteres Bedürfnis, ein durstigeres Verlangen nach derjenigen Beruhigung, welche mein Beruf unmittelbar mit sich bringt und doch – nie fühlte ich mich unfähiger, Hand an die Arbeit zu legen und meiner Empfindung irgend eine Form zu geben. Das Evangelium hielt mir seinen ganzen Frieden entgegen und lockte mich tief und tiefer in jene stille Abgeschiedenheit des Geistes, wo der Engel unserer Kinderjahre uns wieder begegnet und mit uns weint. Aber was ich hier empfand, das gehörte nur mir, gehörte nur Dir: ich konnte die Brücke zur Predigt nicht finden, und was dort lauteres Gold gewesen war, das wurde stumpfes Blei, wenn ich die Feder ansetzte. Eine ruhige Trauer umhüllte mir jeden Gedanken. JETZT kann ich diesen Zustand nicht anders nennen als eine hypochondrische Exaltation: ich erkannte das gestern schon deutlich. Man hatte mich zu einem jungen Menschen gerufen, ihm das Abendmahl am Krankenbett zu reichen; hier brach mir einigemal das Herz, und ich mußte, während ich die Legende verlas, die Stimme mit Gewalt zusammennehmen und die Tränen verbergen. Zu Hause nun wieder, mitten im verdrießlichen Zusammenleimen meiner Predigt, überrascht mich mit einmal der Gedanke: ‹Vielleicht bekomme ich noch heute ein Wörtchen von L.› Und schon diese Hoffnung erheiterte plötzlich meinen ganzen Gesichtskreis. Auch stand es wirklich keine Stunde an, so waren Deine liebevollen Linien vom Samstag früh in meinen Händen, die ich denn nun wohl zehnmal nach einander las und an den Mund drückte ...»

 

«Ich kam, da ich Deine Zeilen (eigentlich das Paket) auf dem Klavier liegend antraf, soeben von einem Spaziergang mit dem Neveu des Pfarrers nach Hause. Ich sagte Dir schon von diesem biedern, gesunden Naturmenschen, mit dem ich gelegentlich Umgang habe. Er hat viel ökonomische Erfahrung, ist Jäger, Bienenhalter und versuchte mit Glück und Unglück schon alles mögliche. Ich sehe ihm in seiner Geschäftigkeit für mein Leben gerne zu und so namentlich auch heute, da er im Garten mit den bereits aufgestellten Bienenkörben zu schaffen hatte. Welch ein Genuß war es mir, behaglich mit der Pfeife im Mund, in warmer Frühlingsluft diesem höchstanziehenden Geschäfte zuzusehen. Das fröhliche Summen dieser frommen Geschöpfe, die das bißchen Sonnenschein bezauberte – wie stimmte mich alle das so sommerlich zu leiser Sehnsucht! – Nachher ließ ich mich bereden, mit ins Fischen an die Lauter zu gehen (Brotbeck hat nämlich das Wasser hiezu in Pacht) und gewiß reuten mich die paar Stunden nicht, die ich größtenteils als Zuschauer am Ufer auf einem Block sitzend im Freien zubrachte. Der Hund lag neben mir und konnte kaum begieriger und vergnügter sein als ich selber, so oft wieder etwas an der Schnur zupfte und gleich darauf so ein glattes Tierchen zu unsern Füßen geschleudert lag. Wir fingen fast ein Dutzend treffliche Forellen. Zuletzt gab ich kaum mehr auf den Fischer acht, sondern verfolgte unter dem Rauschen des Wassersturzes, wo ich saß, ungestört meine eigenen Meditationen, wobei ich abermals meine alte Bemerkung bestätigt fand, daß die Einbildungskraft, namentlich auch die musikalische, durch nichts lebhafter befördert wird als durch die dichte Nähe eines tosenden Wassers. Ich bekam hier einige gute und brauchbare Einfälle ...

Der heutige Tag hat für mich überhaupt eine besonders einfach milde Bedeutung. (Auch war mir noch nie eine Katechisation so gut vonstatten gegangen, wie den Morgen.) Und nun vollends Dein Briefchen am Abend! O, KIND, GLAUBE NUR, DIESE LIEBEVOLLEN WORTE, DIESE WENIGEN LINIEN SIND MIR ERFREULICHER UND WICHTIGER, ALS EIN EHRENVOLLES DIPLOM VON KÖNIG UND KAISER. Sie machten mich so guter Laune, daß ich's nicht halten konnte, den Andern zu sagen, Du hättest mir geschrieben. ‹Und was denn?› – dem Hauptinhalte nach soviel: Sie habe mich lieb und ich soll schreiben ...»

Nach vierjähriger zärtlicher Verbundenheit löst sich diese Verlobung aus Gründen plumpster Familienangelegenheiten. Mörikes Bruder erhält politischer Umtriebe halber Festungshaft. Mörike war es, der den Preis dafür zahlen mußte, unverschuldet, unbegründet. Die Behörden hemmen seine Beförderung. Sein erstes größeres Honorar für seinen einzigen Roman – «Maler Nolten» – geht für die Abzahlung brüderlicher Schulden dahin. Der Wartemut der Braut, beeinflußt von praktischen Angehörigen, erlischt.

Der letzte Gruß Mörikes an Luise ist ein Gedicht zu ihrem Geburtstag:

Nichts, o Geliebte,
Will ich Dir wünschen:
Wünschen – was ist's?
Aber was mir als Wahrheit
Ein wahrhaftiger Geist entdeckte,
Will ich heut nicht verschweigen.

Wie wer in klaren Nächten sich
In die vertieften
Blauen Gezelte
Der Gestirne verliert,
Da und dort bald
Immer neue
Dämmernde Lichter
Keimen sieht:
Also in Deine
Kommenden Tage
Schauend, gewahr' ich
Eines verdienten
Lieblichen Glücks
Spätere Sterne;
Und es wandelt indes
Wie durch ein Blütenfeld Dein Engel
Zwischen ihnen: die Demut, schweigsam,
Und behütet sie Dir.

Aber Ein Licht an Deinem Himmel,
Das Du lange schon kennst, Luise,
Laß mich bleiben, ein helles, treues!
Daß Du, wenn Alles nun hingerauschet,
Sagest: Der hielt mir fest zum Tode!

Als Mörike seinem Jugendfreund Hartlaub viele Jahre später diesen Briefwechsel zur Verwahrung überläßt, schreibt er dazu: «Es schwindelt mir, wenn ich hineinblicke und denke, wir sind auseinander.»

Luise blieb die einsame, alternde Tochter einer alten Mutter bis ins vierzigste Lebensjahr. Nach dem Tod der Mutter heiratete sie einen Witwer, dessen fünf Kindern, von denen das kleinste erst zwei Jahre alt war, sie eine sorgliche Mutter wurde. Eigene Kinder hatte sie nicht. Sie wurde fünfundachtzig Jahre alt, überlebte aus der Ferne noch den ganzen Weg des Jugendgeliebten, seine späte Ehe, seine Unrast, sein Sterben. Sie hat niemals von ihm gesprochen.

Fünfzehn Jahre nach der Auflösung dieses Brautstandes heiratete Mörike, der emeritierte evangelische Pfarrer, eine gläubige Katholikin, gestattete seiner Frau auch den katholischen Altar im eigenen Heim. Sein Weltgefühl, seine naive Verbundenheit mit der Mannigfaltigkeit innerer Daseinskreise konnte nichts Sonderliches daran finden. Die «Freunde» dachten anders.

Das Geschick selbst hatte den Vermittler gespielt. Auf seinem ruhelosen Suchen nach einem heimischen Erdenfleck (der im Grund ganz seßhaft Veranlagte veränderte in zwanzig Jahren zwölfmal das Heim) hatte er sich in Hall in dem Elternhaus der Margarete von Speeth eingemietet, gemeinsam mit seiner getreuen Schwester Klara.

Bald war man zu Dreien geschwisterlich fröhlich verbunden. Das beweist das «Haushaltungsbüchlein», das alle drei zusammen führten. In diesem offenbart sich ergreifend die beispiellose Anspruchslosigkeit des Dichters realen Dingen gegenüber. Die entzückenden humorvollen Zeichnungen, die zwischen die Ausgabenziffern geschnörkelt sind, verraten die Heiterkeit, die hoch über der Kleinlichkeit des Alltags steht, ohne ihn zu verachten, sondern im Gegenteil ihn selbstverständlich in den ganzen Betrieb der Schöpfung einzubeziehen.

Die Ehe blieb nicht glücklich. Ganz innerliche, gar nicht in Worte festzulegende Ursachen, Seelenunterschiede, brachten es dahin, daß Gretchen eines Tages davonzog, ihr Hab und Gut mit sich nehmend, mit vollem Einverständnis Mörikes, dessen Tage damals eigentlich schon gezählt waren, ohne daß man es wußte. Klärchen, die immer Hausgenossin und Mitkämpferin in der Überwältigung des Alltags geblieben, hatte den geliebten Bruder wieder für sich allein.

Sie pflegte den Dichter bis zu seinem Tod. Kurz zuvor hatte sich zwar Gretchen wieder eingefunden, aber sie fühlte sich unsicher, im Grund ganz fremd, diesen «fremden, fernblickenden Augen» gegenüber. Dem schwesterlichen Klärchen half der Instinkt der Stammesverwandtschaft, den großen Bescheidenen zu begreifen bis zum letzten Augenblick, soweit ein ganz Eigner sichtbar werden kann in seinem armen Menschentum.

Familiengeplänkel und Biographengeist haben auf Gretchen manchen Stein geworfen. Aber es wäre gewiß nicht jedermanns Sache gewesen, eine Ehe mit diesem Tagfernen führen zu können. Wir dürfen ihr nicht vergessen, daß wir «der himmlischen Zeit», wie Mörike die verliebten Wochen nannte, in denen er um seine künftige Frau warb, die «Idylle am Bodensee» danken. Gretchen liebte Eduard, nur mit der sehr menschlichen und durchschnittlichen Zugabe, daß sie sich selbst noch ein wenig mehr liebte.

Aber hier sei daran erinnert, daß Mörike vor Luise und vor Gretchen als Jüngling schon einmal glühend geliebt hatte. Das war in der Zeit seiner Studentenjahre. Die Geliebte war von südlicher Schönheit und heißem Temperament, einer Dämonie der Leidenschaft, der Mörike vollkommen erlag. Er hatte das Mädchen hilflos auf der Straße gefunden, trostbedürftig, vollständig mittellos. So war sie zu ihm gekommen, eine mystische feste Verschlingung band Mörike an die Unbekannte. Aber plötzlich, wie sie in sein Leben gekommen, war sie wieder daraus verschwunden. Der Student der Theologie, Eduard Mörike, machte trotzdem kurz darauf «ordnungsgemäß sein Staatsexamen».

Als Peregrina lebte die verschwundene Fremde und Geliebte in Mörikes Dichtung weiter. Mit ihr war vielleicht Mörikes eigenstes Wesen davongewandert.

Auch Freunde verstanden ihn nicht bis zu Ende. Es wurde hier schon vermerkt, daß der einstige Jugendfreund Vischer als Professor der Ästhetik unzufrieden geworden war mit Mörikes Übersensibilität, die ihn zur Untätigkeit zwang. Nicht ohne Wehmut lesen wir Mörikes Brief an Vischer, der Beweis für manches ist:

«Die Wahrheit zu sagen, lieber Freund, seit Jahren weiß ich nur nicht so recht, wie wir zusammen stehen, ich hätte Dir sonst lange gern einmal wieder geschrieben. Die Unterbrechung unserer Korrespondenz fällt in die Zeit Deiner Reise, deren Beschreibung in Briefen ich noch in Cleversulzbach mit großer Freude las. – Um die Zeit Deiner Rückkehr erkrankte ich ernstlich aufs neue und sah mich bald genötigt, mein Amt aufzugeben. Vielfache Unruh von außen, Hin- und Herziehen, Mißmut und Überdruß ließ mich an manche meiner besten und nächsten Neigungen, persönliche und andere, beinah nur wie verstohlen denken; der schriftliche Verkehr mit Freunden war mir desto unmöglicher gemacht, je weniger ich mich in meinem Stoff bloß äußerlich und allgemein halten konnte.

Im Herbst des Jahres 1844, kurz vor meinem Abgang von Hall, bekam ich Deine Kritischen Gänge zufällig zu sehen. Ich las die Vorrede, die mich ganz stutzig machte. Versteh mich recht: Der Inhalt nicht sowohl, und nur etwa insofern, als Du in EINEM Punkt, wo Du von meinem Stillstand usw. sprichst, zu rasch urteilst. Anstatt die Sache einfach zu nehmen wie sie ist – daß ich infolge eines tief eingreifenden körperlichen Leidens seit 1835 mit Arbeiten beinahe ganz aufhören mußte –; anstatt unentschieden zu lassen, wohin ich unter günstigeren Bedingungen auf meinem Weg gelangt sein würde und noch gelangen könnte, leitest Du mein Verstummen aus einem inneren Mangel, aus grillenhafter Schwäche her. Natürlich, weil Du, wie so viele andere, mein leibliches Übel zum guten Teil für eingebildet, mich für einen ausgemachten Hypochonder nimmst. Im übrigen hat mich Dein Tadel, und wäre dessen noch einmal so viel gewesen, seinem rein ästhetischen Inhalt nach, nicht kränken können. Es lag ja ein wahrhafter Ernst und Überzeugung zugrunde; wie käme ich zu der kindischen Eitelkeit, so etwas nicht zu achten und im geringsten übel zu nehmen! Viel gab ich Dir von je auch herzlich gerne zu, so wie ich Deine Anerkennung in manchem immer dankbar empfunden habe. In Lob und Tadel war mir namentlich auch Deine frühere Anzeige der Gedichte, die ich zum erstenmal im Buche las, sehr lieb und bedeutend. Nein, das eigentlich Befremdliche an dieser Vorrede lag vielmehr hier und da im Ausdruck, im Ton; hier vermißte ich die an Dir gewohnte Treuherzigkeit. Man mag, dacht ich, die Stellen lesen wie man will, so wird ein alter guter Kamerad nicht schreiben. Später sah ich die Sache leichter an und sagte mir mit Billigkeit: Er ist infolge deines langen Schweigens gegen ihn dir etwas fern getreten, er nahm Anstoß an deiner ganzen regungslosen Haltung, du mußt ihm indifferent, versauert, faul erschienen sein, und so, gereizt und verdrießlich, in einer übermütigen Laune, warf er die Brocken hin; – wie es gedruckt stand, hat's ihm selber schwerlich ganz gefallen.

Manchmal, wenn ich bei einer anderen Gelegenheit an Dich erinnert wurde, sei's, daß mir einer von Dir erzählte, sei's, daß ich etwas Neues, von Dir selbst Ausgegangenes las, wobei Dein Vischers-Individuum urplötzlich in hellster, lachender Beleuchtung vor mir stand, mir so durch unveräußerliche Sinnesverwandtschaft lieb und angehörig – wie schien mir der Strohhalm lächerlich, der sich als Scheidewand zwischen uns legte! In der ersten Freude nahm ich mir da vor, ein frisches, ungelecktes Wort an Dich zu richten, es geschah halt nicht!»

 

Eine der letzten Worte Mörikes waren: «Ich bin so fremd hier.»

Mörike war nie in Italien, nie in Griechenland, er hat nicht die Mitternachtssonne gesehen und nicht das Kreuz des Südens. Aber er schrieb:

Du bist Orplid, mein Land!
Das ferne leuchtet;
Vom Meere dampfet dein besonnter Strand
Den Nebel, so der Götter Wange feuchtet.

Uralte Wasser steigen
Verjüngt um deine Hüften, Kind!
Vor deiner Gottheit beugen
Sich Könige, die deine Wärter sind.

Hugo Wolf fand die Musik dazu. Diese rätselhaften Verse wurden Repertoirestück der Konzertsäle, leidenschaftlicher Beifall krönt sie.

Warum springen dem Spießbürger Tränen in die Augen, bei diesen rätselhaften Worten unstillbarer Sehnsucht, unter denen er sich doch gar nichts geographisch Bestimmbares vorzustellen vermag?

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